die Gegend von Ociva gesetzten Erwartungen bezüglich der Verpflegung
nicht erfüllt hatten, faßte ich den Plan, das Gebiet östlich des
+Ligonjaflusses+ zu erreichen, welches auf der Karte als dicht
bevölkert und gut angebaut bezeichnet war. Auf dem Wege in diese
Gegend nahm die Vorhut unter Hauptmann Müller rasch die Boma +Tipa+,
wo mehrtägige Verpflegungsbestände, besonders an Erdnüssen, gelagert
waren, die so in unsere Hand fielen. Die schwache portugiesische
Besatzung leistete nur geringen Widerstand und floh sofort; der
Postenführer, ein portugiesischer Serganto, wurde als einziger gefangen
genommen.
In der schnellen und geordneten Verteilung der Beute hatten wir eine
große Fertigkeit erlangt; das Gros erlitt kaum eine Marschverzögerung,
und ich sehe noch das schmunzelnde Gesicht eines der gefangenen
Engländer vor mir, die ganz und gar vergessen zu haben schienen, daß
die Portugiesen ja eigentlich ihre Verbündeten seien. Offensichtlich
hatten sie ihren Spaß daran, wie den Portugiesen von uns eine
ihrer Stationen nach der anderen mit ihren Lebensmittelvorräten
ohne viel Umstände fortgenommen wurde. Die erbeuteten Papiere des
Feindes gaben uns wiederum wertvolle Aufklärungen. Zwei Tage von
Tipa entfernt lag eine andere Boma, namens +Namirrue+, wo außer der
portugiesischen Besatzung auch eine englische Kompagnie zur Verstärkung
eingetroffen war. Anscheinend lagerten an diesem Ort also bedeutende
Verpflegungsbestände. Wenigstens waren nach unseren Informationen
Verpflegungskolonnen angesetzt, um sich bei Namirrue aufzufüllen. Die
englischen Truppen, die sich dort befanden, gehörten wahrscheinlich zu
einem neu auftretenden Gegner, der aus der Richtung von Mozambique her
angekommen war. Unser bisheriger Feind, der jetzt in der allgemeinen
Marschrichtung Südwest-Nordost anzunehmen war, konnte unmöglich einen
solchen Vorsprung vor uns gewonnen haben. So marschierte die Vorhut
sogleich mit unserem Geschütz weiter nach Namirrue (das kleinere
Geschütz war bei Namacurra unbrauchbar gemacht und zurückgelassen
worden, nachdem seine paar Schuß verschossen waren). Hauptmann Müller
mußte zusehen, was bei Namirrue zu machen war und dementsprechend
selbständig handeln. Das Gros der Truppe verblieb zunächst bei Tipa,
auf dem Ostufer des Moloqueflusses. Es sollte Verpflegung beschaffen
und den von Südwesten her nachdrängenden Feind so lange hinhalten,
daß Hauptmann Müller bei Namirrue genügend Zeit hatte. Es dauerte
nicht lange, so erschienen kleine feindliche Streifabteilungen bei
Tipa, am Westufer des Ligonjeflusses, der dort kein nennenswertes
Hindernis bildet. Es kam zu einer ganzen Reihe unbedeutender
Patrouillenzusammenstöße, auch auf dem Ostufer des Flusses. Die
Nachhut unter Hauptmann Koehl lieferte eine große Zahl hinhaltender
Gefechte in den zum großen Teil vorher längs der Straße Tipa-Namirrue
erkundeten Stellungen. Da ich mir noch nicht klar darüber war, ob das
Gros die beste Gelegenheit zum Eingreifen bei der Abteilung Koehl
oder bei Namirrue finden würde, so folgte ich mit ihm der Abteilung
Müller zunächst nur langsam. Da traf von Hauptmann Müller die Nachricht
ein, daß sich eine feindliche Abteilung von etwa Kompagniestärke auf
dem Felsenberge bei Namirrue verschanzt habe, und daß er ihr auch
mit seinem Geschütz nicht recht beikommen könne. Dagegen sei es sehr
wahrscheinlich, daß zur Unterstützung dieses Feindes englische Truppen
aus nördlicher oder nordwestlicher Richtung heranrücken würden.
