Nördlich des Lurio wollte ich mich nicht lange aufhalten; ich

glaubte, daß dieser Fluß, der noch vor kurzem hoch angeschwollen

war, ein großes Hindernis sein würde. Es kam mir darauf an, dieses

mit unserem zahlreichen Troß schnell und ungestört zu überwinden.

Als wir am Luriofluß ankamen, stellte es sich heraus, daß um diese

Jahreszeit zahlreiche Furten einen bequemen Uferwechsel gestatteten.

Ohne Nachteile befürchten zu müssen, beließen wir einen Teil unserer

Truppen auf dem Nordufer und bezogen mit dem Gros am Südufer Lager.

Das Land war sehr reich, die Bewohner zutraulich; von den früheren

Unternehmungen der Patrouillen und Streifabteilungen hatten sich gute

Beziehungen gebildet; eine meiner Ordonnanzen wurde von alten Bekannten

freudig begrüßt.

Mir kam es darauf an, daß die Engländer hier anbissen und veranlaßt

wurden, immer mehr Truppen heranzuziehen. Wich ich dann langsam genug

aus, so würden meiner Überlegung nach die starken feindlichen Truppen

voraussichtlich folgen, wegen der großen Schwierigkeiten des Nachschubs

aber nichts ausrichten können. Auf diese Weise konnte, was die

Hauptsache war, genügend Zeit gewonnen werden für Unternehmungen gegen

schwächere, weiter südlich gelegene feindliche Lager und Postierungen.

Ein solches Lager wurde durch die nach Süden vorausgesandte Abteilung

des Hauptmanns Müller bei +Malema+ festgestellt, demselben Orte, wo

unsere Truppen früher schon erfreuliche Erfolge erzielt hatten.

In mehrtägigen Gefechten nahm Hauptmann Müller die Boma Malema ein.

Sie war von einem englischen Halbbataillon besetzt gewesen, das nachts

in südlicher Richtung abzog. Gleichzeitig war eine portugiesische

Patrouille von der Boma Malema aus nach Norden vorgegangen und

zurückgekehrt. Hauptmann Müller hielt diese für die abziehenden

Engländer, griff sie während ihres Marsches an und war sehr erstaunt,

in den Gefallenen Portugiesen zu erkennen.

Nach dem Gefecht veränderte Hauptmann Müller seinen Lagerplatz.

Oberleutnant von Schroetter, der malariakrank war, war dabei für

kurze Zeit zurückgeblieben und wurde von einer plötzlich auftretenden

englischen Patrouille gefangen. Als diese Patrouille zur Boma

Inagu abmarschierte, gelang es ihm zu entkommen und unter Verlust

seiner sämtlichen Sachen, ohne Kopfbedeckung -- und das will in der

Tropensonne viel besagen -- schließlich die Unsrigen gänzlich erschöpft

wieder zu erreichen.

Nach Eingeborenen- und Patrouillenmeldungen konnte kein Zweifel mehr

bestehen, daß starke feindliche Kräfte, die bei Mozambique gelandet

waren, nach Westen auf die Boma Malema zu vorrückten und schon bis auf

wenige Tagemärsche in deren Nähe gelangt waren. Zugleich wurden auch

von Westen her, aus Richtung Malacotera, Truppen auf dem Vormarsch in

Richtung auf die Boma Malema gemeldet. Der von Norden folgende Gegner

erreichte nach einigen Tagen den Luriofluß, so daß wir dessen Nordufer

räumten. Nach erbeuteten Papieren und nach den noch auf dem Nordufer

gelieferten Gefechten zu urteilen, war dieser Feind aber doch stärker,

als ich es vermutet hatte. Vermittelst leichter Automobilkolonnen war

es ihm möglich, uns mit seinem gesamten Nachschub sowie mit einer

Truppe, die ich auf etwa 3 bis 4 Bataillone mit Hilfswaffen schätzte,

schnell zu folgen.

