Großen Fleiß verwendet Tieck darauf, recht viel religiöse Stimmung über
seine Dichtung zu verbreiten; lange nicht so eifrig ist sein Bemühen,
den Leser in die „alte deutsche Zeit“ zurückzuführen. Will man aber
Tieck nicht unrecht thun, so darf man nicht die Forderungen an die
Costümtreue aus unserer heutigen Zeit der culturhistorischen Romane für
die Zeit vor hundert Jahren geltend machen, sondern es gilt auch hier,
zuerst zu erfahren, wie Tieck über das Costüm denkt und wie er seine
künstlerischen Anforderungen in diesem Punkte erfüllt.
Tieck meint, wenn ein Dichter einen alten Stoff behandle, so
müsse die Hauptsache sein, dass alle Welt mit ihren nur möglichen
Mannigfaltigkeiten schon früher dunkel im Poeten liege, sonst werde er
nie etwas ordentlich begreifen. Der Dichter hat Stoff und Motiv aus der
alten Zeit von seinem eigenen Standpunkte aus mit jenem Maße zu messen,
das er für das allgemein menschliche hält. Das ist das Wesentliche und
so that Shakespeare. Einen schwerfälligen und umständlichen Weg, ein
fernes Zeitalter zu begreifen, schlagen dagegen jene ein, die sich mit
„Kenntnissen und Costüm, Sitten und Lebensweise“ ausrüsten, die sie
mühsam aus hundert Büchern zusammengetragen haben.[539] So meint auch
Albrecht Dürer im „Sternbald“ bündig:[540] „Ich will ja den, der meine
„Bilder“ ansieht, nicht mit längstvergessenen Kleidungsstücken bekannt
machen, sondern er soll die dargestellte Geschichte empfinden.“
Nicht viel anders hält es Tieck in der „Genoveva“. Er thut für das
Costüm der alten Ritterzeit so viel, als sich gerade bequem thun lässt
und gerade so viel, als hinreicht, um eine Vorstellung und leichte
Stimmung des Alterthümlichen zu erwecken. Bonifacius fordert im Prologe
den Leser direct auf, in die alte Zeit zu folgen, da Christen und
Saracenen im Kampfe lagen. Der Krieg wird in Frankreich localisiert,
der Saracenenführer heißt Abdorrhaman, ist also jener geschichtliche
Abderrhaman, der bei Tours mit Karl Martell kämpfte. Der Krieg wird
anachronistisch und innerlich unsachgemäß zu einem Kreuzzug gestempelt,
in dem das Christenheer unter einer Fahne mit rothem Kreuze kämpft. Ein
paar Andeutungen weisen auf Hierarchie und Kaiserthum des Mittelalters
hin. Das Alterthümliche der Ritterschlacht wird uns gegenwärtig, wenn
wir von der ritterlichen Ausrüstung mit Harnisch, Schwert und Schild
erfahren[541] und weiter hören, dass mit Äxten, Lanzen und Hellebarten
gekämpft und Siegfried durch einen Pfeilschuss verwundet wird.[542]
Golo wird später mit Spießen todtgestochen.[543]
Auch über das Thun der Ritter zu Hause im Frieden erfahren wir
einiges. Ziemlich allgemein und unbestimmt heißt es, dass Golo „in
den Waffenkünsten unterrichtet wurde“[544] und dass er „Waffenwerk
treibt“.[545] Etwas minnesingerisch klingt es, wenn er „alte
Liebesreime singt“[546] und ein andermal zu einem Liede selbst „Wort
und Weise findet“.[547]
Die Pfalzgräfin Genoveva liest als vornehme Rittersfrau ein Buch, das
ein Mönch geschrieben hat[548] und wie Drago wird sie von Golo, der zum
Vogt über das Schloss bestellt worden war,[549] in das Burggefängnis,
in den „Thurn“ geführt.[550]
Wenn nicht Krieg ist, sollten die Ritter das Weidwerk treiben, meint
Matthias.[551] Siegfried, der Lehensmann Karl Martells[552] ist
Pfalzgraf, also eine echt mittelalterliche Amtsperson.[553] Er ist
Richter in seinem Sprengel (den er einmal unversehens „Staat“ nennt)
und übt die Gerichtsbarkeit, die „Pfalz“, in wichtigen Fällen im Verein
mit seinen Verwandten aus.[554] Als ein selbstverständlicher Fall in
seiner Praxis erscheint der Hexenprocess, wobei der Dichter noch mehr
Jahrhunderte, als bei der Einführung des Kreuzzuges überspringt. Auch
die Astrologie erweckt den Eindruck des Alterthümlichen, wenigstens im
allgemeinen.
