7. Prosa und Metrik.

Nicht so eingehend wie der Sprachstil soll hier die metrische Kunst

Tiecks im einzelnen untersucht werden. Eine solche Untersuchung könnte

nur bei Beobachtung einer großen Entwickelungsreihe zu befriedigenden

Ergebnissen führen. Die eingehende und weitläufige Untersuchung der

romantischen Metrik liegt außerhalb des Rahmens vorliegender Arbeit.

Hier kann es sich nur darum handeln, den Stilwert der prosaischen und

verschiedenen metrischen Theile im allgemeinen zu erklären.

A.W. Schlegel vertheidigt in seinem Horenaufsatz „Etwas über William

Shakespeare bei Gelegenheit Wilhelm Meisters“[720] die Rhythmisierung

neben der Prosa in Shakespeares Dramen und zeigt, wie die gebundene

Rede ganz besonders den sinnlichen Schein einer höheren Wahrheit und

Natürlichkeit erzeugt und wie bei Shakespeare immer einem bestimmten

Inhalte die entsprechende rhythmische beziehungsweise prosaische Form

gegeben wird.

Diesen Gedanken holt auch Tieck in seiner Recension der Musenalmanache

von 1798 wieder hervor und betont mit großer Emphase den unberufenen

Versemachern gegenüber, dass die Versart eines Gedichtes nicht bloß

vom Zufall und von der Gewohnheit abhängen dürfe. „Der Wechsel der

Reime und die Länge der Verse, die Composition der Strophe müssen

von einer leisen Regel regiert werden, damit das Silbenmaß als eine

feine Musik das Gedicht begleite.“ Inhalt und metrische Form müssen in

unzertrennlicher Verbindung ineinander wachsen. Dies wäre nicht der

Fall, wenn ein Dichter gewaltsam ein beliebiges Versmaß einem Inhalte

aufdrängte. Freundlich, wie von selbst müsse sich der Gedanke an das

Silbenmaß schmiegen.[721] In der „Genoveva“ entfaltet Tieck eine bunte

Menge verschiedener Bilder und Stimmungen, bunt und vielgestaltig, wie

die romantische Poesie eben sein soll. Da ist es dann auch nicht anders

möglich, als dass jene begleitende „feine Musik“ sich in immer neuer

Tonart mit dem jeweiligen Inhalte vereine und, wenn es dieser Inhalt

verlangt, auch der prosaischen Rede Platz mache. Wenn Tieck gerade ein

Jahr vor der Abfassung seiner „Genoveva“ mit so strengen metrischen

Forderungen an seine dichterischen Zeitgenossen herantrat, so muss

man selbstredend annehmen, dass er bei der Schöpfung seines eigenen

Gedichtes auch sich selbst nicht von diesen künstlerischen Forderungen

freisprechen, und dass der Gebrauch der verschiedenen Maße und Strophen

sowie das Unterlassen des Rhythmisierens nicht einem bloßen Spiele der

Willkür entstammen konnte.

Geht man die prosaischen Theile der „Genoveva“ durch, so drängt sich

deutlich als erste Thatsache auf, dass besonders die „niedrigen“

Leute in Prosa reden, aber auch diese nur dann, wenn der Inhalt des

Gespräches einen mehr gewöhnlichen, vertraulichen und behaglichen Ton

verlangt. Das lässt sich an den Dienerscenen gut beobachten. Auch

wenn einmal eine höhere Persönlichkeit sich zu den Untergeordneten

herablässt, so drückt sich diese Herablassung gleichfalls in der

prosaischen Form der Rede aus, in der sie mit dem tiefer Stehenden

spricht. In verschiedenen Fällen bemerkt man, wie mit dem höher

gestimmten Inhalt auch sogleich die Prosa in Rhythmus übergeht.

Es plaudern Grimoald und Benno in der Kapelle zunächst prosaisch

von ihren Privatangelegenheiten. Wendelin mahnt sie in Versen zum

Gebete, richtet in Versen seine religiösen Anreden an sie und auch

die Angeredeten antworten nun in Versen.[722] Der Disput, den Otho,

Günther und andere Kriegsleute über Gehorsam und eigenes Denken in

Prosa unter sich führen, endigt, als Karl Martell erscheint und mit

seiner Umgebung und den Gesandten über den Krieg verhandelt. Wenn sich

jetzt Otho, der zuvor prosaisch sprach, in die höher gestimmte Rede

mischt, so muss es rhythmisch geschehen.[723] Solange Golo mit Benno

in alltäglicher Rede sich bespricht, geschieht es in Prosa. Daran

schließt sich seine monologische Selbstbetrachtung und diese greift

sofort zum Rhythmus.[724] Die schmausenden Diener unterhalten sich in

Prosa. Drago, vom Gottesdienste kommend und daher noch voll andächtiger

Stimmung, mahnt sie zu gottgefälligem Anstande und seine Mahnworte sind

rhythmisch.[725] Wendelin redet prosaisch mit dem Schergen; nachdem

sich dieser entfernt hat, drückt Wendelin seine Empfindung und Klage

über das Erfahrene im rhythmischen Monologe aus.[726] Nicht ganz

verständlich ist die Prosa einer Scene auf Siegfrieds Schloss,[727] in

der man wenigstens für die erste Hälfte, die Golos trübe Ahnungen und

die feierlichen Sätze: „Wird es nicht alle Tage Abend...“ enthält, eine

rhythmische Einkleidung erwarten möchte. Nicht ganz leicht zu erklären

sind auch die beiden Prosaabschnitte in der letzten Kerkerscene.[728]

Diese stürmische Leidenschaft würde man sich nach allen vorausgehenden

Beispielen eher in freien Rhythmen denken, die auch sogar in der

nämlichen Scene verwendet werden. Vielleicht gibt uns der trotzige,

niedrig höhnende Ton, der sich der leidenschaftlichen Rede beimischt,

einen Wink für die Ursache der Prosa an dieser Stelle. Es könnte Tieck

daneben beabsichtigt haben, einen sehr schroffen Contrast zwischen

beiden Sprechern auch in der Form zu betonen. Genoveva spricht in

feierlichen Stanzen ihre entschiedene Abweisung aus und richtet das

zweitemal eine milde Ermahnung in gereimten Blankversen an ihren

Versucher. Der Gegensatz zwischen dem tief erniedrigten Ritter und der

heiligen Dulderin tritt so auch im Gegensatze von rhythmischer und

prosaischer Rede hervor.

