Das Bekenntnis der Hexe

_Volksbuch, 47 ff_. Nach einigen Jahren (d. i. einige Jahre nach der

Erscheinung von Dragos Geist) wird die Straßburger Hexe gerichtlich

eingezogen und sie legt vor ihrem Tode das Bekenntnis ab, dass sie

Siegfried betrogen habe. Der Schmerz des Grafen erwacht bei dieser

Nachricht mit furchtbarer Heftigkeit und bringt in Siegfried den

Entschluss zur Reife, Golo zu bestrafen.

_Tieck_. Das Hexengericht wird in Tiecks Darstellung nur wenig

verändert, und zwar zu Gunsten der dramatischen Form. Siegfried

ist hier selbst der Richter. Wir erfahren vom Verhöre der Hexe wie

von Siegfrieds Gemüthszustand. Nur widerwillig lässt dieser die

Verurtheilte noch ein zweitesmal vor sich kommen, eingedenk der

Ungerechtigkeit, dass er einst Genoveva und Drago nicht einmal

angehört hatte. Das Geständnis der Hexe, das Genovevas Unschuld

bezeugt, wird wie im Volksbuch behandelt; nur dass es von Winfreda vor

Siegfried selbst abgelegt wird. Dieser wüthet vor Schmerz und will nun

endlich gegen Golo ernstlich vorgehen. Im Volksbuch wird uns nur ein

Bericht aus der Ferne über die Hexe erstattet, Tieck gibt dem Ganzen

dramatische Gegenwart und schafft einen wirksamen Gegensatz, indem er

Siegfried selbst, der einst der Hexe wie einer Heiligen geglaubt, über

diese Gericht halten lässt. Also hier ein ähnliches Confrontieren wie

bei Golo, der den Reinigungsbrief selbst vorlesen muss.

Genovevas Krankheit.

_Volksbuch, 40 f_. Ungefähr gleichzeitig mit dem Hexenprocesse fällt

Genoveva in eine schwere Krankheit. Zwei Engel bringen ihr wunderbare

Heilung.

_Tieck_. Das Drama behält das Ganze bei, einiges etwas erweiternd.[178]

Hier legt Tieck Schmerzenreich das Verlangen in den Mund, mit in den

Himmel reisen zu dürfen, wie zu Anfang des Dramas Genoveva von ihrem

ausziehenden Gatten sich nicht trennen wollte. Wie Füllsel, um die

Stanze fertig zu bringen, sehen manche Verse aus.[179] Unpassend, weil

unmotiviert, ist die Furcht des Kindes: es möchte, wenn die Mutter fort

ist, „verkehrt“, „gottlos“, „ungezogen“ werden.[180] Neu erscheint

bei Tieck die Einführung des Todes als allegorischer Gestalt und die

Danksagungsstrophen nach der Genesung, sowie der kindliche Gesang der

beiden „Flügelkinder“. Mit Ausnahme dieser Kinderverse, welche die

Englein singen, stolziert die ganze Scene in prunkenden Stanzen daher.

Golo in der Einsamkeit. -- Siegfrieds Einladung.

