Ganz aus der alten Zeit heraustretend, als moderner Poet steht Tieck
vor uns, wenn er von den Geheimnissen redet, die er mit seinem
empfänglichen Dichtergemüthe der Natur abgelauscht hat. Hier konnte
Tieck nichts aus dem Volksbuche nehmen und das Vorbild Müllers, der mit
dem Blicke des Malers und mit realistischem Auge die Natur betrachtet,
konnte dem zum Musikalischen neigenden Stimmungspoeten auch nicht
allzuviel nützen. Hier mußte der Romantiker ganz er selbst sein.
Tiecks Biographen betonen öfter, wie innig er die Natur liebte. In den
schwersten Augenblicken bot sie ihm heilende Kraft.[559] Mit süßer
Trunkenheit gibt er sich ihrer stillen Gewalt hin. Die Umgebung von
Halle war für den jungen Sohn der märkischen Sandwüste ein kleines
Paradies.[560] Der Sonnenuntergang, die magische Herrlichkeit des
Mondglanzes, der Zauberhauch der Sommernacht, ein Licht, das durch die
Nacht blitzte, ein ferner Laut erregten wunderbar sein Gefühl.[561]
Abenteuerliche nächtliche Wanderungen mit halsbrecherischen
Zwischenfällen unternahm Tieck gerne trotz des Scheltens seiner
Freunde. Auf einer Harzreise blickt er mit hohem Entzücken der
aufgehenden Sonne entgegen, die ihm „Gottes Erscheinung“ zeigt.[562]
„Ich mußte stille stehen, um diese Vision ganz zu erleben...“[563]
Von Erlangen aus wandert er mit Wackenroder ins Fichtelgebirge, wo
er, verirrt in tannendunkeln Klüften, alle Wunder und Schauer der
Waldeinsamkeit durchkostete. Aus der späten Herberge blickte er wieder
in die mondbeglänzte Nacht hinaus, die träumerisch auf den einsamen
Höhen lag, er lauschte den milden schwebenden Tönen eines Waldhorns
und war unendlich glücklich.[564] Nach Jahren lebt im „Phantasus“ noch
das Glück dieser Erlanger Zeit sowie die poetischen Nachtwanderungen,
die Tieck in Jena mit Novalis unternahm, wehmüthig beseligend wieder
auf.[565] Ein inniger, gefühlsreicher, poetischer Verkehr mit der Natur
gehört so zu Tiecks eigenstem, intimstem Lebensgehalt.[566]
Seit Goethe das ganze weite Reich der Natur für Poesie und Gemüth
eroberte, versäumt es überhaupt kein Dichter mehr, sich von diesem ewig
herrlichen Reiche wenigstens irgendeine Provinz zu eigen zu machen.
Auch Tieck bleibt nicht zurück. Über die Beziehungen zwischen Natur und
Dichter spricht er selbst die bemerkenswerten Worte:[567] „Können wir
denn die Natur wirklich so schildern, wie sie ist? Jedes Auge muß sie
in einem gewissen Zusammenhange mit dem Herzen sehen, oder es sieht
nichts, was uns, in Versen wieder aufgezählt, gefallen könnte. Wird
nicht jeder poetische Mensch in eine Stimmung versetzt, in der ihm
Bäume und Blumen wie belebte und befreundete Wesen erscheinen, und ist
dies nicht das Interesse, das wir an der Natur nehmen? Nicht die grünen
Stauden und Gewächse entzücken uns, sondern die geheimen Ahndungen, die
aus ihnen gleichsam herauf steigen und uns begrüßen. Dann entdeckt der
Mensch neue und wunderbare Beziehungen zwischen sich und der Natur; sie
ist Theilnehmerin seines Schmerzes oder seiner Leiden; er fühlt gegen
die leblosen Gegenstände eine freundschaftliche Zuneigung, und dann
bedarf es wahrlich keiner Verschönerungen, keiner erlogenen Zusätze,
um schöne und entzückende Gedichte niederzuschreiben.“ Hier schildert
Tieck die höchst entwickelte Stufe des poetischen Naturgefühles, das
innige Erfassen der Natur mit dem Gemüthe, jenen merkwürdigen Vorgang
in der Dichterseele, der gewöhnlich als poetische Naturbeseelung oder
als poetisches Einfühlen in die Natur bezeichnet wird. Charakteristisch
für den Romantiker und sein Verhältnis zur Natur sind dabei die
Ausdrücke: „Stimmungen“, „geheime Ahndungen“ und „neue und wunderbare
Beziehungen“.
