I.

Das Erwachen des Sinnes für Religion und deutsches Alterthum.

Tiecks „Genoveva“ bildet einen Markstein in der Entwickelung der

deutschen Romantik. Zwei geistige Richtungen sind es vor allem, aus

deren Kreuzung jene eigenthümliche Gefühls- und Gedankenwelt erwächst,

welche zuerst in der „Genoveva“ eine üppig reiche poetische Gestalt

gewinnt: die Liebe zur altdeutschen Vergangenheit und die poetische

Neigung zu katholisierender Religiosität. Diese Neigung und jene Liebe

kennzeichnen den echten Romantiker an der Scheide des 18. und 19.

Jahrhunderts. Die Liebe zur alten Zeit reicht bis in die Jahre des

Goethe’schen „Götz“ und seines Gefolges ritterlicher Dramen zurück, die

in Tiecks Jugendzeit die deutsche Bühne noch vielfach beherrschten.[1]

Die religiöse Kunstbegeisterung Tiecks leitet ihren Ursprung aus

den schönen Tagen der Jugendfreundschaft mit Wackenroder her. Diese

Freundschaft war für Tieck von den bedeutsamsten Folgen. Denn aus dem

Ideenaustausche mit Wackenroder erblüht dem Rationalisten erst die

rechte innige poetische Stimmung und mit ihm zusammen lernt er, was

Frömmigkeit ist, fühlen und er sucht sie aus der Kunst der alten Zeiten

wieder heraufzuholen. So verbinden sich bald religiöse Stimmung und

Sinn für deutsches Alterthum im Gemüthe der Freunde.

Nicht die productive eigene Thätigkeit des früh geschiedenen Jünglings

Wackenroder (1798 starb der fünfundzwanzigjährige) sichert diesem

einen Platz in der deutschen Literatur- und Kunstgeschichte, sondern

seine richtunggebende Einwirkung auf andere empfängliche Gemüther,

in erster Linie auf Ludwig Tieck. Die beiden waren Freunde vom

Gedicke’schen Gymnasium her. 1792 gieng Tieck von Berlin fort auf

die Hallische Universität. Wackenroder musste nach dem Willen seines

Vaters, der ihn noch nicht für das akademische Studium reif hielt, in

Berlin zurückbleiben. Ein schwärmerischer Briefwechsel entschädigte

die Freunde für den persönlichen Verkehr. Tieck ist Wackenroders

Freund aus ganzer Seele. Er ist der reifere, erfahrenere, geistig

ältere und gewandtere, besonders in allen literarischen Dingen. Der

schwermüthige Dichter des „Abdallah“ durchlebt in Halle düstere

Stunden, in denen die Leiden und Zweifel des „William Lovell“ sein

Inneres durchstürmen. Seine Phantasie und sein Gefühl gehen jetzt

noch mehr auf das Erhabene als auf die „kleinen Empfindungen“. Neben

Goethe und Shakespeare begeistert ihn besonders der junge Schiller.

Die wilde Kraft der „Räuber“ ist es, die sein Inneres „zerreißt und

vernichtet“. Je unbefriedigter er in sich selbst ist, je düsterer sich

sein Gemüth umschattet, desto mehr Bedürfnis und Sehnsucht hat er

nach Freundschaft; je heftiger er nach Idealen ringt, die er selbst

nicht besitzt, desto nöthiger ist ihm ein idealischer Freund wie

Wackenroder. Wackenroder, der kindliche, schüchterne, noch unbeholfene,

eine Natur voll stiller Heiterkeit, Sinnigkeit und von anschmiegsamem

Wesen, eine Seele voll einfacher, schlichter Frömmigkeit, kennt in

seiner schwärmerischen Hingebung an Tieck keine Grenze. Er ist ganz

Herzlichkeit und Innigkeit und mädchenhafte Zärtlichkeit; er ist

berauscht und entzückt im Gefühle des Glückes, Tiecks Freund sein zu

dürfen, selig und zufrieden, wenn er nur ein Glied in der Kette ist,

die den trübsinnigen, mit Todesgedanken spielenden Genossen noch an

diese Erde fesselt.

So erstehen die beiden Freunde vor dem Geiste des Betrachters, der

ihren Briefwechsel aus den Jahren 1792 und 1793 durchblättert.[2]

Den Sommer 1793 verlebten sie in glücklicher Gemeinschaft in der

Universitätsstadt Erlangen, den Winter 1793/94 in Göttingen. In

Erlangen tritt das süddeutsche Leben in ihren Gesichtskreis und wirkt

mächtig auf diese jungen empfänglichen Gemüther. Eine neue Welt thut

sich ihnen auf. In Bamberg, dem „deutschen Rom“,[3] ergötzt sich

ihre Phantasie an der Pracht des katholischen Gottesdienstes. In

Nürnberg steigt die gemüthsinnige, schlichte und tiefe altdeutsche

Kunst und altes Künstlerleben vor ihrem entzückten Geiste auf.[4]

Im Fichtelgebirge spricht die stille Waldeinsamkeit märchenhaft und

wundersam die jungen Gemüther an.[5]

Bisher war in Tieck „die Mischung des Berlinischen Verstandes mit

dem erwachten Phantasie- und Gefühlsleben, dieser Zusammenstoß von

Reflexion und Enthusiasmus productiv geworden“.[6] Bis jetzt hatte

Tieck auch meist im Dienste anderer gedichtet, was ihm aufgetragen

worden war, ohne besonderen warmen Herzensantheil und ohne tieferen

Glauben an das, was er mit virtuoser, spielender Leichtigkeit

darstellte. Es war ein jugendlich leichtsinniges poetisches Schaffen.

Dies wird an Wackenroders Seite allgemach anders. Dieser Freund, dem

kaum ein leidlicher Vers gelingen wollte, war dafür von einem echten,

seelentiefen Enthusiasmus, von wahrer, herzlicher Andacht für Kunst

und Poesie erfüllt. Er glühte für das Nämliche, dem Tieck bisher nur

mit halber Seele gedient hatte. „Idealische Kunstschönheit ist der

Lieblingsgegenstand meines Geistes“ sagt Wackenroder von sich.[7] Bald

schreibt ihm auch Tieck: „Genau genommen solltest Du Dich ganz allein

mit der Musik, und ich mit der Dichtkunst beschäftigen; denn die Welt

ist wirklich nicht für uns, sowie wir nicht für die Welt...“[8] An

der Seite dieses Freundes erst lernt Tieck, der unstäte und haltlose,

der bis dahin in trüber und nüchterner Resignation hinter dem Großen

und Erhabenen Schein und Trug, hinter dem Wahren und Guten überall

die Engherzigkeit lauern sah, den Wert hingebungsvoller Verehrung,

positiven Empfindens, den wahren seelenerfüllenden Enthusiasmus so

recht kennen und schätzen. Wackenroders innerer Reichthum theilte sich

der unruhigen, abgehetzten Seele mit. Freundschaft und hingebende

Kunstbegeisterung beschwören die düsteren Geister, denen Tiecks Seele

seit langem verfallen war. Freundschaft und Kunstandacht verfeinern

und veredeln seine Gefühle und geben ihm neuen Lebensmuth.[9] Der

ernstere Kunstgenuss wird ihm eine Erlösung. „Das arme dürstende Herz

wird durch nichts in dieser Welt so gesättigt, als mit dem Genuss der

Kunst, der feinsten Art, sich selber zu fühlen und zu verstehen.“[10]

Empfindung und Begeisterung für Kunst und Poesie waren das einigende

Band, welches diese Freundesherzen fest und dauernd aneinander

fesselte. In der „milden Temperatur eines künstlerischen Sinnes“

athmeten ihre Seelen. In schöner Eintracht nahen die beiden, innig

verehrend, der Kunst in jeder Gestalt. Was ihre Seele dabei erfüllte,

findet in den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“

(1797), in „Franz Sternbalds Wanderungen“ (1798) und in den „Phantasien

über die Kunst für Freunde der Kunst“ (1799) seinen literarischen

Ausdruck. Jedes Kunstwerk -- erfahren wir hier -- das die Menschenbrust

mit seinem Zauber anrührt, hat seine Berechtigung. Es ist ja „das

Kunstgefühl nur ein und derselbe himmlische Lichtstrahl, welcher

aber, durch das mannigfach geschliffene Glas der Sinnlichkeit unter

verschiedenen Zonen sich in tausenderlei verschiedene Farben bricht“,

und dem großen Schöpfer „ist der gothische Tempel so wohlgefällig

als der Tempel der Griechen.“[11] Jede künstlerische Eigenart muss

geachtet werden: Raphael, Michelangelo, Dürer, Watteau. Es ist Herders

Geist, der hier Wackenroders schlichte, fromme Sprache redet und in

schüchterner Ahnung für die Betrachtung der bildenden Künste ähnliche

Gedankenperspectiven eröffnet wie für die Dichtung die Schlegel’sche

Doctrin von der einen alles umfassenden romantischen Universalpoesie.

