6. Der Stil.

Vom Charakter des romantischen Stiles, wie er sich in der Blütezeit

der Schule (1797-1801) entfaltet, gibt Petrichs kleine Schrift „Drei

Kapitel vom romantischen Stil“,[637] ein sehr lehrreiches Bild. L.

Tieck steht theilweise im Mittelpunkte dieser Untersuchungen und auch

auf seine „Genoveva“ wird in manchen Punkten Rücksicht genommen. Da

Petrich aber eine zusammenfassende übersichtliche Darstellung im Auge

hatte, so konnte eine einzelne Dichtung nach ihrer sprachlichen Seite

naturgemäß nicht erschöpfend betrachtet werden. Indem ich dankbar

annehme, was der Vorgänger bietet, versuche ich, die Untersuchung der

einen Dichtung Tiecks zu vervollständigen.

Im Sprachstile müssen wir immer den künstlerisch-sprachlichen Ausdruck

dessen suchen, was die dichterische Einbildungskraft innerlich im

Geiste sich formte, und Hauptaugenmerk der stilistischen Untersuchung

muss es sein, die Wechselbeziehungen zwischen Inhalt und Ausdruck

soweit als möglich zu verfolgen. Tiecks „Genoveva“, die inhaltlich

eine romantische Universalpoesie im kleinen sein möchte, bildet ein

sehr buntes Conglomerat von Motiven und Stimmungen. Man darf da im

vorhinein nicht allzuviel von einem einheitlichen Stilcharakter

erwarten. Ein solcher war vielleicht nicht einmal vom Dichter

beabsichtigt. Da es den vorhergehenden Beobachtungen wenigstens

gelang, drei wichtige Elemente zu greifen, welche die Dichtung zumeist

beherrschen und ihre Physiognomie wesentlich bestimmen, das Religiöse,

das Alterthümliche und ein eigenartiges Naturgefühl, so liegt es auch

nahe, diese Grundströmungen in der Stilisierung zu verfolgen; denn

diese eigenartigen Stimmungen müssen sich in angemessenen, eigenartigen

Worten und Bildern äußern, um dem Gemüthe des Lesers wiederum ähnliche

Stimmungen zu suggerieren.

Die von der Naturphilosophie vielfach befruchtete Weltanschauung der

meisten Romantiker ahnt und sucht hinter der sichtbaren Welt eine

höhere, unsichtbare, geistige, und bemüht sich ohne Aufhören mit

verlangendem Seherblick in dieses unbekannte Jenseits einzudringen.

Das gibt auch ihrer Stilistik ein eigenartiges Gepräge.[638] Tiecks

„Genoveva“, die nur an einzelnen Stellen von der Naturphilosophie

berührt wird, ist überwiegend von der christlich religiösen

Auffassung beherrscht. Die transscendentale Welt und was sonst zur

Religion gehört, ist darum hier zum größten Theile identisch mit den

christlichen Anschauungen von Leben und Jenseits und wird nur in

geringerem Maße von Naturphilosophie und Böhmes Theosophie bestimmt.

Die Stilmystik -- ein von Petrich geprägter Terminus -- in der die

Beziehungen zwischen Welt und Überwelt sich spiegeln, wird darum

hier eine vorwiegend christliche Färbung annehmen, die „Gefühle der

Andacht“, „die Wunder der Legende“, das „Unglaubliche“ werden in erster

Linie eine christliche Sprache reden.

In ziemlicher Anzahl verwendet Tieck in der That religiöse Ausdrücke

und Wendungen, wie sie in Gebet und Predigt und in Erbauungsbüchern

einen ständigen Wortschatz bilden, z. B. „erbauen“, „frommes Herz“,

„liebe treue Seele“, „unsere heilige Religion“, „Inbrunst“, das

Schlusswort „Amen“, die fromme Grußformel: „Es segne Euch der Herr,

behüte Euch, er sei mit Euch auf allen Euren Wegen“ oder „Nun

gute Nacht, der Herr mag Euch bewahren mit seinen auserwählten

Engelschaaren“ oder „Schön warmer Tag. Gelobt sei Jesus Christ“.

Karl Martell citiert betend die Psalmworte: „Gedenk’ nicht meiner

Sünde! Geh’, o Herr, nicht mit mir in’s Gericht!“ Biblische Worte

werden verwendet in der Schilderung der Visionen,[639] in Dragos

Erbauungsrede[640] und vereinzelt noch öfter. Genoveva gebraucht

ein paarmal die Worte des Vaterunser.[641] -- Mit religiösen

Gewohnheitsphrasen, wie „was Gott mir beschieden“, „mit Gottes Hilfe“,

„wollte Gott“, „bewahre“, „Gott lass es ihm wohl geh’n“, „Gott

helf’ mir meiner Sünde“, „Gottlob“, „Herr Gott“, „heiliger Gott“,

„Gotteswelt“ u. dgl. ist Tiecks Stück reichlich bedacht und diese

verschiedenen Ausrufe und Anrufe werden hier ohne Unterschied von guten

und schlechten Christen gebraucht.

Die Gefühle der Andacht entfalten sich im Gebete und in der frommen

Betrachtung. Das Gebet erscheint in der „Genoveva“ gewöhnlich in

der Form des feierlichen Anrufes. „O Auge Gottes, das vom Himmel

schauet, nimm Du ihn gern in Deinen großen Schutz“...[642] Ein wenig

lahm klingt daneben Karl Martells Aufforderung zum Preise Gottes an

die Umgebung:[643] „Der Herr hat wundervoll für uns gestritten, man

preise ihn durch laute Freudenlieder, man bring’ ihm Dank und lasst

uns kindlich bitten.“ Die religiöse Belehrung und Ermahnung kleidet

sich gern in die Form der Anrede. „So wird Euch Gott mit seinem Schirm

geleiten...“[644] Wir finden auch die allgemeine Form des betrachtenden

Vortrags, der nur lose in den Dialog eingehängt erscheint. Hieher

gehört die Rede des Kapellans an Genoveva,[645] sowie die Betrachtung

Dragos über die irdischen Leiden.[646] Da diese an die Lesung der

Legende anknüpft, so gemahnt sie schon an jene Art von Predigten, die

Novalis schreiben wollte. Noch mehr ist dies der Fall, wenn sich eine

solche Rede an eine kleine Gemeinde richtet, wie Wendelins Erklärung

der Heiligenbilder.[647]

Um den Krieg Karl Martells als Kreuzzug erscheinen zu lassen und

den Enthusiasmus des frommen ritterlichen Kämpfers zum Ausdruck zu

bringen, nimmt der Dichter eine Reihe stilistischer Mittel zuhilfe. Mit

Wendungen, wie „heiliger Krieg“, „für Christum fechten“, „in Christ

bestehen“ und verwandten Phrasen wird nicht gespart. Es wird immer

an Stellen, wo man hin und wieder auch „die Feinde“, „die Unseren“

erwarten möchte, consequent „die Heiden“, „die Saracenen“, „der

Muselmann“, „die Ungetauften“ und auf der anderen Seite „die Christen“

eingesetzt. Die Mohren rufen: „Mahom!“ „Allah!“ „Beim Allah!“ die

Christen: „in Gottes Namen denn!“ „Herr Christ, magst mir im Streit

beisteh’n!“ u. s. f.

Gegen Ende der Dichtung sehnt sich alles nach der Ewigkeit und diese

Sehnsucht spricht auch aus manchem eigenthümlichen Worte heraus.

Genoveva blickt aus der Wüste aus „in das schöne Land“.[648] „Schon

schlaf’ ich ein, schon zieht mein Geist von hinnen.“[649] „O lass

sie zieh’n, denn das ist ihr Verlangen, nach Himmelslichte steht

ihr frommer Sinn.“[650] „Sie geht voraus, wir kommen nach in unsers

Vaters Haus.“[651] „Ach Gott, magst... uns auch ein feines, sel’ges

Ende geben.“[652] „Siegfried hofft in Gottes Licht zu funkeln.“[653]

Das Leben ist eine „Wallfahrt“ nach dem Himmel. In all diesen Worten

der Himmelssehnsucht liegt wegen ihrer schlichten Einfachheit eine

große Kraft und immer erwecken sie die Vorstellung vom Hinwegsehnen

und Hinausblicken aus dieser Welt nach einem fernen, schönen, seligen

Lande. Dies gibt den letzten Theilen der „Genoveva“ einen sanften,

wehmüthig-frohen Anhauch, der sich recht glücklich mit der großen

Stille und Einsamkeit zu poetischer Wirkung eint. Wie wir früher die

Poesie des Fernen in die Naturstimmung hereinklingen hörten, so mengt

sich hier mit anderen religiösen Empfindungen dieser echt romantische

Sehnsuchtsklang, den wir noch in Eichendorffs „Ewig träumen von den

Fernen“ deutlich vernehmen.

