4. Tieck und Jakob Böhme.

In der Maurer’schen Buchhandlung in Berlin fand Tieck (um 1798) das

alte Büchlein eines Mannes, der den Aufklärern als ein Urbild alberner

Schwärmerei, als der Inbegriff von Abgeschmacktheit, Barbarei und

Aberwitz erschien. Das Büchlein war Jakob Böhmes „Morgenröthe“. Tieck

hatte noch nichts von dem merkwürdigen Manne gesehen und glaubte

(diesmal dem allgemeinen Urtheile der Welt folgend) einen neuen

Gegenstand für seinen übermüthigen Witz gefunden zu haben. Beim Lesen

aber begegnete ihm das Seltsame, dass der philosophische Schuster von

Görlitz den übelgesinnten Leser derart überraschte und gefangen nahm,

dass dieser nimmer von ihm loskommen konnte und bald aus einem Spötter

ein eifriger Bewunderer der geheimen Offenbarungen J. Böhmes wurde. Zu

den übrigen religiösen Antrieben, die auf Tieck wirkten, gesellte sich

nun noch dieses unscheinbare alte Büchlein, in dem Tieck am wenigsten

eine so siegreiche Macht vermuthet hätte.[392]

Nach Köpkes Erzählung scheint es, als ob Tiecks geistiges Wesen

bereits vor der Abfassung von „Genoveva“ und „Octavian“ ganz und gar

in der Mystik Böhmes aufgegangen sei, und auch Haym[393] spricht von

Tiecks Böhmestudium vor der Entstehung der „Genoveva“ so, dass man

weit mehr von dem mystischen Geiste des „philosophus teutonicus“ in

dieser romantischen Dichtung suchen möchte, als sich darin thatsächlich

findet. Die Sache klärt sich einigermaßen auf, wenn man die Briefe an

Solger, in welchen Tieck sein Verhältnis zur Mystik selbst darlegt,

zurathe zieht. Etwa um 1798 muss Tieck die „Morgenröthe“ aufgefunden

haben. Über den Eindruck schreibt er später an Solger:[394] „Weil ich

keinen dialogischen Philosophen bis dahin gefunden hatte, und mich

die verschiedenen Systeme nicht befriedigten, besonders allen meinen

Instinct zur Religion verletzten, so glaubte ich oft gar nicht für

Speculation Sinn zu haben: meine Liebe zur Poesie, zum Sonderbaren

und Alten führte mich anfangs fast mit frevlem Leichtsinn zu den

Mystikern, vorzüglich zu J. Böhme, der sich binnen kurzem aller meiner

Lebenskräfte bemächtigte: der Zauber dieses wundersamsten Tiefsinns

und dieser lebendigsten Poesie beherrschte mich nach zwei Jahren

so, dass ich von hier aus nur das Christenthum verstehen wollte,

das lebendigste Wort im Abbild der ringenden und sich verklärenden

Naturkräfte...“ Von hier aus betrachtete Tieck Fichte und Schelling,

mit unheimlicher Leidenschaft überließ er sich seinem Triebe zur

Mystik, leidenschaftliche Zustände und unerwartete Erfahrungen, über

die er uns nichts weiter verräth, gesellten sich dazu, sein ganzer

Geist ward so verschattet und verdunkelt, dass ihm die Lust zur Poesie

und an Bildern als etwas Verwerfliches, Verfehltes erschien; „... so

gab es nun viele Stunden, wo ich mich in die Abgeschiedenheit eines

Klosters wünschte, um ganz meinem Böhme und Tauler und den Wundern

meines Gemüths leben zu können. Dies hatte sich schon im Zerbino

leicht poetisch, in der Genoveva dunkler und im Octavian verwirrter

geregt. Meine Productionskraft, mein poetisches Talent schien mir auf

immer zerbrochen. Ich kämpfte schmerzhaft, da sich mir die heitere

Welt und mein Gemüth so mit Finsternis bedeckte, die mir anfangs im

helleren Glanze geschienen hatten.“ Diese Selbstschilderung lässt

einen Einblick thun in den merkwürdigen Aufruhr, den Jakob Böhme

(mit diesem beschäftigt sich Tieck zuerst und am eifrigsten) in der

Seele des Dichters allmählich heraufbeschwor. Nach und nach geräth

sein Geist immer mehr in die mystischen Dinge hinein. Das allmähliche

Hereinbrechen der Dunkelheit im Gemüthe des Dichters tritt aus dessen

Erzählung nicht ganz scharf hervor, muss aber doch erschlossen werden.