Das Gelände längs des Malemaflusses, in dem unsere Lager sich befanden,

war ganz außerordentlich reich. Der Mtama stand in voller Reife, und

es gab reichlich Tomaten, Bananen, Süßkartoffeln (Bataten) und andre

Früchte. Die Verpflegung war auch sehr vielseitig. Wild und Fische

waren ausreichend vorhanden. Die Eingeborenen kannten die deutschen

Truppen von früher her und waren sehr zutraulich. Als ich einmal von

der einen Abteilung zur anderen ritt, kamen die Frauen aus ihren Hütten

angelaufen, um das ihnen ganz unbekannte „Njama“ (Tier, Wild, Fleisch)

zu sehen: ich ritt nämlich ein Pferd! Das reiche Verpflegungsgebiet

war so ausgedehnt, daß wir es nicht annähernd ausbeuten oder schützen

konnten. Es war gar nicht zu verhindern, daß es außer für uns auch für

die großen Massen von Askari und Nichtkombattanten des Feindes den

Lebensunterhalt lieferte. Wir konnten dem Feinde nicht die Möglichkeit

nehmen, sich gleichfalls auf dieses reiche Gebiet von neuem in großem

Maßstabe zu basieren und die Länge seiner Verpflegungslinie zu

verkürzen. Das Land war für unsere Verhältnisse eben zu reich, und

wir waren nicht imstande, es vor unserem Abrücken, wie in früheren

Fällen, so weit auszufouragieren, daß es für die Verpflegung der

feindlichen Massen unzureichend wurde. Dazu kam, daß wir im Augenblick

sehr beweglich waren; durch den mehrwöchigen Aufenthalt waren die

Verwundeten und Kranken so weit wiederhergestellt, daß alle, auch die

Insassen der Feldlazarette, gut marschfähig waren.

[Illustration: Verwundet]

Dieser Vorteil wäre durch größere Gefechte wieder verloren gegangen.

Ich faßte den Entschluß, die Gegend trotz ihrem außerordentlichen

Reichtume allmählich zu räumen und den Ring, durch den mich die

feindlichen Kolonnen in dem fruchtbaren Gebiete des Malemaflusses

einkreisten, zu verlassen. Es war dabei meine Absicht, diese

feindlichen Kolonnen durch den kleineren Teil meiner Truppen soweit

hinzuhalten und zu beschäftigen, daß sie die Sache ernst nahmen und

an meine Nachhut wirklich anbissen. Die Direktiven des englischen

Befehlshabers, die in unsere Hände gefallen waren, taten mir bei

dieser Überlegung sehr gute Dienste. Er wollte sich nicht zum zweiten

Male, wie bei Koriwa, von uns „~foxen~“ (hinters Licht führen) lassen

und hatte deshalb angeordnet, daß stets, sobald irgendwo mit uns

Fühlung gewonnen würde, einige Abteilungen uns sogleich im Umkreise

von 5 bis 6 englischen Meilen zu umgehen hätten. General Edwards,

dem ich dies später einmal erzählte, war außerordentlich amüsiert,

daß ich von diesen seinen Absichten Kenntnis erlangt und meine

Maßnahmen danach getroffen hatte. Es lag auf der Hand, daß bei einer

genügenden Staffelung meiner Truppen nach der Tiefe die feindlichen

Umgehungsabteilungen in die größte Gefahr kommen mußten, zwischen

meine Abteilungen zu geraten und auf diese Weise von meinen rückwärts

gestaffelten Abteilungen in der Flanke oder im Rücken überraschend

angefaßt zu werden. Leider gelang mir die Ausführung dieser Absicht

nur unvollkommen. Man hatte in dem sehr dichten Busch eben doch, auch

wenn man Lagerfeuer und Staub sehr genau beobachtete, zu geringe

Anhaltspunkte, um eine Kolonne richtig anzusetzen, und es war für eine

Kolonne sehr schwer, ihre Richtung innezuhalten. Hierzu gesellten sich

aber noch eine Menge Störungen infolge dichten Busches, Sümpfen und

Wasserläufen. Trotz alledem gelang es, ab und zu eine der feindlichen

Umgehungskolonnen zu fassen und überraschend unter Feuer zu nehmen. Die

unvermeidlichen Störungen bei Bewegungen getrennter Kolonnen im dichten

Busch waren auf englischer Seite wohl noch größer als auf deutscher.

