Winfreda sagt zu ihren Besuchern:[435]

„Ich bin so sündig wie die andern Menschen,

Doch wurde mir seltsamer Weis’ verliehn,

In innre Tiefe der Natur zu schauen.

Da seh’ ich, was getrennt, zusammenhängen,

Und was dem blöden Auge einig scheint,

In ferne Grenzen auseinander fliehn,...“

Die Hexe benimmt sich hier demüthig wie Jakob Böhme. Auch er erzählt,

wie er, obwohl ein sündhafter Mensch, die Geheimnisse der Welt durch

göttliche Erleuchtung durchschauen durfte.[436] „In diesem Liechte

hat mein geist alsbald durch alles gesehen / und an allen Creaturen /

sowohl an kraut und graß Gott erkennt / wer der sey / und wie der sey

/ und waß sein willen sey: Auch so ist alsbald in diesem liechte mein

willen gewachsen mit grossem trieb / das Wesen Gottes zu beschreiben.“

Von seiner Sündhaftigkeit spricht Böhme besonders auch in der „Vorrede“

zur „Morgenröthe“. Auch hier verquickt Tieck wiederum Naturphilosophie

mit Jakob Böhme. Schleiermachers folgende Worte bezeugen es:[437]

„Eine größere Ausbeute gewährt sie (die Natur) freilich uns, denen

ein reicheres Zeitalter tiefer in ihr Innerstes zu dringen vergönnt

hat; ihre chemischen Kräfte, die ewigen Gesetze, nach denen die Körper

selbst gebildet und zerstört werden, diese sind es, in denen wir am

klarsten und heiligsten das Universum anschauen. Sehet wie Neigung und

Widerstreben alles bestimmt und überall ununterbrochen thätig ist;

wie alle Verschiedenheit und alle Entgegensetzung nur scheinbar und

relativ ist und alle Individualität nur ein leerer Name...“ Während

Jakob Böhme christlich-religiös denkend alles von dem nämlichen Geiste

Gottes formieren, erhalten und tragen lässt, schiebt Tieck hier die

naturphilosophische Anschauung des Universums ein,[438] führt aber den

Gedanken gleich wieder in Böhmes Vorstellungsweise weiter.

„Wie Stern’ im Abgrund die Metalle formen...“

„Also auch die Erde brächte keine Frucht / auch so wüchse darinnen

kein Metall / weder gold / silber / kupfer / eißen noch stein / so die

sternen nicht darinnen würketen / es wuchse auch kein gräselein daraus

ohn würkung der sternen.“[439]

„Wie Geister die Gewächse figurieren...“

Jakob Böhme erklärt das Wachsthum des Baumes und sagt unter

anderm:[440] „... alsbald aber der Frühling kompt / daß die Sonne

mit ihren strahlen die Erde erreichet und erwärmet die / so wird der

Geist in der hitze / in dem baume lebendig / und heben die geister des

baumes an zu grünen / wachsen und blühen: dan der geist gehet in der

hitze auff / und alle geister freuen sich darinnen / und ist eine

hertzliche liebe zwischen ihnen.“ Ein andermal[441] schildert Jakob

Böhme das merkwürdige Wesen, das die Qualitäten (d. i. die formierenden

Geister) in den Gewächsen treiben, wie sie Halme, Knoten, Blätter,

Blüten und Früchte bilden. „Alsdan wächst aus allen qualitäten / die

in dem corpus seind / eine kolbe oder kopff / und wird ein newer leib

in der kolben oder kopfe / und wird figuriret gleich wie erstlich die

wurtzel in der Erden / allein daß es nun eine andere subtilere form

krieget.“ Hier fand also Tieck auch sein alterthümliches Reimwort,

das sich auch sonst ebenso wie der Terminus: „corporieren“ oft in der

„Morgenröthe“ einstellt. Wenn letzterer auch nicht gerade in Verbindung

mit „Gedank’ und Wille“ erscheint, so ist doch die Art, wie Gedanke und

Wille entstehen, bei Böhme erörtert. Wenn die Hitze das Licht gebiert,

so „entstehen die sinnen und gedanken, das eine qualität die andere

/ die auch in ihr und mit ihr selber temperiret ist, siehet und mit

ihrer schärffe approbiret / daß es ein wille wird / der in dem corpus

auffsteiget in dem ersten quellbrunn in die herbe qualität.“[442]

„Wie Phantasie zum Kern der Dinge dringt.

