der Gegend von Mwembe, das wir am 17. September erreichten, konnte
die Verpflegung aufgefüllt werden. Dort wurde nach langer Zeit ein
Ruhetag gemacht. Hier, bei Mwembe, erreichte die Lungenentzündung
ihren Höhepunkt. Seit Mitte August waren 7 Europäer und etwa 200
Farbige an Lungenentzündung erkrankt, davon 2 Europäer und 17
Farbige gestorben. Die Magazine von Mwembe waren durch die schwache
feindliche Postierung zerstört worden, aber die Landschaft bot doch
noch ausreichende Vorräte. Bedenklich wurde die Trägerfrage. Die
Leute wurden durch die andauernden Märsche, durch die Epidemie und
das Tragen der vielen Kranken stark in Anspruch genommen, und wir
näherten uns ihren heimatlichen Gebieten. Wahrscheinlich würden die
Wangoniträger, sobald sie ihre nördlich des Rowuma gelegene Heimat
erreichten, weglaufen. In der Gegend von Mwembe und den gut angebauten
Tälern des Luscheringoflusses wurden mehrere feindliche Patrouillen
des Intelligence-Department (der Nachrichtenabteilung) angetroffen,
die zwar schnell verjagt wurden, aber doch anzeigten, daß der Feind im
großen und ganzen über unseren Marsch unterrichtet war.
Fernpatrouillen von uns wurden nach Mitomoni und nach Makalogi
gesandt. Südlich des Rowuma führte uns der Marsch nach Verlassen des
Luscheringotales quer durch eine außerordentlich wildreiche Steppe, und
ebenso war es am Rowuma selbst, den wir am 28. September erreichten.
Aber der Wildreichtum hatte auch seine Nachteile; wieder einmal wurde
ein Posten von Löwen geschlagen. Wir betraten wieder deutschen Boden
und blieben bei Nagwamira zwei Tage; mehrere feindliche Magazine
und Transporte, die über unser Erscheinen nicht unterrichtet waren,
wurden überrascht. Die Landschaft war außerordentlich reich, und die
Truppe konnte sich gründlich erholen. Unsere nach Mitomoni gesandten
Patrouillen meldeten dort ein stärker befestigtes Lager und das
Eintreffen von Verstärkungen, die von Westen her kamen. Auch Ssongea
war vom Feinde besetzt, seine Stärke allerdings nicht festzustellen.
Die verschiedenen Nachrichten, sowie die geographische Lage machten es
wahrscheinlich, daß auch nach Ssongea, vom Nyassasee her, Verstärkungen
unterwegs waren.
Wir marschierten weiter, auf Ssongea zu, und trafen südlich dieses
Ortes auf reich besiedeltes Gebiet. Der feindliche Funkerverkehr zeigte
an, daß feindliche Truppen in Ssongea standen und daß eine andere
Kolonne, wahrscheinlich von Mitomoni her, in die Gegend von Ssongea
gelangt war. Am 4. Oktober marschierte ich westlich an Ssongea vorbei
weiter nach Norden. Als die Vorhut unter Hauptmann Spangenberg an
der großen Straße Ssongea-Wiedhafen anlangte, wurde sie durch drei
feindliche Kompagnien mit Minenwerfern angegriffen, die von Westen
her gekommen waren. Der Feind wurde ein Stück zurückgeworfen. Wegen
des sehr berg- und schluchtreichen, für einen Angriff nicht günstigen
Geländes und der späten Tagesstunde war es unwahrscheinlich, noch an
diesem Tage einen wirklich durchschlagenden Erfolg erzielen zu können.
Morgen aber würde neuer Feind eintreffen. Ich führte deshalb den
Angriff nicht weiter durch und marschierte westlich am Feinde vorbei in
ein Lager bei der Missionsstation Peramiho.
