Über den religiösen Grundzug, den die Auffassung der Genoveva-Legende
in Tiecks Bearbeitung zum Unterschiede von den unmittelbaren Vorgängern
und Nachfolgern, die den nämlichen Stoff behandelten, aufweist, war
die Kritik im allgemeinen immer einig. Das hinderte aber nicht, dass
die einzelnen religiösen Anschauungen, die Tieck in seinem Werke in
reichlicher Menge vorträgt, sowie die Art ihrer Verwendung recht
verschiedene Urtheile hervorriefen. Die religiöse Seite der „Genoveva“
ist für den Geist der Romantik von 1800 ganz besonders bedeutsam und
kennzeichnend. Eine eingehende Prüfung dieses religiösen Gehaltes
und seiner Verwertung lässt sich daher in einer Charakteristik der
„Genoveva“ nicht umgehen.
Schon bei der Frage nach dem Einflusse Calderons musste die Bemerkung
fallen, dass Tieck keinen Charakter schafft, dessen Denken und Thun
so recht eigentlich aus religiösem Grund und Boden emporwächst, der
in seiner ganzen Existenz klar und einfach von bestimmten religiösen
Anschauungen beherrscht wird. Zum großen Theile gelingt ihm dies noch
bei der Heldin Genoveva, wenn er das Leiden und Dulden der unschuldig
Verstoßenen und ihre weichen frommen Stimmungen schildert. Nur ist
hier das Verdienst des Dichters nicht allzugroß, weil ihm schon
das Volksbuch das Beste, was seine Genoveva an wirklicher Religion
besitzt, an die Hand gegeben hatte. Fehlt also dem Werke Tiecks in
vielen Partien ein fester innerer religiöser Kern, ein ernst und tief
empfundenes religiöses Leben, so klebt der Dichter umsomehr äußere
Decoration an allen Ecken und Enden auf, um dem Ganzen eine religiöse,
fast katholisch-kirchliche Färbung und Stimmung zu geben.
Es wird in Tiecks Dichtung besonders viel von religiösen Dingen
und Anschauungen geredet, bald ausführlich, bald im flüchtigen
Vorübergehen. Wir hören da von Gott und der Dreieinigkeit.[500] Gott
heißt der Erhalter der Welt,[501] er erscheint als der Spender alles
Guten[502] und als Lenker aller Dinge,[503] zu dem man in Freude
und Leid vertrauend aufblicken darf.[504] Zu ihm wird gebetet,[505]
er wird als Zeuge für die Wahrheit im Schwure angerufen[506] und
auch seine Heiligen erscheinen als Fürbitter für die Menschen.[507]
Gott ist der Richter aller Menschen; darum ergreift den Sünder die
Gewissensqual, der Reuige darf aber vom barmherzigen Gotte Verzeihung
hoffen.[508] Gott greift ferner durch Wunder und Visionen hie und da
in die Geschicke der Menschen ein[509] und das Eingreifen Gottes im
größten Umfange zu Gunsten der Menschheit, die Erlösung durch Jesus
Christus wird in einer Dichtung, wie die „Genoveva“ selbstverständlich
nicht übergangen.[510] Es wird auch erörtert, wie die Christenheit das
Werk des Erlösers fortzuführen und seinen heiligen Kampf gegen alle
Widersacher des Guten zu kämpfen hat.[511] Hierarchie und christliches
Kaiserthum, die beiden gewaltigsten Weltmächte des christlichen
Mittelalters, werden im schwachen Umrisse angedeutet.[512] Es wird
gelegentlich auch gezeigt, wie der einzelne Mensch durch den Unterricht
in der Heilslehre[513] zu seiner christlichen Gesinnung kommt, wie er
sich vervollkommnet und im Glauben erhält durch eifriges Lesen von
Bibel und Legende,[514] durch Gebet und Theilnahme am Gottesdienst[515]
und wie ihm Gottes Gnade in seinem geistlichen Leben zuhilfe kommen
muss, die ihm besonders durch die Sacramente vermittelt wird.[516]
Durch die Betrachtung des Beispieles Christi und der Heiligen lernt
die heil. Genoveva Geduld, Verzeihen und Feindesliebe.[517] Sie löst
sich immer mehr von der Erde los und blickt mit immer tieferem Sehnen
nach der Ewigkeit hinüber, nach der das ganze Leben nur eine Wallfahrt
ist.[518] Alle Erdengüter erscheinen als eitel und nichtig.[519] Dem
heiligen Leben folgt endlich die himmlische Verklärung.[520]
Die heilige Musik religiöser Gefühle soll, wie Schleiermacher wünscht,
nie im Menschen verstummen. Darum führen die Figuren in der „Genoveva“
bei jeder Gelegenheit religiöse Ausrufe und Redensarten im Munde.
