Am 25. August wollte ich auf alle Fälle das Lager von Regone erreichen.

Aus den erbeuteten Papieren wußte ich, daß nach Regone wertvolle

Bestände, dabei auch Minenwerfergranaten, vor uns in Sicherheit

gebracht worden waren. Die Besatzung von Regone war im Augenblick

wahrscheinlich noch schwach. Bei der Nähe der feindlichen Kolonnen

aber war anzunehmen, daß die Lage am 26. August bereits für einen

Handstreich zu spät sein würde. Der Weg führte durch den Paß eines

steilen Felsengebirges. Unsere Vorhut stieß auf dem Marsche dort bald

auf den Feind und beschäftigte ihn, während ich mit dem Gros seitwärts

an diesem Feinde vorbei direkt auf Regone zu marschierte. Bei der

Kletterei in dem wenig übersichtlichen Berggelände kam es fast zu einem

Gefecht zwischen zwei deutschen Abteilungen, die sich gegenseitig

für Feinde hielten. Die Maschinengewehre waren bereits in Stellung

gebracht, als sich der Irrtum glücklicherweise noch aufklärte.

Dann marschierten wir weiter über die Berge, während unter uns, schon

etwas rückwärts, das Maschinengewehrfeuer unserer Vorhut hörbar war.

Der Marsch war so beschwerlich, und unsere Kolonne wurde, da wir über

die Berge nur in einer Reihe gehen konnten, so lang, daß das von mir

für diesen Tag gesetzte Ziel, Regone, nicht annähernd erreicht wurde.

Wir wußten ja überhaupt nicht genau, wo Regone eigentlich lag. Nur aus

dem Umstand, daß wir von den Bergen aus in weiter Entfernung mehrere

Wege zusammenlaufen sahen, schlossen wir, daß dort Regone liegen müsse.

Auf halbem Wege nach Regone zeigte sich ein großes Zeltlager, und ich

nahm an, daß dies die andere Hälfte des Bataillons war, die auf Regone

zur Unterstützung von Numarroe herangerückt war.

Bei strömendem Regen mußten wir im Busch Lager beziehen. Am nächsten

Tage war das beobachtete Zeltlager geräumt, die Boma Regone ziemlich

stark besetzt. Ein Anlaufen gegen sie über den kahlen Hügel hinweg bot

keine Aussicht auf Erfolg, und wir beschränkten uns auf Unternehmungen

mit Patrouillen und einzelnen Abteilungen. Der Feind hatte, wie

ich aus seinen Papieren ersah, Anweisung gegeben, uns bei Regone

ungestört anbeißen zu lassen, um dann mit starken Reserven, die

außerhalb lagen, uns in der Flanke oder im Rücken anzugreifen. Es

war daher besondere Vorsicht geboten, und die Initiative, mit der

die Kompagnie des Oberleutnant Boell trotz aller dieser Bedenken

gegen die Boma vorging, hätte gefährliche Folgen haben können. Einige

außerhalb der Befestigungen sich zeigende feindliche Lager und Kolonnen

wurden überraschend beschossen und Verpflegungsvorräte erbeutet. Die

vorgefundenen Papiere bestätigten die Annäherung stärkerer feindlicher

Kolonnen von Süden und Südosten her gegen Regone. Aber auch im Norden

standen Truppen; ob diese sich nun in der Gegend +Lioma-Malacotera+

befanden oder bei +Malema+, war nicht auszumachen. Festgestellt war

aber, daß sie vorhanden waren, und es war wahrscheinlich, daß auch

sie, und zwar von Norden her, sich Regone nähern würden.

