„Wie wenn nach harten düstern Wintertagen
Der Frühling durch die Finsternis will brechen,
Und in dem Frühling Frühling sich entzündet,
Aus Blumen sich noch eine Blüte windet.“
Auch die Blume muss sich dem Glanze assimilieren; denn der Dichter
setzt das Gleichnis fort: „Wie wenn das Morgenrot die Knospe
wäre,...“[600] In der Sterbevision heißt es: „Wie Strahlen giengen
Engel aus und ein...“[601] Das Liebliche in der menschlichen
Erscheinung wird gerne mit lebhaften Lichterscheinungen verglichen.
Genoveva schimmert „wie ein neuer Sternenhimmel, ein neuer Mond ist
sie emporgestiegen.[602] Golos Antlitz war wie Morgenrot, die Augen
wie junge Sterne“.[603] Genovevas Augen sieht man hinter dem Schleier
„so wie die Sonne hinter Wolken scheint“;[604] auch ihre Worte sind
wie die rothen Edelsteine, die durch Nacht und Dämmerung funkeln.[605]
Eine bestimmte Nüancierung der Gleichnisse etwa nach dem Charakter der
beiden Gegenspieler ist nicht zu bemerken. Mit dem Scheine des Feuers,
das selbst wieder dem Morgenrothe gleicht, mit dem Feuer, das herrlich
durch die Nacht strahlt und bald erlischt, wird das Kriegerleben
verglichen. Aber auch die Wunden brennen wie Feuer. Wie nach der Nacht
der Morgen, folgen die heiteren Lebenstage den traurigen.[606] Mit
der Erhabenheit der Sterne über der Erde vergleicht Golo den Abstand
seiner Liebe von gemeinem Sinne.[607] -- Als Christus vom Kreuze zu
Genoveva redete, „da kam’s wie Blumen um sie her entsprossen“. Einzelne
Vergleiche nimmt Tieck aus der großen Natur. „Wie ein Meer“ braust es
während der Vision um Genovevas Ohren.[608] Ohne Zweifel ein biblischer
Nachklang. Dem Meeresbrausen gleicht der Lärm im überfallenen
Lager.[609] Wie Gottes Gewitter muss die Jagd hingehen:[610] Daneben
ein paar Vergleiche von derber realistischer Art. „Anfallen wie
ein grimmig Tier.“[611] „Wie von wilden Pferden fühl’ ich mich
fortgerissen...“[612] Karl „tobt wie ein wütend Tier“;[613] ebenso
Golo.[614] Mahoms Reich wütet gleich giftigen Gewürmen.[615] Ist
das wilde Thier ein Bild entfesselter Leidenschaft, so nisten die
unthätigen Krieger wiederum „wie träge Tiere“.[616] Vereinzelt steht
der sprichwörtliche Vergleich „kalt und taub wie Erz und Stein“.[617]
Der „Drache“ in Siegfrieds Traum ist ein Nachklang der Heldensage,
durch das Volksbuch vermittelt. In ein Märchenland versetzt uns der
Vergleich:[618]
„Ist’s nicht so gut, als ob uns einer sagte,
Daß über unsern Häuptern Länder hingen
Mit wundervollen Bergen, Wald und Flüssen...“
Ziemlich in die nämlichen Naturgebiete, denen die meisten Gleichnisse
entstammen, weisen auch Tiecks Metaphern, Beiwörter, Composita.
Erstlich wiederum Licht und Glanz. Der „Glanz“ des christlichen
Glaubens, die „Feuerfunken“ in den Christenherzen, der „Blitz Gottes“
Karl Martell, „die Schaaren all’ in wilder Wut entbrannt“, „das Feuer
des Auges“, „die Augen zwei Sonnen“, „der Glanz des Thrones“, die
Empörung „ein unzeit’ges Feuer flammt von der ein zur andern Grenze“,
„liebesbrünst’ge Nachtigall“, „der Brand im Innern“, Genoveva ist für
Golo eine „Hölle“, die seine Seele peinigt „mit ew’gen Flammen, mit
rastlosen Flammen“ und noch zahlreiche ähnliche Fälle. Von geringerer
Leuchtkraft sind Bilder wie der „Frühling“ des Lächelns, der „Himmel“
im Auge, der „Frühling, der durch den Winter scheint“, der „künft’ge
Morgen“ u. s. w. Auch die Blumen finden sich unter den Metaphern wieder.