Diese wird man allerdings nur bei jenen ernst nehmen, deren fromme
Gesinnung schon aus ihrem übrigen Gebaren deutlich ist; sonst hat ein
„Gott Lob!“, „Wollte Gott!“ u. dgl. nicht viel zu sagen. Denn es
treten, das Bild zu vervollständigen und durch Schatten zu erhöhen, der
reinen Form des Christenthums noch verschiedene trübe Äußerungen des
religiösen Triebes an die Seite: Sternencult und Schicksalsglaube,[521]
Hexenwahn[522] und muhamedanisches Heidenthum.[523] Magie und
Sternkunde, die mit Vorstellungen Jakob Böhmes und der Naturphilosophen
versetzt sind, boten für Tieck kaum nach der religiösen Seite viel
Anstößiges, da nach romantischer Auffassung alles Religiöse ja nur
ein Zweig des einen Urreligiösen ist. Das Geheimnisvolle und zum
Gemüthe Sprechende in der Religion ist immer poetisch und daher
auch andererseits ein Bestandtheil der einen universalen, von den
Romantikern gesuchten Urpoesie. Erst durch die Absicht, welche die Hexe
mit der Magie verbindet, wird diese Kunst ethisch unterwertig. An sich
hat die Magie für den Romantiker ihren hohen poetischen Wert.
Soviel läßt sich von religiösen Anschauungen verschiedenster Art aus
der „Genoveva“ herauslesen und diese reichliche Fülle, die so vielerlei
aus der christlichen Glaubenslehre berührt, über die ganze Dichtung
ausgebreitet, reicht ohne Zweifel aus, ein lebhaftes religiöses Colorit
zu erzielen.
Für das künstlerische Moment ist es nun von großer Wichtigkeit,
daß sich diese Anschauungen in schönem Wechsel auf einzelne Träger
vertheilen. In der Dichtung, die ein ideales Nachbild des Lebens ist,
können ja naturgemäß nicht alle Leute gleich fromme Christen oder
Vertreter derselben religiösen Anschauungsweise sein, da sie es im
Leben auch nicht sind. Den reichsten Glanz religiöser Verklärung läßt
Tieck auf die Titelheldin seines Werkes ausströmen, auf die „heilige
Genoveva“. Bis auf geringe Schwankungen des Gemüthes erscheint ihr
Denken, Reden und Handeln immer wenigstens in religiöser Beleuchtung.
Wir blicken zurück bis in die Tage ihrer klösterlichen Erziehung, in
denen sie sich durch eine himmlische Vision als außerordentliches
Wesen ankündigt. Alle Arten frommer Übungen und strenge religiöse
Pflichterfüllung sind der Hauptinhalt ihres Lebens. Gottvertrauen,
Geduld und Ergebung, feste Gattentreue, die wenigstens theilweise
religiös motiviert erscheint, fromme Muttersorgfalt, Feindesliebe,
Weltentsagung sind ihre Tugenden. Der Himmel begnadet sie öfters in
ihrem Leben mit Wundern und Visionen und als sie in die Seligkeit
eingegangen ist, verehrt die Christenheit ihr wunderthätiges Bild auf
den Altären. Tieck will eine Heilige des katholischen Mittelalters
schildern, eine „Kirchenheilige“, so gut er es vermag. Die Ergebung,
Aufopferung und das fromme Dulden ist ihm dabei die Hauptsache
an seiner Heiligen, wie wenigstens des Dichters Freund Bernhardi
versichert.[524] Unsicheres Schwanken ihres religiösen Sinnes zeigt
Genovevas Verhalten gegen Golos Anträge, das eine leise Neigung für
den Versucher in einem ganz versteckten Winkel ihres Herzens ahnen
lässt.[525] Vielleicht hatte Tieck auch das Bedürfnis, dem langen
Leiden wenigstens eine kleine Schuld vorangehen zu lassen, um so
seine Heilige auch wieder ein wenig aus ihrer Höhe in die Sphäre