Erstlich bemächtigen sich die Mystiker und Jakob Böhme „binnen kurzem“

aller Lebenskräfte Tiecks und ein paar Zeilen danach dauert es

wieder zwei Jahre, bis er so von Böhme beherrscht wird, dass er das

Christenthum nur von Böhme aus verstehen wollte. Die erste Wendung

darf darum nicht allzu wörtlich genommen und nur als ein sehr reges

und lebendiges Interesse am neuentdeckten Mystiker verstanden werden;

die Poesie Tiecks in „Zerbino“, „Genoveva“ und „Octavian“ und in den

gleichzeiligen kleineren Dichtungen ist keineswegs so energisch von

Jakob Böhme beherrscht; von einer Modifikation des Christenthums

im Geiste Jakob Böhmes ist in „Genoveva“ und „Octavian“ nur wenig,

in „Zerbino“ nichts zu spüren. Dass diese Betrachtungsweise des

Christenthums auch in seine Poesie übergegangen sei, behauptet Tieck

eigentlich auch nirgends ausdrücklich. Am liebsten verknüpft er an

gewissen Stellen naturphilosophische Gedanken mit denen Jakob Böhmes.

Dies alles ließe sich mit einem völligen Untergehen aller Lebenskräfte

in der Mystik unmöglich vereinbaren. Das Zusammenbrechen der poetischen

Productionskraft unter dem Drucke mystischer Speculation, das Tieck

wie eine unmittelbare Folge seiner Lectüre noch in die Zeit vor der

Vollendung des „Octavian“ zu rücken scheint, kann vor dem Abschluss

dieser Dichtung, dem dann allerdings viele fast unfruchtbare Jahre

folgen, nicht gut angenommen werden. Im weiteren Verlaufe des Briefes

spricht Tieck ohnehin wieder so, als ob die verdüsterten Stunden in

den ersten Jahren nur sich zeitweise einstellten und nicht gleich

eine dauernde Gemüthsverdüsterung herbeiführten. Dazu stimmt auch

eine spätere Äußerung an Solger, nach welcher die düstersten und

gedrücktesten Zeiten für Tieck in die Jahre 1801-1802 fallen, als

er bereits in Dresden lebte. Erinnern wir uns auch noch der schönen

Freundschaft, die ihn vor dieser Zeit mit Novalis verband, so haben

wir einen Grund mehr, diese dunkeln Gemüthszustände nicht vor das Jahr

1801 zurückzuverlegen. Und hätte vorher Jakob Böhme Tiecks Stimmungen

verdüstert, so könnte der „Altfrank“ im „Autor“ (1800) kaum sagen:

„So gab ich dir noch außer Göthe,

Auroram, jene Morgenröthe,

Von dem Propheten, den sie schelten,

Dem aufgeschlossen alle Welten,

Des heilger unentweihter Mund

Der Gottheit Tiefe hat verkundt,

Den großen deutschen Jakob Böhme,

Daß er von dir die Schwermuth nähme,

Jedwedes Wort in ihm dir lacht,

Und all umzogen mit Glanz und Pracht,

Er hat durchaus sich gesponnen ein

In eitel Glori und Heiligenschein. --“[395]

Wir müssen also annehmen, dass Tieck erst Schritt für Schritt in

die Regionen der Mystik, in das „herrliche und furchtbare Gebirge“

vordrang, nach dem „Octavian“ (1802) aber sich auf einige Jahre ganz in

den dunklen Bezirken verlor. Tiecks Ausdrücke sind und bleiben dunkel

und unpräcis. Nach siebzehn Jahren mochte sich ihm seine mystische

Periode leicht ein wenig perspectivisch verengen und verschieben und

wohl als Erlebnis im ganzen, nicht aber chronologisch klar und scharf

gesondert nach allen Stadien in Erinnerung sein. Welches Gedächtnis

wäre auch für solche vor längerer Zeit durchlebte Gemüthszustände

absolut verlässlich?