Bei einem Zusammenstoß ergab sich oft ein Durcheinander, in dem Freund

und Feind nicht wußten, wen sie vor sich hatten. So ging einmal die

Abteilung des Oberleutnants von Ruckteschell, die zunächst dem Feinde

gewesen war, auf die rückwärts gestaffelten Teile der Truppe zurück.

Hierbei traf sie im Busch auf etwa 30 Schritt Entfernung auf eine

Streifabteilung, die als feindlich erkannt wurde. In aller Ruhe und

unter den Augen dieses Feindes wurden die Maschinengewehre in Stellung

gebracht, und der Gegner, der die Unsrigen für Engländer gehalten

hatte, darauf aus nächster Entfernung wirksam unter Feuer genommen

und im Augenblick in die Flucht getrieben. Ebenso gerieten unsere

eigenen Patrouillen häufig mitten zwischen die feindlichen Truppen.

Vizefeldwebel d. Res. Schaffrath ließ bei einer solchen Gelegenheit

seine Patrouille in dem dichten Gras niederlegen und eröffnete dann

auf das Ende der vormarschierenden, feindlichen Kolonnen ein wirksames

Feuer. Dann versteckte er sich wieder. So gelang es ihm im Verlaufe

einiger Stunden noch mehrfach, dem Feinde empfindliche Verluste

beizubringen und Beute zu machen.

Durch diese hinhaltenden Gefechte wollte ich Zeit gewinnen, um mit dem

Gros in das weiter südlich gelegene, nach den vorhandenen Schilderungen

als reich anzunehmende Land einzufallen und die dort vermuteten,

kleineren feindlichen Besatzungen zu schlagen und zu vertreiben.

Als nächstes Objekt kam dafür die portugiesische Boma +Alto-Moloque+

in Betracht. Diese war nach einer erbeuteten Karte im Frieden der

Sitz einer höheren Verwaltungsstelle und eines über den Rahmen einer

Kompagnie hinausgehenden, höheren Militärkommandos gewesen. Dort

mußten also Eingeborene und Verpflegung zu finden sein. Zwischen uns

und Alto-Moloque lag das hohe +Gebirge von Inagu+. Der Weg, der von

der Boma Malema westlich um die Inaguberge nach Alto-Moloque führte,

war durch ein englisches Bataillon gesperrt, das bei +Inagu+ in einem

befestigten Lager lag. Es war also wahrscheinlich, daß unser Vormarsch

auf diesem Wege gestört worden wäre, und das wäre mir bei der Größe

unserer Trägerkolonnen unangenehm gewesen. Zum mindesten hätte unser

Marsch Aufenthalt erlitten, und das beabsichtigte, überraschende

Auftreten bei Alto-Moloque wäre vereitelt worden. Mir lag aber gerade

daran, zu überraschen, da bei Alto-Moloque Beute an Munition und Waffen

zu vermuten war.

So ließen wir den Feind in seinen Befestigungen bei Inagu

unberücksichtigt und marschierten um die Inaguberge östlicher herum auf

Alto-Moloque zu. Die operative Lage war etwas merkwürdig und wird durch

die Äußerung eines alten Südafrikaners gut charakterisiert, der in

seinem noch nicht ganz reinen Hochdeutsch meinte: „Is das eine komische

Orlog (Krieg); ons lopt achter de Portugies an, und de Englanders lopt

achter ons an.“ -- Wir marschierten auf Negerpfaden oder auch quer

durch den Busch. Mehrere größere Ströme mußten auf unserem Marsche

durchschritten werden. Auch dieses Gebiet war reich, und wir stießen

bald auf starke Menschenspuren, die in Richtung auf Alto-Moloque

zogen, sowie auf Lagerbauten, wie ich sie in dieser Art zum ersten

Male sah. Es waren dichte und sehr ordentlich gebaute Grashütten. Die

Feuer glimmten teilweise noch, die umherliegenden, abgeschnittenen

Hühnerköpfe waren noch frisch. Auch Schießereien mit portugiesischen

Patrouillen fanden statt, und einige Gewehre mit Munition wurden

erbeutet.