allgemein menschlichen und des traditionellen tragischen Empfindens
herabzurücken. Eine Beziehung zwischen dieser Verschuldung und dem
späteren Leiden wird aber nicht angedeutet. Diese Neigung selbst
erscheint Genoveva als große Sünde. Eine schiefe Auffassung; nicht
diese Empfindung selbst kann sündhaft sein, sondern Genovevas Benehmen
gegen Golo wäre es, wenn es nicht zu „naiv“ wäre. Möglich, dass Tieck
seiner Heiligen die vom Evangelium verlangte Taubeneinfalt geben zu
müssen glaubte. Die angestrebte unschuldige Einfalt wird dem Dichter
aber unter den Händen zur peinlichen Einfalt. Die Meinung, dass eine
Frau in der Ehe für „die Liebe Christi“ verloren sein müsse, das
Seltsame, dass die fromme Klosterschülerin sich erst von Drago die
Bedeutung der irdischen Leiden erklären lässt, eine gelegentliche
fatalistische Äußerung, eine Bemerkung des heil. Bonifacius, die auf
ein üppig behagliches Leben der Heiligen vor der Verbannung schließen
lässt: all das sind Dinge, die den Leser zwar stören, die man aber
Tieck bei seiner idealisierenden, nur auf die Gesammtstimmung, auf das
„Totale“ abzielenden Dichtungsweise nicht mit allzu eiserner Logik
nachrechnen darf. Zum guten Theile muss man solche Unebenheiten wohl
auch der leidigen Gewohnheit des Dichters „alla prima zu malen“[526]
zuschreiben.
Um Genoveva gruppiert sich eine Reihe von Menschen, über welche die
religiösen Lichter in mancherlei Abstufungen bald reicher, bald
sparsamer hinspielen: Schmerzenreich und Siegfried, Wolf, der Kapellan
und Drago, Wendelin und Else, Grimoald und Heinrich.
Der frommen Mutter am nächsten zur Seite steht ihr Söhnchen
Schmerzenreich, in dem der Dichter das kindliche Abbild der Mutter
zu zeichnen sucht. Unter Gebeten, religiösen Gesprächen und
Belehrungen wächst der Knabe in stiller Waldeinsamkeit auf. Er ist
der selbstverständliche Theilnehmer an den Wundern und Visionen. Von
allem irdisch sündhaften Wesen unberührt, wird die Himmelssehnsucht
in der kindlichen Seele schon so mächtig, dass der unmündige Knabe
auf das väterliche Erbe verzichtet, und die Mutter, sein Liebstes,
ohne Schmerzgefühl sterben, d. i. zu Gott wandern sieht, womit der
Dichter seinem kaum mehr als siebenjährigen Schmerzenreich und selbst
dem frömmsten Leser ein wenig zu viel zumuthet. Schmerzenreich ist so
das unvermischte, fleischgewordene religiöse Empfinden, wie Tieck es
auffasst.
Neben der heiligen Mutter und dem heiligen Kinde sehen wir im Vater
Siegfried einen guten Christen, der seine religiösen Pflichten zu Hause
erfüllt, der vor dem Auszuge die Sacramente empfängt und sich als
biederer, frommer Rittersmann im Mohrenkriege für die christliche Sache
bewährt. Einen schlimmen Fehltritt begeht er aber in seinem Verfahren
gegen die unschuldige Gattin und schlecht lässt ihm auch sein Glaube
an die Zauberei, gegen die er zuerst Bedenken hat, bis sie ihm als
erlaubt bezeichnet wird. Er sühnt aber seine Sünden durch aufrichtige
Reue, durch strenge Weltentsagung und Buße am Ende. Was Siegfried jetzt
noch ist, das war der alte Wolf ehedem. Er kann nur mehr im Geiste am
heiligen Kriege theilnehmen, sich über den Sieg der Christen freuen und
über den Unglauben der Heiden verdrießlich sein. Wenn Siegfried sich
durch die Zauberin bethören lässt, so hält es Wolf mit den Astrologen.
