Karwunfor receives this same time as enemy; every effort must be made
get message to him today.~
Unsere Empfindungen waren sehr gemischt; ich persönlich, der ich von
den wirklichen Verhältnissen in Deutschland keine Kenntnis hatte,
glaubte an einen günstigen oder zum mindesten für Deutschland nicht
ungünstigen Abschluß der Feindseligkeiten.
Die vorausgesandte Abteilung Spangenberg mußte schnell benachrichtigt
werden, und ich setzte mich sogleich mit einem Begleiter, dem
Landsturmmann Hauter, aufs Rad und fuhr ihr nach. Auf halbem Wege
kam mir die Radfahrpatrouille Reißmann der Abteilung Spangenberg
entgegen und meldete, daß Hauptmann Spangenberg bei der Chambezi-Fähre
eingetroffen sei. Wenn ich auch die Richtigkeit der englischen
Nachricht vom Waffenstillstand nicht bezweifelte, so war unsere Lage
doch ziemlich heikel. Wir befanden uns in einem Gebiet mit wenig
Verpflegung und waren darauf angewiesen, unseren Standort von Zeit zu
Zeit zu wechseln. Schon aus diesem Grunde war es notwendig, Übergänge
über den Chambezifluß zu erkunden und für uns zu sichern. Wurden die
Feindseligkeiten wieder aufgenommen, so mußten wir erst recht einen
gesicherten Uferwechsel haben. Diese Frage war brennend, da die
Regenzeit und damit das Anschwellen der Flüsse unmittelbar bevorstand.
Stärkere Gewitter setzten bereits ein. Es war also vieles mit Hauptmann
Spangenberg an Ort und Stelle zu besprechen und mit dem englischen
Offizier, der voraussichtlich jenseits des Chambezi stehen würde,
zu regeln. Auf alle Fälle mußte der Aufkauf und die Beschaffung von
Verpflegung energisch weiter betrieben werden. Zu diesem letzteren
Zweck ließ ich meinen Begleiter zurück und radelte selbst mit der
Patrouille Reißmann zur Abteilung Spangenberg.
Wir trafen gegen 8 Uhr abends, bei völliger Dunkelheit, ein;
Hauptmann Spangenberg war noch unterwegs auf einer Erkundung, aber
Unterzahlmeister Dohmen und andere Europäer versorgten mich, sobald sie
von meiner Ankunft erfuhren, reichlich. Ich konnte mich überzeugen, daß
das Magazin von Kasama auch Haferflocken, Jam und andere gute Dinge
enthalten hatte, die mir bis dahin unbekannt geblieben waren.
Hauptmann Spangenberg meldete mir bei seiner Rückkehr, daß auch er
inzwischen durch die Engländer Nachricht vom Waffenstillstand erhalten
hatte. Als ich mich in seinem Zelt zur Ruhe gelegt hatte, brachte er
mir gegen Mitternacht ein durch die Engländer übermitteltes Telegramm
des Generals van Deventer, das über Salisbury gekommen war. Nach diesem
hatte Deutschland die bedingungslose Übergabe aller in Ostafrika
operierenden Truppen unterzeichnet; Deventer fügte hinzu, daß er die
sofortige Befreiung der englischen Kriegsgefangenen und unseren Marsch
nach Abercorn verlangte. In Abercorn wären alle Waffen und Munition
abzuliefern, doch dürften die Europäer zunächst ihre Waffen behalten.
Der vollständige Text dieses Telegramms lautete:
~13. XI. 18. To Norforce. Karwunfor via Fife.~
~Send following to Col. Von Lettow Vorbeck under white flag. War
office London telegraphes that clause seventeen of the armistice
signed by the German Govt. provides for unconditional surrender of
all German forces operating in East Africa within one month from Nov.