Es empfiehlt sich, nach der Prosa zunächst ihren Gegenpol, die

künstlichen Strophen anzusehen; denn an den Extremen lässt sich hier

leichter ein Resultat finden, als an den Übergangsstufen zwischen

Prosa und höherer Kunstform. Stanzen, Sonette und Terzinen kommen

hier zuerst in Frage. Hätten wir gar keine Nachricht von Tiecks

Beschäftigung mit den spanischen Dramatikern, die neben der Romanze

gerade diese Formen gerne verwenden und die für Tieck hierin das

maßgebendste Vorbild waren, so würde es doch nicht allzusehr

wundernehmen, wenn wir diese Formen voll Klangreichthum und Wohllaut

in seiner „Genoveva“ träfen. Diese südländischen Maße waren die

officielle Sprachform am romantischen Musenhofe von Jena. Dorothea

Veith schreibt sich das Verdienst zu, „die Stanzenwuth“ in ihrem Kreise

entfesselt zu haben. Ihr „Florentin“ muss in Stanzen improvisieren.

Friedrich Schlegel verdunkelt durch seinen Glanz alles in diesem

Genre.[729] Selbst Schelling wird angesteckt.[730] „Wir dichten in

italienischen und spanischen Weisen.“[731] A.W. Schlegel verkündet

1799, dass die Stanze bei Ariost „das schöne Gleichgewicht zwischen

phantastischer Willkür und heiterer Besonnenheit“ bewirke, welches

die Darstellung des Italieners so reizend charakterisiert.[732] Die

weiblichen Reime hält Wilhelm zwar für die schönsten,[733] er empfiehlt

aber doch den Wechsel zwischen männlichen und weiblichen.[734] Zur

Lectüre der Spanier gesellt sich also für Tieck noch das Beispiel der

Genossen und A.W. Schlegels theoretische Anregungen. Umtönt von einer

förmlichen Sonetten- und Stanzenmusik dichtet Tieck den größten Theil

seiner „Genoveva“. Was im „Zerbino“ und in den „Phantasien“ sich nur

vereinzelt ankündigte, entfaltet sich daher auch hier zu reicher Fülle,

um im „Octavian“ zum überschwänglichen, luxuriösen Reichthum zu werden.

Die Erfahrung, dass die Octave der Italiener im Deutschen „lyrischen

Ton athmet“, bezeugt Platen, der in rhythmischen Dingen feinhörig

war wie kaum einer. Die dreimalige Wiederkehr gleichgeordneter Reime

ist für den deutschen Dichter, dem lange nicht die unerschöpfliche

Reimfülle der italienischen und spanischen Sprache zuströmt, eine

schwierige Aufgabe. (Wieland hielt eine genau und streng gebaute Stanze

im Deutschen für unmöglich.) Eine reiche Bilderfülle sowie synonyme

Erweiterungen müssen oft das Maß bis zum Rande füllen helfen. Diese

Nothwendigkeit und die langen Verse selbst in ihrer gleichmäßigen

Wiederkehr geben der Strophe eine pompöse Pracht und feierliche Würde.

Es ist daher gar nicht überraschend, wenn sich in der „Genoveva“

gerade Gebete und feierliche, getragene Reden mit Vorliebe in Octaven

ergießen.[735] Daran reihen sich die prunkvollen Schilderungen der

himmlischen Visionen,[736] die feierliche Betheuerung,[737] der

Ausdruck besonders gehobener Seelenstimmung überhaupt, wie sie z. B.

Karl Martell beherrscht, nachdem er die Prophezeiung seiner großen

Zukunft vernommen.[738] Liebessehnsucht, in der mehr die hochgespannte

seelische Stimmung als die sinnliche Leidenschaft vorwaltet,[739] und

das breite malerische Frühlingsgemälde[740] bedienen sich gleichfalls

der Octave. Weniger klar ist der Grund ihrer Verwendung für Genovevas

trübe Ahnungen.[741] Der umfangreichste Abschnitt in Stanzen aber

ist die Erzählung des heil. Bonifacius.[742] Der Erzähler versucht

anfangs in einem einfachen, naiven Tone zu reden, der zugleich

archaistisch gefärbt erscheint. Verwandt damit ist der Schluss, der

von Schmerzenreich handelt. Dazwischen steht die prächtig geschmückte

Schilderung der Wunder. Hier ist die mächtig tönende Octave nichts

Fremdes; allein wie passt die stolze Prachtstrophe zum einfach und

alterthümlich sein wollenden Vortrag der übrigen Erzählung? Hier muss

uns wohl Tiecks Bekenntnis über die Stanzen in der fast gleichzeitigen

„Melusine“ aushelfen.[743] „Es reizte mich, die Stanze auch einmal so

treuherzig, wie alte Prosa erklingen zu lassen, ein Ton, der schon

viele Stellen des Morgante so wunderbar anziehend macht, indem das

Possierliche und Edle sich in diesem merkwürdigen Gedichte mit dem

alterthümlich Ehrbaren so wunderbar verbinden.“ Wir gehen kaum irre,

wenn wir annehmen, dass Tieck das nämliche Experiment, das er für die

zeitlich ganz nahestehende Dichtung einbekennt, auch schon theilweise

in den Bonifacius-Stanzen versuchte. Diese und die Melusine-Strophen

hintereinander gelesen, lassen den verwandten Ton auch gar nicht

undeutlich spüren. Der Versuch, die reichklingende Strophe für eine

einfache treuherzige Erzählung zu wählen ist schon die Anwendung

der bald auftauchenden hyperromantischen Meinung, dass sich gerade

in den südländischen Formen alles Poetische am besten sagen lasse.

„Besser als in sapphischen Strophen kann das, was man damit wollen

kann, durch romantische Formen erreicht werden“, schreibt bald darauf

Schleiermacher.[744] Nach Calderons Vorbild lässt Tieck seine Menschen

hie und da sogar einen Dialog in Stanzen führen. Das ist dort noch

erträglicher, wo zumeist ganze Strophen auf einen Sprecher kommen;[745]

es wird aber zum verkünstelten Kunststück, wenn die Strophe in kleine

Stücke[746] oder gar in kleine Splitter[747] zerschlagen wird.

