1. Das romantische Drama. -- Composition.

Im Stofflichen, das Tieck in seiner „Genoveva“ verarbeitet, fanden

wir allenthalben Entlehnungen und Anlehnungen. Die Geschichte und die

Folge ihrer Entwickelung, gar manches in den Charakteren wie in den

Motiven, die Verwendung von Vers und Prosa: all dies ist nicht neue

Erfindung, sondern von anderen übernommen. Vollständig neu fanden

wir eigentlich nur die Auffassung, welche diese Dichtung beherrscht,

jene Auffassung, die aus gewissen zeitgenössischen Strömungen und

persönlichen Eindrücken erwuchs. Dies ist nicht Zufall und nicht

Armut an Erfindungskraft. Tieck legt eben keinen besonderen Wert auf

das Neuerfinden des Stofflichen, wie uns eine bezeichnende Stelle

des „Phantasus“ bestätigt.[470] Clara möchte nämlich „lieber“ eine

Scene in „Was ihr wollt“ geschrieben haben, als die Novelle erfunden,

aus welcher das Lustspiel entsprungen ist. Nicht wesentlich anders

dachten die romantischen Collegen in Jena bereits vor der Entstehung

der „Genoveva“. Nach A.W. Schlegel[471] setzt sogar Shakespeare

das Wesen seines dichterischen Geschäftes nicht in die stoffliche

Erfindung, sondern er wendet die ganze Macht seines Genius auf die

Gestaltung eines vorgegebenen Stoffes. Tieck, der Schüler, will nicht

über dem Meister sein. Er begnügt sich auch, seine ganze Kunst in der

„Organisation“ und Darstellung des Stoffes zu zeigen.

Tieck möchte in seiner „Genoveva“ ein „romantisches“ Kunstwerk

schaffen, in dem sich Dramatisches mit Epischem und Lyrischem

verschmelzen soll; denn es ist die Aufgabe der romantischen Poesie

„alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen“.[472]

Ohne Zweifel kann der echte Dichter das Poetische in jeder Form

aussprechen. Warum sollte er es nicht auch in verschiedenen Formen

können, die gleichzeitig nebeneinander stehen, die sich gegenseitig

durchdringen und die organisch ineinander wachsen? Solange der

Dichter das Poetische an sich, seinem inneren Wesen nach im Auge

hat, braucht es keine Scheidung nach diesen oder jenen Kategorien

der künstlerischen Erscheinung. Anders wird es, wenn er eine Wirkung

nach außen anstrebt. Da ist vor allem der Dichter, der sich die

bestimmte dramatische Gattungsform wählt, auch an die Gesetze dieser

künstlerischen Gattung unwiderruflich gebunden. Theoretisch lässt sich

gegen die Möglichkeit, verschiedene Gattungsformen in einem poetischen

Werke zu verschmelzen nichts einwenden, die Schwierigkeiten aber,

die sich von der künstlerischen Seite her erheben, sind so große,

dass ein gutes Gelingen eines solchen romantischen Universalgedichtes

wenig wahrscheinlich ist. Es muss dem Dichter bei solchem Vermengen

der Gattungen recht schwer werden, dem Kunstwerk die unentbehrliche

Einheit und Geschlossenheit der Erscheinung zu geben. Denn es haben

die einzelnen Gattungen ihre eigenen stilistischen Gesetze und die

Gesammtform jeder Dichtung bestimmt bis in die Glieder herab die

Formgebung in eigenthümlicher Weise. Es müsste wohl ein Ingenium

von höchster künstlerischer Begabung erstehen, das alle Hindernisse

glücklich unter sich brächte und in das Mosaik verschieden gearteter

Theile ohne ein Zuviel hier und ein Zuwenig dort Harmonie und

künstlerisches Gleichgewicht zu zaubern und die Gewöhnung des Lesers

an bestimmte Unterschiede der künstlerischen Erscheinung glücklich und

ohne Störung zu täuschen vermöchte.

In der „Genoveva“ überwiegt das Dramatische oder richtiger das

Dialogische weitaus den epischen Theil, es bildet „die Basis“ der

künstlerischen Gestalt. Dabei muss freilich bemerkt werden, dass sich

auch schon in den Dialog verschiedene epische und lyrische Stücke

einordnen. So z. B. die Erzählung Wolfs von seiner astrologischen

Himmelsbeobachtung, die Erzählungen von Golos und Genovevas Jugend,

die Prophezeiung des „Unbekannten“, die Schilderung der Sterbevision

Genovevas u. a. Auch Lieder und lyrische Ergüsse sind in den Dialog

verwoben oder als Monologe einem Dialoge voran- oder nachgestellt.