Durch Einbildung Unmögliches gelingt...“

Das intuitive Erkennen durch die Phantasie ist es, auf das auch

Jakob Böhme immer wieder zurückkommt; „thue die augen deines geistes

auff“,[443] „thue die Augen deines gemutes auf“,[444] ruft er gerne

dem Leser zu. Das Erkennen und Sehen „im geiste / im trieb und wallen

GOttes“ ist ihm neben der Bibel eine Quelle von Offenbarungen;[445]

wenn er sich an Gottes Trieb und Wallen hingibt, so werden ihm

„alle große geheimnusse offenbar“.[446] Die Phantasie lässt ihn

Unergründliches erkennen, also Unmögliches gelingen. (Romantische

Hochschätzung der Phantasie.)

Der Vers „Alle Dinge nur sind der Geisterwelt ein Kleid“ scheint ein

Compromiss der Worte des Erdgeistes im „Faust“: „... und wirke der

Gottheit lebendiges Kleid“ mit Böhmes Anschauung, dass „die gantze

Natur der gantze leib GOttes“ sei.[447] Gott und Geisterwelt sind nach

manchen Äußerungen Böhmes auch identisch.

Im weiteren Verlaufe der Hexenscene gilt es, für Siegfried Phantome

zu schaffen. Diese Schöpfung, die Winfreda vollbringt, könnte man als

„frei nach Jakob Böhme“ bezeichnen. Jakob Böhme abstrahiert aus der

Anschauung der Natur verschiedene Qualitäten von dieser und macht diese

Qualitäten wieder zu genetischen Principien, welche die Dinge in der

Natur schaffen und einmal „Qualitäten“, das anderemal „Quellgeister“

oder „Geister“ allein genannt werden. Winfreda will Phantome schaffen.

Dazu braucht sie nicht so viele „Qualitäten“ aufzubieten, als zur

Schöpfung wirklicher Dinge nöthig wären, sie braucht nur drei: Gestalt,

Farbe und Leben. Diese drei Dinge werden zusammengebraut und auf den

Ruf der Zauberin erscheinen die gewünschten Gebilde.

Für die Einführung des ersten constitutiven Elementes, der Linien

nämlich, welche die Gestalt der Phantome umschreiben müssen, ließe

sich eine Anregung durch die „Morgenröthe“ vermuthen. Der „animalische

Geist“, heißt es daselbst, der von den 7 Quellgeistern ausgeht, muss

diesen, wenn ein Ding geschaffen werden soll, zuerst die Form weisen.

Denn gerade wie der Zimmermann, der ein künstliches Haus baut oder

der Handwerker, der ein künstliches Werk macht, nicht zuerst mit den

Händen zugreift, sondern sich im Geiste die Form vorstellt, so „weiset

der animalische Geist den 7 Geistern die Form. Alsdann bilden es die

7 Geister und machen es begreiflich / alsdan arbeiten erst die Hände

nach dem Bilde / dann must ein Werk vorhin erst in sinn bringen /

wilstu es machen.“[448] Es ist hier nicht nur vom Linienumriss, sondern

vom „model“ überhaupt die Rede. Eine gewisse Ähnlichkeit des Vorgehens

dieser Geister und der Hexe ist immerhin vorhanden.

Die Farben werden als zweites bildendes Princip von der Hexe gebraucht.

Das Linienschema, der Umriss wird durch sie erst lebendig. Die seltsame

Vorstellung von erstorbenen Geistern scheint Tieck aus Böhme genommen

zu haben, welcher schreibt:[449] „Wan der zornige Feuer-Plitz die

Geister der Natur / welche in der Erden im Tode stehen / mit seinem

grimmen schrack auffwecket / und beweglich macht / so fangen die

Geister an nach ihrem eigenthumblichen Göttlichen Rechte sich zu

gebähren / wie sie von der Ewigkeit gethan haben / und figurieren

einen Leib zusammen nach desselben Orths instehenden qualitäten.“

Gleichnisweise wird an anderer Stelle von einem „todten Geiste“

gesprochen. Die Verse, die von den „Unsichtbaren“ sprechen, die vom

Nichtsein in den Lichtschein kommen, scheinen auch noch von der

Vorstellung der „erstorbenen Geister“ auszugehen.[450]