Herders Anschauungsweise spricht auch aus der Art der

Wackenroder-Tieck’schen Kunstbetrachtung. Diese wird zur

„Herzensergießung“, niemals zum vernünftelnden Kritisieren oder zum

rationalistisch nüchternen Theoretisieren.[12] Es handelt sich beim

Anschauen der Kunstwerke darum, „dass man mit entgegenkommendem Herzen

in sie hineingehe, und in ihnen lebe und athme“[13] und „von der

echten Kunst sollte nie ohne Enthusiasmus gesprochen werden“.[14] Das

Gemüth ist hier das ästhetische Organ. Die wunderbaren Regungen „im

inneren Gemüthe“, das Betrachten „mit Ernst und Innigkeit“, das „innige

Verstehen“, das „innigliche Verehren“... das sind Lieblingsausdrücke,

die Wackenroders und Tiecks seelisch innerliche Richtung und

gemüthvolle Hingabe an die Kunst auch schon in ihrer Sprache

kennzeichnen.

Das Kunstgefühl, hieß es, ist ein „himmlischer Strahl“ und Gott ist

es, der mit Wohlgefallen auf den gothischen und griechischen Tempel

herniederschaut. Ernste religiöse Anschauung, ein tief frommes Fühlen

beherrscht die reine Seele Wackenroders ganz und gar. Natur und Kunst

sind ihm zwei wunderbare Sprachen von geheimnisvoller Kraft, mit denen

Gott zum Menschen redet.[15] Sein frommes Denken geht von Gott aus und

kehrt zu Gott zurück „wie der Geist der Kunst -- wie aller Geist von

Ihm ausgeht, und durch die Atmosphäre der Erde, Ihm zum Opfer wieder

entgegendringt“.[16] Den edlen Kunstgenuss vergleicht er mit dem

Gebete. Beides muss der Mensch „zum Wohle seiner Seele gebrauchen“, zu

beiden darf er nur in stiller Sammlung hintreten, in seligen Stunden,

da die Gunst des Himmels das Herz mit hoher Offenbarung erleuchtet.

Bildersäle sollten nicht Jahrmärkte, sondern Tempel sein.[17] Die

geistliche Musik ist das Höchste und Edelste, die religiöse Malerei und

Poesie das Ehrwürdigste. Die Kunst ist dem Klosterbruder in der That

eine religiöse Liebe oder eine geliebte Religion.

Ob auch viele Gedanken Wackenroders und Tiecks jeder positivgläubige

Katholik und Protestant unterschreiben kann, so wäre es trotzdem

irrthümlich und voreilig, an eine tiefere eigentlich religiöse

Beziehung der beiden zu irgend einer kirchlichen Confession zu denken.

In der Hauptsache ist und bleibt die Religion der beiden Freunde eine

Kunst- und Herzensreligion, die weiter um Bibel und kirchliche Dogmatik

vorläufig nicht fragt. Auf ein allgemeines, unbestimmtes religiöses

Bedürfnis, auf „eine Sehnsucht zum Religiösen“ deuten allerdings

manche spätern Äußerungen Tiecks.[18] Zunächst ist es ein subjectives

frommes Gefühl, das, durch das Medium der Begeisterung an katholischen

Kunstwerken hindurchgehend, allerdings mehr oder weniger katholische

Färbung annimmt.[19]

Die Herzensergüsse Tiecks und Wackenroders über die alte Kunst und

die alten Zeiten bezeichnen auch ein neues Stadium in der Auffassung

des Mittelalters. Dem Aufklärer war dasselbe eine Zeit der Barbarei,

der Nacht und Finsternis auf allen geistigen und materiellen

Lebensgebieten. Noch das Buch des Professors Meiners, „Historische

Vergleichung der Sitten und Verfassungen, der Gesetze und Gewerbe,

des Handels und der Religion, der Wissenschaften und Lehranstalten

des Mittelalters mit denen unseres Jahrhunderts in Rücksicht auf die

Vortheile und Nachtheile der Aufklärung“, das 1793 und 1794 erschien,

enthält den Inbegriff alles dessen, was ein richtiger Aufklärer dem

Mittelalter Übles nachsagen konnte.[20] Allein schon zwei Jahrzehnte

zuvor hatte kein Geringerer als Herder in seiner kleinen Schrift

„Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“

(1774) es gewagt, der aufgeklärten Gegenwart ein langes Sündenregister

vorzuhalten und im verachteten Mittelalter eine Reihe von Vorzügen

zu entdecken. „Erklären“ wollte er das Mittelalter, wenn auch nicht

loben und preisen. Neben den Schattenseiten wollte er auch das Große,

Erhabene und Herrliche dieser verkannten Epoche nicht übersehen.

Für ihn ist das Mittelalter eine nothwendige Durchgangsstufe auf

dem Entwickelungswege der Menschheit. Wenn wir schon bei Herder

den boshaften Seufzer: „In unserem Jahrhundert ist leider! so viel

Licht!“ hören, so blicken wir unwillkürlich auf die kommende Romantik

voraus. Wenn der nämliche Herder auch in späteren Werken wieder

geringer vom Mittelalter denkt, in jenen früheren Ansichten, die dem

Sturm- und Dranggeiste entstammen, kann er als wahres Zwischenglied

zwischen Aufklärung und Romantik gelten. Verdammung und Verachtung des

Mittelalters beim Aufklärer, Erklärung des historisch Gewordenen und

Gewachsenen bei Herder, Bewunderung, Verehrung und Anbetung bei den

Romantikern Tieck und Wackenroder.

Je tiefer die Freunde von ihrer poetisch-künstlerischen Frömmigkeit

ergriffen werden, desto herber empfinden sie, dass die aufgeklärte

Gegenwart, in der sich eine „Epidemie prosaischer Nüchternheit“

über die ganze Bildung erstreckte, von den beseligenden wunderbaren

Geheimnissen des Gemüthes so gut wie nichts wisse.[21]

Wie anders sei es in den herrlichen alten Zeiten Albrecht Dürers

gewesen. Da war die Religion den Menschen „das schöne Erklärungsbuch“,

wodurch sie das Leben erst recht verstehen lernten.[22] „Fromm

und einfach“ war Dürers Wandel; „wie er selbst, sind alle seine

Bilder“.[23] Auch Giovanni da Fiesole betet, bevor er an die Staffelei

tritt und er weint in frommer Rührung, wenn er Christi Leiden am

Kreuze malt.[24] Das waren die wahren und echten Künstler, die nur

darstellten, was voll und warm und innig ihr ganzes Gemüth belebte

und darum wieder so herzbewegend in ihren Werken sich aussprach

und den Beschauer mit heiliger Macht überwältigte. Ein fester und

fruchtbarer Zusammenhang zwischen der religiösen Lebensanschauung der

alten Künstler und der lebendigwirkenden Kraft ihrer Schöpfungen fällt

unseren Freunden allerwegen in die Augen. Eine hehre Weihe umschwebt

für sie daher noch heute das Alte, das dieser begnadeten Zeit entstammt

und „alt“ wird schon in den „Herzensergießungen“, im „Sternbald“ wie in

den „Phantasien“ ein schmückendes ehrendes Beiwort (die „alten“ Maler,

der „alte“ Vasari etc.).[25]

Endlich dürfen wir nicht unbemerkt lassen, dass Wackenroder und

sein Freund mit einer eigenthümlichen Vorliebe beim Wunderbaren und

Geheimnisvollen verweilen, das dem künstlerischen Schaffen innewohnt,

das sie an übernatürliche Gnadenwirkungen und Eingebungen erinnert.

Es wird das Seltsame und Phantastische an Künstlerpersönlichkeiten

wie Piero di Cosimo in behaglicher Breite geschildert und ebenso die

außerordentliche herrliche Vielseitigkeit eines Geistes wie Lionardo

bewundernd verehrt. „Alle fühlen einen Hang nach dem Wunderbaren in

ihrem Busen“, behauptet Tieck in den „Phantasien“. Ganz besonders aber

die Romantiker, dürfen wir beisetzen. Die Gestalten von Dichtern und

Künstlern werden bald beliebt in romantischen Dichtungen.