Der Betrachter des geistigen Entwickelungsganges Tiecks muss sich außer

dessen „Instinkt zur Religion“ vor allem wieder den Wackenroder’schen

Einfluss und die religiösen Eindrücke der Erlanger Zeit lebendig vor

Augen halten, um zu begreifen, dass der „Meister Klügling“, der mit

ironischen Absichten die „Morgenröthe“ zur Hand nimmt, so schnell

ein ehrfürchtiger Verehrer des mystischen Buches werden konnte. Vom

Dichter der Straußfederngeschichten und des „Gestiefelten Katers“ bis

zum mystischen Grübler scheint es ein gar weiter Weg zu sein. Tiecks

Briefwechsel mit Solger erklärt es jedoch ziemlich genügend, wie gerade

die Art von Jakob Böhmes Denken seinem inneren Wesen entgegenkam.

Zum Theile sagten uns schon die früher angeführten Worte, was Tieck

in Böhmes Büchlein Bewundernswertes vorfand. Mit Jacobi und Fichte

hatte sich unser Dichter nicht verständigen können.[396] Der Mann,

dessen Geist fast ganz und beständig von Phantasie und Gemüthsstimmung

gelenkt erscheint, verlangte von jeher ein philosophisches Denken, das

auf Anschauung gegründet ist und wieder zur Anschauung zurückkehrt.