11th.~
~My conditions are. First, hand over all allied prisoners in your
hands, Europeans and Natives to the nearest body of British troops
forthwith. Second, that you bring your force to Abercorn without
delay, as Abercorn is the nearest place at which I can supply you
with food. Third, that you hand over all arms and ammunition to
my representative at Abercorn. I will however allow you and your
officers and European ranks to return their personal weapons for the
present in consideration of the gallant fight you have made, provided
that you bring your force to Abercorn without delay. Arrangements
will be made at Abercorn to send all Germans to Morogoro and to
repatriate German Askari. Kindly send an early answer giving probable
date of arrival at Abercorn and numbers of German officers and men,
Askari and followers.~
~General van Deventer.~
Diese eine Nachricht besagte, wenn sie sich bestätigte, genug und
zeigte die Notlage des Vaterlandes; niemals würde es sonst eine
ehrenvoll und erfolgreich im Felde stehende Truppe preisgeben.
Ohne die Gründe im einzelnen nachprüfen zu können, mußte ich mir
sagen, daß die von uns verlangten Bedingungen eben unvermeidlich
seien und loyal erfüllt werden müßten. Bei einer mit dem britischen
Commissionar, der von Kasama zur Chambezi Rubber Factory übergesiedelt
war, am 14. November morgens 8 Uhr am Fluß vereinbarten Zusammenkunft
übergab ich diesem ein Telegramm an Seine Majestät, in dem ich das
Vorgefallene meldete und hinzufügte, daß ich entsprechend verfahren
würde. Der Commissionar teilte mir mit, daß die deutsche Flotte
revoltiert habe und auch sonst in Deutschland Revolution sei; nach
einer ihm offiziell bisher nicht bestätigten Nachricht habe ferner der
Kaiser am 10. November abgedankt. Alle diese Nachrichten schienen mir
unwahrscheinlich, und ich habe sie nicht geglaubt, bis sie mir nach
Monaten auf der Heimreise bestätigt wurden.
Unsere Truppe, Europäer und Farbige, hatten fest daran geglaubt, daß
Deutschland in diesem Kriege nicht unterliegen würde, und alle waren
entschlossen, bis zum Äußersten zu kämpfen. Gewiß war es fraglich, ob
unsere Kraft reichen würde, wenn der Krieg noch mehrere Jahre dauerte,
aber auf mindestens ein Jahr sahen wir allen Möglichkeiten mit Ruhe
entgegen; die Truppe war gut bewaffnet, ausgerüstet und verpflegt,
die augenblickliche Kriegslage so günstig für uns wie seit langem
nicht. Zwar sahen die Askari, daß wir weniger und weniger wurden --
wir waren noch 155 Europäer, davon 30 Offiziere, Sanitätsoffiziere und
obere Beamte, 1168 Askari und rund 3000 andere Farbige stark -- aber
als ich gelegentlich mit einer meiner Ordonnanzen darüber sprach, da
versicherte er mir: „Ich werde bei Euch bleiben und weiter fechten, bis
ich falle“. Ähnliche Äußerungen sind von vielen anderen gemacht worden.
Ich bin überzeugt, daß es nicht bloße Redensarten waren.
Am 14. November nachmittags traf ich mit dem Fahrrad wieder beim
Gros der Truppe ein, teilte den Europäern das an der Chambezi-Fähre
Erlebte sowie meine Absicht mit, die mir offiziell bekannt gegebenen
Bedingungen, an deren Richtigkeit ich nicht zweifelte, auszuführen.
Bevor die Gefangenen entlassen wurden, suchte mich der älteste
derselben, Colonel Dickinson, auf und verabschiedete sich von mir. Nach
seiner Angabe hatte die mehr als dreimonatliche Gefangenschaft ihm
einen interessanten Einblick in unser Lagerleben, in die Anlage unserer
Märsche und die Führung unserer Gefechte gegeben. Über die Einfachheit
unserer Anordnungen und das reibungslose Funktionieren war er des Lobes
voll; zweifellos hatte er mit offenen Augen gesehen.
