1. Tieck und Maler Müller.

(Goethes „Götz“ und „Werther“.)

Dass Tieck nicht alles, was wir als Zuthat dem Volksbuche gegenüber

erkannten, unvermittelt aus seiner eigenen Phantasie heraufholen

konnte, sagt uns die gewöhnliche psychologische Erfahrung. Und wer

bedenkt, welche Fähigkeit des Anempfindens und Nachempfindens Tieck

eignete, wer sich erinnert, wie Lesen für ihn oft zum Erleben wurde,

der sieht sich von selbst genöthigt, nach literarischen Vorbildern

für seine „Genoveva“ auszuschauen. Und der Dichter erleichtert dem

Forscher das Suchen. Wir hören von ihm selbst, dass sich „Erinnerungen,

Vorsätze und poetische Stimmungen“ mit dem „Märchen“ von der heiligen

Genoveva verbunden hätten. Was unter den „Vorsätzen“ und „Stimmungen“

zu verstehen ist, sahen wir schon. Eine Richtung, aus welcher die

„Erinnerungen“ auf ihn zukamen, hat uns Tieck selber angezeigt, wenn

er auf Maler Müllers „Golo und Genoveva“ aufmerksam macht. Ein Jahr

bevor er das Volksbuch las, hatte er bereits das Manuscript dieses

Sturm- und Drang-Schauspiels gelesen. War diese Lectüre auch keine sehr

intensive, so mag man doch von vornherein vermuthen, dass sie auch

irgendwie befruchtend auf die Phantasie des Dichters wirkte, der an die

Behandlung des gleichen Stoffes gieng.

Den großen Eindruck, den beim Lesen des Müller’schen Manuscriptes das

traurige Liebeslied: „Mein Grab sei unter Weiden“, das die wichtigsten

Momente in Golos Geschick begleitet, auf Tieck machte, hebt dieser im

Vorberichte zu seinen Schriften selbst hervor.[209] Die Einschaltung

eines solchen Liedes nimmt er mit Bewusstsein aus Müllers Drama in das

seine herüber.

Vergleicht man das Lied bei Müller[210] (dessen Stimmung auch Werthers

Worte: „Ach, ich wollte ihr begrübt mich am Wege, oder im einsamen

Thale...“ schon ausdrücken) mit dem Tieck’schen[211] auf seinen Inhalt

hin, so ergibt sich auf den ersten Blick eine Übereinstimmung in allem

Wesentlichen. Todessehnsucht eines unglücklichen Liebhabers, geknüpft

an den gleichen düsteren Naturhintergrund, ist der Vorwurf beider

Gedichte. Den Wunsch nach dem einsamen Grabe, den die zwei ersten Verse

Müllers aussprechen, behandelt die erste Strophe Tiecks. „Der Kummer“,

der mit dem Grabe enden soll und den die folgenden Müller’schen Zeilen

schildern, erfüllt die zweite Strophe Tiecks, welche den „Kummer“ als

den Schmerz eines verstoßenen Liebhabers ausführlicher charakterisiert.

Wie Müllers Lied in den Schlussversen zum Wunsch und Naturbild des

Anfanges zurückkehrt, thut es auch Tiecks letzte Strophe. Also Inhalt

und Gliederung des Inhaltes sind bei beiden Dichtern dieselben. Tieck

bereichert und erweitert nur, was Müller in gedrängter Kürze sagt.

Das eingehendere Verweilen bei der Naturscenerie ist bezeichnend für

den Romantiker. Grund und Art der Todessehnsucht müssen bei Tieck

genauer ausgeführt werden, weil das Lied nicht wie bei Müller bloß

Empfindungs-Aussprache Golos ist, dessen Herzleid wir schon einen Act

lang kennen und der daher mit dem einen Worte „Kummer“ deutlich macht,

was er sagen will, während das Lied bei Tieck von einem unbekannten

Verstoßenen stammt und auch zunächst von einem Unbetheiligten gesungen

wird.

Eine wesentliche Differenz liegt aber in der Verwendung des Liedes

bei Müller und Tieck. In Müllers Drama ist es zweimal directer

lyrischer Ausfluss von Golos Stimmung[212] und einmal soll es eine

bestimmte Stimmung in ihm wecken.[213] Diese Art von Wiederholung

lässt einen eigenthümlichen Ton weicher Schwermuth über dieses Drama

hinschweben.[214] Bei Tieck tritt das Lied als etwas ganz Fremdes an

Golo heran, aber es überwältigt sein Herz beim ersten Anhören mit einer

geheimen räthselhaften Macht, dass ihm die Thränen nahe sind.[215]

Etwas Ahnungsschweres liegt in dieser ersten Einführung des Liedes.