Philosophie und Religion müssen ineinander fallen. Alles wahre Erkennen

kann nur ein intuitives Erkennen sein, ein Erkennen durch Offenbarung

und Begeisterung, das in allen Dingen die lebendige Gegenwart Gottes

(= des Unendlichen) schaut. Dieses schauende Eindringen in das Wesen

der Dinge ist aber der poetischen Begeisterung und religiösen Hingabe

nach Solger sehr nahe verwandt und damit erräth Solger so recht die

längstgehegten, intimen Gedanken Tiecks, der ihm darauf hocherfreut

erwidert: „Längst war ich mit Ihrer Inspiration der Philosophie, mit

der nahen Verwandtschaft derselben, ja Blutsfreundschaft und Selbstheit

mit der Religion einverstanden, was mich nur einen kurzen Kampf

kostete: denn die poetische Begeisterung erklärte mir ja das Factum

hinlänglich, und dass ich es mehr wie einmal an mir selbst erlebt

hatte, machte mir ja eben immer mein Sprechen mit den Philosophen von

der Schule unmöglich.“[397] Dieser horror des Tieck’schen Geistes vor

allem abstracten und formalistischen und systematischen Denken ist

sicher der letzte und tiefste psychologische Grund, warum sein ganzes

Wesen, das den eigentlichen großen Philosophen bisher beharrlich fern

geblieben war, sich so widerstandslos gerade von Jakob Böhme fesseln

ließ. Bei Böhme fließen wirklich religiöse Hingabe, dichterische

Anschauung und philosophische Speculation in wunderlichster Weise

ineinander. Es gibt bei ihm kein abstractes Grübeln, sondern Phantasie

und Gemüth greifen immer auch werkthätig mit ein und L. Feuerbach

trifft in den Kern der Sache, wenn er sagt:[398] „Die Grundlagen

und Anhaltspunkte seiner (Böhmes) Gedanken sind die das reine

Himmelslicht des Denkens an dem dunkeln Wolkengrunde des Gemüthes

in die Regenbogenfarben der Phantasie zerstreuenden, theologischen

Vorstellungen der früheren Zeit...“ Der phantastische Theosoph konnte

für Tieck, als er sich hernach mit Schleiermachers „Reden“ befasste,

eine Art Ergänzung des abstracten Theologen abgeben. Die Art und

Weise, wie Böhme die Religionsgeschichte unter dem Bilde des mächtigen

Fruchtbaumes skizziert,[399] zeigt, dass seiner barocken Phantasie

ein großer Zug nicht fremd ist und die Schilderung der Geister und

Geisterlein, die im einfachen Halme wirken und schaffen und das

Gewächs in all seinen Theilen formieren, ist wieder von einer naiven

Lieblichkeit, die in ihrem kindlich herzlichen Tone fast an wirkliche

Märchendichtungen gemahnt. Die Art des Anschauens der Natur ist im

Grunde bei Böhme und beim Märchendichter dieselbe, nur dass es Böhme

nicht um die Poetenfreude am Märchenhaften zu thun ist, sondern ihm ist

das Beleben, Beseelen und Verbildlichen der Naturvorgänge zugleich eine

Entschleierung ihres innersten Wesens, ein metaphysisches Erkennen.

Hier findet also Tieck jeden Gedanken über Natur und Welt und Gott

bildlich, poetisch eingekleidet. Hier konnte er sein philosophisches

Bedürfnis nach seiner Weise befriedigen. Wie Tieck der Sinn für

Geschichte durch die Poesie aufgeht,[400] so nähert sich ihm das

Religiöse und die Philosophie auch zumeist durch Kunst und Poesie oder

in Form von Poesie.

Was Tieck an den Volksbüchern entzückte, der schlichte, fromme,

rührende Ton der Darstellung: das fand er auch in den theosophischen

Phantasien Böhmes wieder. Böhme musste in jeder Weise der Liebe Tiecks

zur Poesie, zum Sonderbaren und Alten entsprechen. Im „Autor“ ist es

wieder der „Altfrank“, die verkörperte Liebe zum Alten, Sonderbaren und

Poetischen, der den „großen deutschen Jakob Böhme“ preist.[401] Das

Mitleid mit den alten, verkannten, missachteten Volksbüchlein wurde

daher auch hier lebendig und zog ihn mit inniger Gewalt zum ungerecht

verkannten armen Philosophen in der Handwerkerstube. Dieser Ton des

Mitleids spricht auch aus dem Gedichte Hardenbergs „An Tieck“.[402]

Hier redet nämlich Böhmes Geist zu Tieck:

„Ich habe treulich aufgeschrieben,

Was innre Lust mir offenbart,

Und bin verkannt und arm geblieben,

Bis ich zu Gott gerufen ward.“

„Verkündiger der Morgenröthe, des Friedens Bote sollst du seyn“, ruft

Novalis seinem Freunde zu und diese „Morgenröthe“ Böhmes ist es, von

der einzelne ungewisse Strahlen in Tiecks „Genoveva“ hineinspielen.[403]

Die „Morgenröthe“[404] (1612) ist Böhmes erstes Werk und behandelt,

wenn auch noch weit unklarer als die folgenden Schriften, die Grundzüge

seiner ganzen Weltanschauung und nennt sich „die Wurtzel oder Mutter

der Philosophiae, Astrologiae und Theologiae, Aus rechtem Grunde“.

In der „Philosophia“ soll Gottes Wesen erschlossen werden, die

Beschaffenheit aller Dinge in Gott und ihr Ursprung aus Gott, sowie

die Herrschaft der beiden „Qualitäten Gut und Bös“ in der Natur.

Die „Astrologia“ handelt von den Kräften der Natur, den Sternen und

Elementen, wie daraus alle Creaturen herausgekommen sind, also von der

Entstehung und Bildung der Welt. Die „Theologia“ enthüllt das Reich

Christi und der Hölle, die sich bekämpfen und spricht davon, wie sich

die Menschen zu beiden Reichen verhalten und verhalten sollen.

Die Gedanken Böhmes hier weiter zu verfolgen oder in Form eines

Systemes (wenn es überhaupt möglich ist) zu skizzieren, ist unnöthig,

weil Böhmes Anschauungen für Tiecks „Genoveva“ als System nicht in

Betracht kommen.[405] Die Vorstellungen Böhmes, die Tieck in seine

Dichtung einstreut, sind nur losgerissene Splitter, die keineswegs

unter einheitlichem Gesichtspunkte erscheinen.