Da ein Handstreich auf Regone keine Aussicht auf Erfolg bot und eine

länger andauernde Unternehmung wegen der von außen zu erwartenden

Störungen gleichfalls nicht auf eine glückliche Durchführung rechnen

durfte, so beschloß ich, weiter zu marschieren. Wegen der Fluß- und

Sumpfbarrieren südlich des Nyassasees erschien mir die früher von mir

in Betracht gezogene Marschrichtung nach Westen nicht ratsam, zumal

auch deshalb nicht, weil der Feind dorthin mit Hilfe von Dampfschiff

und Eisenbahn sehr leicht Truppen zusammenziehen und auch ernähren

konnte. Zweckmäßiger erschien mir der Weitermarsch nach Norden,

östlich am Nyassasee vorbei; es war wahrscheinlich, daß der Feind

durch unsere Rückkehr nach Deutsch-Ostafrika sehr überrascht sein

und die natürliche Hauptstadt dieses Gebietes, nämlich Tabora, für

das Ziel unseres Marsches halten würde. Unter diesem Eindruck würde

er dem Hauptteil seiner Truppen den Landmarsch nach Tabora, und die

schwierigen Nachschubverhältnisse eines solchen ersparen, seine

Truppen vielmehr nach den Küstenplätzen von Portugiesisch-Ostafrika

zurückziehen, von dort mit Schiff nach Daressalam und dann weiter mit

der Bahn nach Tabora selbst schaffen. Diese meine Berechnungen haben

sich im großen und ganzen als zutreffend erwiesen. Der Gedanke lag

nahe, daß ich schließlich nicht nach Tabora, sondern, am Nordende des

Nyassasees angekommen, in anderer Richtung, wahrscheinlich nach Westen

weitermarschieren würde. Zunächst kam es jedenfalls darauf an, das

Nordende des Nyassasees zu erreichen. Bis dahin mußte mehr als ein

Monat vergehen, und es konnte sich vieles ändern.

Bei Regone wurde der Anmarsch und die Versammlung stärkerer

Truppenmassen beobachtet, die unmittelbar nach unserem Abmarsch unsere

Lagerplätze absuchten, uns dann aber nur langsam folgten. Das Gelände

war mit seinen zahlreichen Schluchten und Wasserläufen für unsere

Nachhutstellungen besonders günstig. Auf dem Wege nach Lioma wurde ein

größeres feindliches Magazin mit viel Tabak erbeutet. Die Abteilung

Müller, die nach Lioma vorausgeschickt war, brachte bald Meldung über

dessen Besetzung, konnte aber über die Stärke derselben nichts Näheres

feststellen. Ich erreichte diese vorausgeschickte Abteilung mit dem

Gros am 30. August. Die Lage der feindlichen Befestigungen war in dem

dichten Busch immer noch nicht genau auszumachen gewesen. Anscheinend

war der Feind erst kürzlich eingetroffen und hatte seine Schanzarbeiten

noch nicht vollendet. Deshalb griff ich sogleich an. Die Abteilungen

Müller und Goering umgingen den Feind zunächst, um von Norden

anzugreifen. Inzwischen marschierte das Gros nach und nach in mehreren

Schluchten im Walde auf.

Ich selbst konnte mir bei dem Mangel an Aufklärung kein genaues Bild

machen. Da wurde von rückwärts her, wo unsere Trägerkolonnen sich noch

im Marsche befanden, plötzlich lebhaftes Feuer gehört. Eine stärkere

feindliche Patrouille hatte unsere Träger überraschend beschossen. Ein

großer Teil unserer Lasten ging verloren. Hauptmann Poppe, der mit

2 Kompagnien zu meiner Verfügung stand, wurde hiergegen eingesetzt.

Er fand bei seinem Eintreffen die Patrouille nicht mehr vor, folgte

aber ihrer Abzugsrichtung und traf auf ein verschanztes Lager, das er

sogleich im Sturm nahm. Vizefeldwebel Schaffrath erhielt hierbei einen

schweren Schuß. Von diesen Ereignissen erhielt ich durch Hauptmann

Poppe persönlich Meldung, als er, durch Brustschuß schwer verwundet,

zurückgetragen wurde. Er meldete mir, daß der Feind völlig geschlagen

und reiche Beute an Waffen und Munition gemacht worden sei. Die

Kompagnien der Abteilung Poppe waren dem fliehenden Gegner gefolgt

und auf ein neues größeres Lager gestoßen. Auf das gleiche Lager

stieß von Norden her die Abteilung Goering, so daß der Feind unter

wirksames Kreuzfeuer genommen wurde. Ein neu auftretender Gegner, der

aus nordöstlicher Richtung heranrückte, wurde inzwischen durch die

Abteilung Müller hingehalten.

