5. Die Charaktere.

Die vorausgehenden Beobachtungen versuchten dem „Klima“ in der

„Genoveva“ näherzutreten, dem religiösfrommen wie dem altdeutschen

Tone, die das Stück beherrschen und dem Naturstimmungsdufte, der das

Ganze fühlbar durchzieht. Nur nebenbei wurde der Menschen selbst

gedacht, die in diesem Klima leben. Der Dichter legt uns dieses

Vorgehen nahe. Denn später, bei kühlerer Betrachtung seines Werkes

misst er dem „Klima“ in demselben mehr Wert bei, als den meisten

Personen, die in der Dichtung auftreten. Diesen soll nun auch einige

Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Unser erstes Interesse bei Untersuchung der Charakterisierungsweise

Tiecks richtet sich naturgemäß auf die Hauptpersonen Genoveva und Golo.

Genovevas Charakter, der sich fast ganz mit ihrem Verhältnis zur

Religion und Natur erschöpft, wird direct und indirect geschildert.

Wir erhalten durch die Mitspieler (Bonifacius mit eingerechnet)

verschiedene Auskünfte über ihre Charakterzüge.[626] Ein wichtiger Wink

für die Auffassung ihres Wesens ist die Äußerung Golos:[627]

„Sie weiß um ihre Schönheit nichts, und nichts

Um ihre Lieblichkeit, sie hat den Himmel

In ihrem Auge und verschönt die Erde.“

Das unbewusst Naive an ihr soll hier als bedeutsamer Zug hervorgehoben

und damit ihr sonst unbegreifliches Benehmen, ihre Taubeneinfalt bei

Golos Liebesanträgen[628] erklärt werden. Ganz dürfte es aber dem

Dichter trotz dieses Hinweises nicht gelungen sein, uns diese Seite

seiner Heldin verständlich zu machen; denn ihr Benehmen geht über das

Maß von Naivetät, das man nach Golos Worten erwartet, hinaus. Zudem

ist die Gemäldescene ein directer Widerspruch gegen Golos Worte: „Sie

weiß um ihre Schönheit nichts...“ Wir hören weiter noch von ihrer

Frömmigkeit und Gattentreue und das soll wieder indirect bestätigt

werden, wenn wir Genoveva Legenden lesen, fromme Belehrungen anhören

und lieber die größte Schmach und Erniedrigung leiden, als ihrem

Gewissen und ihrem Gatten untreu werden sehen. Die Abweisung Golos

ist die einzige für den Fortgang des Stückes bedeutsame Handlung der

Heiligen. Ihr inneres Leben spricht sich vorzugsweise in Monologen,

Gebeten, Erzählungen aus, die einem Dialoge eingeordnet sind oder im

frommen Zwiegespräche über ein geistliches Thema.[629] Sie bleibt bis

auf kleine Trübungen von Anfang bis zum Ende dieselbe. Die Einführung

der Titelheldin in das Stück ist auffallend knapp und dürftig. Als

„schöne Gräfin“ und „edle Gräfin“ wird sie uns zuerst genannt.