Ziemlich die gleichen Anschauungen und Empfindungen beherrschen die

„Herzensergießungen“, die „Phantasien“ und den ersten Theil des

„Sternbald“. Tieck versucht es mit aller Liebe, in den frommen,

herzlichen Ton seines Freundes einzustimmen. Er arbeitet ein wenig

mit an den „Herzensergießungen“, reichlich an den „Phantasien“ und

dichtet aus der nämlichen Stimmung heraus allein den „Sternbald“,

freilich, ohne im frommen Tone auszuharren bis ans Ende. Tieck bemüht

sich sichtbar, ein zweiter „Klosterbruder“ zu werden. Nur will die

Wackenroder’sche Kunstfrömmigkeit nicht so recht ernstlich von seiner

Seele Besitz ergreifen. Er gefällt sich immer ein wenig in der frommen

Rolle. Er bleibt auch immer ein eleganter Klosterbruder, ein Mönchlein,

das nicht so ganz aus innerem Beruf und Herzensdrang den Berliner

Salon mit der stillen Klosterzelle vertauschte. Ja Tieck geht, wie

manches allzurasch bekehrte Weltkind mit seltsam hastigem Eifer bei

seiner Frömmigkeit zuwerke und schießt dann über das Ziel hinaus. Er

will sich recht energisch fromm anstellen und tritt (alles nur in

der Phantasie selbstverständlich) gleich in Rom zum Katholicismus

über -- seiner Geliebten und seiner Kunst zuliebe. „Die Kunst hat

mich allmächtig hinübergezogen ... ich folgte bloß meinem innerlichen

Geiste, meinem Blute, von dem mir jetzt jeder Tropfen geläuterter

vorkömmt.“[26] Das leichtentzündliche Künstlerblut hat also das meiste

zu dieser poetischen Bekehrung gethan und der „innerliche Geist“

ist auch nicht viel mehr als eine „prédilection d’artiste“. Der

Enthusiasmus für die Kunst ist immer das Alpha und das Omega. Nur die

Liebe zur Kunst befreundet das Herz dieses Enthusiasten auch mit dem

dargestellten Gegenstande dieser Kunst.[27] Im „Sternbald“ peitscht

Tieck seine Begeisterung für das Katholische so gewaltsam in die

Höhe, dass es immer wie Absicht aussieht, die verstimmt. Tieck stellt

paradox und geistreich den Gedanken Wackenroders, die Kunst müsse

religiös sein, auf den Kopf und sagt: die Andacht ist der höchste und

reinste Kunstgenuss, dessen die menschliche Seele nur in den schönsten

und erhabensten Stunden fähig ist.[28] Im „Sternbald“ finden sich

mancherlei enthusiastische religiöse Herzensergüsse[29] und Tieck lässt

hier bereits Ludovico eine Standrede gegen Luther halten,[30] gegen

den Mann, dem erst noch kurz zuvor der „Klosterbruder“ seine warme

Verehrung bezeugt hatte.[31] Von den Nachfolgern Luthers befürchtet

Sternbalds Freund Ludovico, dass sich „statt der Fülle einer göttlichen

Religion eine dürre, vernünftige Leerheit, die alle Herzen schmachtend

zurücklässt, erzeugt“. Eine poetische Hinneigung zur katholischen

Religion wird wiederholt mit nachdrücklichster Deutlichkeit

hervorgekehrt. Der Katholicismus ist eine Religion, „die wie ein

wunderbares Gedicht vor uns da liegt“. Dies ist aber auch alles.

Tieck vermag viel im Anempfinden, ja im künstlerischen Einfühlen in

eine Rolle. Er besaß die nachschaffende Kraft des Schauspielers im

hohen Maße und galt im Freundeskreise als großes schauspielerisches

Talent. Aber in das harmonisch gestimmte Empfinden Wackenroders sich

einzuleben, wie er gerne möchte, gelingt ihm doch nicht ganz. Das eine

ist deutlich: Tieck ist in den Aufsätzen, die er zu den „Phantasien“

beisteuerte und im „Sternbald“ ein ganz anderer geworden, als er in den

vorhergehenden Schauergeschichten und in den übermüthig verneinenden

satirischen Komödien war, wenn er auch die letzteren noch in die

neue Periode seines Dichtens mit hinübernimmt. Er fühlte auch selbst

freudig die beruhigende und segensreiche Wirkung des Wackenroder’schen

Geistes. Er ist beglückt, dass er endlich mit dem neuen Enthusiasmus

einen Mittelpunkt für sein Dasein gefunden zu haben glaubt.[32] Auch

A.W. Schlegel hat diese geistige Wandlung Tiecks in dessen Dichtungen

gespürt. „Seine Einbildungskraft, die sich im ‚William Lovell‘ zum

Theil in trüben Phantomen herumtrieb und ihre Flüge verschwendete,

ist seitdem auffallend zu größerer Heiterkeit und Klarheit

hindurchgedrungen. Das Trauerspiel ‚Karl von Berneck‘ und sonst hie und

da Spuren von Gewölk gehören noch dem ersten Morgennebel an...“[33]

Die Liebe zum Alten, zum Religiösen und Gemüthsinnigen, ein positives

Empfinden nach so viel Negation und Trübsinn, war der wertvolle Gewinn,

den Tieck seinem geliebten Freunde zu danken hatte, und dass er sich

dessen bewusst war, zeigen der „Traum“[34] und die vier Sonette, die er

trauernd zum Kranze auf das Grab seines Freundes flicht.[35]

„Wenn das Gewühl der Welt mit tausend Banden

Um Auge, Sinn und Herz sich wollte stricken,

So durft’ ich nur in deine Augen blicken

Und alle Zweifel, alle Räthsel schwanden.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dann sah ich dich in stiller, frommer Freude

Im ewigen Gebete niederkniend

Einsam Natur und Gott und Himmel lieben.“

Diese Eindrücke wirken fort in Tiecks Gemüth, bis sie verstärkt durch

andere Einflüsse, in der „Genoveva“ neue poetische Gestalt annehmen.

Ja, manche Einzelheiten in der „Genoveva“ weisen noch deutlich auf den

„Klosterbruder“ zurück und lassen die Verbindungsfäden sehen, die von

Wackenroder in die Hochblüte der Romantik hinüberführen.[36]

Tieck war immer leicht empfänglich für Anregungen und Eindrücke

von außen; er hielt sie aber, wenn sie nicht seiner Natur homogen

waren, selten lange und energisch fest. Es drohte auch die hohe

romantisch-religiöse Klosterbruderstimmung ihm unter den Händen zu

entweichen. Gegen Ende des unvollendeten „Sternbald“ scheint es, als ob

das fromme, helle Feuer erlöschen und der keusche Genius, sein Antlitz

verhüllend, hinwegfliehen wollte. In den ziemlich leichtfertigen

Badescenen und den florentinischen Künstlergelagen muss Wackenroders

Vorbild dem des sinnlichen Heinse weichen. In welchem Geiste etwa

der Roman zu Ende geführt worden wäre, lässt sich aus der kleinen

Planskizze nicht entnehmen. Das eine Gefühl aber wird der Leser

nicht los, dass hier die Ideen und der glorreiche Enthusiasmus der

„Herzensergießungen“ gegen Ende zu schon stark verblassen und dass

damit der Weg, der zur „Genoveva“ hinführt, sich verliert. Vielleicht

hätte Tieck diesen Weg zur religiös hochgespannten Dichtung auch nicht

wieder gefunden, wenn ihn nicht eine neue starke Strömung ergriffen

hätte, die das vollendete, was Wackenroders Freundschaft begonnen

hatte, die Einflüsse nämlich, die von Schleiermacher und Novalis, von

Calderon und Jakob Böhme ausgiengen.

* *

*

Der persönliche Verkehr mit Schleiermacher scheint nicht von großer

Bedeutung für Tieck gewesen zu sein.[37] Der wortkarge Theologe,

der hartkantige Mann, die einsame „Beichtvaternatur“ war nicht

dazu geschaffen, Tieck gesellig zu fesseln. Was Schleiermachers

Persönlichkeit nicht vermochte, that sein erstes größeres Werk, das

den Verfasser mit einem Schlage berühmt machte, die „Reden über die

Religion“ (1799).[38]

So wenig als Wackenroders Frömmigkeit und religiöse Kunstverehrung,

trägt Schleiermachers Religion in den „Reden“ eine Spur von Dogmatik

und Systematik an sich. Auch ihm ist im Grunde „Aberglaube lieber

als Systemglaube“. Seine religiösen Anschauungen sind durchaus

romantische.[39] Die Religion ist ihm etwas ganz und gar Individuelles

und Subjectives, sie ist Anschauung und Gefühl des Universums,

innerlich und unmittelbar. Diese religiöse Anschauung ergreift immer

das Ganze, wie die wahre und richtige ästhetische Betrachtung das

Gesammtkunstwerk. Nicht auf Erkenntnis des Universums, wie die

Metaphysik, nicht auf Leitung des menschlichen Handelns, wie die

Moral, zielt die Religion ab. Im Gemüthe und nur im Gemüthe und vor

dem inneren Sinne ist das Göttliche gegenwärtig. Als eine wundervolle

Erleuchtung kommt dieses Anschauen des Universums über die Seele des

Menschen.[40] Schleiermachers religiöses Gefühl ist ästhetischer Natur

oder wenigstens ästhetischen Stimmungen nahe verwandt.[41]

