die Aufgabe einer sehr weit voraus zur Aufklärung entsandten Kavallerie
und einer mit großer Entschlossenheit geführten Avantgarde zu erfüllen.
Unter anderen Umständen hätte ich mich in dieser wichtigen Lage
selbst bei der Vorhut aufgehalten und mir dadurch einen größeren
Einfluß auf den Gang der Operationen gesichert. Die Erfahrung hatte
mich aber gelehrt, daß meine Anwesenheit beim Gros wegen unserer weit
auseinandergezogenen Marschkolonnen unerläßlich war, um Stockungen
rasch zu beseitigen und bei einer unvorhergesehenen Änderung der
allgemeinen Lage eingreifen zu können. Man darf nicht vergessen,
daß unser ganzer Vormarsch nur auf Kombinationen beruhte und daß,
wie es tatsächlich oft geschehen ist, durch unvermutet aus einer
anderen Richtung erscheinende feindliche Abteilungen die Lage sich
mit einem Schlage von Grund aus ändern und sofortige neue Anordnungen
erforderlich machen konnte. Wir marschierten damals auf den schmalen
Negerpfaden oder quer durch den dichten Busch in der Marschkolonne zu
Einem. Bei einem Tagesmarsch von 30 ~km~ mußte bei der großen Länge
unserer Marschkolonne der Anfang schon in der Dunkelheit, also um 5 Uhr
morgens aufbrechen, wenn das Ende der Kolonne noch am gleichen Tage,
wenn auch erst spät abends, kurz vor der Dunkelheit, den festgesetzten
Lagerplatz erreichen sollte. Das war aber notwendig; denn es galt,
noch Lagermaterial zu beschaffen, Holz zu hauen, Gras zu schneiden und
nötigenfalls für die Kranken Schutzdächer zu bauen. Hieraus ergab sich,
daß die gesamte Truppe nicht geschlossen marschieren konnte. Dazu war
sie viel zu lang. Die die Vorhut bildende Abteilung Müller marschierte
ein bis zwei Tagemärsche voraus; die Nachhut, Abteilung Spangenberg,
folgte dem Gros gleichfalls mit etwa Tagemarsch-Abstand. Verbindung
wurde durch stehengelassene Relais aufrecht erhalten.
In den Meldungen, die mir durch die Relais der Abteilung Müller
übermittelt wurden, erschien nun häufiger der Name „Kokosani“; dort
sollten nach den gemachten Angaben größere Depots des Feindes unter
starken Bedeckungstruppen lagern. Wo aber lag dies Kokosani? Der Name
war auf unseren Karten nirgends zu finden. Erst allmählich stellte
sich heraus, daß Kokosani dasselbe war, wie der auf portugiesischen
Karten als Namacurra bezeichnete Ort. Nach allen bisher eingelaufenen
Nachrichten sowie nach der Lage auf der Karte zu urteilen, mußte
Kokosani jedenfalls das lohnendste Objekt sein. Ob es aber möglich
sein würde, dieses wahrscheinlich sehr stark befestigte Lager mit
unseren verhältnismäßig beschränkten Streitmitteln zu nehmen, darüber
fehlte uns jeder Anhaltspunkt, das konnte erst der Versuch klarstellen.
Hauptmann Müller war selbständig nach Westen zu dorthin abgebogen. Auf
dem Wege stellte sich heraus, daß eine Furt über den Likungofluß, von
der die Eingeborenen gesprochen hatten, tatsächlich vorhanden war.
Ich marschierte mit dem Gros nun flott voran, um aufzuschließen und
erteilte gleichen Befehl an die Nachhut unter Hauptmann Spangenberg.
Am 1. Juli nachmittags war das Gros am Likungofluß angelangt und
durchschritt ihn sofort. Das Wasser dieses gewaltigen, etwa 400 ~m~
breiten Stromes reichte an den tiefsten Stellen der Furt bis zum Halse.
Der Übergang dauerte für den einzelnen etwa eine Stunde. Als die Truppe
glücklich auf dem Westufer angekommen war, wurden dort Lager bezogen
und am nächsten Morgen den Spuren der vorausmarschierenden Abteilung
Müller weiter gefolgt.
