II.

Das Volksbuch als Quelle von Tiecks „Genoveva“.

Das Volksbuch bildet nach Tiecks eigener Andeutung den Stamm, an den

sich verschiedene andere Theile und Theilchen seines Dramas ansetzen.

Unsere erste Frage muss daher die nach dem Verhältnisse des Volksbuches

zu Tiecks Neudichtung sein. Dieser Untersuchung wird ein Druck der

Legende, wie er am Ende des vorigen Jahrhunderts umgieng, zugrunde

gelegt und zwar ein Druck jener Fassung, die auf die Martin Cochem’sche

Bearbeitung zurückgeht.[106] Es wird sich kaum authentisch feststellen

lassen, welcher Druck Tieck 1798 in die Hände fiel. Dies verschlägt

jedoch wenig für eine derartige Untersuchung, da diese Volksbücher

in ihrem inhaltlichen und vielfach auch im sprachlichen Bestande zu

den conservativsten Elementen unserer Literatur gehören. Die Wahl der

Grundlage für diese Untersuchung muss eigentlich erst die Untersuchung

selbst rechtfertigen.

Der Abschied.

_Volksbuch, 3 ff._ Die schlichte Erzählung des Volksbuches beginnt

mit der glücklichen Ehe, die Graf Siegfried mit Genoveva, der

Herzogstochter von Brabant, geschlossen hat und dem Aufgebote des

Frankenkönigs „Marcellus“, das Siegfried von der Seite seiner geliebten

Gemahlin hinweg in den Mohrenkrieg ruft. Denn der Mohrenkönig

„Abdarodam“ ist in Spanien eingefallen und bedroht Frankreich. Der

Abschied Siegfrieds von Genoveva ist überaus schmerzlich und kostet

die junge Frau eine zweifache Ohnmacht. Siegfried sucht sie zu trösten,

gibt ihr seinen treuesten Diener Golo an die Seite und reißt sich los.

_Tieck_. Die äußere Lage der Dinge, den drohenden Mohrenkrieg und

Karl Martells Aufgebot, das Siegfried zu den Waffen ruft, nimmt Tieck

mit kleinen Erweiterungen in den Prolog auf.[107] Aus dem einfachen

Abschiede des Volksbuches, dessen einzelne Motive beibehalten werden,

entsteht ein reicher Complex von Abschieds-Scenen.[108] Eine kirchliche

Abschiedsfeier, ein häuslich-familiärer Abschied Siegfrieds von

Genoveva. (Mit Recht lässt es Tieck bei einer einmaligen Ohnmacht

bewenden.) Von Siegfried verabschieden sich auch seine Untergebenen,

Drago der Haushofmeister, Wolf, ein alter Ritter, und Golo, der zum

„Vogt“ über Siegfrieds Haus bestellt wird. Das Abschiednehmen pflanzt

sich noch in die unteren Schichten der Unterthanen Siegfrieds fort.

Der Köhler Grimoald sagt wehmüthig seinem Sohne Traugott Lebewohl.

Endlich erfahren wir noch den Eindruck des Abschiedes auf den Schäfer

Heinrich und seine Geliebte Else. Zwischen den kirchlichen und

häuslichen Abschied fügt Tieck ein Schäfer-Idyll ein, in dem nur ein

paar Erwähnungen des großen Abschiedes auf dem Schlosse uns leise an

die Hauptsituation erinnern. Es ist ein genrehaftes Stimmungsbild und

macht den Leser mit Golo, Golo selbst mit einem traurigen Liebesliede

bekannt, das ihn tief und räthselhaft ergreift. Ein wenig vom Vorleben

Genovevas erfahren wir beim Abschiede und abweichend vom Volksbuche

lässt Tieck sie eine Waise (damit man leichter erklärlich finde, warum

ihr gar niemand in ihrem Elende zuhilfe kommt) und eine Herzogstochter

von Burgund sein.[109] Den verballhornten Namen gibt Tieck eine bessere

Gestalt.

Der Krieg.

Das Volksbuch erzählt die Schicksale Siegfrieds im Kriege und die

Begebenheiten daheim auf dem Schlosse synchronistisch, bis mit

Siegfrieds Rückkehr sich beide Fäden wiedervereinigen. Ebenso sucht

Tieck den gleichzeitigen Fortgang der Ereignisse zu Hause und im Kriege

dadurch in seinem Drama vorzuführen, dass er mit größter Freiheit des

Scenenwechsels uns bald auf den einen, bald auf den anderen Schauplatz

führt.

_Volksbuch, 5_. Nach dem Eintreffen Siegfrieds und der anderen Fürsten

und Herren im Lager des Königs „Marcellus“ geht es in die Schlacht. Das

Christenheer besiegt die Mohren trotz ihrer Übermacht. Von den Mohren

fallen beiläufig fünfmal soviel als überhaupt kämpfen! Die Geschlagenen

fliehen in die Stadt „Arion“ (jedenfalls ein Druckfehler für das

spätere „Avion“ S. 15). Die Belagerung der Stadt bringt es mit sich,

dass Siegfried „über ein Jahr“ länger als er dachte, ausbleiben muss.

„In Gott und dem heiligen Gebet“ sucht indessen Genoveva ihren Trost.

_Tieck_. Von Karl Martell wird Siegfried als der letzte, weil

entfernteste, erwartet. Diese Zeit des Wartens verkürzt uns der Dichter

durch Vorführung verschiedener Lagerscenen. Wir lernen in der ersten

derselben den blindgehorsamen Otho und einen raisonnierenden Hauptmann

kennen, dann gleich in der nächsten Scene den großen, klugen Feldherrn

Karl Martell selbst. Neben diesem steht der feurig vorstürmende,

junge Herzog von Aquitanien, der von künftigem Kriegsruhme träumt. Es

erscheinen die anmaßenden, stolzen Gesandten des Mohrenfürsten, die von

Karl gebürend abgefertigt werden. Nun kommt auch Siegfried an und Karls

Streitmacht ist damit beisammen. Die Schlacht könnte beginnen.[110]

Tieck wirft aber noch zuvor einen Blick nach Siegfrieds Schloss,

wo Genoveva beständig an den Gatten denkt und wie im Volksbuch in

Andachtsübungen und Bibellesen Trost sucht, wo Golo bereits in seine

Herrin verliebt ist und Wolf, der alte Ritter, seine unheimlichen

astrologischen Neuigkeiten zum besten gibt.[111]

Nach diesem Intermezzo eröffnet sich eine Nachtscene im saracenischen

Lager. Abdorrhaman, der Feldherr, ertheilt seine Befehle. Zulma, seine

Geliebte, ist ihm in Kriegerkleidung nachgeeilt, ohne von ihm sogleich

erkannt zu werden. Abdorrhaman trägt sich mit ehrgeizigen Plänen und

will sich von seinem Kalifen lossagen.[112]

Mit einer ähnlichen Versuchung ringt Karl Martell. Für ihn ist es

nämlich ein verlockender Gedanke, sich die fränkische Königskrone aufs

Haupt zu setzen, nachdem er doch thatsächlich bereits die königliche

Macht in Händen hat. Er überwindet die lockenden Einflüsterungen des

Ehrgeizes.[113]

Nun beginnt der Kampf der beiden Heere. Es eröffnet sich ein weites,

reichangelegtes Schlachtbild.[114] Zuerst fliehende Saracenen, deren

Muth durch die Tapferkeit ihres Führers neu belebt wird. Das Kampfglück

wechselt. Die Christen fliehen und der jugendliche, unvorsichtige,

voreilige Aquitanien wird gefangen. Nach den Massenscenen folgen

Einzelkämpfe. Ein Vierkampf: Abdorrhaman-Zulma gegen zwei Franken. Die

Befreiung des Herzogs von Aquitanien. Kleine Ruhepause. Zweikämpfe

zwischen Otho und Derar, zwischen Aquitanien und Abdorrhaman.