Ein Lieblingswort Tiecks und der Romantiker ist das Wörtlein

„wunderbar“[654] und daran reihen sich verschiedene Synonyma. Nicht

bloß das eigentlich Wunderbare wird bei Tieck als solches bezeichnet,

sondern „wunderbar“, „wundervoll“ u. s. w. begegnen uns auch dort

gerne, wo es sich nur um etwas Außerordentliches im gewöhnlichen

Sinne handelt. Wir hören von Golos „wunderbarer Tugend“. Zulmas Thun

ist „wundervoll“, sie ist ein „wunderbares, unglückselig Weib“. Die

Saracenenschlacht ist „wundervoll“ und „wundersam“. Genoveva ist für

Golo ein „Wunder“, sie „weckt die hohen Wunder auf aus verborgenen

Tiefen“. „Wunder über Wunder“ ruft auch Gertrud bei Genovevas

Einkerkerung. Dann begegnen uns wieder „Wunderschein“, „wunderthätig“,

„wunderlich“, „Zauber“, „Zauberschein“ neben häufigem „seltsam“,

„seltsamlich“. Solche Wörtchen sind allerdings einzeln genommen

fast gewichtlose Atome, in Masse aber die Sprache erfüllend, sind

sie imstande, selbst jenen Theilen der Dichtung, die nicht gerade

Sammelpunkte religiösen Empfindens sind, eine Art religiöser Färbung

zu verleihen und in uns beständig das Gefühl des Außerordentlichen

anklingen zu lassen. In einer Dichtung, die das Unglaubliche in

Verbindung mit der nächsten, überzeugenden Gegenwart zeigt, muss auch

das Irdische dem Wunderbaren etwas näher gerückt werden, damit sich für

unsere Phantasie nicht eine zu unübersteigliche Kluft zwischen beiden

Welten aufthut.

Das Wunderbare entfaltet aber seine besonders blendende Leuchtkraft

in den Wundern und Visionen, die der Dichter jedesfalls selbst als

die Gipfelpunkte des Religiösen in der „Genoveva“ ansah. Beide werden

fast immer in Erzählungsform vorgeführt. Genoveva erzählt jedesmal

selbst ihre Vision in einer feierlichen Rede, die von Vergleichen und

Bildern förmlich überströmt. Alles, was Bilder von Licht und Glanz, von

Gesang und himmlischem Klang in unserer Phantasie erwecken kann, wird

zuhilfe gerufen, um den Eindruck der übernatürlichen Herrlichkeit zu

erwecken. Dasselbe gilt auch von den Wundern in der Wüste, soweit sie

mit himmlischen Dingen in Verbindung stehen. Die epische Erzählung wird

gelegentlich mit Lyrik durchwoben. Der Dichter lässt die Erzählerin

das einemal direct sagen, wie ihr zumuthe war. „Da fühlt’ ich erst

die Kraft der Religion...“[655] „Mir war, als schaut’ ich schon den

höchsten Thron...“[656] Ein andermal wieder erzählt der Dichter selbst:

„Das kam wie Blumen um sie her entsprossen...“[657] Die überirdischen

Dinge, die hier der Dichter schildern soll, sind Vorstellungen, die

jede deutliche Darstellung, alle scharfen Contouren ausschließen,

und Tieck wie seine Genossen lieben das Unbestimmte, Verschwimmende,

weil es die Stimmung des Unendlichen erweckt. Darum die unbestimmten

Vergleiche und hypothetischen Wendungen. Das Unbestimmte wird denn auch

manchmal direct betont. „Wie er gestaltet, kann ich niemand sagen, was

ich gefühlt, kann keine Zunge sprechen.“[658] Hypothetisch heißt es:

„Wie wenn das Morgenroth die Knospe wäre...“[659] „Mir war, als schaut’

ich...“[660] „Ich war in Angst, ich möchte...“[661] In der Schilderung

der letzten Vision fallen aber die unbestimmten syntaktischen Fügungen

weg. Es soll auch durch die Sprechweise der Eindruck erzielt werden,

dass Genoveva, in die himmlischen Mysterien bereits eingeweiht, sich

schon sicherer in diesen erhabenen Sphären fühlt. In der Darstellung

dieser hohen Dinge herrschen die langen Perioden vor. Der großartige

Inhalt und die Stanze fordern eine breitausmalende, reich hinflutende

Sprache.

Für die mehr märchenhaften und rührenden als eigentlich hohen Wunder

von der Hirschin und den zutraulichen Thierlein der Wildnis sucht

der Dichter auch seiner Sprache einen mehr naiv herzlichen Ton zu

geben. „Komm, fromme Hirschin, du mir zugesandt, du blickst mich an

mit treuen, lieben Augen.“[662] Besonders müssen hier die Deminutiva

mithelfen.[663] „Die Vöglein sich auf Hand und Häuptlein schwungen...“

„Gieng’s Kindlein aus... so liefen auch die frommen Tierlein mit.“

„Die Tierlein kommen schon... die Vögelein sind dort...“ Die kindliche

Sprache, die von den „Händen“ der Thierlein, eine Sprache, wo der

Sprecher von sich in der dritten Person redet, ahmen die Worte

Schmerzenreichs nach:[664]

„Wo Kräuter sind, da setzen sie die Hände,

Dass Schmerzenreich sie desto bälder fände.“

Das Unheimliche, Ungreifbare der düsteren Geistererscheinung

fordert wieder andere sprachliche Mittel. Unbestimmte Ausdrücke und

Vorstellungen, die aber alle auf Grauen und Schrecken, auf Unheimliches

hinzielen, wirken hier zusammen.[665] Situation: „In einer Nacht...“

Siegfried „dünkt es“, dass ein „Wesen“ (also ganz unbestimmt, welcher

Art) in seine Kammer trete. Das Wesen aber hebt „die kalte Hand“, sein

„todter Blick verkündigt Pein und Jammer“. Es wächst das Gespenst

so halbdeutlich aus dem Dunkel heraus. Es wälzt sich ins Bett, beim

Hilferuf verschlingen es die Wände, es ist ein „Geist“. Das „Gespenst“

erscheint wieder, es verwirrt Siegfried „Sinn und Glauben“, es macht

ihn kalt erschaudern, es starrt mit todten Blicken. Als sich Siegfried

hilfbereit erklärt, erhebt es die weißen Finger und winkend fängt es an

hinwegzuschleichen. All diese Merkmale und Handlungen des Gespenstes

in den angeführten charakteristischen Wendungen wirken sehr gut zum

einheitlichen Eindruck des Unheimlichen zusammen.

Wunder und Visionen werden vom Dichter meist und zwar in bewusster

Absicht episch dargestellt und dieser Umstand verdient auch Beachtung.

Der Epiker hat nach Tiecks Ansicht dem Wunderbaren gegenüber eine

leichtere Stellung als der Dramatiker. Denn in der Erzählung wird das

Wunderbare nicht so lebhaft vor das kritische Auge geführt als auf

der Bühne und der Leser sieht es nur durch das Auge des Dichters.

Die wunderbare Hirschin, Tod und Engel treten aber nichtsdestoweniger

in der „Genoveva“ auf die Bühne. Um für ein solches Wunder Glauben zu

erlangen, gilt es, dasselbe gehörig vorzubereiten, damit wir es als

glaublich hinnehmen. Das thut Tieck auch. Wir leben bei ihm in einer

wunderbaren Welt von Anfang an. Als dichterischer Traum ist das Ganze

gedacht. Eine verwirrende Mannigfaltigkeit lässt den Geist nie so lange

auf einer Erscheinung haften, dass diese allzu reale Existenz gewänne.

Das katholische Mittelalter und das Gebiet der Legende ist für Tieck

ein wunderbarer Boden, auf dem nichts Unglaubliches und Wunderbares

überraschen kann. Der religiöse Ton der Sprache hält uns ziemlich das

ganze Stück hindurch in der religiösen Sphäre fest. Die „wunderbare“

Schlacht, der „Unbekannte“, die Erzählung der ersten Vision, Astrologie

und Hexenkunst, die Rettung aus Mörderhand gehen voraus. Dann folgt

das geringere Wunder mit der Hirschin, darauf die Erzählung der großen

Wunder in der Wüste, und nun ist „der richtende Verstand soweit

eingeschläfert“ und die Phantasie an das Wunderbare gewöhnt, dass

selbst eine leibhaftige Engelserscheinung die künstlerische Illusion

nicht mehr zerstören kann. Zu diesen Erwägungen gelangt man zwanglos,

wenn man Tiecks Gedanken über das Wunderbare bei Shakespeare sich in

Erinnerung ruft.[666]

An einzelnen Stellen tritt in der Genoveva eine mystische

Naturphilosophie auf, die sich mit Jakob Böhmes theosophischen

Phantasien gerne vermengt. Wie dabei auch sprachlich ein Gemisch

aus Altem und Modernem entsteht, zeigte uns die Betrachtung des

Jakob Böhme’schen Einflusses auf die „Genoveva“. Auch der einzelnen

pantheistischen Wendungen wurde schon gedacht.

In die fromme Legende spricht zuweilen das Schicksal oder die

unheimliche Natur ein düsteres Wort hinein. „Das Schicksal hat es so

gefügt“, „die Fäden des Schicksals verlaufen“, ein geheimnisvolles

„muß“ oder die unbestimmte Wendung „uns selber nicht gehört das

ird’sche Leben“ sagen, dass ein unerklärtes und nur dem ahnenden und

schauernden Gemüthe fühlbares Etwas den Menschen treibt und lenkt. Das

Schicksal ist eine „wilde Macht, vom Himmel heruntersiegend“. „Oben das

böse Verhängnis lacht.“

„Himmel und Erd’ in ihrer Gewalt uns hegen,

Die Sternenkreis’ um uns Gewinde legen,

Allseitig in Ketten der hohen Natur geschlagen,

Welche Kraft will sich durch all’ diese Netze wagen.“[667]

Ähnlich sagt Golo von seiner Leidenschaft: „Hält mich ein Zauber

doch in ehernen Netzen...“ Das ist die Sprache des Tieck’schen

Naturfatalismus. Jedes Wort und jede Wendung soll ein Ausdruck des

unheimlichen und unfassbaren Bangens und Schauerns vor dem eisernen

Schicksalszwange sein und diese fatalistische Stimmung auch dem Leser

mittheilen.