Wie Siegfrieds Frömmigkeit am Ende der Dichtung in besonders hohem
Grade zum Vorschein kommt, so auch die Wolfs in der letzten Mahnrede an
Golo.
Auf Siegfrieds Burg darf selbstverständlich ein Burgkapellan nicht
fehlen, ein alter, frommer Lehrer und Rathgeber in allen religiösen
Anliegen. Diese Rolle übernehmen bei Tieck zwei Personen, der Kapellan
und Drago. Der erstere ist nur eine matte Randfigur, die nach einer
Ansprache an die ausziehenden Kreuzfahrer und einer Erbauungsrede
in Sonettform aus dem Stücke verschwindet, um Drago die Leitung der
häuslichen Andachtsübungen zu überlassen. Damit ist das religiöse Thun
beider erschöpft.
Ein Jünger Dragos ist Wendelin, den Benno einen „halben Pfaffen“
schilt. Er liest mit Drago fromme Erbauungsbücher, geht mit ihm
gemeinsam zur Kirche und wie Drago bei Genoveva, möchte er gerne bei
der Dienerschaft Prediger und Gewissensrath sein, findet aber nicht
die beste Aufnahme. Das Kennzeichen von Wendelins Frömmigkeit ist eine
gewisse naive Einfalt.[527] Unerklärt bleibt aber sein scrupelloses
Lügen, durch das er Golo zu Siegfried lockt. Dass er der Gerechtigkeit
mit einem übeln Mittel Vorschub leisten will, kann man vermuthen. Der
Dichter lässt uns darüber im Unklaren. In der frommen Naivetät und
Einfalt ist Else Wendelins weibliches Gegenbild, die wie er auf der
Stelle ein Wunder vom Himmel zur Bestrafung der Bösewichter verlangt
und die wie ihr Gatte Wendelin ihr frommes Gemüth gerade am Gebaren
der wunderbaren Hirschkuh letzt. Als dritter im Bunde tritt zu beiden
ein alter Vertreter frommer Einfalt, der Köhler Grimoald, der auch ein
wunderbares Eingreifen Gottes für die verfolgten Gerechten fordert und
im Mitlaufen des Windspiels zu Genovevas Richtstätte ein Wunder sieht.
Mit einfältigem Unwillen wehrt er sich gegen die Brüderschaft mit dem
Teufel, die ihm Benno scherzend zumuthet. Mehr als sein von ihm selbst
betontes Gottvertrauen und seine Empfänglichkeit für die Morgenstimmung
in der Kapelle erhärtet seinen religiösen Sinn die Furcht vor Sünde
und Verantwortung, die ihn von der Ermordung Genovevas zurückschreckt.
Alle diese Nebenpersonen gebrauchen gerne fromme Interjectionen,
„Bei Gott!“ „Dass Gott erbarm!“ „O Gott!“ „Da solle einen Gott der
Herr bewahren!“ u. s. w. und das erinnert uns stets, dass wir uns in
christlicher Gesellschaft befinden. Diese eingestreuten religiösen
Redewendungen sorgen dafür, dass die „heilige Musik“ in der Dichtung
nie ganz verklinge. Das Christenthum des Schäfers Heinrich beschränkt
sich ziemlich ganz auf diese frommen Ausrufe und für seinen Freund
Dietrich fällt nicht einmal mehr ein solcher Ausruf ab.