„Zarte Knospen“, „Rosenknospe“ (Mund), „sprießende“ Reue, „sprießende“
Engel, „es sprießt ein neuer Sinn“. Einmal „thürmen sich die Wetter“.
Das Lamm verdeutlicht die sanfte Gemüthsart, die arge Böswilligkeit der
„hartherzige Hund“.
Dasselbe wiederholt sich noch einmal, wenn wir die Composita und
Beiwörter ansehen, die aus der Natur entlehnt sind. „Frühlingsschein“,
„Strahlenaugen“, „Zauberschein“, „Sterngegenwart“, „Sternenkräfte“,
„Sternenblick“, „Himmelsglanz“, „Himmelslicht“, „Lichtstrom“,
„Freudenschein“, „Lebensschein“, „Feuerzorn“ u. s. w. Dazu gehören
„glorreich Licht“ der Liebe, Glorie (= Himmelslicht), „glorreich“
scheinende Sonne, die „goldensten“ Mondstrahlen, „gold’ner
Schein“, „gold’ne Nacht“, „blendende Flammen“, „funkelndes Feuer“,
„schimmervolle Kronen“. Die Blumen fehlen auch hier nicht ganz.
„Blumenhöh’n“, „dichtgedrängter Blumengarten“, „blühende Lust“. Auch
der Gegensatz des Lichtes tritt hie und da hervor. „Schwarze Nacht“,
„dunkle Wüste“, „dämmernde Erinnerung“, „dämmernde Geisterwelt“.
Von Anfang bis zum Ende durchathmet ein warm pulsierendes,
träumerisches Naturgefühl Tiecks romantische Dichtung. Des Dichters
Naturempfinden ist reich und mannigfaltig. Die Natur ist ihm aber
nicht um ihrer selbst willen da, sondern meist als stimmunggebender
Hintergrund. Auf das sympathetische Zusammenklingen von Natur und
Gemüth wendet Tieck seinen besonderen Fleiß, wie seine eigenen Worte
über die dichterische Naturauffassung vermuthen ließen. Er folgt
hier den Wegen Goethes. Von Werthers Naturauffassung fühlte sich
Tieck ja lebhaft ergriffen, wie er selbst sagt.[619] Wie Goethe im
„Werther“ will Tieck die Tages- und Jahreszeiten wie die räumliche
Umgebung auf einen Ton mit der Empfindung seiner Menschen stimmen.
Der Naturhintergrund, der das menschliche Erlebnis in der Dichtung
umrahmt, der Gedanken und Empfindungen verstärkt, seltener Stimmungen
erweckt oder in Contrast zu ihnen tritt, spielt bei Tieck eine so
wichtige Rolle, dass die Stimmung es meist über die Chronologie
davonträgt. Die Jahreszeiten begleiten die Hauptereignisse, es kommt
aber damit keineswegs zugleich ein festes chronologisches Gerüste
für die Ereignisse der Dichtung zustande, wie man erwarten möchte.
Klar begrenzte Zeiträume widersprechen der ins Unendliche strebenden
romantischen Stimmungspoesie und dieser hat alles zu dienen. Wie
gewaltsam Tieck gegen die Chronologie vorgehen kann, zeigt die
Aufeinanderfolge der Thurmscene, in der Genoveva das Wiegenlied
singt,[620] und der Schäferhochzeit. Bei genauerem Nachrechnen ergibt
sich, dass es in der ersteren Scene Herbst oder Winter sein muss, was
auch die Verse:
„Draußen geht der Wind,
Die dicken Mauern Beschützer sind“
verrathen. In der nächsten Scene, die noch auf der gleichen Seite
beginnt, ist es schon herrlicher Frühling, weil es die Hochzeitstimmung
verlangt. Bei den Tageszeiten lässt sich, mit geringen Ausnahmen,
ebenfalls kein chronologisches Moment beobachten, sondern auch
hier ist es wieder nur der Stimmungswert der Zeit, den der Dichter
berücksichtigt und dem sich die Chronologie zu fügen hat. Die äußere
Natur bleibt immer dem Seelischen untergeordnet.