* *

*

Mit der Vorliebe Tiecks für das Poetische an den „alten Urkunden“

deutscher Poesie wuchs in ihm zugleich die Vorliebe für den

archaistischen Stil.[668] Die Vorliebe führte zur Nachahmung und so

tragen besonders jene Schriften, die in den Jahren der Freundschaft

mit Wackenroder oder aus den Anregungen dieser Jahre entstanden, das

alterthümliche Stilkleid in wenig verändertem Zuschnitte an sich.[669]

A.W. Schlegel[670] betrachtet es 1801 als ein gutes Zeichen an der

romantischen Dichtergeneration, dass sie auf die ältere, poetischere

Sprache zurückgreift. Er meint, die Dichter seien berechtigt, nicht

nur bis ins 17. Jahrhundert, „sondern bis zu den ältesten Denkmälern

unserer Sprache zurückzukehren, um das brauchbare Veraltete, das noch

verständlich sein kann, zu erneuern; wobei es sich zeigen wird, dass

wir reicher an einheimischen Schätzen sind, als wir wissen“.[671] Nur

ist es heute nicht mehr ganz leicht, den archaisierenden Charakter

der romantischen Werke richtig abzuschätzen und auf die Bestrebungen

dieser Dichter einzugehen; es liegt die Sache hier ähnlich, wie beim

Costüm. Der Leser, der an Freytag und Scheffel sich seine Vorstellungen

vom archaisierenden Stile bildete, bringt andere Forderungen und

Vorstellungen mit, als der Leser, der vor hundert Jahren von den

Werken der Classicisten kam. Wielands „Geron“ und Goethes „Faust“ waren

nur vereinzelte Erscheinungen mit ähnlicher archaisierender Sprache.

Vollends fremdartig erscheint uns, was Tieck selbst in der Zeit seiner

alterthümelnden Schwärmerei eigentlich alles als Archaismus und somit

als sprachlichen Vorzug einer Dichtung gelten ließ. Dies seine eigene

Erklärung:[672] „... das Zufällige, Entstellte, die Abkürzungen, die

oft die Sache dunkel und unverständlich machen, die Ungeschicklichkeit

der Abschreiber und Umarbeiter, ja Schreib- und Druckfehler können

am Ende, wenn die Vorliebe schon bis zum Phantastischen gesteigert

ist, diesen Dingen (Volksbüchern) einen Wert geben, der natürlich

bei abgekühlter Überlegung wieder verschwindet“. Diese seltsame

Vernarrtheit in alles, was mit den alten „Schartecken“ zusammenhieng,

lässt vielleicht manches in Tiecks eigener alterthümelnder

Sprachweise als absichtlich und gewollt erscheinen, was man gerne im

ersten Augenblicke als Druckfehler und Schleuderhaftigkeit ansehen

möchte.[673] Denn nach seiner angeführten Erklärung kann eigentlich

alles, was den Regeln der gewöhnlichen Schriftsprache laut oder

leise Hohn spricht, als Archaismus sein Dasein rechtfertigen. Zu so

argen Consequenzen kam er übrigens in seiner dichterischen Praxis

glücklicherweise nicht. Aber manches wird nur vom Gesichtspunkte jener

Äußerungen aus verständlich.

Nicht alle in der „Genoveva“ eingestreuten Archaismen wirken

gleich mächtig auf die Phantasie des Lesers. Am sichersten und

kräftigsten wird diese von jenen Worten und Wendungen in die alte

Zeit zurückgelenkt, die wirkliche Thatbestände einer vergangenen

Culturperiode ausdrücken. Wenn Siegfried „seinem Lehensherrn“ Karl

Martell als „wackrer Grafe“ dient, wenn er den „Knaben“ Golo zum „Vogt“

seines Schlosses bestellt, wenn von „Freien und Vasallen“ die Rede

ist, wenn Golo mit der „Armbrust“ auf der Jagd erscheint, so haben

wir Worte vor uns, von denen jedes uns direct ins Mittelalter, oder

wenigstens in eine ältere Zeitperiode (die Romantiker rechnen auch

das 16. Jahrhundert noch zum Mittelalter) hineinführt. Mit dem bloßen

Worte wird ein Complex von Vorstellungen älterer Culturzustände und

Thatsachen vor unserer Phantasie sichtbar. Auch der „Sternengucker“ und

die Hexe mit ihrem mystischen Welsch aus Jakob Böhme vom „Figurieren“

und „Korporieren“ etc. versetzen uns in eine ältere Zeit zurück.

Solche Archaismen ersten Ranges, wie sie wohl heißen könnten, sind

in der „Genoveva“ nicht sehr häufig. Umso zahlreicher begegnen uns

archaistische Worte, Wortformen, Wendungen und syntaktische Fügungen,

die, über die Diction reichlich hingestreut, mehr äußerlich das

alterthümliche Colorit verstärken helfen. Auch hier kommt nicht die

Herkunft der Worte aus einer bestimmten älteren Periode, sondern

aus einer älteren Zeit überhaupt in Betracht. Das ehrende Epitheton

trefflicher Leute ist „wacker“. Wir lesen weiters „empfahen“, „Mauren“,

„doppel“, „gläuben“, „fleug“, „zeucht“, „verbeut“, „beut“, „geneust“,

„dann“ und „wann“ für „denn“ und „wenn“, „anjetzt“, „hernacher“,

„heraußer“, „annoch“, „zumal“, „alleweil“, „allhie“, „allhier“, „letzt“

= jüngst, „was“ als Conjunction für „wie“, „mit erstem“ = bei nächster

Gelegenheit, „weil“ = während, „inskünftige“, „Urtel“, „Trutz“,

„Schalk“ in der alten Bedeutung, „dick“ = dicht, „fein“ (ein „feines

sel’ges Ende“), „frei“ als hervorhebendes Adverb, „spat“. -- Es finden

sich vollere Formen aus der älteren Zeit. Die Anredeform „Lieben“,

„lieben Brüder“, „lieben Freunde“. Dann „Grafe“, „Glücke“, „Herre“,

„Gotte“, „Herze“, „Hofemeister“, „Siegefried“, „zurücke“, „drinne“,

„leichte“, „edele“ etc. Nach Analogie dieser volleren Formen scheinen

„deine“ = dein und „im Maie“ gebildet zu sein. Alterthümlich gemeint

sind auch verkürzte Formen, wie „(ge)kommen“, häufiges „all“ = alles,

„mal“ = einmal, „Wohlgefall“, „Kriegsmann(en)“, „schlug“ = erschlug,

„ließest“ = verließest, „schüchtern“ = einschüchtern, „barmte“, „bost“,

„rückkehren“, „mein(e) Genoveva“, „vorteilen“ = übervortheilen,

„(er)kennen“, „(be)gründen“, „schweigen“ = schweigen machen, „du willt“

= du willst, Präteritalformen, wie „schwungen“, „sungen“, „erklungen“,

„gepreist“, „rennte“, „sie hätte mir bekennt“.

Tieck verwendet Ausdrücke, die der gewöhnlichen neueren poetischen

Sprache fremd sind. „Den Tod den Sündern geben“ = von der Hand der

Sünder sterben, „er wäre besser (tauglicher), bei der Meß’ zu dienen“,

„kann ich in’s Lager ein Gespötte bringen?“ „die Zunge rollt im Kopfe“,

„als Bote stehen“ = das Botenamt versehen, „ein wachsam Auge führen“,

„Rede geben“, „verkehren“ = moralisch schlecht machen, „die Töne

thaten zu mir“, „die Erde muss geöffnet sein“ (werden), „damit es ein

frommes Christenkind erfunden wäre“ (würde). -- Bei zusammengesetzten

Ausdrücken fällt mitunter ein Bestandtheil weg. „Es geht (mit) uns

schief“, „ich halte Euch (für) krank“, „denk (an) des Geduld, der

dorten hängt am Kreuz“, „schon (ist es) Glück genug“, „(es) mag wohl

(sein)“. Auch allerhand syntaktische Kühnheiten und Unebenheiten müssen

nach Tiecks Auffassung zum Archaistischen gerechnet werden. Es wird

z. B. der Satz ohne vorausgehendem Comparativ mit „als“ fortgesetzt.

„Betet... kreuzigt die Brust, als dass Ihr so die heil’ge Kirchenstille

stört“, „es ist Pflicht, man lässt sie nicht allein“, dass die Berge

„von dem Hall geschlagener Waffen, Schilderklang ertönen“, „er sei

der Dein’ im Tode oder Leben“, „(es) schwung sich (etwas) über meinem

Haupte, wie ein Singen“, „wie (sie) Leib und Blut an Christi Tisch

genossen, so mussten sie zum Dank ihm beides bringen“, „Ihr glaubt

doch nun, was Ihr geseh’n, ihn Sünde mit der gnädigen Frau begehen“,

„zu spät umzukehren (= da es zu spät ist, dass ich umkehre), muss der

Frevel ewig währen“, „(ich) fürcht’ mich“, „es ist in wilder Wüst’ all’

ihre Lust, und (sie) fürchtet...“. Die Zaubersprüche der Hexe, welche

den Zweck haben, Siegfrieds Sinn zu verwirren, sind darum auch selbst

syntaktisch verworren. Auch die Stanzen des heil. Bonifacius sind im

Satzgefüge oft recht bequem gehalten. Z. B. „ihr war, als muß (müßte)“,

„sie vernimmt im leisen Chore singen...“, „Das Bild streckt seinen

Arm in während Klingen“. Zu den Eigenthümlichkeiten aus älterer Zeit

gehört noch der Gebrauch des adversativen „und“. „Hoffend, und ich ward

verstoßen“, „Eine Schlacht! Und bedenkt Ihr denn nicht...“, „Unschuldig

ach! Und keiner steht mir bei“. Wir finden die Construction mit „thun“.

