V.

Urtheile der Zeitgenossen über Tiecks „Genoveva“.

Die Aufnahme, welche Tiecks Werk bei den Zeitgenossen fand, soll kurz

skizziert werden; denn auch sie beweist, dass die „Genoveva“ ein

richtiges Kind der Romantik war; sie theilt im Urtheile der Mitlebenden

ziemlich genau das Geschick der Romantik selbst. Schrankenlos bewundert

wurde die Dichtung zumeist von den Freunden und gallig verhöhnt von

den rationalistischen Gegnern. Tieck berichtet nur,[775] dass sein

Gedicht bei Freunden wie bei Unbekannten und Fremden einen erfreulichen

Eindruck gemacht und ihm manchen Freund erworben habe. Der Dichter sagt

damit nicht zu viel. Ein Verehrer Tiecks, Heinrich Schmidt aus Brünn,

der in Jena studierte, als die „Genoveva“ erschien, erzählt in einem

späteren Briefe,[776] wie er und „einige zwanzig Bursche“ bis in die

Mitternachtstunde Tiecks neues Gedicht lasen, wie innig sie Golos Rolle

nachempfanden und mit Ehrfurcht zur nicht unempfindlichen und doch

heiligen Genoveva aufblickten.

Es widerfährt Tieck aber nur von jenen Gerechtigkeit, die sich A.W.

Schlegels Grundsatz vor Augen hielten:[777] „Niemand soll vor einer

Gerichtsbarkeit belangt werden, unter die er nicht gehört.“ Und da

waren es natürlich nur Tiecks romantische Genossen, die im romantischen

Gesetzescodex Bescheid wussten und diesen zugleich als zu Recht

bestehend anerkannten. Die beiden kritischen Meister äußern sich zu

verschiedenenmalen, aber nie in einer ausführlichen Recension. Friedr.

Schlegel schreibt zunächst an Schleiermacher:[778] „Die Genoveva

habe ich gelesen und wünsche doch, dass Du sie bald auch gründlich

lesest. Mir ist das Charakteristische im Eindruck das Schöne und

Liebenswürdige. Sie macht einen sehr sanften und zarten Eindruck

auf mich. Ad extra ist wohl die Energie der Leidenschaft das Beste

darin, die den Leuten imponieren muss.“ In der „Europa“[779] lobt er

eine andere Seite des Werkes. Es ist ihm als „mythische Poesie“ eine

„göttliche Erscheinung“ und er meint: wäre das Pittoreske in der ersten

und das Musikalische in der zweiten Hälfte mehr herausgehoben, so würde

sie sogar dramatisch wirksam sein. In einem Sonette an Tieck[780]

endlich fühlt Fr. Schlegel, dass, als Genoveva „in frommer Schöne“

nahte, die Poesie gekommen sei und kindlich in holder Klarheit blühe.

In die „Europa“[781] nahm Friedrich auch von einem H. v. Hastfer

herrührende „Gespräche über Tiecks Poesie“ auf, in denen der „Genoveva“

außerordentliches Lob gespendet wird. Die „Genoveva“ war und blieb

Friedrich das liebste von Tiecks Werken.

In die Begeisterung stimmt Wilhelms Sonett[782] ein und feiert Tieck

als den Wiedererwecker der alten frommen Poesie in neuer Gestalt:

„Du, in der Dichterbildung reichster Blüte,

Bringst uns verwandelt wieder jene Zeiten,

Wo Adam auf der Bühn’ erschien und Eva.

Ja, Dank sei Deinem kindlichen Gemüthe,

Heiligst die Kunst, verschönerst Heiligkeiten,

Und machst zum Lied das Leid der Genoveva.“

Ein wenig nüchterner spricht schon 1806 der „Brief an Fouqué“[783]

und die Wiener „Vorlesungen“ von 1808[784] nennen zwar die „Genoveva“

nicht, aber sie tadeln die romanhafte Breite sowie das Überwiegen des

Musikalischen und Malerischen in der neuen romantischen Dramatik,

die eben durch Tiecks „Genoveva“ und den ihr folgenden verwandten

„Octavian“ hauptsächlich vertreten war.

Ein Jahr nach dem Erscheinen der „Genoveva“ 1801 kommt von J.J.

Mnioch aus Warschau eine Epistel[785] voll Bewunderung. „Die

Genoveva wird gefeiert unter den Freunden“ und Mnioch vertheidigt

die Verschiedenartigkeit der Formen gegen die Tadler derselben.

Gleichzeitig ist Karl v. Hardenberg von der „Genoveva“ „erquickt und

begeistert“.[786]

Die ausführlichste Kritik stammt aus der Feder des dem romantischen

Kreise und besonders Tieck nahe befreundeten Wilhelm Bernhardi. Sie

erschien im „Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmackes“.