Über diese verschiedenen Vorgänge erhielt ich erst spät nach Einbruch

der Dunkelheit eine einigermaßen klare Übersicht, die mir meine

persönlichen Erkundungsgänge nicht verschafft hatten. Bei einem dieser

Gänge fuhr eines der zahlreich einschlagenden Infanteriegeschosse durch

die Hose eines meiner Begleiter, des Landsturmmannes Hauter, traf den

anderen Begleiter, Leutnant z. See a. D. Besch, in den Oberschenkel

und verletzte die Schlagader. Glücklicherweise war der Verbandplatz

in der Nähe. So konnte ich mich von unserem bisherigen Intendanten,

der zugleich auch die Geschäfte eines Ordonnanzoffiziers versah, mit

dem Bewußtsein verabschieden, daß er durchkommen würde. Seine geringe

Habe überließ er seinen Kameraden, denen er für die Zukunft alles Gute

wünschte. Auch mir verehrte er eine Handvoll Zigaretten. Ich hatte

nämlich die Gewohnheit, in ernsteren Gefechten andauernd zu rauchen.

Mitten im Busch traf ich auch den Oberleutnant von Ruckteschell mit

einigen Trägern und seiner Tragbahre, deren er sich wegen seines

noch nicht wiederhergestellten Beines zeitweise bedienen mußte; er

hatte die Kolonne während des schwierigen Anmarsches nach Möglichkeit

zusammengehalten und strahlte jetzt, das Gewehr in der Hand, vor Freude

darüber, am Gefecht gegen die feindlichen Patrouillen teilnehmen zu

können, die sich in der Flanke und in unserem Rücken zeigten. In dem

dichten Busch hatte sich ein Teil unserer Kolonnen verlaufen und

fand sich erst nach Stunden wieder zu uns heran. Nach Einbruch der

Dunkelheit hatte sich der in einer Schlucht liegende Verbandplatz

mit Verwundeten gefüllt. Es wurde gemeldet, daß Oberleutnant von

Schroetter und Oberleutnant z. See Freund gefallen waren. Bei einer

nochmals unternommenen Patrouille gerieten Vizefeldwebel Bolles und

Hüttig versehentlich dicht an die feindlichen Schützen und wurden

überraschend beschossen; Bolles fiel, Hüttig wurde schwerverwundet

gefangen genommen. Vizefeldwebel Thurmann war bis auf 5 Schritt an

den feindlichen Schützengraben gelangt und beschoß, ein vorzüglicher

Schütze, von einem Termitenhaufen aus immer wieder erfolgreich die

Ziele, die der Feind im Innern seines Lagers zeigte, bis auch er einen

tödlichen Schuß erhielt.

Einen Sturm auf das Lager hatte Hauptmann Goering als aussichtslos

nicht versucht und nach Einbruch der Dunkelheit deshalb nur Patrouillen

am Feind belassen, den Rest der Truppe zurückgezogen. So sammelte sich

das Gros in mehreren Gruppen nördlich des feindlichen Lagers, und ich

beschloß, am nächsten Tage nach Aufräumung des Gefechtsfeldes weiter zu

marschieren.

[Illustration: Operation im Feldlazarett]

Notgedrungen mußten wir einen Teil unserer Kranken und Verwundeten,

auch die kranken Gefangenen, unter einem englischen Sanitätsoffizier

zurücklassen und traten um 9 Uhr vormittags in mehreren Kolonnen den

Weitermarsch nach Norden an. Führer hatten wir nicht; das Gelände

war ganz unbekannt, und nur ganz allgemein konnte ich dem Führer der

Vorhut bezeichnen, daß ich an einem der nördlich vorgelagerten Berge

vorbeizumarschieren beabsichtigte. Bald war bei der Vorhut Gefechtslärm

hörbar. Im Busche wurde es erst nach und nach klar, daß unsere Vorhut

sich gegen einen Feind gewandt hatte, der von links rückwärts her

gegen sie erschienen war. Die Geschosse desselben schlugen auf nahe

Entfernung und ziemlich zahlreich bei dem Kommando ein, das dem Gros

vorausmarschierte.