Unterwegs begegneten uns etwa 30 Eingeborene. Sie hatten in Kokosani
gearbeitet und erzählten uns, daß eine große Zahl Portugiesen und
Askari dort lagerten und daß viele Kisten angekommen wären. Die
Verständigung mit diesen Leuten, die nicht Kisuaheli konnten,
geschah durch Dolmetscher. Mehrere unserer Askari beherrschten die
Landessprache oder verwandte Dialekte. Bald kam uns eine wichtige
Meldung von der Vorhut entgegen. Hauptmann Müller hatte am Tage vorher
den Feind bei Kokosani durch eine Umgehung völlig überrascht. Es war
gelungen, am hellen Tage von Norden her durch ein Sisalfeld (kniehohe
Agaven) ohne jede Deckung auf die Gebäude der Faktorei losmarschierend
in die portugiesischen Befestigungen einzudringen und in einem
mehrstündigen, recht erbitterten Nahkampfe die 3 darin befindlichen
portugiesischen Kompagnien mit schweren Verlusten für den Feind zu
schlagen. Dabei wurden eine Anzahl Gewehre sowie 2 Feldgeschütze mit
dazu gehöriger Munition erbeutet.
Ich selbst marschierte dem Anfang unseres Gros etwas voraus und traf
vormittags auf weit ausgedehnte und übersichtliche Plantagenfelder.
Dann folgte ich weiter einer Feldbahn, die auf der großen Straße mitten
durch die Felder ging und nach kurzer Zeit ein Vollbahngleis kreuzte.
Dieses führte, wie sich später herausstellen sollte, vom Namacurrafluß
aus nach Norden bis in die Nähe von Lugella. Als Hauptmann Müller
am Tage vorher an diesem Vollbahngleis eintraf, hielt er dort einen
Eisenbahnzug an, der gerade von Lugella her ankam. Man kann sich
die große beiderseitige Überraschung denken, als diesem Zuge einige
portugiesische Unteroffiziere entstiegen, die Müller bei Lugella
gefangen genommen und wieder laufen gelassen hatte.
Beim Eintreffen an den Faktoreigebäuden kam mir Hauptmann Müller
ziemlich lahm entgegengehinkt. Er äußerte sein Erstaunen darüber, daß
ich mit meiner Abteilung unbelästigt auf der großen Straße direkt nach
Kokosani gekommen war und glaubte, daß irgendwo in der Nähe noch 2
englische Kompagnien stehen müßten. Er hatte den Aufenthalt derselben
bisher noch nicht feststellen können, aber die vom Hauptmann Müller
erbeuteten Schriftstücke wiesen unzweifelhaft auf ihre Anwesenheit
in der Gegend hin. Weiter teilte mir Hauptmann Müller mit, daß
größere Mengen von Infanteriepatronen bisher von ihm noch nicht
gefunden worden seien. Alle waren noch beschäftigt, nach derartigen
Beständen zu suchen. Bei näherer Überlegung schien es mir nun das
Wahrscheinlichste zu sein, daß die gesuchten Munitionsbestände gar
nicht in der Gegend der Faktorei, sondern unmittelbar an der Vollbahn
lagern müßten, und zwar an deren südlichem Anfangspunkt. Dort war
die Anlage eines größeren Magazines geboten; denn hier mußte der
Umladeplatz vom Schiffstransport des Namacurraflusses auf die Bahn
sein. Es war festzustellen, ob diese Überlegungen zutrafen. Ich ging
sogleich zurück und stieß auf dem Gelände der Pflanzung auf den Anfang
unseres Gros. Die vordersten Kompagnien waren wenig erfreut, daß sie
Kehrt machen mußten, um dann der Vollbahn weiter nach Süden zu folgen.
Wenig schmeichelhafte Worte über meine Anordnung waren nach dem langen
anstrengenden Marsche verständlich. Zum Glück für mich habe ich sie
nicht gehört.
In ziemlich schlechter Laune trafen die ersten Leute in der Nähe des
Bahnhofs ein; sie glaubten ernstlich nicht an einen Zusammenstoß.