Schließlicher Sieg der Christen. Nach der Schlacht eine tragische

Liebes-Episode zwischen Zulma und Aquitanien. Tieck aber verfolgt das

Thema: Krieg und Schlacht noch weiter. Nach vollendeter Feldschlacht

gegen den äußeren Feind erscheint in der Ferne der Aufruhr im eigenen

Lande des Herzogs von Aquitanien einerseits; andererseits kommt „ein

Unbekannter“ voll mysteriöser Gelehrsamkeit zu Karl Martell und

entwickelt in prophetischer Rede die welthistorischen Folgen der großen

Schlacht, die eben geschlagen wurde. Noch immer ist Tieck nicht zu

Ende. Thun wir einen Blick in seine Dichtung nach vorwärts, so sehen

wir das Kriegsmotiv noch weiter fortgeführt. Nach dem Kriege im offenen

Felde erleben wir die Belagerung von Avignon.[115] (Die Belagerung von

„Avion“ erwähnt auch das Volksbuch im Vorübergehen.) Das Motiv erzeugt

auch in seiner neuen Wendung Scene auf Scene. Die Mohren sind in einer

ihnen feindlichen Stadt eingeschlossen, deren Bürger die Übergabe

wünschen. Die Mohren planen einen Ausfall und setzen ihn ins Werk.

Nächtlicher Kampf im Lager. Zuerst die Christen in Bedrängnis, danach

siegend. Der sterbende und der verwundete Krieger (Otho und Siegfried).

Kampf in der Stadt. Zweikampf zwischen Karl und Ali. Nächtlicher Brand

in Stadt und Lager. Die Bürger übergeben ihre Stadt den befreundeten

Belagerern.

Was ist hier aus dem kahlen Berichte des Volksbuches nicht alles

geworden! Hier wie in den Eingangs-Scenen der „Genoveva“ wurde

thatsächlich die Imagination des Dichters derart „in Bewegung gesetzt“,

dass aus den einfachen Thatsachen: schmerzlicher Abschied, Schlacht und

Belagerung in Tiecks Phantasie ein wahres Lauffeuer von Motiven und

Scenen sich entwickelte. Es sind sozusagen alle möglichen kriegerischen

Verwicklungen behandelt, Massenkampf, Einzelkampf, offene Schlacht,

Belagerung, äußere Feinde, innere Feinde. Das Motiv soll möglichst

erschöpft werden, um in der Dichtung die romantische „Begeisterung des

Kriegers“, der für Christus kämpft, lebendig sprechen zu lassen. Drei

Seiten des kleinen Volksbüchleins dehnten sich zu mehr als sechzig

Seiten in der Tieck’schen Dichtung aus.

Golos Liebe.

_Volksbuch, 6 ff_. Ausführlicher als in der Erzählung vom Mohrenkriege

ergeht sich das Volksbuch in der Schilderung der sündhaften Liebe

Golos. Der Satan -- heißt es -- will Genoveva in Schaden bringen.

Er gibt darum Golo unkeusche Gedanken ein. Golo gesteht Genoveva

seine Wünsche, wird aber mit dem directen Hinweis auf die schuldige

Gattentreue strenge von ihr zurückgewiesen. Doch seine Leidenschaft

dauert fort und wächst. Nachdem der direct ausgesprochene unsittliche

Antrag abgewiesen war, versucht es Golo indirect mit Hilfe eines

Bildes. Genovevas Porträt gibt ihm Gelegenheit zu einer zweiten etwas

verhüllten Liebeserklärung. Die fromme Gräfin erkennt die Absicht und

schickt Golo wieder mit einem scharfen Verweise heim. Die sinnliche

Begierde des Zudringlichen steigert sich aber aufs neue und nach der

Abendmahlzeit im Garten wagt er einen dritten Versuch, zu seinem Ziele

zu gelangen. Er versucht diesmal, die günstige Stunde auszunützen.

Genoveva droht jedoch erzürnt, alles ihrem Gatten zu berichten und

weist damit jedes Ansinnen von sich. Es wiederholt sich im wesentlichen

dreimal die nämliche Scene, und Golo, dem jede Hoffnung auf Erfüllung

seiner Wünsche schwindet, sinnt auf Rache.

_Tieck_. Wesentlich anders tritt uns Golos Liebe im Werke Tiecks

entgegen. Hier sehen wir die Liebe und Leidenschaft entstehen. In der

Abschiedsscene ist von Golos Liebe nur in kaum merklichen Andeutungen

die Rede. Der Ritter möchte sogar noch in den Krieg ziehen.[116]

Bald jedoch wird Golo schwermüthig und eine geheime Macht zieht ihn

unbewusst in Genovevas Nähe.[117] Er spricht aber noch kein Wort von

Liebe, er weiß sich seinen Zustand nicht zu erklären und möchte ihn

am liebsten abschütteln. Golo will (ein künstlerisch feiner Zug!)

durch das Singen „der alten Liebesreime“ seine traurige Stimmung

vertreiben. In Ausdrücken religiöser Verehrung und Andacht spricht

er von seiner reinen Neigung zu Genoveva.[118] Als er aber das Lied

des verstoßenen Liebhabers singen will, brechen ihm Thränen hervor;

er wird sich seines inneren Zustandes bewusst, er fühlt bereits, dass

dieses Lied ihm selbst gilt.[119] Genoveva, die Arglose, merkt nur eben

eine Veränderung an Golo, die sie seiner treuen Sorge um Siegfried

zuschreibt.[120] Die Leidenschaft des Unglücklichen wird zum zehrenden

Feuer; er spricht sie aber noch immer nur in Liedern und versteckten

Andeutungen aus, ohne den Namen seiner Geliebten zu verrathen.[121]

Die verhaltene Leidenschaft weckt verzweifelte Stimmungen.[122] Das

in Liedern verschleierte Liebesgeständnis entspricht (rein äußerlich

genommen) dem ersten Antrage des Volksbuches. Tiecks Genoveva nimmt die

Sache nicht ernst, sondern für poetische „Erfindung“, für „Schwärmerei“

und lehnt sie als solche in sanfter Weise ab.[123]

Indessen gesteht Golo seiner Amme Gertrud, was seine Seele foltert. Es

ringen schon reine Liebe und Sinnlichkeit in ihm. Gertrud, die wir erst

noch in der Balkon- und in einer Schloss-Scene als Vertraute Genovevas

sahen, der diese ihr ganzes Herz enthüllte, zeigt sich nun plötzlich

als halbe Kupplerin, was man von ihr nicht vermuthet hätte.[124] Eine

halbe Kupplerin, -- denn Tieck sucht das Thun Gertruds mit ihrer

närrischen Liebe zu ihrem Pflegesohne beiläufig zu motivieren und so

das Abstoßende zu mildern. Darum erzählt die geschwätzige Amme auch

mit so liebevoller, wortreicher Freude von Golos Jugend und von seinen

Vorzügen.[125] Gertrud richtet Golo aus seiner dumpfen Stimmung zu

neuem Muthe und neuer Hoffnung wieder auf und so ist denn auch der

abermalige Angriff auf Genovevas Herz eingeleitet, der sich beim

Betrachten des Bildnisses der Gräfin abspielt.[126] Das Bild gibt also

Golo hier wie im Volksbuch die Gelegenheit zum zweiten Antrage. Auch

bei Tieck besieht Genoveva „fürwitzig“ ihr Bild und Golo kommt von

ungefähr dazu. Die entscheidende Stelle behandelt Tieck sehr genau nach

der Vorlage. Im Volksbuche (Seite 7) fragt Genoveva, „ob er (Golo)

vermeinte, dass diesem schönen Stück noch etwas abgehe?“ Da sprach

er zu ihr: „Gnädige Frau, wiewohl diesem Bild keine Schönheit mag

beykommen, so vermeine ich dannoch, es gehe ihm etwas ab, nemlich dass

es lebendig sey, und mir eigentlich zustehe.“ Tieck, 187, 23:

~Genoveva~:

„-- -- Zwar hat er mir geschmeichelt, aber sonst

Scheint mir dem Bilde nichts zu fehlen.“

~Golo~:

„Nichts?“

~Genoveva~:

„Schaut es nur selber an.“

~Golo~:

„Das geht ihm ab,

Dass es nicht lebt und eigen mir gehört.“

Während aber im Volksbuche Genoveva sich „im Antlitz ganz erzürnt“

zeigt, fragt Tiecks Genoveva gar naiv: „Wie meint ihr das, wie kann ein

Bildnis leben?“ Als Golo deutlicher wird, hält sie ihn für fieberkrank.

Nach dem leidenschaftlichen Ausbruche seiner Empfindung erinnert sie

ihn an Siegfried. (Im Volksbuch beim ersten und dritten Antrage.) Erst

als Golo sie in seine Arme reißen will, benimmt sie sich ungefähr wie

im Volksbuche.[127]

Golo ist durch die Abweisung niedergeschmettert. Gertrud sucht ihm

wieder Hoffnung zu machen.[128] Seelische und sinnliche Neigung

steigern sich in ihm. Um die Abendmahlzeit erwartet er Genoveva

im Garten, wie im Volksbuche. Sein hochaufstrebendes Liebesgefühl

wird mehr und mehr von sinnlicher Sehnsucht erdrückt. Als Genoveva

erscheint, wird Golo zuerst durch die Erinnerung an sein Benehmen in

der Porträtscene in Schranken und Mäßigung gehalten.[129] Allmählich

bricht sich die Leidenschaft wieder Bahn, erst nur in Worten andeutend,

dann immer dringlicher und ungestümer. Genoveva, an der Tieck besonders

eine naive, unschuldige Hilflosigkeit, einen Mangel an Verständnis für

alles Schlechte herausarbeiten möchte, spricht von Golos Wahnsinn,

von Siegfried, sie sieht sich erst einmal um Hilfe um, und nun

endlich erfolgt die entschiedene Abweisung und Flucht. Jetzt flammt

in Golo neben der Liebe Eifersucht und Rachsucht auf, durch Gertruds

Einflüsterungen über Genoveva und Drago veranlasst.[130]

Die Liebesverwickelung des Dramas folgt in ihrem äußeren Umrisse

(in den drei Stadien) und in manchen Einzelheiten allerdings dem

Volksbuche. Tieck schuf jedoch aus dem Rohstoffe hier etwas wesentlich

Neues und dichterisch Höherstehendes. Aus der dreimaligen Wiederholung

des nämlichen Antrages eines sinnlichen Gesellen sollte ein organisch

wachsender psychischer Process mit leisen Übergängen, mit Motivierung

der einzelnen Stufen sich entfalten. Der Golo des Volksbuches wird

aus dem „treuesten Diener“, für den er wenigstens anfangs gilt, ohne

weitere psychologische Aufklärung im Handumdrehen ein rabenschwarzer

Bösewicht, der den Einsprechungen des Satans willig Gehör schenkt. So

will es die drastische Holzschnittmanier des Volksbuches und so liebt

es der einfache Volksbuchleser. Bei Tieck, dem feineren Kunstdichter,

lernen wir zunächst einen Ritter voll bezaubernder Liebenswürdigkeit,

einen Mann mit herrlichen geistigen und körperlichen Vorzügen kennen,

den erst seine sündige Leidenschaft, nachdem er selbst ihr zu

widerstehen versucht hat, zu Treubruch und Verbrechen führt.[131]

Wenn bisher Tiecks Phantasie die mageren Skizzen des Volksbuches, wie

wir zeigten, zu reichen bunten Gemälden erweiterte, so sehen wir hier

den Dichter in anderer Weise poetisierend thätig. Das Rohmaterial wird

umgeformt, die Charaktere psychologisch tiefer gefasst. Statt der

plötzlich fertigen sinnlichen Leidenschaft ein schrittweises Entwickeln

und Emporwachsen der Liebe von reiner unbewusster Neigung zum heftigen

Sturm sinnlichen Verlangens. Im Volksbuch rückt Golo ohne Scheu direct

mit seinen sündigen Anträgen heraus, bei Tieck schlägt er schüchtern

allerhand Umwege ein. Der Satan flüstert ihm nicht mehr von außen böse

Gedanken in die Seele, sondern er erwacht „als böser Geist“ in Golos

Herzen und reißt ihn dem Untergang entgegen.[132] Golo selbst fühlt,

dass „der wilde Satan“ ihm sinnliche Phantasien eingibt.[133] Die

fortreißende verheerende Leidenschaft dünkt ihm ein „Höllenwerk“.[134]

Was im Volksbuch nur wie eine äußerliche Maschinerie erscheint, wird

vom Dichter seelisch vertieft und verinnerlicht und so zugleich

menschlich erklärt.

Das Volksbuch spricht wohl von einer Steigerung des sinnlichen

Verlangens in Golo, das ihn zu seiner dreifachen Werbung treibt,

aber es bleibt eine bloß quantitative Steigerung der sinnlichen Gier

und die drei Anträge sind darum nichts weiter als eine Wiederholung

der nämlichen Sache, wenn auch dabei die kleinen Nebenumstände

wechseln. Anders wird das Ganze bei Tieck. Wenn hier die Liebe als

reine seelische Neigung anhebt und erst allmählich sich die sinnliche

Begierde eindrängt, wenn es in Golos Seele erst einen harten Kampf

zwischen ehrfürchtiger Verehrung und niedrigem Verlangen gibt, bis

die sinnliche Leidenschaft dem aufwärtsstrebenden Zuge des Gemüthes

obsiegt, bis alles „geht bergunter zur Nacht hinunter“, so hat der

Dichter damit eine innere Grundlage für einen dreifachen Liebesantrag

gewonnen, der dann keine einförmige Wiederholung mehr ist. Zu dieser

inneren Motivierung und Ausgleichung kommt noch eine äußere, das

Eingreifen der Amme Gertrud in den Gang der Entwickelung, wie er oben

geschildert wurde. Sie bestärkt Golo in seinen Irrgängen nicht aus

Bosheit, sondern aus falscher Liebe. Golo lässt sich die Zweifel über

das Recht seiner Liebe ausreden und ist nun nicht mehr allein schuldig.

Diese Gestalt tritt im Volksbuch erst nach der Gefangensetzung

Genovevas in Thätigkeit. Während man den Bösewicht Golo im Volksbuch

von Anfang an verachten muss, gewinnt der ursprünglich gutgesinnte

und herrliche Ritter, den seine unglückliche Liebesleidenschaft ins

Verderben stürzt, unsere Theilnahme.