Im dritten Zauberspruche Winfredas wird das Feuer als belebendes

Princip angesprochen, das den aus Linien und Farben geschaffenen

Gebilden „Atem, Seele, die Natur“ gibt. Verwandt ist damit, was Jakob

Böhme über die Hitze sagt.[451] Der Grundstoff zu einem Lebewesen wird

von der herben, sauren und süßen Qualität zusammengefügt, muss aber

erst durch die Hitze zum organischen Leben erweckt werden... „und die

hitze ist der geist / oder die anzündung des Lebens / davon der geist

im corpus entstehet / der in den ganzen corpus quallet / und außer dem

corpus leuchtet / und macht die lebendige Bewegung in allen qualitäten

des corpus.“ Hier ist die Anlehnung an Böhme wieder deutlicher.

Ein klein wenig Licht fällt auch noch auf diese hypermystische

Hexenkunst, wenn man den Abschnitt „die Farben“ aus den „Phantasieen

über die Kunst“,[452] in denen sich auch schon Böhmes Einfluss zeigt,

heranzieht. Formen, Farben und Töne in ihrem schönen Zusammenwirken

entzücken (so phantasiert Tieck unter anderem) den sinnigen

Naturbeobachter. Die menschliche Kunst trennt Sculptur, Malerei und

Musik und jede dieser Künste wandelt ihren eigenen Weg. Aber wie schön

müsste auch in der Kunst eine Vereinigung sein, wenn sich z. B. zu

einem Gemälde das verbrüderte Tonstück fände und es belebte. Da wäre

dann die Kunst die höchst verschönerte Natur. Wenn Tieck Umriss Farbe

und Töne zu einem belebten Kunstwerke zusammenwirken sehen will, so

ist es klar, dass er hier die Schlegel’sche Universalpoesie zu einer

Art Universalkunst potenzieren möchte. Die Hexe belebt die Gebilde,

die aus Umriss und Farbe sich entwickeln, durch die geheime Kraft

des Feuers und ruft sie mit Hilfe der Töne vollends ins Dasein. Wie

diese Geister, welche die Hexe ruft, so schweben auch die Urbilder

der Kunstwerke irgendwo „körperlos in den schönsten Formen“. Wie das

magische Liniennetz die Farben einfängt, so „spreitet die ganze Natur

dem Sonnenglanze ihre Netze entgegen, um die funkelnden Schimmer

festzuhalten und aufzufangen“. Es scheint also, dass das Thun der Hexe

auch ein Zerrbild vom Schaffen des romantischen Idealkünstlers sein

soll, und wie früher die Naturphilosophie wird hier noch zugleich eine

ästhetische Gedankenreihe der Romantiker mit Gedanken Jakob Böhmes

verquickt.

In den Versen[453] „das muss das Leben in sie führen u. s. w.“ arbeitet

Winfreda mit den nämlichen Vorstellungen und der „schwangere Drang“

stammt auch wahrscheinlich aus Böhme; denn der Vergleich mit dem

schwangeren Weibe ist bei ihm beliebt.[454]

Die Worte:

„So gewiss mein Hirn

Bedeutet Gestirn...“

im Fluche der Hexe gehen wahrscheinlich auf einen Vergleich Böhmes

zurück.[455] „Und gleich wie der himmel einen schluß oder festung hat

ober den sternen / und gehen doch alle kräfte aus dem himmel in die

sternen: also hat das hirn einen schluß oder festung für dem leibe /

nur gehen doch alle kräfte auß dem hirn in leib und in den gantzen

Menschen.“

Winfredas Worte:

„Aus dem Licht kam Luft und Meer,

Und die Erd’ mit Steinen schwer

Und der Tier’ und Vögel Heer,“

scheinen sich aus jenen Äußerungen Jakob Böhmes herzuleiten, in denen

alles in der Schöpfung auf Sonne und Sterne zurückgeführt wird.

„Erstlich schawe an die Sonne / die ist das Hertze oder der König aller

sternen / und gibt allen sternen liecht vom auffgang zum niedergang...