Ein von mir zurückgeschickter Askari sollte den Anfang des Gros an die

Stelle, an der ich war, heranführen. Die Lage war zweifellos günstig,

um den Feind zwischen unserer Vorhut und unserem Gros einzuklemmen

und gründlich zu schlagen. Ich wartete, aber unser Gros kam nicht.

Da lief ich schließlich zurück und sah an den Spuren, daß unser Gros

falsch geführt und längst seitwärts an uns vorbei marschiert war.

Dagegen sah ich den Anfang der Abteilung Stemmermann, zu der der

größte Teil unserer Kolonnen und unserer Kranken gehörte, ahnungslos

im Begriff, in den Feind hinein zu marschieren. Gerade eben konnte ich

die Abteilung noch abdrehen. Ich selbst erreichte nun die vordersten

Abteilungen Müller und Goering, die sich inzwischen weiter nach Norden

in Marsch gesetzt hatten. Sie folgten einer Straße, die auf die Berge

hinaufführte, sich oben aber gänzlich verlor. Dem Gefechtslärm, den

ich von Zeit zu Zeit weiter rückwärts hörte, maß ich keine weitere

Beachtung bei. Erstaunt bemerkte ich am Spätnachmittag, daß der Rest

der Truppe den Abteilungen Müller und Goering nicht gefolgt war,

sondern rechts von uns im Tale marschierte. Ich ahnte nicht, daß

inzwischen unsere Marschkolonne von einem neuen Gegner, der von Osten

gekommen war, nochmals beschossen wurde, und daß hierbei ein großer

Teil eines Feldlazarettes in Feindes Hand gefallen war.

Um die Truppe wieder zu vereinigen, suchte ich wieder von meinem

Berge herunterzukommen. Der Abstieg erwies sich aber nicht als

möglich; die Felsen waren steil, fast senkrecht. Auf einem Negerpfade

marschierten wir weiter, und der Abend brach herein, als Hauptmann

Müller mir meldete, daß auch dieser Abstieg an einem Abgrund endete.

Glücklicherweise fand sich noch ein kleiner Seitenpfad. Wir folgten

diesem, und es glückte, hinabzuklettern. Auch hier war es an einigen

Stellen steil, aber die nackten Füße gaben den Trägern Halt, und auch

ich kam, nachdem ich die Stiefel ausgezogen hatte, hinunter. Es wurde

stockdunkel, und wir hatten kein Wasser. Schließlich fand sich aber

auch dies, und mir fiel ein Stein vom Herzen, als wir auf den Rest der

Truppe stießen, der unter General Wahle gleichfalls die Vereinigung

gesucht hatte. Wir hatten am 30. und 31. August 6 Europäer, 23 Askari

an Toten, 11 Europäer, 60 Askari an Verwundeten, 5 Europäer, 29 Askari

an Vermißten, 5 Askari an Gefangenen verloren; 48000 Patronen, wichtige

Medikamente und Verbandszeug, wichtiges Büchsenmachergerät und die

gesamte Bagage der Abteilung Müller waren verloren gegangen. Auch die

feindlichen Verluste waren schwer, wie aus einer später erbeuteten

Verlustliste des 1. Bataillons der I. King’s African Rifles hervorging.

Außer diesem Bataillon hatten Teile des 3. Bataillons dieses Regiments

und die II. King’s African Rifles gegen uns im Gefecht gestanden.

Unsere Truppe hatte sich glänzend geschlagen; einem Teil der Träger,

von denen über 200 vermißt wurden, war das überraschende Feuer

allerdings etwas in die Glieder gefahren. Von der Abteilung Koehl

fehlte Nachricht, aber unsere Führer waren inzwischen so erfahren und

gewandt im Buschkrieg geworden, daß ich mir keine Sorge zu machen

brauchte. Am nächsten Tage überraschten wir bei unserem Eintreffen im

Lager eine englische Verpflegungskolonne.