„Sense thut schon blinken“, „Kein Gedanke mich hier erreichen thut“.

Das Perfectum statt des Präteritums: „hat sie dann gesprochen“, „und

wenn’s vor Kälte zittern dann gemußt“. In manchen Fügungen hört sich

auch die Nachstellung des Attributes ein wenig alterthümlich an. „Es

schändet Dich als einen Christen rein, verbunden mit dem Mohrenweibe

sein“, „ein Ritter bieder“, „o Crucifix, o Jesu Christe bieder“,

„dieser Knabe fein“.

Entschieden archaisierend ist wiederum der Gebrauch lateinischer

oder lateinisch flectierter Worte oder halblateinischer Wortformen.

„Italia“, „Hispania“, „Carol“, „Carol Magnus“, „Karl Martellus“,

„geistlich Regiment“, „Glorie“, „glorreich“, „vom St. Laurentio und

Sebastian“, „Abatissin“, „Genovevam“, „Gebete rezitieren“, „das

Paternoster nehmen“, „Ora pro nobis sancta Genoveva“. Tieck unterlässt

es auch nicht, jenen auftretenden Personen, die er unabhängig vom

Volksbuche einführt, gut altdeutsch klingende Namen zu geben, wie Kunz,

Wolf, Otho, Günther, Gertrud, Else, Grimoald, Winfreda.

„Ich bin der wackre Bonifacius“, „... seid aufmerksam und laßt Euch

gern in alte deutsche Zeit zurückeführen“, „vernehmet die denkwürdige

Geschicht’ von uns’rer Genoveva heil’gem Leben...“, der belehrende

Zuruf an die Leser „o laßt uns alle diesen Wandel führen, daß wir

die Tugendkron’ erlangen...“, diese Anreden und Ermahnungen an das

Publicum, die altfränkische, naive Art, wie sich der heil. Bonifacius

einführt, werden mit Bewusstsein von Tieck angewendet, um den rührenden

Ton des alten Volksbüchleins nachzuahmen; denn gerade dieser hatte

ihn auch besonders entzückt. In dieser Zeit hält Tieck technische

Unbehilflichkeit noch für liebenswürdig.[674] Auf altväterische

Herzlichkeit zielen jedesfalls auch die Verbindungen der Adjectiva mit

einem „wohl“, „hoch“, „recht“, „aller“ u. dgl. ab. „Liebwerthestes

Gemahl“, „dreimal edler Jüngling“, „vor dem allerteuersten

Marienbilde“, „recht dunkelrotes Blut“, „allerliebster Golo“,

„wohledele Frau Gräfin“, „das allerschönste Glück“, „das allerliebste

Wohlgefallen“, „ein einzig armes Mal“, „allerreinste Tugend“. Eine alte

Färbung der Sprache unterstützen die Adjectivbildungen auf „-lich“

und besonders die auf „-iglich“. „Bedächtiglich“, „bescheidentlich“,

„böslich“, „festiglich“, „fröhlichlich“, „leichtiglich“, „wonniglich“,

„sänftlich“, „sündlich“, „seltsamlich“. Erwähnt sei noch die doppelte

Negation. „Auch ziemt sich Stolz für keinen Christen nicht“, „nie keine

Unthat“, „nimmer keine Lust“...

Manche von diesen Proben ließen sich vermehren, ohne jedoch dadurch

etwas Neues dem bisherigen Materiale beizufügen, das uns bereits

einen Einblick in Art und Weise gewährt, wie Tieck seine „Genoveva“

mit einer künstlichen, archaistischen Patina überzieht. Künstliche

„Schreib- und Druckfehler“ zu machen unterlässt er zwar, aber eine

gewisse Nachlässigkeit in der Schreibweise, ein absichtliches Abweichen

vom Correcten, also eine Tendenz nach jener Schreibart hin, die er

an den alten Volksbüchern abgöttisch bewunderte, lässt sich nicht

verkennen. Der Reiz des Alterthümlichen und Seltsamen steht dem

Romantiker höher als die frostige Correctheit, die man gerne den

Rationalisten überlässt. Diese mochten sich aufs neue ärgern, wie sie

sich einst über den Stil des „Götz“ geärgert hatten.[675] Wie bei der

Behandlung des Costüms geht der Dichter auch hier nicht mit ängstlicher

Consequenz zuwerke, er holt sich seine Archaismen nicht gerade aus

einer bestimmten älteren Periode unserer Sprache her. Er wechselt

manchmal zwischen altem und neuerem Ausdruck ohne ersichtlichen

Grund und schreibt einmal „Thurn“, das anderemal „Thurm“, einmal

„Grafe“, ein andermal „Graf“; er flectiert die Eigennamen „Christus“,

„Genoveva“ bald deutsch, bald lateinisch. Rhythmus und Reim sprechen

selbstverständlich in vielen Fällen ein Wörtlein mit, wie sich leicht

beobachten lässt. So entscheidet der Rhythmus, ob „Herr“ oder „Herre“,

„Siegfried“ oder „Siegefried“, „Hofmeister“ oder „Hofemeister“,

„Karl“ oder „Karol“ gesetzt wird. Daher schreibt sich wohl zumeist

diese durchgehende Abwechslung in den Formen. Dass Tieck sich auch

in der Sprache keinen Zwang in consequenter Anwendung der Archaismen

auferlegt, kommt dem Gesammteindrucke nur zugute. Allzu große

Ängstlichkeit hierin würde das Alterthümliche nur gezwungener, steifer

und verkünstelter erscheinen lassen, als diese leicht aufgetragene

Färbung.

Trotz der schweren Menge von Archaismen lässt sich andererseits bei

einer so ausgedehnten Dichtung, wie es die „Genoveva“ ist, eigentlich

nicht von einem Überflusse sprechen und Solgers Urtheil,[676] es

sei in diesem Punkte „mehr als räthlich“ geschehen, ist nicht

recht verständlich. Wahrscheinlich meint Solger, der jenen extrem

romantischen Grundsatz, nach welchem selbst sprachliche Unebenheiten zu

archaistischen Schönheiten werden, kaum je anerkannte, dass Tieck seine

alterthümliche Sprachfärbung zu oft auf Kosten des neuhochdeutschen

Sprachgefühles anstrebte und so kann man das „mehr als räthlich“ in der

That auch heute unterschreiben.

* *

*

In der sprachlichen Darstellung des Naturgefühles, das in der

„Genoveva“ eine so bedeutende Rolle spielt, zeigt Tieck wieder recht

seine Fähigkeit als Stimmungspoet. Die stilistische Behandlung ist

hier nicht immer ganz gleichwertig. Dem Romantiker ist es beim

Landschaftsbilde weniger um einen bestimmten Inhalt, als um die Seele,

um den Stimmungshauch, der über der Naturscenerie schwebt, zu thun,

wie uns die Kunstgespräche im „Sternbald“ belehren. Das hier von

gemalten Landschaften Gesagte gilt natürlich auch vom dichterischen

Landschaftsbild und Novalis kann sich wie Tieck Gedichte denken, „die

bloß wohlklingend und voll schöner Worte sind, ohne allen Sinn und

Zusammenhang, höchstens einzelne Strophen verständlich, wie Bruchstücke

aus den verschiedenartigsten Dingen“. Tiecks Naturstimmungsbilder

zeigen nicht selten dieses Zusammenhanglose und Verschwimmende. Davon

schreibt sich ihre eigenthümliche Stilisierung her. Bezeichnend ist

das Lied des Schäfers „Himmelblau, hellbegrünte Frühlingsau...“, das

nur als musikalische Phantasie gedacht ist und im „Sternbald“ die

Überschrift „Schalmeyklang“ trägt. In Golos Frühlingsschilderung[677]

werden junges Laub, blühende Bäume, Vögel, Blumen, silberne Bächlein

ohne rechten organischen Zusammenhang nebeneinander gestellt. Wir

bekommen kein deutliches landschaftliches Bild. Der Leser hat die

ersten Züge vergessen, wenn er bei den letzten anlangt. Strahlen,

Farben und Töne im Verein mit Worten seelischen Inhaltes wirken

zusammen, um eine allgemeine Frühlingsstimmung im Gemüthe des Lesers

wachzurufen. Ein landschaftliches Bild bekommen wir nur einmal in der

„Genoveva“ zu sehen und auch dieses ist ein dämmeriges Nachtbild.[678]

Scenerie: Waldgebirge, Nacht, Mondschein. Mit Golo schauen wir von

der Bergspitze in die Tiefe und hören zuerst den Waldstrom, erkennen

dann die Wipfel im Mondlicht, darunter im Scheine „flimmende“ Fichten.