Der verliebte Golo benützt im weiteren Verlaufe das Lied auch, um mit

dessen Worten seine Empfindung zu entladen.[216] Vor dem Tode drängen

sich die Verse des Liedes in sein Gebet.[217] Was der unbekannte

Dichter in seinem Liede sagt und wünscht, erfüllt sich nach und nach

an Golo; ein Grab unter Weiden, das jener sich wünscht, wird diesem

zutheil. Golo betrachtet schließlich auch selbst das Lied als eine

Schicksalsverkündung und beruft sich auf das Versprechen des Liedes,

das sich an ihm erfüllen soll.[218] So hat das Lied bei Tieck eine

ganz eigene Stellung gewonnen. Wie eine geheimnisvolle räthselhafte

Schicksalsstimme klingt es erst zufällig an Golos Gemüth, wie die

Stimme einer unbekannten Macht, die verborgen die Erlebnisse des

Ritters zu lenken scheint, begleitet es dann Golo bis zum Grabe. Als

schicksalsmäßigen Zuruf an Golo charakterisiert sich das Lied sogar

stilistisch durch den Doppelsinn der Selbstanrede in der zweiten

Person. „Such’ zum Troste dir ein Grab“ sagt zunächst der Dichter

des Liedes zu sich selbst; „Such’ zum Troste dir ein Grab“ sagt das

Lied zu Golo. Nach unmittelbarer, kräftiger Aussprache der Empfindung

strebt Müller, der Dichter der Geniezeit: die geheimnisvoll anklingende

Stimmung und die Kunst der feinen, ahnungsvollen Beziehungen und das

Hereingreifen einer überirdischen Schicksalsmacht in das Menschenleben

interessiert Tieck den Romantiker.

Außer diesem Liede blieben Tieck noch „dunkle Erinnerungen“ vom Ganzen

und klare von einzelnen Stellen des Müller’schen Dramas. Verschiedene

Gestalten nahmen bei Tieck, wie gezeigt wurde, ein anderes Wesen

an, als sie im Volksbuch hatten. Sollten nicht die „Erinnerungen“

an das Drama gleichen Inhaltes als wirkende Kräfte bei diesen

Verschiebungen mitgeholfen haben? Müllers Drama verdankt aber selbst

wieder verschiedene Züge Goethes größeren Jugendwerken „Götz“ und

„Werther“.[219] Die Lectüre dieser nämlichen Dichtungen Goethes ist

auch für den jungen Tieck einst ein Ereignis gewesen. Den „Götz“ soll

er so gut wie auswendig gewusst haben, „Werther“ hatte ihn aufs tiefste

ergriffen. Dies gibt uns ein Recht, hier alle diese literarischen

Erfahrungen Tiecks zusammenzunehmen und beim Vergleiche mit Müllers

Drama ab und zu auch einen Blick auf „Götz“ und „Werther“ zu werfen.

Die innerlich verwandten dichterischen Gestalten mussten auch als

verwandte Erlebnisse und Kräfte in Tiecks Phantasie wirksam sein. Es

wird eine resultierende aus mehreren verwandten Kräften.

Tiecks Golo wird kaum seine Verwandtschaft mit der Gestalt, die Müller

schuf, verleugnen können. Mehr als ein Zug von Familienähnlichkeit

zeigt sich bei näherer Betrachtung. Müllers Golo ist vor seiner

unglücklichen Liebe ein heiterer Ritter, der es versteht, angenehmen

Zeitvertreib zu schaffen.[220] „Er ist auch Maler... Und Musikant;

hat alle Talente.“[221] Seine Sangeskunst übt er gelegentlich aus.

Ganz ähnlich hören wir im Eingange der Tieck’schen „Genoveva“ Golo

schildern und auch dieser übt im Verlaufe des Stückes einzelnes von

dem, was ihm hier beigelegt wird. Ein lustiger Reiter, der sein frohes

Morgenlied singt, galoppiert er ins freie Feld. „Er kann alles,“ --

versichert der Schäfer Heinrich -- „er singt, er musiciert, er kann

Gemälde machen, er tanzt und ist auch ein Dichter“.[222] Tiecks Golo

versteht es ebenfalls, die Menschen froh zu machen.[223] So war ja auch

schon Weislingen im „Götz“ der „edelste, verständigste und angenehmste

Ritter in Einer Person“ vor seiner Liebschaft mit Adelheid. Der „Maler“

endlich geht auch bis auf den „Werther“ zurück.

Die Art, wie der Stürmer und Dränger und der Romantiker die

Liebes-Entwickelung an ihren Helden darstellen, zeigt auch manche

auffallende Berührungspunkte. Aus dem abstoßenden Wüstling der Legende

ist bei beiden Dichtern ein liebenswürdiger Ritter geworden, dessen

erwachende Liebe zunächst eine reine Neigung ist, die mit religiöser

Ehrfurcht zum geliebten Wesen aufblickt und in Ausdrücken religiöser

Verehrung zu demselben spricht. „Götz“ und „Werther“ gehen auch hier

als Vorbild voraus.

~Götz~ (Franz):

„... ich fühlte in dem Augenblick, wie’s den Heiligen bei

himmlischen Erscheinungen sein mag.“

~Werther~:

„Leb’ wohl, Engel des Himmels!“ -- „Lippen! auf denen die Geister

des Himmels schweben.“ -- „... habe ich nicht, gleich einem Kinde,

ungenügsam allerlei Kleinigkeiten zu mir gerissen, die du Heilige

berührt hattest!“

~Müller~:

„Daß ich mich erquicke an ihren Spuren: Das sei es auch alles,

reine Anbetung, wie die Liebe zum schönsten Gestirn, ... so sei

mein Weben stiller Wunsch, Gebet zu ihr!“[224]

~Tieck~:

„Ja, ihr habt recht, ihr seid ein göttlich Bild, Drum muss man euch

Reliquien gleich verehren, Mit stummer Inbrunst und aus frommer

Ferne.“[225]

Müllers Golo wird von einem geheimen Zuge seines Herzens, über

den er sich noch keine klare Rechenschaft gibt, in das Vorzimmer

Genovevas geführt.[226] (Werther.) Auch bei Tieck sieht sich Golo

unvermerkt in der Nähe seiner Geliebten.[227] Überall kämpfen reine

Herzensneigung und Sinnlichkeit zuerst einen harten Kampf. Jeder von

beiden muss sich die Berechtigung seiner Leidenschaft erst einreden.