So du aber nicht glauben wilst / das in dieser Welt alles von den

sternen herrühre, so wil ich dirs beweisen so du aber nicht ein klotz

bist.“[456] „So man das gantze curriculum oder den gantzen umbcirck

der Sternen betrachtet / so findet sichs bald / daß dasselbe sey die

Mutter aller Dinge oder die Natur / daraus alle dinge worden seind und

darinnen alle Dinge stehen und leben / und dadurch sich alles beweget

/ und alle dinge seind auß denselben cräfften gemacht / und bleiben

darinne ewiglich.“[457]

Nun hätten wir endlich noch ein paar Nachklänge aus Jakob Böhme

anzuführen, in denen seine mystische Offenbarung mit theologischen

Lehren des Christenthums sich vereinigt und das ist auch die einzige

Stelle in der „Genoveva“, an der man etwas von jener Betrachtung

des Christenthums im Lichte Jakob Böhmes spürt. Es ist dies die

Sterbevision der heil. Genoveva,[458] in der schon Friesen Böhmes

Einfluss wahrnahm.[459] Genoveva sieht in der Ekstase die himmlische

Herrlichkeit.

„Wohin ich blickte, sah ich Blüten prangen,

Aus Strahlen wuchsen Himmelsblumen auf...“

Über diese himmlischen Blumen und Blüten handelt auch Böhme...[460]

„auch so gehen in diesen (himmlischen) cräfften auff allerley blumen

mit schönen himlischen farben und geruch“.

In der Strophe über die Trinität schließt sich Tieck recht deutlich

an Böhme an, dessen Ausdeutung des Trinitätsmysteriums sich von der

kirchlich-theologischen auffallend unterscheidet.

„Der Sohn war recht des Vaters Herz und Liebe,

Der Vater schaffende Allgegenwart,

Der Geist im unerforschlichen Getriebe,

Das ew’ge Wort, das immer fort beharrt;

Und alles wechselnd, nichts im Tode bliebe,

Indes der Vater wirkt die Form und Art.

So Lieb’ und Kraft und Wort in eins verschlungen,

In ew’ger Liebesglut von sich durchdrungen.“

„Also ist ein Gott / und 3 unterschiedliche Persohnen in einander / und

kan keine die andere fassen oder aufhalten / oder der andern Vhrsprung

ergründen / sondern der Vater gebähret den Sohn / und der Sohn ist des

Vaters Hertze / und seine Liebe und sein Licht / und ist ein Ursprung

der Freuden / und alles Lebens anfang.

Und der Heilige Geist / ist des Lebens Geist / und ein Formirer und

Schöpffer aller dinge / und ein Verrichter des Willens in GOtt / der

hat formiret und geschaffen auß dem Leibe und in dem Leibe des Vaters

alle Engel und Creaturen / und hält und formiret noch täglich alles

/ und ist die schärffe und der lebendige Geist Gottes: Wie der Vater

das Wort auß seinen Kräfften spricht / so formts der Geist.“[461]

Tieck zupft aus diesem confusen Gewebe einzelne Fädchen heraus und

webt sie aufs neue in seiner Stanze zusammen. Welcher es dem andern an

geheimnisvoller Dunkelheit zuvorthut, ist schwer zu entscheiden. -- In

der letzten Strophe der Vision heißt es:

„Wie Strahlen giengen Engel aus und ein,

Entzückt in der Dreieinigkeit zu spielen...“

Dieses Spiel der Engel in Gott erwähnt auch die „Morgenröthe“ öfters.

Bei Schilderung der Freude der Engel liest man:[462] „es war alles

ein herztlich Liebe-spiel in GOtt...“ Wie Gott in seiner Veränderung

unbegreiflich ist und in seinem Liebespiel, „Also sollten auch die

Geisterlein oder die Liechterlein der Engel / welche seind wie der

Sohn GOTTES / für dem Hertzen GOTTES in dem grossen Liechte fein sanft

spielen / darmit die Freude im Hertzen Gottes möchte vermehret werden /

und möchte also in GOtt ein Heiliges Spiel seyn.“[463]

Hie und da trifft man noch eine Wendung in der „Genoveva“, der

Vorstellungen aus Jakob Böhme zugrunde liegen. Böhmes Vorstellung

von den verschiedenen Geistern, die im Menschen thätig sind, z. B.

steckt in Phrasen, wie „alle Geister (sc. der Gebärenden) nach Hilfe

schreien“[464] und „wenn sich die innern Geister alle lösen“ (beim

Sterbenden).[465] Auch das „himmlisch Freudenreich“[466] wäre zu nennen.