Die Gelegenheit für uns sei günstig, diese dann in freiem Felde zu
schlagen. So marschierte ich denn mit dem Gros auf Namirrue ab und
überschritt am 22. Juli den Namirruefluß etwa 4 ~km~ oberhalb des von
dem Feinde besetzten Felsenberges. Am Ostufer des Flusses wurden Lager
bezogen, und es kam sogleich zu einigen Patrouillenzusammenstößen. Ich
selbst ging mit Leutnant Besch in einem Bogen um den Felsenberg herum
zum Hauptmann Müller, der dicht südöstlich desselben lagerte. Die
feindliche Stellung war durch Patrouillen und Maschinengewehre umstellt
worden. Oben auf dem Berge konnte man einzelne Pferde erblicken, ab und
zu auch Leute. Zeigte sich ein günstiges Ziel beim Feinde, so erhielt
es Feuer, um den Gegner daran zu hindern, Leute vom Berge herunter zum
Wasserschöpfen zu schicken. Es schien aber, als ob der Feind aus einem
uns unbekannt gebliebenen Wasser seinen Bedarf zu entnehmen imstande
war.
Nach einer Tasse Kaffee bei Hauptmann Müller begaben wir uns weiter
um den Berg herum und begegneten dem Leutnant d. Res. Kempner und
anderen Patrouillen, die eifrig erkundeten. Wir mußten uns der Deckung
wegen teilweise durch den dichten Busch hindurcharbeiten, gerieten
dabei aber in zahlreiche Juckbohnen; die Berührung mit dieser Pflanze
verursacht ein geradezu unerträgliches Hautkratzen. Wir befanden uns
gerade in der Mitte eines solchen Dickichtes, als vom Lager unseres
Gros her lebhaftes Feuer ertönte. Gleichzeitig gab der Feind auf dem
Felsenberge Salven ab, offenbar als ein Signal für seine Freunde.
Ich hatte sofort die Überzeugung, daß hier eine nicht allzustarke
feindliche Abteilung heranrückte, ohne Kenntnis vom Eintreffen unseres
Gros zu haben. Es regte sich sofort in mir der Wunsch, diese seltene
Chance sogleich mit allen Kräften auszunutzen. Eiligst suchte ich
zum Gros zu laufen, kam in dem hindernden Dickicht aber nur langsam
vorwärts, und dazu juckte es zum wahnsinnig werden. Schließlich langten
wir im Lager noch eben vor Einbruch der Dunkelheit an. Mein Vertreter,
Major Kraut, hatte zunächst schwache Teile eingesetzt. Bei dem hellen
Mondschein durfte ich hoffen, auch die hereinbrechende Nacht zu einem
erfolgreichen Kampf ausnutzen zu können. Alle vorhandenen Kräfte mit
Ausnahme einer im Lager als Deckung zurückbleibenden Kompagnie wurden
sofort entwickelt. Auf dem rechten Flügel machte Hauptmann Goering, der
zu einer Umfassung angesetzt war, eine vollständige Umgehung bis in
den Rücken des Feindes. Da hörte er Hundegebell, ging darauf los und
fand den englischen Führer Colonel Dickinson mit seinem Adjutanten und
Sanitätsoffizier am Telephon in einer Schlucht und nahm sie gefangen.
Hauptmann Goering griff nun sogleich weiter an, und die in der Front
und auf dem linken Flügel eingesetzten Abteilungen der Hauptleute
Spangenberg und Poppe griffen ebenfalls fest zu. In kürzester Zeit
wurde der aus einem Bataillon bestehende Feind über den Haufen geworfen
und in wilder Flucht zurückgejagt. Alle Abteilungen drängten scharf
nach, aber bei der herrschenden Dunkelheit und in dem dichten Busch
ging die Fühlung mit dem Feinde verloren, von dem man nicht wußte,
woher er eigentlich gekommen war.