So versucht es Tieck, in das Drama „Lyrik hineinzuwerfen“, wie er es

schon vorher im „Zerbino“, in den Märchen und im „Sternbald“ that

und wie er es bald reichlich im „Octavian“ thun sollte. Der Dichter

versucht hier wirklich ein Verschmelzen der verschiedenen Gattungen.

Aber man spürt auch schon dabei, wie sich manches Epische und Lyrische

nur mit Widerstreben in das dramatische Gerüste zwingen lässt. Ein

Beispiel dafür ist die Weissagung des „Unbekannten“. In einem Drama

müsste diese Prophezeiung eigentlich bei strengster, aber allerdings

häufig verletzter Consequenz im Gattungsstil auf der Bühne in Erfüllung

gehen, soll die erregte Erwartung nicht getäuscht werden.[473] Ebenso

müssten wir die heil. Genoveva in ihrer himmlischen Verklärung sehen

und nicht bloß den Bericht des heil. Bonifacius über ihren Eingang in

die Seligkeit zu hören bekommen; denn nur so wäre in beiden Fällen der

Abschluss in dramatischer Form erreicht. Nachdem diese die Dichtung

im Ganzen beherrscht, regt sich das Bedürfnis nach solchem Abschluss

unwillkürlich. Das Epos, das weite Zeiträume in sich fasst und das

unbegrenzte Reich der Phantasie ohne Einschränkung durchwandert,

begnügt sich schon mit einem bloßen Ausblick in die Zukunft. Tieck

denkt also manchmal trotz der äußerlich dramatischen Form episch;

er denkt eben an ein gelesenes Gedicht, nicht an ein dargestelltes

Theaterstück und unter dieser Voraussetzung unternimmt er es, die

Phantasie in so weite Zukunftsfernen und selbst in die Ewigkeit zu

führen. Allein der eigenthümliche innere Widerspruch zwischen dem

epischen Charakter des Inhaltes und der äußeren dramatischen Gestalt

wird auch unter dem Gesichtpunkte des Lesedramas nicht ohne Rest

ausgeglichen.

Griffe ein echter Dramatiker das Volksbuch auf, so würde dieser mit

strenger planvoller Ökonomie eben das aus seiner Quelle entnehmen,

was für sein Thema wesentlich und nothwendig ist und was hinreichte,

dieses sein Thema künstlerisch zu verlebendigen und zu erschöpfen. Um

die ungerecht bedrängte und wieder erkannte Unschuld, das dichterische

Problem der Genoveva-Legende, darzustellen, genügen einem Dramatiker

als Personen Genoveva (mit Schmerzenreich), Golo, Siegfried, Drago,

die Hexe, Benno und Grimoald, Gertrud. An den Schicksalen dieser

Personen könnte sich das ganze Problem entwickeln. Der ganze übrige

reiche Aufwand von Nebenpersonen, die Tieck einführt, könnte fortfallen

und damit entfielen auch die Scenen, die mit dem Hauptgedanken und

dem Fortgange des Stückes in gar keiner innerlich nothwendigen oder

nur in einer sehr losen Beziehung stehen wie die breiten Lager- und

Kriegsgemälde, die Hirtenscenen, der heil. Bonifacius. So dächte ein

Dramatiker, der mit der Bühne rechnet. Allein der romantische Poet

denkt anders, er geht wieder, wenn auch in dramatischer Verkleidung,

die Wege des Epikers. Die umfassende Fülle der romantischen Poesie muss

nothwendig den straffen dramatischen Rahmen sprengen. Die Romantik

drängt überhaupt zum Epischen hin.[474] Der Roman „tingiert“ ja

die ganze moderne Poesie.[475] Tieck will „Leben und Tod der heil.

Genoveva“ schildern und er will auch in seiner Ehrfurcht vor dem Alten

das ganze Volksbuch, selbst seine unwesentlichen Bestandstücke, die nur

der Stimmungsmalerei oder der Maskierung von Vorgängen hinter der Scene

dienen können, beibehalten und in neuer Schönheit aufgefrischt erstehen

lassen. Was das Volksbuch enthält, ist, wie uns die Romantiker schon

belehrten, ein altehrwürdiges, heiliges Gut, von dem kein Gran verloren

gehen darf. Auch diese Tendenz der Romantik hindert ein dramatisches

Concentrieren. Sie begegnet sich aber in unserem Falle mit der Idee von

der romantischen Universalpoesie.