Wie Tieck Thatsachen verschiedener Jahrhunderte in einander arbeitet
(zum Theil auf Veranlassung des Volksbuches hin), so ist er auch in
anderen Einzelheiten der Costümbehandlung nicht ängstlich. Seine
Schäfer tragen nichts Alterthümliches an sich. Es ist von Genovevas
„Zimmer“ die Rede.[555] Das Wort „Pfaffe“ ist bereits Schimpfwort, der
naturphilosophische „Weltgeist“ spuckt schon im achten Jahrhundert
u. s. w.
Man sieht, Tieck ist in Sachen der Costümtreue nicht bedenklich,
wie er es auch von anderen nicht verlangt; er nimmt mit sorglosem
Griffe verschiedene Dinge zusammen, wenn sie nur einer vergangenen
Zeit angehören und mögen sie in der Vergangenheit selbst auch wieder
durch Jahrhunderte getrennt sein. Es genügt ihm, wenn das Ganze nur
so einen leichten, alterthümelnden Hauch bekommt und der Leser das
Gefühl nicht verliert, dass er sich in einer idealen, mittelalterlichen
Vergangenheit bewegt. So viel erreicht Tieck auch durch die gegebenen
Anhaltspunkte und mit diesem mäßigen Colorit ist er zufrieden. Wenn uns
heute seine weitgehende Freiheit in der Costümbehandlung auch nimmer
erträglich wäre, so behält Tieck noch immer wenigstens mit der Ansicht
Recht, dass das Costüm in einer Dichtung nicht Hauptsache, sondern
untergeordnete Nebensache sei.
Die Freude am alterthümlichen Costüm gehört ebenso wie die
Freude am alterthümlichen Stoffe zu den eigentlich romantischen
Gefühlsrichtungen, die sich vorzugsweise seit Wackenroder in der
deutschen Literatur geltend machen. Tieck hatte außerdem durch Hans
Sachs und Goethe seine Freude am Altdeutschen genährt. Wenn auch für
uns nimmer so lebhaft nachfühlbar, war es doch für die Romantiker
vor hundert Jahren, wie uns ihre vielen Bekenntnisse bezeugen, eine
wirkliche, innige poetische Freude, solche alterthümliche Stimmungen
nachzuerleben und nachzuschaffen, eine Freude, ebenso ehrlich, wie
das Entzücken an der Poesie des Religiösen. Das Wiederauffinden und
Wiedererkennen des poetisch Vortrefflichen, das ungerecht verkannt
und missachtet wurde, erweckte ihre enthusiastische Freude. Diese
aufrichtige, ehrliche Freude müssen wir uns auch stets in Erinnerung
rufen, wenn Tieck seine „Genoveva“ ein Erlebnis nennt.
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Der Dichter denkt nicht an eine Darstellung seines Dramas[556] auf der
Bühne, die seine Figuren dem leiblichen Auge des Zuschauers lebendig
machen könnte, er rechnet nur auf das innere Auge des Lesers oder
Hörers. Es liegt daher die Frage nahe, wie der Dichter diesen seinen
Menschen, die er in eine alte Zeit und in mittelalterliche Verhältnisse
versetzt, für die Phantasie Gestalt und zwar zunächst äußere Gestalt,
sinnliche Farbe gibt.
Von den Hauptpersonen bekommt der Leser zuerst ~Golo~ zu Gesicht.