Auch unseren Askari wurde die Wendung der Dinge bekannt gegeben. Es war
vorauszusehen, daß ihre Abfindung mit den seit Jahren rückständigen
Gebührnissen Schwierigkeiten machen würde, und dasselbe galt für die
Träger. Und doch war es für uns Ehrensache, diesen Leuten, die mit
so großer Hingabe für uns gekämpft und gearbeitet hatten, zu ihrem
Recht zu verhelfen. Die erforderliche Summe -- es handelte sich etwa
um 1½ Millionen Rupien (im Frieden eine Rupie = 1,33 Mark) war
verhältnismäßig gering, und so wurde Leutnant d. Res. Kempner mit Rad
vorausgeschickt, um diese Summe von den Engländern oder durch ihre
Vermittlung auf dem schnellsten Wege zu beschaffen. Unsere wiederholten
Bemühungen sind erfolglos geblieben. Es wurde uns zwar zu verschiedenen
Malen mitgeteilt, daß die Frage seitens des War Office in Erwägung
(~under consideration~) gezogen sei, aber dabei blieb es; auch auf
meine Telegramme an die deutsche Regierung in Berlin habe ich keine
Antwort bekommen. Es blieb schließlich nichts weiter übrig, als Listen
über die rückständigen Gebührnisse zusammenzustellen und den einzelnen
Trägern und Askari Gutscheine darüber mitzugeben.
Wir marschierten nun in kleinen Märschen über Kasama auf
Abercorn zu. Britischerseits wurden uns Einzelheiten über die
Waffenstillstandsbedingungen bekannt gegeben. Es stellte sich
heraus, daß in diesen nicht „bedingungslose Übergabe“, wie General
van Deventer ursprünglich mitgeteilt hatte, verlangt war, sondern
„bedingungslose Räumung“ (~evacuation~). Gegen die Auslegung des
englischen Kriegsamtes, daß das Wort ~evacuation~ die Übergabe und
Entwaffnung einbegriffe, erhob ich mehrfach Einspruch, habe aber
weder von den Regierungen der alliierten Länder und der Vereinigten
Staaten noch von der deutschen Regierung Antwort erhalten. Ich habe
mir überlegt, ob ich bei dieser zweifellosen Entstellung des Wortes
~evacuation~ mich auf nichts Weiteres einlassen und zu den Belgiern
oder sonst wo anders hinmarschieren sollte. Aber schließlich war
im Vergleich zu der Gesamtheit der Friedensbedingungen die die
Schutztruppe betreffende Klausel ein so geringer Punkt, daß ich
beschloß, nach Daressalam zu rücken, wie General van Deventer es
verlangte, allerdings in der Erwartung, daß die Engländer uns von dort
den Bedingungen des Waffenstillstandes entsprechend sogleich weiter
in die Heimat transportieren würden. Diese Erwartung wurde, wie sich
später herausstellte, nicht erfüllt.
Unweit nördlich von Kasama überholten wir den Gegner, gegen den die
letzten Scharmützel stattgefunden hatten, das 1. Bataillon der VI.
King’s African Rifles. Die Einladung des Colonel Hawkins, des kaum
dreißigjährigen liebenswürdigen Führers, die er mir beim Durchmarsch
durch Colonel Dickinson für die deutschen Offiziere für einen Imbiß
übermitteln ließ, mußte ich ablehnen, so sehr ich mich auch über die
hierdurch zum Ausdruck gebrachte Ritterlichkeit freute. Doch ließ es
sich Colonel Hawkins nicht nehmen, an einem der folgenden Tage seinen
Besuch zu machen und eine recht angeregte Stunde bei einer Tasse Kaffee
bei mir zuzubringen. Es ist anzuerkennen, daß die Offiziere dieses
Bataillons in der gewiß etwas schwierigen Lage mit großem Takt und mit
der Achtung verfahren sind, auf die ein ehrenhafter Feind Anspruch hat.
