„Ich bin so sündig wie die andern Menschen,
Doch wurde mir seltsamer Weis’ verliehn,
In innre Tiefe der Natur zu schauen.
Da seh’ ich, was getrennt, zusammenhängen,
Und was dem blöden Auge einig scheint,
In ferne Grenzen auseinander fliehn,...“
Die Hexe benimmt sich hier demüthig wie Jakob Böhme. Auch er erzählt,
wie er, obwohl ein sündhafter Mensch, die Geheimnisse der Welt durch
göttliche Erleuchtung durchschauen durfte.[436] „In diesem Liechte
hat mein geist alsbald durch alles gesehen / und an allen Creaturen /
sowohl an kraut und graß Gott erkennt / wer der sey / und wie der sey
/ und waß sein willen sey: Auch so ist alsbald in diesem liechte mein
willen gewachsen mit grossem trieb / das Wesen Gottes zu beschreiben.“
Von seiner Sündhaftigkeit spricht Böhme besonders auch in der „Vorrede“
zur „Morgenröthe“. Auch hier verquickt Tieck wiederum Naturphilosophie
mit Jakob Böhme. Schleiermachers folgende Worte bezeugen es:[437]
„Eine größere Ausbeute gewährt sie (die Natur) freilich uns, denen
ein reicheres Zeitalter tiefer in ihr Innerstes zu dringen vergönnt
hat; ihre chemischen Kräfte, die ewigen Gesetze, nach denen die Körper
selbst gebildet und zerstört werden, diese sind es, in denen wir am
klarsten und heiligsten das Universum anschauen. Sehet wie Neigung und
Widerstreben alles bestimmt und überall ununterbrochen thätig ist;
wie alle Verschiedenheit und alle Entgegensetzung nur scheinbar und
relativ ist und alle Individualität nur ein leerer Name...“ Während
Jakob Böhme christlich-religiös denkend alles von dem nämlichen Geiste
Gottes formieren, erhalten und tragen lässt, schiebt Tieck hier die
naturphilosophische Anschauung des Universums ein,[438] führt aber den
Gedanken gleich wieder in Böhmes Vorstellungsweise weiter.
„Wie Stern’ im Abgrund die Metalle formen...“
„Also auch die Erde brächte keine Frucht / auch so wüchse darinnen
kein Metall / weder gold / silber / kupfer / eißen noch stein / so die
sternen nicht darinnen würketen / es wuchse auch kein gräselein daraus
ohn würkung der sternen.“[439]
„Wie Geister die Gewächse figurieren...“
Jakob Böhme erklärt das Wachsthum des Baumes und sagt unter
anderm:[440] „... alsbald aber der Frühling kompt / daß die Sonne
mit ihren strahlen die Erde erreichet und erwärmet die / so wird der
Geist in der hitze / in dem baume lebendig / und heben die geister des
baumes an zu grünen / wachsen und blühen: dan der geist gehet in der
hitze auff / und alle geister freuen sich darinnen / und ist eine
hertzliche liebe zwischen ihnen.“ Ein andermal[441] schildert Jakob
Böhme das merkwürdige Wesen, das die Qualitäten (d. i. die formierenden
Geister) in den Gewächsen treiben, wie sie Halme, Knoten, Blätter,
Blüten und Früchte bilden. „Alsdan wächst aus allen qualitäten / die
in dem corpus seind / eine kolbe oder kopff / und wird ein newer leib
in der kolben oder kopfe / und wird figuriret gleich wie erstlich die
wurtzel in der Erden / allein daß es nun eine andere subtilere form
krieget.“ Hier fand also Tieck auch sein alterthümliches Reimwort,
das sich auch sonst ebenso wie der Terminus: „corporieren“ oft in der
„Morgenröthe“ einstellt. Wenn letzterer auch nicht gerade in Verbindung
mit „Gedank’ und Wille“ erscheint, so ist doch die Art, wie Gedanke und
Wille entstehen, bei Böhme erörtert. Wenn die Hitze das Licht gebiert,
so „entstehen die sinnen und gedanken, das eine qualität die andere
/ die auch in ihr und mit ihr selber temperiret ist, siehet und mit
ihrer schärffe approbiret / daß es ein wille wird / der in dem corpus
auffsteiget in dem ersten quellbrunn in die herbe qualität.“[442]
„Wie Phantasie zum Kern der Dinge dringt.