Plötzlich war er aber doch da; mehrere Askari unserer Spitze fielen
durch feindliche Kugeln getroffen auf ganz nahe Entfernung. Die
übrigen, gefechtsbereiten Teile des nachfolgenden Gros wurden
herangezogen. Bei meinem Eintreffen war die Lage im einzelnen wenig
klar; der Feind war offenbar verschanzt, nähere Erkundungen waren erst
im Gange. Es entwickelte sich zunächst ein hinhaltendes Feuergefecht.
Es fing an zu regnen und war unangenehm kalt, so daß sich alles
recht unbehaglich fühlte. Ich selbst begab mich zur Kompagnie des
Oberleutnants von Ruckteschell, die den Wellblechgebäuden des Bahnhofes
in etwa 70 ~m~ Entfernung gegenüber lag und von hohen Termitenhügeln
aus auf den Feind ein wohlgezieltes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer
abgab, sobald sich etwas zeigte.
Meiner Meinung nach war die augenblickliche Lage für einen Sturm auf
den Bahnhof nicht günstig. Wir waren gezwungen, durch den dichten
Busch, der durch wirksamstes feindliches Feuer beherrscht wurde, gegen
die Stellung des Gegners anzulaufen. Das bot aber kaum Aussicht auf
Gelingen. Eine Menge Leute wären wahrscheinlich nicht mitgelaufen, und
diejenigen, die an die feindlichen Befestigungen nahe herankamen, lagen
wahrscheinlich fest und würden nicht weiter kommen. So war also nichts
zu erreichen. Dagegen brachte mich meine Erkundung auf den Gedanken,
daß auf die zum Teil sehr gut sichtbaren Ziele Artilleriefeuer,
besonders von zwei Seiten, wirksam sein, die feindlichen Askari
erschrecken und zum Umherlaufen veranlassen würde. Das würde ein
günstiger Augenblick für wirksames Maschinengewehrfeuer sein. Aber der
Tag war schon zu weit vorgeschritten und unsere Kanone entzwei, so daß
heute nichts Entscheidendes mehr unternommen werden konnte. Die Masse
der Truppe rückte daher wieder in das Lager, nur die aus 3 Kompagnien
bestehende Abteilung des Hauptmanns Poppe blieb dicht am Feinde.
Am nächsten Tage, dem 3. Juli, wurde unsere Kanone mit vieler Mühe
wieder in Ordnung gebracht. Glücklicherweise war sie von dem gleichen
Modell wie die von Hauptmann Müller erbeuteten Geschütze, und so konnte
durch Auswechslung der einzelnen brauchbaren Teile aus diesen drei
Kanonen ein verwendungsbereites Geschütz hergestellt werden. So war
Aussicht, die vorgestern erbeuteten 200 Schuß wirksam anzubringen. Am
Nachmittag sollte das Geschütz auf wenige hundert Meter Entfernung das
Feuer gegen den Bahnhof eröffnen. Ein anderes, kleineres Geschütz von
4 ~cm~ Kaliber war bereit, in der vordersten Infanterielinie, also auf
etwa 100 ~m~ Entfernung, ein die Schußlinie des anderen Geschützes
kreuzendes Feuer zu beginnen. Alle Maschinengewehre wurden bereit
gehalten. Ich selbst war am Vormittag wieder in den Faktoreigebäuden
zur Besprechung gewesen und hatte den dortigen Zivilpersonen sagen
lassen, sie brauchten sich nicht weiter zu ängstigen, wenn nachmittags
etwas geschossen würde. Die weißen Frauen und Kinder waren durch die
Gefechte sehr beunruhigt und zum Teil in den Busch geflohen.