Dann passierten wir die Straße Cutea-Malema, an der sich bald auch

feindliche Truppen zeigten und überschritten den Luriofluß bei Mtetere.

Ein englischer Aufkaufposten floh und einige Verpflegung wurde

erbeutet. Abteilung Koehl traf hier wieder beim Gros ein. Sie war dem

uns verfolgenden Feinde nachgezogen und hatte festgestellt, daß er

mehrere Bataillone stark war. Wir rückten dann den Lurio abwärts in die

reiche Landschaft Mpuera. Sol (Feldwebel) Salim, der hier gelegentlich

einer früheren Patrouille seine Frau geheiratet hatte, die ihm treu

gefolgt war, ließ sie, da sie ihrer Niederkunft entgegen sah, bei ihrem

Vater, dem dortigen Jumben, zurück.

Die Truppe war gesundheitlich etwas mitgenommen; alles hustete, und es

zeigten sich die Anfänge einer recht unangenehmen Lungenseuche, die

uns in den nächsten Wochen viel Leute kosten sollte, von den Ärzten

aber als verschieden von der spanischen Influenza angesehen wurde.

Da in dieser Gegend reichliche Verpflegung vorhanden war, so gönnte

ich der durch die Ereignisse der letzten Zeit recht angestrengten

Truppe einen Ruhetag, der auch wegen der zahlreichen Kranken

erforderlich war. Hauptmann Koehl war mit seiner Kompagnie ohne Bagage

zurückgelassen worden, um dem Feinde von rückwärts her möglichst viel

Schaden zuzufügen. Er meldete das Eintreffen stärkerer feindlicher

Truppenmassen in der Gegend von Mtetere und östlich von diesem Orte.

Es war klar, daß der Feind im Augenblick uns noch mit Anspannung aller

seiner Kräfte verfolgte und zu diesem Zweck seine Truppe zusammenhielt.

Die Gelegenheit zu einem Teilerfolg schien mir schon deswegen nicht

günstig, weil er nicht ausgenutzt werden konnte und ein Gefecht uns

Verwundete gekostet hätte, die wir nicht mitnehmen konnten. Da es in

meiner Absicht lag, demnächst die Gegend nördlich von Luambala aus

Verpflegungsgründen aufzusuchen, wollte ich den Abmarsch dorthin nicht

weiter verzögern.

Während des Ruhetages am 5. September war in dem reichen Gebiet

von Mpuera die Verpflegung ergänzt worden, und am 6. September

früh wurde der Abmarsch in nördlicher Richtung angetreten. Es war

anzunehmen, daß der Feind in mehreren Kolonnen flußabwärts, also in

nordöstlicher Richtung marschieren würde; unsere Truppe zog daher in

voller Gefechtsstaffelung durch den Busch, und ich erwartete jeden

Augenblick, auf die nördliche der feindlichen Kolonnen zu stoßen;

aber wir überschritten deren wahrscheinliche Marschstraße, ohne

Spuren von ihr zu entdecken. Gegen Mittag näherten wir uns unserem

Marschziele, einer am Hulua-Berge gelegenen Wasserstelle. Da fielen

bei der Vorhut die ersten Schüsse, und bald entwickelte sich ein

lebhaftes Gefecht. Hauptmann Müller, der Führer der Vorhut, war auf das

Ende einer feindlichen Kolonne gestoßen, die spitzwinklig zu unserer

Marschrichtung nach Nordosten marschierte. Schnell hatte er das am Ende

befindliche 2. Bataillon der II. King’s African Rifles angegriffen

und in die Flucht geschlagen, das Feldlazarett des Gegners und seine

Eselkolonne genommen.

Die Abteilung Goering entwickelte ich rechts neben der Abteilung

Müller; auch sie warf Teile des Feindes schnell zurück, ging dann

aber nicht weiter vor, als der Gegner stärkere Truppen -- das 1.