Um diesen Entwickelungsgang in Golos Liebe zu ermöglichen, durfte

Genoveva nicht das Wesen der Volksbuchheiligen beibehalten. Diese

treue, strenge, energische Ehefrau, wie die Volksbuchlegende sie

vorführt, würde ohne viel Umstände dem Liebeswerben Golos nach der

ersten Annäherung ein jähes Ende bereiten, und jenes Austönenlassen

der Liebesempfindung in allen Graden und sogar in ihrer Gegenwart

selbst, darin sich Tiecks Golo gefällt, fände keinen Raum mehr. Für

eine dramatische Concentration des Stoffes wäre gewiss ein einmaliger

psychologisch motivierter Zusammenstoß wirksamer (Golos Leidenschaft

könnte keimen und wachsen, ohne dass er ein Geständnis wagte): allein

auf eine strenge Erfüllung dramatischer Anforderungen verzichtet Tieck

in dieser Dichtung von vornherein.

Die Umbildung, die sich Genoveva in Tiecks Phantasie gefallen lässt,

gereicht ihr nicht ganz zum Vortheil. Sie muss sich (künstlerisch

genommen) eben Golo fügen, der in diesen Partien des Buches als

Alleinherrscher erscheint. Die strenge Frau des Volksbuches wird zu

einem naiven, arglos unschuldigen, unentschiedenen, fast schwächlichen

Wesen, jedoch zu einem Wesen von höchster Seelenreinheit, zu einem

Wesen voll nichts ahnender Unschuld umgeschaffen, und aus ihrer

kindlichen Herzensunschuld soll wohl ihre Arglosigkeit entspringen, aus

dieser naiven Arglosigkeit ihr schier unbegreiflich gütiges, bis zur

Schwäche nachsichtiges Benehmen gegen Golo. Ob es dem Dichter gelang,

dies glaubhaft zu machen, ist noch eine Frage für sich. Übrigens

hängt dieser passive Charakter Genovevas noch mit der eigenthümlichen

Schleiermacher-Tieck’schen Religions-Auffassung zusammen.

Das Charakteristische für diesen Theil der neuen Dichtung ist: Tieck

nimmt für Golos Liebe aus der Vorlage das äußere Schema, hebt es aber

dadurch zu feinerer poetischer Gestaltung empor, dass er es in eigener

Weise vertieft und belebt und auch ethisch verständlicher macht.

Genovevas Gefangennahme.

_Volksbuch, 8 ff_. Genovevas Freundlichkeit gegen den frommen

Küchenmeister Dragones benützt der rachsüchtige Golo als willkommenen

Anlass, die Gräfin bei seinen Freunden zu verdächtigen. Golo bringt

einige Diener auf seine Seite, schickt eines Tages Dragones, „den

frommen Tropf“, in Genovevas Zimmer, ertappt ihn daselbst, beschuldigt

ihn und Genoveva wegen dieses Vorfalles des Schlimmsten und spricht

von Liebespulver, das der Koch der Gräfin beigebracht haben soll.

Diese Verdächtigung spricht Golo den Dienern gegenüber aus, dann ruft

er Dragones zu sich und lässt ihn nach einer längeren Anklagerede in

den tiefsten Thurm werfen. Dragones beschwört wohl erschreckt seine

Unschuld. Es nützt ihm nichts. Er muss in den Thurm und schließlich in

der Haft zugrunde gehen. (Dass er vergiftet wird, erzählt das Volksbuch

erst später.) Als Dragones todt ist, erhebt Golo seine Anklage gegen

Genoveva und sperrt sie „bis auf weitere Ordre des Herrn Grafen“

ein. Die Gefangennahme war „erbärmlich“ anzusehen. Die Unbild gieng

Genoveva, der schwangeren Frau, zu Herzen, und sie klagte Gott ihre

Unschuld.

_Tieck_. Unser Romantiker verwendet alles Wesentliche auch für

seine Darstellung der Rache Golos, jedoch mit mehreren Änderungen.

Durch Gertrud wird Golo auf Drago aufmerksam gemacht und durch ihre

Worte wird die Rache und Eifersucht auf den harmlosen Hausmeister

hingelenkt.[135] Während Genoveva und Drago sich über die Bedeutung und

christliche Auffassung der irdischen Leiden besprechen, werden sie von

Golo und seinem Anhange überfallen. Dass Golo bereits Machinationen

im Sinne der Volksbucherzählung angestellt hat, ersieht man aus ein

paar unklaren Andeutungen.[136] Das lange, schwerfällige Hin und Her

des Volksbuches, das dort die Einkerkerung der beiden einleitet und

begleitet, lässt Tieck, der dramatischen Form seiner Dichtung Rechnung

tragend, hier ganz gut fallen.

Drago ist auch in Tiecks Dichtung ein „frommer, andächtiger“ Mensch,

doch nicht gerade ein einfältiger „Tropf“, wie ihn das Volksbuch nennt.

Er ist vielmehr lernbegierig,[137] er weiß seiner Gebieterin manches im

Legendenbuche, sogar „lateinische Redensarten“ zu erklären[138] (etwas

viel zwar für einen Koch auf einer mittelalterlichen Ritterburg) und

pflegt mit ihr weitläufige religiös-didaktische Erörterungen.[139] Er

ist geradezu an die Stelle des Kapellans getreten. Während Dragones

im Volksbuch erst, als von Golos Rache die Rede ist, erwähnt wird,

lässt ihn Tieck schon von Anfang an wenigstens nebenbei auf die

Bühne treten. Auch hier erwirbt ihm seine Frömmigkeit die freundliche

Geneigtheit Genovevas. Beim Überfall betheuert er auch verzagt und

erschreckt seine Unschuld, wird aber in den Thurm geworfen und soll

dort sein Grab finden.[140] Da Genoveva gleichzeitig eingekerkert wird,

so muss sie in einen „andern Thurm“ wandern.

Neu führt Tieck neben der Rachgier das Motiv der Eifersucht[141] ein,

lässt es aber gleich wieder fallen. Im Volksbuch gewinnt Golo einige

Diener für seinen Racheplan. Eine Spur davon blieb im Trinkgelde, mit

dem Benno, der Helfershelfer, und die Dienerschaft von Golo bedacht

werden.[142] Auch Tiecks Golo redet seinen zweifelhaften Anhang als

„Freunde“ an und beruft sich auf seine Pflicht, die Ehre des Grafen zu

schützen, auf seine Verantwortung, die er dem rückkehrenden Siegfried

schulde.[143] Wenn es im Volksbuch „erbärmlich“ anzusehen ist, wie

man die unschuldige Gräfin in die Gefangenschaft schleppt, so gibt

uns diesen Eindruck auch das Gespräch zwischen Wendelin und Else

wieder.[144] Genoveva sagt mit der hohen Sicherheit der Unschuld bloß

zu Golo: „Du, Golo, weißt, ich brauch’ mich nicht zu schämen.“ Man

erwartet, dass Genoveva für ihren unschuldigen Leidensgenossen ein Wort

sprechen würde und umgekehrt. Von Benno, dem Echo Golos, hören wir,

dass Genoveva „im Thurm bleiben wird, bis der Herr Graf wieder da ist,

dann mag er sie richten“. Die Schwangerschaft Genovevas und das Betonen

ihrer Unschuld kehrt bei Tieck in einer monologischen Klage wieder.[145]

Tieck vereinfacht hier die unbeholfen weitläufige Erzählung der

Vorlage. Dragones’ Gestalt wird gehoben. Gertrud greift in der Weise

intriguierend ein, dass Golo wieder ein wenig von der Schuld entlastet

wird. Die unerquicklich lange Geschichte der zweifachen Verhaftung

wird dramatisch zu einer einzigen gleichzeitigen zusammengezogen. Der

Kapellan ist todt, der alte Wolf krank, um Genovevas Hilflosigkeit ins

stärkste Licht zu setzen. Im Unglück wird Tiecks Heilige, die erst noch

schwächlich und willenlahm erschien, zur würdevollen Dulderin, die uns

Rührung und Achtung einflößt. Hier wie sonst im Drama klingen (und das

ist Tiecks Beigabe) die Geschicke der Hauptpersonen in den Nebenscenen

nach und hier wie im vorhergehenden wechseln Kriegsscenen und

Schloss-Scenen, das einemal contrastierend, das anderemal in Parallele

gestellt.