Es galt, keine Zeit zu verlieren; die durch Befreiung von allem

Troß besonders beweglich gemachte Abteilung Müller marschierte

voraus und fand in Alto-Moloque nur wenige portugiesische Offiziere

und Unteroffiziere vor, die auf der Veranda des sehr schönen

Europäerhauses gerade Kaffee tranken und gefangen genommen wurden.

Mit dem Gros folgte ich jetzt langsam; die Nachhut unter Hauptmann

Koehl hatte eine ganze Reihe kleinerer Zusammenstöße, die im ganzen dem

Feinde eine nicht unerhebliche Reihe von Verlusten beigebracht haben.

Eine unserer Askaripatrouillen war beim Einsammeln von Verpflegung

durch eine stärkere feindliche Patrouille überrascht und gefangen

genommen worden. Sie war Zeuge, wie dann diese feindliche Patrouille

mit einer anderen englischen Abteilung ein recht verlustreiches Gefecht

im Busch hatte und konnte bei dieser Gelegenheit wieder entwischen.

Die Unvorsichtigkeit, mit der manche unserer Europäer trotz allen

Mahnungen immer wieder verfuhren, hatte für uns einige unnötige

Verluste zur Folge. Ein Askari, dessen Vater, der alte Effendi Plantan,

schon zu den Zulu-Askari von Wißmann gehört hatte, war ein besonders

zuverlässiger und intelligenter Mensch, den ich gern auf Patrouillen

mitgenommen hatte. Von einem ganz überflüssigen Botengange ist er

nicht zurückgekehrt und wahrscheinlich abgefangen worden. Es ist

eine allgemeine Erscheinung, daß ein großer Teil der Kriegsverluste

in Ostafrika überflüssig und durch Gedankenlosigkeit an den Haaren

herbeigezogen war.

Allmählich schloß Abteilung Koehl auf das Gros auf. Dieses hatte

die große Straße Alto-Moloque-Inagu an einer Europäerpflanzung mit

reichen Truppenverpflegungsbeständen erreicht und von hier aus auf

der feindlichen Fernsprechleitung mit Alto-Moloque, von wo zuerst ein

Portugiese, dann aber Hauptmann Müller geantwortet hatte, Verbindung

aufgenommen. Hauptmann Müller meldete, daß nur wenig Munition erbeutet

worden wäre; diese sei vielmehr durch mehrere Trägerkarawanen noch

gerade rechtzeitig in südwestlicher Richtung abtransportiert worden.

Starke Patrouillen folgten sofort den Spuren derselben. Als das Gros am

16. Juni bei Alto-Moloque eintraf, fanden wir hier sehr schöne massive

Europäerhäuser vor. Recht anmutig lagen sie auf einer kleinen Höhe

und boten einen meilenweiten Umblick über die umgebenden Wälder auf

die mächtigen und schroffen Felsengebirge in der Ferne. Tausende von

Apfelsinenbäumen standen gerade in voller Reife und gaben der Station

bei den Farbigen sofort den Namen „Boma ja machungwa“ (Apfelsinen-Boma).

Die zahlreichen Karten und Schriftstücke aller Art, die in der Station

vorgefunden wurden, gaben uns ein leidlich anschauliches Bild über das

in der Richtung auf +Quelimane+ zu gelegene Gebiet. Wir konnten daraus

ersehen, daß von Alto-Moloque über +Ili+ eine Drahtlinie bis nach

Quelimane führte. Am Einfluß des +Lugella+ in den +Likungofluß+ war der

Sitz einer großen Gesellschaft, der Lugella-Gesellschaft. Dort befanden

sich große Plantagen und Fabrikanlagen und lagerte viele Verpflegung.