Die angestellte Beobachtung zeigt, dass man Böhmes Einfluss auf die

„Genoveva“ nicht überschätzen darf. Am nächsten kommt dem Sachverhalte

Tiecks Äußerung bei Förster:[467] „als ich die Genovefa schrieb, habe

ich allerdings Jakob Böhme’s Schriften mit großem Interesse gelesen

und so ist vielleicht Manches aus ihnen, mir bewußtlos, in mein Stück

übergegangen“. Jakob Böhmes Theosophie verwebt Tieck fast nur an jenen

Stellen in seine „Genoveva“, wo das Geheimnisvolle in Ton und Inhalt

herrschen soll. Das Mysteriöse ist die Sphäre des „Unbekannten“, der

ekstatisch verzückten Heldin und von der Hexe wird es zu schlechtem

Zwecke missbraucht. Fast nirgends werden aber Böhmes Gedanken

genau in ihrem ursprünglichen Sinne und in unvermischter Reinheit

übernommen, sondern Tieck sucht jedesmal Alterthümliches und Modernes

zu verschmelzen. Es leitete ihn dabei gewiss ein feiner künstlerischer

Sinn. Die „Genoveva“ will alte Poesie auffrischen und in neues Gewand

kleiden, sie will alterthümlich und modern zugleich sein. Da war denn

Tieck nur consequent, wenn er Böhmes Mystik nicht in ihrer echten und

ursprünglichen Gestalt seinem Gedichte aufklebte, sondern sie so gut

wie möglich mit modernen Anschauungen zu amalgamieren trachtete und sie

in moderner Einkleidung vortrug.

Für den Anfang scheint es seltsam, dass die Worte hoher, heiliger

„Weisheit“, die der fromme „Unbekannte“ und die heilige Heldin

sprechen, auch die böse, betrügerische Hexe sich anmaßen darf. Wenn

auch nicht deutlich ausgesprochen, gemeint ist aber jedenfalls, dass

die Hexe das Heilige für ihre schnöden Zwecke missbraucht. Diese

Auffassung deutet auch Bernhardi in seiner Recension an. Dass in den

Hexensprüchen zugleich ein Nachäffen romantischen Kunstschaffens

verborgen ist, reimt sich damit ganz gut zusammen.

Für den heutigen Leser ist wohl das meiste von der Jakob Böhme’schen

Mystik in der „Genoveva“ ganz unverständlich geworden. Wer kümmert sich

heute um diese mystische Philosophie? Tieck dichtete aber zunächst

für den engeren Kreis seiner Freunde, denen Jakob Böhme „Bibel“

geworden. Hier kannte man den Schlüssel zu den geheimnisvollen Worten

des „Unbekannten“ wie der Hexe. Die Romantiker waren um 1800 fast

allesammt Adepten Jakob Böhmes und hätten gerne die mystische frohe

Botschaft des Görlitzer Schusters aller Welt verkündet.[468] Tieck

erneuert Böhmes Gedanken, soweit er sie seiner Dichtung einverleiben

kann, ähnlich, wie er die Poesie der alten Volksbücher auffrischt und

damit war allerdings schon ein Anfang mit der Popularisierung des

verschollenen Mystikers gemacht. Außer Tieck und Novalis las diesen

besonders F. Schlegel eifrig. Auch Ritter, Hülsen, sogar Schelling

schlossen sich den Bewunderern an. Was die Romantiker in ihrem ersten

Enthusiasmus mit dem „philosophus teutonicus“ vorhatten, sagen neben

andern merkwürdigen Orakelsprüchen am besten F. Schlegels Worte, Worte

eines Böhmeschwärmers, dem Tiecks Bemühungen noch viel zu geringwertig

erschienen. Er schreibt an Schleiermacher:[469] „Fast möchte ich Dir

zur Pflicht machen, den Jakob Böhme zu studieren. Es muss noch viel von

ihm die Rede (sein), weil in ihm gerade das Christenthum mit 2 Sphären

in Berührung steht, wo jetzt der revolutionäre Geist am schönsten wirkt

-- Physik und Poesie. Ritter hat ihn sehr studiert und will auch über

seine Physik schreiben; das ist aber nur eine Seite. Tieck legt sich

gewaltig auf ihn und wird ihn hinlänglich tieckisieren; denn in einen

andern Geist einzudringen, das ist diesem Menschen nicht gegeben.