Wie das Volksbuch (48 ff.) nach dem Hexengericht sich wieder zu Golo

wendet, so führt uns Tieck nach der wunderbaren Rettung Genovevas aus

der Krankheit zurück zu Golo, der in der Verbannung lebt. Allein für

die Nachtscene im Waldgebirge,[181] wohin Golo geflohen ist, wo er

in dunklen Worten von seiner Seelenstimmung spricht und in lebhafter

Erinnerung an Genoveva über deren vermeintlichen Mörder Benno derart

ergrimmt, dass er ihn vom Bergesgipfel in die Tiefe stößt, konnte

Tieck in seiner Vorlage nichts finden. Dass ein gewisser Verkehr

zwischen Golo und Siegfried noch besteht, erfahren wir im Volksbuch

wie im Drama. Begründet ist derselbe nirgends. Die Contrastfigur des

nächtlichen Pilgrims, der Wallfahrtsörter und Wunderbilder besucht

und seine Jugend bereut, während Golo jetzt nur mehr überall ein

Walten des unabwendbaren Schicksals sieht, ist Tiecks Zugabe an

dieser Stelle. Später übernimmt dieser Pilgrim die Rolle jenes Engels

in Pilgrimskleidern, von dem die Legende erzählt. Oder richtiger

gesagt, die Rolle des Pilgrims im Volksbuch wird von Tieck nach

vorne erweitert, sowie die Rollen Dragos und Gertruds. Die Einladung

Golos an Siegfrieds Hof erscheint im Volksbuch als ein Anlocken des

„listigen Fuchses“. Bei Tieck ist es auch ein Herbeilocken durch

Siegfrieds Briefe und verstellte freundliche Botschaft. Allein diese

leicht zu durchschauende Einladung würde auf Tiecks Golo den Eindruck

verfehlen, wenn nicht das sehnsüchtige Heimweh und der Wunsch, als

Einsiedler an der Stätte zu wohnen, wo Genoveva begraben liegt, sein

Gemüth mit tiefer Gewalt erfasste.[182] In einem Monologe bezeichnet

Golo den Pilgrim als ein himmlisches Wesen und staunt darüber, wie

dieser die verborgensten Dinge und Gedanken wisse. Unabhängig von der

Legende führt hierauf Tieck seinen schwermüthigen Ritter auf dem Wege

zu Siegfried mit dem Schäfer Heinrich zusammen,[183] den innerlich

Verstörten mit dem harmlos Glücklichen, dem übrigens Golo selbst zu

seinem Glücke verhalf. (Tragische Ironie und Contrast.) Heinrichs

Kind fürchtet sich instinctiv vor Golo. Wehmüthige Erinnerung an die

Vergangenheit klingt leise durch die ganze idyllische Scene. Während

das Volksbuch nur kurz und trocken von den Geschehnissen berichtet,

benützt Tieck in diesem Abschnitte jede Gelegenheit zum Ausmalen

verschiedener Stimmungsbilder. Den Gang der Begebenheiten „sollte ein

Spiel der Empfindungen entfaltend begleiten“, wie in der „Magelone“.

Die Jagd. -- Das Wiedersehen.

Das Volksbuch behandelt die Jagd, welche Siegfried und Genoveva

wunderbar zusammenführt, ganz prosaisch als Mittel, um Wildbret für

ein kommendes Fest zu beschaffen und dabei findet man zufällig den

Aufenthalt der Todtgeglaubten. (S. 50.) Tieck macht die nämliche

Sache poetisch beziehungsreicher, da bei ihm die Jagd eigentlich Golo

gilt und mit ihm zugleich das noch edlere Wild erbeutet wird. Tiecks

Freude an der Scenerie zeigt sich auch hier wie bei den Kriegsscenen,

indem er zwei Scenen hintereinander folgen lässt, die eben nichts als

Jagdbilder sind.[184] Golo fühlt sich in der That als gehetztes Wild

bei Tieck, während er in der Legende bis zur Auffindung Genovevas

einfach ganz verschwindet. Die äußeren Vorgänge beim Zusammentreffen

Siegfrieds mit Genoveva wickeln sich im Volksbuch und Drama ganz gleich

ab.[185] Von den Einzelheiten der Legende wird nur höchstens ganz

Unbrauchbares, wie die „Kutsche“, welche Genoveva nach dem Schlosse

führt, ausgeschieden und der schwer denkbare Sturz Siegfrieds vom

Pferde auf die Knie abgeändert. Die „Ehrfurcht vor der Heiligen“, von

der das Volksbuch spricht, äußert sich bei Tiecks Siegfried in der

Scheu, Genoveva mit „Du“ anzusprechen. Bei Tieck bittet Siegfried,

der seinen Gefühlen in langen Reden Ausdruck gibt, auch noch sein

Kind um Verzeihung. Das Kosewort „herzgoldenes Kind“ des Volksbuches

nimmt Tieck auf, steigert es zum „herzgüldenen Herzenskind“. Siegfried

ergreift die Erinnerung an die alte Zeit. Er sucht Theilnehmer für

seine neubelebte Freude. Darum (Tiecks poetische Motivierung) ruft er

durch einen Hornstoß die Genossen zusammen. Golo sitzt unterdessen

tiefdenkend um die Felsenecke und kümmert sich um nichts. Er wird

gerufen, er glaubt „zu träumen“ und fleht Genoveva um Gnade an. Golo

ist hier ganz weichfühlender Mensch und kein satanischer Bösewicht.