Um uns Gebirge mit gespaltenen Klippen, Wälder, die sich rauschend

neigen. Wieder ein Blick abwärts: schweigende Thäler, aufsteigende

Nebelwolken. Ein Blick aufwärts: die Sterne und schwimmende Wolken und

in diesem Raume, den das Auge durchmessen, hochaufgerichtet die Nacht.

Es ist das Bild einer Gegend, aber es ist ein ruhendes Gemälde, ein

Nebeneinander. Leben gewinnt es dadurch, dass wir einmal mit Golo den

Blick über die Theile der Scenerie schweifen lassen und diese selbst

verräth ein gewisses Leben durch das Brausen, Schäumen, Flimmen,

Rauschend-Neigen, Nebelwolkensteigen und das Geh’n der schwimmenden

Wolken. Sonst muss der Leser in den meisten Fällen die Naturscenerie

sich aus den Scenenüberschriften zurechtlegen. Der Dichter sagt nur

„Garten, Mondschein“, „Garten“, „die Wüste“. Die auftretenden Menschen

sagen, was sie in dieser Umgebung empfinden und ihre Empfindung theilt

sich dem Leser mit. Die Empfindung löst sich dabei mit Vorliebe in

Ton und Schimmer auf, die ineinander strömen und sich durchdringen.

Das classische Beispiel dafür ist die Balkonscene.[679] Da lässt die

„Sirene“ Nachtigall ihre Lieder schallen, die süßen Klänge dringen in

Golos Herz, der Klang lockt ihn zum Verderben hin. Dabei sind goldener

Mondschein und flimmernde Sterne der Contrast zu seiner dunkeln

Leidenschaft. Wenn diese höher auflodert, dann beglänzt sie auch die

Natur unheimlicher, dann „saugt der Mondschein“ am Herzen, die Sterne

„zielen mit Liebespfeilen“. Dazwischen wieder der freundliche Contrast:

das „Spielen“ der Abendwinde, der „murmelnde Gang“ der Bäche. Glanz

und sanfte Töne durchziehen die lyrische Scene und daraufhin sind die

Ausdrücke gewählt. Die Quellen „leiser, lieblicher fließen“, „kleine,

stille Blumen sprießen“, „Winde bringen Kunde“, „Bäume sumsen Lieder“,

„Alles singt“,

„In dem Herzen klingen Töne,

Die sich mit der Nacht verwirren,

Rieselnd durcheinander irren,

All’ in Harmonie und Schöne.“

Schöne, wohlklingende Worte, die rasch vorüberschwebende

Phantasiebilder erwecken, helfen zusammen, das träumerische

Stimmenspiel der Sommernacht zu malen. Die unbestimmten, klangreichen

Worte haben eine „indirecte Wirkung wie die Musik“. (Novalis.) In

Golos Anrede an Genoveva: „Ihr schreitet her und weckt...“[680] ist

die Stimmung der geheimen Magie, mit der die Geliebte die ganze Natur

beherrscht, auch in der Sprache glücklich festgehalten. Unheimlich

gespensterhaft wird das Nachtbild vor der Hexenscene gemalt.[681]

Es „weht die Nacht herauf mit schwarzem Flügel“, die Wolken „zieh’n

und flieh’n“, Geister kommen und geh’n „auf der schwarzen Leiter der

Nacht...“. Ähnliche Worte unheimlichen Grauens findet Wolf für die

unheilkündenden Himmelszeichen. Während Genoveva nur die sanften Laute

der Natur vernimmt, ist es der leidenschaftliche Golo, der wenigstens

manchmal auch einen Blick auf die große, wildromantische Natur wirft

und dafür das entsprechende Wort findet: „Hinaus! dem Winde sei ein

Spiel, den Regenwolken, dem Blitz ein Ziel.“ „Der ferne Strom erklingt

in seiner Macht.“ „So sollte unter uns die Welt verschwinden... es

sollte alles mir gelingen, indess Naturen unter uns vergiengen.“ „Der

Waldstrom braust und schäumt...“ Im ganzen überwiegen aber in der

Dichtung die sanften Naturklänge und das freundliche Schimmern von Mond

und Sternen.

Das nämliche stilistische Mittel, mit dem der Dichter den Leser

beständig in der alten Zeit wie in der religiösen Sphäre festzuhalten

sucht, wendet er an, um im zweiten Theile neben der religiösen und

alterthümlichen Stimmung in uns auch das Gefühl der Waldeinsamkeit rege

zu erhalten. Immer neue Wendungen lassen den Leser nicht vergessen,

dass er im tiefen Walde ist. „Wie schauerlich und einsam ist der

Platz.“ „Auch wüßt’ ich nicht den Weg zu finden aus diesen verworrenen

wüsten Felsen.“ „Die Wüstenei.“ „Hier tief im Berge.“ „Hinter jenem

Walde, der ganz weitab im Scheine glänzt daher.“ „Daß wir allhier, der

Einsamkeit ergeben...“ u. s. w.

Die Beispiele für die Gleichnisse, Metaphern, Composita, die Glanz

und Licht und Blumen bevorzugen, wurden bereits bei Besprechung des

Naturgefühles zusammengestellt.

Das Eigenthümliche in Tiecks Art, das Naturgefühl auszudrücken, ist,

dass der Dichter nie auf die Zeichnung deutlicher, scharf und rein

gesehener Umrisse ausgeht. Schon das Beseelte und Bewegte in seinen

Naturbildern hindert einen scharfen Contour. Aber auch kein organisch

in zusammenhängender Folge sich entwickelnder Naturvorgang wird

vorgeführt, wobei der Leser activ mitschaffend theilnehmen könnte,

sondern Tieck geht auf Stimmungen, höchstens auf ein malerisches

Stimmungsbild aus. Eine Vorstellung wird in der Phantasie angeregt;

bevor sie einen festen Umriss gewinnt, drängt schon eine zweite

verwandte oder wenigstens aus derselben Sphäre entnommene nach, die

aber nicht die vorausgehende deutlich fortsetzt und abrundet, sondern

verändert und theilweise verwischt. Die Bilder und Vorstellungen,

aus denen sich ein Landschaftsbild zusammensetzen könnte, werden in

bunter Verwirrung durcheinander geworfen. Bei einem solchen Kommen

und Gehen und leisen Durcheinanderfließen der Phantasiebilder,

unterstützt durch den sinnlichen Klang von Wort und Reim, bildet sich

jener unbestimmte, zart-schwebende Ton im Gemüthe, den wir Stimmung

nennen. Der Leser ist nie gezwungen zum energischen Nachbilden der

dichterischen Anschauungen, er wird auch nicht in ein bestimmtes Gefühl

hineingezogen, sondern er gibt sich rein passiv wie bei der Musik dem

wohligen Spiele der vorüberschwebenden Bilder und Klänge, die nur von

unklaren Vorstellungen begleitet sind, hin. Diese leicht über Dinge

hinschwebende Sprache, die der Seele des Lesers nur einen flüchtigen

Stimmungshauch suggeriert, gefiel den Romantikern außerordentlich.

Es war ihnen die richtige Sprache der rein künstlerischen Stimmung.

A.W. Schlegel schreibt z. B. über die Lieder in der „Magelone“, die

verwandten Charakter zeigen: „Die Sprache hat sich alles Körperlichen

begeben und löst sich in einen geistigen Hauch auf. Die Worte scheinen

kaum ausgesprochen zu werden, so dass es fast noch zarter wie Gesang

lautet.“ Novalis nennt die bestimmten Gedanken und Empfindungen

die Consonanten, die unbestimmten Stimmungen die Vocale und Töne

im Seelenleben. Diesen Anschauungen entspricht die romantische

Stilisierungsart.

* *

*

Unsere bisher geführte Untersuchung wollte einige Eigenthümlichkeiten

in Tiecks Stilistik feststellen, die sich ziemlich gleichmäßig

über die ganze Dichtung hin verfolgen lassen. Es erübrigt noch,

einige Beobachtungen zu versuchen, die sich mehr auf einzelne

Bestandtheile des bunten, vielgestaltigen Werkes richten. Einzelne

von den längeren lyrischen Monologen verdienen unsere Aufmerksamkeit.

Der ausgedehnteste darunter ist jene Einleitung zu Golos letztem

Liebesantrag. Situation: Garten. Hereinbrechender Sommerabend. Golo

schaut in sein Inneres hinein, das im allgemeinen Aufruhr begriffen

ist. Aus dem Gewirre drängt sich der Gedanke an die nahende Geliebte

hervor. Mit dem Gedanken verbindet sich der Wunsch, sie zu umarmen.

Dem Wunsche folgt das Phantasiebild von der Erfüllung des Wunsches.