Die entscheidenden Gedanken derselben wurden in unserer Untersuchung

bereits berücksichtigt. Bernhardi kritisiert nach den romantischen

Grundgesetzen; er lobt in etwas zu hoher Pietät alles an der „Genoveva“

und berührt keine Schwäche des Werkes. Er sucht aber sein Lob jedesmal

zu begründen. Bernhardi empfindet das Poetische der Volksbuchmotive,

aber mit noch liebevollerem Eifer verfolgt er Tiecks große und kleine

Künstlichkeiten und lobt auch Tiecks Festhalten an der „geheiligten

Tradition“. Er findet daher auch die katholische Auffassung ganz

begründet. Auch die vielen Nebenpersonen werden gerechtfertigt; sie

sind Contrastbilder zu den Hauptfiguren, theils für den Fortschritt

wichtig, theils durch die Tradition verlangt. Die Nebenscenen sind

auch nicht unnütz. Theils verdanken sie wieder der Vorlage ihr Dasein

oder sie sind Ruhepunkte nach den „angreifendsten oder effectvollsten

Scenen“ oder sie sind „Andeutungen des freien Spieles“, da jedes

Kunstwerk ein Product der Freiheit mit dem Bewusstsein ist, oder sie

dienen dem Contraste und dem Colorite und manches endlich gehört zur

„Kategorie der Begreiflichkeit, das ist: es dient zur Bildung des

Ganzen als Verstandesbegriff“. Der Recensent sucht die Stellung des

heil. Bonifacius zu würdigen und die verschiedenen Metren, in denen er

spricht, zu erklären. Die wechselnden Formen finden hohes Lob. Hie und

da legt Bernhardi in seinem freundschaftlichen Eifer sogar mehr in die

Dichtung hinein, als vermuthlich Tieck selbst.

Ein jüngerer Romantiker, Achim von Arnim, stellt in der „Zeitung

für Einsiedler“ (1808 Nr. 13) einen Vergleich zwischen Tiecks und

Müllers Drama an und sucht beide aus der Stimmung ihrer Zeit heraus zu

erklären. Auch anderen Romantikern liegt die „Genoveva“ im Sinne. Es

wird in ihren Dichtungen auf sie angespielt oder auf das Volksbuch,

das durch Tieck zu neuen Ehren gekommen war. So in Brentanos „Godwi“

und „Märchen“. In Eichendorffs „Ahnung und Gegenwart“ liest der Held

das Volksbuch und er besitzt ein Gemälde, das die Auffindung Genovevas

darstellt. In seiner Literaturgeschichte,[787] in der Eichendorff

besonders den religiösen Gehalt der Dichtungen prüft, spendet er

der „Genoveva“ Tiecks folgendes Lob: „Eine durchaus katholische

Weltanschauung endlich waltet in seinem unstreitig vollendetsten Werke,

in der Genoveva, bis in den kleinsten Beischmuck hinab. Das Ganze

wird vom Prolog und Epilog des heil. Bonifacius wie ein Altarbild von

altkirchlichem Goldrahmen eingefasst; die Verherrlichung der Kirche ist

der geheimnisvolle Mittelpunkt, um den alles gläubig oder widerstrebend

sich bewegt. Genoveva erscheint von vorneherein nicht etwa als bloße

moralische Ehefrau, sondern als die Kirchenheilige, die gottgeweihte

Märtyrin, welche Christus, ihr im Traume die weiße Rechte reichend,

sich zur Braut erkoren und ihr das bevorstehende Leiden verkündet

hat.“ Eichendorff legt aber dabei gewiss manches als erfüllt in Tiecks

Dichtung hinein, was nur sein eigener, ehrlicher Wunsch war und nimmt

selbst gleich nachher sein Lob zum Theile wieder zurück.

Helmine v. Chezy verdankt der „Genoveva“ und dem „Sternbald“ manche

religiös erbauliche Stunde[788] und F. Rochlitz hohen poetischen

Genuss.[789] Koberstein las 1819 die „Genoveva“ als erstes Buch, das

ihm von Tieck bekannt wurde und der Eindruck war „unbeschreiblich und

entscheidend“ für sein ganzes Leben.[790]