Durch diese kleinen Zuthaten seelischer Art bekommt die Scene bei

Tieck ein eigenes poetisches Colorit. Genoveva wird nun in einer

Sänfte auf das Schloss getragen. Die Freude über die Wiedergefundene

findet vielstimmigen Ausdruck bei Dienern, Kindern und Zuschauern. Das

Motiv vom weggeworfenen und wunderbar wiedergefundenen Trauring nimmt

Tieck genau aus dem Volksbuch, lässt es aber in der Ausgabe von 1820

wieder weg. Die Magenbeschwerden Genovevas infolge ihrer langjährigen

Wurzelkost, die das Volksbuch so pietätvoll erzählt, beseitigt Tieck

mit Recht.

Das Gericht über Golo.

Den äußeren Verlauf der Scene bestimmt die Legende. Tieck beseitigt

aber den grässlichen Schluss. In der Legende wird Golo von Ochsen

zerrissen. Im Drama wird nur eine „Marter“ angedroht, aber auf

Genovevas Fürbitte hin erlassen.[186] Jedoch sterben muss Golo an der

Stelle, wo er Genoveva wollte tödten lassen.[187] Diese Wendung musste

im Zusammenhange mit dem Liede „Dicht von Felsen eingeschlossen...“

eingeführt werden. Hier hört man plötzlich und unnütz, Siegfrieds

Bruder Matthias sei während Golos bösem Treiben in England gewesen.

Diese Erklärung gibt Tieck etwas spät. Die Belohnung der gutgesinnten

und die Bestrafung der schlechten Diener entfällt bei Tieck, weil

ja außer Benno, der schon todt ist, keiner sonderlich ernst in die

Vorgänge eingegriffen hat. Gertrud muss unterdessen gleichfalls

gestorben sein, da uns zweimal berichtet wurde, sie liege im Sterben.

Genovevas Tod.

Das Hinsiechen Genovevas, von dem die Legende spricht, beseitigt

Tieck als undramatisch und unpoetisch und führt nur noch den Tod

der Heiligen vor.[188] Nach dem Volksbuch lebt Genoveva noch ein

Vierteljahr. Bei Tieck entfällt jede Zeitbestimmung; denn am Schlusse

seines romantischen Dramas soll alles möglichst ins Überirdische,

Geheimnisvolle und Ewige verfließen.

Eine kleine Verschiebung ist es, wenn den Trost, den im Volksbuche

Genoveva dem Vater und Sohne gibt, hier der Sohn dem trauernden

Vater spendet. Damit hat aber Tieck nichts verbessert; denn das Kind

erscheint hier nur noch altklüger und unkindlicher als zuvor. Die

Vision, die Genoveva nach dem Volksbuch „einige Zeit“ vor ihrem Tode

hatte, wird von Tieck reicher ausgestaltet und sachlich und dramatisch

wirksamer in die Todesstunde selbst verlegt. Das Contrastieren des

leiblichen Sterbens und des übernatürlichen, ewigen Lebens ist ein

Gedanke, der öfters in der Dichtung wiederkehrt. Der Dichter lässt auch

den Bischof Hidulf als Spender der Sterbesacramente auftreten, wovon

das Volksbuch nichts berichtet. Die allgemeine Trauer bei Genovevas

Tod zeigt das Drama im Eindrucke auf die Umgebung.[189] Das Benehmen

der wunderbaren Hirschin interessiert bei Tieck ganz richtig in erster

Linie die naiv frommen Diener. Was Tieck hier beifügt oder ändert,

läuft alles auf eine Steigerung des religiösen Colorites hinaus.

Schluss.