Neben der häufig verwerteten Stanze begegnen wir in der Genoveva

achtmal dem Sonette. Der Charakter der einheitlich geschlossenen Form

mochte Tieck passend erscheinen, die Rede des Kapellan, welche die

Novalis-Schleiermacher’sche Religionsauffassung in nuce vorträgt,

den Abschied Genovevas von ihrem Kinde, den Abschied vom Gatten

(Reinigungsbrief) und endlich die Verkündigung von ihrer Aufnahme in

die Seligkeit in je einem Sonette wiederzugeben. In der Balkonscene

spricht Genoveva die Erinnerung an eine vergangene Nachtstimmung,

die sie mit der gegenwärtigen vergleicht, in einem Sonette aus. Das

Sonett, das Golos Versuchung zur Sünde ausdrückt, will ähnlich wie

Karl Martells Lobrede auf den Ehrgeiz nur das Thema des Monologes

in etwas veränderter Auffassung variieren, wie die Stanzen die

Liebessehnsucht in der Gartenscene. Die Auftheilung eines Sonettes

in den Dialog[748] ist wieder nicht mehr als ein Virtuosenscherz,

zu dem sich der Formkünstler Tieck eben „gereizt“ fühlte, wie

zu den treuherzig alterthümelnden Stanzen. Sonette in das Drama

einzuflechten, lernte Tieck gleichfalls bei Calderon. In der Art der

Verwendung dieser Form geht er die Wege A.W. Schlegels. Das Sonett

mit seinem reichen Reimklange, mit seiner bestimmten Gliederung und

„organisch articulierten Form“, die nach Schlegel ein Gefäß für Lyrik

und Didaktik, die sogar dramatisch werden kann, die eine so „große

Universalität“ zeigt, wurde zur romantischen Lieblingsform. Seit 1798

verwendet sie Schlegel besonders zu lyrisch-didaktischen Zwecken

Gemäldesonette. Er strebt der italienischen Idealform nach, die

fünfhebige Verse mit Auftakt, Quartette mit umschließenden Reimen und

weibliche Reime verlangt. Letztere gehören, wie Schlegel meint, zum

„großen Styl“ des Sonettes. Tieck thut in der Verwendung und im Baue

dieser Form in seinem Drama ziemlich das gleiche wie A.W. Schlegel

in seiner Sonettendichtung. Lyrische, traumhafte Verschwommenheit an

einzelnen Stellen (Balkonscene), das Zerreißen des Sonettes im Dialoge

sind Tiecks Besonderheit.[749]

Die Terzine verwendet Tieck für die Prophezeiung des „Unbekannten“ und

für den Dialog zwischen dem trauernden Siegfried und Othos pilgerndem

Geiste. Diese Strophe mit ihrer fortlaufenden Reimverkettung ist die

naturgemäße Form für eine fortschreitende Erzählung und das ist auch

die Prophezeiung. Die einförmige Wiederholung derselben langen Verse

gibt dem Maße eine „feierliche Stimmung“[750] und das entspricht jeder

der beiden Situationen, in denen sie Tieck verwertet. Dem Dialoge

widerstrebt die Form gewiss dann, wenn sie in so kleine Stücke zerhackt

wird, wie es am Anfange der zweiten Stelle in der „Genoveva“ geschieht,

so dass man den Eindruck der Strophe nicht mehr gewinnt. Tieck sagt uns

noch obendrein, dass ihm die Terzine den Eindruck des Alterthümlichen

mache. Die Association Terzine-Dante-Mittelalter ist auch gar nicht

auffälliger, als wenn der Hexameter Schiller „unausbleiblich an die

griechische Welt erinnert“.

Die vierte metrische Form, die Tieck aus dem spanischen Drama entlehnt,

ist der Romanzenvers ohne Auftakt und zwar werden diese vierhebigen

Trochäen zur Strophenform der Redondille (abba) vereinigt, die Calderon

im Dialog benützt. Bei Tieck erscheint sie nur an lyrischen Stellen.

Die durchwegs weiblichen Reime geben der Strophe in der Balkonscene

eine besonders träumerische Weichheit, die klangvollen Reimworte

dazu eine musikalische Fülle, und auf diesen weichen, vollen Klängen

schwebt die magische Traumstimmung der Sommernacht einschmeichelnd und

lieblich dahin. Ein lyrischer Erguss Genovevas formt sich in diesen

Strophen, die sich dann in der Antwort Golos fortsetzen. Solange

seine Liebesgedanken mit der freundlichen Sommernachtstimmung sich

verflechten, gehen sie auch im nämlichen weichen Ebenmaße fort; als

aber die Vorstellung von den Augen Genovevas auftaucht, flackert es

unruhig in Golo auf (wir kennen den Zusammenhang zwischen Genovevas

Augen und Golos Empfindung) und das Versmaß springt aus dem ruhigen

Gleichmaße heraus bei den Worten „Deine Blicke schießende Sterne...“

Zulmas Sehnsucht, Gebet und Klage[751] behalten das Reimschema der

Redondille bei, aber an Stelle der vierhebigen Trochäen treten Verse

mit zwei und drei Hebungen und auch klingende und stumpfe Reime

wechseln. Einen besonderen Grund für die Verwendung dieser Strophen,

die nur noch ungefähr dem spanischen Vorbilde ähnlich sehen, kann ich

nicht angeben. Es konnte aber den Dichter immerhin eine äußerliche

Association dazu geführt haben. Die romantische Mohrin kommt aus

Spanien, dem gelobten Lande der Romantik; da ziemt sich’s, dass ihre

Lieder auch äußerlich ein wenig an ihre Herkunft erinnern. Einzelne

inhaltliche Calderon’sche Reminiscenzen konnten wir ohnehin auch gerade

in diesen Partien der Dichtung aufzeigen. Im Monologe Zulmas vor dem

Zelte, der die Sehnsucht nach dem Geliebten variiert, schlägt auch ein

wenig der vierhebige Romanzenvers durch.

Mit diesen sangbaren Strophen sind wir schon bei den Liedern angelangt,

die Tieck reichlich in sein Drama einstreut. Sie weichen metrisch sehr

voneinander ab. Die einen sind freirhythmische Ergüsse, in anderen

ist ein strenger Strophenbau durchgeführt. Nach welchem Grundsatze

wechselt nun Tieck die Form? Manche Andeutungen (z. B. ein „altes Lied“)

scheinen auf eine Unterscheidung improvisierter und künstlerisch

ausgereifter Lieder hinzuweisen. Allein die Untersuchung der

einzelnen Stücke gibt dieser Vermuthung nicht Recht. Wahrscheinlicher

sieht Folgendes aus. Golo kleidet, kunstmäßig dichtend, seine

Lieder in gleichmäßige Strophen, die gewöhnlichen Leute, Schäfer,

Hochzeitbitter, die schmausenden Diener gebärden sich nachlässiger

im Vers- und Strophenbau. Danach ließe sich alles vertheilen, bis

auf Golos sechszeiligen Morgengesang. Möglich, dass Tieck sich von

einem ähnlichen Gedanken führen ließ, wahrscheinlicher noch, dass er

bloß romantischer Willkür folgte. -- Die acht Verse der zwei Engelein

sind nur eine Tändelei. Die acht ei-Reime könnten als Begleitung des

heiteren Inhaltes angesehen werden.

