3. Tieck und Calderon.

Neben dem größten englischen half auch der berühmteste spanische

Dramatiker ein wenig an Tiecks „Genoveva“ mitschaffen, und noch bevor

A.W. Schlegel Shakespeare und Calderon als die größten Vertreter der

romantischen Dramatik proclamierte, hatte sie Tieck durch seine Praxis

nebeneinander gestellt und ihnen gemeinsam gehuldigt, indem er von

beiden für sein romantisches Trauerspiel zu lernen strebte. Tieck thut

es mit vollem Bewusstsein, wie es seine Äußerung gegen Iffland genugsam

bezeugt.

Wie mit den Engländern, so beschäftigte sich Tieck auch schon

frühzeitig mit den Spaniern und er gibt darüber in den „Vorberichten“

Auskunft.[365] In Göttingen begann er 1793 seine spanischen

Studien. Mit größerer Energie nahm er sie 1797 wieder auf, dem

Wunsche A.W. Schlegels nach einer Übersetzung des „Don Quixote“ und

einer buchhändlerischen Aufforderung dazu folgend. Auf Cervantes

concentrierte sich das Hauptinteresse. Wie nun Tieck Shakespeare

erst durch die Betrachtung seiner Stellung unter den Zeitgenossen,

Vorläufern und Nachfolgern recht kennen lernen wollte, ebenso suchte

er auch Cervantes in seiner literar-historischen Umgebung zu fassen

und dies führte ihn zu den spanischen Dramatikern und Lyrikern. Wie

wohl sich Tieck nach jenen Aussagen, die wir kennen lernten, bereits

mit Leib und Seele Shakespeare verschrieben hatte, so erlaubte er

sich doch, nach Entdeckung der Spanier, diese Götter neben jenem

zu haben; denn er war, wie die Romantiker alle, nicht engherzig,

er nahm das Poetische überall gerne auf, mochte es aus dieser oder

jener Himmelsgegend stammen, in dieser oder jener Gestalt und

Einkleidung ihm begegnen. Tieck war „von der reichen Aussicht in

diese Poesie hinein entzückt“, er schwelgt im Reichthum, der ihm in

den „entzückenden Träumen des Calderon und den wundersamen Bildern

der spanischen Poeten“ entgegentritt.[366] Calderon wurde, wie schon

bemerkt, auch ein wichtiges „Incitament“ jener religiösen Strömung

unter den Romantikern, die Tiecks ganze Seele ergriff und mit sich

fortriss; denn in Calderon vereinigten sich eine bedeutende poetische

Energie und gläubige Frömmigkeit in seltenem Grade. Was A.W. Schlegel

in seinen späteren „Vorlesungen“[367] aussprach, mochte auch Tieck,

von dem die Calderonverehrung erst auf seinen Freund August Wilhelm

übergieng, mehr oder weniger deutlich schon empfunden haben. „Sein

(Calderons) Gemüth aber spricht sich am meisten in der Behandlung der

religiösen Gegenstände aus. Die Liebe schildert er nur mit allgemeinen

Zügen, er redet ihre dichterische Kunstsprache. Die Religion ist seine

eigentliche Liebe, das Herz seines Herzens.“[368]

Unter demjenigen, was Tieck für seine „Genoveva“ aus der Kenntnis

der Spanier gewann, nennt er an erster Stelle die ihm „neue Art“,

künstliche Versmaße in das Drama einzuführen.[369] Tieck und seine

Genossen hatten ein unendlich feines und empfängliches Ohr für das

Künstlerische und Musikalische in Sprache, Vers und Reim. In den

prächtigen, klangvollen, südländischen Formen mit dem reichen Reimspiel

fanden sie ein willkommenes Instrument, um damit ihre ahnungsvollen

Gemüthsstimmungen in allen Tonarten erklingen zu machen. Aus den

Briefen der Jenaer Zeit ersieht man, wie sie sich vor Freude über die

neuentdeckten romanischen Formen kaum zu fassen vermögen und wie diese

bald zu den romantischen Formen κατ’ ἐξοχήν werden.

