4. Das Naturgefühl.

Ganz aus der alten Zeit heraustretend, als moderner Poet steht Tieck

vor uns, wenn er von den Geheimnissen redet, die er mit seinem

empfänglichen Dichtergemüthe der Natur abgelauscht hat. Hier konnte

Tieck nichts aus dem Volksbuche nehmen und das Vorbild Müllers, der mit

dem Blicke des Malers und mit realistischem Auge die Natur betrachtet,

konnte dem zum Musikalischen neigenden Stimmungspoeten auch nicht

allzuviel nützen. Hier mußte der Romantiker ganz er selbst sein.

Tiecks Biographen betonen öfter, wie innig er die Natur liebte. In den

schwersten Augenblicken bot sie ihm heilende Kraft.[559] Mit süßer

Trunkenheit gibt er sich ihrer stillen Gewalt hin. Die Umgebung von

Halle war für den jungen Sohn der märkischen Sandwüste ein kleines

Paradies.[560] Der Sonnenuntergang, die magische Herrlichkeit des

Mondglanzes, der Zauberhauch der Sommernacht, ein Licht, das durch die

Nacht blitzte, ein ferner Laut erregten wunderbar sein Gefühl.[561]

Abenteuerliche nächtliche Wanderungen mit halsbrecherischen

Zwischenfällen unternahm Tieck gerne trotz des Scheltens seiner

Freunde. Auf einer Harzreise blickt er mit hohem Entzücken der

aufgehenden Sonne entgegen, die ihm „Gottes Erscheinung“ zeigt.[562]

„Ich mußte stille stehen, um diese Vision ganz zu erleben...“[563]

Von Erlangen aus wandert er mit Wackenroder ins Fichtelgebirge, wo

er, verirrt in tannendunkeln Klüften, alle Wunder und Schauer der

Waldeinsamkeit durchkostete. Aus der späten Herberge blickte er wieder

in die mondbeglänzte Nacht hinaus, die träumerisch auf den einsamen

Höhen lag, er lauschte den milden schwebenden Tönen eines Waldhorns

und war unendlich glücklich.[564] Nach Jahren lebt im „Phantasus“ noch

das Glück dieser Erlanger Zeit sowie die poetischen Nachtwanderungen,

die Tieck in Jena mit Novalis unternahm, wehmüthig beseligend wieder

auf.[565] Ein inniger, gefühlsreicher, poetischer Verkehr mit der Natur

gehört so zu Tiecks eigenstem, intimstem Lebensgehalt.[566]

Seit Goethe das ganze weite Reich der Natur für Poesie und Gemüth

eroberte, versäumt es überhaupt kein Dichter mehr, sich von diesem ewig

herrlichen Reiche wenigstens irgendeine Provinz zu eigen zu machen.

Auch Tieck bleibt nicht zurück. Über die Beziehungen zwischen Natur und

Dichter spricht er selbst die bemerkenswerten Worte:[567] „Können wir

denn die Natur wirklich so schildern, wie sie ist? Jedes Auge muß sie

in einem gewissen Zusammenhange mit dem Herzen sehen, oder es sieht

nichts, was uns, in Versen wieder aufgezählt, gefallen könnte. Wird

nicht jeder poetische Mensch in eine Stimmung versetzt, in der ihm

Bäume und Blumen wie belebte und befreundete Wesen erscheinen, und ist

dies nicht das Interesse, das wir an der Natur nehmen? Nicht die grünen

Stauden und Gewächse entzücken uns, sondern die geheimen Ahndungen, die

aus ihnen gleichsam herauf steigen und uns begrüßen. Dann entdeckt der

Mensch neue und wunderbare Beziehungen zwischen sich und der Natur; sie

ist Theilnehmerin seines Schmerzes oder seiner Leiden; er fühlt gegen

die leblosen Gegenstände eine freundschaftliche Zuneigung, und dann

bedarf es wahrlich keiner Verschönerungen, keiner erlogenen Zusätze,

um schöne und entzückende Gedichte niederzuschreiben.“ Hier schildert

Tieck die höchst entwickelte Stufe des poetischen Naturgefühles, das

innige Erfassen der Natur mit dem Gemüthe, jenen merkwürdigen Vorgang

in der Dichterseele, der gewöhnlich als poetische Naturbeseelung oder

als poetisches Einfühlen in die Natur bezeichnet wird. Charakteristisch

für den Romantiker und sein Verhältnis zur Natur sind dabei die

Ausdrücke: „Stimmungen“, „geheime Ahndungen“ und „neue und wunderbare

Beziehungen“.