An der Grenze, wo sich die Bezirke der ehrlich gesinnten
Christenmenschen und der gottlosen Leute scheiden, bewegt sich die Amme
Gertrud. Sie bedient sich hin und wieder christlicher Alltagsphrasen
und sieht dann wieder im Laufe des menschlichen Daseins nur
Schicksalsfügung und Notwendigkeit. Tieck hält mit dieser unbestimmten
religiösen Stellung die Amme ganz richtig auf einer unsicheren
Grenzlinie, weil dies ihrer sonstigen Stellung zwischen den Parteien
gut entspricht. Wie sie in der Liebesverwickelung zwischen Genoveva
und Golo vermittelt, so führt uns ihr Schicksalsglaube auch hier zu
Genovevas Gegenspieler Golo. Dieser scheint nicht viel von christlicher
Religion nöthig zu haben. Seine Liebe und sein ritterliches Thun
und Treiben füllen seine ganze Seele aus. Er sehnt sich nach keinem
Jenseits und mit dem Diesseits findet er sich in der Regel mit Hilfe
fatalistischer Gedanken ab,[528] einmal auch durch pantheistisches
Versenken in die Natur. Einmal in seinem Leben, vor dem Tode nämlich,
versucht er christlich zu beten; es gelingt aber nicht. Ein staunender
Ausruf, wie etwa „Herr Jesu Christ!“ kommt bei ihm nicht sonderlich
in Betracht. Fromme Leute (Genoveva, Wolf) sind ihm ehrwürdig, so
lange sie seinen Gedanken und seiner Leidenschaft nicht ernstlich
in die Quere kommen; geschieht aber dies letztere, so sind sie ihm
verhasst. Über die astrologische Geheimkunde denkt der freisinnige
Ritter auch nicht immer gleich. Einmal ruft er dagegen Vernunft und
Religion an, das anderemal nimmt er die dunkle Kunst allen Ernstes
für sich selbst zuhilfe. Nach den begangenen Frevelthaten wandelt ihn
Gespensterfurcht an. Es ist ein beständiges irrlichtelierendes Hin und
Her in seinen Empfindungen, wenn sie das religiöse Gebiet streifen.
Am ernstesten scheint er es noch mit dem Schicksalsglauben zu meinen.
Christliche Wendungen und Bilder gebraucht er gerne im profanen Sinne
zum kräftigen Ausdrucke seiner Leidenschaft. Tieck führt uns in seinem
religiösen Stücke den Bösewicht als unchristlichen Menschen vor, als
wollte er negativ und indirect den Wert und die Erhabenheit frommer
christlicher Gesinnung zeigen. Golo erscheint das einemal als eine Art
Aufklärer, der den Aberglauben verwirft, aber auch der Aufgeklärte
muss sich wieder der Religion gefangen geben, wenn sie auch nur als
Gespensterfurcht oder als pantheistische Stimmung über seine Seele
kommt. So könnte man etwa die Gegensätze zusammenreimen, über die
uns der Dichter nicht aufklärt. Wer das unbesiegbare Hervortreten
des religiösen Bedürfnisses an Golo, daneben ein wenig Aufklärerthum
und den raschen Stimmungswechsel beachtet, denkt wie von selbst an
den Schöpfer dieser Gestalt, in dessen Gemüth ebenso verschiedene
und einander feindliche Geister heimisch waren. Golos gefügiges
Werkzeug, Benno, ist auch in religiösen Dingen das vergröberte Abbild
seines Herrn im kleinen. Er ist gleichgiltig und zweifelsüchtig, er
ärgert sich über den frommen „Tuckmäuser“ Wendelin und von Else wird
er ein „gottloser Mensch“ genannt. Er lässt sich gerne von Golo als
lügenhafter Bote und Mordgeselle dingen.
Die zweite Seite des religiösen Lebens in der romantischen Ritterzeit,
die gewissermaßen als ein thätiges, religiöses Leben dem beschaulichen
auf Siegfrieds Schlosse sich zugesellt, den Kampf gegen den Erbfeind
des christlichen Namens, enthüllen die breiten Kriegsscenen, die nur
durch Siegfrieds Theilnahme am Kampfe und durch die verschiedenen
Contrastbeziehungen lose an die Haupthandlung geknüpft sind. Als Ideal
des christlichen Helden steht hier Karl Martell in der Mitte. „Für Gott
und Christum“ lautet seine Parole. Vor der Feldschlacht muss Karl noch
den härteren Kampf mit seinen eigenen ehrgeizigen Gedanken auskämpfen,
und nachdem er diesen Kampf, von religiösen Motiven unterstützt,
glücklich bestanden, schenkt ihm der Himmel auch Sieg und Ruhm auf dem
blutigen Felde. Das Gebot der christlichen Selbstbeherrschung wird
stark betont, auch vom unbekannten Weisen, der Karls große Zukunft
prophezeit. Karl Martell ist der christliche Feldherr. Den Typus des
biederen christlichen Kriegsmannes, dessen bedeutendster Lebenszweck
der Kampf für seine Religion ist, stellt Otho dar. Recht drastisch
muss dieser Haudegen seine fromme Gesinnung noch damit zeigen, dass
er sterbend auf dem Schlachtfelde seine Besorgnis äußert, ob er wohl
„ohne Sacrament und Ölung“ selig werden könne und seine Sünden, die
ihm im Leben nicht einmal bewusst waren (!), muss sein wallfahrender
Geist bereuen und büßen. Eine dunkle Vorstellung vom Fegefeuer und
Calderon’sche Anregungen dürften darin zu suchen sein. Siegfried
und der noch farbloser gehaltene Günther sind Othos gleichgesinnte
Waffengefährten. Zum Feldherrn und einfachen Kriegsmann tritt der
vornehme feurige Jüngling Aquitanien, der sich nicht beherrschen und
überwinden kann, ein kleines Gegenstück zu Golo, ein Held, dessen
ganzes Denken dem hohen künftigen Kriegsruhme gehört, so dass bei ihm
für die Religion nicht mehr übrig bleibt als ein paar Redensarten. Das
sonstige Kriegsvolk ist eine nicht weiter individualisierte Masse.