Überhaupt schien an diesem Sitz der Lugella-Gesellschaft ein

Hauptreservoir an Verpflegung und Munition für größere Truppenmengen

in Vorbereitung zu sein. Wollte man die Chancen, die eine solche Lage

für uns bot, ausnutzen, so mußten die Unterführer sehr schnell handeln

und durften durch keine allzu bindenden Vorschriften eingeschränkt

werden. Das Bild, das ich mir machte, beruhte eben doch vielfach auf

nicht erwiesenen Annahmen. Unsere verfolgenden Patrouillen mußten sich

schnell und selbständig anpassen können, wenn das ursprünglich gemachte

Bild sich nachträglich nicht bewahrheitete. Zeit durften sie nicht

verlieren; sonst war es dem Feinde möglich, seine Bestände rechtzeitig

abzutransportieren. Er wurde darin durch eine Eisenbahn, die nicht weit

südlich des Sitzes der Lugella-Gesellschaft ihren Anfang hatte und von

dort nach Süden, zum +Namakurafluß+ führte, und durch die auf diesem

Flusse verkehrenden Dampfer unterstützt.

Wie es so manchmal geht, haben unsere verfolgenden Patrouillen und

Kompagnien gelegentlich etwas versagt. Es darf aber nicht vergessen

werden, daß außer vielem anderen ein sehr gereiftes taktisches Urteil

dazu gehört, um selbständig zu entscheiden, wann die sehr aufreibende,

weitere Verfolgung des fliehenden Feindes mit allen Kräften noch

weiter fortzusetzen oder wann sie abzubrechen ist. Um die Gunst der

Lage aber doch nach Möglichkeit zu ergreifen, entsandte ich noch am

Tage meines Eintreffens in Alto-Moloque die ganze Abteilung Müller,

deren Gros bis dahin von mir festgehalten worden war, zur Verfolgung.

Bei verschiedenen Patrouillen und kleinen Streifzügen wurden in der

Gegend von Alto-Moloque vereinzelte portugiesische Askari aufgegriffen,

die sich teilweise in den Dorfschaften der Gegend aus eigener

Machtvollkommenheit als kleine Tyrannen niedergelassen hatten und uns

von den Eingeborenen gemeldet wurden.

Die Gegend von Alto-Moloque erwies sich, wie erwartet, als sehr

reich. Wir waren daher in der Lage, der Abteilung Müller einen

größeren Vorsprung bei der Verfolgung des Feindes zu lassen. Eine

der Patrouillen dieser Abteilung hatte bei Ili ein feindliches

Magazin erbeutet; eine feindliche Trägerkolonne, die von

einer, mehrere Tagemärsche östlich von Alto-Moloque stehenden,

englisch-portugiesischen Abteilung entlassen worden war und ohne eine

Ahnung von unserer Anwesenheit zu haben, den Ort Alt-Moloque passieren

wollte, war unserem Intendanten sehr willkommen zum Abtransport der

bei Ili erbeuteten Verpflegung. Dieser beabsichtigte Abtransport

glückte bedauerlicherweise nur zum Teil, da bei Ili eine neue englische

Abteilung eintraf, anscheinend von Inagu her, und unsere Patrouille

vertrieb.