Daneben erscheint die Einführung Golos, ihres Gegenspielers, ungemein

breit. In geschicktem Anschlusse an sein Auftreten wird der Leser

über des Ritters äußere Erscheinung und vielfältige Charaktervorzüge

unterrichtet. Der schöne Reiter ist ein wahres ritterliches Musterbild,

wie es ein Romantiker ersinnen mochte. Er ist Sänger, Musiker,

Maler, ein gewandter Tänzer und Dichter, eine Art romantischer

Universalkünstler,[630] eine sensitive Natur, die von einem Liede

räthselhaft überwältigt wird. Er ist herablassend, freigebig, geliebt

von den einfachen Leuten wie von seinem Herrn. Später hören wir wieder

von seinem bezaubernden Eindruck auf die Umgebung und selbst auf

Genoveva. Bis auf Tanz und Malerei übt auch Golo hie und da die Künste,

die ihm in der Exposition nachgerühmt werden. Diese Charaktervorzüge

entsprechen der herrlichen äußeren Erscheinung des Reiters auf dem

weißen Pferde. Er erscheint zuerst in lauter Licht und Glanz. Es

soll die Möglichkeit in unseren Gesichtskreis gerückt werden, er

sei eine Gefahr für Genoveva.[631] Andeutungen dazu fehlen auch im

weiteren Verlaufe nicht. Jene ausführliche directe Schilderung Golos

am Anfange ist aber für unser Gefühl schon darum entschieden zu breit

gerathen, weil wir in der Erzählung seiner Amme noch einmal in Form

einer Jugendgeschichte fast dasselbe erfahren, was hier in einfacher

Aufzählung gegeben wird. Daran stieß sich der romantische Geschmack

keineswegs. Wenn im echten Roman „alles Episode ist oder gar nichts“,

warum sollte es im echten romantischen Drama anders sein. Neu im

Berichte der Amme ist die Betonung des Wunderbaren in Golos Wesen.

Nur seine Abkunft wird noch im Dunkeln gelassen. Die Abstammung des

Ritters, sowie die Ursache der wildaufflammenden Leidenschaftlichkeit,

die der Leser indessen bereits kennen gelernt hat, wird von der Hexe in

astrologischer Sprache, fast in der Art der modernen Vererbungstheorie

erklärt. Außer den Mittheilungen der Hexe wird im zweiten Theile wenig

über Golo geredet, hier herrscht die indirecte Darstellung durch

sein Benehmen und Handeln vor. Aber als Rückblick und Abschluss gibt

Siegfried in der Gerichtsscene eine Zusammenfassung der üblen Seiten,

die Golo besonders in der zweiten Hälfte des Stückes hervorgekehrt hat.

Das Gegenstück zur lobpreisenden Exposition.

An dieser Gestalt versucht Tieck auch eine Darstellung fortschreitender

Charakterentfaltung. Der psychologische Hauptinhalt der Figur ist

die tragische Liebe, welche Tieck sorgfältig in ihrem allmählichen

Emporwachsen zeichnet. Golos Frage nach der „schönen Gräfin“ ist die

erste Andeutung. Das Bemühen, an Genovevas Seite zu bleiben und die

Frage „wo ist die Gräfin“ als Anfangsworte einer Scene sind ein kleiner

Schritt nach vorwärts. Über die weitere Entwickelung des seelischen

Processes unterrichten den Leser hauptsächlich Monologe, daneben der

Dialog mit Gertrud und eingeschaltete Lieder. Golo möchte sich anfangs

gegen die Wandlung in seinem Inneren noch wehren. Er verehrt Genoveva

nur erst „mit stummer Inbrunst und aus frommer Ferne“. Genoveva

versteht ihn nicht und Golo wird traurig. Ein Monolog sagt dem Leser

wieder, dass bereits das ganze Innere Golos in leidenschaftlichem

Aufruhr tobt, und dass es für ihn kein Zurück mehr gibt. In Liedern

und andeutenden Worten sucht der Schmachtende sich seiner Herrin

verständlich zu machen. Allein sie versteht ihn wieder nicht. In der

Gemäldescene erklärt er zunächst in versteckter Umschreibung und

endlich offen seine Liebe und wird abgewiesen. Bestürzung. Bald tritt

auch das sinnliche Moment, das sich bisher nur schüchtern zeigte,

deutlicher hervor und im langen Monologe der Gartenscene überströmt

es schrankenlos die höhere, seelische Empfindung. Bis hieher lässt

sich ein sorgfältig abgewogenes Crescendo der allmählich um sich

greifenden Leidenschaft beobachten. Vor der Peripetie erleidet die

Darstellung einen kleinen Stoß. Der kurze Zornesausruf gegen das

„Heuchelbild“ (Genoveva)[632] und gegen den „Heuchler“ Drago[633] ist

eine gewisse Vorbereitung für das Kommende. Aber nach meiner Empfindung

hat Tieck diese vorbereitenden Momente zu flüchtig behandelt. Die

Liebe Golos, die neben seiner Rachsucht noch fortdauert und ihn zwei

weitere vergebliche Anträge im Gefängnis versuchen lässt, vermag

den plötzlichen Umschlag in Golos Gesinnung auch nicht überzeugend

auszugleichen. Eine Häufung des gleichen Motives ist die weitere Folge.