Als Feinde stehen dem Christenheere die Saracenen gegenüber, die
ihrerseits den Krieg auch als einen „heiligen Krieg“ im Dienste
Allahs und seines Propheten betrachten, zu dem sie beten, den sie
in der Schlacht anrufen, dem Abdorrhaman Vorwürfe macht, wenn
er nicht hilft.[529] Andeutungen eines Sternencultes und der
Schicksalsbestimmung durch die Sterne sind bei den Orientalen in
der Poesie immerhin am Platze. Diese Vorstellungen begegnen uns
ziemlich gleichmäßig vertheilt an Abdorrhaman, Derar, Ali, Zulma. Hier
unterlässt der Dichter ein mannigfaltigeres Abstufen des religiösen
Charakters der einzelnen Gestalten.
Wie in der Rede des „Unbekannten“ und in den Sprüchen der Hexe Jakob
Böhmes Gedanken mit naturphilosophischen Ideen sich mischen, braucht
hier nicht mehr wiederholt, sondern nur erwähnt zu werden. Dass
Tieck besonders das poetisch Stimmungsvolle an diesen Geheimnissen
interessierte, wurde auch bereits betont. Ob Tieck Bernhardis
Ansicht[530] theilte, dass Hexenglaube und Hexenverfolgung in der
„Genoveva“ zur Vervollständigung des katholischen Bildes nöthig waren
(!?), wage ich nicht zu entscheiden. Unmöglich ist es gerade nicht, da
er die Hexe bereits im Volksbuch fand, das für Tieck mittelalterlich
und katholisch war.
Die Vertheilung des religiösen Denkens und Fühlens in verschiedenen
Graden auf eine Reihe von Figuren, die Stufenleiter, auf der so
verschiedene Schattierungen von der hohen Heiligkeit angefangen bis
zur bitteren Feindschaft gegen den christlichen Namen begegnen, zeugt
entschieden für Tiecks künstlerisches Gefühl in der Vertheilung
von Licht und Schatten. Er versteht es, die Farben in glücklicher
Abwechselung und belebender Mannigfaltigkeit anzuordnen. Auch die
Zusammenstellung bestimmter Gruppen, die einer gemeinsamen religiösen
Richtung angehören, verdient ein kleines Lob. Um Genoveva bildet
sich ein Kreis von Gleichgesinnten, dem Golo mit seinem Anhange
gegenübersteht. Den zwei Gruppen auf dem Schlosse entsprechen die
beiden Kriegslager, das christliche und das saracenische. Bunte
Mannigfaltigkeit, künstlich gegliedert und zu einem Ganzen sich
zusammenschließend: der bekannte romantische Lieblingsgedanke steht
hier wieder vor uns. Nicht so ganz gelingt es Tieck nach unserem
heutigen Gefühle mit dem Festhalten des religiösen „Tones“ im Stücke,
den er selbst für sehr wichtig und wertvoll erklärt. „Die Religion
nun, die Wüste, die Erscheinungen sind mir der Ton des Gemäldes,
der alles zusammenhält, und diesen möchte ich nur vertheidigen und
ihn nicht gerne unwahr, manieriert, einen der die Localfarben stört
und auslöscht, nennen lassen.“[531] Manche Scenen nehmen aber an
diesem religiösen Grundtone zu wenig theil. In den Schäferscenen
spürt man z. B. gar nicht viel davon. In den Liebesscenen wird das
Religiöse ziemlich von Golos Leidenschaft übertäubt oder durch
Gertruds intrigante Reden aus dem Gesichtsfelde gerückt. Hier treten
„die Localfarben“ als alleinherrschend aus dem Bilde heraus. In der
Darstellung des Krieges und im ganzen zweiten Theile der Dichtung
erreicht aber Tieck ohne Zweifel, was er anstrebt; hier herrscht der
religiöse Ton bis in die letzten Fugen des Werkes hinein und das
Anwachsen der frommen Stimmung gegen das Ende zu ist ebenfalls gut