Beim Weitermarsch durch das Wangoniland entliefen, wie befürchtet,
eine ganze Anzahl der Wangoniträger. Es war ja auch Übermenschliches
verlangt, daß diese Leute, nachdem sie jahrelang ihre Angehörigen nicht
gesehen hatten, jetzt einfach durch deren Gebiet hindurchmarschieren
sollten. Dazu ist das Heimatgefühl des Negers zu stark. Auch Samarunga,
einer meiner eigenen Träger, ein sehr anhänglicher und zuverlässiger
Kerl, hatte sich Urlaub zum Besuch seines in der Nähe befindlichen
Dorfes erbeten. Er kam auch ganz ehrlich zurück und brachte seinen
Bruder mit. Beide marschierten dann weiter mit uns; auch als der Bruder
wieder fortgegangen war, blieb Samarunga noch. Um seine gedrückte
Stimmung zu heben, gab ich ihm von meiner Fleischportion, aber am
nächsten Morgen war er doch verschwunden, nachdem er meine Sachen noch
gut in Ordnung gebracht hatte.
[Illustration: Trägersafari]
Nördlich Ssongea wurden wieder einzelne feindliche
Nachrichtenpatrouillen aufgegriffen. Tagelang zogen wir durch ehemals
besiedeltes, reiches Land. Tausende von Farmern könnten sich dort
in gesundem, schönem Klima ansiedeln. Am 14. Oktober kamen wir
nach Pangire (Jacobi), einer anmutig gelegenen Missionsstation, in
der vor dem Kriege Missionar Gröschel mich bei meiner letzten
Friedensreise gastlich ausgenommen hatte. Die Familie des Missionars
war fortgeführt worden, aber die zum Wabenastamme gehörigen
Eingeborenen waren geblieben und traten uns wie im Frieden zutraulich
entgegen. Auch mehrere alte Askari, die aus irgendwelchen Gründen von
der Truppe abgekommen waren, meldeten sich wieder. Auch in dieser
Gegend wurden einzelne Intelligence-Patrouillen angetroffen und
verjagt. In dem viehreichen Lande der Wabena wurden die bis dahin recht
geringen Viehbestände der Truppe vergrößert und so eine bewegliche
Verpflegungsreserve geschaffen, die wesentlich zur Entlastung des
Trosses beitrug. Nach dem Abmarsch von Pangire wurde eine in diesem Ort
zurückgelassene Patrouille durch eine feindliche Abteilung beschossen.
Bei Ubena wurde unsere Nachhut, Hauptmann Müller, durch mehrere
feindliche Kompagnien angegriffen, die von Süden her kamen. Eine
stärkere feindliche Kolonne folgte uns also auf der Spur. Die freien,
ganz offenen Steppen von Ubena waren für unsere Kriegführung nicht
günstig, da sie auf weite Entfernung durch Gewehr- und Artilleriefeuer
beherrscht wurden. Verschiedentlich wurde zudem der Anmarsch stärkerer
feindlicher Kräfte von Mwakete her auf Ubena gemeldet; diese Meldungen
erwiesen sich teilweise als unrichtig und führten zu einem kurzen
Gefecht zweier deutscher Patrouillen gegeneinander.
Der Schiffstransport feindlicher Truppen zum Nordende des Nyssasees und
ihr Vormarsch auf Ubena oder weiter nördlich war recht wahrscheinlich
und hat sich später auch als zutreffend erwiesen. Wollte ich die
Marschrichtung auf Tabora abbrechen und zwischen dem Nyassa- und
Rukwasee und später zwischen dem Nyassa- und Tanganjikasee hindurch
nach Rhodesien marschieren, so rückte jetzt der Zeitpunkt zum
Abbiegen heran, und ich durfte keinen Tag verlieren, um so mehr, als
die schroffen Züge des Livingstonegebirges sowie die Berge um Mbeja
die Bewegungsfreiheit sehr beschränkten. Bei der Festlegung der
Marschroute war zu berücksichtigen, daß die Verpflegungsbestände der
Kompagnien stark zusammengeschmolzen waren und ergänzt werden mußten.
Die Möglichkeit hierzu bot, nach Eingeborenenaussagen, die Gegend
von Kidugala und Gombowano, während in Ussangu, insbesondere bei
Neu-Utengule, Hungersnot sein sollte.