Hawkins teilte mir übrigens mit, daß er aus Verpflegungsgründen nicht
hätte weiter folgen können, und wir mußten ihm mit Vieh aushelfen, das
wir ja in ausreichender Zahl besaßen.
Nach Abercorn hatte sich Leutnant d. Res. Kempner mit dem Fahrrad
vorausbegeben. Nach seiner Rückkehr fuhr ich selbst mit einem
vom General Edwards geschickten Auto dorthin. Die Aufnahme bei
General Edwards selbst sowie in der Messe seines Stabes war sehr
entgegenkommend. Ich präzisierte meinen Standpunkt dem General Edwards
gegenüber dahin, daß ich die Verpflichtung zur Abgabe unserer Waffen
nicht anerkannte, aber zur Abgabe bereit wäre, wenn ich hierdurch
Vorteile nicht für den einzelnen von uns, sondern für die deutsche
Regierung erreichen könne. Es wurde mir zugestanden, daß die von uns
abgegebenen Waffen und Munition auf die Bestände in Anrechnung kommen
würden, welche Deutschland gemäß der Waffenstillstandsbedingungen an
die alliierten Regierungen abzugeben hatte. Die Abgabe unserer Waffen
sollte ferner auch äußerlich nicht den Charakter einer Waffenstreckung
haben.
Über die Askari und Träger wurde mir mitgeteilt, daß die Engländer
sie in Tabora in Internierungslagern unterbringen wollten, bis ihre
Abfindung mit Gebührnissen geregelt und ihre Repatriierung durchgeführt
sei. Die Europäer sollten bis zur Abfahrt des Schiffes, also
voraussichtlich nur wenige Tage, in Daressalam interniert werden. Diese
Bedingungen sind feindlicherseits nicht innegehalten worden. Sowohl die
Askari in Tabora wie auch die Europäer in Daressalam sind 1½ Monate und
länger in Gefangenenlagern hinter Stacheldraht eingeschlossen worden.
Am 25. November traf die Truppe in Abercorn ein. Dort war an dem
Platze, an dem die Abgabe der Waffen erfolgte, die englische Fahne
aufgepflanzt, und es läßt sich nicht leugnen, daß hierdurch der
Charakter einer Waffenstreckung nicht ganz vermieden wurde. Es wurden
übergeben: ein portugiesisches Geschütz, 37 Maschinengewehre (davon
7 deutsche, 16 schwere und 14 leichte englische), 1071 englische und
portugiesische Gewehre, 208000 Patronen, 40 Schuß Artilleriemunition.
Die Engländer waren sehr schnell dabei, die abgegebenen Gewehre
fortzuräumen. Nicht ein einziges modernes deutsches Gewehr war
darunter!!! Die Stärke der Truppe war: der Gouverneur, 20 Offiziere,
5 Sanitätsoffiziere, ein Arzt der freiwilligen Krankenpflege, ein
Oberveterinär, ein Oberapotheker, ein Feldtelegraphensekretär, 125
Europäer anderer Dienstgrade, 1156 Askari und 1598 Truppenträger. Das
Eintreffen der einzelnen Abteilungen zögerte sich infolge schwerer
Regengüsse um Stunden hinaus. Der Lagerplatz für die Askari war mit
einem hohen Dornverhau eingefaßt und infolge Ungeschicklichkeit
übertrieben eng gewählt. Dies erregte bei vielen unserer Askari
heftigen Unwillen, der sich manchmal in Tätlichkeiten gegen die
englischen Askari entlud. Aber die Leute fanden sich schließlich mit
der unangenehmen Lage ab, und auch General Edwards sah ein, daß hier
unnötigerweise ein Anlaß zu Reibungen an den Haaren herbeigezogen
worden war. Wir waren ja doch keine Kriegsgefangenen, deren Entlaufen
er zu befürchten hatte, sondern wir hatten uns freiwillig in Erfüllung
einer unangenehmen Pflicht in seine Hände begeben. Er nahm für den
Weitermarsch nach Bismarckburg von ähnlichen Einrichtungen Abstand,
und so sind wir mit dem Bataillon Hawkins gemeinsam und ohne die
geringste gegenseitige Belästigung nach Bismarckburg marschiert. Am 28.