Der Vortrag in Redeform ist von einem kraftvollen, mächtig

eindringlichen Pathos durchlodert. Denn, sagt Schleiermacher, Religion

verlangt die höchste Kunst und Kraft des Ausdrucks.[42] Es ist ein

Stil, der, wie Fr. Schlegel behauptet, als oratorische Leistung, „eines

Alten nicht unwürdig wäre“.[43]

Dieser Recensent betrachtet die Reden „durchaus als Incitament für die

Religionsfähigen“.[44] Dass der Dichter der „Genoveva“, in dem die

Wackenroder’schen Anregungen noch leise nachtönten, der inzwischen

auch schon Böhmes „Morgenröthe“, Calderon und das schlichtfromme

Volksbüchlein von der heiligen Genoveva zur Hand genommen hatte,

der nach seinem eigenen Worte einen angeborenen „Instinct“ zur

Religion besaß,[45] zu den „Religionsfähigen“ gehörte, kann nicht

bezweifelt werden. Exactes, systematisches Denken in Religion und

Philosophie war freilich seine Sache nicht, und ein strenges Verfolgen

aller Gedankenwege der trotz aller Systemscheu durch und durch

philosophischen „Reden“ ist bei Tieck nicht vorauszusetzen. Sicher

musste aber die hinreißende oratorische Sprache, die sich öfters zu

einem dithyrambischen Feuer erhebt, in Tiecks Seele zünden und über sie

eine ernste, religiöse Weihestimmung ausgießen. Die feurige Sprache

musste seine Seele ergreifen; denn die „Reden“ Schleiermachers stehen

wie alle Redekunst hart an der Grenze dichterischen Schaffens.

Über Tieck konnte Fr. Schlegel bald an Schleiermacher berichten:

„Was ich geweissagt, ist geschehen, dass nämlich Tieck von Deiner

Religion grausam begeistert ist.“[46] Diese „grausame Begeisterung“

ist für Tiecks Seelenverfassung unmittelbar vor Abfassung seiner

„Genoveva“ entschieden wesentlich und bemerkenswert. Dass die bereits

geweckten allgemein religiösen Stimmungen, die poetische Neigung zu

religiösen Stoffen und zu religiöser Auffassung derselben durch die

„Reden“ Schleiermachers eine Steigerung erfahren mussten, ist recht

wohl begreiflich. Wenn Tieck an ernstliche Vertiefung in das Problem

der „Reden“ auch kaum dachte, so scheinen doch ein paar allgemeine

Anschauungen Schleiermachers einen tieferen Eindruck auf ihn gemacht zu

haben, so dass man die Nachwirkung in der „Genoveva“ noch einigermaßen

verfolgen kann. Daneben war auch manche Anschauung, die im Keime

oder in kindlicher Unreife schon in den „Herzensergießungen“ und

„Phantasien“ schüchtern auftauchte, hier zu männlicher Vollkraft und

Reife entwickelt. Ein persönlicher Zusammenhang zwischen Wackenroder

und Schleiermacher lässt sich zwar nicht erweisen,[47] und Wackenroder

war durch die Betrachtung religiöser Kunstwerke, Schleiermacher aber

durch die Betrachtung religiöser Menschen zu seinen Anschauungen

gekommen. Trotzdem ist Verwandtschaft da und kann nicht sonderlich

auffallen: denn sie liegt im gemeinsamen romantischen Geiste, woraus

sich auch erklärt, dass der Kreis der Berliner und Jenenser Genossen

beim Erscheinen der „Reden“ in freudige Erregung gerieth.

Überdies hat auch Schleiermacher wie Wackenroder das Verhältnis von

Kunst und Religion besprochen, und was Poesie und Kunst berührte,

zündete unfehlbar in den Herzen der jungen Generation. Den schönen Bund

der Kunst mit der Religion, den Wackenroder in den alten Kunstzeiten

bewunderte, den August Wilh. Schlegel bereits in einem großen Gedichte

gefeiert hatte, sieht unser Redner eben im alten Griechenland

verwirklicht. „Da näherte sich“, sagt er, „der Kunstsinn der Religion,

um sie mit neuer Schönheit und Heiligkeit zu überschütten und ihre

ursprüngliche Beschränktheit zu mildern.“ Auch Schleiermacher findet

wie Wackenroder, dass es in der Gegenwart leider nicht so gut steht.

„Religion und Kunst stehen nebeneinander wie zwei befreundete Seelen,

deren innere Verwandtschaft, ob sie sie gleich ahnen, ihnen doch noch

unbekannt ist. Freundliche Worte und Ergießungen des Herzens schweben

ihnen immer auf den Lippen und kehren immer wieder zurück, weil sie die

rechte Art und den letzten Grund ihres Sinnens und Sehnens noch nicht

finden können. Sie harren einer näheren Offenbarung, und unter gleichem

Druck leidend und seufzend sehen sie einander dulden, mit inniger

Zuneigung und tiefem Gefühl vielleicht, aber doch ohne Liebe.“ Würden

beide in ein Bett zusammengeleitet, so könnte das die Religion zur

Vollendung bringen. An die kunstübenden Genossen und Freunde richtet

daher der Redner die Worte: „Sehet da, das Ziel Eurer gegenwärtigen

höchsten Anstrengungen ist zugleich die Auferstehung der Religion!“

Schon sieht der Prophet „einige bedeutende Gestalten, eingeweiht in

diese Geheimnisse (seiner Religion) aus dem Heiligthum zurückkehren,

die sich nur noch reinigen und schmücken, um im priesterlichen Gewande

hervorzugehen.“[48] Schleiermacher denkt an die romantischen Genossen.

Es war dies ein Aufruf und eine Prophezeiung, die sich besonders

Novalis und Tieck zuherzen nahmen und sie wollten sie gemeinsam

verwirklichen in geistlichen Liedern und Predigten.

Und Schleiermacher arbeitet ihnen dazu noch mehr vor. Er findet das,

was er für das echt Religiöse erkennt, nicht nur in sich und in den

religiös veranlagten Zeitgenossen, er sucht und findet es auch in

allen historischen Erscheinungsformen der Religion, in den positiven

Religionen, indem er allerdings die Begriffe und Anschauungen der alten

Religion nach seinen festgestellten Religionsbegriffen ausdeutet und

so ganz neue Werte in alte Worte kleidet. Er wendet sich dabei mit

scharfer Polemik gegen die „natürliche Religion“ der Aufklärer, die

alles Außerordentliche und Unbegreifliche scheut. Er eifert gegen das

unbestimmte, verwaschene, kraftlose Gebilde, das jener Masse gleicht,

die zwischen den Weltsystemen dünn und zerstreut schweben soll und ihre

Existenz erst erwartet.[49] „Wenn eine Religion nicht eine bestimmte

sein soll, so ist sie gar keine, sondern nur loser, unzusammenhängender

Stoff.“[50]

Ein dünnes, unbestimmtes, abstractes Etwas ist aber für den Dichter

immer ein höchst undankbarer Vorwurf. Die positive Religion dagegen war

einst eine fruchtbare Grundlage für Kunst und Poesie. Die Gegenwart

bot nirgends, was die Vergangenheit besaß. Wenn nun die positive

Religion zu Ehren kommt, wie in den „Reden“, dann muss sich auch

ein Dichter aus dem aufgeklärten Berlin umsomehr ermuthigt fühlen,

die gestaltenreiche katholische Legende, an der sich schon das

Poetenauge heimlich ergötzte, in ihrer mittelalterlichen Auffassung

wieder aufzunehmen und dichterisch zu gestalten. Noch mehr. Sogar die

bei den nüchternen Großmeistern der Aufklärung genugsam verfehmten

Begriffe: Wunder, Weissagung, Offenbarung, Eingebung, Gnadenwirkung

sollten sich einer unverhofften Ehrenrettung erfreuen, wenn auch

wiederum umgewertet nach dem Maßstabe Schleiermacher’scher Auffassung.