Die ersten Spuren von Böhmes Gedanken in der „Genoveva“ begegnen uns

in der prophetischen Rede des „Unbekannten“.[406] Das geheime Wissen,

das er vorträgt, bevor er seine Weissagung über Karls Zukunft beginnt,

lässt den Gedanken der damaligen Naturphilosophie durchblicken, dass

das Universum ein zusammenhängender Organismus sei, in dem durch

alle Gebiete hin sich dieselben Kräfte in sicherer Gesetzmäßigkeit

bethätigen. Diese Vorstellung hatte bereits Schelling entwickelt und

Tieck fand sie in Schleiermachers „Reden“ wieder; sie wurde überhaupt

bald Gemeingut aller Literaturkundigen. Mit der Naturphilosophie gewann

Tieck auch durch seinen Verkehr mit Steffens, dem Schellingjünger,

einige Fühlung.[407] Der Gedanke der geschlossenen Natureinheit, der in

der Rede des „Unbekannten“ wiederholt durchbricht, begegnet uns auch

schon bei J. Böhme, wenn auch ohne die präcise Formulierung, die er

bei Schelling fand. So war für Tieck die Möglichkeit gegeben, moderne

naturphilosophische Ideen mit Anschauungen Böhmes zu verschmelzen.

„Und was ich sag’ sollst du wahrhaftig finden,

Denn Sterne können niemals Lüge sprechen,

Wer sie verhöhnt, belastet sich mit Sünden:

An dem wird sich Natur und Himmel rächen,

Der furchtlos dies Gemüte in sich heget,

Denn um ihn wird das Glück zusammenbrechen.“

Wenn hier der Prophet die Wahrheit seiner geheimen „Weisheit“ („Kunst“)

betheuert und die Spötter strenge verurtheilt, so fühlt man sich schon

an Böhme erinnert, der sich nicht selten energisch gegen die Verächter

seiner Offenbarungen wendet. „Darumb schawe zu und spiele nicht zu

hönisch an diesem orthe / oder Du wirst für GOTT ein spötter erfunden

werden / und darf Dir wohl gehen / wie dem König Lucifer.“[408]

Während Böhme nur mit der Rache Gottes („des Himmels“) droht, gibt

Tieck noch die „Natur“ als zweite Rächerin bei.

„Was in den Himmelskreisen sich bewegt,

Das muß auch bildlich auf der Erden walten,

Das wird auch in des Menschen Brust erregt,...“

J. Böhme legt auf den Zusammenhang zwischen Sternenlauf und

Menschenschicksal wiederholt Gewicht. „Dan der Planeten und Sternen

anfang / instehen / lauff und wesen ist anders nicht als der anfang

und trieb oder das Regiment im Menschen. Wie nun das Menschliche

Leben auffgehet / also ist auch die geburth der 7 Planeten und

Sternen auffgangen / und ist in diesem gar kein unterscheidt.“[409]