Reichlich müde hatte ich mich zum Lager begeben, als der Gefechtslärm
am Bahnhof plötzlich aufhörte. Telephonisch wurde gemeldet, daß vorn
am Bahnhof ein größeres Geschrei und Hurrarufen zu vernehmen sei. Nach
und nach stellte sich nun Folgendes heraus: Der Feind war durch das
wohlgezielte, konzentrische Feuer, das seit dem 2. Juli nachmittags
auf ihn abgegeben wurde, anscheinend etwas mitgenommen. Jetzt schlugen
auf einmal aus zwei Richtungen die Artilleriegeschosse bei ihm ein,
und sobald er sich nur rührte, erhielt er Maschinengewehrfeuer. Seine
jungen Truppen hielten das nicht aus und wurden unruhig. Unsere
Kompagnien erkannten diesen schwachen Augenblick und nutzten ihn in
vortrefflicher Initiative in der gleichen Sekunde aus. Sie gingen
sofort mit lauten Hurra darauf los und waren im nächsten Moment in der
feindlichen Stellung. Der Gegner fing an, fortzulaufen; die Engländer
behaupteten, sie wären hierbei durch die Portugiesen angesteckt worden.
Jedenfalls liefen sie weg, und unsere Kompagnien drängten sofort aufs
schärfste hinterher. Da kam der fliehende Feind an den Namacurrafluß,
der dicht hinter seiner Stellung entlang strömte, zog rasch seine
Stiefel aus und stürzte sich ins Wasser. Hierbei ertrank der Hauptteil
der feindlichen Truppen, dabei auch ihr Führer, der Major Gore-Brown.
In der Zeit vom 1. bis 3. Juli waren beim Feinde 5 Europäer und 100
Askari gefallen, 4 Europäer und etwa 100 Askari ertrunken, 421 Askari
gefangen genommen worden. Von den außerdem gefangenen Europäern, 5
Engländer und 117 Portugiesen, wurden 55 Portugiesen abgeschoben, 46
Portugiesen krank und verwundet im Lazarett Kokosani zurückgelassen.
Wir hatten 8 Askari und 1 Maschinengewehrträger gefallen verloren, 3
Europäer, 11 Askari und 2 Maschinengewehrträger waren verwundet. Wie
groß die Mengen an Munition und Verpflegung waren, die wir am Bahnhof
erbeuteten, ließ sich im ersten Augenblick nicht annähernd übersehen.
7 schwere, 3 leichte Maschinengewehre und 2 Geschütze fielen in unsere
Hand; die letzteren beiden waren unbrauchbar gemacht worden.
Immer neue Lasten erbeuteter Munition trafen in unserem Lager ein.
Der Intendant, Leutnant z. S. a. D. Besch, war verzweifelt, weil
er nicht wußte, woher er die Träger zum Transport dieser Mengen
beschaffen sollte. Dazu kamen über 300000 ~kg~ Verpflegung und die
Bestände der Zuckerfabrik Kokosani. Aus der Beute konnte jeder unserer
Farbigen so viel an Kleiderstoffen erhalten, wie er haben wollte,
und mein Boy Serubili sagte zu mir: Dies wäre doch eine ganz andere
Sache als bei Tanga; jedermann bekomme hier ja so viel Zucker, wie
er sich wünsche. Tatsächlich war der ganze Lagerplatz mit Zucker
besät; jeder der Schwarzen wurde so reichlich mit Verpflegung aller
Art und Kleidung versehen, daß die Leute wie auf Kommando aufhörten,
zu stehlen, und das will immerhin bei den Schwarzen etwas besagen.
Auch viele Europäerverpflegung und Konserven wurden erbeutet. Jeder
unserer Europäer konnte auf Monate hinaus versehen werden. Leider war
es uns nicht möglich, die große Beute an vorgefundenen guten Weinen
vollzählig mitzuführen. Nachdem eine hinreichende Menge davon als
Stärkungsmittel für die Kranken ausgesondert war, mußte der Rest in
der Hauptsache an Ort und Stelle ausgetrunken werden. Die hierdurch
hervorgerufene sehr große Fidelitas wurde gern in Kauf genommen und
jedermann nach so langen Entbehrungen ein einmaliges Sich-gehen-lassen
von Herzen gegönnt. Auch ein guter Schnaps stand in einer großen Menge
von Fässern in der Fabrik von Kokosani für die englischen Truppen
bereit. Trotz besten Willens war es aber nicht möglich, auch diesen
ganz auszutrinken, und so mußte eine große Menge in den Namacurrafluß
gegossen werden.