Von den untergeordneten Beziehungen des Dichters zur Natur schweigt
hier Tieck zwar, er verwendet sie aber ausgiebig in seiner eigenen
Dichtung. Die Natur tritt nämlich auch als selbständige Macht auf,
die auf das Menschengemüth stimmungerregend einwirkt, sie wird
stimmungerweckender Hintergrund für äußere und innere Vorgänge oder
Contrast zu diesen Vorgängen. Auch Gleichnisse und Metaphern, aus dem
Naturleben entnommen, dürfen nicht unterschätzt werden; denn ihre Art
und Häufigkeit bildet auch einen Maßstab für das Naturgefühl des Poeten.
Vor allem gibt Tieck den Hauptpersonen seiner „Genoveva“ ein
feinfühlendes, für die Natur höchst empfängliches Gemüth. Sie leben mit
ihr in beständigem, seelischem Contact. In ihren lyrischen Ergüssen
herrscht „eine geheimnisvolle Innigkeit, ein sonderbares Einverständnis
mit der Natur“. (Heine.) Golo, in dessen Herzen sich die ersten
Keime einer heißen Liebe regen, fühlt die Lebensregungen des jungen
Frühlings innig mit und er zeigt der traurigen Genoveva, wie „im Laube
neues Leben spielet“, wie „hold“ die Bäume prangen, der Vogel „sich
vergnüglich fühlet“, wie die ganze Welt „ein muntres Regen spürt“
und sich dem Frühlingsglanz entgegendrängt.[568] Personificierende
Ausdrücke und Worte seelischen Inhaltes deuten hier und im weiteren
Verlaufe die zarten Fäden an, die Natur und Gemüth verbinden. Die
erwachende Liebe lässt ihre Reflexe über die Natur hinspielen. --
Der Frühling macht dem Sommer Platz. Genovevas weiche Seele versenkt
sich in der Balkonscene mit Wonne in das träumerische Leben der
Sommernacht, da „der Mondschein auf dem Grase spielet“, im Mondglanze
die Töne sich entzünden, die Quellen „leiser, lieblicher fließen“,
„stille Blumen“ am Spiegel ihrer Wellen sprießen, die Winde frohe Kunde
bringen und die Bäume Lieder sumsen. Mit den märchenhaften Klängen
dieser leise tönenden Nachtmusik verwirren sich wiederum die Klänge
des Herzens. Dieses heimliche Leben und Klingen der Sommernacht, an
dem sich Genoveva höchst unschuldig freut, spricht ganz anders den
liebeskranken Ritter an. Ihm erscheint alles in der Beleuchtung seiner
nun gesteigerten Liebessehnsucht. „Ernst und groß“ wie das warnende
Gewissen schauen ihn zwar „der hohen Bäume heil’ge dunkle Gänge“ an.
Dazwischen aber singt „die liebesbrünst’ge Nachtigall“ ihr Sirenenlied
und lockt ihn ins Verderben.[569] Der Mondschein „saugt“ am Herzen
des Sehnsüchtigen, die Sterne „zielen nach ihm mit Liebespfeilen“.
Wenn aber dann Genoveva spricht, so verstummen Bächlein, Nachtigall
und Bäume, weil alle ihr nur lauschen, weil alle Creaturen an ihr
sich gerne freuen.[570] Eigenthümlich ist es, dass hier Tieck in die
Naturbetrachtung die Sirene, die Hyder, antike Vorstellungen mengt,
die uns sonst überhaupt selten in der „Genoveva“ oder in seinen
anderen Dichtungen begegnen. Diese Vorstellungen ordnen sich aber
gut und wirksam in das Erregte, beängstigend Leidenschaftliche ein,
das in seinen Worten zittert.[571] -- Am reichsten entströmt die
sympathetische Naturempfindung Golos Herzen in der nächtlichen Scene,
in welcher er Genoveva seinen entscheidenden Liebesantrag macht.[572]
Den Sternen klagt er zuerst sein Leid, bei ihnen schwört er, sie fragt
er um Kunde von der Geliebten, von ihnen erfleht er sein Glück. Mit
dem sehnsüchtig Harrenden wartet auch die ganze Schöpfung. Genoveva
erscheint und freut sich ihrerseits in derselben harmlosen Art wie
in der Balkonscene an den träumenden, flüsternden Blumen, am düsteren
Walde, an der Nacht, die in den Buchengang „hineinäugelt“. Wie in
jener Scene bezieht Golo auch hier in trunkenem Entzücken die ganze
Naturherrlichkeit auf seine Geliebte, die ihm ein märchenhaftes Leben
in die nächtliche Natur hineinzuzaubern scheint.