In Tiecks „Zerbino“ treten die südlichen Formen noch schüchtern auf,

in der „Genoveva“ ziemlich reichlich, im „Octavian“ überwuchern sie

die Dichtung in endloser, üppiger Fülle. Den metrischen Grundton

im spanischen Drama bestimmt die alte nationale Romanze mit ihrer

durchgehenden Assonanz. Im „Octavian“ macht Tieck in der That von

dieser Form ausgiebigen Gebrauch, in der „Genoveva“ findet sich die

eigentliche Romanze mit Assonanz noch nicht, wohl aber die aus den

vierhebigen, auftaktlosen Romanzenversen gebildete Strophe mit den

Reimen _~abba~_, die Redondille. Diese Strophe ist bei Lope die

gewöhnliche Form für den dramatischen Dialog und auch bei Calderon

begegnet sie uns nicht selten, besonders in reflectierenden und

zärtlichen Partien sowie in Antithesenspielen.[370] Diese nämliche

Form sehen wir in der Balkonscene der „Genoveva“ verwendet. In Zulmas

Gesängen und Gebeten verbindet Tieck zwei- und dreihebige Verse

nach dem Schema der Redondille. Diese Strophe ist überhaupt eine

Lieblingsstrophe Tiecks, die er schon in den Liedern des „Sternbald“,

der „Magelone“ und später noch unzähligemale gebraucht.

Von den Spaniern wurden die ottave rime aus Italien importiert und

vielfach im Drama verwendet. In pomphaften, getragenen Erzählungen,

in würdevoller Rede,[371] in monologischen Beschreibungen und

Betrachtungen,[372] im feierlichen Gebete[373] liebt sie Calderon. In

ähnlichem Sinne gebraucht sie manchmal Tieck in seiner „Genoveva“.

Vision, Gebet und feierliche Rede sehen wir auch hier im weihe- und

würdevollen Gange der Octave einherschreiten. Die ganze Beschaffenheit

der deutschen Stanze macht sie ja für solchen Inhalt besonders

geeignet. Dass aber Tieck keineswegs überall gerade für einen gewissen

Inhalt eine bestimmte Form nach Calderons Muster wählt, zeigt ein Blick

auf die Erzählung des heil. Bonifacius. Bei Calderon würde dieser

Abschnitt immer in Romanzenform erscheinen. Auch noch der Unterschied

besteht zwischen Tieck und Calderon, dass letzterer weit ökonomischer

vorgeht und die Stanze selten öfter als einmal im nämlichen Drama

einführt, während sie Tieck an vielen Stellen bringt. Wo Calderon

sie aber verwendet, da wird dann meist die ganze Scene, Monolog wie

Dialog, in Stanzen durchgeführt.[374] Solche Stanzendialoge mochten den

Formkünstler Tieck zur Nachahmung reizen. Dieses für einen deutschen

Poeten sicher höchst schwierige Kunststück scheut denn auch Tieck

durchaus nicht; auch er kleidet ganze Dialoge in Stanzen, er will als

Formvirtuose hinter seinem spanischen Meister nicht zurückbleiben.

Wie Tieck in der Verwendung der entlehnten Maße gewöhnlich seine

eigenen Wege geht, bestätigen ferner die Sonette in der „Genoveva“.

Sonette im Drama sind wieder eine Besonderheit der Spanier. Bei

Calderon finden sie sich hin und wieder, aber nicht allzuhäufig.[375]

Es wird z. B. ein heißer Erguss religiöser Andacht in Sonettform

gebracht („Die Jungfrau des Heiligthums“), es werden lyrisch-didaktisch

die Erdenfreuden den schnell welkenden Blumen und das flüchtige Glück

den schnell verlöschenden Sternen verglichen („Der standhafte Prinz“).

Diese letztere Verwendung berührt sich noch am nächsten mit einigen

Sonetten Tiecks. Aber es ist dabei zu erwägen, dass das Sonett mit

lyrisch-didaktischem Inhalt gerade um 1800 für die Romantiker eine

Mode ist, wie etwa das Distichon für Goethe und Schiller. Ob an

dieser Verwendung der italienischen Form in der „Genoveva“ Calderon

einen besonderen Antheil hat, scheint mir daher schwer erweisbar.

Calderonisch ist es nur, dass Sonette überhaupt in das Drama

hereingebracht werden. Wie bei Verwendung der Octaven geht Tieck auch

hier über die sparsame Art Calderons hinaus und zerfasert das Sonett

gelegentlich im Dialoge.