Durch Einbildung Unmögliches gelingt...“
Das intuitive Erkennen durch die Phantasie ist es, auf das auch
Jakob Böhme immer wieder zurückkommt; „thue die augen deines geistes
auff“,[443] „thue die Augen deines gemutes auf“,[444] ruft er gerne
dem Leser zu. Das Erkennen und Sehen „im geiste / im trieb und wallen
GOttes“ ist ihm neben der Bibel eine Quelle von Offenbarungen;[445]
wenn er sich an Gottes Trieb und Wallen hingibt, so werden ihm
„alle große geheimnusse offenbar“.[446] Die Phantasie lässt ihn
Unergründliches erkennen, also Unmögliches gelingen. (Romantische
Hochschätzung der Phantasie.)
Der Vers „Alle Dinge nur sind der Geisterwelt ein Kleid“ scheint ein
Compromiss der Worte des Erdgeistes im „Faust“: „... und wirke der
Gottheit lebendiges Kleid“ mit Böhmes Anschauung, dass „die gantze
Natur der gantze leib GOttes“ sei.[447] Gott und Geisterwelt sind nach
manchen Äußerungen Böhmes auch identisch.
Im weiteren Verlaufe der Hexenscene gilt es, für Siegfried Phantome
zu schaffen. Diese Schöpfung, die Winfreda vollbringt, könnte man als
„frei nach Jakob Böhme“ bezeichnen. Jakob Böhme abstrahiert aus der
Anschauung der Natur verschiedene Qualitäten von dieser und macht diese
Qualitäten wieder zu genetischen Principien, welche die Dinge in der
Natur schaffen und einmal „Qualitäten“, das anderemal „Quellgeister“
oder „Geister“ allein genannt werden. Winfreda will Phantome schaffen.
Dazu braucht sie nicht so viele „Qualitäten“ aufzubieten, als zur
Schöpfung wirklicher Dinge nöthig wären, sie braucht nur drei: Gestalt,
Farbe und Leben. Diese drei Dinge werden zusammengebraut und auf den
Ruf der Zauberin erscheinen die gewünschten Gebilde.
Für die Einführung des ersten constitutiven Elementes, der Linien
nämlich, welche die Gestalt der Phantome umschreiben müssen, ließe
sich eine Anregung durch die „Morgenröthe“ vermuthen. Der „animalische
Geist“, heißt es daselbst, der von den 7 Quellgeistern ausgeht, muss
diesen, wenn ein Ding geschaffen werden soll, zuerst die Form weisen.
Denn gerade wie der Zimmermann, der ein künstliches Haus baut oder
der Handwerker, der ein künstliches Werk macht, nicht zuerst mit den
Händen zugreift, sondern sich im Geiste die Form vorstellt, so „weiset
der animalische Geist den 7 Geistern die Form. Alsdann bilden es die
7 Geister und machen es begreiflich / alsdan arbeiten erst die Hände
nach dem Bilde / dann must ein Werk vorhin erst in sinn bringen /
wilstu es machen.“[448] Es ist hier nicht nur vom Linienumriss, sondern
vom „model“ überhaupt die Rede. Eine gewisse Ähnlichkeit des Vorgehens
dieser Geister und der Hexe ist immerhin vorhanden.
Die Farben werden als zweites bildendes Princip von der Hexe gebraucht.
Das Linienschema, der Umriss wird durch sie erst lebendig. Die seltsame
Vorstellung von erstorbenen Geistern scheint Tieck aus Böhme genommen
zu haben, welcher schreibt:[449] „Wan der zornige Feuer-Plitz die
Geister der Natur / welche in der Erden im Tode stehen / mit seinem
grimmen schrack auffwecket / und beweglich macht / so fangen die
Geister an nach ihrem eigenthumblichen Göttlichen Rechte sich zu
gebähren / wie sie von der Ewigkeit gethan haben / und figurieren
einen Leib zusammen nach desselben Orths instehenden qualitäten.“
Gleichnisweise wird an anderer Stelle von einem „todten Geiste“
gesprochen. Die Verse, die von den „Unsichtbaren“ sprechen, die vom
Nichtsein in den Lichtschein kommen, scheinen auch noch von der
Vorstellung der „erstorbenen Geister“ auszugehen.[450]
Im dritten Zauberspruche Winfredas wird das Feuer als belebendes
Princip angesprochen, das den aus Linien und Farben geschaffenen
Gebilden „Atem, Seele, die Natur“ gibt. Verwandt ist damit, was Jakob
Böhme über die Hitze sagt.[451] Der Grundstoff zu einem Lebewesen wird
von der herben, sauren und süßen Qualität zusammengefügt, muss aber
erst durch die Hitze zum organischen Leben erweckt werden... „und die
hitze ist der geist / oder die anzündung des Lebens / davon der geist
im corpus entstehet / der in den ganzen corpus quallet / und außer dem
corpus leuchtet / und macht die lebendige Bewegung in allen qualitäten
des corpus.“ Hier ist die Anlehnung an Böhme wieder deutlicher.