Aber der Träumer merkt, dass es nur Phantasie ist und bittet die

Sterne um Verwirklichung des erträumten Glückes. Recitativisch, in

freien Rhythmen, voll rhetorischer Figuren stürmen diese Wünsche

dahin. Feine und allmähliche Übergänge fehlen. -- In ein erhabeneres

Bild eingekleidet, das Sinnliche weniger offen hervorkehrend, in

feierlichen Stanzen gewinnt der nämliche innere Vorgang folgende

Gestalt: Die ganze Natur erwartet Genoveva; die ganze Natur mag

unter Golo in Trümmer stürzen, wenn er nur die Geliebte in den Armen

halten könnte. -- Anknüpfend an Genovevas Kleid, an ihren Gang und

Tanz schwelgt hierauf wieder Golo in wilderen, sinnlichen Phantasien

und wieder freirhythmisch wie das erstemal. -- Nach diesem Aufwallen

ebbt die Gefühlswelle wieder in eine ruhige Bahn zurück. In einem

weichen, wehmüthigen Anruf an die Sehnsucht verlangt Golo, wenigstens

in seinem letzten Augenblicke von einem Wahnbilde Genovevas beglückt

zu werden. Diese ernste, wehmüthige Bitte an die Sehnsucht erscheint

wieder in Stanzenform. Im „Getreuen Eckart“[682] sagt der Dichter

einmal: „Eckart schaute seinen inneren Gedanken zu.“ Das nämliche

thut hier Golo monologisch. Er schaut zu und schildert zugleich, wie

in seinem Gemüthe die Leidenschaft bald wild aufschäumt, bald ruhiger

und gemessener hinströmt, und danach wechselt die stilistische und

metrische Einkleidung. Ein ähnliches Variieren lässt sich beobachten in

Golos Monolog: „Ihr hohen Bäume, heilge, dunkle Gänge“,[683] deutlich

in Karls Betrachtungen über den Ehrgeiz,[684] nicht mehr so deutlich in

Zulmas Monolog vor dem Zelte ihres Geliebten.[685] Diese Gefühlsergüsse

erscheinen wie romantische Poesien im kleineren Maßstabe, wie

„einfache, poetische Systeme“. Eine Gesammtstimmung beherrscht das

Ganze. Innerhalb dieser Atmosphäre wogt es bunt und mannigfaltig

durcheinander. Wie es Novalis von den Theilen des Romanes verlangt,

wird auch hier das lyrische Stück „ein eigenes Ganzes“. Ähnliches lässt

sich an den lyrischen Theilen des „Zerbino“ und „Octavian“ beobachten.

Eine sonderbare Art, die gegenwärtige Gemüthsverfassung auszudrücken,

ist es, wenn Tiecks Personen dieselbe mit vergangenen Gemüthszuständen

vergleichen. Hieher gehört Golos Monolog: „Was willst Du hier?“[686]

Genovevas Sonett in der Balkonscene[687] und Golos Lieder: „Da irr’

ich unter Steinen“[688] und „Sieh’ Laute, sieh’, so reiß ich dich in

Splitter“.[689] Ebenso die lange Rede Golos im Dialog mit Gertrud: „Nur

einmal ihren Busen an den Mund“[690] und die Klagen und Mahnreden des

sterbenden Wolf.[691] Durch solch künstelndes Parallelisieren, durch

das spielende Schweben über der Empfindung wird der kräftige Eindruck

des unmittelbar Gegenwärtigen verhindert, das Ganze verflüchtigt. Eine

einfachere, aus dem Gemüthe kommende Sprache führt das Lied „Dicht von

Felsen eingeschlossen“, „Deine Worte sind im Dunkeln“ und die klagende

Genoveva in der Wüste.

Auch im religiösen Empfinden vermisste Solger das „unmittelbar

Gegenwärtige“ und er dachte dabei gewiss an jene Stellen, wo Genoveva

sagt, dass sie „nicht so Andacht“ als „die Liebe zu den alten Zeiten“

am Legendenbuche erfreue. Die Menschen in der „Genoveva“ sehen auf die

Vergangenheit mit gleicher Ehrfurcht zurück, wie die Romantiker, und

aus dem Gefühle der Ehrfurcht und Hochschätzung der frommen Vorzeit

heraus spricht man von „frühern Zeiten“, „alten Zeiten“, „fabelhaften

Zeiten“, „der alten, deutschen Zeit“, „den vor’gen Helden“, „dem

alten Liede“, „den alten Liebesreimen“. Wolf ist ein „Abbild der

verfloss’nen, treuen Zeit“. Es ist die Rede von „alt verlaufenen

Geschichten“, von „Fabel und Gedicht aus ferner Zeit“, „von alten

Mären“ wie in den Schriften Wackenroders oder im „Sternbald“. Im

„Octavian“ spricht man dann von „alten, edlen Liedern“ und Florens

setzt sich wie Don Quixote durch das Lesen von Ritterbüchern und

Liedern allerhand Hirngespinste in den Kopf. Tieck hat seine Freude am

Alten und seine Sehnsucht danach „zu körperlich und zu buchstäblich“

in seine Dichtungen hineingebracht und dies empfand Solger als

„manieriert“.

Neben den Ausblicken in die ferne Vorzeit finden wir auch die

Perspectiven in räumliche Fernen und für diese Ausblicke findet Tieck

seine eigenen ahnungsreichen Worte. „Wo bist du Glück in Himmelsbahnen,

wo schwingst du in Räumen die hochrothen Fahnen?“ „Der Wald, der ganz

weitab im Scheine glänzt daher“, „jene Weiten“, „dort hinterm fernsten

Walde liegt ein Schloß“. „Jenseit des Himmelsblau.“ Erinnern wir uns

jener Ausblicke in die ferne Zukunft („Weit hinab schaut des Propheten

Blick“) und in die Ewigkeit, so haben wir eine Reihe von Worten und

Wendungen beisammen, aus denen der Eindruck des Ahnungsvollen, in der

Ferne Verschwimmenden, des Unendlichen resultiert. In der Entfernung

wird alles Poesie. Wendungen und Worte, die den inneren Sinn in Zeit-

und Raumfernen lenken, lassen die Ahnung des Unendlichen anklingen, sie

leihen „der Aussicht eine Seele“.[692] „Die Bilder der Romantik sollten

mehr erwecken als bezeichnen“, sagt Heine.

In der Freundschaft mit Wackenroder lernte Tieck den Wert positiven,

innigen Empfindens schätzen, in Novalis fand er einen Freund, der

selbst die „herzliche Phantasie“ einen Grundzug seines Wesens nannte.

Dabei lernte Tieck selbst Innerlichkeit und Empfindungen, die ganz und

voll die Seele füllen, schätzen. Das merkt man auch seiner Sprache

an. Das Betonen des Innigen und Herzlichen in der Darstellung der

religiösen Gefühle und reinen Liebesempfindungen fällt dem Leser der

„Genoveva“ und der ihr zeitlich nahestehenden Dichtungen unwillkürlich

auf. Eine Reihe bezeichnender Wendungen bewegt sich in dieser Richtung.

Von Bonifacius sprach das Alter, dachte die Jugend „mit des Herzens

Innigkeit“, „so spricht mein armes Herz“, „des Herz mir so vom Herzen

ist ergeben“, „so dass sie (die Weise) mich bis in mein Herz bewegte“,

„da ihr’s so schlicht und herzlich singt“, „wenn ich Euch liebe und

mit treu’stem Herzen in dieser Liebe Leben, Herz verzehre“, „der

Ton ist mir in’s tiefste Herz gedrungen“, „herzlich sei im Herzen

der verflucht, der mich...“, „inniglich so Geist wie Herz bewegen“,

„das innere Weh der Trennung“, „da ward mir recht im innern Herzen

bange“, „innig lieben“, „herzinnig bereuen“, „innig überzeugt sein“,

„vom Herzen und mit ganzer Seele“, „im Gemüthe erwägen“, „Wie ich

noch tief im Seelenfleh’n befangen“, „Ich war im tiefsten Beten noch

verloren“, „sich in tiefes Sinnen versenken“, „ich bin mit meinem Gram

allein“, „mit der Seele nach dem Himmel streben“, „ich will in mein

Gemüth zurücke geh’n“, „Laß’ sie mich martern, wenn sie nur das Herz

mir lassen, denk’ ich Dein im Tode noch“, „Ihr seid zu finster in Euch

selbst verschlossen“, „ein seelerfreuter Mann“, „mit inbrünst’gem

Herzen“, „inbrünstige Angst“. Innig hört sich auch das Beiwort „lieb“

an, das Tieck mit beseelten und unbeseelten Dingen verbindet. „Liebe

Berge“, „das liebe Lamm“, „liebe treue Augen“, „lieber, heller Morgen“

u. s. w. Es macht fast den Eindruck, als ob Tieck diese poetisch

schönen, gemüthreichen Wendungen durch zu häufigen Gebrauch und

besonders durch die wortspielerische Art, die er nicht lassen mag, in

ihrer Kraft beeinträchtige.

Wie für die edlen Empfindungen, so hat Tieck auch für die entfesselte

wilde Leidenschaft seine wiederkehrenden Lieblingsworte. Solche

sind „rasen“, „toben“, „toll“, „wild“ u. dgl. „Tolle Worte“, „die

Nacht macht Euch toll“, „der wilde Sinn“, „die wilde Macht“, „habe

fast die Wildheit Euch verzieh’n“, „o schafft mir Gnade vor den

wilden Freunden“, „so wild, so rasend“, „die große Raserei dem Pöbel

predigen“, „rasende Sinnen“, „Ihr könnt mein Rasen seh’n?“, „was ras’

ich denn?“, „es rasen Freund’ und Feinde durcheinander“, „die Wuth

macht Euch stammeln“, „o Wuth -- o Feuerflamme...“ Golo „rast und tobt

wie ein wildes Tier“, „es ist nicht die Rede, herzurasen wie ein wildes

Tier“, Karl Martell „tobt wie ein wütend’ Tier“, Golo „wütet, rast...“

Daneben begegnen noch „verrückt“, „unsinnig“, „Gefühl und Wunsch und

Wahnsinn durcheinanderirren“. Mit diesen und ähnlichen starken Bildern

wirken die Vergleiche mit dem Feuer, dem wilden Tiere zusammen und dazu

kommen an besonders erregten Stellen abgerissene, kurze, gestammelte

Sätze. Diese erregte, ans Excentrische und Überreizte streifende

Diction ist die passende Sprache der Leidenschaft für Golo.