Endlich lernt Tieck noch von den Spaniern, die Terzine für sein Drama

nutzbar zu machen, eine Strophe, die Lope oft für den getragenen

und ernsten Dialog verwendet,[376] die aber seltener bei Calderon

erscheint.[377] Tieck führt sie zweimal in die „Genoveva“ ein, in der

Prophezeiung des „Unbekannten“ und im Dialoge zwischen Siegfried und

Othos Geist.

Hatte Tieck von Shakespeare den Wechsel zwischen Prosa und

fünfhebigem Jambus sich angeeignet, so wird die formelle Ausstattung

seiner Dichtung durch das Hereinnehmen der italienisch-spanischen

Strophenformen noch um vieles bunter und reicher; es wird dadurch seine

Poesie noch um eine Stufe höher über die gewöhnliche Prosa oder über

die gleichmäßige metrische Form emporgehoben.

Neben den spanischen Maßen führt Tieck die „lyrischen Ergüsse“ an, zu

deren Einführung in sein Drama ihn die spanischen Vorbilder bewogen

hätten.[378] Man denkt da zu allererst an die Lyrik der Balkonscene

und Zulmas, die auch durch die metrische Form auf spanische Muster

hinweist. Es lässt sich aber hier für die Vergleichung mit bestimmten

Vorbildern kein sicherer Boden gewinnen. Wohl nimmt das lyrische

Element in Calderons Dramen einen breiten Raum ein. Stücke, wie „die

Andacht zum Kreuz“, „Die Brücke von Mantible“, „Der Schultheiß von

Zalamea“ u. a. sind reich an lyrischen Partien im Dialoge. Aber an

solchen lyrischen Stellen ist eigentlich auch bei Shakespeare kein

Mangel. Man denke nur an „Romeo und Julia“, „Kaufmann von Venedig“,

an den vierten Act des „Wintermärchens“. Es scheint, dass Tieck mit

dem unbestimmten Ausdruck „lyrische Ergüsse“ nach spanischem Muster

auch hier nichts anderes meint, als lyrische Ergüsse in südländischen

Strophenformen. In der Einleitung zu Lenz wenigstens heißt es:[379]

„Welche lyrische Ausbrüche der Leidenschaft, der Liebe, der Andacht

in seinen (Calderons) Romanzen und canzonenartigen Versen. Welche

Malerei, welches Feuer der Erzählung in eben diesen Lyren, Romanzen und

Ottaven. Kein Schauspiel, fast kein Act ist ohne solche Prachtstücke,

diese gehören recht eigentlich zum Wesen des spanischen Dramas, nur

freilich sind sie eben auch mitunter nur kalte, hie und da schwülstige

Prachtstücke, die sich zuweilen mit Bewusstsein, doch ein anderesmal,

wohl auch ohne Absicht, selbst parodieren.“ Der letztere Satz ist

auf Rechnung des kühleren Verhältnisses zu schreiben, das der ältere

Tieck zu den Spaniern einnimmt. Das Vorhergehende gibt uns aber eine

Andeutung, welche lyrischen Ergüsse in der „Genoveva“ Tieck etwa auf

spanische Anregungen zurückführen mochte.

Deutlicher spürt man Calderons Vorbildlichkeit wieder in der

Einführung der allegorischen Gestalt des Todes. Tieck war nämlich

von Haus aus ein Feind der Allegorie in der Dichtung. Er schreibt

z. B. an Wackenroder:[380] „Mir scheint, als ob die ausgeführte

Allegorie mehr in den zeichnenden und bildenden Künsten als in der

Dichtkunst an ihrer Stelle wäre.“ Er spricht ein andermal der Allegorie

jede täuschende Kraft ab.[381] Anders wurde es, als Tieck mit den

Gedanken Friedrich Schlegels Bekanntschaft machte (1797), der die

Allegorie für jede poetische Darstellung verlangt. Schlegel meint

aber unter der Allegorie nur ungefähr das, was wir heute symbolisch

nennen. Jedes wahre Dichtwerk muss hinter der sichtbaren Welt, die

es veranschaulicht, eine unsichtbare, geistige, höhere Welt, in der

Einzelerscheinung das All und Eins ahnen lassen. In dieser Auffassung

vertritt auch Tieck nunmehr die Allegorie im „Sternbald“ und in den

„Phantasien“. An der Hand Calderons endlich thut er den letzten Schritt

zur eigentlichen Allegorie. „Vom Calderon für die allegorische Poesie

begeistert,“[382] versuchte er im „Octavian“ seine Ansicht von der

romantischen Poesie allegorisch, lyrisch und dramatisch niederzulegen.