berechnet und wird schon von Bernhardi hervorgehoben.[532] Es wird
freilich nicht jeder Leser von dem leicht hingehauchten religiösen
Colorit voll befriedigt sein, obschon dieses in gewissen Scenen
eine prunkende Leuchtkraft entwickelt. Es bleibt eben doch zumeist
an der Oberfläche und dringt nicht in die Tiefe der Charaktere, um
als treibende Kraft diese von innen heraus zu beleben. Auch die
Widersprüche, die uns sofort auffallen, störten den romantischen Leser
von 1800 nicht. Die Religion ergreift den Menschen, der es mit ihr
ernst nimmt, viel zu sehr in der Tiefe seines Wesens, als dass es
in der religiösen Poesie mit einer bloßen Stimmung des Gesammttones
gethan wäre, wie ja Tieck eigentlich auch bei Schleiermacher hätte
erfahren können, und schon Solger, der intime Freund des Dichters,
macht gegen das Religiöse in der „Genoveva“ seine Bedenken geltend.
Er vermisst darin das „unmittelbar Gegenwärtige“. Hettner und
Haym[533] führen nach Solger aus, dass man an der Art, wie die
Heilige sich in Wackenroder-Tiecks Manier in die alte fromme Zeit der
Legenden zurücksehnt, nicht merkend, dass sie selbst in dieser Zeit
lebt, keine rechte Freude gewinnen könne. Der Widerspruch zwischen
Genovevas Frömmigkeit und der himmlischen Hilfe, die ihr zutheil
wird, einerseits und dem Naturfatalismus Golos andererseits, ist am
Ende nicht so verfänglich, als Hettner meint.[534] Warum sollten
nicht an zwei so entgegengesetzten Naturen auch entgegengesetzte
religiöse Anschauungen zutage treten? Das äußerlich angeflogene
Mittelalter in der „Genoveva“ ist gerade auch kein Hindernis, solche
Anschauungen nebeneinanderzustellen. Nur würde man erwarten, dass
diese religiösen Gegensätze als solche in eine bestimmtere innere
Beziehung gesetzt wären. Das Unbefriedigende für den Leser, der auch
in der dichterischen Darstellung der Religion mehr als vage Stimmungen
erwartet, liegt vielmehr darin, dass sich verschiedene Menschen
Tiecks ohne ersichtlichen künstlerischen Grund und ohne dass wir vom
Dichter einen rechten Aufschluss über das Warum erhalten, in ihrem
eigenen Gedankenkreise unsicher fühlen und dass so Verschiedenartiges
im nämlichen Charakter friedlich nebeneinander liegt. So, wenn Golo
einmal gegen den astrologischen Aberglauben Stellung nimmt und ihn
ein andermal selbst allen Ernstes zurathe zieht, wenn er meist
fatalistisch denkt und dann plötzlich christlich betet; wenn Jakob
Böhmes Lehre einmal mit Ehrfurcht behandelt wird und dann von einer
Hexe missbraucht werden darf, ohne dass der Missbrauch als solcher
deutlich genug gekennzeichnet wird. Oder Genoveva, die sonst immer als
die fromme Christin des Volksbuches erscheint, überrascht den Leser
mit einer fatalistischen Redensart oder einer Schleiermacher’schen
pantheistischen Vorstellung. Wir wissen nicht, wie Wolf dazu kommt,
solchen Luxus mit religiösen Ermahnungen Golo gegenüber zu treiben,
nachdem wir vorher wenig Religiosität an ihm und noch weniger an
Golo bemerkten. Seine ganzen Ermahnungen verfliegen auch wieder in
Nichts. Tieck will, wie es scheint, einen gewissen Umschwung im
Ganzen seiner Dichtung kommen lassen. Gegen Ende zu soll sich alles
zu einer herrschenden frommen Gesammtstimmung vereinigen. Es muss
darum möglichst viel Religion in die Dichtung geschafft werden.