Genovevas Kerkerhaft.

_Volksbuch, 11 ff_. In den Kerker Genovevas hat außer Golo nur dessen

Amme Zutritt. Diese beiden sind es, welche der Gefangenen schwere Tage

bereiten. Golo besucht sie und will sie durch jedes Mittel seinen

Wünschen gefügig machen, durch gute und böse Worte, durch Verheißungen

und Drohungen, durch Liebkosen und Schmeicheln. Aber umsonst! Einmal

stößt ihn Genoveva „mit der Faust“ zurück und weist ihn, indem sie

ihn an ihr Seelenheil erinnert, mit größter Entschiedenheit ab. Sie

will lieber sterben, lieber im Kerker verfaulen, als den Wünschen des

Verführers irgendwie entgegenkommen. An einer späteren Stelle heißt

es, Genoveva sei „täglich von dem tyrannischen Golo mit Schmähworten

gespeiset worden“. Um den Willen der Widerstrebenden doch zu beugen,

dingt Golo noch seine Amme, die es an Zureden bei Genoveva nicht fehlen

lässt. Die „lose Vettel“ schlägt der Armen auch jede Hilfeleistung

für die bevorstehende Entbindung ab. Sie bringt Golo bald darauf die

Nachricht, dass nunmehr zwei Gefangene im Thurme wären und sagt ihm vom

Elende der Wöchnerin. Selbst bewegt durch diese Noth, sucht sie bei

Golo einige Bequemlichkeit für die Unglückliche zu erbitten. Nur ein

wenig mehr Wasser und Brot wird bewilligt.

_Tieck_. Was Tieck in seiner Quelle vorfindet, verwertet er wieder

alles ziemlich sorgfältig. Wir finden das einemal Golo bei Genoveva,

wie er mit Bitten, Drohen und Verheißungen um ihre Neigung wirbt; aber

von Genovevas Persönlichkeit überwältigt und zur Ehrfurcht gezwungen,

entfernt er sich. Dieser schöne Zug, dass vor der hohen Seelenreinheit

und heiligen Unschuld der sittenstrengen Frau der Begehrliche

unwillkürlich zurückweicht, ist Tiecks Zugabe und dieser nämliche

Gedanke schimmert auch sonst noch ein paarmal im Drama durch.[146] In

einer anderen Scene tritt Golo höhnisch vor die Dulderin, auch wieder

verheißend und bittend. Genoveva wehrt ihn mit kräftigen Worten ab,

sie will lieber „sterben und verderben“, als ihm die geringste Gunst

erweisen. Alles Drohen, Bitten und Klagen ist unnütz und da schließlich

Genoveva den Bedränger zur Reue mahnt, verlässt er sie mit rohen

Schimpfreden.[147]

Während im Volksbuch die Amme erst an dieser Stelle erscheint,

kennen wir Tiecks Gertrud bereits längere Zeit. Sie spielt hier der

Gefangenen gegenüber fast die gleiche Rolle wie im Volksbuch. Sie

sucht auch hier Genoveva im Sinne Golos zu bereden, wenigstens ein

freundliches Wort für ihn zu erwirken.[148] Doch es geschieht hier

nicht bloß in boshafter kupplerischer Weise, wie man es im Volksbuch

wohl auffassen muss, sondern falsche Liebe und sträfliches Mitleid

mit dem hinsiechenden Pflegesohne sprechen auch ein entscheidendes

Wort mit. Der Wöchnerin wird zwar die nothwendigste Pflege ebenfalls

verweigert, aber nicht auf Gertruds Anstiften. Diese weicht der Bitte

Genovevas bloß aus. Die Nachricht von der Geburt des Kindes und der

schlimmen Lage der Mutter überbringt Gertrud mit ganz ähnlichen Worten

wie ihr Vorbild.[149] Das Mitleid mit der Hilflosen äußert sich bei

Gertrud viel lauter und energischer, als bei der Amme im Volksbuch;

jene widerliche „Vettel“ bekommt auch hier wie sonst ein menschlicheres

Ansehen. Der Hinweis auf die Jagdhunde wird in Gertruds Bitte nicht

vergessen. Durch das gesteigerte Mitleid vergütet Tieck einigermaßen

den abstoßenden Eindruck, den das kupplerische Gebaren dieses Weibes im

vorhergehenden Theile der Dichtung machte. Die Sachlage verschiebt sich

ein wenig. Es erscheint nämlich bei Tieck Golo als der hartherzige.

Er gewährt die Bitte der Amme nur, um die Lästige loszubekommen. Auch

den Bitten und Zureden seines sterbenden Pflegevaters Wolf schenkt er

kein Gehör und will nur seine Rache kühlen.[150] Die größere Rachsucht

des verschmähten Buhlers soll der tieferen und heißeren Leidenschaft

entsprechen. So deutet es Tieck selbst ungefähr an.[151] Dieser

Gegensatz ist bedeutend und psychologisch richtig. Kriegsscenen sowie

die Episode vom sterbenden Wolf treten wieder zwischen die Scenen der

Haupthandlung.

Golos Bericht an Siegfried.

_Volksbuch, 15 ff_. Siegfried konnte von den Vorgängen auf seinem

Schlosse bisher nichts erfahren, weil aus Furcht vor Golo es niemand

wagte, ihm zu berichten. Siegfried muss auch seiner Wunde wegen länger,

als er verhoffte, im Felde bleiben. Zwei Monate nach der Geburt

Schmerzenreichs sendet Golo einen Diener zu Siegfried mit einem Briefe,

dessen Inhalt das Geschehene verleumderisch andeutet. Die Wunde des

Grafen verschlimmert sich darüber. Der Diener berichtet ausführlicher,

wie Genoveva mit dem Koche verdächtige Gemeinschaft hatte. Öftere

Ermahnungen hätten nichts gefruchtet. Darum mussten beide eingesperrt

werden. Auch das Kind wird von den Hofleuten dem Koch zugeschrieben.

Ein Monat sei ja erst seit der Geburt desselben verflossen und der Graf

ist bereits eilf Monate fort. Siegfried wüthet und lästert auf Genoveva

und den Koch. Nach langem Besinnen gibt er den Befehl, die Gräfin von

allem Verkehre abzuschließen und den Koch „unter verdienten Martern“

zu tödten. Mit diesem Befehle kommt der Diener zu Golo. Der Koch

wird vergiftet und sammt seinen Ketten in einer abscheulichen Grube

vergraben. Genoveva ist ohnehin schon im engsten Gewahrsam. Golo aber

fürchtet entdeckt zu werden, falls Genoveva am Leben bleibt. Denn viele

am Hofe missbilligen sein Thun.