Ein klein wenig Licht fällt auch noch auf diese hypermystische
Hexenkunst, wenn man den Abschnitt „die Farben“ aus den „Phantasieen
über die Kunst“,[452] in denen sich auch schon Böhmes Einfluss zeigt,
heranzieht. Formen, Farben und Töne in ihrem schönen Zusammenwirken
entzücken (so phantasiert Tieck unter anderem) den sinnigen
Naturbeobachter. Die menschliche Kunst trennt Sculptur, Malerei und
Musik und jede dieser Künste wandelt ihren eigenen Weg. Aber wie schön
müsste auch in der Kunst eine Vereinigung sein, wenn sich z. B. zu
einem Gemälde das verbrüderte Tonstück fände und es belebte. Da wäre
dann die Kunst die höchst verschönerte Natur. Wenn Tieck Umriss Farbe
und Töne zu einem belebten Kunstwerke zusammenwirken sehen will, so
ist es klar, dass er hier die Schlegel’sche Universalpoesie zu einer
Art Universalkunst potenzieren möchte. Die Hexe belebt die Gebilde,
die aus Umriss und Farbe sich entwickeln, durch die geheime Kraft
des Feuers und ruft sie mit Hilfe der Töne vollends ins Dasein. Wie
diese Geister, welche die Hexe ruft, so schweben auch die Urbilder
der Kunstwerke irgendwo „körperlos in den schönsten Formen“. Wie das
magische Liniennetz die Farben einfängt, so „spreitet die ganze Natur
dem Sonnenglanze ihre Netze entgegen, um die funkelnden Schimmer
festzuhalten und aufzufangen“. Es scheint also, dass das Thun der Hexe
auch ein Zerrbild vom Schaffen des romantischen Idealkünstlers sein
soll, und wie früher die Naturphilosophie wird hier noch zugleich eine
ästhetische Gedankenreihe der Romantiker mit Gedanken Jakob Böhmes
verquickt.
In den Versen[453] „das muss das Leben in sie führen u. s. w.“ arbeitet
Winfreda mit den nämlichen Vorstellungen und der „schwangere Drang“
stammt auch wahrscheinlich aus Böhme; denn der Vergleich mit dem
schwangeren Weibe ist bei ihm beliebt.[454]
Die Worte:
„So gewiss mein Hirn
Bedeutet Gestirn...“
im Fluche der Hexe gehen wahrscheinlich auf einen Vergleich Böhmes
zurück.[455] „Und gleich wie der himmel einen schluß oder festung hat
ober den sternen / und gehen doch alle kräfte aus dem himmel in die
sternen: also hat das hirn einen schluß oder festung für dem leibe /
nur gehen doch alle kräfte auß dem hirn in leib und in den gantzen
Menschen.“
Winfredas Worte:
„Aus dem Licht kam Luft und Meer,
Und die Erd’ mit Steinen schwer
Und der Tier’ und Vögel Heer,“
scheinen sich aus jenen Äußerungen Jakob Böhmes herzuleiten, in denen
alles in der Schöpfung auf Sonne und Sterne zurückgeführt wird.
„Erstlich schawe an die Sonne / die ist das Hertze oder der König aller
sternen / und gibt allen sternen liecht vom auffgang zum niedergang...