Also wird Böhme für den Tieck etwas thun, Tieck für den Böhme aber

gewiss sehr wenig. Noch ein Grund, warum ich es besonders schicklich

finde, den Böhme zu predigen, ist, dass sein Name schon den größten

Anstoß bei den Philistern erregt; kein anderer kann mehr polemische

Energie haben.“ Dass Tieck seinen Böhme „tieckisiert,“ hat Schlegel

richtig getroffen. Dasselbe that Tieck ohnehin auch mit seinen übrigen

Vorbildern und er hatte als Dichter sein gutes Recht dazu. Er war aber

dabei ein recht eifriger „Verkündiger der Morgenröthe“, persönlich

unter seinen Freunden und in seiner Dichtung. Im „Zerbino“ hatte

er Böhme in den „Garten der Poesie“ versetzt, in den „Phantasieen“

merkt man schon die Spuren von Böhmes Ideen, im Fastnachtschwanke vom

„Neuen Hercules“ („Der Autor“) wird er mit reichstem Lobe bedacht,

in „Octavian“ und „Melusine“, in verschiedene kleine Gedichte werden

Böhmes Gedanken eingestreut, wie in die „Genoveva“.

Eine Wiedergeburt der Böhme’schen Mystik im größeren Stile erfolgte

freilich erst später in Baaders Philosophie.

* *

*

Ob mit dieser Untersuchung der persönlichen Einflüsse und Anregungen,

der Quelle und der literarischen Vorbilder, die in Tiecks „Genoveva“

nachwirkten, das ganze Erdreich genügend bloß gelegt ist, aus

dem diese seltsame, vielgerühmte und vielgetadelte romantische

Blüte hervorwuchs, wage ich nicht zu behaupten. Briefe und andere

Aufzeichnungen können noch einmal neues und volleres Licht über manchen

Punkt bringen. Ein ziemlich deutliches Gesammtbild der Bedingungen,

welchen dieses romantische Werk sein Dasein verdankt, stellt sich aber

immerhin aus der Betrachtung des zugänglichen Materiales her. Das

Volksbuch, die altehrwürdige Legende, der Tieck mit tiefer Ehrfurcht

naht, gibt den stofflichen Grundstock des ganzen Buches. Die Ehrfurcht

vor dem Alten bewog den Romantiker, auch von der Anordnung des Stoffes,

wie sie das Volksbuch bietet, nur dann abzugehen, wenn es gewichtige

Gründe forderten. Shakespeares „Perikles“ und Maler Müller wiesen auf

die dramatische Form, „Perikles“ gab noch insbesondere das Vorbild

für die epischen Einlagen, während Calderon das Lyrische und die

metrische Gestaltung vielfach beeinflusste. Müller, Shakespeare und

Goethe bestimmten dort und da einige Linien eines Charakterbildes.

Müller’sche und Shakespeare’sche Stimmungen, welche Tieck besonders

verwandt ansprachen, giengen in seine Dichtung über. Müller, Goethe

und Shakespeare haben auch ihren Antheil am Aufbau einzelner Scenen

wie an der ritterlichen Costümierung. Jakob Böhmes alterthümliche und

dunkle Mystik mit ihrer fremdartigen Terminologie half gewisse Scenen

auf einen seltsam alterthümlichen und geheimnisvollen Ton stimmen.

Aber jeder nach fremdem Vorbilde geführte Pinselstrich verräth doch

auch immer Tiecks eigene Hand, die stets in selbständiger Weise das

Fremde dem eigenen Zwecke dienstbar macht. Tiecks erwachte Abneigung

gegen die saft- und kraftlose Nicolaitische Aufklärungssucht,

die Erlanger Eindrücke sowie Wackenroders zart-frommer Sinn und

Alterthums-Enthusiasmus, die mächtige religiöse Erregung, die durch

Schleiermacher, Novalis und Friedr. Schlegel in den romantischen

Kreis getragen wurde, religiöse Stimmungen, welche die Calderon- und

Böhme-Lectüre weckte: alles vereinigte sich, um Tiecks Gemüth mit

jenen innigen, alterthümlich-religiösen Kunststimmungen zu erfüllen,

die das charakteristische, beherrschende Licht über sein romantisches

Drama verbreiten und dieses trotz aller Entlehnungen zu einer durchaus

selbstständigen Kunstschöpfung machen, wie sie eben nur aus dem

romantischen Geiste, der sich vor hundert Jahren in unserer Dichtung

entfaltete, erwachsen konnte.

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 33 / 45 题