(Werther--Weislingen.) Jeder möchte der Gefahr entfliehen, aber es

gelingt nicht. (Werther--Weislingen.) Jeder spricht in Liedern von

seinem Liebeskummer zur Geliebten.

Bei der reinen schwärmerischen Liebe bleibt es aber weder in dem

einen noch im andern Falle. Die Leidenschaft wächst und wächst und

wird zum zehrenden Gifte. Nach der fehlgeschlagenen Liebeswerbung ist

Müllers Golo höchst rathlos und muss sich ganz und gar der führenden

Hand Mathildens anvertrauen.[228] Nicht viel besser ergeht es Golo

bei Tieck nach der Porträtscene; auch er wäre ohne seine Amme Gertrud

hilflos.[229] In beiden Helden geht mit der wachsenden Liebe eine

große Veränderung vor sich. Müllers Golo findet an seiner glänzenden

Zukunft kein Interesse mehr.[230] Auch bei Tieck wird dem Ritter

alles zuwider und gleichgiltig, was ihm sonst Freude machte.[231]

(Werther.) Das Problem, wie ein „edler Mann“ durch seine ungezügelte

Leidenschaft so „tief hinuntersinken“[232] muss, wollen Müller und

Tieck[233] entwickeln. Wie der biedere, treue Adolf bei Müller, tadelt

der alte Wolf bei Tieck diese schlimme Veränderung am Verliebten.[234]

(Auch Adelheid an Weislingen.) -- Die Art des Empfindens beider

Liebhaber hat auch viele Ähnlichkeit. Bei jedem entfacht sich eine

tiefe Leidenschaft, die sich wohl in erregten und schwermüthigen

Gefühlswallungen auslebt, dann wieder in weichen Sehnsuchtsstimmungen

versinkend schwelgt, aber es fehlt dabei jeder kräftige Impuls zu

entschlossenem Handeln. Am auffallendsten tritt diese Willensschwäche

allerdings an Müllers Golo hervor, weil neben ihm das willenskräftige

Machtweib Mathilde steht, die ihren weichlichen Schützling Schritt

für Schritt vorwärts führen muss, während Tiecks kraftloser Held

durch kein so übermächtiges Gegenspiel in Schatten gestellt wird.

Beide liebesiechen Ritter gefallen sich in wehmüthigen Todesgedanken.

Es muss aber hier auch angemerkt werden, dass Tiecks Gemüthsanlage

und langgenährte Neigung für düstere Stimmungen dem Vorbilde aus der

Wertherzeit besonders verwandt entgegenkam. Der „Werther“ selbst aber

und verwandte Dichtungen waren für Tiecks Gemüth nicht ohne Einfluss.

Müllers Golo sieht, nachdem er verschiedene Unthaten begangen hat und

von Gewissensbissen gepeinigt wird, mit seinem überreizten Gehirn

Gespenster,[235] er wüthet gegen die eigenen Freunde und Helfershelfer,

er reißt Steffen zu Boden[236] und sticht nach Mathilden.[237] Vom

Gespenstersehen zeigt sich bei Tieck nur noch eine schwache Spur,[238]

wohl aber stürzt auch Tiecks Golo seinen einzigen treugebliebenen

Benno, der die Rolle Steffens theilweise übernommen hat, in einem

dumpfen Wuthanfall in den Abgrund.[239] -- Schon bei Müllers Helden

(Weislingen -- Werther) legt sich die Liebesleidenschaft mit so

unwiderstehlicher Gewalt auf die Seele, dass sich der Unglückliche

unter dem Banne einer unbezwingbaren Schicksalsmacht fühlt.[240] Wie

verwandt gerade diese Auffassung Tiecks eigener Anschauung war, zeigte

schon die Betrachtung des traurigen Liedes und verschiedene andere

Dichtungen bestätigen es. In „Abdallah“, „Lovell“, „Karl von Berneck“

herrschen dunkle Gewalten über die Menschen, über Menschen, in denen

sich keine eigene spontane Willenskraft zu regen scheint, sondern eine

elementare geheime Naturgewalt bewegt sich in ihnen. Diese fremdartige

Gemüthsrichtung Tiecks ist auch in der „Genoveva“ dort wirksam, wo

sich Golo von einer dunkeln, unüberwindlichen Macht fortgestoßen

fühlt.[241] Die literarischen Vorbilder nährten und entwickelten Tiecks

Gemüthsrichtung selbstverständlich.