Er spricht die charakteristischen Verse:
„Ihr schreitet her und weckt aus verborgenen Tiefen
Die hohen Wunder auf, die unten schliefen,
Schaut um Euch, Holde, wo Ihr geht
Ein dichtgedrängter Blumengarten steht,
Die Bäume ziehn Euch nach, unter Euren Füßen
Dringt kindisch grünes Gras hervor, den Fuß zu küssen,
Die Blumen erwachen
Vom tiefen Schlaf und lachen,
Und röter wird der Rosen Mund,
Die Wiese wird von Pflanzen bunt,
Sommerlüftchen spielen aus den Zweigen,
Sich häuslich ems’ge Bienen zeigen
Die goldensten Mondstrahlen schmeichelnd niedersteigen,
Um Euer holdes Haupt die Glorie zu flechten,
Euch dient Natur mit allen ihren Mächten.“
Am Schlusse der Scene aber, mit dem endgültigen Scheitern der
Liebeshoffnung hat sich für Golo sogleich auch die Natur verändert,
die düstere Schicksalsstimme spricht aus derselben zu ihm: „Hört,
da singt’s in Wolken, aus Wassern, aus dem tiefen Thal herauf: Wo
die stillen Bächlein gehn --“ Als Genoveva unschuldig zum Tode gehen
soll, ist es ein „trüber Tag, dicke Nebel liegen auf den Bergen und
Wäldern“.[573] Grimoald, dem das Mordhandwerk nicht recht vom Herzen
gehen will, „zittert vor der Morgenluft“, die schwarzen Weiden im Thale
rauschen, als wenn sie in die Klage der Mutter einstimmten und ihren
Bitten Gehör gäben. Da ruft Genoveva den Mördern zu:
„O seht, die Sonne will nicht niederscheinen
Auf solche That, es will das Aug’ der Welt
Nicht sehn, was euch auf immer nagen würde...“
Ob die Seele in junger Liebeshoffnung träumt, ob sie in schwüler
Leidenschaft erzittert, ob sie voll stiller Unschuld in die Schöpfung
hineintritt oder in Todesangst erschauert: immer spiegelt sie nach
demselben geheimnisvollen Gesetze ihre Empfindung in die umgebende
Natur hinein und die verschiedenartigen Reflexe der Gemüthsstimmung
ruhen auf Baum und Blume, leben in Luft und Wellen und scheinen den
Menschen als „geheime Ahndungen“, die aus der Natur heraufsteigen, zu
grüßen. Es wurden hier nur die besonders charakteristischen Stellen
der „Genoveva“ hervorgehoben. An zahlreiche andere soll nur erinnert
werden. So an Golos Morgenlied, an Zulmas Morgengebet und Todtenklage,
an Karls und Aquitaniens Morgenbetrachtung vor der Schlacht, an Golos
Lied „Sieh’ Laute, sieh’, so reiß’ ich dich in Stücke“ und dessen
Monolog nach der Gemäldescene sowie am vermeintlichen Grabe der Augen
und der Zunge Genovevas. Genovevas Hilferuf an die Natur gehört ganz,
Wolfs mystische Abendbetrachtung theilweise hieher und von einer
innigen freundschaftlichen Vertraulichkeit mit der Natur zeugt es, wenn
Golo und Grimoald dem Walde und der Gegend, aus der sie fortgehen, wie
alten mitfühlenden Freunden Lebewohl sagen, wie es nachher Schillers
Johanna thut. Auch in der Ferne ist Golos Herz erfüllt von Heimweh nach
den bekannten, liebgewordenen Stätten. Selbst Dinge, die nicht mehr
gerade der ursprünglichen Natur angehören, aber mit dem menschlichen
Gemüthsleben intim und enge verbunden sind, werden in derselben Weise,
wie die Natur selbst, beseelt. Es schauen die Mauern auf Genoveva
mit grimmigen Zügen. Nach ihrer beglückenden Vision aber lacht das
Gebäu. Einsam und wüst sind die Mauern des Schlosses dem vereinsamten
Siegfried. Das Kreuzbild scheint mit Genoveva zu sprechen und von ihrem
Trauringe nimmt die Verstoßene wehmüthigen Abschied. Eine merkwürdige
Tändelei, die aber dem eigentlichen romantischen Naturgefühle
wieder näher steht, ist jener Baum, den der Köhler als Sinnbild und
Erinnerungszeichen für seinen gefallenen Sohn im Walde pflanzt und mit
dem er plaudern will.