Diesem Gesammtzuge des Ganzen müssen dann mitunter Charaktere und
Schicksale nachgeben. Die Gesammtstimmung ist der Romantik wichtiger
als das klare, in reinen Umrissen erschaute und mit sicheren Strichen
gezeichnete Charakterbild. Wir wissen auch nicht, ob Wendelin ehrlich
fromm ist oder ein Heuchler, da wir für seine grobe Lüge im Stücke
keine Erklärung bekommen. Der Kreuzzug, dessen Unternehmer aus ihrem
christlichen Heldenthume so viel Wesens machen, ist, bei Lichte
besehen, eigentlich gar kein Kreuzzug, sondern nur ein nothgedrungener
Vertheidigungskrieg und nur durch eine stilistische pia fraus, durch
immerwährendes Betonen des Kreuzzugscharakters dieses Krieges macht
der Dichter schließlich den gutwilligen Leser an den „heiligen
Krieg“ glauben. Daneben schiebt sich noch unvermittelt das Motiv vom
„deutschen Denken“ und der „deutschen Sache“ ein.[535] Bernhardi
begnügt sich mit diesem äußeren Anstrich, er findet den Religionskrieg
„sehr gut“. Von all den verschiedenen religiösen Anschauungen wird in
der „Genoveva“ nur das saracenische Heidenthum deutlich abgelehnt;
alles übrige fließt zu einem wunderlichen Synkretismus ineinander,
der dem unparteiischen Betrachter klärlich zeigt, dass Tiecks
„Genoveva“ nicht so katholisch ist, als Eichendorff meint und nicht
so protestantisch wie Friesen will. Tieck war damals kein orthodoxer
Gläubiger irgendeiner Kirche, er hatte zu keiner ein Verhältnis, das
ihn ganz ergriffen hätte; daher kann er kirchliches und confessionelles
Leben nicht rein und überzeugend darstellen. Er will es auch nicht,
er möchte nur seine ganze Dichtung in eine möglichst starke allgemein
religiöse Beleuchtung stellen und man wird seiner Absicht, die Religion
„als Ton des Gemäldes“ durch das Werk klingen zu lassen und dem
wirklichen Sachverhalte am ehesten gerecht, wenn man den Charakter
dieses poetischen religiösen Synkretismus, der nur der Gesammtstimmung
zu dienen hat, als romantisch-religiös bezeichnet.
Tieck steht nicht allein. Der revolutionäre Sturm und Drang, der die
übrigen ästhetischen und socialen Anschauungen der jungen Generation
in gährenden Aufruhr bringt, schont auch die religiösen Gedanken nicht.
Neuplatonismus, Jakob Böhme, Hemsterhuys, Spinozismus und Christenthum
flattern auch bei Fr. Schlegel und Novalis im lustigen Wirbel
durcheinander. Und noch mehr. Sogar im Leben versuchten es andere
mit dieser Religionsmischung. Christian Mayr, der wunderliche Freund
Zach. Werners, „hörte oft an einem Tage des Morgens Messe auf seinem
Angesicht liegend, predigte dann in der protestantischen Kirche und
ertheilte die Kommunion und endete den Tag mit Besuch der Mennoniten,
der Herrnhutergemeinde, der Synagoge und der Freimaurerloge.“[536]
Und Z. Werner selbst sucht in einer gewissen Periode seines Lebens
Herrnhuter und Freimaurer wie die katholischen Kirchen auf und genießt
überall durch, was er an religiösen Stimmungen findet.[537] Einige
poetische Reflexe dieser religiösen „Universalität“ lassen sich eben
auch in der „Genoveva“ nicht verkennen. Bei allem Überwiegen des
Christlichen thut Tieck in seiner stimmungmalenden Art dem Principe
nach das Nämliche, was Adam Müller noch 1807 (also nach seiner
Conversion) an Kleists „Amphitryon“ rühmt: „So ist er (Amphitryon)
gerade aus der hohen Zeit entsprungen, in der sich endlich die Einheit
alles Glaubens, die echte Gemeinschaft aller Religionen aufgethan.“[538]