2. Tieck und Shakespeare.

„Das Centrum meiner Liebe und Erkenntnis ist Shakespeares Geist, auf

den ich alles unwillkürlich und oft, ohne dass ich es weiß, beziehe,

alles, was ich erfahre und lerne, hat Zusammenhang mit ihm, meine

Ideen so wie die Natur, alles erklärt ihn und er erklärt die andern

Wesen, und so studiere ich ihn unaufhörlich.“[298] Diese Worte schrieb

Tieck in sein „Poetisches Journal“, das im gleichen Jahre mit der

„Genoveva“ erschien und sie kennzeichnen seine Stellung zum großen

englischen Dramatiker, seine unbegrenzte Verehrung, seine ehrfürchtige

Begeisterung.

Shakespeare war von der Schulbank an Tiecks lieber Freund und

Lebensgefährte. Als Gymnasiast hatte unser Poet heißhungrig einen Band

der Eschenburg’schen Übersetzung um den andern verschlungen.[299]

Sechzehnjährig huldigte er seinem Abgotte mit der kleinen Dichtung

„Die Sommernacht“. In Göttingen (1792 bis 1793) gieng er an ein

eifriges Studium Shakespeares und des altenglischen Theaters in der

Originalsprache.[300] Die nächste Frucht dieser Beschäftigung war

die Bearbeitung des „Sturm“ und zwei Abhandlungen über Shakespeare.

Der Einfluss dieser Studien lässt sich im Costüm des „Lovell“ sowie

in manchen Zügen des „Blaubart“ und „Zerbino“ erkennen.[301] A.W.

Schlegels Übersetzung (von 1797 an erscheinend),[302] entzückt Tieck

ganz besonders; denn hier findet er den Engländer in deutscher Sprache

„gleichsam neu erschaffen“.[303] Im „Zerbino“ versetzt er ihn mit

den größten Meistern der Weltliteratur in den Garten der Poesie.

Gleichzeitig nimmt er das längstgeplante große Werk über Shakespeare

in Angriff, kommt aber über die zwei „Briefe über Shakspeare“, die im

„Poetischen Journal“ stehen und höchstens eine Einleitung zum Werke

selbst abgeben könnten, zunächst nicht hinaus.[304] Diese „Briefe“ sind

ein Erguss der tiefen schwärmerischen Verehrung, mit der Tieck vor dem

britischen Heros auf die Knie sinkt. Auch zu diesem „Kunstheiligen“

sieht er mit inniger Bewunderung, mit Andacht und Entzücken empor,

wie er mit Wackenroder zum lieben, wackern Albrecht Dürer und zum

göttlichen Rafael aufgeblickt hatte.[305]

Nur tiefe Ehrfurcht und Enthusiasmus erfüllen seine Seele. Noch zeigt

sich kaum eine Spur der späteren sachlichen Kritik der „Dramaturgischen

Blätter“. Die Begeisterung in den „Briefen“ wird nur ab und zu

durch missfällige, ironische Seitenblicke auf die „knaupelnden

Schönheitszergliederer“ wie auf verschiedene zeitgenössische Tendenzen

unterbrochen. Tieck hat noch kein offenes Auge für die historischen

Bedingungen, die vor zwei Jahrhunderten den englischen Dichter umgaben.

Es erscheint ihm an Shakespeare alles als höchste Vollkommenheit.

Bei solch enthusiastischer Hingabe kann es dem Dichter Tieck leicht

begegnen, dass er als erstrebenswerte Tugend nachahmt, was beim

bewunderten Vorbild nicht höchste Leistung, sondern nur eine Noth und

vorübergehender Zeitgeschmack war. Es ist dies dieselbe schrankenlose

Bewunderung, wie sie die Romantiker den alten Volksbüchern

entgegenbringen.[306] Ein solcher entzückter Verehrer kann sich bei der

Nachahmung so gut vergreifen wie der Halbverständige.

Es müsste wunderlich zugehen, wenn diese Hingebung an den einzig

bewunderten Dramatiker an Tiecks dramatisierter Genoveva-Legende gar

keine Spuren erkennen ließe, nachdem auch Tiecks Vorgänger Müller den

nämlichen Stoff schon mit Shakespeare’schen Motiven bereichert und

vielfach mit Shakespeare’scher Technik behandelt hatte. In seinen

Vorberichten gedenkt freilich Tieck mit keinem Worte einer solchen

Anregung. Wohl aber bemerkt Köpke im Vorübergehen,[307] dass unserem

Dichter um jene Zeit der halbshakespeare’sche „Perikles“[308] wegen

der eingeflochtenen epischen Partien besonders lieb gewesen sei. An

Iffland schreibt der Dichter am 16. December 1799: „Ich habe den

Versuch gemacht, in diesem Schauspiel die Shakespeare’sche Form

mit der spanischen zu verbinden, wozu sich der Stoff auch sehr gut

eignet.“[309] Noch deutlicher spricht Tieck endlich in einem Briefe an

Solger:[310] „Es gehört zu meinen Eigenheiten, dass ich lange Jahre

den Perikles von Shakespeare vielleicht übertrieben verehrt habe;

ohne diesen wäre Zerbino nicht, noch weniger Genoveva und Octavian

entstanden. Ich hatte mich in diese Form wie vergafft, die so wunderbar

Epik und Drama verschmelzt; es schien mir möglich, selbst Lyrik

hineinzuwerfen, und ich denke mit wahrem Entzücken an jene Stunden

zurück, in denen Genoveva und später Octavian in meinem Gemüthe

aufgiengen: Dies Entzücken wollte ich wohl zu körperlich, buchstäblich

hineinbringen, und so entstand das Manierierte. -- --“ Hier sagt Tieck

mit aller wünschenswerten Klarheit, dass gerade die untheatralische

Form es war, die ihn so absonderlich am „Perikles“ anzog. Seine eigene

phantastische Neigung, seine Lust zum Überspringen der hergebrachten

und der natürlichen Grenzen der künstlerischen Gattungen, Fr. Schlegels

Doctrin von der romantischen Universalpoesie, in der sich nach der

Forderung dieses romantischen Gesetzgebers auch die verschiedenen

künstlerischen Gattungen und Formen unauflöslich verschmelzen sollen,

erklären es, wie sich Tieck gerade in die Form dieses Zwitterproductes

„vergaffen“ konnte. Wenn Köpke Shakespeares Einfluss auf die „Genoveva“

zu wenig betont, so thut Tieck selbst in diesem Briefe des Guten fast

zuviel, wenn er sagt, dass ohne „Perikles“ nicht „Zerbino“ und noch

weniger „Genoveva“ und „Octavian“ entstanden wären. So weit es sich

um „Genoveva“ und „Octavian“ handelt, ist die Sache wohl nicht anders

gemeint als: „Genoveva“ und „Octavian“ wären ohne „Perikles“ nicht

die romantischen Dramen geworden, die wir vor uns haben. Warum Tieck

diese Volksbücher nicht auch ohne „Perikles“ in der Art der „Magelone“

oder „Melusine“ hätte bearbeiten sollen, ist schwer einzusehen. Für

die romantisch-dramatische Behandlungsweise ist aber das Vorbild des

„Perikles“ gewiss nicht zu unterschätzen.