Mit der Einführung einer bunten allegorischen Gesellschaft in dieses

Stück thut nun Tieck gerade das, was er vor wenigen Jahren noch als ein

„Unding“ von sich wies. Diese Bekehrung zur Allegorie hatte Calderon

zustande gebracht. Auch in den „Briefen über Shakespeare“, die in den

letzten neunziger Jahren entstanden, spricht Tieck günstig von der

Allegorie und wird diese überhaupt nimmer los,[383] obschon er später

gegen Calderon selbst wieder kühler wird.[384] In der „Genoveva“

sehen wir im Auftreten des Todes nur erst ein ganz kleines Vorspiel

des überschwänglichen Allegorisierens, das sich bald im „Octavian“

breit machen und „ins Blaue verschwimmen“ sollte. Dass hier gerade

der spanische Einfluss dahinter steckt, darüber kann man nach dem

Vorausgehenden kaum zweifelhaft sein.

Mit den metrischen Formen, den „lyrischen Ergüssen“ und der Allegorie

ist aber auch der spanische Einfluss, der sich in der „Genoveva“

sicher als solcher erkennen lässt, erschöpft. Andere Calderon’sche

Nachklänge lassen sich höchstens nur vermuthen. Das Hereingreifen

des Übersinnlichen in die irdische Welt und in die Geschicke des

Menschen, Wunder und Visionen, fallen dem protestantischen Nordländer

in Calderons Poesien immer ganz besonders auf.[385] Als Tieck in den

letzten neunziger Jahren Calderon eifrig las, hatte sich eben in seinem

Gemüthe auch sonst schon jene Reaction gegen den kalten, flachen,

phantasie- und gemüthscheuen Rationalismus energisch geltend gemacht.

Die extremsten Gegensätze des Aufklärerthums waren ihm die liebsten.

Seine Neigung zum Wunderbaren und Geheimnisvollen hätte außer Jakob

Böhmes Theosophie kaum eine erwünschtere Lectüre finden können, als

die spanischen Dramen, in denen Glaube und Wunder im Glanze einer

prächtigen Poesie verklärt erscheinen. Ein Versenken in diese Poesie

war daher so gut wie das Genoveva-Büchlein, Schleiermachers „Reden“

oder Böhmes „Morgenröthe“ im höchsten Grade dazu angethan, Tiecks

religiöse Stimmungen und seine poetische Vorliebe für katholische

Kunst und Poesie zum Enthusiasmus zu steigern.[386] Liest man ein

wenig in den Dramen Calderons, die Tieck sicher kannte, bevor er die

„Genoveva“ schrieb, so stößt man bald dort, bald da auf ein Motiv, bei

dem man sich sagt: das könnte in der „Genoveva“ nachgewirkt haben.

Der „standhafte Prinz“ z. B. ersteht vom Tode und vollendet, was er

im Leben nicht mehr vollbringen konnte: Othos Geist thut wenigstens

zum Theile dasselbe. Calderons „Jungfrau des Heiligthums“ ist eine

dramatisierte Legende, die vom Anfang bis zum Ende mit Wundern und

Visionen reich durchwoben ist. Man ist fast zur Annahme genöthigt,

dass Tieck dieses Stück kannte, wenn auch keine positive Nachricht

darüber vorliegt. Denn im zweiten Acte desselben wird die Begebenheit

erzählt, auf die Siegfrieds Worte:[387] „So ist Hispania durch ein Weib

verdorben, die schuld war, dass die Mohren sind gekommen...“ anspielen.