Ein andermal kehrt der nämliche Gedanke in pantheistischer Färbung

wieder.[410] Der Lauf und die Beschaffenheit der Gestirne ist ein

Abbild des Menschendaseins, was in den Himmelskreisen vorgeht,

waltet also auch bei Böhme „bildlich“ auf Erden. -- „Das wird auch

in des Menschen Brust erregt.“ Nicht bloß die äußeren Schicksale der

Erdbewohner gleichen den Schicksalen der Gestirne: das Innenleben des

Menschen wird sogar durch die Sterne regiert. Der Mensch ist nach Böhme

ein Abbild des Weltalls,[411] ein Mikrokosmos. Die Sterne wirken in

seinen Adern und Eingeweiden. „Die Adern bedeuten die krafft-gänge der

sternen / und seind auch die krafft-gänge der sternen / dan die sternen

mit ihrer krafft herrschen in den Adern / und treiben den Menschen in

ihre gestalt. Das eingeweide oder därmer bedeut der sternen wurckung

oder verzehrung / alles was aus ihrer krafft worden ist / was sie

selber gemacht haben / das verzehren sie selber wieder / und bleibet

in jhrer krafft: und die därmer seind auch die verzehrung alles des /

was der Mensch in seine därmer scheubet / alles was aus der sternen

krafft gewachsen ist.“[412] Ein andermal „qualifizieren“ die Sterne

und Elemente in den fünf Sinnen des Menschen.[413] Der Einfluss der

Gestirne auf den Menschen, der in J. Böhmes Vorstellung in erster

Linie als ein physiologischer erscheint, konnte in dieser rohen Form

den neueren Dichter nimmer ansprechen. Tieck lässt darum lieber die

Kräfte „in des Menschen Brust“ durch das nämliche geheime Etwas erregt

werden, das in den Sternen wirkt, und überträgt so den astrologischen

Gedanken vom physiologischen auf das psychologische Gebiet. Das konnte

er nicht mehr gut anders und besser einrichten, da, wie wir bemerkt

haben, schon Shakespeare,[414] Calderon und Schiller durch ähnliche

dichterische Vorstellungen für ihn eine gewisse ehrwürdige Tradition

geschaffen hatten,[415] und „die Astrologie ist für die Poesie eine

unentbehrliche Idee“, wie A.W. Schlegel behauptet.