Von den untergeordneten Beziehungen des Dichters zur Natur schweigt

hier Tieck zwar, er verwendet sie aber ausgiebig in seiner eigenen

Dichtung. Die Natur tritt nämlich auch als selbständige Macht auf,

die auf das Menschengemüth stimmungerregend einwirkt, sie wird

stimmungerweckender Hintergrund für äußere und innere Vorgänge oder

Contrast zu diesen Vorgängen. Auch Gleichnisse und Metaphern, aus dem

Naturleben entnommen, dürfen nicht unterschätzt werden; denn ihre Art

und Häufigkeit bildet auch einen Maßstab für das Naturgefühl des Poeten.

Vor allem gibt Tieck den Hauptpersonen seiner „Genoveva“ ein

feinfühlendes, für die Natur höchst empfängliches Gemüth. Sie leben mit

ihr in beständigem, seelischem Contact. In ihren lyrischen Ergüssen

herrscht „eine geheimnisvolle Innigkeit, ein sonderbares Einverständnis

mit der Natur“. (Heine.) Golo, in dessen Herzen sich die ersten

Keime einer heißen Liebe regen, fühlt die Lebensregungen des jungen

Frühlings innig mit und er zeigt der traurigen Genoveva, wie „im Laube

neues Leben spielet“, wie „hold“ die Bäume prangen, der Vogel „sich

vergnüglich fühlet“, wie die ganze Welt „ein muntres Regen spürt“

und sich dem Frühlingsglanz entgegendrängt.[568] Personificierende

Ausdrücke und Worte seelischen Inhaltes deuten hier und im weiteren

Verlaufe die zarten Fäden an, die Natur und Gemüth verbinden. Die

erwachende Liebe lässt ihre Reflexe über die Natur hinspielen. --

Der Frühling macht dem Sommer Platz. Genovevas weiche Seele versenkt

sich in der Balkonscene mit Wonne in das träumerische Leben der

Sommernacht, da „der Mondschein auf dem Grase spielet“, im Mondglanze

die Töne sich entzünden, die Quellen „leiser, lieblicher fließen“,

„stille Blumen“ am Spiegel ihrer Wellen sprießen, die Winde frohe Kunde

bringen und die Bäume Lieder sumsen. Mit den märchenhaften Klängen

dieser leise tönenden Nachtmusik verwirren sich wiederum die Klänge

des Herzens. Dieses heimliche Leben und Klingen der Sommernacht, an

dem sich Genoveva höchst unschuldig freut, spricht ganz anders den

liebeskranken Ritter an. Ihm erscheint alles in der Beleuchtung seiner

nun gesteigerten Liebessehnsucht. „Ernst und groß“ wie das warnende

Gewissen schauen ihn zwar „der hohen Bäume heil’ge dunkle Gänge“ an.

Dazwischen aber singt „die liebesbrünst’ge Nachtigall“ ihr Sirenenlied

und lockt ihn ins Verderben.[569] Der Mondschein „saugt“ am Herzen

des Sehnsüchtigen, die Sterne „zielen nach ihm mit Liebespfeilen“.

Wenn aber dann Genoveva spricht, so verstummen Bächlein, Nachtigall

und Bäume, weil alle ihr nur lauschen, weil alle Creaturen an ihr

sich gerne freuen.[570] Eigenthümlich ist es, dass hier Tieck in die

Naturbetrachtung die Sirene, die Hyder, antike Vorstellungen mengt,

die uns sonst überhaupt selten in der „Genoveva“ oder in seinen

anderen Dichtungen begegnen. Diese Vorstellungen ordnen sich aber

gut und wirksam in das Erregte, beängstigend Leidenschaftliche ein,

das in seinen Worten zittert.[571] -- Am reichsten entströmt die

sympathetische Naturempfindung Golos Herzen in der nächtlichen Scene,

in welcher er Genoveva seinen entscheidenden Liebesantrag macht.[572]

Den Sternen klagt er zuerst sein Leid, bei ihnen schwört er, sie fragt

er um Kunde von der Geliebten, von ihnen erfleht er sein Glück. Mit

dem sehnsüchtig Harrenden wartet auch die ganze Schöpfung. Genoveva

erscheint und freut sich ihrerseits in derselben harmlosen Art wie

in der Balkonscene an den träumenden, flüsternden Blumen, am düsteren

Walde, an der Nacht, die in den Buchengang „hineinäugelt“. Wie in

jener Scene bezieht Golo auch hier in trunkenem Entzücken die ganze

Naturherrlichkeit auf seine Geliebte, die ihm ein märchenhaftes Leben

in die nächtliche Natur hineinzuzaubern scheint.