Erst später wurde klar, daß die feindlichen Truppen parallel mit
uns marschierend, den Namirruefluß gleichzeitig mit uns etwas
oberhalb passiert hatten. Bei der durch die dauernden Bewegungen
der Truppenkörper von Tag zu Tag wechselnden Lage, bei der
Unübersichtlichkeit des Buschgeländes und der großen Anzahl seiner
marschierenden Kolonnen war es dem Feinde trotz der andauernden Arbeit
seiner Funkenstationen eben einfach nicht möglich, sich ein klares
Bild von der Gesamtlage zu machen und seinen Unterführern dauernd über
alle Veränderungen rechtzeitig Nachrichten zukommen zu lassen. So war
hier eine Kolonne vereinzelt und noch nicht einmal mit allen ihren
Kräften auf uns geplatzt; sie hatte nur mit einem Bataillon den Fluß
überschritten. Dieses war in einer exponierten und recht gefährlichen
Lage durch unser Gros übel zugerichtet worden.
Eine zur weiteren Verfolgung des fliehenden Feindes angesetzte
Kompagnie kehrte am nächsten Tage ergebnislos zurück; auch hier, nach
dem so günstig verlaufenen Gefecht, waren Unterführer und Truppe
nur schwer dazu zu bewegen, wirklich rücksichtslos und mit Einsatz
aller Kräfte hinterher zu hauen, um den errungenen Erfolg auch ganz
auszunutzen. Oberleutnant von Schroetter, der dann mit seiner Kompagnie
die Verfolgung mehrere Tage lang doch noch so aufnahm, wie es die Lage
wirklich gebot, konnte außer einigen Patrouillenplänkeleien nichts
mehr ausrichten. Der Feind hatte in der Zwischenzeit einen zu großen
Vorsprung gewonnen. Nur die sehr schleunige Flucht des Gegners wurde
bestätigt.
Mit den Hauptkräften der Truppe blieb ich halten; die Ausnutzung des
Erfolges lag weniger in der Verfolgung des geschlagenen Feindes als
vielmehr in den Chancen, welche die Lage des anderen, von uns auf dem
Felsberge eingeschlossenen Gegners bot, nachdem die ihm zugedachte
Hilfe fürs erste unwirksam gemacht worden war.
Zum ersten Male in diesem Kriege hatten wir einen Minenwerfer mit
Munition erbeutet. Die verschiedenen Teile desselben wurden nach und
nach auf dem Gefechtsfelde gesammelt und die 17 vorhandenen Schuß
verwendungsbereit gemacht. Schießversuche mit nicht scharfen Minen
waren befriedigend verlaufen und für den Nachmittag um 4 Uhr konnte
die Beschießung des auf dem Felsberg eingenisteten Feindes angesetzt
werden. Mit der Führung gegen diesen wurde Hauptmann Müller beauftragt,
dessen Abteilung am Tage vorher nicht im Gefecht gewesen war und
von diesem nicht einmal etwas gemerkt hatte. Dazu kam die im Lager
zurückgebliebene Kompagnie des Oberleutnants von Ruckteschell. Der
Minenwerfer wurde auf der einen Seite, unser Geschütz auf der anderen
Seite des Berges in Stellung gebracht; unsere Maschinengewehre befanden
sich rings um den Berg herum in Bereitschaft zum Eingreifen. Um ¾4
Uhr empfahl sich Oberleutnant von Ruckteschell von dem gefangenen
englischen Oberst Dickinson, der ihm zur Bewirtung zugeteilt worden
war, und sagte ihm, daß er nach einer Stunde zurück zu sein gedenke.
Um 4 Uhr schlug der erste Schuß unseres Minenwerfers mitten in der
feindlichen Stellung ein. Der Führer des Gegners überlegte gerade, ob
er nicht in der nächsten Nacht ausbrechen sollte. Im Augenblick wurde
der Berg lebendig, und überall zeigten sich die Leute, die die Hänge
herunter und wieder hinauf liefen. Sie wurden unter Maschinengewehr-
und Geschützfeuer genommen. Sehr bald zeigte der Feind die weiße
Flagge, schoß aber weiter.