Am 17. Oktober marschierte ich mit dem Gros von Ubena ab, ließ dort
den General Wahle, zwei andere Europäer und einige Askari krank oder
verwundet zurück und erreichte Kidugala; Abteilung Koehl folgte am 18.
Oktober. An diesem Tage wurde die Boma Ubena durch etwa 100 feindliche
Askari besetzt, 200 bis 300 gingen nach Norden zur Iringastraße vor.
Aus erbeuteten Zeitungen entnahmen wir, daß am 29. September Cambrai
gefallen war und die Belgier bis 3 ~km~ westlich Roubaix gekommen
waren. Wir lasen vom Aufhören der Feindseligkeiten in Bulgarien, vom
Rücktritt des Grafen Hertling und der Einnahme von St. Quentin und
Armentières. Aber die Aufgabe von Stellungen und Ortschaften konnte
so verschiedenartige Gründe haben, daß ich diesen Nachrichten keine
entscheidende Bedeutung beimaß.
Der Weitermarsch führte bei Gombowano und Brandt durch recht
viehreiches Gebiet. Missionen und Schulen waren verlassen, aber
die Gartenfrüchte, besonders Maulbeeren und Pfirsiche, waren uns
hoch willkommen. Auch fanden wir im Pori große Massen wilder
Feigen und anderer wohlschmeckender süßer Früchte. Kleinere
Patrouillenzusammenstöße zeigten uns an, daß feindliche Truppen vom
Nyassasee her direkt nach Norden in die Gegend von Brandt kamen. In
Ruiwa fanden wir große englische Magazinanlagen vor; einen ganzen
Schuppen mit Leder mußten wir vernichten. Dann ging es weiter zur
Mission Alt-Utengule, die mir gleichfalls vom Frieden her wohlbekannt
war; sie lag jetzt verlassen. Dann erreichten wir die Mission Mbozi.
Dorthin hatten die Engländer die Männer aus der Landschaft bestellt,
sie untersucht und nach Neu-Langenburg geschickt, wahrscheinlich, um
dort Askari aus ihnen zu machen. In Mbozi war ein großes englisches
Magazin, das unter anderem 75 Lasten Salz und 47 Lasten Kaffee enthielt.
Es war schwer, sich durch das Gebiet richtig hindurchzutasten. Meist
war es uns wenig bekannt, und seit Jahren hatte es der Feind durch
Anlage von Magazinen und Transportstraßen verändert. Zu vorherigen
Erkundungen fehlten uns Zeit und Kräfte, und das Moment der
Überraschung wäre weggefallen. Die Eingeborenen waren den Engländern
recht feindlich gesonnen und leisteten uns gute Dienste, aber ihre
Angaben waren doch oft wenig klar. Während wir in Mbozi einen Ruhetag
machten und dort die Verpflegung ergänzten, waren unsere Patrouillen
weithin unterwegs, die eine nach Galula (Mission Sankt Moritz), eine
nach Itaka, eine in Richtung auf Neu-Langenburg und eine in Richtung
auf Fife. Die Abwesenheit von einigen derselben würde Wochen dauern;
ihre Meldungen konnten nicht abgewartet werden.
Immerhin wurde so viel klar, daß an Mbozi vorbei eine
Hauptetappenstraße des Feindes von Fife über Rwiba nach Neu-Langenburg
lief. Mehrere an dieser befindliche Magazine und auf ihr verkehrende
Verpflegungskolonnen wurden erbeutet oder ihre Bestände zerstört. Das
Vorhandensein dieser Straße bewies, daß in der Gegend von Fife ein
größeres englisches Magazin liegen mußte. Wahrscheinlich war dies bei
schnellem Zufassen zu nehmen, bevor stärkere Kräfte des Feindes dort
eintrafen. Am 31. Oktober vormittags war eine Kampfpatrouille auf Fife
abgesandt worden. Eingeborene und Patrouillen meldeten am gleichen
Tage abends den Vormarsch stärkerer feindlicher Kräfte auf der Straße
Neu-Langenburg-Rwiba. Am 1. November früh marschierte ich mit der
gesamten Truppe zunächst zum Rwibaberge ab. Dort zeigten die Spuren,
daß eine stärkere feindliche Kolonne den Rwibaberg in Richtung auf Fife
kurz vor uns passiert hatte. Dieser Feind war von einer deutschen, zum
Rwibaberg entsandten Kampfpatrouille nicht bemerkt worden.