Bataillon des II. King’s African Rifles und anscheinend auch Teile des

3. Bataillons dieses Regimentes -- entwickelte. Unser linker Flügel,

der im Vorgehen auf ansteigendes, offenes Gelände geraten war und dort

gleichfalls auf frische feindliche Truppen stieß, war wenige hundert

Meter zurückgegangen und hatte eine sanfte Anhöhe mit mehrere hundert

Meter großem Schußfeld besetzt. Über diese Verhältnisse gewann ich

erst Klarheit, als ich vom rechten Flügel, wo ich Abteilung Goering

angesetzt hatte, wieder auf den linken Flügel ging.

Das Gefecht wurde ziemlich heftig und kam im großen und ganzen zum

Stehen. Von der Nachhut, unter Hauptmann Spangenberg, her, deren

Eintreffen ich jetzt erwartete, war Minenwerferfeuer gehört worden. Die

Nachhut hatte bei Mpuera den Angriff einer anderen feindlichen Kolonne

abgewiesen und Teile derselben in regellose Flucht geschlagen. Um 7 Uhr

morgens war sie, der ihr erteilten Anweisung entsprechend, dem Gros

gefolgt. Sie traf gegen 5 Uhr nachmittags auf dem Gefechtsfelde ein,

und ich erwog, ob ich nicht durch Einsatz aller Reserven versuchen

sollte, hier am Hulua-Berge heute noch die II. King’s African Rifles

entscheidend zu schlagen. Ich habe diesen Gedanken aber fallen

lassen; die Zeit war sehr knapp, denn es war nur eine Stunde bis zur

Dunkelheit, und ich rechnete bestimmt darauf, daß am anderen Tage

sehr früh frische Teile des Feindes auf dem Gefechtsfelde eintreffen

würden. Zudem würde die Durchführung eines entscheidenden Gefechtes

uns sicher erhebliche Verluste kosten, und diese Verluste wollte ich

bei der geringen Zahl von 176 Europäern und 1487 Askari, die unsere

Stärkenachweisung vom 1. September 1918 angab, vermeiden. Oberleutnant

zur See Wenig, der mit seinem Geschütz bei der Abteilung Goering

Verwendung gefunden hatte, meldete mir, daß er als einziger noch

gefechtsfähiger Offizier den Befehl dieser Abteilung übernommen hatte.

Bald wurde Hauptmann Goering mit schwerem Brustschuß, Oberleutnant

Boell mit schwerem Kopfschuß auf den Verbandplatz gebracht.

So setzte ich die Reserven nicht in das Durcheinander eines nächtlichen

Buschkampfes ein, sondern rückte nach Aufräumen des Gefechtsfeldes in

nordwestlicher Richtung weiter. Bald trat völlige Dunkelheit ein, und

der Marsch ging im dichten, hohen Grase nur sehr langsam von statten.

Nach 5 ~km~ wurde Lager bezogen. Die Gefechtsverluste des 6. September

waren 6 Askari, 4 Maschinengewehrträger gefallen, 13 Europäer, 49

Askari, 15 andere Farbige verwundet, 3 Europäer, 13 Askari, 12 Träger

vermißt, 3 Askari, 3 Träger gefangen. Beim Feinde waren etwa 10

Europäer, 30 Askari als getroffen beobachtet worden, 8 Europäer, 45

Askari wurden gefangen genommen; die zum Teil kranken und verwundeten

Gefangenen und unsere eigenen Schwerverwundeten waren unter der Pflege

englischen Sanitätspersonals auf dem Gefechtsfelde zurückgelassen

worden. Später bei +Mwembe+ erbeutete Papiere gaben an, daß „Kartucol“

(abgekürzter Ausdruck für: Kolonne der IV. King’s African Rifles) am 6.

September schwere Verluste hatte und zeitweilig bewegungsunfähig war.