Oberleutnant von Ruckteschell kam, wie er gesagt hatte, nach einer
Stunde zu seinem Gast zurück, leider aber mit zerschossenem Bein. Seine
Ordonnanz, die ihn bei seiner Verwundung aus dem Gefecht tragen wollte,
war unter ihm gefallen. Hauptmann Müller hatte inzwischen von der
anderen Seite den Berg erstiegen und das Lager im Sturm genommen. Es
war von einem Zuge berittener Infanterie des Goldküsten-Regimentes und
einer halben Kompagnie zu Fuß besetzt gewesen, von denen fast niemand
entkam. Auch die Pferde waren fast ausnahmslos gefallen. Auf unserer
Seite war der tapfere Leutnant d. Res. Selke kurz vor Einbruch in die
feindliche Stellung einer Kugel des Gegners erlegen. Er wurde auf dem
Gefechtsfelde bestattet. Die Beute an Material war nur gering, aber die
beiden Gefechtstage hatten dem Feinde eine gehörige Einbuße an Personal
gebracht. Seine Abteilungen, die an Kopfzahl kaum geringer waren
als die auf unserer Seite am Kampf beteiligten Abteilungen, wurden
buchstäblich zertrümmert. Hier, wie früher bei Namacurra, stellte es
sich heraus, daß die Engländer Schwarze aus Deutsch-Ostafrika, vielfach
auch alte deutsche Askari, zwangsweise in ihre fechtende Truppe
eingestellt hatten.
Unsere gründliche Arbeit bei Namirrue war dadurch erreicht worden,
daß die schwache, nur 3 Kompagnien starke Abteilung Koehl Störungen
fernhielt. Abteilung Koehl ging von Tipa aus nur ganz schrittweise aus
Namirrue zurück und hatte täglich Nachhutgefechte zu bestehen gegen
den mit äußerster Anstrengung nachdrängenden Feind. Jetzt war sie bis
auf einen halben Tagemarsch an Namirrue herangerückt, und ich zog sie
auch auf das Ostufer des Namirrueflusses. Ausgeschickte Patrouillen
hatten inzwischen aus den Eingeborenen soviel herausbekommen, daß
bei +Pekera+ ein feindliches Magazin mit einer Besatzung sei. Diese
Nachricht erschien mir recht wahrscheinlich, weil Pekera bereits in
dem als volkreich und sehr fruchtbar bezeichneten Gebiete östlich
des Ligonjaflusses liegt. Unsere Berechnungen bestätigten sich, als
wir nach 2 Tagemärschen bei Pekera anlangten. Der dort stationierte
berittene Zug des Goldküstenregiments wurde gleichfalls aufgerieben,
mehrere Motorfahrer abgefangen. In gleicher Weise setzten wir uns
schnell in den Besitz der Boma +Chalau+ und einer Reihe anderer
Stationen, wo die Portugiesen reiche Vorräte, besonders sehr
viel Erdnüsse, aufgestapelt hatten. Unsere Patrouillen streiften
bis +Angoche+, und wir waren in kürzester Zeit Herren des weiten
und außerordentlich reichen Gebietes. Ein Teil der gefangenen
portugiesischen Offiziere entwich eines Nachts und gelangte glücklich
zu den feindlichen Truppen in Angoche zurück. Anscheinend hatten
sich unter den Herren einige befunden, die die Gegend aus ihrer
Friedenstätigkeit gut kannten.
Die nun folgende Zeit der Ruhe während des Aufenthaltes in der Gegend
von Chalau ermöglichte die Wiederherstellung unserer Kranken und
Verwundeten, die durch die langen Transporte sehr mitgenommen waren;
auch den Gesunden tat einige Schonung wohl. Alle hatten unter den
unausgesetzten Märschen und Anstrengungen der letzten Zeit doch etwas
gelitten. Es war bemerkenswert, wie die Erfolge der letzten Zeit unter
den Trägern, die ja meist ein sehr gutes und zuverlässiges Personal
darstellten, kriegerischen Geist hervorriefen. Eine Menge derselben
meldete sich zum Eintritt als Askari. Auch mein alter Koch hatte nicht
übel Lust, zur Waffe zu greifen.