_Tieck_. Tieck schaltet vor der Absendung des Boten noch Genovevas

Klage im Gefängnisse, sowie Heinrichs des Schäfers Hochzeit als

Contrast-Episoden ein.[152] Dann hören wir Golos Auftrag an Benno.[153]

Dieser soll die seit Genovevas Niederkunft verflossene Zeit falsch

angeben. Eine kurze Klage Grimoalds um seinen gefallenen Sohn[154]

leitet vom Hause zum Lager über. Hier sehen wir die Wirkung der

Botschaft auf Siegfried, die sich, wie im Volksbuche, in einer

Verschlimmerung der Wunde äußerlich zeigt. Auch Benno bedauert, wie

der Diener im Volksbuche, solch schlimme Botschaft bringen zu müssen.

Auch Tiecks Siegfried wüthet: „O schmachvoll Weib, o heuchlerische

Schlange...“ Den Inhalt des Briefes im Volksbuch (Golo fürchtet

Siegfried zu betrüben. -- Alle Hausgenossen haben umsonst sorgsam

gewacht, wie die gräflichen Verwandten bezeugen können. -- Der Bote

wird glaubwürdig berichten. -- Der Graf möge seinen Willen kundthun)

verwendet Tieck dramatisierend für Bennos Reden. Siegfried hat zu wenig

aus dem Briefe erfahren. Das motiviert den Bericht Bennos, der die

wesentlichen Punkte der falschen Anklage wie im Volksbuche wiedergibt

und dazu noch das (im Volksbuche früher erwähnte) Liebespulver

fügt.[155] Die raffinierte Art, wie Benno durch seine Erzählung

Siegfrieds Entrüstung steigert und in diese Scene wirklich dramatisches

Leben bringt, ist Tiecks Eigenthum. Drago soll „nach dem Gesetze“,

nicht unter Martern sterben. Siegfried gibt in seinem Zorne ohne langes

Besinnen den Befehl zu Dragos Hinrichtung und Genovevas strengem

Gewahrsam. Wir erfahren noch von Golos Besorgnis vor Siegfrieds

Rückkehr. Auch manche Hofleute sind mit ihm unzufrieden. Gertrud räth,

ihre Schwester, die Zauberin in Straßburg, zuhilfe zu nehmen, um

Siegfried gründlicher zu bethören. Diese Scene muss zugleich die Zeit

der Rückreise Bennos ausfüllen helfen. Nach dieser Abmachung wird Drago

hinter der Scene vergiftet.[156] Die Hauptpunkte stimmen also mit der

Vorlage. Rohes und Hässliches wird gemildert. Einzelne Züge werden

geschickt an eine andere, dramatisch tauglichere Stelle gerückt.

Bei der Hexe in Straßburg.

_Volksbuch, 18 ff_. Golo reitet Siegfried bis Straßburg entgegen

und sucht hier zuerst die Schwester seiner Amme, ein scheinheiliges

Weib und Hexe ihres Zeichens, auf. Diese wird von Golo bezahlt, um

Siegfried „ein Gespenst daher zu machen“. Bei Siegfried erzählt Golo

wieder seine Lügengeschichte und stellt sich schmerzlich berührt über

das Unglück, das seinen Herrn getroffen. Er hat den Koch heimlich

hinrichten lassen, um die Schande der Gräfin mehr zu verdecken. Der

Graf glaubt den Aussagen nicht ganz sicher. Golo weist ihn daher an die

„heilige Matrone“. Bei Anbruch der Nacht begeben sich beide dorthin.

Siegfried richtet seine Frage an die Alte. Die Hexe stellt sich recht

demüthig an und führt ihre Gäste in einen dunkeln Keller, „in welchem

ein grünes Licht brennete, so einen blauen Schein von sich gab“. Die

beiden Männer treten in zwei gezogene Kreise, die Hexe murmelt über

einem Spiegel, der im Wasser liegt, geheime Worte, macht wunderbare

Segen und anderen Zauberhocuspocus, so dass Siegfried dabei ein Schauer

anfasst. Sie lässt ihn im Spiegel den Ehebruch seiner Gattin sehen,

der sich in drei Stadien entwickelt: freundliches Reden und Liebkosen,

Wangenstreicheln und Küssen, endlich das Schlimmste selbst. Siegfried

erröthet für Genoveva. Er „speyete gleichsam Feuer“ und schickt Golo

mit dem Auftrag fort, Genoveva und ihr Kind eines schändlichen Todes

sterben zu lassen. Nach Golos Heimkehr verräth das Töchterchen der Amme

der gefangenen Genoveva durchs Kerkerfenster ihr bevorstehendes Los und

bringt der unschuldig Verurtheilten Feder und Tinte, womit diese den

Reinigungsbrief schreibt.

_Tieck_. Schon bei der Berathung Golos mit Gertrud hörten wir von

Winfreda, der Schwester Gertruds. Es heißt, dass sich diese Hexe auf

Künste verstehe, bei denen „sich die Haare aufrichten“. Diese soll

Siegfried „ein Blendwerk vormachen“. In Straßburg sehen wir, wie Golo

die Hexe durch Geschenke für sich gewinnt und (seltsamerweise) sich

selbst Aufschlüsse über seine Herkunft geben lässt, also an ihre Kunst

glaubt.[157] Dann geht er wie im Volksbuch zu Siegfried, der den

Nachrichten über Genoveva nicht ganz traut. Tieck scheint wieder Golo

entlasten und die Schuld auf andere wälzen zu wollen. Golo, auch hier

wie im Volksbuch, voll heuchlerischer Theilnahme, berichtet Dragos

Hinrichtung wie in der Legende und weist zur vollen Beglaubigung

seiner Aussagen Siegfried an die Weissagerin. Siegfried äußert

religiöse Bedenken gegen die Zauberei, über die ihn Golo beschwichtigt.

Mit Anbruch der Nacht begeben sich beide zur Hexe.[158] Siegfried

behandelt sie als eine „heilige Frau“. Sie stellt sich demüthig und

bei ihren geheimnisvollen Reden erfasst den Grafen ein Schauer, es

sträuben sich seine Haare. Er trägt seine Bitte vor. Er bekommt auch

im Spiegel das Verlangte zu sehen. Dieser Zauberspiegel liegt hier

nicht im Wasser, sondern „hängt an seinem Orte“. Nachdem die Hexe ihre

Formeln gesprochen hat, sieht Siegfried die nämlichen Vorgänge wie

im Volksbuche abgespiegelt: freundliches Gespräch, Wangenstreicheln,

„Niedersinken in die Laube“. Auch hier muss Siegfried für Genoveva

erröthen. Es folgen Siegfrieds Zorn und der Befehl, Genoveva sammt dem

Kinde zu tödten. (Der „schändliche“ Tod fällt bei Tieck weg.)[159]

Tieck gibt zur Erzählung der Legende nur den mysteriösen Inhalt der

Zaubersprüche, einige andere geheimnisvolle Reden der Hexe, Siegfrieds

Bedenken gegen die Zauberei, Golos Frage nach seiner Herkunft und eine

phantastischere Decoration des Hexen-Haushaltes hinzu. Sehen wir noch

vom Hängen des Zauberspiegels ab, so folgt alles übrige der Vorlage.

Nach Golos Heimkunft weint im Drama wie im Volksbuch das Töchterlein

der Amme vor dem Kerkerfenster am Thurme und kündigt der Gefangenen

ihr Schicksal an. Diese erbittet sich Papier und Tinte, um ihren

Reinigungsbrief zu schreiben, dessen Inhalt das Volksbuch an dieser

Stelle, Tieck später bei der Auffindung des Briefes durch Siegfried

mittheilt.[160] Die Klage Genovevas im Volksbuche fehlt bei Tieck.