Morgen, Abend und Nacht kehren in der „Genoveva“ wieder. Nur diesen
Zeiten schenkt Tieck seine besondere dichterische Aufmerksamkeit
wie die übrigen Romantiker auch. Die ahnungsvolle Dämmerung, das
geheimnisreiche Dunkel und die belebende, gemütherfrischende, „in
der Zukunft weisende“ Morgenstunde: das sind vor allem „poetische
Zeiten“. Der Sommernacht wendet Tieck in zwei Scenen der „Genoveva“
seine besondere Liebe zu. Im weichen Geisterlichte des Mondes wächst
die Sehnsucht im Herzen, in stiller Nacht breitet Phantasus seinen
Mantel auseinander und zeigt seinen bunten Reichthum und seine
Traumherrlichkeit. Nacht und dämmerndes Zwielicht sind das sichtbare
Widerspiel der unbestimmten, in die dunkelsten Seelentiefen sich
verlierenden Stimmungen, die „allein glücklich machen“. (Novalis.) „Die
plastische Sonne leuchtet einförmig wie das Wachen, der romantische
Mond schimmert veränderlich wie das Träumen“, sagt Jean Paul.[621]
Ein anderes kommt bei Darstellung der Visionen in Betracht. Hier wird
Licht und Glanz in üppiger Fülle aufgeboten, um das Außerordentliche,
überirdisch Heilige würdig einzukleiden, wie mit einem Goldgrund,
der die Heiligen auf altdeutschen Gemälden mit schimmernder Glorie
umgibt. Wenn Tieck auch Glanz und Schimmer verschwendet, so wird er
dabei seiner unplastischen Weise keineswegs untreu; denn er zeigt uns
nie hellbeglänzte Dinge im scharfen Umrisse, sondern Glanz und Schein
selber und damit sind wir sofort wieder in unbegrenzter Unendlichkeit.
Klare, deutliche Conturen in der Naturschilderung sind Tiecks Sache
ganz und gar nicht. Ein organisch sich aufbauendes Naturbild sucht
man in der „Genoveva“ vergebens. Alles erscheint in auflösender
Beleuchtung. Tieck gibt hie und da ruhende Bilder und begnügt sich, sie
mit einem leisen, seelischen Anhauche zu beleben. Am liebsten hätte
er in dieser hochromantischen Periode in Tönen gedichtet, Worte nach
ihrem Klangwerte rein musikalisch verbunden und am liebsten belauscht
er auch die geheimen Töne der Natur oder richtiger, er hört aus der
Natur geheime Töne heraus und sucht ihren nur dem Gemüth und der
Phantasie vernehmbaren Klang in Worte zu fassen. Dieses eigenthümliche
musikalische Auffassen der Natur weckt dann „geheime Ahndungen“ und
„Stimmungen“. „Die Musik ist romantische Poesie durch das Ohr.“ (Jean
Paul.)
