Auch in anderer Weise war ich einmal etwas gehindert. Auf einem

Erkundungsgange hatte mir ein Halm des übermannshohen Grases in mein

rechtes Auge geschnitten, und bei der nachfolgenden Behandlung war

infolge von Atropin die Anpassungsfähigkeit der Linse beeinträchtigt;

ich konnte deshalb mit dem rechten Auge nicht ordentlich sehen

und keine Schrift oder Kartenskizzen erkennen. Dieser Zustand

war lästig, weil mein linkes Auge durch eine im Jahre 1906 beim

Hottentottenaufstand in Südwestafrika erhaltene Schußverletzung so

stark beschädigt worden ist, daß ich mit diesem nur vermittelst

Starbrille lesen kann. Eine solche war aber nicht verfügbar, und so

war ich gezwungen, an verschiedene Unternehmungen heranzugehen, ohne

richtig sehen zu können.

Die Patrouillen der Abteilung Koehl waren aus der Gegend Medo-Namunu

inzwischen bis an die Küste vorgestreift, hatten am unteren Luriofluß

und weit südlich desselben portugiesische Befestigungen erobert,

einige Kanonen, vor allem aber Gewehre und Munition, meist von

altem Modell, und erhebliche Mengen an Verpflegung erbeutet. Die

Eingeborenen erwiesen sich hierbei freundlich gegen unsere Leute

und sahen in ihnen auch hier die Befreier von der portugiesischen

Bedrückung. Auch Patrouillen der Abteilung Otto waren von Mahua

her in das Gebiet südlich des Lurioflusses gestreift, und der in

Eingeborenenangelegenheiten so erfahrene Oberleutnant d. Ldw. Methner,

erster Referent unseres Gouvernements, rühmte die Tüchtigkeit und

Klugheit der portugiesischen Eingeborenen und den verständigen und

weiten Blick ihrer Ortsoberhäupter.

Leutnant von Scherbening, der mit seiner Patrouille die Boma Malema

genommen hatte, berichtete von dem großen Reichtum dieser Gegend. Um

auch uns hiervon etwas zukommen zu lassen, schickte er ein erbeutetes

Schwein nach Nanungu. Da es nicht laufen wollte, wurde es 500 ~km~

weit getragen. Bei seiner Ankunft stellte sich leider heraus, daß es

gar kein europäisches Schwein war, sondern ein Porischwein, wie wir es

selbst im Walde häufig erlegten.

Wieder war eine Zeit gekommen, wo es schwer war, Nachrichten über

den Feind zu erhalten. Aber aus den unvollkommenen Karten, die uns

zur Verfügung standen, war doch manches herauszulesen. Ich konnte

nicht zweifeln, daß die sicher bevorstehenden feindlichen Operationen

mit ihren Hauptkräften von der Küste, aus der Gegend von +Porto

Amelia+, ansetzen würden. Das Auftreten stärkerer feindlicher Kräfte

bei +Mtende+ sowie die allerdings sehr unsichere Nachricht, daß

auch feindliche Truppen von Südwesten her auf +Mahua+ im Anmarsch

waren, zeigten mir, daß zugleich mit dem bevorstehenden Vorrücken

der feindlichen Hauptkräfte andere Truppen von Westen her operieren

wollten. Es schien eine Lage heranzureifen, in der es möglich

war, die innere Linie, auf der ich stand, auszunutzen und den

einen oder den anderen Teil des Feindes vereinzelt zu fassen. Die

Nachschubverhältnisse des Gegners bedingten es, daß diejenigen seiner

Kolonnen, die von Westen kamen, nicht allzu stark sein konnten. Hier

also bot sich auch voraussichtlich die von mir gesuchte günstige

Chance. Mit dem Hauptteil meiner Truppen blieb ich deshalb in der

Gegend von Nanungu und zog nach hier auch die Abteilung des Hauptmanns

Otto vom Lurio heran. Mit diesen Kräften wollte ich angriffsweise

verfahren und zwar nach Westen zu. Dem Hauptmann Koehl, der seine

Abteilung bei +Medo+ sammelte, fiel die Aufgabe zu, die von Porto

Amelia heranrückenden Hauptstreitkräfte des Feindes hinzuhalten und

allmählich schrittweise auf mich zurückzugehen.