Der alte poetische Schatz darf durch neue Motive bereichert werden,

wenn es dem Dichter gelingt, solche herbeizuschaffen, die neben dem

Alten nicht unwürdig erscheinen. Poetisch oder nicht poetisch? Das ist

die einzige Frage, nicht aber innere Nothwendigkeit, künstlerische

Straffheit der Composition in Lessings Sinne. Die romantische

Poesie „umfasst alles, was nur poetisch ist“.[476] „Poetisch“ und

„romantisch“ fließen für Schlegel und Tieck allmählich ineinander.

Das bunte, bewegte Bild eines Krieges, der dazu einem idealen

Zwecke dient (Kreuzzug), eines Krieges im fernen Mittelalter, wo

Morgenland und Abendland feindlich zusammentreffen, wo Schlachtenlärm

und Liebesseufzer sich vermengen: in einem solchen Bilde ist alles

außergewöhnlich, nichts platt und alltäglich, alles ist romantisch,

poetisch.[477] Scenen, in denen Naturburschen, wie Schäfer und Köhler

(Tiecks alte Vorliebe)[478] erscheinen, Menschen, deren Dasein so

innig mit der Natur verwachsen ist, bieten eine andere Seite des

Poetischen. Nur den sublimierten, poetischen Duft dieser Gestalten

sucht Tieck festzuhalten. Darum streift er sorgsam alles alltäglich

Schwere und Prosaische von ihnen ab. Fast nur der singende und der

liebende Schäfer, der Schäfer voll Naturfreude darf hier wie im

„Octavian“ in die Dichtung eintreten. Der „Unbekannte“, die Hexe, Tod

und Engel, der Geisterpilgrim, Wesen, die mit der geheimnisvollen,

überirdischen Welt verbunden sind oder aus derselben in unsere irdische

Alltagswelt hereinkommen, all diese Gestalten gehören auch dem Reiche

des Poetischen, des Romantischen an. Religion und Poesie gehören für

den Romantiker ohneweiters zusammen.

„Bist du in alter Blindheit ein Bewohner

Von Religion und Poesie verstoßen?“

sagt Dante zu Nestor-Nicolai im „Zerbino“. Die Figuren, die dem Gebiete

des Glaubens angehören, gewähren der Phantasie durch ihr Erscheinen

einen „bedeutenden Ausblick in die Ferne“, in eine geheimnisreiche

Ferne, in die auch Wunder und Visionen und Träume den ahnenden Blick

lenken. Solche „Ausblicke“ sind nach A.W. Schlegel ein Charakteristicum

des Romantischen.[479] Die Natur in ihren geheimen Wechselbeziehungen

mit dem Menschengemüthe, die das Volksbuch noch nicht kennt, ist eine

poetische Macht, vor der sich selbst der gemüthsdürre Merkel beugt.

Mit den Liedern und lyrischen Ergüssen, welche die Welt des Gemüthes

selbst entschleiern, mit Ahnung und Erinnerung und Sehnsucht gelangen

wir ins Centrum alles Poetischen, zur seelischen Empfindung.[480]

All das darf in Tiecks romantisches Trauerspiel aufgenommen werden;

denn nichts Poetisches ist von der romantischen Universalpoesie

ausgeschlossen. Die unendliche Mannigfaltigkeit all dieser Motive ist

dabei nicht etwa ein Product zügelloser Phantasie. Eine solche gibt es

für den Romantiker gar nicht.[481] Das Mannigfaltige und Bunte ist ihm

an sich poetisch. Shakespeare ist „um so poetischer (als die Spanier)

als er mehr Mannigfaltigkeit entwickelt“.[482] Was Tieck für poetisch

ansieht, erfahren wir ungefähr aus „Zerbino“ und „Octavian“. Die Scene,

mit welcher der „Prolog“ des letzteren Dramas schließt, vereinigt in

der Bühnenanweisung wie in einem Inhaltsverzeichnis die Elemente des

Poetischen. „Musik. Mit Trompeten kommen die Krieger auf der einen, die

Schäfer mit Flöten auf der andern Seite zurück. In der Mitte stehen

Glaube und Liebe, zur Seite des Glaubens Tapferkeit, zwischen ihnen der

Liebende und die Pilgerin, neben der Liebe der Scherz, zwischen diesen

der Ritter und das Hirtenmädchen, im Vorgrunde der Dichter und die

Romanze.“ Naturfreude, Lust an Farben und Tönen, Sehnsucht, Reiselust,

Ahnung und Erinnerung begegnen uns im „Aufzug der Romanze“ wie im

Garten der Poesie als Töne, die sich zum großen romantischen Accord

vereinen. Der Garten der Poesie ist überdies eine blühende Wildnis.