Interessant ist noch vor allem Tiecks Briefwechsel mit seinem Freunde

Solger, dem romantischen Ästhetiker. Verschiedenes daraus wurde

schon gelegentlich angeführt. Tieck und Solger führen nämlich 1816

eine ausführliche Discussion über die „Genoveva“. Solger schreibt in

einem Briefe[791] eine Art Recension, in welcher er vieles an der

Dichtung lobt. So Genovevas Hang zu Gott, ihre Vision. Die Täuschung

Siegfrieds durch Hexerei als Contrast zur Vision sei „herrlich und

tief“. Die „herrliche“ Entwickelung von Golos Charakter ist Solger

zu „psychologisch“. Keine bedeutende Beziehung findet er darin, dass

Golo Othos Sohn ist. Solger führt eine Reihe von Scenen und Stellen

auf, die ihm besonders gefallen, darunter die Zulma-Episode und das

traurige Lied. Das Spielende im Religiösen spricht ihn an. Die Scenen

der Landleute aber wirken nicht zum Ganzen, sie sollten besser komisch

sein. Heinrich und Else sind als Contrast zu absichtlich. Es fehlt

der dramatische Nerv und die Weihe der Ironie. Die Sprache dünkt ihn

ungleich. Besonders fehlt das Gegenwärtige und Nothwendige in der

Sinnesart, im Alterthümlichen, in der Charakteristik. Die Composition

ist ihm zu wenig gerundet, der Schluss enthält zu viel Erzählung.

Manches gibt Tieck zu, nur vertheidigt er die Wahrheit seiner

Empfindung, den ernsten religiösen „Ton des Gemäldes“, das „Klima“ und

die Hauptfiguren. Auch in den „Skizzen“ Försters spricht Tieck über

seine „Genoveva“, über Böhmes Einfluss, über die schlechten Nachahmer

und die Einwirkung auf Schiller und gibt zu, dass ihm manches darin

nimmer genüge. Man erkennt deutlich, dass Solger und Tieck so gut wie

A.W. Schlegel nicht mehr den extrem romantischen Ansichten von 1800

huldigen, die in der „Genoveva“ zutage treten. Einst war auch Solger

höher begeistert.[792] Tieck hat sich indessen wieder mit dem Theater

versöhnt und somit den Traum von der romantischen Universalpoesie

halb und halb ausgeträumt.[793] Auch Tiecks Freund Steffens, der zur

Zeit der „Genoveva“ ein warmer Anhänger der Jenenser Romantiker war,

urtheilt nach langen Jahren (1841) ziemlich kühl über Tiecks berühmtes

Werk.[794]

Außerhalb der romantischen ecclesiola fand die „Genoveva“ ebenfalls

einige Beachtung. Tieck selbst weist mit Freude auf Goethes Anerkennung

hin.[795] Goethe empfand, als Tieck ihm das Werk vorlas, jedenfalls

verschiedene poetische Seiten sofort heraus und sah vielleicht auch

mit Wohlgefallen auf Tiecks Virtuosität in Sprache und Versification.

Wenn man aber Goethes verschiedene Äußerungen über die „Genoveva“

zusammenhält, so spürt man im Lobe mehr Höflichkeit als ernstliche

Anerkennung. Goethe musste gegen die mittelalterlich fromme und

marklos zerfließende Dichtung sehr viel auf dem Herzen haben, aber

er wollte nur dem jungen Poeten, der so voll Verehrung zu seinen

Füßen saß, nicht wehe thun.[796] Deutlicher sprechen Körner und

Schiller von ihrem classicistischen, Schiller auch noch ein wenig von

seinem persönlichen Standpunkte aus.[797] Körner lobt das poetische

Talent Tiecks, er findet Phantasie und Innigkeit und Gewandtheit in

Sprache und Vers, aber der „Geschmack“ fehle ihm. Schiller ist damit

einverstanden und schreibt:[798] „Er (Tieck) ist eine graziöse,

phantasiereiche und zarte Natur, nur fehlt es ihm an Kraft und Tiefe

und wird ihm stets daran fehlen. Leider hat die Schlegel’sche Schule

schon viel an ihm verdorben; er wird es nie ganz verwinden. Sein

Geschmack ist noch unreif, er verhält sich nicht gleich in seinen

Werken und es ist sogar viel Leeres darin.“

Kotzebue wollte Tiecks Drama für die Bühne einrichten, ward aber von

Tieck zu unfreundlich behandelt und das Project zerrann.[799] Ebenso

ergieng es mit Iffland.