Hauptmann Müller, der nach jahrelanger Tätigkeit beim Kommando eine

selbständige Abteilung von 2 Kompagnien übernommen hatte, wurde aus

der Gegend von Nanungu auf Mahua vorgesandt, um dort dem Feinde

nach Möglichkeit Abbruch zu tun. Er umging Mahua und überraschte

südwestlich dieses Ortes die befestigte Verpflegungsstation Kanene. Die

verteidigenden englischen Europäer sahen ein, daß die angesammelten

Bestände verloren waren. Um dies wenigstens teilweise zu verhindern,

machten sie sich über die Alkoholbestände des Lagers her und fielen

recht angeheitert in unsere Hände.

Ich selbst rückte Mitte April gleichfalls in Richtung auf Mahua vor und

hörte beim Anmarsch schon aus weiter Entfernung von dort her heftige

Detonationen. Hauptmann Müller war nordöstlich Mahua bei Koriwa auf

ein feindliches Bataillon unter Colonel Barton gestoßen, das einen

Streifzug unternommen hatte und nun von den Unsrigen während des

Marsches sogleich angegriffen wurde. Trotzdem auf unserer Seite kaum

70 Gewehre im Gefecht waren, gelang es doch, den Feind auf seinem

rechten Flügel zu umfassen und ihn von dort aus von einem Termitenhügel

(großen Ameisenhügel) so energisch unter wirksames Maschinengewehrfeuer

zu nehmen, daß er in wilder Flucht davonlief. Er verlor dabei über 40

Mann. Oberleutnant z. S. Wunderlich, der einen schweren Schuß durch

den Unterleib erhalten hatte, mußte zu dem 2 Tagemärsche entfernten

Lazarett von Nanungu geschafft werden und starb nach kurzer Zeit.

Der Schlag, zu dem ich das Gros angesetzt hatte, war durch die schwache

Abteilung Müller bereits erfolgreich ausgeführt worden. Ich wandte mich

deshalb mit meinen Hauptkräften wieder in die Gegend dicht westlich

Nanungu. Dort war inzwischen ein stärkerer Feind am Msaluflusse

eingetroffen und hatte diesen mit stärkeren Patrouillen überschritten.

Meine Berechnung, einen stärkeren feindlichen Körper unmittelbar

nach Überschreiten des Flusses überraschend fassen zu können, traf

nicht zu; die erhaltenen Meldungen waren irrtümlich gewesen. Aber in

einer ganzen Reihe kleinerer Zusammenstöße am Msalufluß und westlich

desselben wurden dem Gegner durch unsere Kampfpatrouillen doch nach

und nach erhebliche Verluste zugefügt, und seine Streifabteilungen

räumten bald das östliche Msalu-Ufer. Unsere Verpflegungspatrouillen,

deren Aufgabe es war, in der Richtung auf Mahua weiter Verpflegung zu

beschaffen, stießen am 3. Mai überraschend auf stärkere feindliche

Abteilungen in der Gegend von +Saidi+, die unser Feldlazarett und

unsere Verpflegungsmagazine bei +Makoti+ stark gefährdeten.

Nach Makoti war zur Vorbereitung der zukünftigen, mehr nach

westlicher Richtung geplanten Operationen ein Teil unserer Bestände

gebracht worden. Unsere sofort entsandten Kampfpatrouillen hatten

am Kirekaberge bei Makoti mehrere Zusammenstöße mit dem Feinde. Ich

glaubte zunächst nur an Patrouillen des Gegners, entsandte deshalb den

Hauptmann Schulz mit einer starken Patrouille dorthin zur Verstärkung

und rückte selbst am 4. Mai mit dem Gros an die Straße Nanungu-Mahua.