Große, seltsame Wunderblumen, wie sie der alte vernünftige Nestor nie

in seinem Leben sah, blühen darin, alles im üppigen, phantastischen

Überfluss und alles glänzt und tönt und singt und plaudert und spricht

wundersame Geheimnisse aus, die als Ahnungen und Stimmungen ans

Dichtergemüth klingen. Fast all diese poetischen Dinge treffen wir

auch in der „Genoveva“, nur der Scherz und die contrastierende derbe

Prosa fehlen, weil sie nach des Dichters Meinung den Legendenton der

Dichtung stören würden. Es war gewiss ungerecht, wenn man in blinder,

parteiischer Voreingenommenheit und in ödem Verständigkeitsfanatismus

die diesen Motiven und Stimmungen immanente poetische Kraft hartnäckig

übersah, wie es die rationalistischen Feinde der Romantik in ihren

Recensionen thaten, die Nicolai und Merkel, die nur borniert witzelnd

auf „die abgeschmackte Legende, zu der Tieck noch lächerliche

Abenteuerlichkeiten hinzusetzte,“ von oben herabblickten.[483] Sie

konnten allerdings nicht anders. „Trägt jeder um sich ein siderisch’

Haus, kann aus seiner Heimat nicht heraus.“

Soll aber die Freude des Genießenden am Kunstwerk rein und voll sein,

dann darf das Poetische, das Phantasie und Gemüth erweckt und fesselt,

nicht als chaotische, unüberschaubare Masse vor uns erscheinen, sondern

Einheit und Geschlossenheit kommen einem anderen, dem eigentlich

künstlerischen Bedürfnisse unseres Geistes, entgegen. A.W. Schlegel

übersah diesen Sachverhalt nicht. Er findet im Verhältnis von Tag und

Nacht ein zutreffendes Bild unseres geistigen Daseins. „Einige Dichter

haben den gestirnten Himmel so vorgestellt, als ob die Sonne nach

Endigung ihrer Laufbahn in alle jene unzähligen leuchtenden Funken

zerstöbe: dieß ist ein vortreffliches Bild für das Verhältnis der

Vernunft und Fantasie: in den verlorensten Ahndungen dieser ist noch

Vernunft; beyde sind gleich schaffend und allmächtig, und ob sie sich

wohl unendlich entgegengesetzt scheinen, indem die Vernunft unbedingt

auf Einheit dringt, die Fantasie in grenzenloser Mannigfaltigkeit ihr

Spiel treibt, sind sie doch die gemeinschaftliche Grundkraft unseres

Wesens.“[484]

Ein Centrum im Kunstwerke ist nöthig, in dem alle Linien

zusammenlaufen.[485] Ein Hauptcharakter, eine Haupthandlung muss

so in der Dichtung herrschen, dass nicht das Nebenwerk mit seiner

Fülle das Ganze überwuchert. Die Empfindung dieser geschlossenen,

gerundeten Einheit wirkt mit wohlthätiger Befriedigung auf den

Geist des Genießenden. Wie sieht es aber in der „Genoveva“ aus? Bis

in die Mitte des Stückes laufen nicht weniger als drei Handlungen

nebeneinander her. Golos Liebeswerben, die Liebe zwischen Heinrich und

Else und die Lagerscenen, die sich ihrerseits wieder als christliches

und saracenisches Lager in zwei selbständigen Reihen entwickeln.

Von der Eroberung Avignons bis zu Genovevas Verstoßung begleiten

sich allerdings nur die Vorgänge auf dem Schlosse und in Straßburg.

Im weiteren Verlaufe bis zur Auffindung der Verstoßenen haben wir

aber wieder drei Fäden zu verfolgen: die Ereignisse auf Siegfrieds

Schloss, Genoveva in der Wüste, Golo im Walde. Erst am Ende vereinigt

sich wieder alles auf dem Schlosse, von dem die ganze Handlung

ausgegangen war. Diese verschiedenen Reihen durchschneiden sich und

kreuzen sich im bunten Wechsel, wie die Bilder eines Kaleidoskopes.

Es gibt ein verwirrendes, traumhaftes Hin und Her. Das ist auch

nicht verwunderlich, da Tieck selbst im Traumleben allen Ernstes das

wahre Vorbild für das dichterische Schaffen sehen will.[486] Ein

Lieblingsgedanke, auf den er immer wieder zurückkommt. Auch keine

Persönlichkeit steht derart beherrschend in der Mitte, dass wir den

Eindruck einer sicheren Einheit bekämen. Das erste Viertel der Dichtung

beherrschen die Kriegsscenen mit Karl Martell an erster Stelle. Dann

treten Golo und Genoveva in den Vordergrund. In der zweiten Hälfte

fällt das meiste Licht auf die verbannte Dulderin. Also weder eine

sicher geführte Haupthandlung noch eine das Ganze beherrschende

Persönlichkeit gibt der Dichtung einen festen Halt. An ein

symmetrisches Abwägen der einander entgegenstehenden Personengruppen

nach Zahl und innerer Bedeutung, wie wir es an manchen Goethe’schen

Dramen beobachten („Iphigenie“), wie es in hohen Kunstzeiten die

bildende Kunst uns zeigt (Griechische Kunst, Frührenaissance),

denkt Tieck in seinem romantischen Gedichte nicht. Es würde die

Mannigfaltigkeit darunter leiden.