„Natur kann nichts in engen Grenzen halten,

Ein Blitz, der aufwärts aus dem Centro dringet,

Er spiegelt sich in jeglichen Gestalten,

Und sich Gestirn und Mensch und Erde schwinget

Gleichmäßig fort und eins des andern Spiegel,

Der Ton durch alle Kreaturen dringet.“

Wahrscheinlich will der Dichter sagen, dass ein wirkendes Princip

in der Natur nicht auf ein Gebiet beschränkt bleibt, sondern in

wechselnder Form im ganzen Universum wirkt. Die räthselhaften

Zeilen lassen sich kaum klar durchblicken. Die Phrase vom „Blitz

aus dem Centro“ stammt jedenfalls aus J. Böhme. Der Blitz, d. i. der

Lichtschein, der vom Feuer ausgeht, kann bei Böhme verschiedenes

bedeuten. In der Trinität heißt der heilige Geist der „Blitz“, der

vom Herzen der Gottheit, vom Sohne ausgeht und die ganze Gottheit

durchstrahlt.[416] Im Universum ist die Sonne ein Centrum, von dem

aus der „Blitz“ die ganze Welt erleuchtet. Der „Blitz“ und der

„Ton“ wirken auch mit bei der Bildung der irdischen Creaturen und

da heißt es einmal:[417] „Der klangk aber oder stimme steiget im

mittlern Centro auff in dem plitze / wo das liecht aus der hitze

gebohren wird / da der plitz des lebens auffgehet.“ Hier haben wir

„Blitz“ und „Ton“ verbunden, die uns auch bei Tieck nebeneinander

begegnen. Der „Blitz“ erscheint endlich im Geistesleben des Menschen

als eine psychologische Kraft und in erster Linie meint Böhme damit

das intuitive mystische Erkennen.[418] Böhme gebraucht dabei auch

wieder die Wendung vom „plitz, der im Centro auffgehet.“[419] Es ist

nicht recht herauszubekommen, welche Wirksamkeit Tieck dem „Blitze“

eigentlich zudenkt. Es muss vor allem das eindringliche Bild und der

höchst mystische Sinn, den J. Böhme damit verbindet, Tiecks Phantasie

gefesselt haben. -- Die Vorstellung, dass „sich Gestirn und Mensch und

Erde schwinget gleichmäßig fort und eins des andern Spiegel“ stammt

wohl aus Schleiermacher, der von Spinoza sagt:[420] „Ihn durchdrang der

hohe Weltgeist, das Unendliche war sein Anfang und Ende, das Universum

seine einzige und ewige Liebe, in heiliger Unschuld und tiefer Demuth

spiegelte er sich in der ewigen Welt, und sah, wie auch Er ihr

liebenswürdigster Spiegel war.“ Daran reiht sich wieder die Böhme’sche

Vorstellung vom „Ton“ in den Creaturen, der für Tieck wahrscheinlich

noch den Sinn von der Harmonie des Weltalls in sich schließt. Von Jakob

Böhme wird der „Ton“, der uns schon in Verbindung mit dem „Blitze“

begegnete, als schaffendes Princip für alles Tönende in der Welt (Gold,

Silber, Kupfer u. s. w.) geschildert und einmal heißt es:[421] „auch so

ist derselbe Schall in allen creaturen auf Erden / sonst were alles

stille.“ Das deckt sich dem Wortlaute nach mit dem Verse Tiecks, nur

dass bei diesem der Sinn in eine höhere Sphäre gerückt worden ist.

„Drum wer die Weisheit kennt, kennt keine Zügel.

Er sieht die ganze Welt in jedem Zeichen,

Zur Sternenwelt trägt ihn der kühne Flügel.“

Hier stehen wir wieder auf modernem romantischen Boden. Die

Naturphilosophie lehrt, dass jede Idee unendlich ist. Unter diesem

Gesichtswinkel schaut der Weise die Welt in jedem Zeichen. „Eine jede

Idee ist als ein Unendlich-Endliches ein Abbild des ganzen Universums,

und das Universum spiegelt sich in ihrer Form ganz, so dass nichts

als ein abgesonderter Theil außer ihr gesucht werden darf.“[422] So

Steffens. Ähnlich heißt es bei Schleiermacher:[423] „... und so alles

Einzelne als einen Theil des Ganzen, alles Beschränkte als eine

Darstellung des Unendlichen hinnehmen, das ist Religion.“

„Nur von der Gottheit muß er niemals weichen,

Sonst sinkt er aus der Kunst in irdisch Bangen

Und Satans Kraft mag ihn alsdann erreichen.“

Hier schwenkt Tiecks Phantasie wieder zum eigentlich Religiösen zurück.

Nur der mit Gott verbundene Mensch erkennt jene überweltliche Weisheit;

löst er seine Verbindung, dann bleibt er an der Scholle kleben und

verfällt sammt seiner Weisheit dem Teufel. Das ist wieder aus Böhmes

Anschauung heraus gesprochen, der seine Erkenntnis zunächst auf directe

Erleuchtung durch das Licht Gottes zurückführt. „... nur so lange

als der geist in mir beharret / weiter erkenne ich nichts / als nur

von elementischen und irdischen Dingen dieser Welt / aber der geist

sihet biß in die tieffe der Gottheit.“[424] „Solches (sc. die Gewächse

und Figuren des himmlischen Lustgartens) ist meinem Leibe auch ganz

verborgen / aber meinem animalischen (Seelischen) Geiste nicht / so

lange er mit Gott inqualieret, so begreift ers / wan er aber in Sünden

fället / so wird ihm die Thür verriegelt / welche ihm der Teuffel

zuriegelt / die muß durch grosse Arbeit des Geistes wieder auffgemacht

werden.“[425] Diese Sätze der „Morgenröthe“ enthalten genau den Sinn

der Tieck’schen Terzine. Das pietistisch gefärbte „irdisch Bangen“

scheint Tiecks eigenster Seelenstimmung anzugehören.[426]

„Doch mich trieb nie ein eiteles Verlangen,

Die reine Brust erhob ich zu den Sphären

Und reinen Sinns küßt’ ich des Himmels Wangen.“

Wie der „Unbekannte“ nicht aus eitlem Verlangen nach den tiefen

Geheimnissen forschte, so betont auch Jakob Böhme stets seine Demuth

und reine Absicht und sieht in dieser Demuth alle Erkenntnis nur als

Gnade Gottes an. „Den allen (Spöttern und Verächtern nämlich) gebe

ich zur antwort / daß ich nicht in die Gottheit bin gestiegen / dann

mir / als einem geringen Menschen / solches auch nicht müglich wäre

zu thun / sondern die Gottheit ist in mich gestiegen / und ist mir

solches auß seiner Liebe offenbahr welches ich in meiner halbtodten

fleischlichen Geburth sonst wol würde müssen lassen bleiben.“[427]

Ähnlich redet er in der „Vorrede“. Die geschraubten Wendungen „die

Brust zu den Sphären erheben“, „des Himmels Wangen küssen“ sowie das

vorausgehende: „Zur Sternenwelt trägt ihn der kühne Flügel“, mit denen

Tieck den Aufschwung des betrachtenden Geistes umschreibt, erinnern an

die weltenüberfliegenden Bilder des jungen Schiller.