Nahmen die Classiker von Weimar eine halb freundliche, halb kühle

Mittelstellung ein, so waren im Lager der Berliner Aufklärer alle bösen

Geister los. Nicolai[800] schimpfte aus Leibeskräften über die tolle

Legende, die unter der nachhelfenden Hand des Romantikers noch zehnmal

toller geworden sei. Dem Raume und der Zeit werde übel mitgespielt,

die Prosa sei dürr, die Verse schlecht u. s. w. Nicolai tritt, soweit er

sich überhaupt in sachliche Dinge einlässt, mit den Forderungen eines

Theatralikers an die „Genoveva“ heran und dabei muss diese in Grund

und Boden versinken. Dasselbe thut Garlieb Merkel, der Todfeind der

Romantiker,[801] in den „Briefen an ein Frauenzimmer“. Er weiß seiner

nörgelnden Feindseligkeit am besten dadurch Luft zu machen, dass er

seine Recension zum größten Theile als einen Vergleich Tiecks mit

Shakespeare stilisiert. Auf die poetische Seite der verwerteten Motive

wird keine Rücksicht genommen. Die Regellosigkeit, die sich an die drei

Einheiten nicht kehrt, der Mangel eines dramatischen Planes und inneren

Mittelpunktes, die lose Verknüpfung von Haupt- und Nebenhandlung,

die schlechte Charakteristik werden durchgehechelt. Merkel nimmt es

mit seiner kritischen Ehrlichkeit nicht sonderlich genau. Einige

Züge von Golo werden z. B. ausgehoben, die ein ganz schiefes Bild von

der Gestalt geben und dies wird als Beispiel für Tiecks schlechte

Charakteristik hingestellt. Selbst die Inhaltsangabe des Stückes ist in

manchen Punkten falsch. Um Tiecks jämmerliche Stilistik aufzuzeigen,

werden wieder einige Splitter abgespalten, von denen man (ein Beispiel

gekünstelter Antithesen ausgenommen) nicht weiß, was sie beweisen

sollen. Die verschiedenen metrischen Formen sind nach Merkel Unsinn,

die archaistische Sprache Thorheit. Im übrigen reibt sich Merkel nur

noch an Kleinigkeiten.

Merkel ist der Antipode Bernhardis. Jener verschweigt alles Gute,

dieser alles Schlimme. Bernhardi redet nur im Tone höchster Ehrfurcht

von seinem romantischen Herrn und Meister, Merkel in einer fade

höhnenden Weise, die an altweibisches Gekeife bedenklich erinnert. Das

Gebaren beider Kritiker ist nicht unbegreiflich. Welche Gemeinschaft

sollte zwischen der schal gewordenen Aufklärung und der jungen Romantik

bestehen? Die Wahrheit liegt, wie so oft beim erbitterten Kampfe zweier

geistiger Heerlager, in der Mitte. Um dem Wollen der Romantiker gerecht

zu werden, muss man sie zuerst vor das Forum der Romantik selbst

bescheiden.

* *

*

Die „Genoveva“ ist das glänzendste Stück unter jenen Poesien, die in

den zwei Bänden der „Romantischen Dichtungen“ vereinigt sind. Den

ersten Band eröffnet die satirische Märchenkomödie „Prinz Zerbino“,

ein Ausläufer der vorhergehenden Periode des Tieck’schen Schaffens,

jener Periode der Negation, die noch in die Zeit der frommen,

innigen, alterthumsfrohen Genovevastimmungen hereinreicht und die

eine wesentliche Seite von Tiecks geistiger Art vergegenwärtigt. Das

ganze endlose Lustspiel ist nichts anderes als ein lustiger Krieg

gegen alle Tendenzen, welche der Romantik feindlich oder gleichgiltig

entgegentraten. Die Antiromantiker bekommen bald einzeln, bald

scharenweise den übermüthigsten Humor des Dichters zu verkosten. Neben

diesem satirischen Muthwillen bemerken wir aber auch in einer Reihe

von Scenen, wie sich schon die weichen, traumhaften, lyrisch-süßen,

die eigentlich romantischen Stimmungen ankündigen und der Garten

der Poesie, wo Bäume, Blumen, Vögel und Farben singen, sprechen und

flüstern, wo die größten Dichter aller Zeiten sammt Jakob Böhme als

Hofstaat um die Göttin der Poesie versammelt sind, taucht wie eine

wundersame stille Märcheninsel aus den Gewässern der Verneinung auf. Im

Märchen „der getreue Eckart und der Tannenhäuser“, der zweiten Dichtung

des ersten Bandes, erzählt Tieck die alte Sage vom Berge der Frau Venus

und verkettet sie mit der Sage vom Rattenfänger von Hameln. Hier gibt

es keinen satirischen Übermuth. Alte Sagen werden mit den Mitteln der

romantischen Kunst aufgefrischt. Ein düsterer, schwüler Gesammtton

beherrscht das Ganze und hält es künstlerisch zusammen. Es offenbaren

sich hier noch jene düsteren unheimlichen Stimmungen, die vor dem

freundlich beruhigenden Einflusse Wackenroders den Dichter zeitweise

ganz und gefährlich beherrschten, die sich aber jetzt nur noch von Zeit

zu Zeit anmelden.