Der Saracenenkrieg wird dort auch als Strafe Gottes betrachtet, wie

von Karl Martell.[388] Dem Saracenenfeldherrn Tarif folgt Luna, seine

Braut, in den Krieg, wie Zulma ihrem Geliebten.[389] Weiter heißt es

einmal in der Erzählung des Mohren Selim:

„Heute, da dein Schwur gebrochen,

Kann man sagen, treuer hielten

Damals ja ihr Wort die Mohren,

Als die Christen jetzt; denn Alles

Hielten sie, was sie versprochen,

Und du hieltest nichts von Allem.“

Ist es die Erinnerung an diese Worte, welche Tiecks Karl Martell

veranlasst, die sonst ganz unmotivierte Äußerung zu thun, das Recht

der Gesandten sei den Heiden heiliger als den Christen? Kannte Tieck

dieses Stück Calderons, so fand er hier auch Vorbilder für die

Schilderung seiner Visionen. Jedoch allzuviel Gewicht soll auf diesen

letzteren Punkt nicht gelegt werden. Wenngleich die Visionen bei beiden

Dichtern ähnlich dargestellt werden, so kann daraus noch nicht auf eine

besondere Abhängigkeit geschlossen werden, da Dichter und Maler oft und

oft Visionen mit ähnlichen Zügen ausstatten, die wir in der „Genoveva“

finden, und Tieck und Wackenroder standen vor manchem Gemälde, das

eine himmlische Vision, eine Madonna in Licht und Glorie, von Engeln

umgeben, vorführt. -- Auf eine Kleinigkeit mag noch hingewiesen werden.

Wenn Tieck die „Andacht zum Kreuz“ las, so musste ihm auffallen, dass

hier zu verschiedenenmalen mit so großem Nachdruck auf die Wichtigkeit

der Beichte vor dem Tode hingewiesen wird und durch ein Wunder wird

Eusebios letzter Wunsch nach der Beichte erfüllt. Es ist nicht

unwahrscheinlich, dass Tieck so durch Calderon auf jene sonderbare

Unterredung Othos mit Siegfried über das Thema, ob der gefallene

Krieger wohl ohne „Sacrament und Ölung“ selig werden könne, gekommen

ist.

Ob Tieck noch ein paar solche kleine Züge mehr oder weniger von

Calderon nahm, macht keinen großen Unterschied. Die bemerkenswerteste

Neuerung, die Tieck, von den Spaniern geleitet, unternahm, ist

entschieden die Einführung der verschiedenen südländischen

Strophenformen in sein Drama. Tieck entlehnt die Formen, behält sich

aber über die Verwendung derselben im einzelnen Falle meist seine

eigene Entscheidung vor. Die Allegorie tritt in der „Genoveva“ nur

im bescheidensten Maße auf. Höher anzuschlagen ist jedenfalls der

mächtige Gesammteindruck dieser eigenartigen, von den Ideen der Ehre,

Liebe und Religion beherrschten spanischen Poesie auf Tieck sowie der

musikalischen Formenfülle und großen Künstlichkeit, die trotz aller

Mannigfaltigkeit und Buntheit in diesen Dichtungen herrscht.[390]

Dieser Eindruck lässt sich aber nicht wägen und nicht deutlich fassen.

Er kann nur aus Tiecks eigenen Worten, die seine hohe Freude an dieser

Poesie ausdrücken, erschlossen werden und eine Bestätigung ist noch

Köpkes Bericht:[391] „Diese Gedichte passten ganz zu den religiösen

Bewegungen, welche den Dichter mehr als je ergriffen hatten.“ Trotz

aller Schwärmerei für Calderon gelang es Tieck aber nicht, von diesem

Meister das Geheimnis zu erlauschen, wie der religiöse Dichter einen

wirklich religiösen Charakter, etwa einen tiefgläubigen „standhaften

Prinzen“, überzeugend schildert. Vielleicht war dies niemals Tiecks

Absicht und vielleicht ist Tiecks poetische Art gar nicht auf strenge

und klare Charakterzeichnung gerichtet. Beachtung verdient Tiecks

Anlehnung an die Spanier schon deshalb, weil gerade er wieder mit

seinem Beispiele in unserer Literatur vorangeht, wo es gilt, eine

Periode spanischen Einflusses auf unser deutsches Drama einzuleiten,

eines Einflusses, der unserer dramatischen Dichtung nicht durchwegs zum

Heile gereichen sollte.

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 31 / 45 题