Auch dort, wo es sich nicht um eine hochgespannte leidenschaftliche

Erregung handelt, spürt man die Neigung zum Ungewöhnlichen, zum

Heraustreten aus der Sprache der gewöhnlichen Alltäglichkeit. Es ist

dies das selbstverständliche Vorrecht jeder poetischen Sprache; nur

nimmt der Vorgang beim Romantiker gelegentlich seine ganz eigene

Gestalt an. A.W. Schlegel meint:[693] „Es ist ein erhabener Geschmack,

die Dinge immer in der zweiten Potenz vorzuziehen.“ Damit macht

Tieck in seiner Sprache nicht selten Ernst und bringt damit etwas

Ungewöhnliches, Nachdrückliches und Überschwängliches in dieselbe.

Es verstärken sich wiederholte Worte. „Ich suche Schutz und finde

keinen, keinen als in Euch“, „ein leises, leises Rauschen“, „der süße,

süße Name König“, „dass es endlich, endlich dem schlagenden Herzen

genügt“ u. s. w. Beliebt ist die Verstärkung eines Begriffes durch sich

selbst oder durch ein Attribut aus gleichem Stamme. „Des Herz mir so

vom Herzen ist ergeben“, „auf Dein eignes Glück Dein Glück zu wagen“,

„in dem Frühling Frühling sich entzündet, aus Blumen sich noch eine

Blüte windet“, „das heil’ge Feuer... das den Glanz beglänzt und Licht

der Sonne leiht“. Tieck ist imstande, einen psychologischen Vorgang

in einen zweiten einzuschachteln: in ihrer Erzählung von der eigenen

Jugend erinnert sich Genoveva ihrer Erinnerungen.[694] Bei solchen

Kunststücken fällt einem Fr. Schlegels Wort über die reflectierende

romantische Poesie ein, die ihre Reflexion „immer wieder potenzieren

und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln verfielfältigen“

kann.[695] Diese Sprache strebt ins Außergewöhnliche, aber sie

verwischt zugleich die klaren Umrisse.

Jene Merkmale, aus denen Petrich die allgemeine Unklarheit des

romantischen Stiles herleitet, lassen sich natürlich auch in der

„Genoveva“ beobachten und die Beispiele, die Petrich anführt, könnten

durch verwandte aus dieser Dichtung bereichert werden. Für Bilder

und Gleichnisse werden auch hier Traum und Schlaf,[696] sogar das

Gefühl des auferstehenden Todten[697] verwendet! Das Gebiet des

Gehörsinns und die undeutlicheren Wahrnehmungen des Gesichtssinnes

liefern für Bild und Gleichnis auch manchen Beitrag und die bekannte

romantische „Gütergemeinschaft der Sinne“ besteht in der „Genoveva“

gleichfalls zu Recht. Nur möchte ich nicht, wie Petrich, in diesem

Vermengen der Vorstellungen „ein Mittel andeutender Unbestimmtheit des

Ausdruckes“ sehen, sondern es ist (abgesehen von Tiecks natürlicher

Neigung zur Stimmungspoesie) nur ein Versuch, auch in der Sprache so

viele Anschauungsgebiete als möglich, auf einmal zu umfassen. Die

„Phantasieen über Kunst“ geben darüber deutliche Auskunft. Es ist der

nämliche Zug nach Universalität auch im dichterischen Worte, den die

Romantik überall bethätigt, sei es, dass sie „der Bildung Strahlen

all in Eins zu fassen“, sei es, dass sie die künstlerischen Gattungen

oder die verschiedenen Religionen in Eins zu mischen strebt. Manche

Äußerungen Fr. Schlegels scheinen auf eine absichtliche Unklarheit

abzuzielen, bei Tieck ist diese sicher nicht Zweck, sondern nur die

Folge des Bemühens, zu Verschiedenartiges auf einmal im Worte zu

greifen, die Folge seiner ganzen dichterischen Wesensart.

Die Häufung verschiedener Bilder finden wir in der „Genoveva“ ebenso

wieder,[698] wie die Unklarheit im Ausdrucke der Bilder selbst.[699]

Beabsichtigt kann die Unklarheit nur in den Reden des „Unbekannten“

und in den Sprüchen der Hexe sein. -- Das Fehlen des Artikels,

fehlende Copula, fehlendes „zu“ beim Infinitiv, der freiere Gebrauch

der Präpositionen, sowie die Limitation des Urtheiles durch ein

„vielleicht“, „ist es nicht, als wenn...“, „mir ist, als ob...“ lassen

sich in der „Genoveva“ in gleichem Maße verfolgen, wie es Petrich bei

den Romantikern im allgemeinen thut. Nehmen wir noch dazu das Wörtchen

„abwärts“ mit den verwandten Vorstellungen, die uns in der „Genoveva“,

im „Sternbald“ wie in den übrigen gleichzeitigen Dichtungen in Menge

begegnen, so haben wir die wichtigsten, fassbaren stilistischen

Merkmale in der „Genoveva“ ziemlich erschöpfend verzeichnet.

Von der alltäglichen Sprache entfernen sich auch die Tropen und

Figuren. Tropischer Ausdruck ist in der „Genoveva“ häufig verwertet.

Allein bezeichnend für die Stilfarbe sind nur jene bereits erwähnten

Vorstellungen, die aus der Sphäre von Glanz, Feuer, Klang und

Blumen entnommen sind. Andere, wie „süßer Odem“, „einsamer Wald“,

„trüber Blick“... sind ziemlich jeder poetischen Diction eigen. Als

Eigenthümlichkeiten, die gerade bei Tieck gerne wiederkehren, seien

noch genannt: Der Vergleich mit dem Netze,[700] das Wort „spielen“ in

verschiedenster Verwendung,[701] „regieren“ vom Beherrschen seelischer

Vorgänge durch den Willen.[702] Letzteres hängt vielleicht mit der

astrologischen Vorstellung von den „regierenden“ Gestirnen zusammen.

Noch häufiger als der tropische Ausdruck sind in der „Genoveva“

die rhetorischen Figuren. Es herrschen besonders die Anaphora, die

rhetorische Frage, Ausruf und Anruf, die noch gerne mit „O“ und „Ja“

verstärkt werden. Die scharfe rhetorische Inversion mit „nein“ sowie

die Klimax fehlen nicht.

Die Figuren trennen und verbinden syntaktische Glieder. Sie sind ein

Gerüste, das eine Masse gliedern, belebend abtheilen hilft und auch

eine äußerliche Hilfe, um Unverbundenes zu verbinden. Wie Tieck für die

Gesammtcomposition äußerliche Mittel reichlich verwendet, so verschmäht

er sie auch im einzelnen nicht. Wie dort in der Composition, begegnet

uns auch hier in der Sprache der Contrast. Wir finden ihn in einzelnen

Versen, ja selbst in einzelnen Begriffen.

„Es stellt den heiligen Laurentius vor,

Der in des Feuers Schmach den Leib verzehrte,

Die Heiden legten ihn in Feuerbrunst,

Die Seele stand in lichter Himmelbrunst,

Wie sich Elias hob im Himmelsfeuer,

Ward er erhoben durch ein irdisch Feuer,

Sie wollten ihm die härt’ste Qual bereiten

Und gaben ihm des Himmels Seeligkeiten.“[703]

Ein solches Fangballspielen mit Contrasten ist gar nichts Seltenes

in der „Genoveva“.[704] Auch ein einzelner Vers kann in künstlicher

Zuspitzung den Gegensatz in sich schließen. „Die Christen färben rot

die grüne Flur“, „ein Mann und Thränen?“, „an Worten arm, an Thaten

sollt Ihr kennen den treuen Knecht...“, „ich schlug den Gatten, du

hast mich erschlagen“, „daß es (das Bild) nicht leben kann, das ist

mein Tod“, „nur das Grab kann kühl die Flamme mir ersticken“ u. s. f.

Bis in den einzelnen Begriff drängt sich der Contrast hinein und formt

sich zum Oxymoron. „Sei gütig böser, holder, liebster Satan“, „das

Mögliche, das doch unmöglich ist“, „Tod ein blütenvolles Leben“...

Die contrastierenden Verse erscheinen öfter wieder im syntaktischen

Parallelismus; es treten sich gleichgebaute Sätze gegenüber.[705]

Auch Gruppen von Sätzen[706] oder Strophen des Sonettes[707] werden

contrastiert. Die Anaphora führt ihrer Natur nach zum syntaktischen

Parallelisieren.[708] Tieck vermeidet aber doch wieder dabei eine

allzugenaue Symmetrie, die eintönig werden müsste.

Auf den syntaktischen Bau übt daneben besonders die Strophenform der

Octave einen bedeutenden Einfluss. Sechsundfünfzigmal (von 122), also

beiläufig in der Hälfte der Octaven versucht es der Dichter, die ganze

groß aufgebaute Strophe mit einer einzigen Periode zu füllen. Die

Form dieser Strophe ist deutlich auf Zweitheiligkeit (6+2) berechnet.

Mit diesem Schema rechnet dann auch der Bau der Periode. Es enthalten

das einemal die zwei letzten Verse die Spitze der Gedankenreihe, die

sich in den sechs vorausgehenden Zeilen entwickelte oder ein andermal

einen Contrast, ein drittesmal die Folgerung aus dem Vorausgehenden.