So du aber nicht glauben wilst / das in dieser Welt alles von den
sternen herrühre, so wil ich dirs beweisen so du aber nicht ein klotz
bist.“[456] „So man das gantze curriculum oder den gantzen umbcirck
der Sternen betrachtet / so findet sichs bald / daß dasselbe sey die
Mutter aller Dinge oder die Natur / daraus alle dinge worden seind und
darinnen alle Dinge stehen und leben / und dadurch sich alles beweget
/ und alle dinge seind auß denselben cräfften gemacht / und bleiben
darinne ewiglich.“[457]
Nun hätten wir endlich noch ein paar Nachklänge aus Jakob Böhme
anzuführen, in denen seine mystische Offenbarung mit theologischen
Lehren des Christenthums sich vereinigt und das ist auch die einzige
Stelle in der „Genoveva“, an der man etwas von jener Betrachtung
des Christenthums im Lichte Jakob Böhmes spürt. Es ist dies die
Sterbevision der heil. Genoveva,[458] in der schon Friesen Böhmes
Einfluss wahrnahm.[459] Genoveva sieht in der Ekstase die himmlische
Herrlichkeit.
„Wohin ich blickte, sah ich Blüten prangen,
Aus Strahlen wuchsen Himmelsblumen auf...“
Über diese himmlischen Blumen und Blüten handelt auch Böhme...[460]
„auch so gehen in diesen (himmlischen) cräfften auff allerley blumen
mit schönen himlischen farben und geruch“.
In der Strophe über die Trinität schließt sich Tieck recht deutlich
an Böhme an, dessen Ausdeutung des Trinitätsmysteriums sich von der
kirchlich-theologischen auffallend unterscheidet.
„Der Sohn war recht des Vaters Herz und Liebe,
Der Vater schaffende Allgegenwart,
Der Geist im unerforschlichen Getriebe,
Das ew’ge Wort, das immer fort beharrt;
Und alles wechselnd, nichts im Tode bliebe,
Indes der Vater wirkt die Form und Art.
So Lieb’ und Kraft und Wort in eins verschlungen,
In ew’ger Liebesglut von sich durchdrungen.“
„Also ist ein Gott / und 3 unterschiedliche Persohnen in einander / und
kan keine die andere fassen oder aufhalten / oder der andern Vhrsprung
ergründen / sondern der Vater gebähret den Sohn / und der Sohn ist des
Vaters Hertze / und seine Liebe und sein Licht / und ist ein Ursprung
der Freuden / und alles Lebens anfang.
Und der Heilige Geist / ist des Lebens Geist / und ein Formirer und
Schöpffer aller dinge / und ein Verrichter des Willens in GOtt / der
hat formiret und geschaffen auß dem Leibe und in dem Leibe des Vaters
alle Engel und Creaturen / und hält und formiret noch täglich alles
/ und ist die schärffe und der lebendige Geist Gottes: Wie der Vater
das Wort auß seinen Kräfften spricht / so formts der Geist.“[461]
Tieck zupft aus diesem confusen Gewebe einzelne Fädchen heraus und
webt sie aufs neue in seiner Stanze zusammen. Welcher es dem andern an
geheimnisvoller Dunkelheit zuvorthut, ist schwer zu entscheiden. -- In
der letzten Strophe der Vision heißt es:
„Wie Strahlen giengen Engel aus und ein,
Entzückt in der Dreieinigkeit zu spielen...“
Dieses Spiel der Engel in Gott erwähnt auch die „Morgenröthe“ öfters.
Bei Schilderung der Freude der Engel liest man:[462] „es war alles
ein herztlich Liebe-spiel in GOtt...“ Wie Gott in seiner Veränderung
unbegreiflich ist und in seinem Liebespiel, „Also sollten auch die
Geisterlein oder die Liechterlein der Engel / welche seind wie der
Sohn GOTTES / für dem Hertzen GOTTES in dem grossen Liechte fein sanft
spielen / darmit die Freude im Hertzen Gottes möchte vermehret werden /
und möchte also in GOtt ein Heiliges Spiel seyn.“[463]
Hie und da trifft man noch eine Wendung in der „Genoveva“, der
Vorstellungen aus Jakob Böhme zugrunde liegen. Böhmes Vorstellung
von den verschiedenen Geistern, die im Menschen thätig sind, z. B.
steckt in Phrasen, wie „alle Geister (sc. der Gebärenden) nach Hilfe
schreien“[464] und „wenn sich die innern Geister alle lösen“ (beim
Sterbenden).[465] Auch das „himmlisch Freudenreich“[466] wäre zu nennen.