Wenn es im allgemeinen Shakespeare’sches Princip ist, möglichst viele

Vorgänge dem Zuschauer auf der Bühne vor Augen zu führen (was bei der

damaligen Bühneneinrichtung nicht schwer war), so sehen wir diese

Darstellungsart im „Perikles“ bis zur äußersten Consequenz getrieben.

Ohne straffe dramatische Composition werden uns die Schicksale und

Abenteuer des Helden Perikles von Tyrus, die eine lange Reihe von

Jahren ausfüllen, aufs gewissenhafteste vor Augen gestellt, und es

sollte nichts vergessen und nichts weggelassen werden. Bei solchem

Vorgehen stieß jedoch der Dichter bald auf die eine oder andere

Schranke. Sollte alles scenisch erscheinen, so musste einmal das Stück

eine Ausdehnung bekommen, die jeder Aufführung gespottet hätte. So

griff er denn zum Auskunftsmittel des epischen Berichterstatters, der

auf der altenglischen Bühne ohnehin längst heimisch war und gewährte

ihm möglichst freien Spielraum. Dazu fanden sich in der Fabel des

Stückes gerade Ereignisse, die sich bequem durch einen Erzähler an

der Stelle abthun ließen, die ihnen chronologisch zukam, wie etwa die

zweimalige Meeresfahrt. Anderes in diesen Zwischenerzählungen ist

freilich auch nichts weiter, als Wiederholung und verdeutlichende

Erklärung von Dingen, die wir auf der Bühne sehen oder es wird etwas

erzählt, dass sich ebensogut im Dialoge mittheilen ließe. Ganz ähnlich

steht es mit dem Chorus in „König Heinrich V.“ Im „Wintermärchen“

dagegen soll die Zeit als Chorus den Verlauf von sechzehn Jahren

markieren. Einen ähnlichen Chorus fand Tieck noch im „Locrine“ wie im

„Lustigen Teufel von Edmonton“.[311] Dieser erzählende Chorus erscheint

im „Perikles“ nicht nur zwischen den einzelnen Acten mit seinem

Berichte, sondern zweimal sogar mitten im Verlaufe des Actes.

Tieck will uns „Leben und Tod der heil. Genoveva“ dramatisch vorführen.

Dieser Stoff umfasst ebenfalls die Ereignisse langer Jahre. Alles

dramatisch zu formen, würde selbst einem Buchdrama, das nicht mit

der Bühne des Theaters, sondern mit einer Bühne für die Phantasie

rechnet,[312] eine zu unerfreuliche Länge verleihen. Ließ sich etwas

an passender Stelle episch sagen, so konnte es Tieck nur lieb sein.

Eine solche passende Stelle ist durch den Stoff der Genoveva-Legende

selbst gegeben. Der siebenjährige Zeitraum, der durch Genovevas Dulden,

Beten und wunderbare Erlebnisse und durch Schmerzenreichs einsame

Jugend im Walde ausgefüllt wird (Siegfried erscheint indessen Dragos

Geist), bietet fast lauter Momente, die für den psychologisierenden

Epiker bequem, für den Dramatiker wegen ihrer Armut an innerer und

äußerer Handlung undankbar sind. Dieser Theil der Legende gab also

Tieck den deutlichen Wink, wo sein Rhapsode einzutreten habe. Es ist

dies eine Eigenthümlichkeit, welche der Stoff des Genovevabüchleins

mit dem Shakespeare’schen „Wintermärchen“ gemein hat. Zu beachten

ist hier noch die technische Erwägung, dass die auffallend hohen

Wunder sich im epischen Vortrag poetisch wahrer ausnehmen, als in

dramatischer Vergegenwärtigung. Der letzterwähnte Grund ist kein vager

Einfall; er entspricht der Auffassung Tiecks von der Darstellung des

Wunderbaren.[313] Ähnlich beurtheilt auch Bernhardi diesen epischen

Theil in seiner Recension der „Genoveva“.[314] So erklärt es sich,

warum Tieck außer im Prologe und Epiloge den heil. Bonifacius

gerade hier und nicht öfter eintreten lässt, wozu ihn das Vorbild

des „Perikles“ immerhin hätte verleiten können. Die Verwendung des

erzählenden Chorus, sowie das Beispiel einer dramatischen Behandlung

von Ereignissen, die sich durch lange Jahre hinziehen, einer

dramatischen Biographie, muss für Tieck entscheidend gewesen sein,

auf eine gewöhnliche Dramatisierung der Legende hätte ihn am Ende

Müllers Vorgang auch führen müssen. Denn bevor Tieck das Volksbüchlein

las, hatte er eine dramatische Gestaltung des Genovevastoffes in den

Händen gehabt. Seit dem „Wilhelm Meister“ geht aber ein epischer Zug

durch unsere Literatur, der sich z. B. auch im „Wallenstein“ bemerkbar

macht. Das episch gedehnte inhaltsreiche Drama, wie es Tieck anstrebt,

nähert sich dem Roman, dem höchsten Ziele der Romantiker in den letzten

neunziger Jahren.

Hätten wir ohne „Perikles“ keine Tragödie „Genoveva“, so hätten

wir auch ohne Gower keinen heiligen Bonifacius. Der Verfasser des

„Perikles“ wählt sich zum Chorus den altenglischen Dichter John

Gower, dessen „Confessio Amantis“ im achten Buche die Geschichte von

„Perikles“ behandelt und die neben Lawrence Twines Novelle „The Pattern

of painfull Adventures“ als Quelle für das Drama diente.[315] Die

Beziehung Gowers als Erzählers einer Vorlage des Stückes war für die

Wahl dieses Dichters zum Chorus maßgebend. Als Erzähler der Vorlage hat

Gower schon äußerlich eine Verbindung mit der Neubearbeitung selbst.

Die dramatische Neubehandlung seiner Erzählung ist ein Auferstehen vom

Tode der Vergessenheit und da mag dann billig mit der alten Dichtung

auch der alte Dichter erscheinen. Tieck wusste allerdings keinen

Volksbuchschreiber zu finden, der etwa in der „Genoveva“ eine Stelle

wie Gower im „Perikles“ einnehmen könnte. Hätte unser Romantiker Martin

von Cochem und den Antheil dieses Schriftstellers am Genovevabüchlein

gekannt, wer weiß, ob nicht dieser treffliche Kapuzinerpater den

Part des heil. Bonifacius hätte übernehmen müssen? Tieck führt dafür

den heil. Bonifacius ein, den er dichterisch frei zum Zeitgenossen

Genovevas macht. Fehlt für Tieck auch eine ursprüngliche äußere

Beziehung, wie sie zwischen Gower und Perikles besteht, so steht

Bonifacius mit der Genoveva-Legende doch in einer gewissen inneren,

geistigen Verbindung. Der berühmteste Heilige und Glaubensbote

des deutschen Mittelalters erscheint ganz passend als Chorus in

einem Drama, das uns in die Zeit mittelalterlicher Frömmigkeit und

wunderbaren Glaubenslebens zurückversetzen will.