Im einzelnen ist der Satzbau innerhalb der Stanze ein sehr

verschiedenartiger, dem romantischen Gesetze von der „reizenden Ordnung

in der Verwirrung“ folgend.[709]

Die vielen rhetorischen Mittel, Anaphora, Frage, Ausruf u. s. w.,

Mittel, die für das gesprochene Wort von großem Werte sind, gehören

auch vor allem der Sprache des Theaters an. Ihr häufiger Gebrauch

erweckt den Anschein, als ob Tieck trotz seiner Abwendung vom Theater

doch wieder heimlich ein theatralisch gesprochener, wenigstens ein

laut gelesener Dialog vorgeschwebt hätte. Wozu sonst auch die dem

theatralischen Drama eigene Stichomythie, die wenigstens in kleineren

Ansätzen auch in der „Genoveva“ vorkommt?[710] Wozu das Auffangen der

Worte des einen Sprechers durch seinen Partner, das uns ziemlich oft

begegnet? Hin und wieder finden sich auch jene der theatralischen

Sprache natürlichen scheinbar subject- oder prädicatlosen Sätze, wie:

„Seht her!“, „seht“, „auf ihn, auf ihn!“, „So nackt?“, „in dieser

Haut?“, „wie, Genoveva?“... Geberde und Geste des Schauspielers

müssen hier die Sprache ergänzen, damit die Verbindung der Worte

eine sinnvolle, ein vollendeter Satz wird. -- Wenn in der „Genoveva“

die Sprache auf sinnliche Dinge der Außenwelt kommt, so wird der

Leser, der für das dichterische Phantasiebild eine gewisses Maß von

Deutlichkeit verlangt, in seinen Ansprüchen zuweilen verkürzt, weil er

alles nur durch das Medium der unplastisch sehenden Sprecher schauen

darf. Schon die Naturstimmungen zerfließen manchmal in einen sehr

dünnen Äther, doch bei ihnen lässt sich die flüchtige Stimmung noch

empfinden. Schlecht befriedigt es aber den Leser, wenn Wendelin das

ganze Laurentiusbild in lauter Betrachtung über das Bild auflöst. Wem

nicht die eigene Erinnerung gleich ein Laurentiusbild vor die Phantasie

führt, kann nicht errathen, wie das von Wendelin erklärte Gemälde

aussehen mag. So darf der Dramatiker vorgehen, der an die Bühne denkt,

auf der das Gemälde sichtbar vor uns hängt. Tieck überspringt auch ein

Zwischenglied, das der Regisseur ergänzen müsste. Im „Saale auf dem

Schlosse“ beginnt Golo ohneweiters: „Schaut um Euch, wie der Frühling

aufgegangen...“ Auf der Bühne müsste Golo wenigstens ans Fenster

treten und der Epiker würde mit einer Andeutung nachhelfen. In der

„Genoveva“ ist der Leser genöthigt, sich selbst zu helfen, wie er kann.

Er muss sich zuweilen wie der Leser eines Bühnendramas sich die Bühne

vorstellen. Spricht das Bisherige dafür, dass sich Tiecks Phantasie

nicht in allen Fällen von der realen Bühne fernzuhalten vermochte, dass

er unwillkürlich dort und da an das Theater dachte, so muss umgekehrt

das Hineinweben jener geheimen Fäden, die Ahnung und Erfüllung und

allerhand bedeutsame Parallelen verbinden, als untheatralisch, ja als

undankbar selbst für das gelesene Drama gelten. Denn der Epiker hat

seine bequemen Mittel und Fingerzeige, um die Verbindung zwischen

Ahnung und Erfüllung nicht aus dem Gesichtskreise entschwinden zu

lassen: in der „Genoveva“ muss sie der Leser erst mühsam klügelnd

entziffern.

Tiecks Dialog zeigt selten einen halbwegs energischen, auf ein

bestimmtes Ziel lossteuernden Fortgang, so dass die Scene mit einem

bestimmten Resultate schließen könnte. Wenn sich solche Scenen finden,

so sind es Ausnahmen, wie die Gesandtenscene, die Eroberung von

Avignon, die Gefangennahme Genovevas, die Botschaft an Siegfried.

In den meisten Fällen unterreden sich auch nur zwei Personen. Ein

paarmal lässt sich der eine Unterredner überaus schnell überzeugen

und seine Antwort schließt sich wie ein Refrain an die Rede des

Partners an.[711] Meist begnügt sich der Dialog mit dem behaglichen

Besprechen eines oder mehrerer Themen und mit dem Ausmalen der

Situation. Die Scenen, die sich um den Abschied gruppieren, die Scene

auf „Siegfrieds Schloss“,[712] die musikalische Balkonscene, die

längeren Gartenscenen,[713] die lange Scene mit dem sterbenden Wolf,

die ohne Effect verläuft, seien als Beispiele genannt. Wiederholte

lange Reden, Erzählungen, Lieder und lyrische Ergüsse werden sich

schwerlich ohne Widerspruch in den Dialog fügen; denn ein Fortschritt

auf ein bestimmtes Ziel gehört zum Wesen eines künstlerischen Dialoges,

der nicht langweilig werden soll. Das Bemühen der Romantiker, die

künstlerischen Gattungen in eins zu verweben, musste zu den breiten,

zerfließenden Dialogen führen. Der heutige Leser der „Genoveva“ hat

das deutliche Gefühl, dass es Tieck auch stilistisch nicht gelang, die

Gegensätze der künstlerischen Gattungen allerwärts auszugleichen. Auch

Tieck selbst sagt später:[714] „Dagegen ist mir vieles in Genoveva

(z. B. die Amme zu ihrem Schmerzenreich, die Gemälde im Anfang und so

vieles einzelne) wie zu emsig, fleißig und altdeutsch ausgemalt.“

Eine Rückschau auf diese Untersuchung von Stil und Sprache zeigt, wie

Tieck auch auf diesem Gebiete seiner dichterischen Art zumeist treu

geblieben ist. Sein Vergleich des dichterischen Schaffens mit dem

Traume fällt dem Leser unwillkürlich auch hier wieder ein und daneben

seine Ironisierung des Bestimmten und Klaren,[715] das für ihn das

Nüchterne bedeutet. Er denkt wie Novalis:[716] „Stimmungen, unbestimmte

Empfindungen, nicht bestimmte Empfindungen und Gefühle machen

glücklich.“

Nicht ein plastisches, deutliches Darstellen, sondern ein dämmerndes

Helldunkel, ein leichtes, fast spielendes Berühren der Dinge ist

daher das Ziel seiner Sprache und Tiecks Sprache thut diese Wirkung,

sie beleuchtet ahnungsvoll, aber sie formt und bildet nicht. Du

„breitest Dich leicht wie ein Duft gleich über alle Gegenstände“

schreibt einmal Novalis an unseren Dichter. Entsprechend der frommen

und alterthümelnden Auffassung des Stoffes nimmt die Sprache eine

religiöse und alterthümelnde Färbung an. Die Naturstimmung klingt in

einer musikalisch wirkenden, bloß stimmungerregenden Sprache wieder.

Die idealisierende Tendenz zeigt sich auch in der allgemein und

undeutlich gehaltenen äußeren Zeichnung der Figuren und Scenerien, und

das Innenleben, die Leidenschaft, die hie und da sich in stärkeren,

energischeren Worten entladet, ist ihrem Wesen nach immer mehr oder

weniger unbestimmt und unplastisch, so dass der Dichter auch hier

seine Art nicht verlässt. „Die Poesie ist Musik für das innere Ohr

und Malerei für das innere Auge: aber gedämpfte Musik, verschwebende

Malerei.“[717]

Neben dem Unbestimmten, Stimmungsidealistischen ist die zweite Seite

von Tiecks Darstellungsart, das Künsteln und Überkünsteln auch in Stil

und Sprache wieder anzutreffen. Der Berliner Verstand folgt wie ein

unzertrennlicher Schatten dem romantischen, träumenden Phantasus.

Tieck hatte sich sprachlich an den größten Mustern unserer Literatur

schulen können. Darum im allgemeinen das Glatte, Sichere und

Abgerundete im Satz- und Periodenbau, darum das Anpassen der Sprache

an die Versform, darum das Streben nach leichter, künstlerischer

Nüancierung in seiner Darstellung. „Die Begeisterung des Kriegers, die

Leidenschaft des Liebenden, die Vision und das Wunder sollte jedes

in einem ihm geziemenden Tone vorgetragen... werden.“[718] So fanden

wir es auch. In inhaltlich verschiedenen Partien herrschte in Sprache

und Stil ein verschieden nüancierter Ton und das Verschiedenartige im

sprachlichen Stil soll wieder durch die Trias Religion, Alterthum und

Natur zusammengefasst werden. „Sollte der Roman alle Gattungen des

Styls in einer durch den gemeinsamen Geist verschiedentlich gebundenen

Folge begreifen?“ lautet ein Hardenberg’scher Einfall.

Obschon nun im ganzen ein idealisierender Stil, eine alterthümliche und

religiöse Färbung die Dichtung durchziehen, so ist dieser Stilcharakter

doch nicht überall so ebenmäßig und harmonisch gerathen, so fühlbar

herrschend, dass nicht Tieck selbst Solger gegenüber hätte zugeben

müssen:[719] „... was eigentliche Zeichnung, Färbung, Styl betrifft, da

bin ich unzufrieden und finde die Disharmonie.“

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 41 / 45 题