Jeder wahrhaft religiöse Mensch sieht nach den „Reden“ Wunder,

erlebt Offenbarungen, Eingebungen, Gnadenwirkungen, und glaubt an

Weissagungen. Mochte bei solchen Gedanken die ehrsamen Nicolaiten und

alle Schildbürger und Philister im Reiche des aufgeklärten Verstandes

ein heimliches Bangen beschleichen, so fand Tieck dieselben bei seiner

Liebe zur Poesie und zum Sonderbaren[51] nur umso verständlicher und

anheimelnder. Schleiermachers Anerkennung des Wunderbaren konnte den

Dichter, dessen Phantasie sich bereits mit den Wundern, Offenbarungen

und Gnadenwirkungen, von denen das Volksbüchlein berichtet,

beschäftigte, nur ermuntern, die alte, schlichte Legende mit neuer

poetischer Schönheit zu überschütten. Ob Schleiermacher auch nicht die

Legendenwunder nach der alten Auffassung vertheidigte: eine solche

warme Vertheidigung des religiös Wunderbaren an sich nahm allein schon

viel vom Fluche des Lächerlichen von den missliebigen Begriffen hinweg,

vom Fluche, der auch für Tieck bisher gegolten hatte und, wenn auch

abgeschwächt, noch galt. Tiecks rationalistische Jugendeindrücke,

seine düstere Skepsis waren trotz Wackenroder noch lange nicht mit der

letzten Wurzel aus seiner Seele gerissen. Für ihn, der inzwischen auch

Nicolais Schildknappe gewesen war, bedurfte es eines solchen Zuspruches

für die Stärkung seines religiösen Stimmungslebens, um es poetisch

fruchtbar zu machen.

Sehr wesentlich war für Tiecks Dichtung noch folgende

Gedanken-Entwickelung der „Reden“. Eine damals neue Entdeckung

Schleiermachers liegt in seinem Begriffe der Religion als Anschauung

und Gefühl des Universums, einem Gedanken, der sich auf das engste mit

der romantischen Hochschätzung und Überschätzung von Phantasie und

Gemüth berührt. Das intuitive Anschauen und das Gefühl des Universums

kommen nach seiner Darlegung für die Religion allein in Betracht. Die

Stärke der religiösen Anschauungen und Gefühle bedingt den Grad der

Religiosität eines Menschen. Verkehrt wäre die Forderung, das religiöse

Fühlen sollte etwa das menschliche Handeln bestimmen. Das sittliche

Handeln ist Sache der moralischen Kraft im Menschen und hat mit der

Religion nichts zu schaffen. „Alles eigentliche Handeln soll moralisch

sein und kann es auch, aber die religiösen Gefühle sollen wie eine

heilige Musik alles Thun des Menschen begleiten; er soll alles mit

Religion thun, nichts aus Religion.“ Die religiösen Gefühle lähmen

geradezu die Thatkraft des Menschen und laden ihn ein zum stillen,

hingegebenen Genuss. Daher verließen die religiösesten Menschen,

die nichts waren als religiös, so oft die Welt und ergaben sich der

müßigen Beschauung.[52] Die Thatsache, dass Tiecks „Genoveva“ dieser

Auffassung vom ausschließlich religiösen Menschen, dem contemplativen

Ideale so auffallend entspricht, kann nicht übersehen werden. Während

die Heilige des Volksbuches, das Tieck als Vorlage dient, in ihrem

Auftreten gegen Golo eine anerkennenswerte sittliche Energie zeigt,

scheint Tiecks Heldin von Anfang bis zum Ende an ihrer Willenskraft

wie gelähmt und ihr Dasein löst sich fast beständig in einen frommen

Gefühlsgenuss und in religiöse Stimmungsschwelgerei auf. Wenn auch

das Volksbuch ziemlich viel von Genovevas beschaulichem Leben

berichtet, so ist das süße Schwärmeln und Schwelgen in Gefühlen und

weichen Stimmungen bei Tieck noch um manchen Grad gesteigert. Andere

Dichter scheiden solchen lyrischen Überfluss eher aus oder verkürzen

ihn, wenn sie dramatisch gestalten wollen. Tieck ist aber von Hause

aus durch und durch ein Stimmungsdichter, der immer am liebsten den

ätherischen Duft und Geist der Erscheinungen in Worte und Verse fassen

möchte. Das zeigt seine Poesie ja schon vor der „Genoveva“. Man denke

an seine „Magelone“. Seine eigene Begabung und Neigung führte ihn

daher schon dazu, die Situationen der Legende möglichst nach ihrem

Stimmungswerte auszunützen. Die Gefühlsweichheit in der „Genoveva“

darf darum nicht ausschließlich wie ein dichterisches Correlat zur

theoretischen Aufstellung der Schleiermacher’schen „Reden“ angesehen

werden. Aber es bleibt ein merkwürdiges Zusammentreffen, dass Tiecks

dichterische Neigung durch Schleiermachers Forderung einer durchaus

passiven Religiosität noch geradezu eine theologische Sanction

erhielt, die seine poetische Neigung zu befestigen und vor ihm selbst

zu rechtfertigen geeignet war. An die Mahnung Schleiermachers, eine

„heilige Musik“ religiöser Gefühle solle das ganze Leben ohne Aufhören

begleiten, wird der Leser der „Genoveva“ unwillkürlich erinnert, wenn

er bei Tieck im Kriegslager und auf dem Schlosse, in der Wüste so gut

wie in der Kapelle fast bei allem Thun und Denken wenigstens irgend

einen religiösen Klang tönen hört.[53]

Wie die romantische Ästhetik das eine Urpoetische in den dichterischen

Äußerungen der verschiedenen Zeiten und Völker sucht, in der

höchsten Kunstpoesie sowie im unscheinbarsten Volksliede, so sucht

der romantische Theologe das eine Urreligiöse in allen Gestalten

und Verkleidungen, unter denen es je im Laufe der Zeiten unter den

Menschen erschienen ist. Alle Religionen erscheinen als ein großer

Organismus, dessen Glieder alle ihre gute Berechtigung haben. Der

stets künstlerischen romantischen Anschauung schließt sich immer das

Mannigfaltige zu einem Kosmos höherer Ordnung zusammen. Der wahrhaft

religiöse Mensch Schleiermachers ist darum tolerant. Es gibt ja für ihn

keinen Wesensunterschied etwa zwischen Pantheismus und Personalismus

im Gottesbegriffe.[54] Es sollen sich gerade unzählige Religionen

entwickeln, jeder Mensch kann sich seine eigene gründen.[55] Es webt

und wirkt ja doch in allen der nämliche Geist der einen, unendlichen

Religion.[56] Mag die einzelne Gestalt, die diese annimmt, wie immer

aussehen; wenn es nur Religion ist, so gibt sich damit der Fromme

zufrieden. Man muss wohl oder übel an eine freie Weiterbildung

dieser Ansicht Schleiermachers in Tiecks Dichtung glauben, will man

eine Erklärung für das Zusammenwürfeln so fremdartiger religiöser

Vorstellungen finden, wie es uns in der „Genoveva“ begegnet. Von der

Idee des romantischen Urreligiösen aus wird es sogar einigermaßen

erklärlich, wie in einer und derselben Persönlichkeit sich der

katholische Gottesbegriff mit dem Pantheismus, wie christliche

Gedanken und fatalistische Vorstellungen sich friedlich miteinander

verbinden und vertragen können. Zum weitaus größten Theile sind in der

„Genoveva“ allerdings die christlichen Vorstellungen festgehalten.

Die verschiedenen religiösen Elemente aber, die sich fremd dazwischen

drängen, fallen für Tieck und seine Freunde unter die höhere Kategorie

des allgemein Religiösen. Alle wirklichen Dissonanzen sind daher für

ihn nur scheinbar und lösen sich in dem höheren Einklang auf und wirken

zur allgemein religiösen Gesammtstimmung, auf welche Tiecks Dichtung

abzielt, ohne Störung mit.

Wenn Genoveva ihre christlichen Vorstellungen vom Jenseits mit der

pantheistischen vom Aufgehen im Weltall verknüpft, so entspricht das

noch besonders Schleiermachers Ansichten; denn das Verlangen nach

persönlicher Fortdauer nach dem Tode findet er ganz irreligiös; der

Mensch soll geräuschlos im Unendlichen verschwinden; falls er es nicht

bewusst in seinem Denken und Sein vermag, soll er wenigstens den Tod

als willkommene Gelegenheit dazu ergreifen. Daher muss auch Genovevas

Seele „in dem Lebensmeer als Welle klingen“.

Wahre Religion, führt Schleiermacher ferner aus, ist tolerant gegen

das Religiöse in jeder Gestalt, aber polemisch gegen alles Irreligiöse

in und außer sich. Es widerspricht darum nicht dem Wesen des

Christenthums und der Toleranz, zu kämpfen gegen alles, was ihm als

Irreligion erscheint. Tieck brauchte deshalb kein Bedenken zu tragen,

den Saracenenfeldzug als Kreuzzug in seine Dichtung einzuschalten.