Der „Genoveva“ gesellen sich im zweiten Bande die Nacherzählung

des Märchens von der „Melusina“ und das dramatisierte Märchen vom

„Rothkäppchen“ bei. In letzterem fallen einzelne Hiebe auf die

Rationalisten. Sonst vermeidet der Dichter in allen Stücken dieses

Bandes jede große und kleine Bosheit. Interessant ist es, wie Tieck

im „Rothkäppchen“ gerade durch das oft wiederkehrende Roth einen

bestimmten Stimmungseffect erzielt und wie so das kleine Drama eine Art

„Symphonie in Roth“ wird.

Was wir als echte Romantik in der „Genoveva“ kennen lernten, begegnet

uns fast alles, theils zerstreut, theils in größere Massen gesammelt,

in den anderen „romantischen Dichtungen“ wieder. Tieck hatte mit

dem Titel, wie er sagt, nur die Absicht, das Wunderbare in diesen

Poesien damit anzudeuten. Aber auch ohne besondere Absicht ist all

das, was man bald mit dem Schlagworte „Romantik“ bezeichnen sollte,

in diese Dichtungen hineingeströmt. Der romantische Geist waltet

fühlbar in ihnen. Daher ist es recht begreiflich, dass gerade diese

Überschrift zusammen mit den theoretischen Erörterungen der Schlegel

sehr wesentlich dazu beitrug, der Schule ihren Namen zu verschaffen.

Theilweise sind die „romantischen Dichtungen“ Erneuerungen alter,

volksthümlicher Sagen und Märchen, also „mythische Poesie“, wie

sie Friedrich Schlegel wünschte. Das Religiöse, Geheimnisvolle,

Märchenhafte, Ahnungen und Vordeutungen, Jakob Böhmes Mystik,

Astrologie und Aberglaube spielen bald dort bald da herein. Das

träumerische Naturgefühl Tiecks treffen wir gleichfalls an. Ritter,

Schäfer, Einsiedler, der Kampf mit Heiden und wilden Riesen,

Tapferkeit, Liebe, Gottesfurcht: lauter Motive und Gefühle, die wir

als richtige Romantik bezeichnen mussten, sehen wir verwertet. Auch

in Form und Sprache blühende Romantik. Drama, Epik und Lyrik weben

sich im „Zerbino“ ineinander, Erzählungen mit Gesang sind „Eckart“

und „Melusina“, ein Drama mit epischen und lyrischen Einlagen ist

das „Rothkäppchen“. Contraste und Parallelen als äußere Hilfe der

Composition fehlen selten. Prosa und Verse wechseln, südländische

Strophen, Sonette, Stanzen, Terzinen wirft Tieck mitten in die

schlichte, volksthümliche Prosa der „Melusina“ hinein. Prosa,

alterthümelnder Balladenton und freirhythmische Lyrik vereinigt er

im „getreuen Eckart“. Auch die klingelnde Musik gehäufter Reime

bemerkt man vereinzelt. Der Sprache wird wie in der „Genoveva“ ein

leicht archaistischer Anstrich gegeben und gewisse stilistische

Lieblingswendungen der „Genoveva“ begegnen uns in den anderen Stücken

allenthalben. Mit einem Worte, was Tieck an romantischen Elementen

in der „Genoveva“ sammelt und verwendet, treffen wir in den übrigen

gleichzeitigen Werken, wenn auch mehr verstreut, wieder an. Ein

gemeinsamer Geist lebt und webt in all diesen Erzählungen und Dramen,

der, könnte man im Sinne der Romantik sagen, ein Mannigfaltiges zu

höherer Einheit verbindet.

Was nur an romantischen Ideen, Stimmungen und Motiven in diesen

zwei Bänden sich ansammelte, wird von Tieck noch einmal im „Kaiser

Octavianus“ (1801-1803) glänzend und prunkvoll zur Schau gestellt,

einem romantischen Drama, das sich ebenfalls auf der Grundlage eines

alten Volksbüchleins aufbaut, dessen erster Theil sich wie eine

Variation des Genovevamotivs liest. Eine unschuldig verleumdete und von

ihrem Gatten verurtheilte Frau wird mit ihren Kindern in die Wildnis

hinausgestoßen. Eine Intrigantin ist am ganzen Unglück schuld und

wird darüber wahnsinnig. Der Gatte erkennt sein Unrecht und trauert

in tiefer Reue. Die nämlichen Situationen bedingen oft einen nahe

verwandten sprachlichen Ausdruck. Eine unendliche Fülle von Personen

und Abenteuern wird in den Rahmen des Stückes hineingearbeitet.