Aber immer neue Trägerkarawanen mit Beute trafen ein, und immer größer
wurde die Verzweiflung des Intendanten. Sie erreichte ihren Höhepunkt,
als vom Bahnhof her telephoniert wurde, daß soeben ein Flußdampfer
angekommen sei. Ohne Ahnung von den Vorgängen bei Namacurra entstieg
ihm ein englischer Stabsarzt, und eine nähere Untersuchung des Bootes
ergab das Vorhandensein eines größeren Patronentransportes von über 300
Lasten.
Wir hatten insgesamt etwa 350 moderne englische und portugiesische
Gewehre erbeutet, ein willkommener Zuwachs, um unsere Bewaffnung wieder
einmal den Verhältnissen anzupassen. Gewehre Modell 71 wurden fast ganz
ausgeschaltet und die überzählig werdende Munition 71 durch Abhalten
von Gefechtsschießen nutzbar verwandt.
Fünfter Abschnitt
Wieder nach Norden zum Namirruefluß
Nach den aufgefundenen militärischen Anweisungen des Feindes
mußte ich damit rechnen, daß uns von Quelimane her in kurzer Zeit
stärkere feindliche Kräfte entgegenkommen würden. Das Gelände
zwischen Namacurra- und Zambesifluß wies aber eine große Zahl von
Flußbarrieren auf, so daß ein Weitermarsch auf den Zambesi zu für
uns mit großen Schwierigkeiten verknüpft gewesen sein und uns in
unserer Bewegungsfreiheit außerordentlich behindert haben würde. Das
südlich und südwestlich von unserem jetzigen Aufenthaltsort gelegene
Gelände war also für unsere Kriegsführung ungünstig. Spätestens am
Zambesi würden wir festsitzen, ohne in der Lage zu sein, den Übergang
über diesen gewaltigen Strom zu bewerkstelligen, der von feindlichen
Kanonenbooten beherrscht wurde.
Zweckmäßiger erschien es mir, die bisherige Marschrichtung aufzugeben.
Aber bei dem gänzlichen Mangel an Meldungen war es schwer zu sagen,
wohin ich mich wenden sollte. Nur soviel schien deutlich zu sein,
daß uns der Feind nicht unmittelbar gefolgt war, wenigstens waren
unsere Nachhut und die von ihr auf dem Marsche zurückgelassenen
Patrouillen in keiner Weise vom Gegner bedrängt worden. Es war
wahrscheinlich, daß feindliche Truppen, falls sie uns überhaupt
gefolgt waren, gleichlaufend zu unserem Wege zu einer überholenden
Verfolgung angesetzt waren. Traf diese Überlegung zu -- und sie
schien mir durch einige Eingeborenennachrichten bestätigt zu werden
-- so war anzunehmen, daß der Feind über unsere Lage bei Namacurra
ungenügend unterrichtet war und daß auch die aus unserer Gefangenschaft
entlassenen portugiesischen Soldaten ihm kein zutreffendes Bild geben
konnten.
Es war dafür gesorgt worden, daß diese Leute glauben mußten, wir
wollten uns bei Namacurra verschanzen und zäh verteidigen, hätten
fernerhin Absichten auf Quelimane. Das unerwartete Mißgeschick von
Namacurra mußte die Schritte des verfolgenden Feindes beflügeln.
Wahrscheinlich würden seine Kolonnen auf der Verfolgung seitlich an uns
vorbei über das Ziel hinausschießen, um so mehr, als sie in Sorge um
den so wichtigen Hafen von Quelimane sein mußten. So kam ich auf den
Gedanken, bei Namacurra abzuwarten, bis die verfolgenden feindlichen
Kolonnen wirklich in Eilmärschen an mir vorbei waren, und mich dann
wieder zurück nach Nordosten zu wenden. Im großen und ganzen schwebte
mir hierbei der Gedanke vor, daß der Feind durch diese Marschrichtung,
die etwa auf Mozambique und damit auf einen Hauptetappenort führte,
in Sorge geraten und sofort wieder Kehrt machen würde, sobald er es
bemerkte, um die Gegend von Mozambique mit ihren zahlreichen Magazinen
zu schützen. Tat er es aber nicht, so hatten wir bei Mozambique
freie Hand. Wie sich die Lage auch gestalten würde, dem Feinde
wurden auf diese Weise ganz gewaltige und seine Kräfte erschöpfende
Marschleistungen zugeschoben, während wir Zeit gewannen, unsere Kräfte
schonen und Verwundete und Kranke wiederherstellen konnten.