Am 5. August fing die Verpflegung an knapper zu werden, und es gab
in der Hauptsache als Nahrung nur noch bitteren Muhogo. Verschiedene
feindliche Patrouillen, die sich aus nordöstlicher Richtung her
näherten, zeigten mir an, daß die aus Südwesten folgenden feindlichen
Kolonnen uns während unserer Ruhepause tatsächlich überholt hatten und
sich nunmehr zu einem Angriff auf uns bei Wamaka, einem nordöstlich
unseres Lagers belegenen Ort, zu sammeln im Begriff waren.
Sechster Abschnitt
Zurück zum Luriofluß
Um den Feind in seinem Irrtum über unser Ziel zu bestärken, marschierte
ich am 7. August auf der Straße nach Wamaka vor und bezog drei Stunden
nordöstlich von Chalau, in einem guten Verpflegungsgebiet, Lager.
Einige feindliche Patrouillen wurden vertrieben. Von Wamaka her
erschien ein feindlicher Parlamentäroffizier, der mitteilte, daß der
englische Befehlshaber geneigt sei, auf einen Austausch des gefangenen
ärztlichen Personals einzugehen. Er bat mich ferner, Ort und Zeit zu
bestimmen, wo für die englischen Kriegsgefangenen Ausrüstung an uns
abgegeben werden könnte. Diese sehr durchsichtigen Vorschläge bewiesen
mir, daß der Feind etwas Ernsthaftes, und zwar von Norden her, vorhatte
und bestrebt war, sich die Arbeit dadurch zu erleichtern, daß er mich
in eine Falle lockte. Verschiedene feindliche Spione wurden gefangen
genommen und bestätigten meine Vermutungen. Ihre Aussage, daß der Feind
beabsichtigte, uns in drei Kolonnen anzugreifen, entsprach der üblichen
Anlage solcher Unternehmungen.
Als mehrere Patrouillen- und Vorpostengefechte am 10. und 11. August
mir anzeigten, daß eine stärkere feindliche Kolonne auf der Straße
Wamaka-Chalau im Vormarsch war, nahm ich an, daß mindestens noch eine
andere Kolonne parallel zu dieser weiter südlich marschierte: ihr Ziel
war voraussichtlich Chalau. Ich beschloß, diese südliche feindliche
Kolonne vereinzelt zu fassen. Die Aussicht zum Gelingen meines Planes
war allerdings nicht groß, da der Feind häufig unter Vermeidung
der Wege durch den Busch marschierte. In Voraussicht einer solchen
Entwicklung der Lage hatte ich einen Weg erkunden und bezeichnen
lassen. Trotzdem dauerte unser Abmarsch, den wir am 11. August abends
antraten, die ganze Nacht hindurch. Erst bei Helligkeit langten
wir östlich von Chalau an der von mir gewählten Stelle an. Starke
Patrouillen, unter ihnen eine ganze Kompagnie unter Hauptmann Koehl,
befanden sich noch unterwegs.
Mein grundlegender Gedanke war ein Abmarsch nach Westen, um mich dann
entweder in die Gegend von Blantyre oder östlich des Njassa-Sees
wieder nach Norden zu wenden. Ohne vom Feinde belästigt zu werden,
überschritten wir bei Metil den Ligonjafluß und kreuzten die Straße
Tipa-Namirrue. Das dort befindliche Grab eines Offiziers vom 1.