Der Weitermarsch unseres Gros auf Ili zu wurde durch größere

feindliche Patrouillen belästigt, die sich von Norden her der Straße

Alto-Moloque-Ili genähert hatten. Eine dieser Patrouillen wurde sofort

energisch verfolgt und in ihrem Lager überfallen, aber ich gewann doch

den Eindruck, daß sich stärkere Kräfte des Gegners von Norden, von

Ili und Alto-Moloque her uns näherten. Ich hatte nicht die Absicht,

mich aufzuhalten, sondern wollte im Gegenteil möglichst bald auf

die Abteilung Müller, die sich auf dem Marsche nach Lugella befand,

aufschließen. So marschierte ich südlich um Ili herum und nahm die

portugiesische Station Nampepo in Besitz. Von den portugiesischen

Gesellschaften sind in dieser Gegend in etwa Tagemarschentfernungen

kleine, sauber gebaute Stationen errichtet worden, um die herum die

Felder liegen, welche die Gesellschaft bewirtschaftet. Eine ganze

Reihe dieser Stationen und der dazugehörigen Magazine waren während

des Marsches in unsere Hände gefallen. Auch Nampepo war eine solche

Niederlassung, nur größer als gewöhnlich, und in einem außerordentlich

reichen Gebiet gelegen. Eine Spezialität des Lagers von Nampepo bildete

die Jagd auf zahme Schweine. Diese liefen in großer Zahl verwildert im

Pori umher, so daß wir hier außer Schweinebraten und Sülze auch eine

prachtvolle Blutwurst zu essen bekamen. Ein deutscher Pflanzer aus

der Gegend von Morogoro, Hauter, der während des Krieges viel Wurst

nach Morogoro geliefert hatte, hatte sich in der Zubereitung derselben

genügende Kenntnis verschafft, die uns hier zu statten kam. An Stelle

des Rinderdarmes nahm er den Schweinemagen, und der Genuß dieses

ungewohnten Leckerbissens war so groß, daß wir uns auch durch die in

unserem Lager einschlagenden Geschosse nicht stören ließen.

Es näherte sich nämlich eine stärkere feindliche Kolonne von Norden

her der Boma Nampepo, die Hauptmann Spangenberg mit unseren Vorposten

besetzt hielt. Man konnte von der Höhe aus deutlich den Anmarsch einer

großen feindlichen Kolonne bemerken. Da die Gelegenheit zu einem

Angriffsgefecht für uns außerordentlich günstig war, so wurde der Feind

in seinem Anmarsche nicht gestört. Er griff uns aber wider Erwarten

nicht an. Die in einer Entfernung von etwa 1500 ~m~ aus dem Busch

aufsteigenden Rauchsäulen verrieten uns, daß er dort Lager bezogen

hatte. Patrouillen, die den Feind umgingen, näherten sich nachts

dem Lager und schossen in dasselbe hinein. Die Abteilung Koehl war

inzwischen aufgeschlossen, und ich marschierte mit dem Gros weiter, um

der Abteilung Müller in der Richtung auf Lugella zu folgen. Hauptmann

Spangenberg blieb mit der Nachhut am Feinde und folgte uns dann mit

Tagemarsch-Abstand.

Der Abteilung des Hauptmanns Müller war es inzwischen gelungen,

den Likungofluß bei der Einmündung des Lugella in einer Furt zu

durchschreiten; es gelang ihr, ein portugiesisches Bataillon,

das von Süden her zum Schutze heranrückte, ziemlich gründlich zu

schlagen. Einige Maschinengewehre wurden erbeutet. Die großen

Bestände der Lugella-Gesellschaft fielen in unsere Hand; es konnte

reichlich Verpflegung und Kleidungsstoff ausgegeben werden; die zur

Verteidigung eingerichteten Gebäude und etwa 300000 ~kg~ Verpflegung

wurden verbrannt. Hauptmann Müller hielt danach seine Aufgabe, da ein

weiteres, lohnendes Ziel nicht bekannt war, zunächst für erledigt, ging

auf das östliche Likungoufer zurück und erwartete dort mein Eintreffen.

Ich befürchtete, daß die reiche Beute der letzten Wochen einzelne

unserer Europäer verleiten würde, sich Sachen ungerechtfertigterweise

anzueignen, und nahm Gelegenheit, auf das unrichtige einer solchen

Handlungsweise hinzuweisen. Es wurde daran erinnert, daß Kriegsbeute

dem Staate gehört und daß der einzelne ein Beutestück, welches er

benötigte, anzumelden habe. Dieses wurde dann abgeschätzt und von

dem Betreffenden bezahlt. Es war mir wichtig, die Moral der Truppe

unbedingt sauber zu halten, um an das Ehrgefühl appellieren und

Leistungen verlangen zu können.