Die Wendung vom „Ton“ und „Blitz“, der das Innere „durchblickt“,

nimmt Karl Martell in seiner Antwort[428] wieder auf, jedoch in einem

gewöhnlichen, verständlichen poetischen Sinne.

Der Grundcharakter des „Unbekannten“ ist das Geheimnisvolle. Schon

sein Erscheinen als Unbekannter, von dem niemand weiß, woher er

kommt und wohin er geht, sein Prophetenthum, seine feierliche

Rede in den langhinhallenden Terzinen (die für Tieck noch eigens

den Eindruck des Alterthümlichen erwecken[429]), erhöhen die

Stimmung des Geheimnisvollen. Gerade diesem Zwecke scheint auch

die Verbindung moderner naturphilosophischer Vorstellungen mit

den alten theosophischen Gedanken Jakob Böhmes zu dienen. Die

naturphilosophischen Ideen erscheinen zunächst verständlich, ihre

Formulierung mit Hilfe Böhme’scher Worte und Wendungen macht sie

zugleich mystisch und dunkel und so oscilliert der Geist des Lesers

bei diesen Strophen immer zwischen Verstehen und Nichtverstehen

hin und her. So versetzt Tieck den Leser in jenes Dämmerlicht des

Halbbewussten, Unbestimmten, das in der romantischen Dichtung so

beliebt ist.[430]

Nach langem finden wir Jakob Böhmes Weisheit wieder in den Reden der

Straßburger Hexe.[431] Wenn Winfreda Golo erklärt:

„Ihr könnt nicht anders, so sind die Gewalten,

Die Sternenkräfte, die sich nur entfalten,

Ein solcher Mensch ist nur ein Samenkorn,

In welchem wächst und reift des Schicksals Zorn,

Die andern traf ein lichter Sternenblick,

In ihnen sproßt das Firmanentenglück,

Trägt jeder um sich ein siderisch Haus

Und kann aus seiner Heimat nicht heraus,“

so hat sie diese Wahrheiten aus Böhmes „Morgenröthe“ geschöpft. Denn

hier lesen wir:[432] „Das haupt (des Menschen) hat in sich die 5

sinnen / als sehen / hören / riechen / schmäcken und fühlen / darinnen

qualificieren die sternen und elementa, und entstehet darinnen der

Siderische / Sternen- und Natur-geist in Menschen und Thieren / in

diesen quillet böses und gutes / dann es ist ein hauß der sternen.

Solche krafft nehmen die sternen vom himmel / dass sie im fleisch

können einen lebendigen und bewegenden geist machen in Menschen und

Thieren.“ Der Einfluss der Sterne auf die Menschen zum Guten und Bösen

sowie die Vorstellung, dass jeder ein „siderisch Haus“ ist, finden wir

hier und bei Tieck ganz ähnlich ausgesprochen. Mit seiner Neigung zum

Fatalistischen weicht Tieck wieder von J. Böhme ab. Böses und Gutes in

den Creaturen rührt nach Böhme[433] aus den Sternen her. Allein nur

Engel und Teufel sind in entschiedener guter und böser Qualität. Für

diese Geschöpfe gibt es kein Schwanken mehr. Im Menschen und in den

anderen Creaturen kämpfen beide Qualitäten und der Mensch kann sich

selbst dem Guten oder Bösen zuwenden. Während Böhme entschieden die

freie Selbstbestimmung des Menschen aufrecht erhält, macht Tieck den

Menschen zum „Samenkorn, in dem des Schicksals Zorn reift“.[434]

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 32 / 45 题