Der günstige Augenblick zum Beginn unseres Abmarsches in nordöstlicher
Richtung war schwer zu bestimmen; wir mußten etwas auf das Kriegsglück
bauen. Sollte ich etwa zu früh abmarschieren und noch auf eine der
feindlichen Kolonnen stoßen, so war immerhin Aussicht, sie vereinzelt
zu schlagen. Zunächst aber galt es, wieder sicher über den Likungofluß
zu kommen. Die vorhandenen Nachrichten über die Furten waren sehr
unsicher. Um nicht dieselbe Furt wie beim Hermarsch zu benutzen,
marschierte ich mit dem Gros der Truppe am 4. Juli abends nach einem
weiter südlich gelegenen Übergange ab. Leutnant d. Res. Ott stellte
aber bei einer von ihm unternommenen Erkundung fest, daß sich an
der angegebenen Stelle überhaupt keine Furt befand. Dagegen war aus
Eingeborenenaussagen sowie den aufgefundenen Spuren zu entnehmen,
daß am gleichen Tage eine englische Patrouille sich in dieser Gegend
aufgehalten hatte. Die Lage konnte unangenehm werden. Um keine Zeit
durch Erkundungen zu verlieren, rückte ich längs des Westufers des
Likungoflusses zu unserer alten Furt. Leider hatte ich von dieser
die bisherigen Sicherungen fortgezogen und wußte nicht, ob sie frei
war. Ich war deshalb recht froh, als am 5. Juli die Durchkreuzung des
Flusses ohne weitere Störung glücklich vor sich gegangen war. Die
Abteilung Koehl war noch bei Namacurra geblieben und folgte als Nachhut.
Als wir nun wieder in der Kolonne „zu Einem“ quer durch den Busch
marschierten, war die große Länge der Marschkolonne lästig und für den
Fall eines Zusammentreffens mit dem Feinde bedenklich und gefährlich.
Wir suchten deshalb die Marschkolonne zu verkürzen und kamen darauf,
in zwei, später in noch mehr Parallelkolonnen durch das Pori zu
marschieren. Diese Anordnung hatte zwar den Nachteil, daß, statt
früher einer, jetzt mehrere Kolonnenanfänge erst einen Weg durch den
Busch treten und Dickungen frei schlagen mußten. Aber die Vorteile der
Marschverkürzung überwogen diesen Nachteil.
[Illustration: Gefallen]
Die Meldungen unserer Patrouillen und die von Eingeborenen erhaltenen
Nachrichten zeigten, daß der Marsch der feindlichen Kolonnen in
südwestlicher Richtung doch nicht so weit vorgeschritten war, wie
ich vermutet hatte. Sowohl zwischen dem unteren Monigafluß und dem
unteren Likungofluß als auch bei Mujeba wurden feindliche Truppen
gemeldet, bei einigen die südwestliche Marschrichtung festgestellt.
So kam die merkwürdige Lage zustande, daß die feindlichen Truppen
in mehreren Kolonnen in südwestlicher Richtung marschierten,
während wir zwischen diesen Kolonnen hindurch in entgegengesetzter
Richtung, nach Nordosten, gingen. Diese Tatsache konnte dem Feinde
nicht lange verborgen bleiben, um so weniger, als es bald zu
Patrouillenzusammenstößen kam und feindliche Truppen, die auf der
Telephonstraße von Mulevalla nach Mucubella zu marschierten, unsere
Marschspuren kreuzten. Wir zogen weiter, auf Ociva zu, warfen westlich
dieses Ortes eine schwache portugiesische Abteilung zurück und
besetzten Ociva selbst am 14. Juli 1918. Leider fanden sich in dieser
Station nicht die erwarteten reichen Bestände an Verpflegung und
Munition vor; augenscheinlich waren durch die zahlreichen feindlichen
Truppen die Verpflegungsgebiete der Gegend sehr ausfouragiert worden,
oder man hatte die ursprünglich hier vorhanden gewesenen Bestände
schon fortgeschafft. Einer nach Muatama entsandten Kampfpatrouille
unter Vizefeldwebel Hüttich gelang es, dort eine kleinere feindliche,
aus Engländern und Portugiesen gemischte Abteilung zu überraschen; da
es leider unmöglich war, die in dieser Station vorhandenen Bestände
abzutransportieren, mußten die Magazine verbrannt werden.