Jene Episode, die bei Müller Golos Zusammentreffen mit dem Schäfer

Brandfuchs schildert und das Los des unglücklichen Ritters mit

dem harmlosen Glück des anspruchlosen Schäfers contrastiert,[242]

scheint nicht ohne Einfluss auf Golos Zusammentreffen mit dem

Schäfer Heinrich bei Tieck[243] geblieben zu sein. Jedesmal drängt

sich auch das Erinnern an die vergangenen Zeiten und damit die

gleiche Wehmuthstimmung ein. Tieck liebt solche Contraste und solche

Stimmungsbildchen freilich noch mehr als Müller. -- Müllers Golo wird

von den racheheischenden Rittern, mit denen er zur Jagd ausgezogen

ist, wirklich gejagt wie ein Wild.[244] Tiecks Ritter fühlt sich nur

wie ein gehetztes Wild.[245] Die wiedergefundene Genoveva erscheint

dort Golo wie eine auferstandene Todte[246] (Weislingen--Maria): hier

wie ein Traumbild.[247] Diese Abschwächung der äußeren, drastischen

Handlung zur inneren Stimmung, des gestaltlich Greifbaren ins dämmernd

Unbestimmte des Traumes entspricht wieder ganz der Neigung des

romantischen Dichters. Die Verwendung des begleitenden Liedes in der

Weise Müllers verlangte auch die gleiche Situation und Stimmung für die

Todesscene Golos bei Tieck: unter dunkeln Weiden im einsamen Thale.

Wie hier das einemal Golos Gegner ritterlichen Tod und Begräbnis

verweigern, so verweigern Siegfrieds Bruder und Vetter das anderemal

(abweichend vom Volksbuche) das ehrliche Begräbnis. Müllers Golo

erreicht aber mit Gewalt,[248] was Tiecks Golo erbittet.[249] Wieder

ein Entfernen des Drastischen.

Lassen sich die Einwirkungen des Müller’schen Helden vielfach deutlich

verfolgen, so sind die Nachwirkungen der Genovevagestalt Müllers auf

ihre Nachfolgerin lange nicht so beträchtlich. Begreiflich, die ganz

verschiedene Auffassung dieser Gestalt bei beiden Dichtern erklärt

es. Dort und da nur blickt das Vorbild noch ein wenig hervor. Den

glücklichen poetischen Griff, den Müller thut, wenn er seine Genoveva

voll trüber Ahnung ihren Gatten dringlich bitten lässt, dass er sie

mit in den Krieg nehme,[250] hat auch Tieck sofort empfunden und ihn

für seine Heldin gleichfalls verwendet.[251] Tieck lässt aber wieder

die trüben Stimmungen und Ahnungen, wovon die Abschiedsscene erfüllt

ist, die bei seinem Vorgänger nur kurz anklingen, lange und behaglich

austönen. -- Müllers Genoveva ist von argloser, naiver Gemüthsart und

schürt ohne Wissen und Absicht Golos Liebe wie Tiecks höchst naive

Heilige, wenn auch Tieck diese Naivetät und Arglosigkeit in einer Weise

ausnützt, die das psychologisch Glaubhafte übersteigt. Das unbefangene,

frische und heitere Gebaren Genovevas in der Porträtscene[252] bei

Müller sowie in der Unterhaltung mit Mathilden in der Balkonscene[253]

konnte recht wohl der Heldin Tiecks für ihre arglose Theilnahme, für

ihr Zutrauen zu Golo ein wenig die Richtung angegeben haben.[254]

Naivetät und Unschuld verbinden sich dort wie hier. Über Golos

Traurigkeit äußern sich beide Frauen recht ähnlich. Das Volksbuch gab

Tieck für diese Einzelzüge keinen Wink. -- Bei Müller und bei Tieck

singt die Mutter im Kerker ihrem Kinde ein Schlummerliedchen.[255]

Tiecks Siegfried erinnert an sein Vorbild besonders durch das, was

ihm fehlt, nämlich Temperament und warmblütiges, individuelles Leben.

Siegfried ist jedesmal ein herzlich unbedeutender biederer Ehemann und

tüchtiger Kriegsmann, der nur dann ein wenig ins Feuer geräth, wenn

er von der Untreue seiner Frau hört oder Golo entlarvt sieht. Tiecks

Siegfried ist daneben ein wenig fromm, abergläubisch und sentimental;

nichts in hervorstechendem Grade. Die Farben haben überall etwas

Mattes, Verblichenes. Jeden von beiden beschleichen im Lager trübe

Ahnungen.[256] Der Ausdruck ihrer Trauer um die verlorne Gattin ähnelt

sich.[257] Der Gedanke Bernhards über die untreue Frau bei Müller[258]

geht bei Tieck auf Siegfried über.[259]

Golo bekommt als gesinnungstreuen Diener und Helfershelfer bei Müller

den derben Kerl Steffen, der ein gut Theil des volksthümlichen

Hanswurstes in sich birgt, an die Seite und beim Ritter Tiecks

vertritt Benno dessen Stelle. Benno, obschon ein etwas weniger

ruppiger Bursche als Steffen, müsste sich doch mit diesem ganz

trefflich verstehen. Denn, wenn Steffen auf „Fressen und Saufen“

hält,[260] so findet auch Benno beim Essen und Trinken am besten seine

Rechnung[261] und „Wohlanständigkeit“ mag er dabei nicht leiden.[262]

-- Beim Überfall auf Dragones und Genoveva erscheinen „Mathilde mit

Knechten und Steffen“.[263] Ebenso tritt bei Tieck Golo ein „mit

Benno und anderen Knechten“.[264] -- Steffen und Benno werden als

Boten mit der verleumderischen Nachricht an Siegfried geschickt.[265]

Steffens Geldgier[266] verunziert, wenn auch in etwas minderem Grade,

Benno.[267] Steffen und Benno bleiben bei Golo, nachdem sich dieser

von Siegfrieds Hofe geflüchtet; beide werden von ihrem Herrn übel

behandelt.