Achter Abschnitt
Einmarsch in Britisch-Rhodesien
Unsere am 31. Oktober nach Fife entsandte zweite Kampfpatrouille
hatte sich am Rwibaberge aufgehalten. Ich mußte nun mit der ganzen
Truppe sofort nach Fife weitermarschieren, um dieses vor dem Feinde zu
erreichen oder, falls unsere erste Patrouille dort im Gefecht stehen
sollte, einzugreifen. Der zehnstündige Marsch (reine Marschzeit) von
Mbozi nach Fife war eine ganz gewaltige Anstrengung für die Truppe,
aber die Meldungen unserer Patrouillen, die Spuren des Feindes und
seine an Bäumen vorgefundenen Zettel bewiesen einwandfrei, daß der
Feind alles daransetzte, Fife noch am gleichen Tage, am 1. November,
zu erreichen. Bei der Größe auch seines Marsches war man zu der Annahme
berechtigt, daß unsere Kampfpatrouille, die ich am 31. Oktober,
spätestens am 1. November früh bei Fife vermutete, den Feind den 1.
November über an der Besetzung des Magazins von Fife hindern würde. Im
Laufe des Nachmittags beschossen wir einige Patrouillen, ohne unseren
Marsch aufzuhalten. Am Spätnachmittag wurden schwächere Abteilungen des
Feindes in den Bergen nahe bei Fife schnell zurückgeworfen. Ich selbst
ging mit der Abteilung Spangenberg, die rechts von der Straße abgebogen
war, auf einen Bergrücken, auf einen Punkt vor, wo wir das Lager von
Fife vermuteten.
Das Gelände wurde offener und war in der Hauptsache mit kniehohem
Buschwerk und Gras bedeckt, als wir auf wenige hundert Meter vor
uns Leute herumgehen und dicht stehende Zelte sahen. Die Leute
benahmen sich so harmlos, daß ich fast glaubte, es wäre unsere eigene
Kampfpatrouille. Aus 200 ~m~ erhielten wir dann aber ein sehr heftiges
und anfangs auch recht gut gezieltes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer.
Glücklicherweise wurde es von unseren Schützen nicht erwidert, da ich
vor diese geraten war und zwischen beiden Parteien lag. Nach einiger
Zeit fing der Feind, der sich augenscheinlich selbst wild gemacht
hatte, an, hoch zu schießen. Es begann dunkler zu werden, so daß
meine Patrouille sich zu unserer Schützenlinie zurückziehen konnte.
So war wenigstens Klarheit über die Lage geschaffen: ein Feind von
mehreren Kompagnien lag vor uns in verschanzten Stellungen mit gutem
Schußfelde. Seine vorgeschobenen Abteilungen waren zurückgeworfen
worden. Die Magazine lagen zum Teil außerhalb der Schanzen und fielen
später in unsere Hand. Den verlustreichen Sturm auf diesen Feind wollte
ich nicht ausführen, dagegen schien mir die Gelegenheit günstig, den
Gegner in seinem eng zusammengedrängten Lager mit unserem Minenwerfer
und von erhöhter Stelle aus mit unserem Geschütz und dann, wenn er
sich zeigte, auch mit Gewehr- und Maschinengewehrfeuer zu beschießen.
Unsere Maschinengewehre wurden in der Nacht dicht an seine Stellung
herangeschoben und verschanzt. Die Erkundung für eine günstige
Geschützstellung wurde auf den nächsten Vormittag verschoben.