Inzwischen rissen die Verhandlungen mit den Eingeborenen darüber,
wo Verpflegung zu finden sei, nicht ab; die Ergebnisse weiterer
Patrouillen, die auf Murua zur Aufklärung über die Verpflegung
entsandt waren, konnten nicht abgewartet werden. Verschiedene
Patrouillengefechte zeigten uns, daß der Feind über die veränderte
Kriegslage mittlerweile Klarheit erlangt und dementsprechend
seine Kolonnen hatte Kehrt machen lassen. Der Verpflegungsmangel
zwang uns zum Weitermarsch, und der Angriff einer gemischten
portugiesisch-englischen Kolonne bei Ociva gegen unsere Nachhut unter
Hauptmann Koehl konnte nicht zu einem vollen Erfolge ausgebaut werden,
da sich unser Gros bereits auf dem Weitermarsche befand. So hielten
wir uns einige Tage in der leidlich reichen Landschaft zwischen den
Ortschaften Ociva und Murua auf. Beutepapiere zeigten uns, daß eine
englische Patrouille unseren Weg genau verfolgt hatte.
Es war interessant zu beobachten, daß die gefangenen Engländer,
die wir mit uns führten, die Beschwerden der großen Märsche, der
zahlreichen Flußübergänge und die vielerlei Unbequemlichkeiten
bezüglich der Verpflegung und Unterbringung im allgemeinen als
selbstverständlich hinnahmen; sie sahen ein, daß wir Deutschen ja genau
die gleichen Strapazen zu ertragen hatten, außerdem aber noch eine
Menge Patrouillengänge, Gefechte, die Verpflegungsbeschaffung und den
Wachtdienst zu leisten hatten, also viel mehr belastet waren als sie
selbst. Sie ertrugen alles mit einem gewissen Humor, und es war ihnen
augenscheinlich interessant, den Krieg auch einmal vom Standpunkt der
„~Germans~“ aus kennen zu lernen. Völlig anders die portugiesischen
Offiziere. Sie waren freilich in keiner beneidenswerten Lage; zum
großen Teil waren sie syphilitisch und wurden von den englischen
Gefangenen streng gemieden. Sie waren auch wirklich keine Feldsoldaten.
Sie hatten aus der Beute von Namacurra ihren reichlichen Anteil
zugewiesen erhalten, aber nicht gelernt, sich damit einzurichten. Das
wertvolle Öl hatten sie sofort mit Reis zusammen verbraucht, und es
war zuviel verlangt, daß die Deutschen ihnen jetzt mit ihren eigenen,
knapp bemessenen Portionen aushelfen sollten. Das Laufen wurde ihnen
auch unbequem, ihre Stiefel waren zerrissen, -- kurz, ihr Sprecher, der
bei Namacurra gefangene Generalstabsoffizier, beklagte sich dauernd bei
mir über Unbequemlichkeiten, die ich beim besten Willen nicht ändern
konnte. Er kam dann immer wieder darauf zurück, freigelassen zu werden.
Ich hätte ihm das an und für sich auch gern zugestanden, wenn er die
Verpflichtung eingegangen wäre, nicht weiter gegen uns zu fechten; das
aber wollte er nicht. Von mir konnte aber nicht verlangt werden, die
Leute ohne irgendeine Gegenleistung laufen zu lassen und sie in den
Stand zu setzen, sofort von neuem auf uns zu schießen.