Ist Steffen-Benno eine Art Vertrauter für Golo, so ist es wenigstes

anfangs Mathilde-Gertrud für Genoveva. Der Dichter des Sturmes und

Dranges macht, um den dramatischen Conflict zu verschärfen, die Amme

der Legende zu Golos Mutter, während Tieck, der Legende folgend, die

Amme beibehält. Das Weib voll dämonischen Zaubers, voll Thatkraft,

Leidenschaft und Rücksichtslosigkeit, das Machtweib, das die Männer um

sich her in den Untergang reißt, wie Mücken, die sich in die Flamme

stürzen, verblasst zwar ganz in der Phantasie des Romantikers,[268]

doch einige erkennbare Nachwirkungen dieser überaus lebendigen

Gestalt vererbten sich immerhin auf die Amme Gertrud. Während die

Amme des Volksbuches erst nach der Einkerkerung Genovevas in die

Handlung eintritt, greifen Mathilde und Gertrud schon früher in

Golos Liebesangelegenheit ein. Beide Dichter erweitern also die

Rolle im gleichen Sinne. Mathilde macht dem verliebten Golo Hoffnung

auf Erfüllung seiner Wünsche,[269] sie sucht ihm seine Schwermuth

und seine Todesgedanken auszureden und belehrt ihn über die leichte

Besiegbarkeit der Frauen;[270] all das thut auch Gertrud.[271] Mathilde

und Gertrud missbilligen Golos unüberlegtes, rasches Darauflosgehen

bei der Liebeserklärung.[272] Beide wecken in ihrem Liebling aufs neue

die schlummernde Leidenschaft, nachdem sich diese unter dem ersten

Misserfolge scheu zurückgezogen hatte. Doch Gertruds Einfluss ist lange

nicht so energisch vorwärtstreibend wie der Mathildens. Gertruds Thun

beschränkt sich auf ein Rathen, Vermitteln, Forthelfen. Mütterliche

Liebe und Theilnahme für Golo entfaltet auch Gertrud, obschon sie bloß

seine Amme ist. Müller und Tieck suchen das Widerliche an der Art der

Amme, wie sie das Volksbuch vorführt, zu beseitigen und geben dem an

sich unschönen Charakter eine verständlichere ethische Grundlage. Was

Tieck von Müller übernimmt, sind äußerliche Züge. Das innere Wesen

des „Machtweibes“ aus der Geniezeit, dämonische Schönheit, zügellose

Sinnlichkeit, rücksichtslose Thatkraft, ein Übermenschenthum, das sich

„jenseits von Gut und Böse“ ansiedelt, all diese hervorstechenden

Züge haben an Tiecks Gertrud keine Spur zurückgelassen. So kommt es,

dass bei Tieck wie im Volksbuch wieder Gertrud sich um eine bessere

Verpflegung der gefangenen Wöchnerin bemühen kann,[273] während dies

bei Müller eine Gärtnersfrau thun muss. Wenn Gertrud zu Golo sagt:

„Ihr müsst durch die rauhe Zeit hindurch“ so eignet sie sich ein

Lieblingswort Mathildens an, aber das an sich kräftige Wort verliert

seine Kraft im Munde einer Gertrud. Diese wird schließlich „krank in

ihrem Wahnsinn“ und verschwindet dann gänzlich aus dem Drama. Diese

Nachricht, dass Gertrud hinter der Scene im Wahnsinn liege, ist auch

nur ein blasser Reflex der grellen Sterbescene Mathildens.[274] Nach

dem Höhepunkte der Verwickelung tritt Mathilde etwas, Gertrud ganz

zurück. Mathilde und Gertrud sind also bei beiden Dichtern ähnlich

zwischen Golo und Genoveva gestellt. Überall werden sie aus Vertrauten

der Gräfin Genoveva zu deren Verfolgerinnen, und zwar immer dem

vergötterten Schützling zuliebe.

Treu zu Genoveva halten bei Müller Adolf, Dragones und die

Gärtnerfamilie, bei Tieck Wolf, Drago, Wendelin, Heinrich und Else.

Müllers Adolf, der alte biderbe Ritter und Schlosshauptmann, der

gerne mit in den Mohrenkrieg zöge, wenn es in seinem Alter noch

angienge,[275] ist derselbe Typus des alten treuen Unterthanen

auf der Burg wie Tiecks Wolf, der nicht minder gern mit Siegfried

ziehen möchte,[276] der sich ebenso närrisch über den heimgesandten

Mohrensäbel freut[277] wie Adolf über den von seinem künftigen

Schwiegersohne erbeuteten „Türkensäbel“.[278] Bei Müller wird dies

Motiv weiter verwendet, bei Tieck verschwindet es ohne Spur aus der

Dichtung. Adolf und Wolf tadeln Golos, des Liebeskranken, verändertes

Wesen.

Drago ist bei Tieck ganz nach dem Volksbuch gearbeitet. Er übernimmt

außerdem eine religiöse Rolle, während ihn Müller fast ganz

verweltlicht.

Der Schäfer Brandfuchs singt einmal vor Golo das traurige

Liebeslied,[279] ebenso der Schäfer Heinrich bei Tieck.[280]

Die beiden Mörder, die Müller nach Shakespeare’scher Weise

einführt[281] und deren Charakterverschiedenheit die Legende nur

flüchtig andeutet, wirkten außer den Shakespeare’schen jedenfalls auf

die beiden Gesellen bei Tieck nach.[282] Überall ist der eine ganz

hart und fühllos, der andere menschlicher gesinnt; überall müssen sie

sich für ihr Geschäft Muth antrinken. Tieck mildert aber das Rohe und

Derbrealistische seines Vorgängers um viele Grade, wenn auch einiges

davon in der Trinkscene und in Bennos sonstigen Reden übrig bleibt.