Es war wahrscheinlich, daß die Eröffnung unseres Minenwerfer- und
Geschützfeuers den von Neu-Langenburg kommenden Feind zum Angriff gegen
uns veranlassen würde. Ein solcher Angriff gegen unsere Höhen wäre sehr
schwer gewesen. Aber trotz der Beschießung am 2. November, bei der auch
einige Verluste beobachtet wurden, zeigte sich kein neuer Gegner. Der
erhoffte durchschlagende Erfolg gegen das Lager blieb aus, da unser
Minenwerfer bei einem der ersten Schüsse durch eine zu früh krepierende
Mine vernichtet wurde. Flachbahnwaffen allein gegen den gedeckten Feind
konnten nichts ausrichten. Am Nachmittag marschierte unser Gros mit
den mehr als 400 Stück starken Viehherden ab und zwischen Fife und der
Mission Mwenzo hindurch nach Rhodesien hinein. Im Lager angekommen,
sahen wir die starken Rauchsäulen der Magazine von Fife, die Abteilung
Müller nach unserem Abmarsch in Brand gesteckt hatte. Aus Richtung von
Mission Mwenzo wurde mehrfach kurzes Feuer gehört.
Allmählich trafen von dort Meldungen ein. Bei Mwenzo waren außer
unserer von Mbozi entsandten Kampfpatrouille auch andere Patrouillen
von uns eingetroffen und hatten sich mit englischen Patrouillen,
manchmal auch untereinander, herumgeschossen. Eine Meldung besagte,
daß eine feindliche Patrouille mit ganz dunklen, bisher unbekannten
Uniformen aufgetreten sei; es müsse sich jedenfalls um einen neu
erschienenen Truppenteil handeln. Nach vielen Nachforschungen stellte
sich schließlich heraus, daß eine unserer eigenen Patrouillen infolge
ihrer allerdings nicht mehr reglementsmäßigen Ausrüstung dauernd für
Feind gehalten wurde. In der Mission Mwenzo selbst befand sich ein
stehendes feindliches Lazarett, in dem unser Sanitätsmaterial ergänzt
werden konnte. Die Chininvorräte wurden auf über 14 ~kg~ ergänzt, und
die Chininversorgung damit bis Ende Juni 1919 sichergestellt.
Verschiedene Nachrichten und Gefangenenaussagen ließen erkennen, daß
Transporte des Feindes aus der Gegend von Broken Hill nach Kasama
und von dort weiter nach Fife gingen, und zwar mit Automobilen und
Ochsenwagen. Kasama selbst schien eine größere Ortschaft und ein
wichtiger Straßenknotenpunkt zu sein. Jedenfalls waren auf dem Wege
von Fife bis Kasama Magazine des Feindes zu vermuten und Kasama selbst
ein lohnendes Objekt. Zudem lag es, soweit man aus dem Atlas ersehen
konnte, so, daß man sich dort entscheiden konnte, weiter nach Süden
um den Bangweolosee herum die Wasserscheide Zambesi-Kongo zu erreichen
oder nach Westen zwischen Bangweolosee und Moerosee hindurch weiter
zu marschieren. Die Angaben waren allerdings äußerst schwankend und
gründeten sich fast ausschließlich auf einige Askari, die als Knaben in
der Gegend des Moerosees an Handelskarawanen teilgenommen hatten.
Die wichtige Frage, wie die Flüsse und besonders der aus dem
Bangweolosee in den Moerosee fließende Luapala beschaffen waren, blieb
zunächst unbeantwortet. Erst einige in diesen Tagen erbeutete Karten
und Beschreibungen schafften hierüber Klarheit. Nach diesen ist der
Luapala eine ganz gewaltige Barriere; tief und an vielen Stellen
mehrere Kilometer breit, ist er von ausgedehnten Sümpfen eingefaßt. Bei
der bevorstehenden Regenzeit würde ein Übersetzen über denselben auf
Einbäumen auf Schwierigkeiten stoßen, da diese Einbäume bei unserer
Annäherung sicherlich auf das andere Ufer geschafft oder versteckt
werden würden. Ich habe damals jede Minute zum Studium von Karten und
Reisebeschreibungen verwandt und auf jeder Marschpause vertiefte ich
mich in diese. Die Gefahr, infolge mangelnder Orientierung sich in dem
von gewaltigen Strömen und Seen durchsetzten Gebiet festzurennen, war
groß.