Einen heiligen Krieg hat das Christenthum auch gegen alles Unheilige

in sich selbst beständig zu führen, damit alles Unreine ausgeschieden

werde. Einzelne Elemente und ganze Massen werden ausgestoßen. Dieser

immerwährende Kampf ist die in seinem Wesen begründete Geschichte des

Christenthums. „Ich bin nicht gekommen, Friede zu bringen, sondern

das Schwert“, sagt der Stifter desselben, freilich nicht um blutige

Bewegungen und elenden Wortstreit zu entfachen; nur die heiligen

Kriege, die aus dem Wesen seiner Lehre nothwendig entstehen, hat

er vorausgesehen und anbefohlen.[57] Die Rede Dragos[58] über den

beständigen Kampf im Leben der christlichen Kirche und des einzelnen

Christen, die auch mit dem gleichen evangelischen Citate beginnt, ist

hier im Keime gegeben.

Schon beim flüchtigen Lesen fällt es auf, dass uns in der

katholisierenden „Genoveva“ eine ganz eigenthümliche Auffassung des

Priesterthums begegnet, die sich der katholischen hierarchischen

Ordnung gar nicht anbequemt. In Siegfrieds Burgkapelle hält ein

„Capellan“ eine religiöse Ansprache, aber auch der Diener Wendelin.

Der nämliche Capellan hält auch noch eine erbauliche Rede für

Genoveva, verschwindet dann aus der Dichtung und im weiteren nimmt

der Küchenmeister Drago die Stelle eines geistlichen Seelenleiters

ein. Also neben dem Bischof, der am Schlusse auftritt, und dem

Capellan predigen Diener und Küchenmeister. Die hier ziemlich deutlich

durchschimmernde Ansicht vom freien Priesterthum ist wieder ein Gedanke

aus Schleiermachers „Reden“. Schleiermacher will kein zunftmäßiges

Priesterthum. Ein Privatgeschäft sei die Mission des Priesters. Ein

jedes Privatzimmer mag ein Tempel sein.[59] Wen der religiöse Geist

ergreift, der übt auch das Priesteramt. Es gibt zwischen Geistlichen

und Laien keinen Unterschied der Personen, sondern nur einen

Unterschied „des Zustandes und der Verrichtung“.[60] In diesem Sinne

wird thatsächlich das Predigtamt in der „Genoveva“ geübt.

Doch genug. Es darf für erwiesen gelten, dass ähnliche Ideenrichtungen

sich in den „Reden“ des romantischen Theologen und im Drama des

romantischen Dichters finden. Es ist freilich nicht vieles Einzelne,

was sich sicher greifen ließe. Wie sollte auch der Dichter aus dem

Buche, das sich vom Anfange bis zum Ende in lauter Abstractionen

bewegt, mehr entnehmen können als die eine oder andere grundsätzliche

Ideenrichtung? Hauptsache bleibt, dass Tiecks künstlerische

Begeisterung für Religion in den „Reden“ ein kräftiges „Incitament“

gefunden hatte.

* *

*

Tieck ließ sich willig durch Schleiermacher begeistern, aber ein echter

und eigentlicher Schüler des Berliner Theologen war er darum noch

nicht. Ein solcher war Tiecks Freund Novalis-Hardenberg. Schleiermacher

und Novalis waren es allein, die unter den älteren Romantikern auf

eine Erweckung des eigentlich religiösen Sinnes abzielten, während die

übrigen nur an eine Erneuerung und Belebung von Kunst und Poesie durch

die Religion dachten. Schleiermacher selbst gedenkt in der zweiten

Auflage seiner „Reden“ schmerzergriffen des lieben Todten, des „zu

früh entschlafenen göttlichen Jünglings, dem alles Kunst ward, was

sein Geist berührte, seine ganze Weltbetrachtung unmittelbar zu Einem

großen Gedicht, den Ihr, wiewohl er kaum mehr als die ersten Laute

wirklich ausgesprochen hat, den reichsten Dichtern beigesellen müsst,

den seltenen, die ebenso tiefsinnig sind als klar und lebendig“.

Dieser Jüngling mit seiner Christusliebe erscheint Schleiermacher als

das edelste Vorbild des frommen Künstlers.[61] Novalis war wirklich

seiner Denkrichtung nach mit Schleiermacher nahe verwandt. Beide

Geister wurzeln ja auch im Herrnhuterthum. Beide bringen dieselbe

tiefreligiöse Veranlagung mit. Novalis ist daher von den „Reden“ am

meisten ergriffen unter den Jenenser Freunden.[62] Wie mächtig sie

sein ganzes Inneres erregten und verwandte Ideen und Stimmungen in

drängender Fülle auslösten, lässt sich auf Schritt und Tritt verfolgen.

Fast alle wesentlichen Gedanken Schleiermachers über die Religion

finden sich modificiert, subjectiv angewendet, besonders gerne in

Aphorismen voll kräftiger Poesie eingekleidet, bei dem jungen Dichter

wieder. Da heißt es: „Alle absolute Empfindung ist religiös.“[63]

„Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgend ist die

Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.“[64] „Alle

unsere Neigungen scheinen nichts als angewandte Religion zu sein; das

Herz scheint gleichsam das religiöse Organ.“[65] Auch Novalis wendet

sich gegen die Aufklärer, die alles Wunderbare und Geheimnisvolle von

der Religion abwaschen möchten.[66] Aufklärung und Religionsverachtung

ist ihm ungefähr das nämliche und ebenso innigstes, höchstes Fühlen

und Religion. Sein Idealbild religiösen Lebens projiciert Novalis

in das Mittelalter, ähnlich wie Wackenroder, aber auch zugleich

hoffnungsfreudig in eine bessere Zukunft. Mit tiefer Sehnsucht schaut

er im Aufsatze „Die Christenheit oder Europa“ (1799)[67] in die alte

Zeit zurück, in der die Religion als die Centralsonne des Lebens galt.

Und nach dem Alten hatte er sich schon in den „Hymnen an die Nacht“

gesehnt.

„Was sollen wir auf dieser Welt

Mit unsrer Lieb’ und Treue?

Das Alte wird hintangestellt:

Was soll uns denn das Neue?

O! einsam steht und tiefbetrübt

Wer heiß und fromm die Vorzeit liebt.“[68]

So wenig wie Wackenroder oder Schleiermacher, schließt sich Novalis

einer kirchlichen Lehre an, wenn er auch gerne seine Gedanken mit

kirchlichen Worten stilisiert und das katholische Mittelalter preist

und sogar innige Marienlieder dichtet.[69] Und wenn er auch mit

verschiedenen Gedanken katholischen Ideen recht nahe kommt: er meint

zunächst doch immer das phantastische Idealbild einer Religion, wie

es seine Dichterseele träumt. Pantheismus und Christenthum stehen

auch bei ihm hart nebeneinander. Wie Schleiermacher denkt auch

Novalis über das Wunder.[70] Wie für Schleiermacher Religion und

Kunst, sind für ihn Poesie und Mysticismus nahe Verwandte.[71] Auch

für Novalis gibt es kein abgeschlossenes System.[72] Novalis’ Seele

ist voll Schleiermacher’scher Frömmigkeit. Wohin wir blicken, die

Saat des Berliner Redners sprosst und treibt mit üppiger Kraft in den

geheimnisvollen Tiefen dieses merkwürdigen Gemüthes. Es ist von den

„Reden“ in der That „ganz eingenommen, durchdrungen, begeistert und

entzündet“.[73]

Novalis verehrte schon Tieck als den Dichter der „Volksmärchen“, bevor

er ihm persönlich begegnete. In Jena nun treffen sich beide im Sommer

1799. Erstes Begegnen, entgegenkommendes Verstehen, schwärmerisches

Freundschaftschließen: all das war das Werk eines Tages.[74] Tieck

glaubte seinen Wackenroder in verklärter Gestalt wiederzubesitzen.