Freie Rhythmen begegnen uns mehrmals in besonders erregten,

leidenschaftlichen Reden und Monologen. Das meiste davon gehört Golo

an. Dazu kommt Genovevas Klage im Thurme und in der Wüste, die Sprüche

der Hexe sowie der Chor der Jäger. Die unruhig lodernde Leidenschaft,

die heftige Klage stammeln in ungleichmäßigen Absätzen. In den Reden

der Hexe soll der verworrene Rhythmus dem wirren Inhalte der Formeln

sich anpassen. Dazu gesellen sich die gehäuften Reime. „Wie freier

-- das Feuer -- wie munter -- und bunter -- in Formen mannigfach

glimmt -- in Farben tausendfach flimmt“ u. s. w. Der Hörer vernimmt nur

durcheinander irrende klangvolle Reimworte und dieses Gewirre muss im

Verein mit dem unheimlich dunkeln Inhalt Siegfrieds Sinn umnebeln.[752]

Der freie Rhythmus im Chorlied der Jäger ist schwer zu begründen. Bis

auf diesen letzten Fall ist also auch der freie Rhythmus stets in ein

gewisses engeres Verhältnis zum Inhalt gesetzt.

In der Mitte zwischen den kunstvolleren rhythmischen Gebilden und

der einfachen Prosa steht der fünffüßige Jambus, der damals schon

gewöhnliche dramatische Vers. Die Rede, die in diesem gleichmäßigen

Rhythmus einherschreitet, wird immer als eine erhöhte empfunden.

Der Rhythmus lässt einen ungreifbaren „geistigen Hauch“ über die

Diction hinschweben. A.W. Schlegel nennt den rhythmischen Theil

in Shakespeares Dramen kurzweg den „poetischen“.[753] Diese

rhythmisierte Sprache entfernt sich aber doch auch nicht so weit von

der gewöhnlichen Rede, wie etwa die kunstvolle Strophe. In diesem

erhöhten Durchschnittsrhythmus des Dramas sprechen auch die Personen

in der „Genoveva“ immer dann, wenn sich der Inhalt ihrer Rede über das

Vertrauliche und Gewöhnliche erhebt, aber doch den hohen Schwung der

außerordentlichen seelischen Momente nicht erreicht, für welche die

kunstvolleren rhythmischen Formen aufgespart sind. In dieser Mittelhöhe

setzt der Prolog ein. Siegfrieds und Genovevas Abschiedsgespräch,

die Feldherrnscenen, die Dialoge zwischen Golo und Gertrud, Golo und

Genoveva sind meist auf diese mittlere rhythmische Höhe gestimmt.

Auch untergeordnete Leute reden in Versen, wenn ein erhöhter Inhalt

ihrer Rede es verlangt. Übergänge von der Prosa in den Rhythmus wurden

schon verzeichnet. Es muss hier noch an die Scenen erinnert werden,

in denen die Sprache der Geringen sich jener der Vornehmen ganz

assimiliert. Hier sind zu nennen die Scene, die uns die Dienerschaft in

ihrer gehobenen Stimmung über den Sieg zeigt,[754] Gertrud bei Genoveva

im Gefängnis,[755] Benno und Golo und die für Genoveva bittende

Gertrud,[756] die Mörder in Gesellschaft Genovevas u. s. w.[757] Wenn

es der Inhalt fordert, sprechen auch die Diener unter sich in Versen.

Wendelin und Else beklagen Genoveva,[758] Grimoald pflanzt seinen

Baum,[759] Wendelin, Heinrich und Else reden über die Wunder, die sie

erlebten.[760] Unklar bleibt wieder, warum Tieck eine Schlachtscene

theilweise in Prosa schreibt[761] und eine andere,[762] in der es

ebenso stürmisch hergeht, in Versen.

Unsere Aufstellungen gewinnen an Wahrscheinlichkeit und eine gewisse

Begründung aus der Romantik selbst heraus durch eine andere Thatsache.

Es ist nämlich interessant zu verfolgen, wie die Art der Vertheilung

von Vers und Prosa bei Tieck im großen und ganzen jenen Principien

folgt, die A.W. Schlegel aus seinen Beobachtungen an Shakespeare

gefolgert und im schon früher angezogenen Horenaufsatze „Etwas über

W. Shakespeare“ niedergelegt hat. Prosa, heißt es dort, entspricht

dem vertraulichen Tone des Umgangs, „Poesie“ einem edleren Gang der

Rede. Der Gebrauch der einen oder anderen Stilart hängt nicht so

sehr am Stande, als am Charakter und an der Gemüthsstimmung der

redenden Personen. Aber eine „gewisse Anständigkeit der Sitten,

die sowohl Tugend als Laster überkleidet und auch unter heftigen

Leidenschaften nicht ganz verschwindet“, trifft man meist, wenn

gleich nicht ausschließend, in höheren Ständen und daher sprechen

gerade Bürger, Bauern, Soldaten, Matrosen, Bediente, hauptsächlich

Narren und Possenreißer bei Shakespeare fast ohne Ausnahme im Tone

ihres wirklichen Lebens. Allein, wenn innere Würde der Gesinnungen

bei niederen Personen sich äußert, so thut sie es auch hier mit einem

gewissen äußeren Anstande (rhythmisch), und so gilt bei Shakespeare

die Rangordnung der Natur und der Sittlichkeit mehr wie die

bürgerliche.[763] Ob Vers, ob Prosa, entscheidet die innere seelische

Höhe. Ferner, sagt Schlegel, kann es selbst im Dasein des erhabensten

Helden Augenblicke des seelischen Nachlassens geben, und dann spricht

auch er wieder in Prosa (Hamlet, der sich wahnsinnig stellt, die

Höflinge zum besten hält, die Schauspieler unterrichtet oder sich in

die Spässe des Todtengräbers einlässt). Jene Gestalten Shakespeares,

die der Pomp des Ranges beständig umgibt, denen ein gleichförmiger

Ernst natürlich ist oder die eine „erweckende Leidenschaft“ beherrscht,

verfallen nie in die vertrauliche Prosa. Es ist nicht schwer und

gewaltsam, dieses Vorgehen wenigstens im allgemeinen in Tiecks

„Genoveva“ wiederzufinden. Beim „Pompe des Ranges“ denkt man gleich

auch an Karl Martell und die Feldherrn, beim gleichförmigen Ernst etwa

an den heil. Bonifacius, Siegfried und besonders an die Heldin Genoveva

selbst, die alle drei keinen arrhythmischen Satz in der ganzen Dichtung

sprechen. Der Blankvers ist das Grenzgebiet, auf dem sich in der

„Genoveva“ hoch und niedrig noch begegnet. Die Diener gelangen nicht

höher, als bis zum gereimten Blankvers, Genoveva, Siegfried, Bonifacius

steigen nie unter den Blankvers hinab.