November bezogen wir an dem gewaltigen Wasserfall des Kalamboflusses
Lager, 3 Stunden von Bismarckburg entfernt. Hier blieben wir mehrere
Tage liegen, da die Abfahrt mit den Dampfern von Bismarckburg aus sich
immer wieder verzögerte. Verschiedene Offiziere bestürmten mich, ob wir
nicht doch noch weiter fechten wollten. Solche Bestrebungen waren etwas
unbequem, da es sowieso schon für mich einer Menge kühler Überlegung
bedurfte, um aus unserer doch recht unangenehmen Lage herauszukommen.
Aber mehr als diese Unbequemlichkeit empfand ich die Freude über
solche Äußerungen gesunden kriegerischen Geistes, der selbst jetzt,
nachdem wir alle Waffen abgegeben hatten, nicht davor zurückschreckte,
ein feindliches Lager zu stürmen und uns von neuem die Grundlage für
weitere Kriegführung zu verschaffen.
Am 3. Dezember empfing ich ein Telegramm des Generals van Deventer,
datiert vom 2. Dezember. Es lautete folgendermaßen:
~I beg to acknowledge receipt of your telegramm setting forth your
formal protest against your troops being treated as prisoners of war.
This will duly be forwarded to the War Office. Meanwhile I am sure you
will recognise that pending the receipt through the War Office of a
communication on the subject of the German Govt. I have had no choice
but to act in accordance with the orders of the War Office, and treat
your force as prisoners of war.~
Am gleichen Tage ging der erste Transport der Truppen auf vier Schiffen
an Bord. Auf einem derselben, dem St. George, waren außer der aus
englischer Marine bestehenden Besatzung und einem Eskortoffizier nur
der Gouverneur und die Offiziere des Kommandos mit ihren schwarzen
Dienern untergebracht. An Verpflegung hatten wir Cornedbeef, Datteln
und Biskuits von den Engländern erhalten, und Oberveterinär ~Dr.~ Huber
sorgte auch hier an Bord, wie vorher schon so viele Jahre im Pori,
ausgezeichnet für unser leibliches Wohl. Der britische Commander,
der Eskortoffizier und die gesamte Besatzung waren außerordentlich
entgegenkommend. Als nach kurzem Aufenthalt am Abend des 3. Dezember
in der belgischen Station Vua während der Nacht ein heftiger Sturm
ausbrach, der die Sonnensegel zerriß und unter anderem auch ~Dr.~
Hubers Rock wegführte, da waren die englischen Matrosen aufs
sorgfältigste um die ganz durchnäßten Deutschen bemüht.
Am 5. Dezember langten wir in Kigoma an. Der Ort stand unter
belgischem Befehl, und weit über alle Erwartungen hinaus haben uns
hier die Belgier bewirtet und dabei doch die taktvolle Zurückhaltung
bewahrt, die uns gegenüber nun einmal geboten war. Für alle Europäer
waren in großen Schuppen gedeckte Tafeln aufgestellt, ein Anblick,
dessen wir seit Jahren entwöhnt waren. Sogar etwas Rotwein tauchte
auf. Der belgische Gouverneur hatte seinen Ordonnanzoffizier, der
fließend Deutsch sprach, zu unserem offiziellen Empfang gesandt, und
ich nahm gern Gelegenheit, mich vor Antritt der Eisenbahnfahrt
bei dem belgischen Commandant de place für die uns erwiesene
Kameradschaftlichkeit, die bei Soldaten ja auch zwischen Feinden bei
gegenseitiger Achtung besteht, zu bedanken.