Wenn auch niemand vom romantischen, episch denkenden Dramatiker jene

„strenge gerade Linie“ verlangt, nach welcher einem Schiller’schen

Worte gemäß der tragische Poet fortschreiten muss, so möchte man doch

erwarten, dass ersterer sich wenigstens auf einer Hauptrichtung halten

müsse, und zwar so, dass diese Hauptrichtung dem Leser nie ganz aus dem

Gesichtskreise schwinde. Tieck mit seiner ästhetischen Traumtheorie und

Fr. Schlegel, der romantische Gesetzgeber, denken aber einmal anders in

diesen Dingen. Das Hervortreten und Zurückweichen der einzelnen Figuren

in der „Genoveva“ lässt den Leser unwillkürlich an jenes Schlegel’sche

Fragment denken, das vom Romanhelden sagt:[487] „Es ist nicht einmal

ein feiner, sondern eigentlich ein recht grober Kitzel des Egoismus,

wenn alle Personen in einem Roman sich um Einen bewegen wie Planeten um

die Sonne, der dann gewöhnlich des Verfassers unartiges Schoßkind ist,

und der Spiegel und Schmeichler des entzückten Lesers wird. Wie ein

gebildeter Mensch nicht bloß Zweck sondern auch Mittel ist für sich und

für andere, so sollten auch im gebildeten Gedicht alle zugleich Zweck

und Mittel seyn. Die Verfassung sey republikanisch, wobey immer erlaubt

bleibt, dass einige Theile activ andere passiv seyn.“ Es erscheint die

„Genoveva“ beim ersten Lesen „wie ein Traumbild ohne Zusammenhang, ein

Ensemble wunderbarer Dinge und Begebenheiten“. Wir dürfen auch nicht

vergessen, dass es erstes Gesetz der romantischen Poesie ist, „dass die

Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide“ und auch im „Zerbino“

hebt und senkt sich der Vorhang sechsmal und nicht öfter „ohn’ alle

Ursach’, wenn Willkür nicht hinreichend Ursach ist“.[488]

Der bunten Mannigfaltigkeit und dem Reichthum an Handlung entspringt

der schrankenlos willkürliche Wechsel des Schauplatzes. Die Scene

wechselt in der „Genoveva“ einundsechzigmal. Man zählt achtundzwanzig

voneinander verschiedene Örtlichkeiten. Und wie die Schranken des

Raumes, so fallen für die souveräne romantische Phantasie auch jene der

Zeit. Das Stück umschließt ungefähr einen Zeitraum von acht Jahren.

Allerdings an eine festgefügte Chronologie im Stücke denkt der Dichter

nicht; nur so nebenher bekommen wir die eine und andere Zeitangabe,

wobei der Dichter aber nicht auf chronologische Klarheit abzielt.

Es erscheinen bei Tieck die Tages- und Jahreszeiten gerade so wie

die Örtlichkeiten fast nur als stimmungsvoller Hintergrund für die

Vorgänge. Dieser Stimmungswert der Zeitmomente und Raumverhältnisse ist

ihm das Wichtigste. Wie weit er dabei zu gehen vermag, sieht man aus

der Aufeinanderfolge der Scenen „Gefängnis“ und „Dorf“.[489] Für die

gefangene Mutter im Thurme braucht der Dichter die rauhe Jahreszeit,

für die Schäferhochzeit den Frühling. Dass dem Stimmungsgehalt

von Ort und Zeit ein weit höherer Wert beigelegt wird, als einer

deutlichen chronologischen Folge innerhalb der Dichtung, entspricht

der romantischen Hochschätzung der Stimmungen, die „allein glücklich

machen“. „Der Wechsel der Zeiten und Örter, vorausgesetzt, daß sein

Einfluß auf die Gemüther mitgeschildert ist,“ gehört nach A.W.

Schlegel[490] zu den „wahren Schönheiten“ der romantischen Poesie.