Über die Verwendung des Reimes bei Shakespeare sagt uns Schlegel,

dass sich darüber nicht ganz so bestimmt sprechen lasse; er hebt

aber hervor, dass sinnreiche Sprüche, besonders in symmetrischer und

antithetischer Ordnung, Scenenschlüsse, zuweilen mit epigrammatischer

Wendung, gereimt sind. Fortgehend reime Shakespeare, wo Feierlichkeit

und theatralischer Pomp passend ist, vielleicht, wo gefällige Spiele

der Phantasie dem Stoffe gemäß sind (Sommernachtstraum, Romeo und

Julia). „Es mag immer sein, dass er mitunter auch aus keinem anderen

Grunde in Reimen gedichtet, als weil er grade Lust daran fand.“[764]

Ein Blick in die „Genoveva“ überzeugt uns, dass Tieck im Gebrauche

des Reimes wieder ähnliche Wege geht, wie Shakespeare. Auch er reimt

sentenzenhafte Verse und verschiedene Antithesenspiele gar nicht

ungern. Tieck liebt es, durch ein Reimpaar oder durch mehrere Reime

einen Einschnitt innerhalb der Scene[765] oder den Scenenschluss

selber[766] auszuzeichnen. Manchmal bildet sogar eine Stanze, ein Drei-

oder Vierreim den Abschluss. Nur etwa beim dritten Theile jener Scenen,

die nicht ganz in gereimten Maßen erscheinen, fehlt der gereimte

Abschluss.[767]

„Theatralischen Pomp“, der den fortlaufenden Reim veranlasst, darf

man nicht mit Unrecht in Karl Martells Antwort an die Gesandten sehen

und in manchen anderen Reden der Kriegsscenen. Jene Antwort Karls

bewegt sich eine Zeitlang sogar strophisch, um aber schließlich

in einfache Reimpaare zu verlaufen. An manchen Stellen, an denen

bei Tieck Reime als Schmuck des Blankverses auftreten, lässt sich

eine Steigerung des rhetorischen Pathos und der Gefühlswärme und

eine gewisse „Feierlichkeit“ erkennen. So im Prologe, in Golos

zweitem Monologe.[768] Wenn Wolf und Genoveva, erfreut über die

Siegesnachricht, aus dem Gespräche ins Gebet übergehen, so stellt

sich der Reim ein. Auch Wolfs Entzücken über den Mohrensäbel ist

gereimt.[769] Wolfs feierliche Ermahnungen vom Sterbebette aus sind

zumeist gereimt.[770] Allein für verschiedene andere gereimte Stellen

will sich kein deutlicher innerer Grund finden lassen. Nun, was

Schlegel an Shakespeare vermuthet, dass er nämlich öfters reimte, weil

er eben Lust daran fand, das dürfen wir bei Tieck sicher mit ebensoviel

Recht vermuthen.

Die Gegner der Romantik verurtheilen das bunte Rhythmen- und

Strophengewebe der romantischen Dramen ohne Mitleid. Merkel nennt

diese Mannigfaltigkeit einen „Unsinn“, der jede Regel der Vernunft

überspringe. Das eine ist richtig, der Eindruck des Gemachten,

Willkürlichen und Gekünstelten wird keineswegs überall in der

„Genoveva“ vermieden. Tieck sucht mitunter zu ferne Liegendes, in

seinem Wesen Verschiedenes zu vereinigen. Die südländlische prunkvolle

Stanze, die zugleich altdeutsch treuherzig erklingen soll, die nämliche

pathetische Strophe für die kindliche Redeweise Schmerzenreichs, Sonett

und Stanze im Dialoge zerfasert: dies sind so innerlich fremdartige

Momente, dass sich kaum eine harmonische Verschmelzung derselben und

ein befriedigender künstlerischer Eindruck erwarten lässt; wenigstens

Tieck ist es nicht gelungen, das Widerstreitende zu versöhnen. Allein

die Dissonanzen sind, wie unsere Betrachtung zeigte, doch nur auf

einzelne Punkte in der Dichtung beschränkt und auf weiten Gebieten der

Dichtung konnten wir ein natürliches, zwangloses Ineinandergreifen von

Form und Inhalt beobachten und nachempfinden. Hier wird durchaus nicht

jede Regel der Vernunft übersprungen. Ein einheitlicher Gesammteindruck

des Werkes wird freilich durch die metrische Vielgestaltigkeit so wenig

gefördert als etwa durch die allzu reich abgestufte Sprache oder durch

den Mangel einer organischen Composition und Einheit von innen heraus.

Aber wir dürfen nur nicht vergessen, dass wir in der „Genoveva“ einen

romantischen Dichtertraum durchträumen. Die Romantiker von 1800 waren

einmal auf dieses Traumbild erpicht und wir müssen hier wiederum den

Autor zuerst aus sich und seinem Gedankenkreise heraus commentieren

und verstehen. Das einzelne vorüberschwebende Bild und seine Stimmung

haben selbständigen Wert und dabei hören wir Inhalt, Sprache und

Rhythmus meistens auf das wirksamste zusammenklingen. Auch Rhythmus

und musikalischer Reimwohlklang haben in der Schätzung des Romantikers

eigenen Wert für sich. Für die einzelnen Situationen unserer Dichtung

sind die metrischen Formen eine anschmiegsam begleitende Musik:

für das Ganze aber wieder nicht mehr, als eine Regel von außen, um

„widerspenstige Elemente in Ordnung zu halten“.

Auch für die metrische Einkleidung wirken die zwei großen Vorbilder

der Romantik, Shakespeare und Calderon, maßgebend in der „Genoveva“

zusammen. Die Shakespearische Form wird nach Tiecks eigenem Worte mit

der spanischen verbunden. Das heißt mit bewusster Folgerichtigkeit von

Tieck gehandelt. Der Geist der romantischen Poesie hatte in Shakespeare

und Calderon verwandte aber zugleich auch verschiedene Organe

gefunden. Die neuen Romantiker, die wieder zur einen romantischen

Urpoesie zurückstreben, machen sich keines Widerspruches schuldig,

wenn sie auch die Darstellungsweisen ihrer höchsten Meister zu

vereinigen und so zu einer höheren Synthese fortzuschreiten suchen.

Bernhardi, der romantische Kritiker, ist mit Tiecks Vorgehen ganz und

gar einverstanden und macht sich anheischig, die einzelnen Silbenmaße

in der „Genoveva“ in einer eigenen Abhandlung zu rechtfertigen.

Vorläufig fällt er nur das allgemeine und im ganzen nicht unzutreffende

Urtheil:[771] „Prose und Silbenmaß und die mannigfaltigsten Arten

desselben wechseln miteinander ab, und aus dem Stoffe ergibt sich die

jedesmalige Darstellung durch ein bestimmtes Silbenmaß als nothwendig.“

* *

*

Tiecks „Genoveva“ ward aus dem Geiste der Romantik geboren und wirkte

entscheidend für das mächtige Anwachsen der katholisierenden Strömung

in Deutschland am Anfange unseres Jahrhunderts und wies so selbst

wiederum der Entwickelung des romantischen Geistes eine neue Richtung.

Auch die alterthümelnde, auf das Deutsche und Vaterländische abzielende

Bewegung bekam einen neuen mächtigen Antrieb. Hettner nennt das Werk

mit Recht die Wetterscheide der Romantik. Tieck selbst nennt sie eine

„Epoche“ in seinem Leben.