Genialität und Kritik verbinden sich der romantischen Forderung gemäß;

denn allegorisch, lyrisch und dramatisch will der Dichter seine Ansicht

der romantischen Poesie hier niederlegen. Calderon, Shakespeare, Jakob

Böhme, Religion und weiche Naturstimmung, romantische Universalität,

Verschmelzung der künstlerischen Gattungen, eine archaisierende

Sprache und vielfältig erklingende Metrik, eine Metrik und Sprache

in allen Abstufungen vom derben Prosahumor bis zum pompösen Klang

der Ottave rime: alles findet wieder Platz im Rahmen einer alten

Volksbucherzählung. Mit Ausnahme des Humors, der derben Prosa wie

der Hans Sachsischen Knittelverse finden wir hier allerdings wenig,

was der „Genoveva“ gegenüber neu wäre. Nur gesteigert, üppiger,

absichtsvoller erscheint alles im Inhalte wie in der Form. Es ist, als

ob der eigenthümliche Geist der Jenenser Romantik, dem die „Genoveva“

als erste, volle, reiche Blüte entsprosste, noch einmal seine Kraft

zusammengerafft hätte, um in einem hell und bunt aufleuchtenden

Phantasiefeuerwerk glorreich und flüchtig zu versprühen. Denn mit dem

„Octavian“ ist eigentlich jene Poesie, die ganz von den Stimmungen

der Genovevaromantik gesättigt ist, so gut wie vorüber. In Tiecks

Schaffen tritt bald eine Pause ein und die romantische Gesellschaft von

Jena, die erst noch so jugendlich stolz und hoffnungsfreudig die Welt

romantisieren wollte, zerstreut sich in kurzem nach allen vier Winden.

--

Noch zweimal lässt Tieck bei Lebzeiten seine „Genoveva“ in die

Welt wandern. 1820 erscheint bei Reimer in Berlin eine „neue

verbesserte Auflage“, die 1828 in den zweiten Band der „Schriften“

wieder aufgenommen wurde. Eine Reihe von Verbesserungen der ersten

Neuauflage besteht in der Beseitigung schwerfälliger, unzutreffender

und undeutlicher Ausdrücke. „Du schönster Thron, aus lauter Licht

gewebt“: „Du schönster Thron, aus lauter Licht erbaut“. -- „Ihr lasst

mir Hoffnung hier und Andacht, liebe Freunde“: „Ihr lasst mir Andacht,

Hoffnung hier als liebe Freunde“. -- „Wen er (der Tod) will von dannen

tragen“: „Wen er will als Beute schlagen“. Die Verse:

„So ist Hispania durch ein Weib verdorben,

Die Schuld war, dass die Mohren sind gekommen,

So litt die Christenheit durch böse Lust

Des Königs Roderich: so sind wohl Reiche,

Paläste, große Städte eingestürzt

In aller Zeit durch unerlaubte Liebe.“

lauten verbessert:

„So ist Hispania durch ein Weib verdorben,

Die Schuld war, dass die Mohren eingebrochen,

So litt die Christenheit durch böse Liebe

Des Roderich: so sind wohl Reich, und Städte

Schon oft gestürzt durch Schändlichkeit und Lust.“

Ausdrücke, die dem Dichter einst vielleicht schlicht oder archaistisch

vorkamen, genügen ihm nimmer, sie werden durch höhere, poetischere

ersetzt. „Die thörichte Bitte“: „Der Bitte Thorheit“. -- „Die Waffen

von euch allen“: „Die Waffen eurer Scharen“. -- „Herunterschauen“:

„Herniederschauen“. -- „Mahom sei gepreist“: „Gepriesen sei Mahom“.

-- Das Erscheinen und Thun der rettenden Hirschin wird 1820 ohne

Bühnenanweisung durch die bloße Aussprache von Genovevas Empfindung,

die den Vorgang begleitet, dargestellt.