Abergläubisch färbt sich das Verhältnis zur Natur beim alten
Wolf, naturphilosophisch und mystisch beim „Unbekannten“ und der
Hexe. Zuweilen spielen die Anschauungen selbst ein wenig in den
mythologischen Volksglauben hinüber, wie die „dämmernde Geisterwelt in
sichtlicher Natur“[574] oder die Geister, die in Felsen oder auf Bergen
hausen.[575]
In Golos Naturanschauung bricht manchmal etwas ganz Fremdartiges
hervor, das nicht mehr bloß ein einfühlendes, poetisches Versenken in
die Natur ist, sondern Angst und Grauen vor den Naturmächten, die mit
schicksalsmäßigem Zwang den Menschen beherrschen, ihn zum Wahnsinn
treiben und zugrunde richten.[576] Es sind dies, wenn auch gedämpft,
dieselben unheimlichen, gemüthbelastenden Stimmungen, die besonders
im „Abdallah“, „Lovell“, „Eckbert“ und in den mit der „Genoveva“ fast
gleichzeitigen Dichtungen „Tannenhäuser“ und „Runenberg“ herrschen,
in den Werken aber, über denen Wackenroders Geist schützend schwebt,
zum größten Theile verschwinden. So bricht auch in der „Genoveva“ nur
ein und das anderemal dieses sonderbare, unbestimmte Grauen vor den
Naturmächten hervor, die den Menschen wie ein tückisches Schicksal
bedreuen, eine Stimmung, die aus Tiecks innerstem Seelengrunde
emporwächst. Das freundliche Gegenstück zu dieser düsteren Seite
der Natur ist der märchenhafte, herzliche Verkehr des kleinen
Schmerzenreich mit den Thierlein des Waldes und die freundliche
hilfreiche Natur, die gerne der unschuldig Verfolgten ihren Beistand
leiht.
Einen ganz kleinen Raum nur gewährte der Dichter jener eigentlich
religiösen Naturbetrachtung, die im weiten Reich der Natur das
Walten ihres Schöpfers spürt,[577] das Loblied der Natur auf Gott
vernimmt[578] und so die Menschenseele zu frommer Gottesverehrung
stimmt.[579]
Bei dieser gemüthswarmen Naturandacht geht immer die charakteristische
Beleuchtung, in welcher die Naturumgebung erscheint, von der Stimmung
des Betrachters aus; es ist ein lebendiges Hineinwachsen und
Hineinleben des Gemüthes in die Natur. Die Töne der Natur aber sind,
wie Novalis sagt, auch wieder „Tasten höherer Saiten in uns“.[580]
Werden die Tasten angeschlagen, so erklingen die Saiten unseres
Gemüthes. Es wirkt die Natur auf den Menschen stimmungerregend ein.
Auch diese Auffassung finden wir in Tiecks Dichtung. Die weiche
Sommernacht z. B. senkt sich beruhigend auf Genovevas Seele.[581]
In anderen Fällen erscheint wieder die Nacht recht als Feindin des
Menschen; sie bethaut den Sinn mit Schwärmereien,[582] sie macht den
Geist schlaff und trunken und verführt ihn geradezu zur Sünde,[583] sie
entfesselt die Liebesleidenschaft, die der Tag neidisch „mit seinem
leuchtenden Mantel“ verhüllte.[584] Der Glanz des Tages zeigt dem
Gewissen die Sündhaftigkeit der nächtlichen Gedanken.[585] Die einsame,
große nächtliche Gebirgswelt gibt dem innerlich Verstörten Freude
und Sicherheit, freilich nur für einen Augenblick; denn sofort wacht
der innere Dämon wieder auf und treibt Golo zu sinnloser Gewaltthat
an seinem Diener, so dass dieser ruft: „... es macht die Nacht Euch
toll.“[586] Wir sehen eine Art passives Gegenstück zum sympathetischen
Naturgefühl. Bei diesem überschüttet der Mensch die Außenwelt mit
seinem inneren Stimmungsreichthum. Dort lässt sich das Gemüth vom
äußeren Eindruck beherrschen und leiten.