Von den Wunderdingen, die das Volksbuch am Schlusse noch reichlich

bringt, nimmt Tieck nur wenig auf. Für den Engel in Pilgrimsgestalt

tritt der pilgernde Geist Othos ein,[190] den wir bereits von seinem

Zusammentreffen mit Golo her kennen. Dieser tröstet Siegfried ebenso

rasch, als es ein Engel gekonnt hätte. Die übrigen Wunder bleiben weg,

da es fast nur Variationen früherer Geschehnisse sind. Dadurch wird

auch die Überführung der Leiche, welche durch jene Wunder verherrlicht

wird, überflüssig und fällt fort. Siegfried und sein Sohn leisten den

Verzicht auf ihre weltlichen Ansprüche,[191] wie in der Legende, doch

nicht vor den Vettern und Verwandten, sondern vor dem Bischof Hidulf.

Eine nicht recht verständliche und wenig geschickte, aber jedenfalls

beabsichtigte Wendung ins kirchlich Religiöse der alten Zeit, wie Tieck

es sich denkt und wie es den ganzen Schluss beherrscht. Siegfried

verlangt vom Bischof die Erlaubnis, eine Kapelle (die im Drama wie

im Volksbuch gleich darauf „Kirche“ heißt) bei Genovevas Höhle bauen

zu dürfen und fügt auch gleich den Wunsch nach der Heiligsprechung

der verstorbenen Gattin bei, worauf er aber keine eigentliche Antwort

bekommt. Das „wunderthätige Bild“ im Epilog ist noch ein Rest der

weggelassenen Wunder und soll den überzeugenden Eindruck erwecken,

dass Genoveva nunmehr eine himmlische Heilige ist. Die Verehrung der

Heiligen berichtet der Epilog, den der heil. Bonifacius in Sonettform

spricht.[192]

* *

*

Überschauen wir die angestellte Vergleichung zwischen dem Volksbuch

und Tiecks Dichtung, so fällt als erstes bedeutsames Ergebnis in die

Augen, dass Tieck mit großer Pietät dem alten Stoffe gegenübertrat

und so viel als nur immer für ihn, den modernen Dichter, möglich

war, von der Überlieferung beibehielt. Die Legende bildet im

großen und ganzen das wesentliche Gerüste für Tiecks Dichtung,

diese ist eine dramatische Nacherzählung der Vorlage, wie es die

Nebeneinanderstellung fast Schritt für Schritt bewies. Wenn Tieck hier

in dramatischer Form, also in einer Kunstform, die ihrem Wesen nach zu

eigenmächtigem Verändern des gegebenen Stoffes, zum Verschieben und

Verkürzen herausfordert[193], doch der Überlieferung so merkwürdig

treu bleibt, so will dies noch weit mehr sagen, als wenn er etwa in

den „Haimonskindern“ im Anschlusse an die alte Erzählung wieder

eine Erzählung macht, die nur verkürzt und in einem erneuerten

sprachlichen Gewande erscheint. Hier stehen wir einem dichterischen

Verfahren gegenüber, das uns mitten in die Anschauungen der Romantik

hineinversetzt und nur aus diesen Anschauungen heraus erklärbar ist.

Eine heilige Ehrfurcht den Urkunden alter Poesie gegenüber ist es,

die den Erneuerer der Genoveva-Legende überall leitet. Das aus der

alten, poesiereichen Zeit Überlieferte, das Product einer Zeit, die an

allen Enden das Gegenspiel der nüchternen, poesieleeren Gegenwart ist,

einer Zeit, welche Tieck an Wackenroders Seite innig und sehnsüchtig

verehren gelernt hatte, muss mit frommer Scheu bewahrt werden, der

alte kostbare Edelstein darf höchstens eine neue Form und Fassung und

Politur erhalten, es soll aber ja kein Splitterchen unnöthigerweise

verloren gehen und Tieck selbst schreibt 1799 an Iffland: „Sie

können sich ohngefähr eine Vorstellung davon (von der ‚Genoveva‘)