Im „Perikles“ tritt Gower auf und beginnt:

„Es kommt, zu künden einst’ge Mär’,

Vom Grab der alte Gower her.“

Er kommt ins Leben zurück, um die Menschen mit seiner alten Mär von

Perikles zu erfreuen, an der sich schon die alte Zeit ergötzte.

„Man sang die Mär’ beim Festgelag,

Am Kirmiß- und Quatembertag;

Auch lasen zur Erholung gern

Zu ihrer Zeit sie Fraun und Herrn...“

Wenn die später Lebenden und darum Gescheiteren der alten Geschichte

etwas abgewinnen können, so will Gower sie gern ihnen vorführen. Er

erzählt nun die Vorgeschichte des Dramas und schließt:

„Was nun folgt, soll euer Aug’ erschaun,

Das mag entscheiden, ob ihr mir dürft traun.“

Seine nächste und noch andere Erzählungen schließt Gower mit dem

Hinweis auf die auftretende Person:

„Hier kommt er selbst, nun schweigt....“[316]

Am Anfange von Tiecks „Genoveva“ tritt der heil. Bonifacius mit Schwert

und Palmenzweige (Symbolen, wie sie der Dichter auf Märtyrerbildern

sah) herein und beginnt mit ähnlicher Naivetät wie Gower:

„Ich bin der wack’re Bonifacius,

Der einst von Englands Ufern in die Wälder

Der Deutschen Christus’ heil’gen Glauben brachte.“[317]

Bonifacius schildert seine apostolische Thätigkeit. Wie an Gower,

freute sich die Vorzeit auch an Bonifacius.

„Das Alter sprach von mir, und meiner dachte

Die Jugend mit des Herzens Innigkeit,..“

Nachdem wir so die nöthige Aufklärung über die Persönlichkeit und das

Erscheinen des Heiligen erhalten haben, schildert auch dieser die

Vorgeschichte des Dramas und weist wie Gower die Zuschauer auf den

auftretenden Grafen Siegfried hin.

„Da geht der edle Mann, zum Streit gewappnet,[318]

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

So seid nun aufmerksam und lasst euch gern

In alte deutsche Zeit zurückeführen.“

Bonifacius fordert hier Aufmerksamkeit für das Folgende gerade wie

Gower, der zum Schweigen mahnt und der sich seinerseits wieder nach den

alten Mysterien richtete, in denen die Engel oder ein anderer Prologus

das „Silete!“ riefen und Aufmerksamkeit heischten.

Die Einführung der Prologsprecher und die Disposition der

beiden Prologe, nämlich erst Selbstschilderung der auftretenden

Persönlichkeit, dann Entwickelung der Vorgeschichte und Mahnung zur

Aufmerksamkeit, ist so ähnlich, als ob Tieck sich förmlich bemüht

hätte, den Eingang des schwächlichen altenglischen Stückes, das er

damals so hoch verehrte, Zug für Zug nachzubilden. Tieck hat bei

Herübernahme des Prologes seinem bewunderten Vorbilde auch sogar eine

üble Seite abgeguckt. Im „Perikles“ so gut wie in der „Genoveva“

erfahren wir die Thatsachen der Vorgeschichte, von denen der Prolog

redet, im Stücke selbst noch einmal.[319]

Neben diesen deutlichen Ähnlichkeiten im äußeren Aufbau springt auch

der innere Unterschied beider Prologe sogleich in die Augen. Bonifacius

tritt seinem Publicum nicht bloß als harmloser Geschichtenerzähler,

sondern zugleich als strenger, religiöser Mahner, als Prediger in

der Wüste entgegen und beklagt sich bitter (wie Wackenroder, Novalis

und Tieck), dass der Sinn für die alte fromme Zeit in seinem lieben

Deutschland so ganz geschwunden sei. Die breitausladende Rede des

Heiligen ist -- wenn wir vom gequält naiven Eingange absehen -- ernst

und voll feierlicher Würde und hüllt sich darum auch in das vornehmere

Gewand des Blankverses, in dem an anderen Stellen auch Gower redet,

während im Prologe und in den meisten epischen Zwischenstücken des

„Perikles“ die vierhebigen Reimpaare der hausbackenen, schwerfälligen

Rede die richtige Begleitung geben. Gower sagt klar und bündig, was er

ist und was er auf dem Theater will. Er vergeudet sein neugewonnenes

Leben wie Kerzenlicht zur Freude der Zuschauer. Bonifacius, der allem

Anscheine nach eben aus der jenseitigen Welt gekommen ist, sagt noch

obendrein:

„Und oftmals geht in dieser späten Zeit

Mein Geist umher...“

Etwas räthselhaft. Dazu kommt das Zwiespältige, dass Bonifacius auf der

einen Seite als Berichterstatter über die längstvergangene alte Zeit

vor uns tritt, auf der andern wiederum dreimal im Drama als mitlebender

Bischof nicht gerade auftritt, aber doch erwähnt wird.

Dass Bonifacius nur an einer Stelle innerhalb des Stückes auftritt,

sahen wir durch die Beschaffenheit des Stoffes und durch technische

Erwägungen geboten. Gower ist, mit Bonifacius verglichen in seiner

Erzählungsweise subjectiver und „ironischer“ im romantischen Sinne,

indem er dem Zuschauer immer gegenwärtig hält, dass dieser im Theater

sitzt, was Bonifacius alles vermeidet, um keine Störung in die ernste

Rede zu bringen. Gower beschließt, entgegen seiner ersten Absicht im

Prolog, wo er nur verheißt, seine Zuschauer zu erfreuen, das Drama

mit einem ziemlich nüchternen moralisierenden Epilog. Bonifacius

bleibt innerhalb seiner religiösen Sphäre und verkündet am Ende die

Verklärung der heil. Genoveva. Das äußere Schema und einzelnes in der

Stilisierung des Prologes nimmt also Tieck aus dem „Perikles“. Inhalt

und Auffassung ist durch den allgemeinen Geist seines Stückes durch die

alterthümlich-religiöse Stimmung bedingt.