Zunächst galt es, die Etappenstraße Fife-Mission Kajambi-Kasama schnell
aufzurollen. Bewegliche Kampfpatrouillen wurden in Gewaltmärschen
vorausgeschickt, erbeuteten mehrere kleinere Magazine, nahmen deren
Verwalter gefangen und fingen auch einige Ochsenwagenbespannungen.
Hauptmann Spangenberg folgte mit 3 Kompagnien unmittelbar, dann mit
etwa Tagemarschabstand das Gros der Truppe.
Die gewaltigen Marschanforderungen und das Abbiegen in südwestlicher
Richtung, in ganz neues, unbekanntes Land, wurde einer Anzahl Träger zu
viel. An einem Tage allein entliefen beim Kommando 20 Wasipe, die in
der Gegend von Bismarckburg beheimatet waren und 13 anderweitige Träger.
In Kajambi traf das Gros am 6. November ein; die katholische
Missionsstation besteht aus wundervollen und geräumigen, massiven
Gebäuden. Die Missionare waren unnötigerweise geflohen. Im
Schwesternhaus lag für mich ein Brief einer katholischen Schwester.
Sie stammte aus Westfalen und appellierte als Landsmännin an meine
Menschlichkeit. Sie würde sich sicherlich manche Unbequemlichkeit
erspart haben, wenn nicht nur sie, sondern auch die übrigen Angehörigen
der Mission ruhig auf ihrem Posten geblieben wären. Wir hätten
ihnen ebenso wenig getan wie früher dem alten englischen Missionar
in Peramiho bei Ssongea. Das Land war außerordentlich reich; im
Missionsgarten wuchsen prachtvolle Erdbeeren. Bei der 2 Stunden
nordöstlich Kajambi lagernden Nachhut wurde mittags Gewehrfeuer
gehört; Hauptmann Koehl war dort zum Ernten von Verpflegung geblieben,
Europäer und Askari zum großen Teil in einzelne Erntepatrouillen
auseinandergezogen. Da wurde er von einer feindlichen Patrouille
angegriffen. Hauptmann Koehl zog sich aus der unerquicklichen Lage
heraus und machte am nächsten Tage bei Mission Kajambi wieder Front,
wobei der Feind gelegentlich mit Erfolg unter überraschendes Feuer
genommen wurde. Der Weitermarsch unseres Gros auf Kasama wurde am
7. November fortgesetzt. Ein Nachrücken des Feindes wurde nicht
beobachtet. Sollte er aber doch nachdrücken, so war anzunehmen, daß er
dies aus Verpflegungsgründen nicht in allzu großer Stärke tun konnte.
Es bot sich die Aussicht, nach schneller Wegnahme von Kasama und auf
diesen Ort basiert Front zu machen und ein günstiges Gefecht zu liefern.
Aber das waren Zukunftshoffnungen; für das erste galt es, schnell
Kasama selbst zu nehmen, das nach den vorliegenden Nachrichten zwar
nicht sehr stark besetzt, aber gut befestigt war. Hauptmann Spangenberg
mit der Vorhut vergrößerte seinen Tagesmarschvorsprung immer mehr durch
gesteigerte Marschleistungen. Ich folgte mit dem Gros; Verpflegung
wurde ausreichend gefunden, und auch die Schilderungen verschiedener
Bücher, nach denen der Wald reich an schmackhaften Porifrüchten sein
sollte, bestätigten sich.
Am 8. November hatte Abteilung Spangenberg mehrere Patrouillengefechte
nördlich Kasama, am 9. November nahm sie Kasama, dessen aus einer
halben Kompagnie bestehende Besatzung nach Süden abzog. Munition wurde
nur wenig erbeutet und auch die anderen Bestände des Waffendepots
hatten geringen Wert. Der Ort hatte eine große Reparaturwerkstätte
für Automobile und andere Fahrzeuge; mehr als 20 Burenwagen wurden
erbeutet. Recht erheblich war die Beute an Europäerverpflegung.