Weniger deutlich als für die Charaktere und ihre Gruppierung, lässt

sich Müllers Vorbild im scenischen Aufbau des Tieck’schen Dramas

verfolgen. Da die erste Anregung zur Behandlung der Genoveva-Legende

für Tieck von Müller ausgieng, so muss allerdings das eine auch

festgehalten werden, dass Tieck von Müller lernte, Verschiedenes aus

Shakespeare, „Götz“ und „Werther“ in die Dramatisierung des Volksbuches

hereinzunehmen. Wie viel für den raschen Scenenwechsel sowie für die

Art des sorgfältigen Wiedergebens aller nur möglichen Vorgänge vor

den Augen des Zuschauers und des Zeitausfüllens für Vorgänge hinter

der Scene bei Tieck auf Shakespeare zurückzuführen ist, wie weit

dafür im einzelnen Falle Müller oder Goethe in Betracht kommen, lässt

sich meines Erachtens nicht mehr feststellen, da der junge Goethe und

Lenzens Dramen Tieck längst ebenso vertraut waren als Shakespeares

Werke. Das nämliche gilt von der Einführung episodischer Figuren und

paralleler Nebenhandlungen. All das sind eben Bestandstücke, die

ebenso in Shakespeares Technik wie in jener der Stürmer und Dränger

wiederkehren. Freilich wird man am liebsten immer zuerst an Shakespeare

denken, wenn man Tiecks Begeisterung für diesen Dichter sich vor Augen

hält.[283]

Für die Ausführung der Abschiedsscene bei Tieck scheint Müller’scher

Einfluss nicht gerade ausgeschlossen. Denn auch Müller macht schon

aus dem einfachen Abschied der Legende eine bunte Gruppe von Scenen.

Zwei davon sind als Abschiedsscenen in Parallele gestellt. Von hier

ausgehend, reiht Tieck noch weitere Abschiedsscenen aneinander. Müllers

breit gerathene Aufbruchsscenen sind aber neben Tiecks Schilderung des

Abschiedes fast knapp zu nennen.

Die Hingabe an die Natur und ihre Stimmung, die bei Müller, Goethe

und Shakespeare bezeichnend hervortritt und die Art dieses Dichters,

die Natur als Umgebung und Hintergrund für seelische Vorgänge wirksam

zu benützen, konnte für Tieck außer seiner eigenen Neigung ein Anlass

mehr sein, seine „Genoveva“ reichlich mit Naturstimmung zu durchweben

und landschaftliche Hintergründe für gewisse Scenen zu schaffen.

Die Balkonscene mit Serenade und Sommernachtzauber im Müller’schen

Drama[284] konnte von Tieck unmöglich übersehen werden. Daneben musste

sich dann auch das Original bei Shakespeare von selbst einstellen.

-- Müllers Adam sagt einmal vor Genovevas Gefängnis:[285] „Soll denn

die Sonne scheinen jetzt? Möchte auch nicht scheinen, wenn ich Sonne

wäre, herunter auf diesen jämmerlichen Erdball.“ Ähnlich spricht Tiecks

Genoveva zu ihren Henkern:[286]

„O seht, die Sonne will nicht niederscheinen

Auf solche That, es will das Aug’ der Welt

Nicht sehn, was euch auf immer nagen würde.“

Hier müssen wir noch einen Blick auf „Werther“ werfen,[287] dessen

Bedeutung für die Entwickelung des Naturgefühles in der deutschen

Poesie nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Werther sieht die

Naturumgebung immer im Lichte seiner Stimmung. Wenn auch nicht mit

gleich tiefem Gemüthsantheile, so doch in verwandter Art fühlt Golo

seine Empfindung in die Natur hinein. Die Todessehnsucht Golos, den der

Wasserfall in seine Tiefe herabzulocken scheint, geht ohne Zweifel auf

Werther’sche Empfindungen zurück. Werther schreibt: „Ach mit offenen

Armen stand ich gegen den Abgrund und athmete hinab! hinab! und verlor

mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinabzustürzen!

dahinzubrausen, wie die Wellen!... O Wilhelm! wie gern hätte ich mein

Menschsein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde die Wolken zu zerreißen,

die Fluten zu fassen!“ Golo:[288]

„Geh’ ich den tiefen Wasserfall vorüber

Und höre unten seine Wellen brausen

Und sehe den lebend’gen mut’gen Schaum

Und wie der Strom sich weit hinunterreißt:

Ich kann nicht sagen, welch ein tief Gelüst

Mich dann befällt, in die Strudel abzuspringen,

Daß sie mich unterwälzen und verschlingen.“

Der unglückliche Werther läuft in den Wäldern herum und stürzt in

den Sturm hinaus. Der abgewiesene Golo ruft:[289] „Hinaus! dem Winde

sei ein Spiel, den Regenwolken und dem Blitz ein Ziel!“ Werther

verkehrt gerne mit einfachen Leuten, die der Natur nahestehen, die dem

überfeinerten Menschen als unverfälschte Natur erscheinen und macht

sie zutraulich: Golo thut das nämliche.[290] Die Empfindungsweise, die

hauptsächlich von Rousseau ausgieng, sendet ihre schwächeren Wellenzüge

bis in die romantische Dichtung herüber.