Wir hören wohl einmal, dass Siegfried drei Monate verheiratet sei,

als er in den Krieg zieht. Das zehnmonatliche Fernsein wird erwähnt,

um Genovevas Untreue zu begründen. Zwei Monate darauf ist Siegfried

in Straßburg. Von da an ungefähr gerechnet, sieht Genoveva „sieben

Frühlinge“ in der Wüste. Diese Angaben des Volksbuches beizubehalten

verlangte schon die „Heiligkeit der Tradition“. Größere Zeiträume sind

also beiläufig markiert; aber innerhalb derselben überlässt der Dichter

alles weitere dem Leser oder er wählt die Zeit nur, um sie der Stimmung

der Scene dienstbar zu machen. Was noch nach der Wiederauffindung

Genovevas folgt, verschwimmt zeitlich ganz ins Unbestimmte. Es heißt

nur, dass Genoveva noch kurze Zeit lebte. Wohl mit Absicht wird hier

jede bestimmte Zeitangabe vermieden. Durch die unbestimmte Zeit führt

der Dichter die Phantasie des Lesers am besten dem Punkte entgegen,

wo Zeit und Ewigkeit ineinanderfließen und wo Genoveva erst visionär,

dann wirklich in ein Reich eintritt, wo Zeitliches und Irdisches

aufhören.[491] So will es wieder die romantische Phantasie, welche

„bedeutende Ausblicke in die Ferne“ liebt. Der Prophetenblick des

„Unbekannten“ schaute früher „weit hinab“ in irdische Zeitfernen,

am Schlusse verliert sich der Blick über Raum und Zeit hinaus in

die unbegrenzten Fernen der Ewigkeit. Auch nach rückwärts in die

Vergangenheit ist die Zeit gewissermaßen schrankenlos: Bonifacius

ersteht von den Todten und kommt aus ferner Zeit in die Gegenwart her,

wenn er auch ein anderesmal als mitlebender Zeitgenosse auftritt.

Nirgendwo sehen wir Tieck aus den Bedingungen der theatralischen

Kunst heraus im größeren Umfange arbeiten, obschon er die dramatische

Form zumeist in seiner Dichtung äußerlich festhält, sondern er erbaut

sich in der Phantasie eine Bühne für die Phantasie[492] und auf

dieser Bühne ziehen all diese Wunder vorüber. Das Ganze scheint, wie

oben bemerkt wurde, beim ersten Anblick nur ein traumhaft bewegtes,

phantastisch durcheinanderwirbelndes Chaos und alles künstlerisch

Gesetzmäßige scheint grundsätzlich ausgeschaltet zu sein. Aber doch

nur scheinbar. Wenn auch kein innerlich begründetes Maß und Gesetz

die vorüberschwebenden Phantasien in schönem Gleichmaß belebend

abtheilt, so sucht der Dichter den Leser in anderer Weise dafür

zu entschädigen, indem er einmal eine äußerliche Symmetrie in die

Disposition bringt. Der Höhepunkt der Verwickelung, die endgiltige

Abweisung der Anträge Golos und der Umschlag seiner Liebe in Hass

und Rachsucht fällt fast ganz genau in die Mitte des ganzen Werkes

und dies fügt sich eben dadurch so merkwürdig, dass der Dichter die

Kriegsscenen so außerordentlich ausdehnt. Der Hauptkörper der Dichtung,

das „eigentliche Trauerspiel“, der Conflict zwischen Genoveva und Golo,

wird symmetrisch flankiert von einer „Ouvertüre“ zum Ganzen und jenem

Theile, in dem die tragischen Empfindungen beruhigend ausklingen, und

die drei Theile sind durch epische Zwischenglieder getrennt.[493] Die

Zumuthung einer so rein äußerlichen Gliederung scheint ja bei dem

besprochenen Gesammtcharakter der Dichtung erst überraschend und

pedantisch. Weniger unglaubhaft wird die Sache schon, wenn man Tieck

im „Phantasus“ über Proportion und Symmetrie im Drama spintisieren

hört.[494] Es war auch für den Romantiker das intellectuelle und

ästhetische Bedürfnis einer gewissen Proportion der Theile vorhanden.