Leider musste er auch diesem Freunde gar bald Trauersonette als

Todtenopfer weihen.[75] Diese neue Freundschaft ist wieder so

enthusiastisch wie jene mit Wackenroder. Ist doch Novalis ebenso

herzlich und fromm und liebenswürdig und dabei mit einem weitreichenden

geistigen Blicke begabt, ein jugendfroh und gewaltig aufstrebender

Dichter und Denker, der bei aller Frömmigkeit auch alle Bildung des

Zeitalters, insbesondere die naturphilosophische, durstig in seine

Seele saugen und dichterisch in einer großen Romanserie verklären

möchte. Das war gewiss ein richtiger Umgang für Tieck, als er schon

an seiner „Genoveva“ arbeitete. In dieser Freundschaft konnte auch

seine religiöse Stimmung neues kräftiges Leben schöpfen und einzelne

Spuren des freundschaftlichen Gedankenaustausches sind wiederum in

Tiecks Dichtung erkennbar. Wie Novalis im Aufsatze: „Die Christenheit

oder Europa“ den Leser aus der nüchternen, unfrommen Gegenwart in die

schönen glänzenden Zeiten des katholischen Mittelalters führt, so weist

der heilige Bonifacius Tiecks als Prologsprecher in die gläubige,

altdeutsche Zeit zurück, die so ganz das Gegentheil der glaubenslosen

Jetztzeit war. Wenn Novalis auf den geheimnisvollen Weg nach innen

zeigt und nach Schleiermachers Beispiel eine Herzensreligion, eine

Frömmigkeit des innerlichsten Lebens fordert, so meint der Leser der

„Genoveva“ im Sonette des Capellans[76] einen Schüler Hardenbergs zu

vernehmen. Novalis war auch der erste im romantischen Kreise, der

direct die katholische Religion als solche im ganzen Umfange, wenn

auch subjectiv ausdeutend, mit Entzücken pries. Gemeinsam wollten

ferner die Freunde geistliche Lieder und Predigten herausgeben und sie

Schleiermacher widmen.[77] Novalis’ „Geistliche Lieder“ erwuchsen auch

bald aus dieser hochgesteigerten religiösen Stimmung heraus und auch

im „Ofterdingen“ sind Anklänge an die „Reden“ bemerkbar. Tieck wollten

die geistlichen Lieder nicht gelingen[78] und von den Predigten ist bei

ihm überhaupt nicht weiter die Rede. Wenn uns aber Tieck sagt, dass

er verschiedene „Vorsätze und poetische Stimmungen“, die ihn damals

beherrschten, in seine „Genoveva“ hineingearbeitet habe, so lassen

unsere Betrachtungen ahnen, was einmal unter den „Stimmungen“ gemeint

ist. Wohl nichts anderes, als die neue religiöse Begeisterung und die

Schwärmerei für altdeutsches Wesen, die sich Tiecks wie der übrigen

Genossen um diese Zeit bemächtigt hatte. Zu den „Stimmungen“ gehören

vielleicht auch jene „leidenschaftlichen Zustände und unerwarteten

Erfahrungen“ an sich selbst, über die sich nur eine dunkle Andeutung in

einem späten Briefe an Solger findet.[79] Die „Vorsätze“ dann beziehen

sich jedenfalls auf die geplanten geistlichen Lieder und Predigten.[80]

Spuren der projectierten Predigten lassen sich in der „Genoveva“ fast

noch erkennen. Novalis schrieb mehrere Einfälle über das Wesen der

Predigt nieder, wie er es sich dachte. Darunter finden sich Gedanken,

wie: „Die Predigt muss angewandte Religion enthalten.“[81] „Die

katholische Religion ist gewissermaßen schon angewandte christliche

Religion.“[82] „Predigten sollten eigentlich Legenden heißen, denn

der eigentliche Stoff der Predigten ist der Legendenstoff.“[83] Von

der wunderschönen Frau der Christenheit und von längst verstorbenen

himmlischen Menschen, von Heiligen, predigten einst die Priester im

schönen Mittelalter.[84] Jedermann kann Predigten halten und aus

dem Schatze seiner Erfahrung göttliche Geschichte mittheilen.[85]

(Freies Priesterthum wie bei Schleiermacher.) Nun sehen wir in Tiecks

„Genoveva“ den Diener Wendelin in der Kapelle zu den Heiligenbildern

hintreten und sie seinen Genossen, also einer kleinen Gemeinde,

predigend erklären.[86] Wir sehen ein andermal Drago im Anschluss

an die Lesung des Legendenbuches eine geistliche Anrede an Genoveva

halten.[87] Hier spielt allem Anscheine nach das Predigtproject der

beiden Freunde herein und das wäre vielleicht ein erkennbarer Rest

jener „Vorsätze“, die in der Dichtung nachwirkten. --

Novalis und Tieck waren nicht die einzigen Bewunderer der „Reden“.

Fast die ganze romantische Tafelrunde von Jena that wacker mit[88] und

verschiedene religiöse Poesien erwuchsen aus den neuen Anregungen.

Schon vor einem Jahre waren A.W. Schlegels Gemäldegespräche und

geistliche Sonette über einige religiöse Bilder der Dresdner Gallerie

sowie der bedeutsame Versuch romantischer Didaktik „Der Bund der Kirche

mit den Künsten“ im Anschluss an Wackenroder-Tieck entstanden. Unter

dem Einfluss der neuen religiösen Anregungen folgen die Neudichtungen

alter Legenden und noch andere Gedichte mit religiösen Motiven. Das

Christenthum ist in Jena bald „à l’ordre du jour“. Während es Hülsen

zwar bei einer hellenisierenden, pantheistischen Naturreligion sich

genügen lässt,[89] entfacht Steffens, ein junger Norweger und Tiecks

Freund, seine Andacht an der sistinischen Madonna in Dresden.[90]

Friedrich Schlegels „Ideen“ im „Athenäum“, die zwar manchmal von

Schleiermacher abweichen, sogar manche Spitzen gegen die „Reden“

enthalten, sind nichtsdestoweniger nur ein Fortspinnen der in den

„Reden“ ausgeführten und im persönlichen Verkehr mit Schleiermacher

gewonnenen Anschauungen. Friedrich sinnt auf Mittel und Wege, die

neugewonnenen Ideen für Poesie und Kunst fruchtbar zu machen. Das

Ergebnis seines Nachdenkens ist im „Gespräch über die Poesie“

niedergelegt. Das Studium der Griechen hatte ihn belehrt, dass eine

Mythologie, in der sich die tiefsten Welt- und Lebensanschauungen,

die höchsten Ideale eines Volkes in unvergänglichen Typen

zusammenkrystallisierten, in denen das, was sonst das Bewusstsein ewig

flieht, sinnlich geistig zu schauen festgehalten ist, für die Poesie

die allerwertvollste Basis sein kann. Diese richtige Beobachtung führt

aber Schlegel, der vielleicht Schelling’schen Anregungen folgte, auf

den bizarren Gedanken, die bewusste Schöpfung einer neuen Mythologie

zu verlangen. Er selbst war schon eine Zeitlang mit keiner geringeren

Absicht umgegangen, als der, eine neue Religion zu stiften.[91]

Aber ein absichtliches Verkörpernwollen von Ideen in mythologischer

Art bringt statt lebendiger Typen und Göttergestalten höchstens

den Wechselbalg Allegorie zum Vorschein.[92] Schlegel selbst meint

überdies, man könne auf verschiedenen Wegen dem neuen Ziele zustreben.

Die älteren Mythologien seien wieder zu erwecken, um das Werden der

neuen zu beschleunigen und das Studium der Naturphilosophie gewähre

die heiligsten Offenbarungen. Daneben begegnet uns der Gedanke, die

Deutschen müssten, um ihre Poesie zu erneuern, auf „die Quellen

ihrer eigenen Sprache und Dichtung zurückgehen“ und die alte Kraft

und den hohen Geist, der in den Urkunden der vaterländischen Vorzeit

schlummert, wieder frei machen.[93] Über Religion und Poesie spricht

Fr. Schlegel ähnlich wie Schleiermacher und Novalis.[94]

Was Fr. Schlegel wünschte, führte Tieck gleichzeitig schon zum Theile

und in seiner Weise aus. Während Schlegel sich mit seiner Mythologie

abmühte, geht Tieck mit kühner Leichtigkeit den Weg, den ihm seine

lebendige religiöse Kunststimmung und die übrigen empfangenen

Anregungen wiesen. Statt der antiken Mythologie, die ihm sein Leben

lang fern blieb und statt der neuzuschaffenden, von der Schelling,

Schlegel und Novalis träumten und die noch in recht nebeliger Ferne

dämmerte, tritt bei Tieck die katholische Legende ein. Sie war für ihn

ja längst nimmer todt. Alte Kunst und Dichtung, Calderon voran, bürgten

ihm für die innere Lebenskraft derselben und er hatte auch mit eigenen

Augen in Süddeutschland katholisches Leben und den Cultus der Heiligen

in leibhafter Gegenwart mitangesehen. Er brauchte nur die Gestalten der

vergessenen Legende mit der reichen religiösen Begeisterung, die ihm

eben aus vielen Quellen zuströmte, zu durchwärmen und den Reichthum

seiner Phantasie der Erneuerung des alten Büchleins dienstbar zu machen

und es bedurfte für ihn keiner imaginären Mythologie mehr. Es war

das der nächste und selbstverständlichste Weg, seinen dichterischen

Wünschen Genüge zu thun.

Die Freundschaft mit Wackenroder, die „Reden über die Religion“, der

Umgang mit Novalis und der, wenn auch weniger tief wirkende, mit

Friedrich Schlegel[95], die Lectüre von Calderon und Jakob Böhme, deren

Einfluss noch später besprochen werden soll, die gesammte geistige

Atmosphäre, in welcher die junge Dichtergeneration lebte und athmete:

alles half zusammen, Tieck aus der flachen Sandwüste Berlinischer

Aufklärung, in der Gemüth und Phantasie kläglich abgewelkt waren und

die Dichtung kein fruchtbares Erdreich fand, in die poetische Welt

des Religiösen, Wunderbaren, Alterthümlichen, Gefühlsinnigen und zur

katholischen Legende hinüberzuführen. Wer die Einwirkungen dieser

letzten Jahre im Auge behält, kann es nicht räthselhaft finden,

dass in Tieck sich jetzt mit seiner Liebe zum Altdeutschen noch die

hochreligiöse Auffassung eines alten Stoffes vermählt.