Munition war hier und da auch erbeutet worden, sogar ein kleines

portugiesisches Geschütz war in unsere Hände gefallen, aber die

erhoffte und angestrebte große Beute an Patronen hatte sich nicht

gefunden. Es war mir überhaupt fraglich, ob in Alto-Moloque und Ili

so große Bestände gewesen waren, ob es sich nicht vielmehr nur um

Übertreibungen nach Eingeborenenart handelte. Es war nicht notwendig,

daß dabei böser Wille der Leute vorlag; im Gegenteil, die Eingeborenen

waren uns wohlgesinnt. -- Einen der gefangenen portugiesischen

Offiziere, der uns fortgelaufen war, brachten sie uns z. B. aus eigenem

Antriebe wieder, einige deutsche schwarze Boys, die wohl geplündert

hatten und von den Eingeborenen festgenommen und verhauen worden waren,

brachten sie uns ebenfalls wieder an und entschuldigten sich damit,

daß sie sie für Portugiesen gehalten hatten. -- Wie schwer ist es

schon für den Europäer, beispielsweise die Stärke einer marschierenden

Abteilung zahlenmäßig zutreffend einzuschätzen! Der Eingeborene steht

aber größeren Zahlen noch viel unsicherer gegenüber, und der von ihm

gebrauchte Ausdruck „~mingi~“ (viel) oder „~kama majani~“ (wie das

Gras) kann ebensogut 50 wie 5000 bedeuten.

Vierter Abschnitt

Weitermarsch in südlicher Richtung

Aber mögen nun die größeren Munitionsbestände gelagert haben, wo sie

wollen, jedenfalls waren sie nicht in unsere Hand gefallen. Es galt,

von neuem zu suchen. Daß sie irgendwo in dieser Gegend stecken mußten,

darauf deuteten die gesamte Kriegslage sowie die von uns erbeuteten

Schriftstücke hin. Es hatte viel Wahrscheinlichkeit, daß die vermuteten

größeren Bestände weiter südlich lagerten, sei es, daß sie infolge

unseres Anmarsches dorthin abtransportiert worden waren oder aber, daß

sie sich schon früher dort befunden hatten. Es war wahrscheinlich,

daß diese Vorräte sehr bald weiter zur Küste geschafft wurden und im

Notfall von dort aufs Schiff gingen.

Stärkere Patrouillen hatten während unseres Marsches mehr als

tagemarschweit die Gegend abgestreift und einige kleinere feindliche

Verpflegungsmagazine, aber keine Waffen oder Munition erbeutet. Die

Abteilung Müller, mit der wir uns am 27. Juni bei Mujeba vereinigt

hatten, marschierte noch an dem gleichen Tage weiter nach Süden; die

Eingeborenen erzählten nämlich von einer großen Boma +Origa+, die

irgendwo weiter südlich in der Gegend der Küste liegen sollte und

wo viel Munition aufgestapelt sei. Diese Boma sollte die Abteilung

Müller aufsuchen. Die Nachrichten darüber waren, wie in allen solchen

Fällen, sehr ungenau. Ich war mir klar, daß mit Sicherheit während

des Marsches wieder andere und widersprechende Meldungen eingehen

würden. Lange Zeit zur Prüfung der Nachrichten hatte man aber nicht.

Man mußte darauf vertrauen, daß wenigstens etwas Wahres an ihnen sei.

Dieser Lage entsprechend wurde dem Hauptmann Müller größte Freiheit

des Handelns gelassen. Sollte sich auf seinem Wege irgendein lohnendes

Objekt finden, so sollte er ohne Zeitverlust entscheiden, was zu tun

zweckmäßig wäre. Ich würde mit dem nachfolgenden Gros unbedingt zu

seiner Unterstützung eingreifen und mich auf jeden Fall mit der durch

ihn geschaffenen Lage abfinden. Vor allem dürfte er besondere Befehle

und Weisungen nicht abwarten. Ich war mir bewußt, daß hierdurch

die Führung unserer Operationen in hohem Maße in die Hand eines

Unterführers gelegt wurde; das war nur bei einem sehr guten, taktischen

Urteil und großer Initiative dieses Unterführers möglich.

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 24 / 30 段