Mit diesem Einfluss des „Perikles“ auf die Form, auf die Verbindung

von Erzählung und Drama ist aber Shakespeares Einwirkung auf Tiecks

„Genoveva“ noch nicht erschöpft. Minor hat in seiner Ausgabe in kurzen

Anmerkungen bereits auf die bedeutendsten Anklänge hingewiesen. Es

sollen diese Notizen hier näher ausgeführt, begründet und an ein paar

Stellen ergänzt und berichtigt werden. Einige Gestalten Tiecks zeigen

in ihrem Charakter Verwandtschaft mit Shakespeare’schen Figuren. Da

muss an erster Stelle der „wackeren“ Amme Gertrud gedacht werden.

Das meiste für diese Nebenfigur gab dem Dichter das Volksbuch an die

Hand, ihre Stellung im Drama wurde einigermaßen durch Maler Müllers

Mathilde modificiert, von der Amme in „Romeo und Julia“ entlehnte

aber Gertrud ihre „bösgeläufige“ Zunge. Denn die Erzählung von Golos

Jugend ist unverkennbar in manchen Einzelheiten der Erzählung von

Julias Jugend[320] nachgebildet. Wie Julias Amme eine Gespielin

ihrer Pflegebefohlenen verlor, so muss Gertrud den Tod ihres eigenen

Söhnchens beklagen, während Golo am Leben blieb. Beide erzählen mit

der gleichen breiten Geschwätzigkeit und beide suchen mit wiederholten

Ausrufen und Wendungen Gott in ihr Gerede hineinzuziehen. Für die

leichtsinnigen geschlechtlichen Anspielungen der Amme Julias tritt bei

Tieck das Lob des Bastards ein, das wieder sein eigenes Vorbild im

Monologe Edmunds im „König Lear“[321] hat und die scherzhafte Bemerkung

Gertruds:

„Du lieber Gott, wie’s nun so in der Welt

Einmal zu gehen pflegt, er war nun da

Und fragte keinen, ob er kommen sollte.“[322]

klingt ähnlich wie die Worte des alten Gloster über Edmund: „Obgleich

dieser Schlingel etwas vorwitzig in die Welt kam, ehe er gerufen

ward, so war doch seine Mutter schön...“ Wie Julias Amme refrainartig

ihren Scherz wiederholt, so Gertrud ihr Erstaunen über das Wunderbare,

das sie an Golo und seinem Schicksale zu bemerken glaubt. Die Gräfin

Capulet sucht den unangenehmen Redeschwall der Wärterin einzudämmen.

„Genug davon, ich bitte, halt dich ruhig.“ Genoveva, in der gleichen

Lage, mahnt: „Du bist ein wenig zu geschwätzig, Gertrud, und sprichst

daher mit bös’ geläuf’ger Zunge.“ Tieck schwächt wieder die derben

Spässe, die der frommen Grundstimmung seiner Dichtung widerstreiten

müssten, ab. Er nennt auch in einer späteren Abhandlung über „Romeo und

Julia“ einmal das Geschwätz der Amme „gemeines Geschwätz“.[323]

Im langen Monologe Karl Martells[324] will Minor deutliche Anklänge

an die Monologe Macbeths bemerken, was mir aber nicht nachweisbar

erscheint. Karl wiegt sich eine Zeitlang mit Lust in ehrgeizigen

Gedanken und bekämpft sie dann im religiösen Sinne, wie sie eben ein

guter Christ bekämpfen soll. Macbeth aber rechnet sich die quälenden

Gewissensbisse vor, die der vollbrachten Mordthat folgen. Auch

in einzelnen Gedanken und Wendungen lassen sich keine deutlichen

Übereinstimmungen auffinden. Eher möchte man gewissen Äußerungen

ehrgeiziger Prätendenten, z. B. im „König Heinrich VI.“ Keime

einiger Gedanken Karl Martells vermuthen. In einer ehrgeizerfüllten

Rede Yorks[325], in Richards herrschsüchtigen Worten[326], in

Glosters Äußerungen[327], ferner in Hublas’ Rede[328] begegnen uns

thatsächlich Gedanken, die manchen Impuls für Karl Martells Monolog

bei Tieck gegeben haben könnten. „Könnten“, denn wörtliche und sicher

nachweisbare Übereinstimmungen fehlen.

Nicht unwahrscheinlich ist es aber, dass ein wenig von dem finsteren

Heldentrotze, den Macbeth vor seinem Ende zeigt, auf Abdorrhaman

übergieng. Der abergläubische Macbeth sieht nämlich, dass nach der

doppelsinnigen Weissagung, welcher er unbedingt Glauben schenkt, sein

Schicksal sich erfüllt; denn der Birnamwald rückt gegen Dunsinan und

ein Gegner, der nicht vom Weibe „geboren“ ist, steht ihm gegenüber.

Einen Augenblick bricht sein Muth zusammen, um sich sofort wieder

todeskühn emporzurecken.[329] Macduffs, seines Gegners Aufforderung,

die Waffen zu strecken, weist er mit stolzem Wort zurück. So benimmt

sich auch der Saracenenführer Abdorrhaman in der Schlacht.[330] Obschon

er sieht, dass Mahom, sein Schutzherr, ihn im Stiche lässt, stürmt er

muthig und mit Todesverachtung in den Kampf und Aquitanien, der den

Saracenen auffordert, sich zu ergeben, bekommt dieselbe trotzig-stolze

Antwort wie Macduff.