Öfters wird in der verbesserten Auflage durch Inversionen der Sinn

kräftiger und nachdrücklicher hervorgehoben. Mit „Ich“ beginnende

Sätze, die wohl auch einstmals für einfach und schlicht galten, werden

umgeformt. „... er (Sebastian) ist an einen Baum gebunden“: „... an

einen Baum ist er gebunden“. -- „Ich fühl’ die Liebe, doch ich muss

nun fort“: „Die Liebe fühl’ ich...“ -- „Ich habe meine Ehr’ durch

ihn gelöst“: „Durch ihn ist meine Ehre nun gelöst“. -- Unangenehme

Wiederholungen desselben Wortes in nächster Nähe werden beseitigt.[802]

Zwei größere Stücke lässt Tieck gänzlich weg, die Scene „In der Stadt

Avignon“[803] und die Episode vom weggeworfenen und wiedergefundenen

Trauringe Genovevas.[804] Einzelne Verse dürften dem Dichter als

überflüssige Wiederholungen des nämlichen Gedankens störend erschienen

sein.[805]

Diese Änderungen und Verbesserungen sind keine tief einschneidenden,

sie betreffen fast nur stilistische Einzelheiten und beabsichtigen im

allgemeinen nur eine sorgfältige Glättung des sprachlichen Ausdrucks.

Die Dichtung als Ganzes war ihrem Schöpfer nach wie vor als Document

jener inneren Erlebnisse, die in seiner geistigen Entwickelung eine

Epoche bedeuteten, heilig, und er rührte nicht gerne daran. „Die

Ganzheit und Unverletztheit des Gedichtes“ lag ihm also auch noch in

späteren Jahren am Herzen, so gut wie damals, als er es nicht gerne

sah, wenn es durch Auslassung, Abkürzung und Umgestaltung für die

Bühne eingerichtet würde. Man war schon nahe daran gewesen, Iffland

und Kotzebue, die beiden Theaterbeherrscher, interessierten sich wie

gesagt dafür. Es kam aber zu keiner Aufführung. Tieck setzte keinen

sonderlichen Ehrgeiz darein, seine Heilige auf dem Theater zu sehen.

Dies beweist auch genugsam der Umstand, dass er später während seiner

Dresdener Zeit keinen Schritt für die Aufführung des Stückes that,

wo es ihm doch recht leicht gewesen wäre, dasselbe auf die Bühne zu

bringen. Nur als Operntext und in parodierter Gestalt sollte Genoveva

das Licht der Rampe erblicken.

Wenn Tiecks Drama auch der Bühne des Theaters fremd blieb, so entzückte

es doch von der idealen Phantasiebühne aus einst viele Leser, es regte

bildende Künstler und Dichter an. Die „Genoveva“ im Verein mit den

„Herzensergießungen“, den „Phantasien“ und dem „Sternbald“ weckte einen

ganz neuen Geist in jener Künstlergeneration, welche in den ersten

Decennien des 19. Jahrhunderts unsere Kunst beherrschte. An Stelle

des classischen Alterthums tritt hier das christliche Mittelalter,

die Begeisterung für die alte deutsche Art und Kunst. Die Dichtung

Tiecks selbst regte manchen Künstler zu bildlichen Darstellungen an.

Die Brüder Riepenhausen zeichneten 1806 einen Genoveva-Cyklus und

keine Geringeren als Führich, Schwind und Richter folgten mit ihren

Compositionen nach. Der Traum des „kunstliebenden Klosterbruders“ von

einer Kunst im Bunde mit der Religion sollte sich erfüllen, wie die

Vermählung von Religion und Poesie in der „Genoveva“ sich vollzogen

hatte. Jenen Traum und Wunsch machten nämlich zur Wirklichkeit „die

Klosterbrüder von San Isidoro“, jene Gruppe von deutschen Künstlern in

Rom, die sich im Jahre 1810 mit Friedrich Overbeck, dem neuen Giovanni

da Fiesole an der Spitze, in den verlassenen Zellen des Klosters San

Isidoro auf dem Monte Pincio ansiedelten und mit wenig Geld und viel

Begeisterung das Werk der Neubelebung religiöser Kunst mit Ernst und

Eifer in Angriff nahmen. Der Übertritt zum Katholicismus, mit dem

einst Tieck poetisch spielend kokettierte, wird für manchen von diesen

Männern überzeugungsvoller Ernst. Eine fruchtbare Zeit religiösen

Kunstschaffens brach für Deutschland an, als die Freunde und Schüler

der Cornelius und Overbeck mit ihren Meistern um die Wette eine rege

Thätigkeit entfalteten. Alte Bauwerke werden vollendet und restauriert,

alte Gemälde und Statuen mit pietätvollem Eifer gesammelt und hoch in

Ehren gehalten. (Kölner Dom. Die Brüder Boisserée.)