[Illustration: Europäermahlzeit]
Auch bei den Engländern blieben gelegentliche Ungezogenheiten
einzelner Offiziere, deren Kinderstube augenscheinlich nicht nach
Süden gelegen hatte, durchaus auf Ausnahmefälle beschränkt. Ältere
Herren griffen sogleich in taktvoller Weise ein, wenn einzelne jüngere
Kameraden beispielsweise einen deutschen Kranken rücksichtslos aus
dem Eisenbahnabteil entfernen wollten. Auf der Eisenbahn waren wir
Europäer recht gut untergebracht und konnten uns wie im Frieden in der
Nacht durch Ausziehen der Lederpolster und Einhaken der Gestelle gute
Schlafgelegenheiten übereinander herstellen. In Tabora waren eine Menge
Deutsche auf dem Bahnhof. Sie beklagten sich über viele Räubereien
seitens der Belgier und der Engländer. Es ist auch wohl sicher, daß
viele Ausschreitungen vorgekommen sind. In Dodoma blieben wir die Nacht
über liegen und hatten am nächsten Morgen Gelegenheit, uns Wasser zu
holen und gründlich zu reinigen.
Nach Morogoro war über das Eintreffen unseres Transportes Nachricht
gegeben worden, und hier fanden wir nachmittags die deutschen Frauen
wieder, die in Morogoro und Umgebung vor 2 Jahren zurückgelassen
worden waren. Sie hatten Tee und Kaffee gekocht, Bufette mit Brötchen
eingerichtet und Kuchen in Massen gebacken. Dazu gab es die schönsten
Früchte. Fast ebenso interessiert wie die Deutschen waren die Engländer
selbst. Außer einem sehr liebenswürdigen älteren Sanitätsoffizier
ist mir besonders ein baumlanger Korporal in Erinnerung, der
augenscheinlich schon vor Eintreffen unseres Zuges eine ganze Reihe
von Gläsern auf unser Wohl getrunken hatte. Es gelang mir aber doch
schließlich auch diesem zu entschlüpfen.
In Daressalam trafen wir am 8. Dezember um 7 Uhr vormittags ein. Die
Europäer wurden in einem mit Stacheldraht umgebenen Lager in großen
Zelten gut untergebracht. Die Verpflegung war gut und reichlich und
in der englischen Kantine gab es Bedarfsartikel aller Art zu billigen
Preisen zu kaufen. Gouverneur Schnee und ich wurden durch den Chef
des Stabes des britischen Oberbefehlshabers, General Sheppard,
empfangen und zu unserem außerhalb des Lagers recht hübsch gelegenen
Hause geleitet. Dorthin hatte General van Deventer freundlicherweise
einen Imbiß zur Begrüßung geschickt. Hier wurden Major Kraut,
Hauptmann Spangenberg und Oberveterinär ~Dr.~ Huber einquartiert.
General Wahle, der vor einigen Monaten in Ubene krank in Feindeshand
zurückgelassen war, fanden wir hier recht erholt wieder. Wir machten
wiederum gemeinsame Messe und unsere Bewegungsfreiheit außerhalb des
Hauses war nur insofern etwas eingeschränkt, als wir stets einen
britischen Eskortoffizier bei uns haben mußten. Anfänglich waren diese
Herren recht unpünktlich, aber es bildete sich schließlich doch ein
erträglicher Zustand heraus, und ich hatte Gelegenheit, in Daressalam
die Bekannten aufzusuchen und meine persönlichen Angelegenheiten zu
ordnen. Meist wurde mir hierzu auch ein Auto gestellt. Der Vorstand der
Gefangenenlager, Major Hosken, der schon in Tanga für die gefangenen
deutschen Frauen und Kinder große menschliche Fürsorge gezeigt hatte,
war auch in Daressalam bemüht, unnötige Schikanen von uns fernzuhalten.