Man kann nicht gerade sagen, dass Tieck nur durch Fr. Schlegels

ästhetische Lehren „verdorben“ worden sei. Tiecks eigene vorausgehende

Production und Schlegels Doctrin sowie der romantische Geist von 1800

überhaupt begegneten sich auf halbem Wege. Tiecks phantastische Anlage

und Neigung fanden in Schlegels Gedanken Förderung und Aufmunterung,

das vollendete Werk des einen entsprach daher leicht verschiedenen

theoretischen Wünschen des Genossen; denn die „Genoveva“ wurde

recht eigentlich „die Darstellung eines sentimentalen Stoffes in

phantastischer Form“.

Tieck und Wackenroder entdecken die Poesie des Alten und Religiösen.

Durch Schleiermacher, Novalis, Calderon und Jakob Böhme erhielt

die neue Richtung des immer beweglichen, empfänglichen und leicht

anempfindenden Dichters mächtige Impulse und es sammelten sich in

seinem Gemüthe jene Stimmungen und Vorsätze, die sich an den Stoff

des Genovevabüchleins anschlossen, nachdem noch ein anderer lebhafter

Anstoß durch Maler Müllers Drama vorausgegangen war. Tiecks und der

Romantiker neue Richtung ist zugleich eine energische Opposition gegen

die den Zeitgeist beherrschende Aufklärung. Mit hoher Ehrfurcht tritt

Tieck an das Volksbuch heran, an die ehrwürdige Urkunde alter deutscher

Volkspoesie und dramatisiert die Erzählung von Anfang bis zum Ende

und dieses pietätvolle Festhalten am alten poetischen Stoffe war, wie

wir sahen, ein Verdienst in den Augen romantischer Kunstrichter. Nur

das Allzukarge wird erweitert und abgerundet. Tieck nimmt für die

Bereicherung seines Werkes Motive und Reminiscenzen aus Maler Müller,

Shakespeare, Calderon und verschiedene Gedanken Jakob Böhmes auf, welch

letztere er ein wenig mit zeitgenössischer Naturphilosophie „tingiert“.

Alles, was von geistigen Anregungen damals auf ihn eindrang, findet

in der „Genoveva“ seinen sanften Widerhall. Das Werk wird ein Spiegel

seines Schöpfers und das ist wieder echt romantisch. Fr. Schlegel

verlangt ja vom Roman (und damit von der romantischen Poesie),

er solle eine „Encyklopädie des gesammten geistigen Lebens eines

genialischen Individuums sein“. Die Motive, welche Tieck anderswoher

nimmt, werden „tieckisiert“ und so sein Eigenthum. Die einfache

Legende wird in ihrer neuen Gestalt auch zu einem episch breiten

Zeitbilde erweitert und das geschieht wieder im Sinne der romantischen

Doctrin, der zufolge das romantische Drama das ganze bunte Schauspiel

des Lebens in sich fassen soll. Die Auffassung des Stoffes ist eine

durchgehend legendenmäßig-religiöse, von dem altdeutsch-frommen Sinn

beherrschte und da im Mittelalter die Religion der erste Leitstern

des Denkens und Lebens war, wie Wackenroder und Novalis lehrten und

wie es Schleiermacher für die Gegenwart wieder forderte, so wird

auch das ganze breite Gemälde in religiöse Beleuchtung gestellt.

Alles Komische ist als störend ausgeschlossen. Tiecks Religion ist

aber dabei ein weiches, weichliches Empfinden, unter dessen Einfluss

verschiedene Gestalten die Dichtung, besonders die Heldin selbst zu

kraft- und marklosen Wesen werden. Schleiermachers Gefühlsreligion

gieng durch Tiecks weiches Gemüth hindurch und wurde zum bloßen

poetischen Stimmungshauche. Die Religion in der „Genoveva“ erscheint

zwar überwiegend als Christenthum, zum Theile sogar als ausgesprochen

katholisches Christenthum. Es ist dies aber keine Confession, die

aus Tiecks religiöser gläubiger Überzeugung entspringt, sondern eine

religiöse Kunststimmung, eine „prédilection d’artiste“. Eine geheime

Unterströmung wirklich religiöser Sehnsucht begleitet wohl diese

Kunststimmungen. Die Idee einer synkretistischen, echt romantischen

Religion steht im Hintergrunde.

Stimmung, Licht und Luft, das „Klima“ der Begebenheiten ist für Tieck

wichtiger, als die im festen Causalnexus gegliederte Handlung, als

energisch und klar gezeichnete Charaktere und deren Schicksale. Die

Figuren sind mit wenigen Ausnahmen matt und schemenhaft gerathen oder

vielmehr beabsichtigt. In der Stimmung, besonders in der religiösen

sowie in der Liebe, liegt Unendlichkeit. Auch Zeit und Ewigkeit

berühren sich. Die Religion gewährt „bedeutende Ausblicke“ in die

Ferne. Der Glaube ist unendlich. Kein Wunder, dass die Vermählung von

Religion und Poesie um 1800 zum unerlässlichen Punkte des romantischen

Programmes wird. Dem überschwänglich gesunden Menschenverstande des

Oberaufklärers Nicolai zum Hohn sollte Phantasus den romantischen

Dichtergarten beherrschen.

Nicht bloß stoffliche Universalität verlangt die romantische Theorie,

auch Poesie und Prosa und „alle Gattungen der Poesie“ sollen zum Strome

einer unendlichen Urpoesie wieder zusammenfließen. Auch dies geschieht

in der „Genoveva“, soweit es eben im einzelnen Werke geschehen kann.

Nach Shakespeares Muster werden Epik und Drama ineinandergeflochten und

Vers und Prosa müssen reichlich wechseln.

Lange ausklingende Lyrica und der Formenreichthum der Südländer kommen

unter dem Einflusse Calderons, des zweiten romantischen Großmeisters,

dazu und potenzieren die Künstlichkeit der Form zu nie dagewesener

Höhe. Um das Zusammenweben aller Formen und Gattungen zur freien, auf

die Phantasie gestellten Universalpoesie zu ermöglichen, hatte man

noch das Gesetz geschaffen, dass die Willkür des Dichters kein Gesetz

über sich leide. Dies geschah und so konnte der Poet mit Zeit und Ort

in freiester Kühnheit schalten. Traumartig schweben die Bilder in bunt

wechselnder Mannigfaltigkeit vor unserer Phantasie vorüber, nur durch

den höchst dehnbaren Rahmen von Prolog und Epilog zusammengehalten.

Das monarchische Princip, die Herrschaft eines Helden im dichterischen

Werke, ist gestürzt und eine republikanische Verfassung proclamiert.

Tieck schiebt bald die eine, bald die andere Figur in den Vordergrund,

wie es Fr. Schlegel im Roman verlangte.