Bataillon der II. King’s African Rifles bewies, daß die feindliche
Kolonne, die uns von Tipa aus zunächst auf Namirrue gefolgt war, uns
vollständig im Norden bis Wamaka hin umgangen hatte; denn zu den
Truppen, die jetzt von Wamaka her kamen, gehörte dasselbe 1. Bataillon
der II. King’s African Rifles. Auf dem Weitermarsch nach Ili kreuzten
wir die Lager feindlicher Truppen, die von Südwesten her kamen und
weiter in Richtung auf Alto-Moloque marschiert waren. Auch sie hatten
also große Umwege gemacht und entsprechend große Marschleistungen
hinter sich. Es war auffallend, daß alle diese Kolonnen des Gegners
auf einmal einen so hohen Grad von Beweglichkeit erlangt hatten;
sie hatten die Art ihrer Verpflegung geändert und sich, wenigstens
teilweise, vom Nachschub frei gemacht. Wie Gefangene berichteten,
schickten sie Fourierkommandos voraus, die von den Eingeborenen
Verpflegung beschafften und dann an die Truppe verteilten. Diese
Verpflegungsbeschaffung scheint recht rücksichtslos unternommen worden
zu sein. Die Zutraulichkeit, welche die Eingeborenen bei unserem, nur
kurze Zeit zurückliegenden Aufenthalt in der Gegend von Ili gezeigt
hatten, war verschwunden. Sie sahen jetzt in jedem Askari ihren Feind,
und einzelne Leute, die auf dem Marsche zurückblieben, wurden mehrfach
durch Eingeborene angefallen.
Als wir bei Ili ankamen, wurde der dort befindliche englische
Telegraphenposten schnell überwältigt. Die aufgefundenen Papiere
gaben brauchbare Aufschlüsse über die feindlichen Truppenbewegungen.
Hiernach befanden sich größere Magazine bei Numarroe und Regone,
stärkere Truppen sollten von Alto-Moloque und von Mukubi aus uns
zu überholen suchen, während eine Kolonne unserer Spur unmittelbar
folgte. Der Feind, der bis vor kurzer Zeit im Dunkeln getappt hatte,
hatte augenscheinlich seit einigen Tagen zuverlässige Nachrichten über
unsere Bewegungen erhalten. Recht schwierig war es, den Weg nach Regone
festzustellen, da keine Führer aufzutreiben waren. Aber von Ili aus
führte eine neu gebaute Telephonleitung aus Kupferdraht nach Numarroe.
Wenn wir dieser Linie folgten, waren wir sicher, unterwegs auf
irgendein für uns wertvolles Objekt zu stoßen. Tatsächlich sind Teile
der feindlichen Kolonnen, als wir Ili verließen, uns nahe gewesen.
Unsere zurückgelassenen Patrouillen trafen sogar an den Gebäuden von
Ili mit Askari zusammen, von denen sie glaubten, daß es Freunde wären:
sie tauschten mit ihnen Zigaretten und Feuer und merkten erst nachher,
daß es Feinde waren.
In diesen Tagen nahm mich eine wirtschaftliche Frage viel in Anspruch.
Die Brotbereitung für die kriegsgefangenen Europäer stieß bei den
fortgesetzten Märschen auf Schwierigkeiten. Die Leute waren ziemlich
ungewandt und nicht imstande, sich selbst zu helfen. Schließlich gelang
es aber doch, dem Übel auf den Grund zu kommen und eine größere Menge
Mehl durch andere Formationen herstellen zu lassen. Hauptmann d. Res.
Krüger, der die Sorge für die Kriegsgefangenen hatte und bald darauf
starb, war damals schon schwer krank und durch die Strapazen erschöpft;
beim besten Willen hatte er nicht immer Mittel und Wege finden können,
die zum Teil sehr weitgehenden Wünsche der Gefangenen zu erfüllen.
Am 24. August morgens überschritten wir den Likungofluß und
marschierten weiter in Richtung auf Numarroe. Schon meilenweit
sahen wir den Berg und die Gebäude der Boma Numarroe. Bei einer
Marschpause wurde in fröhlicher Gesellschaft mit Leutnant d. Res.