Tieck liebt es sehr, die Natur als harmonisch gestimmten Hintergrund
einem Vorgange, einer Seelenstimmung beizugeben. Wie Frühling,
Sommer und der trübe Herbst die Hauptmomente in Golos und Genovevas
Geschick begleiten, hat bereits Hettner ausgeführt. (Nur spricht er
irrthümlich auch vom Winter.) Wir mussten die einzelnen Fälle bereits
als Beispiele für das synthetische Naturgefühl heranziehen. Zweimal
erscheint die Jahreszeit noch flüchtig. Frühling und Lust schwinden
für Golo zugleich dahin[587] und während Genoveva im Thurme klagt,
ist es auch draußen stürmische Zeit.[588] Von den Tageszeiten wirken
außer dem Sommerabend und der Sommernacht noch Morgen und Nacht als
begleitender Stimmungshintergrund. Mit dem Morgen, der bei Tieck
gerne als Zeit der Abreise genommen wird („Magelone“, „Sternbald“),
beginnt die „Genoveva“. Die frische Morgenfrühe taugt ja trefflich
zur frohgemuthen Stimmung, mit der die Kreuzfahrer ausziehen; sie
passt aber auch zur idyllischen Schäferscene und zu Golos munterem
Ritte. Ernst und weihevoll wird aber das nämliche Morgenlicht, wenn
es hier wie am Ende der Dichtung durch die gemalten Fenster der
Kapelle hereinschaut.[589] Der helle Morgen beglänzt im Anfange eine
kirchliche und allerhand bunte weltliche Scenen. Den Schluss bildet
die morgenhelle Kapellenscene allein und wie ein sinnbildlicher
Hintergrund, wie eine „leise Allegorie“ erscheint hier der helle
Morgenglanz im Heiligthum; denn jetzt bricht für die heilige Heldin der
ewige Lebenstag himmlischer Verklärung an. -- Die finstere Nacht ist
die Zeit der Geister.[590] Ein grotesk phantastisches Nachtbild leitet
daher die Hexenscene ein,[591] und der gespenstische Pilgrim wandert in
finsterer Nacht.[592]
Schon mit den Schlagworten der Scenenüberschriften markiert der Dichter
manchmal eine gewisse Naturstimmung. „Freies Feld“, „Waldgebirge“,
„Felsenthal“, „Garten. Mondschein“, „Wohnung der Zauberin. Nacht“,
„Waldgebirge. Nacht. Mondschein“, „Kapelle. Schwach erleuchtet“ u. s. w.
Das traurige Lied und der heitere Schäfergesang sind jedes in seinen
entsprechenden Naturrahmen gefasst. Ebenso das Lied „Da irr’ ich
unter Steinen“[593] und die dritte Strophe des Hochzeitbitters.[594]
Im Hintergrunde erlischt die Flamme der brennenden Stadt, im
Vordergrunde das Leben des gefallenen Kriegers.[595] Auch sogar in
jenem Scheinbilde, das die Hexe Siegfried im Zauberspiegel sehen
lässt,[596] fehlt die Naturumgebung nicht. Im zweiten Theile des
Stückes, wo Genoveva in der Wüste betet und duldet und Schmerzenreich
seine Kindheitsidylle durchlebt, rückt uns der Dichter in immer neuen
Wendungen die Waldeinsamkeit ins Bewusstsein. Es ist dies aber eine
freundliche Einsamkeit im Gegensatz zu jenem zerklüfteten Felsgebirge,
in dessen öder Höhe Golo vergeblich Frieden für seine zerrissene Seele
sucht, von wo er seinen Diener Benno bei Nacht in den brausenden
Waldstrom hinabstürzt.[597]
Sogar die himmlische Seligkeit entbehrt bei Tieck nicht der
Naturfreude; denn auch im Paradiese der Heiligen prangen himmlische
Blumen und Blüten und die verklärten Geister dürfen alle Herrlichkeiten
des Weltalls von den Sternen bis in den Abyssus hinab überschauen.[598]
Gewiss bezeichnend, dass der Romantiker den himmlischen Freuden auch
die poetische Naturfreude zuzählt.
Contrastierend erscheint die Natur selten, z. B. im Wettstreite mit
der menschlichen Schönheit;[599] oder sie höhnt ein andermal den
unglücklich Liebenden; sie erhört auch Genovevas Bitten nicht.
Tiecks Dichtung glänzt und schimmert an vielen Stellen noch überdies im
Flitterschmucke der Gleichnisse, Metaphern und Beiwörter, die aus dem
Naturleben stammen. Sie glänzt und schimmert im wörtlichen Sinne; denn
gerade Licht und Glanz sind hier sehr beliebte Vorstellungen. Licht und
Glorie sind vor allem nöthig in der Vision. Daher die entsprechenden
Gleichnisse. Eine Lichterglorie wallt in die Kirche nieder
„... wie aus des Morgens purpurroten Thoren
Der glanzgekrönte Ost dem Blick sich beut,..“