machen, wenn Ihnen die alte Legende bekannt ist, an die ich mich im

Ganzen sehr angeschlossen habe, weil sie so schön und ächt poetisch

ist...“[194] Das ist die Meinung der Romantiker von den Überresten

alter, volksthümlicher Poesie. Tieck hat seine ungemeine Hochschätzung

der alten Volksbücher seit dem Jahre 1795 selbst, wie wir hörten,

wiederholt bezeugt („Leberecht“, „Schildbürger“, „Sternbald“). Darum

hat sein jetziges Vorgehen nichts sonderlich Überraschendes. Er hält

an dieser hohen Meinung auch späterhin noch fest, als ihm die Stimmung

der „Genoveva“ schon längst fremd geworden war. Im „Phantasus“ spricht

er mit ebenderselben Wärme noch von den Volksbüchern und empfiehlt es

als etwas Hochverdienstliches, die Nibelungen und Heldenbücher neu zu

bearbeiten und unter das Volk zu bringen.[195] Auch den spanischen

Kunstdichtern rühmt Tieck nach, dass sie es verstanden hätten,

Volkssagen, Legenden und vaterländische Geschichten zu bearbeiten,

ohne ihnen die Einfalt und Popularität zu nehmen.[196] Wie Tieck

dachten auch seine romantischen Parteigenossen. In der Recension der

Tieck’schen „Volksmärchen“ (1797)[197] äußerte z. B. A.W. Schlegel

den Wunsch, man solle die „ehrlichen, alten Volkssagen“, denen es

schwerlich ganz an poetischer Energie fehle, in ihrer „ursprünglichen

rohen Treuherzigkeit“ wieder vorführen. Am besten geben die romantische

Ehrfurcht vor dem Alten seine Worte in den Berliner Vorlesungen

(1802-1803) wieder.[198] Nach Schlegels übertreibender Äußerung hat

in Deutschland nur der gemeine Mann eine Literatur und das sind die

unscheinbaren Büchelchen, „die schon in der Aufschrift: ‚gedruckt

in diesem Jahr‘, das naive Zutrauen kundgeben, das sie nie veralten

werden, und sie veralten auch wirklich nicht“. Denn sie haben unleugbar

eine unvergängliche poetische Grundlage. „Bey einigen ist sogar die

Ausführung vortrefflich, und wenn sie bey andern formlos erscheint, so

ist dies vielleicht bloß die Schuld einer zufälligen Verwitterung vor

Alter. Sie dürfen nur von einem wahren Dichter berührt und aufgefrischt

werden, um sogleich in ihrer Herrlichkeit hervorzutreten.“ Nur im

Hinblick auf diese tiefe Verehrung der alten, naturwüchsigen, echt

poetischen Volksdichtung lässt sich verstehen, wie Bernhardi in seiner

Recension der „Genoveva“[199] das überflüssige Nebenwerk der Dichtung

unter anderem mit dem wiederholten, nachdrücklichen Hinweise auf

„die historische Heiligkeit“ des überlieferten Stoffes rechtfertigt,

und nur so versteht man auch die Worte, mit denen ein andermal A.W.

Schlegel Ariostos eigenmächtiges Schalten mit den alten Ritterbüchern

entschuldigt:[200] „Vielleicht stand er (Ariost) dem Zeitalter, wo

die Ritterbücher entstanden, noch zu nahe, um den ganzen Wert dieser

Dichtungen unter ihrer oft unscheinbaren Hülle einzusehen, und so

behandelte er sie bloß als rohen durch seine Wahl und Willkür schon

genug geehrten Stoff.“ Auch Friedrich Schlegel, der im „Gespräch über

die Poesie“ zum Zurückgehen auf die alten Quellen unserer Sprache und

Dichtung aufforderte, rühmt an der „Genoveva“ diese Seite der Dichtung

am meisten. „Die Genoveva bleibt in dieser Rücksicht eine göttliche

Erscheinung.“[201] Ebenso heben die Sonette der beiden Brüder

Schlegel, die den Dichter der „Genoveva“ feiern, wieder gerade diese

Richtung auf das Alte hervor.[202]