In anderen Fällen wieder merkt man Shakespeares Vorbild in der Anlage

und herrschenden Stimmung der Scene. Da verweist Minor vor allem auf

die Balkonscene Tiecks, die bei „Romeo und Julia“ und dem „Kaufmann von

Venedig“ ihre Anleihen mache. Es wird aber nicht bloß an eine directe

Anlehnung an Shakespeare zu denken sein, sondern Müllers Balkonscene

tritt, wie schon bemerkt wurde, als Mittelglied zwischen Tieck und

Shakespeare. Für den Shakespeareschwärmer Müller, der seiner Genoveva

die ganze Heiligengloriole nimmt, um sie zu einer menschlichen,

dramatisch wirksamen Gestalt umzubilden, liegt eine Nachbildung der

Scene aus „Romeo und Julia“ nicht so fern. Für Tieck aber, der eine

„heilige Genoveva“ schaffen will, musste jene leidenschaftdurchflammte

Begegnung zwischen Romeo und Julia, in der eines die Liebe des anderen

glühend erwidert, eigentlich ziemlich ferne liegen. Golos vergebliche

Werbung ist das Motiv bei Tieck. Tritt aber einmal Müller dazwischen,

der die Balkonscene sammt der Sommernacht mit Golo und Genoveva

verbindet, so ist es begreiflicher, dass Tieck, der Romantiker, der

dem Reize einer Sommernacht nie widerstehen kann, das Motiv aufnimmt

und alle weichen Hauche und Töne träumerisch erklingen lässt. Müllers

und Shakespeares Antheil ist übrigens noch ganz gut erkennbar. Wie

bei Müller Genoveva und Mathilde, so betreten bei Tieck Genoveva

und Gertrud den Balkon, um die Sommernacht zu genießen. Jedesmal

bringt ihnen Golo eine Serenade, mit welcher er eine versteckte und

erfolglose Liebeswerbung verbindet. Die Scene nimmt in beiden Dramen

ungefähr die nämliche Stelle ein. So viel steuert Müller für die Scene

bei. Darein verwebt nun Tieck verschiedene Dinge, die er direct aus

Shakespeare herübernimmt und das sind erst die Reminiscenzen aus „Romeo

und Julia“ sowie aus dem „Kaufmann von Venedig“, von denen Minor in

seiner Anmerkung spricht. Einmal die Entwickelung des Dialoges. In

„Romeo und Julia“ hebt die Scene mit einem Monologe Romeos an. Julia

erscheint auf dem Balkon, wird von Romeo bemerkt ohne ihn selbst zu

bemerken. Romeos Reden correspondieren etwa dreißig Zeilen hindurch

mit Julias Selbstgespräch, ehe es zum eigentlichen Dialoge kommt.

Auffallend ist die Ähnlichkeit dieses Sceneneinganges mit der Art,

wie Tieck die nämliche Sache durchführt. Monolog Golos; Genoveva

und Gertrud erscheinen auf dem Balkone; Genovevas Reden werden von

Golo beantwortet, ohne dass er von den Frauen bemerkt wird und dann

beginnt der Dialog selbst.[331] Alles wie bei Shakespeare. Auch

Gedanken und Empfindungen Golos[332] berühren sich hin und wieder

mit Romeos Monolog.[333] Überall erscheint die Frauenschönheit im

Wettstreit mit den glänzendsten Erscheinungen der Natur. Der Liebende

entbehrt gerne das Schönste in der Schöpfung, Sonne, Mond und Sterne,

wenn ihm nur die Schönheit seiner Geliebten erglänzt; denn bei

Tieck und Shakespeare muss sich die Natur durch den Reiz der einzig

Vergötterten beschämen lassen.[334] Romeos auflodernde Phantasie

sieht in Julia die holde Sonne, die Lunens Glanz ertödtet und seine

Liebesseligkeit drängt sich in beständigen Anrufen an seine Geliebte

aus dem Herzen. Golos Phantasie weilt lieber im dämmernden Reiche

der Nacht. Seine Bilder entlehnt er von Mond und Sternen. Er richtet

seine liebeerfüllten Ausrufe nicht so sehr an die Geliebte, sondern er

haucht sie wie träumend in die umgebende nächtliche Natur ein. Hier

beobachten wir deutlich Tiecks Abhängigkeit und eigene poetische Art

dicht nebeneinander. Dazu gesellen sich noch die weichen Laute aus

dem bekannten lyrischen Eingange des fünften Actes im „Kaufmann von

Venedig“, deren auch Minor gedenkt. Die Worte Genovevas:

„Wie still die Nacht des Tages Hitze kühlt,

Wie sanft der Mondschein auf dem Grase spielt,

Wie süß das Herz sich nun beruhigt fühlt,“

athmen dieselbe Stimmung, wie Lorenzos vielcitierte Worte: „Wie süß das

Mondlicht auf dem Hügel schläft...“[335]

Die traumhaft weiche Sommernachtstimmung und der süße Zauber, der das

lyrische Intermezzo im „Kaufmann von Venedig“ erfüllt, gehören zu

dem, was Tieck und die Romantiker am meisten lieben und was auch jene

Nachtscene der „Genoveva“ beherrscht. Es konnten sich hier sehr leicht

einzelne Klänge, welche Tiecks eigenen Stimmungen verwandt sind, aus

dem „Kaufmann von Venedig“ hereinstehlen, ohne dass der Dichter selbst

es merkte und ohne dass er viel am Entlehnten hätte umbilden müssen.

Zur Sterbescene des alten Wolf merkt Minor an, sie sei „deutlich

der Scene mit dem sterbenden Gaunt in Richard II. nachgebildet“.

Minor behält damit gewiss Recht. Jedesmal ist es ein alter Mann, das

einemal Golos Pflegevater, das anderemal der treue Rathgeber König

Richards, der einem jungen, auf schiefe Bahnen gerathenen Menschen vom

Sterbebette aus ernste Mahnungen und Warnungen ertheilt. Weder das

Volksbuch noch Müller gibt für diese Scene einen Anknüpfungspunkt.

Es ist darum kein Zweifel, dass die große Scene in „König Richard

II.“[336] für Tieck das Vorbild war. Im Inhalt und Ton des Ganzen geht

Tieck freilich wieder seinen eigenen Weg. Religion und Gemüthsweichheit

herrschen hier, Gaunts wild donnernder Zorn ist verschwunden. Wolf

bittet und fleht und sucht durch religiöse Ermahnungen seinem

entrathenen Sohne beizukommen. Den ausgesprochenen Fluch widerruft

er sofort und stirbt unter sentimentalen Bitten. Gaunt ist zwar auch

ein geduldiger und treuer Unterthan seines Königs, aber neben Wolf

gehalten, redet aus ihm eine ernste, mächtige, derbe, reckenhafte

Männlichkeit. Gaunt widerruft kein Wort, das er einmal gesprochen.[337]

Die lieblos rohe Antwort Golos auf Wolfs Ermahnungen:

„Eu’r Fabeln rührt vom großen Alter her,

Ihr wißt nicht, was Ihr sprecht, drum sei’s verziehn.

Auf meinen Kopf, was ich verfehlen mag,“

stammt von der noch roheren Richards her:

„Du, ein seichter und mondsücht’ger Narr,

Auf eines Fiebers Vorrecht dich verlassend,

Darfst uns mit deinen frost’gen Warnungen

Die Wangen bleichen, unser fürstlich Blut

Vor Zorn aus seinem Aufenthalt verjagen?“ u. s. w.

Die ungewöhnliche Ausdehnung der Reden fällt in beiden Scenen auf.

Tiecks Hexenscene soll nach Minor charakteristischer Weise den Einfluss

Shakespeares (Macbeth und die Hexen) mit dem Goethes (Hexenscene im

„Faust“) vereinigen. Allein schon der Vergleich mit dem Volksbuche

lehrt, dass in dieser Anmerkung sicherlich zu viel gesagt ist; denn das

Wesentliche und Thatsächliche, was sich in der Scene begibt, fand Tieck

im Volksbuch vor. In den wirren Sprüchen und Formeln der Hexe zeigen

sich Spuren verschiedener Gedanken aus Jakob Böhmes „Morgenröthe“. Es

bleiben dann nur noch einige Äußerlichkeiten, die sich als Entlehnungen

aus den genannten literarischen Vorbildern, Goethe und Shakespeare,

erweisen lassen. In einem Punkte wenigstens thut Tieck, was Goethe und

Shakespeare thaten. Diese Dichter beschränken sich in ihren Hexenscenen

nicht ökonomisch auf das Nothwendigste, sondern sie schmücken jeder

in seiner Weise das Treiben der unheimlichen Menschen malerisch aus.