Trotz alledem soll aber die romantische Poesie nicht ganz von

aller Zucht und Ordnung losgebunden und so eine unkünstlerische,

ungegliederte wüste Masse sein. Sie soll ein „vernünftiges Chaos“

werden. Sie ist der allseitigsten Bildung fähig „von innen heraus“ und

„von außen hinein, indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Producten

sein soll, alle Theile gleich organisiert“. Auch Tieck sucht Vernunft

in das phantastische Chaos zu bringen. Das bewerkstelligt er durch

die Künstlichkeit einer äußerlichen Symmetrie, durch Contrastieren,

Parallelisieren und allerlei sinnreiche ahnungweckende Beziehungen.

Die Bildung „von innen heraus“, einen alles organisierenden

Geist muss bei ihm die gemeinsame Auffassung, ein durchgehender

„alterthümlich-religiöser Ton“ ersetzen. Tiecks romantische

Künstlichkeit erreicht aber nicht, was Fr. Schlegel im steten Hinblick

auf „Wilhelm Meister“ fordert.

Für die altdeutsche Legende wird außerdem noch dem Costüm einige

Aufmerksamkeit gewidmet, aber jede pedantische Genauigkeit dabei

vermieden. Die ganze archaisierende Dichtung wird von reichlichen

weichen und innigen Naturstimmungen durchwoben. Das Freundliche und

Milde der Natur herrscht, das düstere Grauen ist bis auf kleine Spuren

verschwunden. Hochromantisch ist die sympathetische Beseelung sowie die

malerische und musikalische Auffassung der Natur. Tieck lauscht „dem

wunderbaren Liede, das in den Dingen schläft“. Das Alterthümliche sowie

die romantische Naturandacht bilden im Verein mit dem Religiösen den

einigenden Ton, der außer dem umschließenden Prologe und Epiloge die

verschiedenen Theile zusammenfasst.

Ein Seitenstück zur künstlichen und künstelnden Composition ist die

künstliche und oft auch verkünstelte Sprache und Metrik. Tieck ist

ein souveräner Beherrscher der Sprache; er versteht es, die Perioden

und Sätze zu runden und abzuschleifen, wenn er nicht absichtlich

Unebenheiten dem Archaismus zuliebe einstreut. Es ist keine energisch

charakterisierende, sondern eine idealisierende, nivellierende Sprache,

die sich von der Wirklichkeit entfernt und nur im Äther der reinen

Kunst schweben will. Innerhalb dieser idealisierenden Diction zeigt

sich der Virtuose wieder im Nüancieren nach allen Richtungen. Jedem

Inhalte gibt Tieck mit Leichtigkeit das entsprechende sprachliche

Kleid und zur Sprache tritt der Rhythmus, der sich gleichfalls meist

mit höchster Elasticität dem Inhalte der einzelnen Situationen

anschmiegt. Im ganzen wenigstens gelingt es fühlbar; dort und da fehlt

es nicht an störender Willkür. Eine hohe Künstlichkeit und universale

Mannigfaltigkeit, ein eigenartiger Formenreiz -- lauter romantische

desideria -- werden erreicht.

Selbst die romantische Ironie darf nicht ganz fehlen, das bewusste

Schweben des Dichters über seinem Stoffe auf den Flügeln der poetischen

Reflexion, das Darstellen des Spieles des Lebens als wirkliches

Spiel. Sie tritt in der Einkleidung der „Genoveva“ hervor. Das

ganze ist als auftauchender und wieder verschwebender poetischer

Traum gekennzeichnet, der nur auf poetische, durch die Phantasie

gerechtfertigte Wahrheit Anspruch macht. --

Die Stimmungen, aus denen die „Genoveva“ erwuchs, beherrschten um 1800

den romantischen Dichterkreis. Allein selbst über diesen hinaus lassen

sich ihre Spuren verfolgen. Tieck thut sich etwas darauf zugute, dass

sein Werk nicht nur auf Zach. Werner und ein Heer von katholischen

Dichtern, sondern selbst auf Schillers „Maria Stuart“ und „Jungfrau von

Orleans“ gewirkt habe.[772] Allzu hoch darf aber diese Einwirkung auf

Schiller nicht angeschlagen werden, da Schiller auf einem ganz anderen

eigenen Wege zu einer verwandten Richtung und künstlerischen Anschauung

gelangte. Die Verbindung des Schicksalsmäßigen mit einem katholischen

mittelalterlichen Stoffe konnte Schiller noch am verwandtesten

berühren, wenn er Tiecks Dichtung las. Auffallend ist es immerhin,

dass bei Schiller das Mittelalterliche, der äußere romantische

Prunk, Troubadourmäßiges und kriegerische Bilder, die Verklärung der

Heiligen am Schlusse, das Lyrisch-Musikalische, die vielen Motive,

die episierende Zwanglosigkeit, der Wechsel metrischer Maße sich

in merkwürdig ähnlichen Geleisen bewegen, wie Tiecks romantische

Poesie. Das Katholische und eingeschaltete Lyrik treffen wir schon in

„Maria Stuart“. Lyrisches, Christenthum und Fatalismus begegnen uns

wieder in der „Braut von Messina“. Das Biographische, der episierende

Charakter, das bunte reiche Zeitbild, wortreiche Personen, viel directe

Charakteristik, ein beinahe leidender Held: all das begegnet uns

bereits im „Wallenstein“. In Goethes „Natürlicher Tochter“ findet sich

auch das epische Verweilen bei der Situation, das romantisch Dämmernde,

die höchst idealisierende Form und Sprache. An Herders Wirken, das sich

mehr und mehr den Tendenzen der Romantik nähert, sei nur noch erinnert.

Es geht ein gemeinsamer verwandter Zug durch die Literatur. „Wilhelm

Meister“, an dem sich Schiller und die Romantiker begeistern, ist ein

wichtiges Ferment im großen Processe. Nicht allzu voreilig wird man

also bei verwandten Erscheinungen außerhalb des engeren romantischen

Kreises auf directe Einwirkung von dieser Seite her schließen.

Von hier aus dürfen wir noch einen Blick in jene Literaturperiode

zurückwerfen, in die manche Wurzeln der Romantik gesenkt sind, in

die Sturm- und Drangjahre und auf das Genovevadrama dieser Zeit, das

zwar mit seiner Entstehung um zwei Decennien vor der Romantik der

„heiligen Genoveva“ liegt, aber doch eine directe Verbindung dieser

mit der Geniezeit herstellt. Damals trat Möser zuerst mit weitsehendem

Blicke an das Mittelalter heran. Herder und Goethe wurden von seiner

Begeisterung für das Alte ergriffen.