Ott, Vizefeldwebel d. Res. Nordenholz und den anderen Herren der
Vorhut gefrühstückt. Längst hatten wir uns daran gewöhnt, während
der Marschpausen ohne viele Umstände etwas Brot und eine Büchse mit
Schmalz oder Flußpferdfett hervorzuholen. Oberleutnant z. See Freund
besaß sogar noch Butter aus der Zeit von Namacurra her. Auch die
Askari und Träger, die früher mit ihrer Mahlzeit bis zum Beziehen der
Lager gewartet hatten, nahmen mehr und mehr die ~„desturi“~ (Moden,
Gewohnheiten) der Europäer an. Jeder der Schwarzen holte, sobald eine
Marschpause eintrat, sein Frühstück hervor. Es war außerordentlich
behaglich, wenn so die ganze Truppe in bester Stimmung im Walde lagerte
und zu neuen Anstrengungen, zu neuen Märschen und neuen Gefechten die
notwendigen Kräfte sammelte.
Wir waren noch 2 Stunden östlich von Numarroe entfernt, als bei der
Vorhut die ersten Schüsse fielen. Eine feindliche Kompagnie hatte sich
unserer Marschstraße vorgelagert und wich nun geschickt von Kuppe zu
Kuppe langsam vor uns in Richtung auf Numarroe aus. Mit Leutnant Ott,
der durch Brustschuß verwundet wurde, sah es recht bedenklich aus. Ich
bog mit dem Gros, an dessen Anfang die Abteilung Goering marschierte,
aus und zog südlich an dem Gegner vorbei, direkt auf die Boma Numarroe
los. Noch vor Einbruch der Dunkelheit wurde unser Geschütz in Stellung
gebracht und das Feuer auf die Boma und ihre besetzten Schützengräben
eröffnet. Abteilung Goering bog ohne Zeitverlust noch weiter nach
Süden aus, um unter Benutzung einer Schlucht von rückwärts her dicht
an die Boma heranzurücken. Die Vorhut (Abteilung Müller) -- das ging
aus dem Gefechtslärm hervor -- war gleichfalls scharf vorgedrungen. Die
feindlichen Schützen schossen nicht schlecht, und trotz der Entfernung
von etwa 1000 ~m~ schlugen die Infanteriegeschosse in unmittelbarer
Nähe ein, sobald sich jemand von uns zeigte.
Bald wurde es dunkel; das Feuer schwoll gelegentlich an und ließ wieder
nach, bis plötzlich großer Gefechtslärm aus der Richtung der Abteilung
Goering hörbar wurde. Dann trat Stille ein. Abteilung Goering war
überraschend von rückwärts in den Feind eingedrungen und hatte dann
einige zäh verteidigte Schützengräben im Sturm genommen. Der abziehende
Feind war aber von einer anderen deutschen Abteilung nicht als Feind
erkannt worden und entkommen. Die Nacht war unangenehm kalt, dazu fiel
strömender Regen, und unsere Lasten waren noch nicht herangekommen.
Am nächsten Tage wurden drei feindliche Europäer und 41 Askari durch
uns begraben; 1 Europäer und 6 Askari waren verwundet, 1 Europäer, 7
Askari und 28 andere Farbige unverwundet von uns gefangen genommen.
Unter den Gefangenen befand sich auch der feindliche Führer, Major
Garrad, der hier das halbe 2. Bataillon der IV. King’s African Rifles
befehligte. Bei uns waren Vizefeldwebel Nordenholz durch Kopfschuß, 6
Askari und 1 Maschinengewehrträger gefallen, 3 Europäer, 18 Askari und
4 Maschinengewehrträger verwundet worden. 40000 Patronen und 2 leichte
Maschinengewehre, außerdem Handgranaten, Sanitätsmaterial und größere
Bestände an Verpflegung wurden erbeutet. Unter unseren Verwundeten, die
in den massiven, sauber gebauten Häusern zurückgelassen wurden, befand
sich auch Leutnant d. Res. Ott, der wie immer in sonnigster Laune war.
Glücklicherweise war seine Verwundung nicht so schwer, wie zuerst
befürchtet wurde, aber es war nicht möglich, ihn mitzunehmen.