Ahnungen und Träume spielen bei Müller (dem wieder „Götz“ und „Werther“

vorangehen) ihre Rolle. Diese Elemente waren aber besonders geeignet,

Tiecks Phantasie an einer sehr empfänglichen Seite zu berühren. Ahnung

und Traum haben in seiner „Genoveva“ auch eine bedeutende Stelle.

Wackenroder, Novalis und Tieck sind es, die mit großer Vorliebe in

diesen geheimnisreichen Kreisen unseres Seelenlebens verweilen.

Schwer lassen sich die Einflüsse nachweisen, welche für das ritterliche

Costüm, besonders für Tiecks Kriegsdarstellung maßgebend waren. Der

„Kreuzzug“ gegen die Saracenen, der breitangelegte Auszug der Ritter in

den Krieg sowie die Lagerscenen bei Müller schlagen schon die Richtung

der Ritterdramen ein. Das Leben und Treiben auf der Burg, wie es Müller

schildert, konnte Tieck einzelne Winke geben und diese Scenen waren

geeignet, Tieck, der nun einmal für das Altdeutsche ein hohes Interesse

und warmes Gefühl hegte, zu veranlassen, dieses ritterliche Costüm noch

weiter auszuführen. An Anregungen verschiedener Art fehlte es für Tieck

hier nicht, da er die Herrschaft der Ritterstücke auf der Bühne selbst

als junger Mensch miterlebt hatte. Und lassen wir die Dutzendware

der Ritterdramen und Ritterromane beiseite, so müssen wir wieder

hervorheben, dass Müller Tiecks associierende Erinnerung naturgemäß

auf „Götz“ und Shakespeare zurückführen musste. Schlachtscenen,

nächtlicher Kampf und Brand, der Contrast ehrlicher Ritter und falscher

Feinde begegnete ihm im „Götz“. Noch mehr Schlachtscenen fand er bei

Shakespeare. Wenn Tieck auch im allgemeinen mehr Sorgfalt für das

alterthümliche Costüm und Colorit verwendet als Müller, so darf man

doch auch bei ihm nicht zu viel erwarten. Das Costüm bleibt auch für

ihn Nebensache, untergeordnetes Mittel zum Zweck, ein Mittel nämlich,

die Stimmung des Alterthümlichen zu erregen.

Als „klare Erinnerungen von einzelnen Stellen“ des Müller’schen

Werkes ließe sich noch dies und jenes ansprechen. Die Nachrichten vom

Kriegsschauplatze und das Heimsenden von Beutestücken gehen offenbar

auf das gleiche Motiv des Vorläufers zurück.[291] Tieck beachtet aber

den ursprünglichen Zweck und Sinn desselben, einen Contrast gegen

Golos unthätiges „Verliegen“ auszudrücken, nicht mehr weiter. Er nimmt

es als bloße Decoration für den Augenblick in sein Stück auf. Der

Jagdscene mit dem Jagdliede bei Müller[292] entspricht die Jagdscene

mit dem Liede bei Tieck.[293] Wie bei Müller Siegfrieds Vettern als

Veranstalter der Jagd erscheinen,[294] so bei Tieck Siegfrieds Bruder

und Vetter Kunz.[295] Der Inhalt des Reinigungsbriefes wird überall,

abweichend vom Volksbuch, erst nach seiner Auffindung mitgetheilt und

erscheint an einer dramatisch wirksameren Stelle. Namen und Namensform

entlehnt Tieck nicht von Müller, wo er vom Volksbuch abweicht. Der

Name „Wolf“ aber, der im Ritterdrama für alte Diener, Burgvögte und

Leibknappen beliebt ist,[296] deutet darauf hin, dass Tieck wohl auch

die anderen gut altdeutsch klingenden Namen Otho, Günther, Kunz,

Gertrud u. s. w. in ähnlicher Absicht, wie die Ritterdramendichter

einführt.

* *

*

Betrachten wir das Müller’sche Gut und Eigenthum in Tiecks Drama,

so will es in der That scheinen, die Vorwürfe, die Tieck einst

wegen begangenen Plagiates zu hören bekam, seien doch nicht so ganz

unberechtigt gewesen und Tiecks Bezeichnung dieser Entlehnungen als

„dunkle Erinnerungen vom Ganzen und klare von einzelnen Stellen“ sei

viel zu liebevoll und selbstgerecht. Dass Tieck in recht schonender

Weise, weil in eigener Sache, spricht, kann nicht geleugnet werden, ist

aber nicht allzuschwer begreiflich. Von einem Plagiate im gewöhnlichen

üblen Sinne des Wortes darf man aber hier so wenig reden, als etwa bei

Lessings vielberufenen Entlehnungen. Die zusammengelesenen Steinchen

machen noch lange nicht das Mosaikbild aus und all die entlehnten

Motive und Charakterzüge (und wäre selbst ein halbfertiger Charakter

wie Golo darunter) noch weniger Tiecks ganze Dichtung.