Und dass man ihm derartiges zutrauen darf, dazu geben noch andere

Künsteleien in der „Genoveva“, besonders das Spiel mit den schier

zahllosen Contrasten, das sich durch das Stück zieht, ein Recht. Dieses

contrastierende Beziehen der Vorgänge aufeinander soll offenbar auch

die bunte, unharmonische Menge belebend abtheilen helfen. Der Contrast

wird zwar von vielen anderen Dichtern auch als Compositionsmittel

verwendet. Aber die Gegensätze wachsen z. B. in Schillers Dichtung

natürlich und zwanglos aus dem Wesen des Inhaltes heraus: Tieck

trägt sie meist willkürlich von außen hinein. Auf die Contraste im

großen, die Contraste der Natur und Religion mit der Leidenschaft,

des Wunderbaren mit dem Alltäglichen, dem allen zusammen wiederum der

Krieg gegenübersteht, weist Tieck selbst hin.[495] Er thut aber in der

Dichtung noch mehr, er führt die Contraste bis in kleine Einzelheiten

herab durch. Schon in den Abschiedsscenen begegnet eine ganze Reihe von

Gegensätzen. Geistliche Unterredung der Diener -- feierliche Ansprache

des Capellans. Scene im Schloss -- Hirtenscene im Freien. Der Ritter

und die Hirten. Das traurige Lied und das heitere Lied. Genoveva ist

tiefbetrübt über den Abschied -- der Hirte Heinrich freut sich, dass

es bald schöne Nachrichten gibt. Von der Hirtenscene geht es ins

Kriegslager. Hier stehen sich Christen und Saracenen gegenüber, Karl

der bedächtige Feldherr und Aquitanien der feurige Jüngling, Kriegslärm

und romantische Liebe. Auf Siegfrieds Schloss sehen wir indessen

Golo und Benno im weltlichen Gespräch -- Genoveva bei geistlicher

Betrachtung. Vom Kriegsschauplatz versetzt uns der Dichter in den

Garten und in die träumerisch weiche Sommernacht. Heitere Mahlzeit --

Intrigantenscene. Im weiteren begleiten die Kriegsscenen im parallelen

Widerspiele die Liebesscenen zwischen Golo und Genoveva. Die Franken

möchten die Stadt erobern -- Golo möchte Genovevas Gunst erringen. Die

Mohren planen einen Überfall -- Golo und Gertrud berathen den Angriff

auf Genovevas Ehre. Der Überfall im Lager ist in die Mitte gestellt

zwischen Golos Überfall im Garten und den Überfall auf Genovevas

Zimmer. Siegfried wird verwundet, Otho getödtet, aber das christliche

Heer bleibt siegreich -- Genoveva und Drago werden eingekerkert, sie

sind aber die moralischen Sieger. Golo beschenkt Heinrich, der dann

mit Elsen voll Glück und Jubel ist -- Golo selbst ist voll finsterm

Trübsinn und lässt der unschuldig Gefangenen kaum das Nothdürftigste

gewähren. Genoveva klagt im Thurme -- draußen jubelt die Hochzeit. Zwei

Diener lassen sich als Mörder Genovevas dingen -- Else erweist sich

Genoveva dienstbar und beklagt mit Wendelin das Schicksal der Herrin.

Genovevas Klage in der Wüste -- Siegfrieds Trauer auf dem Schlosse.

Lärmende Jagdlust -- Golos Trauer um Genoveva. Auch im letzten

Abschnitte der „Genoveva“ setzen sich die Contraste fort. Tod der Hexe

-- erste Sterbescene Genovevas. Der unglückliche Golo beim glücklichen

Schäfer Heinrich. Golo will jagen und fühlt sich selbst als gehetztes

Wild. Endlich Golos trauriger Tod -- Genovevas verklärtes Hinscheiden.

Was erst noch als chaotisches, phantastisches Gewühl durcheinander

wogte, bekommt beim Verfolgen dieser contrastierenden Beziehungen auf

einmal eine ganz andere Gestalt; das scheinbar Kunstlose, Wildwüchsige

zeigt uns hier ein verstandesmäßiges, klügelndes zweites Gesicht.

Wie den Scherz eines Vexierbildes muss man diese Künstlichkeit durch

genaues Zusehen entdecken. Bernhardi verfolgt in der Besprechung,

die er der Dichtung seines Freundes widmet,[496] mit sichtlichem

Vergnügen dieses Aneinanderreihen von Contrasten und spendet dem Autor

dafür reiches Lob. Mit Recht, soweit sich diese Gegenüberstellungen

ungezwungen aus dem Inhalte ergeben. Tieck begnügt sich aber nicht mit

diesen, er trägt allerhand Contraste allzuklügelnd hinein, versteckt

und häuft sie vor allem zu sehr, so dass hier Merkel auch nicht ganz

Unrecht hat, wenn er das Spiel mit den Gegensätzen „gemacht“ findet.