Auffallend war, daß eine englische Gesellschaft in Kasama -- ich
glaube, es war die African Lakes Corporation -- schriftliche Anweisung
zur Zerstörung ihrer Bestände durch die Eingeborenen gegeben hatte.
Diese kamen dann auch in größeren Mengen zum Plündern heran und
Abteilung Spangenberg fand die Gebäude, Inventar und Bestände zum
großen Teil durch plündernde Eingeborene zerstört vor. Seinem
Eingreifen ist es zu danken, daß unter anderem das mit vielem Geschmack
gebaute und eingerichtete Haus des britischen Commissionars erhalten
blieb.
Während unseres Vormarsches von Fife hatte sich herausgestellt, daß, je
weiter wir vorrückten, die feindlichen Magazine voller waren. Es machte
den Eindruck, als ob wir eine Etappenlinie aufrollten, die, bei Broken
Hill oder etwas nördlich davon anfangend, erst im Entstehen begriffen
war. Wir durften hoffen, bei schnellem weiteren Vordringen auf noch
reichere Bestände zu treffen, und die aufgefundenen Papiere und
Eingeborenennachrichten schienen dies zu bestätigen. Drei Tagemärsche
weiter, den Telephondraht entlang, sollten bei der Chambesi-Fähre große
Bestände liegen, die zum Teil mit Booten herantransportiert waren. Ich
selbst war mit Fahrrad am 11. November bei Hauptmann Spangenberg in
Kasama eingetroffen, und dieser marschierte mit 2 Kompagnien sogleich
weiter nach Süden auf die Chambesi-Fähre zu.
Das Gros selbst kam am 12. November nach Kasama. Gegen Abend hörte man
aus unserer Anmarschrichtung Gewehr- und Maschinengewehrfeuer. Unsere
Nachhut wurde 2 Stunden nördlich Kasama in ihrem Lager angegriffen.
Der Feind, der bei Kajambi gefochten hatte, war nicht unmittelbar
gefolgt, sondern hatte einen Parallelweg eingeschlagen. Nachts traf
Abteilung Koehl bei Kasama ein. Mir schien jetzt das Unternehmen gegen
das Chambesi-Magazin das aussichtsvollere und wichtigere zu sein, um
so mehr, als der verfolgende Gegner nach der ganzen Lage immer weiter
verfolgen und so von neuem für uns Gelegenheit zum Frontmachen bieten
mußte.
[Illustration: Massaiposten]
Neunter Abschnitt
Waffenstillstand und Heimkehr
So blieb in Kasama nur die Abteilung Koehl zurück, um mit
Tagesmarschabstand zu folgen. Mit dem Gros folgte ich der Abteilung
Spangenberg am 13. November früh. Ich war mit dem Fahrrad
vorausgefahren, hatte die Lagerplätze ausgesucht und erwartete die
Truppe, als Hauptmann Müller gleichfalls mit Fahrrad zu mir kam und
meldete, daß Waffenstillstand abgeschlossen sei. Ein englischer
Motorfahrer, der die Nachricht zu den britischen Truppen hatte bringen
sollen, war versehentlich nach Kasama hineingefahren und dort von der
Abteilung Koehl gefangen genommen worden! Vermittelst der englischen
Telefonleitung, die wir entlang marschierten, konnten wir uns meist
leidlich schnell verständigen, und so haben wir die Nachricht vom
Waffenstillstand erhalten.
Das Telegramm des Motorfahrers lautete:
~12./11./18. To be fwded via M. B. Cable and despatch rider.~
~Send following to Colonel Von Lettow Vorbeck under white flag. The
Prime Minister of England has announced that an armistice was signed
at 5 hours on Nov. 11th and that hostilities on all fronts cease at
11 hours on Nov. 11th. I am ordering my troops to cease hostilities
forthwith unless attacked and of course I conclude that you will do
the same. Conditions of armistice will be forwarded you immediately
I receive them. Meanwhile I suggest that you should remain in your
present vicinity in order to facilitate communication. General Van
Deventer.~