Fünf Liebesanträge zwischen den zwei nämlichen Personen! Das Volksbuch

ist dabei keine Rechtfertigung. Es ist es höchstens für den Romantiker.

Auch das widerliche Benehmen des Ritters gegen eine hochschwangere

Frau, an dem sich vielleicht die Holzschnittmanier des Volksbuches

nicht stößt, wäre in der modernisierten Darstellung besser weggeblieben.

Von diesem Punkte der Dichtung an wird Golo eine Zeitlang äußerlich

activ und charakterisiert sich so indirect. Bei der Gefangennahme, bei

der lügnerischen Botschaft an Siegfried, beim Betrug durch die Hexe und

bei Vollstreckung des Urtheils greift Golo überall kräftig und leitend

ein. Er benimmt sich dabei noch mürrisch gegen seine Umgebung. Nach

Genovevas Verstoßung kommt wieder das Lyrische mehr zum Vorschein, Reue

und Sehnsucht nach dem Zerstörten. Solange also Golo ein seelisches

Ziel vor sich hat oder sein Sehnen an einem entschwundenen Glücke

haftet, waltet das Lyrische vor; als ihm dieses Ziel eine Zeitlang

aus den Augen schwindet, wird er von den Ereignissen ergriffen und

muss sich selbst äußerlich activ zeigen. Trotz einiger Widersprüche

und der überflüssigen Häufung directer und indirecter Charakteristik,

was sich eben alles aus den romantischen Anschauungen heraus erklären

lässt, ist die Gestalt Golos und besonders die Schilderung seiner Liebe

eine bedeutende Leistung. Schon im „Blaubart“ hatte es Tieck ähnlich

versucht, die Neugier der Agnes „von der leisesten Anregung allmählich

zu einer unwiderstehlichen Gewalt“ sich steigern zu lassen, wie A.W.

Schlegel rühmend anmerkte.[634]

In verwandter Weise wechseln directe und indirecte Charakteristik

bei den Nebenfiguren. Das Thun des „wackeren“ Grafen Siegfried gibt

dem harten Urtheile der Amme, er sei „wenig behend und sinnreich“,

vielmehr „blöden Sinnes“ zum Theile Recht. Das Kind Schmerzenreich will

Tieck nicht recht gelingen. Neben einzelnen herzlichen und kindlichen

Worten spricht der unschuldige Sohn des einsamen Waldes wieder viel

zu unterrichtet und zu altklug von der bösen Welt und vor lauter

Frömmigkeit vergisst er den natürlichsten und unschuldigsten Antheil am

Tode seiner Mutter. Die Amme trägt ein paar deutliche markante Züge,

sie ist geschwätzig und eine lügnerische Kupplerin. Aus Liebe zu Golo

geht sie von Genoveva zu ihm über und hilft, ihre Herrin verderben.

Das Motiv der Liebe zu ihrem Pflegesohne tritt aber an entscheidenden

Stellen viel zu wenig hervor. Daher fehlt auch ihrer Gestalt das

Gerundete, und wir sind unbefriedigt. Die übrigen Menschen zeigen

immer nur den einen oder anderen Zug. Soweit sie Träger verschieden

abgestufter Religiosität sind, wurden sie schon charakterisiert. Sie

sind alle mitsammen ziemlich blasse nebelhafte Schemen.

Bei der Würdigung von Tiecks Charakterisierungskunst kommen also

eigentlich nur Genoveva und Golo vornehmlich in Rechnung. Sie sind in

ihrer äußeren Erscheinung zwar einheitlich, aber für ein Drama, das nur

auf einer Phantasiebühne spielt, vielleicht nicht deutlich und scharf

genug gezeichnet. Nicht ganz consequent durchdacht ist ihr inneres

Wesen. Man freut sich aber, dass wenigstens ein positives und sogar ein

reiches innerliches Leben da ist, das vielen anderen Figuren mangelt,

bei Genoveva religiöses Empfinden, bei Golo leidenschaftliche Liebe.

Die directe Charakteristik wird reichlicher verwendet, als nöthig wäre.