Einen feineren und sinnreicheren Rapport stellen gewisse geheime, leise

Fäden her, die einzelne Momente, Scenen und Schicksale leicht andeutend

verknüpfen und mit diesen Andeutungen unbestimmte Ahnungen im Gemüthe

des Lesers aufkeimen lassen. Die Kapelle mit der Morgenbeleuchtung

am Anfange und Schlusse des Stückes. Golos Pferd stürzt beim ersten

Erscheinen des Ritters im Drama, das traurige Lied ergreift ihn ganz

räthselhaft -- sein Pferd stürzt wieder, als er Genoveva retten möchte

und das Lied hat ihm prophetisch für sein Geschick geklungen. Den

Schäfer Heinrich aber ficht das traurige Lied nicht an, er freut sich

an seinem heiteren: auch dies ist ein ahnungsvolles Präludium für sein

späteres Schicksal. Otho und Siegfried begrüßen sich anfangs freudig

im Lager, nehmen nach der letzten Schlacht wehmüthig Abschied für

immer, am Ende des Stückes kommt Othos Geist als Tröster zum trauernden

Grafen. Gerade Siegfried macht eine thöricht herablassende Bemerkung

über Zulmas Treue und gerade er muss dafür büßen; denn Zulma wird für

ihn ein Beispiel unerschütterlicher Treue gegenüber der vermeintlichen

Untreue Genovevas. Die Hexe gibt den letzten Anstoß für Genovevas

Verurtheilung und ihr Bekenntnis bringt die Unschuld der Verstoßenen

endgiltig ans Licht. Golo möchte Genoveva im „stillen Thale“

verscharren lassen, ihm selbst wird dies Los zutheil. Auch Genovevas

und Siegfrieds Ahnungen, die sich ganz oder theilweise erfüllen, müssen

hieher gezählt werden. Es lässt sich an einzelnen dieser Fälle auch

unschwer beobachten, wie Tieck diesen Beziehungen einen Anflug von

tragischer Ironie gibt. Die Hauptsache aber bleibt ein ahnungerregendes

Verbinden verschiedener Momente überhaupt. Das scheinbar Verworrene

entfaltet sich so nach geheimen höheren Gesetzen. Es wird ein

„vernünftiges Chaos“, eine „künstlerisch geordnete Verwirrung“, eine

„reizende Verwirrung“, wie die romantischen Schlagworte lauten.

Bernhardi findet dies ganz besonders herrlich und es entschädigt ihn

für jede fehlende organische Gliederung des Stoffes. „Mit einem Worte,

in diesem einzigen Punkte ist eine so lieblich verwirrende Perspective;

ein so reizender, optischer Betrug und eine so leise Allegorie, dass

man wirklich nicht weiß, wie man die Kunst, welche sich durch diese, in

sich unendliche Künstlichkeit offenbart, genug bewundern soll.“[497]

Durch dieses überkünstliche Schalten mit Contrasten, Parallelen

und verborgenen Beziehungen, die wie ein Netz die ganze Dichtung

überziehen, wird unser künstlerisches Bedürfnis noch nicht vollauf

befriedigt, weil diese Dinge theils zu versteckt sind und theils

zu äußerlich und spielerisch hineingetragen erscheinen und so nie

imstande sind, eine klare Disposition und einheitliche Führung der

Handlung zu ersetzen. Allein Tieck begnügt sich nun einmal mit dieser

Art zu gliedern und zu verbinden. In der Zeit, als unsere Dichtung

entstand, war von den Romantikern eben die freie, spielerische Willkür

der dichterischen Phantasie in ihre Herrschaft eingesetzt worden.

Wenige Jahre nachher tadelt es A.W. Schlegel bereits, dass man in

dieser Periode die bloß spielende, müßige, träumerische Phantasie

allzusehr zum herrschenden Bestandtheil der Dichtung gemacht habe.

Tieck selbst hält länger an seiner Neigung fest. Noch im „Phantasus“

versteht Lothar unter „dramatisieren“ nicht mehr als „Sinn und

Zusammenhang“ in die Dinge bringen. Auch über die Nothwendigkeit eines

inneren Mittelpunktes der Dichtung stellt Tieck noch 1828 ziemlich

bescheidene Forderungen auf. Der „Paradoxe“ sagt einmal über die

Lenzischen Werke: „Kann nicht, wie bei einem echten Kunstwerk, der

regierende Geist aus dem inneren Mittelpunkte alle Theile, bis zu dem

entferntesten durchdringen, so muß wenigstens von außen eine fast

gewaltsame Regel die widerspenstigen Elemente in Ordnung halten, wenn

sie diese natürlich auch nicht ganz bezwingen kann.“[498] Man möchte

meinen, der „Paradoxe“ habe dabei auch ein wenig an Tiecks „Genoveva“

gedacht, in der sich uns recht eigentlich „ein sentimentaler Stoff in

einer phantastischen Form darstellt“.[499]

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 35 / 45 题