Es wird Verschiedenes vorgeführt, was nicht unmittelbar dem Zwecke

der Scene dient. Malerisch und stimmungsvoll in diesem Sinne ist der

Eingangsmonolog bei Tieck,[338] der die Zurüstungen Winfredas und die

nächtliche Scenerie malt. Bei diesem Monologe denkt man aber nicht

zuerst an „Macbeth“, sondern lieber an die Verse, mit denen Bolingbroke

in „Heinrich VI.“[339] eine Geisterbeschwörung einleitet. Dieser, ein

Theilnehmer am nächtlichen Werke, entwirft selbst, wie hier Winfreda,

das düstere Nachtbild, nur dass es nicht monologisch geschieht.

„Geduld nur! Zaub’rer wissen ihre Zeit.

Die tiefe, finst’re Nacht, das Grau’n der Nacht;

Die Zeit, da Troja ward in Brand gesteckt;

Die Zeit, wo Eulen schrei’n und Hunde heulen,

Wo Geister geh’n, ihr Grab Gespenster sprengen:

Die ziemt sich für das Werk, womit wir umgeh’n.“

~Siegfried~:

„So komm, vom Himmel zeigt sich schon die Nacht,

Jetzt hat das Reich der Geister seine Macht.“ -- --

~Winfreda~:

„An seinem Orte hängt der magische Spiegel,

Schon weht die Nacht herauf mit schwarzem Flügel,

Wolken zieh’n und flieh’n vor des Mondes Scheibe,

Auf Kirchhöfen steh’n die Leichen mit blassem Leibe,

In unterird’schen Grüften ein wühlendes Regen,

In oberird’schen Lüften ein spielendes Bewegen,

Geister schauern hernieder,

Und geh’n und kommen wieder

Auf der schwarzen Leiter der Nacht,...“

Der Inhalt dieser Hexenworte berührt sich theilweise ziemlich deutlich

mit der Bolingbroke’schen Schilderung. In „Macbeth“ und „Faust“ wird

auch alles, was der Stimmungsmalerei dient, in Handlung umgesetzt,

während Bolingbroke und Winfreda die Situation mit Worten schildern.

Das Colorit der Tieck’schen Hexenscene ist zwar düster, aber es

herrscht in dieser Hexenwohnung doch eine ganz andere Luft, als auf

der gewitterdurchstürmten schottischen Heide. Goethes Hexenscene

musste Tieck wegen ihres humoristischen Charakters (Humor ist in der

„Genoveva“ grundsätzlich ausgeschlossen) ferne liegen.

Ebensowenig durchgreifend erscheint Shakespeares Einfluss in der

Episode, wo Gertrud bei Golo die Anwaltschaft für die gefangene

Genoveva und ihr Kind übernimmt. Der Inhalt dieser Scene war Tieck

bis ins einzelne herab durch die Legende geboten. Es ist ein

merkwürdiger Zufall, dass der Inhalt der dritten Scene im zweiten

Acte des „Wintermärchens“, das Minor im Auge hat, jener Stelle des

Volksbuches so auffallend ähnelt. Jedesmal erscheint nämlich eine Frau

als Fürbitterin für eine Gefangene und ihr Kind. Wenn Tieck nach dem

Volksbuche das nämliche Motiv dichterisch behandelt, das schon vorher

sein bewunderter Meister Shakespeare behandelte, so ist allerdings zu

vermuthen, dass ihm dabei Shakespeare leicht ein wenig in die Phantasie

hineinspielen konnte. Allein dies kann hier nur Einzelheiten betreffen.

Golo und Leontes erblicken wir im Anfange der Scene in tiefer

Gemüthsunruhe. Beide geben den Befehl, jeden störenden Besuch ferne zu

halten und beide wollen die Frau, die sich stürmischerweise den Zutritt

doch verschafft, energisch aus dem Hause weisen. In der Einleitung

schließt sich also Tiecks Scene ohne Zweifel Shakespeare an, aber

eine weitere und tiefer greifende Abhängigkeit wird sich schwerlich

nachweisen lassen.

Ebenso verhält es sich noch mit einer anderen Scene, nämlich mit

dem Gerichte über Golo, das ein wenig nach Shakespeare stilisiert

erscheint, und zwar nach dem Gerichte, das in „Richard II.“[340]

Bolingbroke über Green und Bushy hält. Zuerst ein Befehl, die

Delinquenten vorzuführen.

~Bolingbroke~:

„Führt diese Männer vor.“

~Matthias~:

„Jetzt lasst den Bösewicht herein...“

Darauf hält der Vorsitzende des Gerichtes, Bolingbroke bei Shakespeare,

bei Tieck Siegfried, den Schuldigen die begangenen Übelthaten vor.

Der Inhalt dieser Anklagerede, Golos aufgezählte Frevel, stehen auch

wieder im Volksbuch, nur für das äußere Arrangement der Scene kommt

Shakespeare ein wenig in Rechnung.[341]

Wir mussten bereits andeuten, dass Tieck, von Maler Müller geleitet,

für die breitausgedehnten Schlachtscenen und ihr ritterliches

Costüm manches aus Shakespeare entnahm. Dass es für Tieck nichts

Gewagtes schien, bei Shakespeare in Sachen des ritterlichen Costüms

zu lernen, beweisen seine eigenen Worte: „Shakespeares Zeitalter war

gerade dasjenige, in welchem noch die letzten Spuren des kräftigen

Mittelalters, des Geistes der Liebe, des Wunderglaubens und der

Heldenthaten wie in einer neuen Herbstblüte zwar schwach aber doch

erquicklich, da standen.“[342] Es finden sich vorzüglich in den

„Historien“ Motive, die für Tieck anregend wirken konnten. Da begegnen

uns die Gesandtschaft, die Beobachtung der Naturstimmung vor der

Schlacht, das wechselnde Kriegsglück, der Zweikampf, der Aufruhr im

eigenen Lande, während das Heer im Felde steht, Stadtbelagerung,

nächtlicher Überfall, nächtliches Lagerbild, Verwirrung und Bedrängnis

im nächtlichen Kampfe, der sterbende Krieger. Es lässt sich ja nicht

leugnen, dass solche Motive in den Schlachtschilderungen fast aller

Zeiten wiederkehren. Wenn wir aber bemerken, dass Tieck mit manchen

anderen Zügen sich ziemlich enge an Shakespeare anlehnt, so liegt es

nahe, auch hier gerade an die Vorbildlichkeit Shakespeares zu glauben.

Wie der kämpfende Abdorrhaman an Macbeth in der Schlacht gemahnt, wurde

schon in anderem Zusammenhange gezeigt.