Genoveva ist fast ganz ein ruhendes, beharrendes Charakterbild. Golo

ist zwar beim ersten Erscheinen auch zur Hälfte fertig gezeichnet,

jedoch das Wachsen seiner Liebe, das Misslingen seiner Absichten und

die Folgen davon bringen Bewegung und Fortschritt in sein Dasein. Er

ist gewissermaßen der unstäte, veränderliche Mensch neben Genoveva,

die als geborene Heilige fast wandellos über dem Irdischen steht,

wie ein Heiligenbild in der Kirche, das heute in demselben Gold- und

Farbenglanze erscheint, wie längst und ehedem. Siegfried, Gertrud

und die anderen untergeordneten Personen zeigen nur die eine oder

andere Willensregung und bleiben, was sie im Anfang sind. Für diese

Nebenfiguren ist Merkels Spöttelei nicht ganz grundlos. Er schreibt

nämlich:[635] „Haben seine (Tiecks) Personen uns gesagt: ‚ich bin das!<

und sie kommen nach einer Reihe von Jahren wieder, so wissen sie nichts

zu sagen, als: ‚ich bin es noch!‘“ Übrigens redet später Tieck selbst

Solger gegenüber mit großer Objectivität von seinen Geschöpfen.[636]

Mit Golo und Genoveva ist er noch zufrieden. „Nicht wahr, Golo ist

fast durchaus, was man in der Malerei im edelen, großen Styl nennt? So

das Meiste in Genoveva.“ „Im großen Styl“ nennt sonst Tieck Menschen

voll mächtiger Leidenschaft im Gegensatz zu den kleinen, sanften,

idyllischen Erscheinungen. Bei Genoveva kann er nur an das pompöse

religiöse Pathos denken, wenn er vom „großen Styl“ spricht. „Otto, Karl

Martell, Aquitanien, die Saracenen sind vielleicht gut gedacht als

Gegensatz, aber ihre Großartigkeit ist manieriert; die Dienerschaft,

Drago, selbst Wolf, Heinrich sind dem zu Ausgemalten gegenüber

gleichsam nur in Umrissen.“

Wie in der Composition, so stellen sich auch in der Stilisierung

hie und da jene künstlichen Parallelen und Contraste ein, die Tieck

so gerne einflicht. Golo wird als überaus herrlicher Junker in

breiter Exposition eingeführt und stirbt schließlich als Verbrecher.

Genoveva tritt daneben recht bescheiden in kurzer Erwähnung ein, am

Ende ist die Schilderung der Heiligen lauter Glanz und Herrlichkeit.

Andererseits werden beide auch anfangs mit heimlicher Andeutung

nebeneinandergestellt als „edler Herr“ und „edle Gräfin“, am Ende sind

sie weltweit voneinander getrennt. Wenn der Schäfer aufzählend, Gertrud

erzählend an der Hand der Jugendgeschichte Golos gute Eigenschaften

entwickeln, so rundet es sich wie eine Art Chiasmus ab, wenn in der

zweiten Hälfte zuerst die Hexe durch die Erzählung von Golos Herkunft

und Siegfried wiederum aufzählend in der Anklagerede die Schattenseiten

seines Charakters vorführen. Das „Zurückbeleuchten aller früheren

Gedanken“ lobt Tieck einmal auch an Solgers Darstellungsweise. Golo

und Genoveva theilen mit ihrer äußeren Erscheinung dasselbe Schicksal,

die körperliche Schönheit beider wird zur Hässlichkeit: Golo jedoch

ist auch innerlich hässlich geworden, Genoveva wurde (oder blieb)

eine Heilige. Es scheint zu Tiecks eigenstem künstlerischen Wesen zu

gehören, dass sich ihm leicht und von selbst solche leise, unter der

Oberfläche halb versteckte Beziehungen und Zusammenhänge anspinnen.

Diese Neigung und eine idealisierende Allgemeinheit müssen wir als

kennzeichnende Seite seiner Charakterschilderung festhalten. Über

allerlei Widersprüche innerhalb der Charaktere gleitet der Blick des

romantischen Dichters sorglos hinweg und der Meister der lyrischen

Stimmung ist zufrieden, wenn die einzelne Scene ihren richtigen „Ton“

erhält, wenn die Scenen bunt und mannigfaltig wechseln und erst

das Ganze sich wieder zu einer gewissen Einheit zusammenschließt.

„Vernünftiges Chaos.“

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 40 / 45 题