* *

*

Nun gewinnt der Dichter auch eine andere Stellung zu den Volksbüchern,

als er sie bisher einnahm. Die Neigung für die kräftige Poesie

dieser alten Volksromane war, wie erwähnt, schon längst in Tieck

lebendig. „Götz“ und die Ritterdramen, die seine jugendliche Phantasie

bestürmten, hatten zuerst sein Interesse für das Alte geweckt. Die

Sprache des „Faust“ empfand er als den „veredelten, tiefsinnigeren

Widerhall des alten, vergessenen deutschen Tones“ bei Hans Sachs.

„Die früheren Werke Goethes waren die erste Nahrung meines Geistes

gewesen. Ich hatte das Lesen gewissermaßen im Berlichingen gelernt.

Durch dieses Gedicht hatte meine Phantasie für immer eine Richtung nach

jenen Zeiten, Gegenden, Gestalten und Begebenheiten bekommen.“[96]

Sein eigenes richtiges Gefühl für das Poetische ließ ihn den Wert der

verkannten bescheidenen Volksbüchelchen erkennen und schätzen. Die

erste Erwähnung derselben treffen wir im „Karl von Berneck“.[97] Der

Dienst bei Nicolai vermochte die einmal erwachte Neigung, die Tieck

noch durch die Lectüre älterer Literatur (Hans Sachs, Moscherosch,

Grimmelshausen) nährte, nicht zu ersticken. Im „Peter Leberecht“

spendet er den Volksbüchern reiches Lob.[98] Dann folgen die

verschiedenen Neubearbeitungen von Volksbüchern selbst. Schlichte,

holzschnittmäßige Nachbildung des alten Originals versucht er in

den „Haimonskindern“, lyrische Stimmungsmalerei in der „Magelone“.

Satirische Seitenwege geht er in den „Schildbürgern“ wie im „Blaubart“.

Abgesehen von den „Haimonskindern“, schaltet Tieck überall nach eigenem

Belieben in ziemlich freier Willkür mit dem alten Stoffe.[99] Die

Vorliebe für diese alten Poesien ist noch immer eine bedingte, zum

Theil eine Vorliebe aus Opposition gegen den platten aufgeklärten

Dienstherrn Nicolai. Hauptsächlich durch Wackenroders eigenthümliche

Geistesrichtung muss die tiefe Verehrung des Alten zur unbedingten,

schwärmerischen Begeisterung, zum „Phantastischen“[100] gesteigert

worden sein. Die übrigen Romantiker stimmen bald in diesen Lobpreis des

Alten mit ein. In ein paar Jahren hat sich die Meinung festgesetzt,

dass der „historische Weg“ das einzige Mittel sei, eine Besserung in

Kunst und Poesie einzuleiten.[101] So fließen denn unmittelbar vor

Entstehung der „Genoveva“ die höchste Begeisterung und Bewunderung für

das Altdeutsche und ein hochgesteigertes religiöses Stimmungsleben bei

Tieck ineinander, um sich vereint in die neue Schöpfung zu ergießen.

Im Jahre 1800, bald nach Vollendung der „Genoveva“, dichtet Tieck

so nebenbei in einigen heiteren Stunden einen kleinen Schwank in

Hans Sachsens Manier, den „Neuen Hercules am Scheidewege“ (später

„Der Autor“ betitelt). In dieser Burleske zieht er lustig gegen die

Nützlichkeitsfanatiker und Aufklärer, gegen den „alten Mann“ Nicolai

und die unberufenen Lessingverehrer, gegen den ganzen Heerbann der

Antiromantiker vom Leder. Er feiert Goethe als Neubegründer der wahren,

vaterländischen, deutschen Poesie und verehrt den „großen deutschen

Jakob Böhme“. Jede Zeile deutet jene romantische Zeitstimmung an,

welcher die „Genoveva“ ihren Charakter verdankt. Der derbe „Altfrank“

tritt wie ein Abgesandter des romantischen Geistes vor den Dichter hin

und ermuntert ihn zur Pflege der romantischen Dichtung:

„Erwärme dein Herz in alter Liebe,

Erwecke in dir die alten Triebe,

Wenn dir die neue Zeit nicht gefällt,

So gedenk der braven alten Welt,

Mit Andacht geh zu den alten Ruinen,

Die auf den hohen Bergen verwittern,

Sie schaun dich an mit wehmüthigen Mienen

Und erzählen dir von Thaten und Rittern,

Besuche zumal die Wald-Kapellen,

Wo sich heilige Geschichten vor dich stellen,

Die alte katholische Religion,

Als sie noch schmückte ihren Thron,

Und schöner die Welt durchströmte,

Ein selger Tod die Märtrer krönte:

Als deutsche Freiheit noch stolzirte,

Vor ganz Europa hell pranchirte,

Das alles magst du kühnlich preisen,

Verkündigen in vollen Weisen,

Was sonst erregte deinen Muth,

Beseligte in Adern dein Blut,

Lebt nicht noch alles in einzeln Spuren,

Wandelst nicht noch auf denselbigen Fluren?“[102]

Ähnliche Verse könnte man sich als Prolog vor die „Genoveva“ gesetzt

denken.

Die näheren Umstände, welche die Entstehung der „Genoveva“ noch

begleiteten, gibt Tieck selbst und sein Biograph Köpke an.[103] Den

ersten maßgebenden äußeren Anstoß erhielt Tieck nicht durch das

Volksbuch, sondern durch ein Werk des Geniedichters Maler Müller,

nämlich durch dessen Drama „Golo und Genoveva“, das, 1775-1781

entstanden, auch die alte Legende behandelt. Bei einem Besuche in

Hamburg (1797) erhielt Tieck durch Vermittlung des Malers Waagen

Einsicht in Müllers Manuscript, das noch immer des Verlegers harrte.

Die Lectüre war nach Tiecks Erzählung eine flüchtige. Nur das Lied:

„Mein Grab sei unter Weiden“ und die eigenthümliche Beziehung

desselben auf Golos Geschick machte ihm einen tiefen Eindruck. Im

übrigen behielt er nur ein sehr allgemeines, verschwommenes Bild vom

Werke in Erinnerung. Diese Bekanntschaft mit dem Werke Müllers hätte

am Ende noch nicht hingereicht, Tiecks Interesse bei diesem Stoffe

festzuhalten. Da fiel ihm aber ein Jahr darauf das Volksbüchlein von

der Pfalzgräfin Genoveva selbst in die Hände.[104] Es ist erklärlich,

dass Tiecks ganzes Gemüth, das eben jetzt von altdeutschen und

religiösen Kunststimmungen überquoll, sich mit Eifer und Liebe auf

den hier gebotenen Legendenstoff warf, der altdeutsche Schlichtheit

und innige Frömmigkeit so lehrend in sich vereinte und durch viele

Motive zur Verherrlichung der neuen romantischen Ideale einlud. Wenn

auch nicht mit tiefem Gemüthe (das besaß Tieck überhaupt kaum), so

doch mit ganzem Gemüthe ergriff er diese Legende, die ihn so traut

anmuthete und durch ihre stille Gewalt seine Phantasie in Bewegung

setzte. Schnell und leicht muss alles, was an poetischen Kräften in

ihm schlummerte, zusammengeströmt sein; denn im Sommer 1799 schrieb

er auf Giebichenstein den Prolog und die ersten Scenen. Im Herbste

vollendete er mit rascher Feder das Ganze und theilte es schon

im November seinen Freunden, im December Goethe, der den jungen

Romantikern ein wohlwollender Mentor war, mit, und im Jahre 1800

erschien in Jena bei Friedrich Frommann das Trauerspiel „Leben und Tod

der heiligen Genoveva“, mit „Melusina“ und „Rothkäppchen“ zum zweiten

Bande der „Romantischen Dichtungen“ vereint. In unserem Zusammenhange

angesehen, ist es nicht befremdend, wie die Behandlung dieses alten

religiösen Stoffes in alter religiöser Auffassung für Tieck wirklich

ein poetisches Erlebnis werden und wie er später Solger gegenüber sagen

konnte: „Es (sc. Solgers Urtheil über „Genoveva“) interessiert mich

sehr, weil dieses Gedicht auch ganz aus dem Gemüthe gekommen ist, weil

es mich selbst überrascht hat, und gar nicht gemacht sondern geworden

ist.“[105]

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 25 / 45 题