Die Gesandten entwickeln bei Shakespeare mitunter in ihren Forderungen

dieselbe naive Unverfrorenheit wie Tiecks saracenische Botschafter. Sie

benehmen sich, als ob sich der Gegner schon lange ohne Schwertstreich

auf Gnade und Ungnade ergeben hätte.[343] In „Heinrich V.“ fordert

Exeter schlankweg Übergabe, sonst gebe es blutigen Kampf. Die Franzosen

möchten doch selbst ihre Leute schonen.[344] Gerade so redet Derar

vor Karl Martell und nicht weniger verächtlich spricht Albanakt im

„Locrine“ von seinen Gegnern. (Hornvilla im „Octavian“.) -- Der

Schlachtplan, den Malcolm entwirft,[345] ist im wesentlichen derselbe

wie jener, den der saracenische Kriegsrath bei Tieck zustande bringt.

-- Wenn Otho, auf dem Schlachtfelde sterbend, über das Kriegerleben,

sein Aufblühen und Hinschwinden meditiert, so hören wir auch den

sterbenden Warwick[346] seine ähnlichen Betrachtungen über die

Vergänglichkeit der irdischen Herrlichkeit halten. -- Shakespeare,

der „seine Göttin“ Natur nie vergessen mag, lauscht sogar auf dem

Schlachtfelde dem Tone ihrer Stimmung.

~König Heinrich~:

„Wie blutig über jenen busch’gen Hügel

Die Sonne blickt hervor! Der Tag sieht bleich

Ob ihrem kranken Schein.“

~Prinz Heinrich~:

„Der Wind aus Süden

Thut, was sie vorhat, als Trompeter kund,

Und sagt, durch hohles Pfeifen in den Blättern,

Uns Sturm vorher und einen rauhen Tag.“

~König Heinrich~:

„So stimm’ er denn in der Verlierer Sinn,

Denn nichts scheint denen trübe, die gewinnen.“[347]

So fühlt sich auch Karl Martell von der Morgenstimmung vor der Schlacht

ernst ergriffen.

~Karl Martell~:

„Mit Purpur angethan zeucht Morgenröte

Herauf und schreitet durch das Himmelblau,

Es flammt die Glorie der frühen Röte

Herab und spielet auf die grüne Au,

Der Tod schaut nieder, welchen er ertöte,

Weiß jener nur, jenseit des Himmelsblau.“

Der ernsten Betrachtung contrastiert auch Tieck die zuversichtliche

Empfindung des Jünglings Aquitanien:

„Seht, fröhlich hat der Tag sich angethan,

Er glänzt daher im festlichen Gewand...“[348]

Einen Schritt weiter als dieses poetische Einfühlen in die Natur

geht die astrologische oder die gewöhnliche abergläubische Deutung

ungewöhnlicher Naturvorgänge, wie sie Tieck in der Unterredung

zwischen Golo und Wolf verwertet.[349] Der uralte Volksglaube, dass

ungewöhnliche Himmelserscheinungen und seltene atmosphärische Vorgänge

Begleiterscheinungen ungewöhnlicher Vorgänge auf Erden seien, wird von

Shakespeare nicht selten in wirkungsvoller Weise für ein Stimmungsbild

ausgenützt oder in ein solches verwoben. Außerdem liegt für den Leser

und Zuschauer in solchen Vorgängen eine ahnungweckende Vordeutung

über künftige Ereignisse. In „Richard III.“[350] will ein Hauptmann

aus verschiedenen düsteren Zeichen (darunter: „der blasse Mond

scheint blutig auf die Erde“) auf den Tod des Königs schließen.[351]

Im „Hamlet“[352] spricht Horatio von den unheimlichen Zeichen am

Himmel und auf der Erde, die Cäsars Tod verkündeten „als Boten, die

dem Schicksal stets vorangehn und Vorspiel der Entscheidung, die

sich naht“. Ein andermal steht dem zeichengläubigen alten Gloster

der junge Edmund gegenüber, der mit rationalistischer Skepsis den

Glauben an diese Vorzeichen als „ausbündige Narrheit“ erklärt.[353]

Von Shakespeare übernahm diese Mittel der unheimlichen Stimmung und

Vorahnung Goethe in den „Götz“.[354] Bei Maler Müller erscheint mit

einer neuen Nuance die verwandte Vorstellung, dass durch solche

Zeichen verborgene Blutschuld offenbar wurde. Doch Golo fürchtet sich

nicht davor. „Ich lache zu allem! Wenn auch gleich Sonnenfinsternis

würde, Sterne blutig über mein Haupt herabwinkten und durch eine

angedeutete Zuchtrute der Himmel mich bedräuen ließe: was liegt mir

daran?“ Tieck hatte schon vor seiner „Genoveva“ gerne das unheimliche,

unbestimmte Grauen vor Natur- und Schicksalsmächten in seine Dichtungen

hereingebracht. („William Lovell“, „Blaubart“, „Der blonde Eckbert“,

„Sternbald“, „Tannenhäuser“ und „Runenberg“.) Der eigenthümliche

Zug seiner Phantasie musste durch die literarischen Vorbilder

nur gesteigert werden. Diese sowie die eigentlich astrologischen

Vorstellungen wurden auch noch durch Jakob Böhme und Schillers

„Wallenstein“, den Tieck gewiss auf dem Berliner Theater gesehen hat,

genährt. Aus dieser düster dämmernden Sphäre stammt die Scene mit

dem alten Wolf und Golo. Welches von den verschiedenen Vorbildern

den ersten Anstoß gab, wage ich nicht zu entscheiden, weil sich bei

Tieck verschiedene Anschauungen kreuzen. Das Meer von Blut um den Mond

erinnert an den blutig scheinenden Mond in „Richard III“. Daneben wird

die unheimliche Erscheinung am Himmel von Wolf als Vordeutung über

den Ausgang der Saracenenschlacht erklärt („Hamlet“, „Julius Cäsar“,

„Locrine“), und wie Edmund Gloster seinem gläubigen Vater gegenüber,

weist auch Golo eine solche Deutung zurück, nicht mit gleicher Schärfe,

sondern mit dem milderen Hinweis auf die astrologischen Betrüger und

auf den Widerstreit mit Vernunft und Religion. (Ungläubig verhält

sich Golo hier und bei Müller solchen Warnungszeichen gegenüber.)