Im „Götz“ stieg die romantische Ritterzeit lebenstrotzend aus dem

Grabe der Vergessenheit herauf und Herder erweckt das Volkslied mit

seiner ganzen innigen Gemüthsfülle zu neuem Leben. Ritterthum und

deutsche Vergangenheit wurden ein Lieblingsthema der Geniemänner. Unter

dem Trosse der Ritterdramen, die dem „Götz“ folgten, ragte Müllers

„Golo und Genoveva“ ansehnlich hervor, das Stück, welches für Tieck

in besonderer Art bedeutend wurde. Beide Dichter, Müller und Tieck,

greifen in die deutsche Vergangenheit zurück und nehmen denselben

alten, volksthümlichen Legendenstoff zur dramatischen Behandlung auf,

Müller das Puppenspiel, Tieck das Volksbuch. Beide bereichern in

mannigfacher Weise ihre Vorlage und sind dabei von älteren und neueren

literarischen Vorbildern abhängig. Shakespeare, „Götz“ und „Werther“

wirken auf beide Dichter; allein für Tieck vermittelt Müller selbst

die Verwertung jener Vorbilder. Eine shakespearesierende Technik,

ein Sprengen des einheitlichen dramatischen Baues und ein Ausdehnen

in die Breite der dialogisierten Biographie herrscht im Drama der

Geniezeit und ebenso im Werke des Romantikers, die Einschaltung

weicher Lyrica finden wir bei Müller wie bei Tieck. Nicht unbedeutende

Züge giengen direct von Müller auf Tieck über. Ein „eigen Herz“,

freies Entfalten und Ausleben aller Lebenskräfte ist der höchste

Wunsch der Originalgenies in den siebziger Jahren und ein ähnliches

Lebensideal verfolgt die Romantik der Genossen von Jena. Müllers

Mathilde und Tiecks Golo möchten ihre Individualität in schrankenloser

Selbstherrlichkeit gewähren lassen; Golo will freie Bahn für seine

excentrische Leidenschaft, Mathilde für ihre titanische Willenskraft.

Ins Ungewöhnliche streben beide Richtungen hinaus. Beide hassen ja

von Haus aus das Alltägliche, Platte, Nicolaitische. Beide Dichter

arbeiten ziemlich viel Naturempfindung in ihre Werke hinein, Müller

naturalistisch malend, Tieck musikalische Stimmungen erweckend. Dem

Costüm gegenüber sind beide ziemlich sorglos, aber sorgloser und

eigenmächtiger als Tieck ist Müller.

So viele Verbindungsfäden nun auch aus der Geniezeit in die

Romantik herüberleiten, in den zwanzig Jahren, die zwischen beiden

Dichterkreisen liegen, hat sich manches in der deutschen Literatur

begeben, unter dessen Einwirkung die Romantik ihre eigenen Wege geht.

Müller und Tieck behandeln den gleichen volksthümlichen Stoff, sie

nehmen aber eine ganz verschiedene Stellung zu ihrer Vorlage ein.

Müllers Auffassung der Legende ist eine rein weltliche, jene Tiecks

durchaus religiös. Müllers Genoveva hat ihre Heiligenaureole abgelegt,

sie ist zum natürlich unschuldigen Weibe geworden, das Religiöse

ist auf das engste beschränkt. Tieck sucht eine mittelalterliche

Heilige auf schimmerndem Goldgrund zu malen, religiöse Stimmung in

allen Schattierungen beherrscht seine Dichtung. Das Schicksalsmäßige

wird bei Müller mehr im übertragenen Sinne der unwiderstehlichen

Leidenschaft nachgesagt, bei Tieck tritt mitunter ein wirklicher

Naturfatalismus ein. Der romantischen Auffassung entspricht es, dass

Calderon und Jakob Böhme als Vorbilder bei Tieck neben den auch für

Müller maßgebenden Shakespeare treten. Müller nimmt nur die Grundzüge

der Überlieferung auf und schaltet frei und selbständig mit seiner

Vorlage, Tieck hütet sich vor jedem allzukühnen Eingriff in die

geheiligte Tradition. Müller tritt als Dramatiker an die Legende heran

und was seinem Zwecke nicht dient, wird ausgeschieden. Es bleiben zwar

bei ihm noch manche Weitschweifigkeiten, aber nirgends verleugnet

sich bei ihm ein frischer dramatischer Pulsschlag. Tieck führt die

dramatische Form äußerlich auch zumeist durch, aber er geht trotzdem

fast immer als Erzähler und Stimmungsmaler und als romantischer Poet

vor, der „alle Gattungen von Poesie“ vereinigen möchte. Die Romantiker

beurtheilen das Schauspiel nach den Gesetzen des Romans. Ein Vergleich

etwa zwischen Müllers Kerkerscene voll dramatischen Lebens und der

Tieck’schen Kerkerscene voll Empfindungsweichheit und breiter Reden

ohne Vorwärtsbewegung ergibt sprechend die Differenzen zwischen beiden

dichterischen Generationen. Bei Müller treffen wir wenige Scenen,

die bloß um ihrer selbst willen da sind, bei Tieck könnte man eine

lange Reihe streichen, ohne den Fortgang der eigentlichen Handlung zu

stören. Die Sprache endlich ist bei Müller eine leidenschaftbebende,

drastische, oft derbe Prosa, die bis zum Dialect herabsteigt, bei Tieck

ein idealisierender, beflügelter, über die Dinge leicht hinschwebender

Stil, der sich mit einem reichen Chor südländischer Strophenformen

zu gemeinsamem Wohllaut vereinigt. Tieck ist einmal eine vielfach

anders veranlagte dichterische Persönlichkeit als Müller und er hat

zugleich auch an den classischen Vorbildern, die zwischen Geniezeit

und Romantik treten, seine Sprache und Formkunst geschult und treibt

diese bis zur raffinierten Künstlichkeit, die ganz besonders mithilft,

das Ganze in einen hyperidealistischen Hauch zu verflüchtigen.[773]

A.W. Schlegel formulierte schon 1806 den Gegensatz zwischen Geniezeit

und Romantik mit den Worten: „Wie Goethe, als er zuerst auftrat,

und seine Zeitgenossen Klinger, Lenz u. s. w. (diese mit roheren

Missverständnissen) ihre ganze Zuversicht auf die Darstellung der

Leidenschaften setzten, und zwar mehr ihres äußeren Ungestüms als ihrer

inneren Tiefe, so meine ich, haben die Dichter der letzten Epoche die

Phantasie, und zwar die bloß spielende, müßige, träumerische Phantasie,

allzusehr zum herrschenden Bestandtheil ihrer Dichtungen gemacht.“[774]

Das halbe Menschenalter, das zwischen dem Sturm und Drang und den

Blütentagen der Romantik verfloss, hat der romantischen Dichtung eine

neue Signatur aufgedrückt. Die literarische Strömung der siebziger

Jahre wirkt noch deutlich in der jungen Generation nach, aber diese ist

doch auch zugleich in ihrem inneren Wesen und in ihrer künstlerischen

Erscheinung eine andere geworden.

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 42 / 45 题