Die angestellte Beobachtung zeigt, dass man Böhmes Einfluss auf die
„Genoveva“ nicht überschätzen darf. Am nächsten kommt dem Sachverhalte
Tiecks Äußerung bei Förster:[467] „als ich die Genovefa schrieb, habe
ich allerdings Jakob Böhme’s Schriften mit großem Interesse gelesen
und so ist vielleicht Manches aus ihnen, mir bewußtlos, in mein Stück
übergegangen“. Jakob Böhmes Theosophie verwebt Tieck fast nur an jenen
Stellen in seine „Genoveva“, wo das Geheimnisvolle in Ton und Inhalt
herrschen soll. Das Mysteriöse ist die Sphäre des „Unbekannten“, der
ekstatisch verzückten Heldin und von der Hexe wird es zu schlechtem
Zwecke missbraucht. Fast nirgends werden aber Böhmes Gedanken
genau in ihrem ursprünglichen Sinne und in unvermischter Reinheit
übernommen, sondern Tieck sucht jedesmal Alterthümliches und Modernes
zu verschmelzen. Es leitete ihn dabei gewiss ein feiner künstlerischer
Sinn. Die „Genoveva“ will alte Poesie auffrischen und in neues Gewand
kleiden, sie will alterthümlich und modern zugleich sein. Da war denn
Tieck nur consequent, wenn er Böhmes Mystik nicht in ihrer echten und
ursprünglichen Gestalt seinem Gedichte aufklebte, sondern sie so gut
wie möglich mit modernen Anschauungen zu amalgamieren trachtete und sie
in moderner Einkleidung vortrug.
Für den Anfang scheint es seltsam, dass die Worte hoher, heiliger
„Weisheit“, die der fromme „Unbekannte“ und die heilige Heldin
sprechen, auch die böse, betrügerische Hexe sich anmaßen darf. Wenn
auch nicht deutlich ausgesprochen, gemeint ist aber jedenfalls, dass
die Hexe das Heilige für ihre schnöden Zwecke missbraucht. Diese
Auffassung deutet auch Bernhardi in seiner Recension an. Dass in den
Hexensprüchen zugleich ein Nachäffen romantischen Kunstschaffens
verborgen ist, reimt sich damit ganz gut zusammen.
Für den heutigen Leser ist wohl das meiste von der Jakob Böhme’schen
Mystik in der „Genoveva“ ganz unverständlich geworden. Wer kümmert sich
heute um diese mystische Philosophie? Tieck dichtete aber zunächst
für den engeren Kreis seiner Freunde, denen Jakob Böhme „Bibel“
geworden. Hier kannte man den Schlüssel zu den geheimnisvollen Worten
des „Unbekannten“ wie der Hexe. Die Romantiker waren um 1800 fast
allesammt Adepten Jakob Böhmes und hätten gerne die mystische frohe
Botschaft des Görlitzer Schusters aller Welt verkündet.[468] Tieck
erneuert Böhmes Gedanken, soweit er sie seiner Dichtung einverleiben
kann, ähnlich, wie er die Poesie der alten Volksbücher auffrischt und
damit war allerdings schon ein Anfang mit der Popularisierung des
verschollenen Mystikers gemacht. Außer Tieck und Novalis las diesen
besonders F. Schlegel eifrig. Auch Ritter, Hülsen, sogar Schelling
schlossen sich den Bewunderern an. Was die Romantiker in ihrem ersten
Enthusiasmus mit dem „philosophus teutonicus“ vorhatten, sagen neben
andern merkwürdigen Orakelsprüchen am besten F. Schlegels Worte, Worte
eines Böhmeschwärmers, dem Tiecks Bemühungen noch viel zu geringwertig
erschienen. Er schreibt an Schleiermacher:[469] „Fast möchte ich Dir
zur Pflicht machen, den Jakob Böhme zu studieren. Es muss noch viel von
ihm die Rede (sein), weil in ihm gerade das Christenthum mit 2 Sphären
in Berührung steht, wo jetzt der revolutionäre Geist am schönsten wirkt
-- Physik und Poesie. Ritter hat ihn sehr studiert und will auch über
seine Physik schreiben; das ist aber nur eine Seite. Tieck legt sich
gewaltig auf ihn und wird ihn hinlänglich tieckisieren; denn in einen
andern Geist einzudringen, das ist diesem Menschen nicht gegeben.