Wir waren schon auf der Eisenbahnfahrt überrascht gewesen, fast auf
jeder Station mehr englische Europäer anzutreffen, als wir in der
ganzen Schutztruppe hatten; hier in Daressalam aber wimmelte es von
weißen Truppen. Ich schätzte ihre Zahl auf nicht unter 5000, und zu
Hunderten und Aberhunderten standen die reparaturbedürftigen Automobile
in den Wagenparks.
Die enge Zusammenhäufung der Menschen zeigte ihre Gefährlichkeit
beim Auftreten der spanischen Influenza. Eskortenoffiziere erzählten
mir, daß manchmal an einem Tage 5, manchmal 7 englische Offiziere
in Daressalam an dieser Krankheit starben, und bald spürten
wir sie auch selbst. Die Ansteckung ist wahrscheinlich während
des Schiffstransportes auf dem Tanganjikasee und dann auf der
Eisenbahnfahrt erfolgt. In den Konzentrationslagern in Daressalam ist
sie von Mann zu Mann weitergegangen. Hauptmann Spangenberg begleitete
mich kurz nach seiner Ankunft in Daressalam noch in die Stadt, dann
fühlte er, dessen eiserne Natur alle Strapazen im Felde so gut
überstanden hatte, sich elend und starb im Lazarett am 18. Dezember an
Influenza und Lungenentzündung.
Fast alle Europäer unseres Lagers wurden von ihr befallen, und es
war schmerzlich, daß außer Hauptmann Spangenberg noch neun weitere
Europäer, im ganzen also fast 10% unserer Kopfzahl ihr erlagen. Auch
von den in Tabora internierten Eingeborenen sind 150 Askari und 200
Träger gestorben.
In verschiedenen Gefangenenlagern in Daressalam waren auch mehrere
hundert deutsche Askari untergebracht, die zu früheren Zeiten in die
Hände der Engländer gefallen waren. Verschiedene von ihnen waren
bereits Jahr und Tag in englischer Gefangenschaft und hatten sich
standhaft geweigert, bei den Engländern als Askari einzutreten. Dies
war ihnen nach ihrer Angabe wiederholt angeboten worden. Unsere
Askari hatten das deutsche Kriegsgefangenenlager der weißen Soldaten
unmittelbar vor Augen. Es war erfreulich, daß wir Europäer hierdurch
in den Augen der Askari nicht im geringsten verloren. Genau wie
früher bezeigten sie uns die größte Anhänglichkeit und Disziplin und
zweifellos kam hierdurch die große innere Achtung, die sie vor uns
Deutschen hatten, zum Ausdruck. Sie waren klug genug, einzusehen, daß
die größere militärische Leistung doch auf deutscher Seite war, und
sie waren von jeher gewohnt, daß wir auch in schweren Zeiten alle
Beschwerlichkeiten redlich mit ihnen teilten und stets ein warmes Herz
für ihre vielen kleinen Anliegen hatten.
Auch sonst zeigten uns die Eingeborenen gern ihre Anhänglichkeit und
ihr Vertrauen. Die schwarzen Diener hielten ihren rückständigen Lohn
in den Händen ihrer deutschen Herren, die im Augenblick kaum über
Barmittel verfügten, für vollständig gesichert. Mit den Engländern
war manche trübe Erfahrung gemacht worden. Jeder wußte, daß in den
Gefangenenlagern die Gelder unserer Leute wiederholt und zwar in
erheblichem Umfange durch englische Offiziere unterschlagen worden
waren. Frühere Boys und auch andere Eingeborene kamen manchmal von
weither angereist, um uns zu begrüßen, und ich habe den Eindruck
gewonnen, daß die Eingeborenen im großen und ganzen die deutsche
Herrschaft recht gern wiederhaben wollten. Sicherlich waren unter den
englischen Europäern eine ganze Menge übler Elemente. Manche ließen
sich sogar von Eingeborenen Bestechungsgelder geben, andere waren bei
hellichtem Tage in deutsche Europäerhäuser eingedrungen, um dort zu
rauben.