Er spricht die charakteristischen Verse:

„Ihr schreitet her und weckt aus verborgenen Tiefen

Die hohen Wunder auf, die unten schliefen,

Schaut um Euch, Holde, wo Ihr geht

Ein dichtgedrängter Blumengarten steht,

Die Bäume ziehn Euch nach, unter Euren Füßen

Dringt kindisch grünes Gras hervor, den Fuß zu küssen,

Die Blumen erwachen

Vom tiefen Schlaf und lachen,

Und röter wird der Rosen Mund,

Die Wiese wird von Pflanzen bunt,

Sommerlüftchen spielen aus den Zweigen,

Sich häuslich ems’ge Bienen zeigen

Die goldensten Mondstrahlen schmeichelnd niedersteigen,

Um Euer holdes Haupt die Glorie zu flechten,

Euch dient Natur mit allen ihren Mächten.“

Am Schlusse der Scene aber, mit dem endgültigen Scheitern der

Liebeshoffnung hat sich für Golo sogleich auch die Natur verändert,

die düstere Schicksalsstimme spricht aus derselben zu ihm: „Hört,

da singt’s in Wolken, aus Wassern, aus dem tiefen Thal herauf: Wo

die stillen Bächlein gehn --“ Als Genoveva unschuldig zum Tode gehen

soll, ist es ein „trüber Tag, dicke Nebel liegen auf den Bergen und

Wäldern“.[573] Grimoald, dem das Mordhandwerk nicht recht vom Herzen

gehen will, „zittert vor der Morgenluft“, die schwarzen Weiden im Thale

rauschen, als wenn sie in die Klage der Mutter einstimmten und ihren

Bitten Gehör gäben. Da ruft Genoveva den Mördern zu:

„O seht, die Sonne will nicht niederscheinen

Auf solche That, es will das Aug’ der Welt

Nicht sehn, was euch auf immer nagen würde...“

Ob die Seele in junger Liebeshoffnung träumt, ob sie in schwüler

Leidenschaft erzittert, ob sie voll stiller Unschuld in die Schöpfung

hineintritt oder in Todesangst erschauert: immer spiegelt sie nach

demselben geheimnisvollen Gesetze ihre Empfindung in die umgebende

Natur hinein und die verschiedenartigen Reflexe der Gemüthsstimmung

ruhen auf Baum und Blume, leben in Luft und Wellen und scheinen den

Menschen als „geheime Ahndungen“, die aus der Natur heraufsteigen, zu

grüßen. Es wurden hier nur die besonders charakteristischen Stellen

der „Genoveva“ hervorgehoben. An zahlreiche andere soll nur erinnert

werden. So an Golos Morgenlied, an Zulmas Morgengebet und Todtenklage,

an Karls und Aquitaniens Morgenbetrachtung vor der Schlacht, an Golos

Lied „Sieh’ Laute, sieh’, so reiß’ ich dich in Stücke“ und dessen

Monolog nach der Gemäldescene sowie am vermeintlichen Grabe der Augen

und der Zunge Genovevas. Genovevas Hilferuf an die Natur gehört ganz,

Wolfs mystische Abendbetrachtung theilweise hieher und von einer

innigen freundschaftlichen Vertraulichkeit mit der Natur zeugt es, wenn

Golo und Grimoald dem Walde und der Gegend, aus der sie fortgehen, wie

alten mitfühlenden Freunden Lebewohl sagen, wie es nachher Schillers

Johanna thut. Auch in der Ferne ist Golos Herz erfüllt von Heimweh nach

den bekannten, liebgewordenen Stätten. Selbst Dinge, die nicht mehr

gerade der ursprünglichen Natur angehören, aber mit dem menschlichen

Gemüthsleben intim und enge verbunden sind, werden in derselben Weise,

wie die Natur selbst, beseelt. Es schauen die Mauern auf Genoveva

mit grimmigen Zügen. Nach ihrer beglückenden Vision aber lacht das

Gebäu. Einsam und wüst sind die Mauern des Schlosses dem vereinsamten

Siegfried. Das Kreuzbild scheint mit Genoveva zu sprechen und von ihrem

Trauringe nimmt die Verstoßene wehmüthigen Abschied. Eine merkwürdige

Tändelei, die aber dem eigentlichen romantischen Naturgefühle

wieder näher steht, ist jener Baum, den der Köhler als Sinnbild und

Erinnerungszeichen für seinen gefallenen Sohn im Walde pflanzt und mit

dem er plaudern will.