Wenn Tieck die verschiedenen Anleihen, die er bei Müller macht, nur

als „dunkle Erinnerungen...“ behandelt, so lässt sich auch für diese

Bezeichnung eine wohlwollendere Erklärung, als die seiner einstigen

Gegner, finden. Tiecks Dichten gieng auch nicht „vom Buche zum Buche“,

sondern „vom Leben zum Leben“, d. i. in diesem Falle vom inneren Erleben

in der Phantasie zum Neuschaffen aus der Phantasie. Theater, Bücher und

Kunst bieten Tieck die meisten Anregungen. Ganz anders, wie bei Goethe,

dessen Poesie mehr dem Leben als den Büchern verdankt. Wenn Tieck

„Götz“, „Werther“, Müller, Shakespeare u. s. w. liest, so leben ihm die

Gestalten der Dichtungen leibhaftig in klarer Vision auf und besonders

diese Gestalten haften in seiner Erinnerung mehr oder weniger lebendig,

nicht aber die einzelnen Verse und Zeilen des Buches. Wenn dann Tieck

das Volksbuch las, konnten sich recht gut Müllers Golo und von diesem

herbeigerufen, Weislingen, Werther und andere Figuren einstellen

und mit den aus dem Volksbuch aufwachsenden Gestalten unvermerkt

zusammenfließen oder den Gestalten des Volksbuches eine bestimmte

Färbung verleihen, ohne dass Tieck selbst es irgendwie deutlich merkte.

Dass dabei auch einzelne Verse, Sätze, Bilder... sich bald klarer, bald

minder klar reproducierten, hat nichts Auffallendes. Wollte Tieck,

der die nämliche Legende dramatisch bearbeitete, die er schon einmal

dramatisiert gelesen, jedes Nachwirken des Vorgängers genau vermeiden,

er hätte Schritt für Schritt eigens gegen Erinnerungs-Contrebande

kämpfen müssen. Dazu wäre zum mindesten auch nöthig gewesen, dass

ihm jemand Müllers Manuscript, das er ein Jahr vorher gelesen hatte,

zu beständigem gewissenhaften Vergleichen auf den Schreibtisch gelegt

hätte.

Neben der im ganzen identischen stofflichen Grundlage, die beiden

Dichtern gemeinsam ist, kommt hier auch eine Art geistiger

Verwandtschaft der Dichter selbst in Betracht. Diese äußerte sich

in dem auffallend lebhaften Interesse, das Tieck stets für Müller

hegte.[297] Vorliebe für das mittelalterliche Ritterleben und für

Volksthümliches, die Neigung zum Lyrischen und Musikalischen,

Verehrung Shakespeares und des jungen Goethe, ein reger Natursinn

bieten in der That mannigfache Berührungspunkte. Es war daher mehr

als ein bloß geistreicher Einfall, wenn man Müller den „Romantiker

der Sturm- und Drangperiode“ nannte, wie Hettner that. Behält man

diese innere Verwandtschaft beider Dichter im Auge, so erscheint es

auch um vieles verzeihlicher, wenn Tieck manches in seiner „Genoveva“

als rechtmäßigstes Eigenthum ansprechen mochte, was es vielleicht in

Wirklichkeit nur zur Hälfte war und seine beharrliche Abwehr jeder

Plagiatbeschuldigung wird um so begreiflicher. Unter solchen Umständen

darf man wohl glauben, dass Tieck bona fide nur das herübergenommene

Lied als nennenswerte Entlehnung betrachtete. Ein sorgfältiges

Vergleichen seiner „Genoveva“ mit Müller und den anderen literarischen

Vorbildern hätte Tieck später, als er dem eigenen Werke schon recht

objectiv gegenüberstand, zu einer exacteren Sprache bewegen können.

Gute Gelegenheit dazu hätte er gefunden, da er als erster Müllers

Drama herausgab. Fühlte er sich aber des Plagiates schuldig, so hätte

er die Herausgabe besser im eigenen Interesse unterlassen. Seine

„Vorberichte“, die viele wertvolle Erinnerungen an seine dichterische

Laufbahn enthalten und uns viele Aufschlüsse über das Wesen seiner

Kunst gewähren, machen nicht den Eindruck, als ob Tieck je mit so

ängstlicher philologischer Genauigkeit zuwerke gegangen wäre. Nicht zu

vergessen, dass fast drei Decennien vorüber waren, als er darangieng,

seine einstigen dichterischen Stimmungen und literarischen Beziehungen

aus der Erinnerung darzustellen.

Wie Tieck an dem, was er von Müller übernimmt, in seiner Art an

allem Drastischen und Kraftvollen mildernd und abschwächend änderte

(also ganz ähnlich wie beim Volksbuch), wie er Ahnung, Traum

und Naturstimmung, also gerade jene Dinge, die seinem Empfinden

wahlverwandt entgegenkamen, aufnahm und liebevoll erweiterte, wie er

selbst dem begleitenden Liede, das er absichtlich und mit Bewusstsein

entlehnt, eine andere Stellung in seiner Dichtung anwies, sahen wir im

Verlaufe der Untersuchung. Das Wichtigste und Bemerkenswerteste bleibt,

dass durch alle Entlehnungen aus Müller das Gesammtbild der Tieck’schen

„Genoveva“ und die Gesammtauffassung derselben nicht wesentlich

bestimmt wird. Alles dient nur zur Ergänzung und Ausfüllung der Legende

des Volksbuches. Motive und Vorstellungen, die Tieck von außen her

aufnimmt, gehen außerdem immer durch das Medium seiner Individualität

hindurch und müssen sich der Auffassung des Ganzen unterordnen und

diese Gesammtauffassung der Legende bei Tieck ist von der Müllers so

verschieden, als eben Geniezeit und Romantik bei allen gegenseitigen

Berührungspunkten doch immer verschieden sind.

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 29 / 45 题