Die Begeisterung für das Alterthümliche, besonders für die große

Vergangenheit altdeutscher Dichtung, gibt der deutschen Wissenschaft

manchen wirksamen Antrieb und folgenreiche Anregungen, sie bereitet

auch jene vaterländische Begeisterung vor, die nach wenigen Jahren die

deutschen Gemüther wie ein machtvoller heiliger Sturm erfassen sollte

und die Dichtung der nächstfolgenden Zeit entzieht sich ebenfalls

nicht ganz dem Eindrucke, den Tiecks Werk auf die Gemüther machte,

wenn die Nachwirkungen auch weniger lebhaft als in der bildenden Kunst

zu spüren sind. Der bedeutendste romantische Dramatiker, auf den

Tiecks „Genoveva“ und „Octavian“ im Vereine mit der Schlegel’schen

Ästhetik entscheidend einwirkte, ist Zacharias Werner. Dieser seltsame

Mann versucht es, die Bühne des Theaters dem romantischen Geiste zu

erobern. Seine „Söhne des Thals“ wie „Kunigunde die Heilige“ können das

romantische Vorbild, dem sie nacheifern, gar nicht verleugnen. Dass

auch die Dramatik der Brentano, Arnim, Eichendorff, Öhlenschläger,

Hertz, Atterbom, Andersen, Immermann theils vom Geiste, theils von

der Kunst der „Genoveva“ beeinflusst ist, wurde schon von mehreren

Forschern betont.[806]

Nach langer Wanderschaft durch alle möglichen Gebiete unserer

Literatur, nachdem noch Dramatiker wie Friedrich Hebbel und Otto

Ludwig die Gestaltung der Legende versucht hatten, gelangte sie auch

zum trefflichen Erzähler Christoph v. Schmid, der aus dem alten

Volksbüchlein ein neues machte. Von einem namhaften Einfluss Tiecks auf

Schmids Erzählung lässt sich kaum reden. Dass die Einleitung derselben

uns in die Zeit zurückführt, da die Morgenröthe des Christenthums in

Deutschland aufgieng, dass die trüben Vorahnungen Genovevas betont

werden und Golo als glänzende ritterliche Erscheinung geschildert

wird, dass ferner für Genovevas Todesgang trüber Herbst (allerdings

Nacht) den Hintergrund bildet und die Natur vom traurigen Schauspiele

sich abwendet: das sind allerdings kleine Züge, die ein wenig auf

Tiecks Dichtung zurückweisen. Im übrigen bietet Schmid eine einfache

Neubearbeitung des Volksbuches mit Umgestaltungen und Erweiterungen,

die den pädagogischen Absichten des Verfassers entsprechen. Alles

Wunderbare und Übernatürliche wird abgestreift oder rationalistisch

gedeutet. (Ähnlich gieng Maler Müller vor.) Das Wesentliche

von den rührenden Motiven ist aber beibehalten. Der schlichte,

gemeinverständliche und anheimelnde Ton ist glücklich getroffen. In

dieser Gestalt konnte die alte Legende wieder zu den Hütten des Volkes

zurückkehren, wo sie schon so lange heimisch war. Dort fand das neue

Volksbüchlein neben dem alten gute Aufnahme. Am schönen Sommersonntag

wie am düsteren Winterabend lesen Hirtenjunge und Bauernmädchen mit

freudiger Rührung im kleinen Büchlein und weihen eine herzliche Thräne

dem Schicksale der edlen Gräfin Genoveva.

Register.

#A#ndersen 255.

Ariosto 61, 255.

Arnim L. A. v. 245, 255.

Atterbom 255.

#B#alde J. 62.

Bernhardi A. F. 61, 151 f., 157, 162 f., 165, 234, 245.

Böhme J. 11 f., 26, 98, 113, 115 ff., 156, 162, 164, 166, 187, 194,

200, 250 ff.

Boisserée (Die Brüder) 255.

Brentano Cl. 246, 255.

#C#alderon 11 f., 26, 107 ff., 124, 153, 161, 227 f., 234, 252.

Cervantes 107.

Chezy H. v. 246.

Cochem M. v. 31, 89.

Cornelius P. v. 255.

#D#ante 228.

Dürer A. 4, 7, 85, 167.

#E#ichendorff J. v. 165, 246, 255.

#F#euerbach L. 119.

Fichte J. G. 116.

Freytag G. 201.

Friesen H. v. 165.

Führich J. v. 254.

#G#oethe 1, 2, 26 f., 29, 63, 65, 71 ff., 79, 89, 93, 98 f., 103, 147,

169, 173, 184, 202, 247.

Giovanni da Fiesole 7.

Gower J. 89.

Grimmelshausen 27.

#H#aym 116, 164.

Hardenberg Karl v. 245.

Hebbel, F. 255.

Heine H. 174, 213.

Heinse W. 11.

Hemsterhuys 166.

Herder 4, 6, 62.

Hertz 255.

Hettner 65, 83, 164, 179, 235.

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 43 / 45 题