Wie sieht ~Golo~ aus? Von ihm wird berichtet, dass er schon als
Kind schön gewesen sei, „wie ein Engel“. Als Genoveva auf das Schloss
zog, kam er ihr entgegen als „ein Jüngling von bunter Tracht und
adeligem Wesen und voll Demuth“, mit einem glänzenden Gesicht, so dass
er sie an die Erscheinung Christi in der Vision erinnerte. Im Drama
selbst sieht man ihn als schönen, edlen Herrn und Junker auftreten. Er
hat ein „wackeres“ Aussehen. Er zeigt sich eingangs als ein stolzer
Reiter auf stolzem, weißem Rosse (ein schönes, glänzendes Ross heißt
es später). „Locken, Augen und Lächeln“ fallen Genoveva bei der ersten
Begegnung auf. Weit mehr Aufmerksamkeit als allen anderen äußeren
Eigenthümlichkeiten, die eigentlich recht verschwommen sind, schenkt
der Dichter dem Auge, auf das wir oft und oft mit besonderem Nachdruck
hingewiesen werden; denn das Auge scheint „dem Gedanken verwandter“ als
die anderen Sinne.[557] Schon als Kind hatte Golo „etwas im Auge, so
lieb und gut, so freudenreich und hell“, dass er jedermann anziehend
erschien. Jugend und Freude sehen ihm aus den Augen. Sein „helles
Auge“ muss jedes Herz erfrischen. Gertrud sagt dem Traurigen: „Wäre
ich ein junger, wack’rer Herr mit Augen, wie Ihr...“ Von sich selbst
sagt Golo: „Gern wollte ich die trüben Blicke lassen und wieder aus
den muntern Augen seh’n“ u. s. f. Solange Golo gute Wege geht, erscheint
er auch äußerlich herrlich. Als er zum Verbrecher wird, verwandelt
sich sein Äußeres. „O seht die Tücke, wie sie sich in den stieren
Augen malt, seht das verruchte, missgestalte Antlitz.“ Öfters lesen
wir ganz allgemein nur von der „Gestalt“, vom „Antlitz“. Häufiger
ist von der äußeren Erscheinung Genovevas, der Gegenspielerin Golos
die Rede. Gleich anfangs ist sie die „schöne Gräfin“. Dann hören
wir von der „hohen Gestalt“, der „herrlichen Gestalt“, von ihrem
„hohen Gange“. Sie ist die „Holdeste“, „das holdsel’ge Bild“, „das
schönste Kind“, „blühend, ein Wunder anzuschauen“. Sie besitzt „reine
Züge und Schönheit“. Dass diese allgemeine Schönheit ein wenig mehr
individualisiert wird, kommt daher, weil Golo sie mit sinnlichen Augen
ansieht und weil es auch in der Natur der Sache zu liegen scheint,
dass der Dichter sich um die äußere Erscheinung der Frauen mehr als
um die der Männer kümmert. (Vgl. „Hermann und Dorothea“.) Auf Golo
wirken die rothen Lippen, „deren Röte aus dem Herzen wegtrinkt mein
rotes Blut“. Auch bei Genoveva steht wieder das Auge im Mittelpunkt des
Interesses. Der „helle Bronn des Auges“ erweckt Golos Sinnlichkeit.
An ihren „jungen Augen“ will Gertrud Liebe zu Golo lesen. Genoveva hat
„den Himmel im Auge“, sie sieht Golo mit Augen an, „deren Glanz das
Mark mir aussaugt“. Der Gräfin Augen sind „herzbannende Augen“, „holde
Augen“, „helle Kreise“ und sie sehen durch den Schleier „so wie die
Sonne hinter Wolken scheint“. Als der Kummer Genoveva schon „geältert“
hat, sind „noch die Augen schön und lebhaft“. Ja selbst sterbend „lacht
ihr helles Auge“. Golos sinnlicher Blick begnügt sich nicht mit Augen,
Wangen und Lippen, er verfolgt „den Bau der schönen Glieder von der
Brust zu den vollen Hüften nieder“. Er stellt sich Genoveva tanzend
vor im schönen Gewande, „das eng und enger an die Glieder fliegt“. Der
„holde Leib“ hat ihn berückt. Auch der Zauberspiegel bei der Hexe gibt
von der Heldin ein Bild. Siegfried sieht darin seine Genoveva „in all
ihrer Schönheit, im schwarzen Kleide mit goldenem Geschmeide“. In der
Noth wird sie zum „Todtengerippe“, „Scheusal“ und „Gespenst“, wie Golo
sie höhnend nennt.