Was die Poeten des 18. Jahrhunderts, die unter dem Stichworte

„Retournons à la nature!“ auf das Volkslied zurückgriffen, sowie die

weiteren lobenswerten Bemühungen um das Wiederverständnis altdeutscher

Art und Kunst, an denen es im 18. Jahrhundert keineswegs fehlte,

begonnen hatten, setzen nun die Romantiker eifrig und im weiteren

Umfange und mit großem Erfolge fort.[203] Besonders Herder hatte die

poetische Herrlichkeit des Volksliedes aufgedeckt, er hatte es gewagt,

das Mittelalter zu vertheidigen und den poetischen Wert der alten

Legenden den Aufklärern zum Trotz zu verfechten (1797) und der nämliche

Herder hatte auch den vergessenen Jesuitendichter J. Balde aus seinem

„lateinischen Grabe“ erweckt und wurde dafür von A.W. Schlegel in einer

eingehenden Recension gelobt (1797).[204] Die Erneuerung verschollener

Poesien bildete einen wichtigen Punkt in Herders großartigem

Lebensprogramm. Diese Bestrebungen dürfen hier nicht unerwähnt bleiben.

Wenn Wackenroder und Tieck auch zunächst, wie es scheint, auf eigenem

Wege in Süddeutschland ihren Enthusiasmus für alte, religiöse und

nationale Kunst wachriefen: in den letzten Neunzigerjahren scheint

auch die Herder’sche Thätigkeit direct fördernd auf diese romantischen

Tendenzen herübergewirkt zu haben. Diese hohe Ehrfurcht vor dem

Alten, die in Dichtung und Wissenschaft noch lange höchst fruchtbar

und gelegentlich auch nachtheilig wirkte, sehen wir also als einen

wesentlichen und echt romantischen Zug in Tiecks Verhalten zum alten

Genoveva-Volksbüchlein ausgeprägt.

Bei aller Ehrfurcht vor der poetischen Kraft, die in den Motiven der

alten Volksromane steckt, macht doch auch der geläuterte Geschmack

des neueren Dichters, der inmitten der höchsten Entfaltung deutscher

Kunstpoesie aufgewachsen war, seine Rechte geltend. Wenn Tieck von

seiner alten Vorlage auch möglichst wenig ausscheidet, so sucht er

dafür seinerseits manches zuzugeben, um eine reiche und abgerundete

Fassung für sein altes Juwel zu gewinnen. Was im Volksbuche nur

in wenigen Sätzen, im Stile einer trockenen Chronik abgethan wird,

reizt mitunter den Bearbeiter zu vollständigerer Ausführung. Das

geschieht beim Abschiede und beim Kriege, bei der Jagd wie bei der

Wiederauffindung Genovevas. Die in der Legende gebotenen Motive

werden bis in die letzten Verzweigungen zu Ende gedacht. Aus einer

kurzen Erzählung des Abschiedes wächst eine Reihe verschiedenartiger

Stimmungsbilder heraus; die dürftigen Angaben der Vorlage über

den Krieg werden zu einem bunten, weitläufigen Bilde ritterlichen

Kriegslebens erweitert, und diese verschiedenen Scenen sollen sich

dann wieder zu einem großen Gemälde voll alterthümlicher Stimmung

zusammenschließen, aus dem uns „die Begeisterung des Kriegers“ kräftig

entgegenwehen soll.