Im zweiten Theile unserer Dichtung herrscht außer dem fröstelnden
Herbste bei der Verstoßung Genovevas in erster Linie die Stille
der Waldeinsamkeit. Tieck liebt die Waldeinsamkeit. Er hat dieses
poetische Wort gebildet. In den „blonden Eckbert“ dichtete er ihren
ganzen Reiz hinein. Dass gerade das Motiv des waldeinsamen Lebens,
das er im Volksbuch fand, seine Phantasie lebhaft anregte, erzählt
er uns. Wie in der nächtlichen Stille, hebt hier in der Stille des
Waldes die Sehnsucht im Gemüthe zu tönen an, die Sehnsucht nach dem
Himmel in Genovevas Seele, in Schmerzenreich die Sehnsucht nach den
fernen Menschen, die hinter’m Walde wohnen, „der ganz weitab im Scheine
glänzt daher“. Der Romantiker sucht auch hier ahnungsreiche Ausblicke
in weite, verschwimmende Fernen. Im ganzen überwiegt die freundliche
und liebliche Seite der Natur in der „Genoveva“. Tieck, dessen Gefühle
durch Wackenroder „verfeinert“ wurden, der im heiteren Genuss von Kunst
und Poesie, in glücklicher Freundschaft und in anregender Geselligkeit
lebt, ist nun selbst mehr auf das Zarte, Milde, Weiche und Heitere
gestimmt. Seine Vorliebe für die freundlichen Blumen fällt Novalis
auf.[622] Nur dort und da schleichen die Dämonen des Venusberges
und des Runenberges heimlich heran und grinsen verstohlen durch das
Kirchenfenster in Genovevas Heiligthum herein. Es sind die Nachwehen
der Abdallah- und Lovellstimmung, die im „Tannenhäuser“ und „Runenberg“
wieder ihre alte Macht gewinnt.
Eines muss dem Betrachter der „Genoveva“ immerhin auffällig sein. Man
sollte nämlich erwarten, dass der Dichter der „heiligen Genoveva“ die
Natur soviel als möglich mit dem religiösen Sinne der geistlichen
Poesie anschaute, „wo das fromme Gemüth aus der ganzen belebten und
unbelebten Natur einen großen Lobgesang auf die Herrlichkeit ihres
Schöpfers und Erhalters herauszuhören meint.“[623] Man möchte dies
umsomehr erwarten, als die Natur in den „Herzensergießungen“ eine
wunderbare Sprache Gottes ist, als Tieck im „Zerbino“ den Waldbruder
das fromme Lied: „Wann das Abendroth im Haine“[624] singen lässt
und in der ersten Ausgabe auch das alte „Komm’ Trost der Welt, Frau
Nachtigall“ eingeschaltet hatte. Im „Sternbald“ wie in den „Phantasien“
bricht das eigentlich religiöse Naturempfinden öfters recht auffallend
durch. Dem Dichter war also eine solche Auffassung der Natur nicht
fremd. Und in der „Genoveva“ ist dieselbe seltsamerweise bis auf
geringe Reste verschwunden. Im Verkehre mit der Natur lässt sich
Tieck hier weder vom „Klosterbruder“ noch von Jakob Böhme ernstlich
beinflussen. Wenn auch seine Gemüthsverfassung mehr Heiterkeit und
Ruhe zeigt als sonst, die Art des Empfindens bleibt seine eigene. Was
die Biographen als Lieblingstimmungen des naturandächtigen Poeten
erwähnen, findet sich in der That fast alles in irgend einer Form in
der „Genoveva“ wieder und dass diese Naturstimmungen Tieck aus der
Seele strömten, beweisen auch seine späteren Worte an Solger.[625] Mit
Verschiedenem ist er nicht mehr zufrieden, aber „dies Klima (wie ich
es nennen möchte), dieser Duft des Sommerabends, der Waldgeruch und
spätere Herbstnebel ist mir noch ganz recht...“ --
Die Religion, die das Menschengemüth vielseitig berührt oder den Geist
zum Wunderbaren und Geheimnisvollen und Unendlichen hinführt, das
Alterthümliche, das, der nüchternen Alltäglichkeit entrückt, in der
Phantasie eine idealisierende Weihe empfangt und die innige, liebevolle
Hingabe an die Stimmung der Natur, das ist der echt romantische
Dreiklang, der bald leise tönend bald mächtiger anschwellend Tiecks
„Genoveva“ durchzieht und die auseinander fallenden Theile der
Composition durch einen durchgehenden Accord eint.