Unter den übrigen Personen wird Zulma noch fast am deutlichsten
sichtbar. „Sieh mein Fürst, die Fülle der schwarzen Locken und die
Mädchenwangen, den zartgeschlossnen Mund wie Rosenknospe, o Himmel,
sieh den schönsten Busen...“ Sie hat „schöne, große Augen“. Mag sein,
daß ihr der Dichter als einem Gegenbilde Genovevas ein größeres
Interesse schenkt. Nur würde man dann auch ein deutliches Contrastieren
der äußeren Erscheinung erwarten.
Die anderen Gestalten sind für unsere Phantasie recht blass und noch
schattenhafter als die Hauptperson. Schmerzenreich ist ein „schönes
Kind“, ein „liebes Kind“. Seine „Augen“ und seine „Blicke“ sind
Genovevas Freude. Drago ist „weder jung noch schön“. Siegfried ist
alt. „Was soll das Bild doch sein“ ruft Schmerzenreich, als er ihn
sieht. Das ist alles, was wir von seiner Erscheinung hören. Ein wenig
deutlicher heißt Karl Martell „ein herrlicher, stattlicher Mann“ mit
der „Miene voll Zorn“. Zulma preist des jungen Feldherrn Abdorrhaman
„Schönheit und liebevollen Blick“; seine Augen sind „zwei Sonnen“.
Aquitanien ist „ein Jüngling“. Wesen, Gestalt und das kühne Auge lassen
die Hexe in Siegfrieds Augen als überirdisch erscheinen.
Von einer plastischen, gegenständlichen Deutlichkeit kann nirgends die
Rede sein. Es ist hier dieselbe idealisierende und leicht andeutende,
unbestimmt gehaltene Darstellungsweise, wie sonst bei Tieck. Der
schöne Golo mit den schönen Augen, die schöne Genoveva mit den schönen
Augen, das ist ziemlich alles, was die Phantasie aus den verschiedenen
allgemeinen Andeutungen entnehmen kann. Das Betonen des sinnlichen
Reizes an Genoveva, sowie die Vorstellung von der tanzenden Heiligen
und die derbrealistischen Ausdrücke wie „Scheusal“ u. s. w., die sich
zwar an sich in Golos Munde nicht unzutreffend ausnehmen, bringen aber
in das Gesammtbild der Legende etwas Fremdes, das sich zu ihrem übrigen
Wesen so wenig schicken will, wie die ziemlich frivolen Badescenen zu
der frommen Kunststimmung im „Sternbald“.[558] Eine Eigenthümlichkeit
in Tiecks Personenschilderung ist die Vorliebe für das Auge. Der am
meisten seelische Sinn ist für den Dichter auch der dankbarste und echt
dichterisch und fein handelt Tieck, wenn er die lebhafte sinnliche
Erscheinung mit einem psychologischen Vorgang geschickt verbindet, wie
etwa: „es lacht ihr helles Auge“. Nicht immer wird dies in solcher
Weise ausgenützt. Wie geläufig und wichtig Tieck die Vorstellung
vom Auge wurde, sieht man erst, wenn man beachtet, wie sogar an der
Hirschin die „lieben treuen Augen“ besonders erwähnt werden, wie auch
Wald und Busch Golo „mit grimmen Augen“ ansehen, die goldene Nacht mit
„tausend Augen“ sieht und in den Buchengang „hineinäugelt“.