Unser Weitermarsch wurde durch den Feind nicht belästigt. Hauptmann

Koehl war mit seiner Kompagnie westlich von Mpuera zurückgeblieben, um

von rückwärts her gegen den Feind und seine Verbindungen zu wirken. Er

folgte unserer Spur und hatte am Milweberg leichte Zusammenstöße mit

dem 1. Bataillon der VI. King’s African Rifles, das am 8. September

von Süden her am Milweberg eintraf. Wir zogen in mehreren Reihen

quer durch das Pori, durch wildreiches Gebiet. Sogar einige Büffel

wurden während des Marsches erlegt. Bei Kanene kreuzten wir die vom

Amarambasee nach Mahua führende Etappenstraße. Der Feind hatte das

Magazin von Kanene abgebrannt, aber wir fanden in der Landschaft selbst

ausreichend Verpflegung, und die materielle Lage der Truppe würde gut

gewesen sein, wenn nicht die Influenzaepidemie immer mehr um sich

gegriffen hätte. Etwa 50 Proz. hatten Bronchialkatarrh, und in jeder

Kompagnie hatten 3 bis 6 Mann Lungenentzündung; da in der gesamten

Truppe nur etwa 80 Kranke getragen werden konnten, so mußten etwa

20 Mann mit leichter Lungenentzündung zeitweise zu Fuß gehen. Eine

befriedigende Lösung des Krankentransportes war eben nicht möglich,

oder man hätte die Kriegführung beenden müssen; man konnte die Kranken

nicht einfach im Pori liegen lassen. Diese Zwangslage mußte die Nerven

des vortrefflichen, leitenden Sanitätsoffiziers, Stabsarzt Taute, bis

aufs äußerste in Anspruch nehmen. Es war ein Glück, daß dieser in

ärztlicher und organisatorischer Hinsicht hochbegabte Mann sich unter

dem Gewicht seiner Verantwortung aufrecht erhielt. Seinen Anordnungen

und dem durch die Verhältnisse bedingten Wechsel der Gegend und des

Klimas ist es zu danken, daß die Epidemie bald zurückging. Eine Anzahl

schonungsbedürftiger Askari und anderer Farbiger folgten der Truppe

langsam nach; manche von ihnen verloren den Mut, wenn sie unsere

Lagerplätze dann immer schon verlassen vorfanden. Eine ganze Anzahl

ist aber doch herangekommen, besonders, wenn die Truppe einen der

kurzen Märsche machte oder, was allerdings selten vorkam, einen Ruhetag

einlegen konnte.

Siebenter Abschnitt

Noch einmal auf deutschem Boden

Aber allzusehr aufhalten durften wir uns nicht. Die Kriegslage

erforderte gebieterisch, daß wir die verpflegungsarmen und die durch

die letzte Zeit des Krieges stark in Anspruch genommenen Gebiete

östlich des mittleren Nyassasees schnell durchschritten. Schnelligkeit

war hierbei umsomehr geboten, als der Feind zu Schiff Truppen an das

Nordende des Nyassasees verschieben und uns so in der Besetzung des

dortigen Gebietes mit starken Truppen zuvorkommen konnte. Als wir

uns dem Lujendaflusse näherten, wurde das Gelände bergiger und war

vielfach von Flußläufen und Schluchten durchzogen. Die Marschrichtung

konnte nach dem Kompaß allein nicht innegehalten werden. Es war nötig,

die Wasserscheide zu berücksichtigen und auf den Bergrücken entlang

zu gehen. Glücklicherweise fand der Führer der Vorhut, Hauptmann

Spangenberg, einige Eingeborene, die ihm als Pfadfinder das Aufsuchen

eines guten Weges erleichterten. Aber einiges Hin und Her war nicht

zu vermeiden, und das verzögerte unseren Marsch, während der Feind

von Malacotera her auf guter Straße schnell nach Luambala Truppen und

Verpflegung verschieben konnte.

Ich war etwas in Sorge, ob das Wasser des Lujendaflusses genügend

abgelaufen sein würde, um die Furten benutzen zu können. Die

Herstellung von Rindenbooten hätte wohl keine Schwierigkeiten gemacht,

aber bei der reißenden Strömung würde das Übersetzen der gesamten

Truppe kaum glatt vonstatten gegangen sein. Jedenfalls lag mir daran,

daß es durch den Feind nicht gestört würde, und auch dies trieb zur

Eile an. Glücklicherweise wurde durch vorausgesandte Patrouillen

unterhalb von Luambala eine Furt gefunden, und das Durchwaten des

Flusses an dieser Stelle machte keine Schwierigkeiten.

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 27 / 30 段