Das an sich nebensächliche Motiv wird dadurch lehrreich, dass man

sieht wie innerlich verschieden nuancierte und äußerlich ziemlich

weit auseinanderliegende Vorstellungen in Tiecks Phantasie zu einem

neuen Gebilde zusammenwachsen. Es wäre also hier ein ähnliches

Vereinigen verschiedener Splitterchen zu einem neuen Mosaik, wie

in den Schlachtscenen zu beobachten. Bezeichnend ist es wieder für

den Romantiker, dass er Gelegenheit sucht, gerade jene Elemente des

Aberglaubens, die einen dunklen Gemüthsschauer erwecken, in der

Dichtung zu verwerten. A.W. Schlegel steht, wie wir hörten, für das

Poetische der Astrologie ein und auch Jean Paul widmet bei Besprechung

des Romantischen in seiner „Vorschule der Ästhetik“ der „Poesie des

Aberglaubens“ einen eigenen Paragraphen.

Auch das mystisch-sinnige Motiv alter Volkslieder, dass aus dem Grabe

der Geliebten Blumen aufsprießen, wird wahrscheinlich aus Shakespeare

und den Volksliedern zu Müller,[355] aus Müller und Shakespeare

zu Tieck gewandert sein. Am nächsten verwandt sind Golos Worte am

vermeintlichen Grabe Genovevas[356] mit jenen des Laertes an Opheliens

Grabe.[357]

Schwerer als inhaltliche Übereinstimmungen lassen sich formelle und

stilistische Anlehnungen an ein Vorbild sicher feststellen. Allein

manche sprachliche Eigenthümlichkeiten der „Genoveva“ weisen ziemlich

fühlbar auf das Muster des großen Briten zurück. Dass Tieck im Wechsel

von Vers und Prosa den Wegen Shakespeares folgt, hat schon Minor

betont. Dazu käme noch der Wechsel gereimter und reimloser fünfhebiger

Verse und die Verwendung von Strophen des Schemas _~ab ab cc~_,

die sich z. B. in „Romeo und Julia“ finden. Der Gesang der erscheinenden

Engel in der Wüste erinnert mit seinen ei-Reimen an jenen Spruch, den

sich im „Kaufmann von Venedig“ der Prinz von Marokko aus dem Kästchen

holt.[358] Allerdings nur in Schlegels Übersetzung stehen die ei-Reime,

nicht im englischen Text. Wir dürfen eben nicht vergessen, dass neben

dem englischen Original auch Schlegels Shakespeare-Übersetzung auf

Tieck großen Eindruck machte und Einfluss gewann. Er sagt uns selbst,

mit welchem Interesse er Schlegels Arbeit aufnahm, und zwar gerade in

den zwei Jahren, die dem Entstehen der „Genoveva“ vorausgehen.[359]

-- Das Spielen mit dem eigenen Namen oder das Drehen und Wenden der

Worte nach verschiedenen Seiten ihrer Bedeutung, das sich Shakespeare

nicht selten gestattet, ahmt Tieck nach. In den seltsamen Worten Wolfs:

„Wie rollt dir denn die Zung’ im Kopf so wild“ ist man im ersten

Augenblick geneigt, einen Druckfehler zu verbessern und statt „die

Zung’“, „das Aug’“ einzusetzen und doch wäre es gegen Tiecks Absicht,

der sich durch den Shakespeare’schen Vers:[360] „die Zunge, die so

wild im Kopf dir wirbelt“ zu der wunderlichen Wendung bestimmen ließ.

Das „Morgenröte regnen“ in der „Genoveva“ fällt weniger auf, wenn man

sich an Shakespeares „Rache regnen“,[361] „Freude regnen“,[362] „Düfte

regnen“[363] erinnert. Die beliebte Benennung des Fürsten mit dem Namen

seines Landes, z. B. „tapferer Österreich“,[364] treffen wir bei Tieck

(„Tapf’rer Aquitanien“) so gut, wie in Schlegels „Shakespeare“.

Hätten sich Tiecks einstige Gegner die Mühe genommen, diese

verschiedenen größeren und kleineren Stückchen aus Shakespeare zu

sammeln, so hätten sie mit einigem bösen Willen auch hier Plagiator!

rufen können. Aber auch hier wie bei den Entlehnungen aus Müller

mit geringem Rechte. Wir sahen auch hier in den verschiedensten

Fällen, wie die fremden Bestandtheile den Geist der Romantik oder die

poetische Neigung Tiecks entweder verwandt ansprachen oder für ihre

neue Bestimmung umgebildet wurden. Das maßgebendste Vorbild für die

„Genoveva“, und zwar in formeller Richtung, war entschieden „Perikles“,

der so merkwürdig dem Wunsche nach einer alle Gattungen verschmelzenden

Universalpoesie entgegenzukommen schien. Weil dies die bedeutendste von

Shakespeare ausgehende Anregung war, so spricht Tieck Solger gegenüber

auch nur von dieser. Was Tieck sonst aus Shakespeare herübernahm,

waren nur einzelne Charakterzüge, einzelne Linien für einen und den

anderen Scenengrundriss, einzelne Gedanken und Stimmungselemente, die

sich organisch in das neue Werk hineinverschmelzen ließen und so zum

Eigenthum des von Shakespeare abhängigen Dichters wurden. Sie reichen

auch alle mitsammen nicht hin, die Gesammtauffassung und das „Klima“

der romantischen Dichtung, die Tieck selbst als das Wertvollste

daran erschien, irgendwie wesentlich zu bestimmen, während Müllers

Auffassung des Golo und die Einkleidung in ritterliches Costüm immerhin

bedeutender auf Tieck wirkten. Darum ist es auch kein schwerer Frevel,

wenn er gar nicht weiter vom Verhältnis seiner Dichtung zu Shakespeare

spricht. Dass der Dichter aber im „Vorberichte“ zu seinen Schriften

von Shakespeares Einfluss überhaupt schweigt, während er ihn Iffland

und Solger gegenüber stark betont, bleibt einigermaßen seltsam. War es

nur Flüchtigkeit, wie in anderen Fällen auch? War es doch Berechnung?

Tieck vertheidigt sich eben im nämlichen „Vorberichte“ gegen den

Vorwurf des Plagiates an Müller. Da mochte er vielleicht dunkel oder

deutlich fühlen, dass jedes vermeidbare Zugeständnis von Abhängigkeit

irgendwelcher Art am besten vermieden werde; denn es konnte für

missgünstige Kritiker vom Schlage Merkels eine Gelegenheit zu neuen

Angriffen bieten. Freilich wäre dies nur eine halbkluge Maßregel für

den Augenblick gewesen, weil Tieck dabei an seinen Brief an Solger

nicht dachte, der schon zehn Jahre zuvor veröffentlicht worden war.

Allein wie immer, ob Berechnung, ob Flüchtigkeit: Tieck hätte das

offene Eingeständnis in den Augen einsichtiger Beurtheiler so wenig

geschadet, als in den Augen seines Freundes Solger. Des Dichters

verschiedene Äußerungen ergänzen sich und geben, zusammengenommen,

den vollständigen Sachverhalt wieder. Sie sprechen kurz und gedrängt

das Endergebnis dieser Untersuchungen aus und bestätigen das Resultat

derselben.

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 30 / 45 题