Abergläubisch färbt sich das Verhältnis zur Natur beim alten

Wolf, naturphilosophisch und mystisch beim „Unbekannten“ und der

Hexe. Zuweilen spielen die Anschauungen selbst ein wenig in den

mythologischen Volksglauben hinüber, wie die „dämmernde Geisterwelt in

sichtlicher Natur“[574] oder die Geister, die in Felsen oder auf Bergen

hausen.[575]

In Golos Naturanschauung bricht manchmal etwas ganz Fremdartiges

hervor, das nicht mehr bloß ein einfühlendes, poetisches Versenken in

die Natur ist, sondern Angst und Grauen vor den Naturmächten, die mit

schicksalsmäßigem Zwang den Menschen beherrschen, ihn zum Wahnsinn

treiben und zugrunde richten.[576] Es sind dies, wenn auch gedämpft,

dieselben unheimlichen, gemüthbelastenden Stimmungen, die besonders

im „Abdallah“, „Lovell“, „Eckbert“ und in den mit der „Genoveva“ fast

gleichzeitigen Dichtungen „Tannenhäuser“ und „Runenberg“ herrschen,

in den Werken aber, über denen Wackenroders Geist schützend schwebt,

zum größten Theile verschwinden. So bricht auch in der „Genoveva“ nur

ein und das anderemal dieses sonderbare, unbestimmte Grauen vor den

Naturmächten hervor, die den Menschen wie ein tückisches Schicksal

bedreuen, eine Stimmung, die aus Tiecks innerstem Seelengrunde

emporwächst. Das freundliche Gegenstück zu dieser düsteren Seite

der Natur ist der märchenhafte, herzliche Verkehr des kleinen

Schmerzenreich mit den Thierlein des Waldes und die freundliche

hilfreiche Natur, die gerne der unschuldig Verfolgten ihren Beistand

leiht.

Einen ganz kleinen Raum nur gewährte der Dichter jener eigentlich

religiösen Naturbetrachtung, die im weiten Reich der Natur das

Walten ihres Schöpfers spürt,[577] das Loblied der Natur auf Gott

vernimmt[578] und so die Menschenseele zu frommer Gottesverehrung

stimmt.[579]

Bei dieser gemüthswarmen Naturandacht geht immer die charakteristische

Beleuchtung, in welcher die Naturumgebung erscheint, von der Stimmung

des Betrachters aus; es ist ein lebendiges Hineinwachsen und

Hineinleben des Gemüthes in die Natur. Die Töne der Natur aber sind,

wie Novalis sagt, auch wieder „Tasten höherer Saiten in uns“.[580]

Werden die Tasten angeschlagen, so erklingen die Saiten unseres

Gemüthes. Es wirkt die Natur auf den Menschen stimmungerregend ein.

Auch diese Auffassung finden wir in Tiecks Dichtung. Die weiche

Sommernacht z. B. senkt sich beruhigend auf Genovevas Seele.[581]

In anderen Fällen erscheint wieder die Nacht recht als Feindin des

Menschen; sie bethaut den Sinn mit Schwärmereien,[582] sie macht den

Geist schlaff und trunken und verführt ihn geradezu zur Sünde,[583] sie

entfesselt die Liebesleidenschaft, die der Tag neidisch „mit seinem

leuchtenden Mantel“ verhüllte.[584] Der Glanz des Tages zeigt dem

Gewissen die Sündhaftigkeit der nächtlichen Gedanken.[585] Die einsame,

große nächtliche Gebirgswelt gibt dem innerlich Verstörten Freude

und Sicherheit, freilich nur für einen Augenblick; denn sofort wacht

der innere Dämon wieder auf und treibt Golo zu sinnloser Gewaltthat

an seinem Diener, so dass dieser ruft: „... es macht die Nacht Euch

toll.“[586] Wir sehen eine Art passives Gegenstück zum sympathetischen

Naturgefühl. Bei diesem überschüttet der Mensch die Außenwelt mit

seinem inneren Stimmungsreichthum. Dort lässt sich das Gemüth vom

äußeren Eindruck beherrschen und leiten.