Wenn Abschied und Krieg in der Erzählung der Legende dem Geschmacke

Tiecks zu kahl und farblos erschienen, so konnte ihm am Charakter

Golos, der in echter alter Holzschnittmanier als unmenschlicher

Bösewicht schroff contrastiert neben dem Engel Genoveva steht, das

Niedrige, Rohe und psychologisch Unentwickelte nicht genügen. Hier

greift darum der neuere Dichter wieder in seiner Weise poetisierend

ein, indem er diesen Charakter auf eine menschlich höhere Stufe hebt,

einen an sich edel veranlagten Menschen durch ungezügelte Leidenschaft,

die zudem von einer aus falscher Liebe irreleitenden Pflegemutter

gesteigert wird, tragisch untergehen lässt, und dabei findet auch der

psychologisierende Poet, der Dichter des „Lovell“ und „Blaubart“,

seine Aufgabe, wenn er die Liebesleidenschaft von der ersten keimenden

Neigung bis zum elementaren, rasenden Sturm verfolgt und mit leichter,

wohlgeübter Feder Scene um Scene, worin das Werden und Wachsen dieser

Liebe vorgeführt wird, aufs Papier wirft. Für diese Partien der

Legende fand also der Romantiker noch nicht genug von jener „wahren

Erfindung“, die er den Volksbüchern im allgemeinen nachrühmt. Er musste

das spärlich skizzierte Motiv selbst gestalten, ausführen, vertiefen

und abrunden, wie es etwa Goethe in seiner Art mit eigenen Erlebnissen

that. Goethe erlebte ein Fragment. Dieses wuchs aber in seiner

Dichtung zum fertigen, in die letzten Consequenzen fortgedachten,

schön gerundeten Ganzen aus. Diesem poetischen Processe lässt sich

Tiecks Verfahren mit dem Stoffe in der ersten Hälfte seiner Dichtung

einigermaßen an die Seite setzen.

Anders wird das Verhältnis in der zweiten Hälfte der „Genoveva“, wenn

auch für sie die frühere Erweiterung oder Vertiefung des Golocharakters

selbstverständlich noch wirksam bleibt und die dramatische Form an

einzelnen Stellen ihr Recht geltend macht. Von der Gefangennahme der

Heldin an merkten wir einen viel engeren Anschluss an die Legende,

ein Begnügen mit dem alten Überlieferten, das sich in den Stanzen

des heiligen Bonifacius so weit steigert, dass man stellenweise

fast nur von einem Umdichten der prosaischen Erzählung in Verse und

Strophen reden kann. Ein wenig freier bewegt sich Tieck wieder von

der Hexenscene an gegen das Ende zu. Hier herrschen die weichen und

frommen Stimmungsbilder. Allein der Dichter erweitert hier seine

Vorlage nirgends in dem Maße, wie es bei Abschied und Krieg geschah.

Wenn man von den letzten Wundergeschichten der Legende absieht,

die größtentheils wegfallen, so muss man sagen, dass der Dichter

auch hier weitaus das Meiste und vieles ohne wesentliche Änderung

beibehält. Im ganzen genommen scheint also für die zweite Hälfte der

Tieck’schen Dichtung charakteristisch, dass hier dem Dichter der

vorliegende Stoff, die Wunder und Visionen, das Leben und Leiden der

Heiligen in der Waldeinsamkeit, sowie die Art des Wiederfindens der

Todtgeglaubten schon jene ursprüngliche „Kraft der Poesie“, von der

unser Romantiker bei den alten „Schartecken“ spricht, in sich zu tragen

schien. Es bedurfte da nicht mehr vielen Umschmelzens und Läuterns,

es brauchten nur Form und Vortragsweise hinzuzutreten und das alte

Büchlein war aufgefrischt, wie es A.W. Schlegel verlangte. Poetischer

Stimmungsduft und Naturgefühl durchziehen hier zwar reichlich das

Ganze, sie umschleiern wohl die Vorgänge, ohne aber die alten Motive

in ihrem inneren Wesen tiefer zu berühren. Gerade diese letzten Theile

des Volksbuches, „die Schilderung der Einsamkeit, die Leiden der Frau

in dieser und das wundersame Zusammentreffen mit dem Gemahl“ waren es

zuvörderst, die Tiecks Imagination nach seinem eigenen Geständnisse in

Bewegung setzten.[205] Auch der „schlichte Ton“, der Tieck beim Lesen

der Legende so besonders rührte, kommt am wirksamsten in der zweiten

Hälfte derselben zur Geltung. Tiecks Worte in der Einleitung zu seinen

Schriften treffen mithin den wirklichen Thatbestand, nur dass sie in

ihrer Allgemeinheit erst nach angestellter Untersuchung concret und

deutlich werden.