Also wird Böhme für den Tieck etwas thun, Tieck für den Böhme aber
gewiss sehr wenig. Noch ein Grund, warum ich es besonders schicklich
finde, den Böhme zu predigen, ist, dass sein Name schon den größten
Anstoß bei den Philistern erregt; kein anderer kann mehr polemische
Energie haben.“ Dass Tieck seinen Böhme „tieckisiert,“ hat Schlegel
richtig getroffen. Dasselbe that Tieck ohnehin auch mit seinen übrigen
Vorbildern und er hatte als Dichter sein gutes Recht dazu. Er war aber
dabei ein recht eifriger „Verkündiger der Morgenröthe“, persönlich
unter seinen Freunden und in seiner Dichtung. Im „Zerbino“ hatte
er Böhme in den „Garten der Poesie“ versetzt, in den „Phantasieen“
merkt man schon die Spuren von Böhmes Ideen, im Fastnachtschwanke vom
„Neuen Hercules“ („Der Autor“) wird er mit reichstem Lobe bedacht,
in „Octavian“ und „Melusine“, in verschiedene kleine Gedichte werden
Böhmes Gedanken eingestreut, wie in die „Genoveva“.
Eine Wiedergeburt der Böhme’schen Mystik im größeren Stile erfolgte
freilich erst später in Baaders Philosophie.
* *
*
Ob mit dieser Untersuchung der persönlichen Einflüsse und Anregungen,
der Quelle und der literarischen Vorbilder, die in Tiecks „Genoveva“
nachwirkten, das ganze Erdreich genügend bloß gelegt ist, aus
dem diese seltsame, vielgerühmte und vielgetadelte romantische
Blüte hervorwuchs, wage ich nicht zu behaupten. Briefe und andere
Aufzeichnungen können noch einmal neues und volleres Licht über manchen
Punkt bringen. Ein ziemlich deutliches Gesammtbild der Bedingungen,
welchen dieses romantische Werk sein Dasein verdankt, stellt sich aber
immerhin aus der Betrachtung des zugänglichen Materiales her. Das
Volksbuch, die altehrwürdige Legende, der Tieck mit tiefer Ehrfurcht
naht, gibt den stofflichen Grundstock des ganzen Buches. Die Ehrfurcht
vor dem Alten bewog den Romantiker, auch von der Anordnung des Stoffes,
wie sie das Volksbuch bietet, nur dann abzugehen, wenn es gewichtige
Gründe forderten. Shakespeares „Perikles“ und Maler Müller wiesen auf
die dramatische Form, „Perikles“ gab noch insbesondere das Vorbild
für die epischen Einlagen, während Calderon das Lyrische und die
metrische Gestaltung vielfach beeinflusste. Müller, Shakespeare und
Goethe bestimmten dort und da einige Linien eines Charakterbildes.
Müller’sche und Shakespeare’sche Stimmungen, welche Tieck besonders
verwandt ansprachen, giengen in seine Dichtung über. Müller, Goethe
und Shakespeare haben auch ihren Antheil am Aufbau einzelner Scenen
wie an der ritterlichen Costümierung. Jakob Böhmes alterthümliche und
dunkle Mystik mit ihrer fremdartigen Terminologie half gewisse Scenen
auf einen seltsam alterthümlichen und geheimnisvollen Ton stimmen.
Aber jeder nach fremdem Vorbilde geführte Pinselstrich verräth doch
auch immer Tiecks eigene Hand, die stets in selbständiger Weise das
Fremde dem eigenen Zwecke dienstbar macht. Tiecks erwachte Abneigung
gegen die saft- und kraftlose Nicolaitische Aufklärungssucht,
die Erlanger Eindrücke sowie Wackenroders zart-frommer Sinn und
Alterthums-Enthusiasmus, die mächtige religiöse Erregung, die durch
Schleiermacher, Novalis und Friedr. Schlegel in den romantischen
Kreis getragen wurde, religiöse Stimmungen, welche die Calderon- und
Böhme-Lectüre weckte: alles vereinigte sich, um Tiecks Gemüth mit
jenen innigen, alterthümlich-religiösen Kunststimmungen zu erfüllen,
die das charakteristische, beherrschende Licht über sein romantisches
Drama verbreiten und dieses trotz aller Entlehnungen zu einer durchaus
selbstständigen Kunstschöpfung machen, wie sie eben nur aus dem
romantischen Geiste, der sich vor hundert Jahren in unserer Dichtung
entfaltete, erwachsen konnte.