Genoveva und die Mörder. -- Ihre Rettung.

_Volksbuch, 22 ff_. Golo gibt früh morgens zweien von seinen treuesten

Dienern den Befehl, Genoveva und ihr Kind zu tödten. Sie soll in den

Wald geführt und als Wahrzeichen der vollführten That sollen Augen und

Zunge zurückgebracht werden. Die genaue Ausführung seiner Anordnung

verspricht Golo zu belohnen, die Vernachlässigung strengstens zu

bestrafen. Die Diener führen das „unschuldige Schäflein“ und das

„unschuldige Lämmlein“ in den Wald hinaus. Genoveva beklagt den frühen

Verlust ihres Kindes. Die Diener sind dabei so gerührt, dass sie sich

schweren Herzens an ihr Werk machen. Genoveva darf sich aber erst noch

zum Tode bereiten. Während sie im Gebete kniet, wollen die beiden das

Kind umbringen. Genoveva springt auf, hält sie zurück und verlangt,

zuerst sterben zu dürfen. Sie zeigt aber den Beiden Mördern auch das

Verwerfliche ihres Vorhabens, da sie unschuldiges Blut vergießen

wollen. Beide fühlen sich durch Genovevas Worte so getroffen, dass sie

der Unschuldigen das Leben schenken gegen das Versprechen, dass sie

beständig im Walde bleibe. Als falsche Wahrzeichen des vollführten

Mordes bringen sie Augen und Zunge eines Windspieles heim. Golo lässt

die „Hurenaugen“ den Hunden vorwerfen.

_Tieck_. Im Drama ist wieder das Meiste beibehalten, nur einzelne

Änderungen und Erweiterungen gestattet sich der Dichter. So müssen

sich die beiden Mörder erst Muth antrinken: ein realistisch gehaltenes

Motiv, wie es sonst nicht oft in der „Genoveva“ begegnet. Das Ganze

wickelt sich auch bei Tieck früh morgens ab, nur wird hier ein trüber

Herbstmorgen zugleich stimmungsvoller Hintergrund; denn hier wie sonst

ist Tiecks Verhältnis zur Natur und ihrer Stimmung ein ganz eigenes,

während das Volksbuch sich für eine sentimentale Naturauffassung

nirgends interessiert.[161] Wir erfahren die Wegführung Genovevas aus

Wendelins und Elsens Gespräch.[162] Was das Volksbuch hier von der

Rührung beider Mörder sagt,[163] gilt nur von einem bei Tieck, von

Grimoald mit dem weichen Gemüthe; dieser muss erst den rohen Benno

von seinem Vorhaben abbringen: das Einfache wird differenziert und

ein Contrast herausgearbeitet. Genovevas Rechtfertigungsrede ist

bei Tieck sehr breit behandelt. Das Kind wird auch hier das „liebe

Lamm“ genannt.[164] Ein wesentlicher neuer Zug an Tiecks Golo ist es,

dass dieser in den Wald nacheilt, um Genoveva zu retten und über die

vermeintlich geschehene That ernste Reue zeigt; das Volksbuch weiß

nichts von einer Reue Golos. Das rohe Gebot Golos, die Augen den Hunden

vorzuwerfen, lässt Tieck dementsprechend weg. Grimoald mag nimmer im

Lande bleiben, in dem so schlimme Dinge geschehen.[165] Das Wichtigste

ist in diesem Abschnitt, dass uns Golo wieder menschlich nähergebracht

werden soll. Er, der uns durch Härte und Roheit schon beinahe abstieß,

bekommt wieder ein paar Lichtseiten.

Während das Volksbuch nach dem Gerichte über Genoveva ohne

Unterbrechung die siebenjährige Verbannung im Walde schildert,

nimmt Tieck nur ein kleines Stück davon voraus, um die Pause bis zu

Siegfrieds Heimkunft auszufüllen. Wir werden zugleich über Genovevas

Schicksal beruhigt, nachdem unsere Theilnahme schon den Höhepunkt

erreicht hat, und wir werden durch das Wunder mit der Hirschkuh auf

weitere Wunder vorbereitet. Die tragische Periode erhält nach dem

Ausspruche eines befreundeten Kritikers so ein „rührendes Ende“.[166]

Alle Erlebnisse der ersten Tage in der Einsamkeit, wie sie die

Legende erzählt, verwebt Tieck in den Monolog Genovevas. Tiecks

charakteristische Zugabe ist Genovevas Anruf an die Natur.[167]

Siegfrieds Reue.

_Volksbuch, 41 ff_. Statt die Erzählung des einsamen Lebens

fortzusetzen, wie das Volksbuch thut, führt das Drama die Ereignisse

nach Siegfrieds Heimkehr vor. Wir müssen daher zum Vergleiche den

Anfang des folgenden Abschnittes der Legende vorausnehmen. Siegfried

bekommt etliche Tage nach der Rückkehr Gewissensbisse darüber, dass

er Genoveva ungerecht ohne Richterspruch verurtheilt habe. Im Traume

sieht er, wie ein Drache sein geliebtes Weib entführt und das verstärkt

seine Reue. Golo deutet den Traum mit Benützung des Namens „Dragones“

auf den Koch und sucht Siegfried aus seinen melancholischen Träumen

aufzurütteln. Dazu veranstaltet er allerlei Kurzweil, wie Jagen,

Rennen, Gastereien, Tanz und Besuch von Freunden. Doch alles dies

kann Siegfrieds Herzenswunde nicht heilen. Nun findet der Graf noch

Genovevas Brief, dessen Inhalt ihn mit großem Herzeleid erfüllt und er

hätte Golo im Zorne getödtet, wenn dieser nicht eben auf einige Tage

sich entfernt hätte. Hernach weiß der Arglistige wieder den Grafen zu

seinen Gunsten umzustimmen. Doch gelingt dies nicht auf die Dauer, so

dass es Golo am Hofe unheimlich zu werden anfangt und er aus dem Lande

flieht.

_Tieck_. Das Volksbuch ist für alles Wichtigere im Drama der

Ausgangspunkt. Siegfrieds Reue, sein Traum, Golos Deutung desselben,

sowie sein Bemühen um Siegfrieds Zerstreuung: alles kehrt auch bei

Tieck wieder.[168] Um die Art der Wiederauffindung Genovevas anzudeuten

und aus besonderer Vorliebe für die dichterische Schilderung freier

Waldnatur sucht sich der romantische Dichter von den verschiedenen

Belustigungen gerade die Jagd heraus, um sie in eigenen Scenen zu

entfalten.[169] Tieck eigenthümlich ist die Art, wie Golo während der

lustigen Jagd in schmerzliche Erinnerungen an der Stelle versinkt,

wo „Genovevas Augen und Zunge“ begraben sind.[170] Allein dieser Ort

ist für die ernste, wehmüthige Empfindungsaussprache kaum glücklich

gewählt. Das schöne, alte, poetische Motiv von Blumen, die an der

geliebten Stelle aufsprießen, bekommt einen Stich ins Komische, wenn

wir wissen, dass nur Augen und Zunge eines untergeschobenen Vierfüßlers

hier begraben liegen. Die Flucht Golos mit Benno wird erst beschlossen

und dann wirklich ausgeführt,[171] aber es ist nicht eine Flucht

„außer Landes“, sondern in echt romantischer Weise eine Flucht in die

verlassenste Waldeinsamkeit.