Für die größeren Erweiterungen des alten Stoffes ist noch ein zweiter

Gesichtspunkt zu berücksichtigen. Die Legende, die in einfachster

Art nur die menschlichen Conflicte und wunderbaren Begebenheiten in

Genovevas Leben vorträgt, die auch nur die bedeutendsten Personen

mit eigenem Namen versieht, diese bescheidene Legende wird von Tieck

auch im Sinne der mannigfaltigen und alles umfassenden romantischen

„Universalpoesie“, die dem Theoretiker Friedrich Schlegel angesichts

des Romans „Wilhelm Meister“ zu einem wichtigen Postulate geworden

war, stofflich bereichert, wie schon Hettner ausführt.[206] Die

romantische Poesie soll ja „gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen

umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden“.[207] Im Rahmen

der Geschichte Genovevas will Tieck in epischer Breite auch ein

Bild mittelalterlichen Lebens aufrollen. Diesem Zwecke dienen die

breiten Kreuzzugs-Scenen; denn „die Begeisterung des Kriegers“ soll

sich entfalten, jener kriegerische Enthusiasmus, den Tieck öfter als

romantisch bezeichnet.[208] Dabei wird es möglich, den Contrast von

morgenländischem und abendländischem Wesen sammt seinen Differenzen

in Glaubens- und Lebensanschauung ebenso das Verhältnis zwischen

Lehensherrn und Vasallen zu zeigen. Gegenüber dem Kreuzzugsbilde sehen

wir das Leben auf der Ritterburg, das Tieck mit einem mannigfaltigen

Apparat zu bereichern sucht. Wir treten in die gothische Burgkapelle

zum Gottesdienst. Das Ingesinde des Schlosses wird durch verschiedene

Figuren vertreten, bis zum leibeigenen Schäfer herab. Hexenwahn und

Hexenprocess, Ausübung der Gerichtsbarkeit durch die Sippe, das

ritterliche Vergnügen der Jagd fehlen nicht. Wenn Golo selbst zu

einem Liede „Wort und Weise“ findet, so scheint Tieck einen alten

Minnesänger vor Augen zu haben. Das über die engeren Verhältnisse

Hinausliegende, Staat und Kirche, erscheint wenigstens blass im

Hintergrunde. Das Menschendasein soll seinen ganzen vielgestaltigen

Reichthum von Motiven zeigen. Wir sehen Kinder, Jünglinge, Männer

und Greise, Hochgestellte und Mächtige, Arme und Niedrige. Geburt,

Verlöbnis, Hochzeit und Tod, Krieg und Frieden, frohe und traurige

Stunden, alle möglichen Gemüthsstimmungen und Religionsanschauungen,

Vergangenheit (Bonifacius), Gegenwart und Zukunft (Der Unbekannte,

Ausblick in den Himmel), alles zieht wie ein bunter Traum vor unserer

Phantasie vorüber. Seit den Schlegel’schen Aufstellungen kehrt

das echt romantische Bestreben, ein Vielartiges zu einem Complex

zusammenzuordnen, überall und in immer neuen Wendungen wieder. Vor

dem Auftauchen dieses Gedankens ist der Dichtung Tiecks eine solche

Vielgestaltigkeit fremd.

Was Tieck im kleinen dort und da änderte, ward an den einzelnen

Punkten unserer Vergleichung angemerkt und wir sahen, wie er das Rohe,

Crasse, Hässliche mildert, das Energische und Kraftvolle abschwächt,

Unebenheiten glättet, kleine Verschiebungen und Zusammenziehungen der

dramatischen Form zuliebe vornimmt und kleine Zuthaten zur Motivierung

einfügt. Öfters sind es recht glücklich gewählte Züge (z. B. Golos

Heimweh nach den vertrauten Stätten). Das ist die Art, wie Tieck das

Alte, wo er es unverkürzt aufnimmt, erneuert und auffrischt und die

Spuren der „Verwitterung“ entfernt. Die Stellung des Dichters zu seiner

alten Vorlage ist in allem Wesentlichen durch jenen Geist der Romantik

bedingt, der um 1800 in unserer Literatur heimisch war.

Ludwig Tiecks Genoveva, als romantische Dichtung betrachtet · 第 27 / 45 题