Tieck liebt es sehr, die Natur als harmonisch gestimmten Hintergrund

einem Vorgange, einer Seelenstimmung beizugeben. Wie Frühling,

Sommer und der trübe Herbst die Hauptmomente in Golos und Genovevas

Geschick begleiten, hat bereits Hettner ausgeführt. (Nur spricht er

irrthümlich auch vom Winter.) Wir mussten die einzelnen Fälle bereits

als Beispiele für das synthetische Naturgefühl heranziehen. Zweimal

erscheint die Jahreszeit noch flüchtig. Frühling und Lust schwinden

für Golo zugleich dahin[587] und während Genoveva im Thurme klagt,

ist es auch draußen stürmische Zeit.[588] Von den Tageszeiten wirken

außer dem Sommerabend und der Sommernacht noch Morgen und Nacht als

begleitender Stimmungshintergrund. Mit dem Morgen, der bei Tieck

gerne als Zeit der Abreise genommen wird („Magelone“, „Sternbald“),

beginnt die „Genoveva“. Die frische Morgenfrühe taugt ja trefflich

zur frohgemuthen Stimmung, mit der die Kreuzfahrer ausziehen; sie

passt aber auch zur idyllischen Schäferscene und zu Golos munterem

Ritte. Ernst und weihevoll wird aber das nämliche Morgenlicht, wenn

es hier wie am Ende der Dichtung durch die gemalten Fenster der

Kapelle hereinschaut.[589] Der helle Morgen beglänzt im Anfange eine

kirchliche und allerhand bunte weltliche Scenen. Den Schluss bildet

die morgenhelle Kapellenscene allein und wie ein sinnbildlicher

Hintergrund, wie eine „leise Allegorie“ erscheint hier der helle

Morgenglanz im Heiligthum; denn jetzt bricht für die heilige Heldin der

ewige Lebenstag himmlischer Verklärung an. -- Die finstere Nacht ist

die Zeit der Geister.[590] Ein grotesk phantastisches Nachtbild leitet

daher die Hexenscene ein,[591] und der gespenstische Pilgrim wandert in

finsterer Nacht.[592]

Schon mit den Schlagworten der Scenenüberschriften markiert der Dichter

manchmal eine gewisse Naturstimmung. „Freies Feld“, „Waldgebirge“,

„Felsenthal“, „Garten. Mondschein“, „Wohnung der Zauberin. Nacht“,

„Waldgebirge. Nacht. Mondschein“, „Kapelle. Schwach erleuchtet“ u. s. w.

Das traurige Lied und der heitere Schäfergesang sind jedes in seinen

entsprechenden Naturrahmen gefasst. Ebenso das Lied „Da irr’ ich

unter Steinen“[593] und die dritte Strophe des Hochzeitbitters.[594]

Im Hintergrunde erlischt die Flamme der brennenden Stadt, im

Vordergrunde das Leben des gefallenen Kriegers.[595] Auch sogar in

jenem Scheinbilde, das die Hexe Siegfried im Zauberspiegel sehen

lässt,[596] fehlt die Naturumgebung nicht. Im zweiten Theile des

Stückes, wo Genoveva in der Wüste betet und duldet und Schmerzenreich

seine Kindheitsidylle durchlebt, rückt uns der Dichter in immer neuen

Wendungen die Waldeinsamkeit ins Bewusstsein. Es ist dies aber eine

freundliche Einsamkeit im Gegensatz zu jenem zerklüfteten Felsgebirge,

in dessen öder Höhe Golo vergeblich Frieden für seine zerrissene Seele

sucht, von wo er seinen Diener Benno bei Nacht in den brausenden

Waldstrom hinabstürzt.[597]

Sogar die himmlische Seligkeit entbehrt bei Tieck nicht der

Naturfreude; denn auch im Paradiese der Heiligen prangen himmlische

Blumen und Blüten und die verklärten Geister dürfen alle Herrlichkeiten

des Weltalls von den Sternen bis in den Abyssus hinab überschauen.[598]

Gewiss bezeichnend, dass der Romantiker den himmlischen Freuden auch

die poetische Naturfreude zuzählt.

Contrastierend erscheint die Natur selten, z. B. im Wettstreite mit

der menschlichen Schönheit;[599] oder sie höhnt ein andermal den

unglücklich Liebenden; sie erhört auch Genovevas Bitten nicht.

Tiecks Dichtung glänzt und schimmert an vielen Stellen noch überdies im

Flitterschmucke der Gleichnisse, Metaphern und Beiwörter, die aus dem

Naturleben stammen. Sie glänzt und schimmert im wörtlichen Sinne; denn

gerade Licht und Glanz sind hier sehr beliebte Vorstellungen. Licht und

Glorie sind vor allem nöthig in der Vision. Daher die entsprechenden

Gleichnisse. Eine Lichterglorie wallt in die Kirche nieder

„... wie aus des Morgens purpurroten Thoren

Der glanzgekrönte Ost dem Blick sich beut,..“

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 38 / 45 题