Auch bei Tieck findet Siegfried vorher den Brief seiner Gattin, der in

Form eines Sonettes abgefasst ist, den -- und das ist dramatisch gut

berechnet -- Golo selbst lesen muss. Der Inhalt stimmt im wesentlichen

mit der Vorlage. (Abschiednehmen. -- Unschuldbetheuerung. -- Verzeihen

der erlittenen Ungerechtigkeit. -- Die Irreführung durch einen bösen

Mann hat alles verschuldet.) Golos Entschuldigung ist dieselbe wie

im Volksbuche, nur etwas ausführlicher. Siegfried lässt sich hier

wie in der Legende recht schnell umstimmen.[172] Golo flieht in sein

Waldversteck.

Die sieben Jahre.

Die Erlebnisse Siegfrieds und Genovevas innerhalb dieser Jahre lässt

Tieck durch den heil. Bonifacius episch berichten.[173] Hier folgt

Tieck fast überall auf das genaueste der Erzählung des Volksbuches,

einmal, weil ihn Inhalt und Erzählung der Vorlage besonders ansprachen,

wie er selbst andeutet, und weil ferner die epische Technik weit

weniger Änderungen forderte als die dramatische. Zuerst lässt Tieck

seinen heil. Bonifacius erzählen, was auf dem Schlosse Siegfrieds

vorgieng. Dragos Geist erscheint nächtlicherweile dem Grafen und

führt ihn unter schaurigen Geberden in den Zwinger der Burg, wo der

Leichnam des Gemordeten eingescharrt worden war. Siegfried lässt die

irdischen Reste Dragos an einem angemesseneren Orte zur Erde bestatten

und Seelenmessen für den Verstorbenen lesen, dessen Geist nun Ruhe

findet. Siegfried erkennt aus dem ganzen Vorgange, dass Genoveva

und Drago unschuldig sind. Tieck folgt in der Schilderung dieser

Vorgänge allenthalben, selbst in den Nebenumständen, der Erzählung des

Volksbuches. Nur das Schlagen des Geistes an die Thür und sein Auf- und

Abgehen im Zimmer Siegfrieds wird -- vielleicht als ungespenstisch --

weggelassen. Und während Dragos Leichnam nach dem Volksbuch in einer

„abscheulichen“ Grube verscharrt wurde, gibt Tieck als Ort den Zwinger

an.

Mit der Erwähnung von Genovevas Unschuld führt uns der Dichter in

einem äußerlichen Übergange zur Verbannten selbst in die Wüste, um uns

ihre und ihres Kindes Geschicke durch den heil. Bonifacius erzählen

zu lassen. Ihre Leiden und Entbehrungen, die himmlischen Wunder und

Tröstungen, der trauliche Verkehr Schmerzenreichs mit den Waldthierlein

und die frommen Gespräche zwischen Genoveva und Schmerzenreich, alles

wird Zug für Zug im Anschluss an das Volksbuch dargestellt. Ganz

wenig nur wird von Tieck abgeändert. Das Volksbuch erwähnt z. B., dass

Schmerzenreich sich bald seines traurigen Daseins bewusst wurde und mit

der Mutter weinte: Tieck übergeht diesen Zug. Dafür gestaltet er das

wunderbare Begebnis mit dem himmlischen Crucifix, das die Hand nach

Genoveva ausstreckt, dadurch reicher, dass er während des Wunders einen

unsichtbaren Chor, wie aus Engels Mund, singen lässt. Dieses Wunder

nimmt eben eine poetisch weit höhere Stellung ein, als jenes natürlich

alltägliche Ereignis. Tiecks Erweiterung sind auch die zwei Strophen,

mit denen Bonifacius seine Erzählung einleitet[174] und ebenso drei

Strophen der Trostrede, die Christus an Genoveva richtet.[175] Für

die didaktische und moralisierende Anrede an den Leser: „O laß uns

alle diesen Wandel führen...“ fand Tieck an einer anderen Stelle des

Volksbuches Anregung und Vorbild, nämlich in dem Gebete: „O gottseelige

Genoveva!... Ach theile mit mir deine Reinigkeit, und erwerbe mir bey

Gott, deiner Tugend nachzufolgen.“[176]

Der letzte Theil der epischen Einschaltung, die Bonifacius vorträgt,

beschäftigt sich mit Schmerzenreich und nach dem Abgehen des Rhapsoden

folgt ein religiöses, erbauliches Gespräch zwischen Genoveva und dem

Kinde. Auch hier wird alles beibehalten, was Tieck in der Vorlage fand.

Die Abweichungen von der Legende zeigen sich nur in geringfügigen

Nebendingen und es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der Reim der

achtzeiligen Stanze an solchen kleinen inhaltlichen Verschiebungen

schuld ist. Wie enge sich hier Tieck stellenweise an die Vorlage

anschließt, mag ein Beispiel zeigen. S. 37 f. erzählt das Volksbuch:

„Es fiengen auch die wilden Thiere von selbiger Zeit an mit ihnen gar

gemein zu werden; daher sie täglich zu ihnen kamen, und dem lieben

Kind manche Kurzweile machten; er ritte vielmal auf dem Wolf, der ihm

das Schaafsfell gebracht hatte, und spielte oftmals mit den Haasen

und anderen Thieren, so um dasselbige herumliefen. Die Vöglein flogen

ihm gewöhnlich auf die Hand und Häuptlein, und erfreueten Kind und

Mutter mit ihrem lieblichen Gesang. Wenn das Kind ausgienge, für die

Mutter Kräuter zu suchen, so liefen unterschiedliche Thiere mit ihm,

und zeigten ihm mit ihren Füssen, welches gute Kräuter wären. Es

hatte auch die fromme Mutter große Freude in seiner Konversation, und

verwunderte sich vielmal über seine weislichen Fragen und Antworten;

sie lehrte ihn auch das Vater Unser und andere Gebetlein beten“, etc.

Die entsprechenden Strophen bei Tieck lauten:

„Es wurde auch das Wild zur selben Zeit

Mit ihnen gar vertraulich und gemein,

Das liebe Kind hat daran manche Freud’,

Daß sie um ihn so schön ergötzlich sein.

Er ritt auf seinem Wolf gar oftmals weit

In Wald, die Hasen liefen hinterdrein,

Die Vöglein sich auf Hand und Häuptlein schwungen,

Erquickten ihn und sie, so wie sie sungen.

Ging’s Kindlein aus, um Kräuter aufzulesen,

So liefen auch die frommen Tierlein mit,

Und zeigten ihm die guten von den bösen

Mit ihren Füßen, folgten jedem Schritt:

Dann kehrt’ er freudig, war er ausgewesen,

Und brachte seiner Mutter Essen mit,

Dann lehrte sie ihn Vater Unser sagen,

Liebkosend in den schönen Sommertagen.“[177]

Reim und Strophenform bedingen hie und da kleine inhaltliche

Änderungen, besonders Erweiterungen. Das lässt sich schon am

beigebrachten Beispiele verfolgen und das gilt auch für das

darauffolgende Gespräch zwischen Genoveva und Schmerzenreich. Daraus

erklärt sich die breitere Schilderung der himmlischen Freude und des

irdischen Leidens. Die Endstrophe bringt nichts Neues, sie soll nur den

Scenenschluss rechtfertigen. Mit der dramatischen Darstellung beginnt

auch wieder der freie Scenenwechsel, welcher synchronistisch die

Ereignisse auf Siegfrieds Schloss und in Genovevas und Golos einsamer

Behausung nebeneinander hergehen lässt.

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 26 / 45 题