Von hier aus glaubte ich, schnell gegen irgendwo überraschend

auftretende feindliche Kräfte eingreifen zu können. Die allgemeine

Lage klärte sich dadurch, daß unsere Patrouillen im Laufe des Tages

am Kirekaberge auf einen neuen Gegner gestoßen waren. Eine feindliche

Abteilung war zurückgeworfen worden, und es war wahrscheinlich, daß

stärkere Kräfte in verschanzten Lagern dahinter standen. Am 5. Mai

morgens marschierte ich aus meinem Lager ab, auf Makoti zu. Während

des Anmarsches wünschte ich sehnlichst, daß der Feind uns den Angriff

auf seine befestigte Stellung ersparen möchte, und hoffte, was ja auch

nach der ganzen Lage gar nicht unwahrscheinlich war, daß er aus seinen

Schanzen herauskommen und sich so ein Kampf im freien Felde entwickeln

würde. Gelang es uns bei dieser Gelegenheit, mit unseren Hauptkräften

einzugreifen, ohne daß der Feind von unserem Anmarsch eine Ahnung

hatte, so war ein erheblicher Erfolg nicht unwahrscheinlich.

Um 11 Uhr vormittags langte ich am Kirekaberge an und begab mich

nach vorn zum Hauptmann Schulz, der mit seinen Patrouillen einige

in dem Stangenholz befindliche Felsengrotten besetzt hatte. Als

ich gerade angekommen war, erhielt ich von einem Sol (schwarzen

Feldwebel), der von einem Patrouillengang zurückkehrte, die Meldung,

daß der Feind in großer Stärke ausgeschwärmt vorrücke und sofort

auf nahe Entfernung auftauchen müsse. Ich benachrichtigte hiervon

den Oberleutnant Boell, der mit seiner Kompagnie soeben hinter der

Abteilung Schulz eingetroffen war, und beauftragte ihn, im Falle eines

feindlichen Angriffes sogleich einzugreifen. Dann ging ich zurück und

ordnete den Aufmarsch unserer weiteren, nach und nach eintreffenden

Kompagnien. Inzwischen ging vorn das Gefecht los. Der Feind hatte

in dichten Schützenlinien vorgehend unsere Patrouillen schnell aus

ihren Steingrotten zurückgeworfen, war dann aber zu seiner größten

Überraschung in das wirksame Maschinengewehrfeuer der Kompagnie Boell

geraten und teilweise zurückgegangen. Die demnächst eintreffende

Abteilung Goering wurde sogleich zum rechts umfassenden Angriff

angesetzt, der Feind dadurch völlig überrascht und mit recht schweren

Verlusten in großer Eile zurückgeworfen.

So langten wir nach mehreren Kilometern heftigen Nachdrängens vor den

feindlichen Verschanzungen an. Auf unserem linken Flügel, wo zwei

weitere Kompagnien eingesetzt wurden, ging das Gefecht mehrfach hin und

her, und es war mir im Busch schwer, Freund und Feind zu unterscheiden.

Es dauerte dadurch einige Zeit, bis ich mir von den Verhältnissen auf

dem linken Flügel ein klares Bild machen konnte, und erst die Meldung

des Majors Kraut, der von mir zur Erkundung dorthin gesandt war, ließ

mich erkennen, daß das Vorgehen unseres linken Flügels auf einer

Waldlichtung in recht wirksames feindliches Feuer geraten und dadurch

zum Stocken gekommen war. Ein Gegenangriff, den der Feind unternahm und

der schon ziemlich dicht an den Standplatz des Kommandos gekommen war,

hätte uns recht unangenehm werden können. Zu unserem großen Glück traf

aber gerade in diesem Augenblick Oberleutnant Buechsel, der mit seiner

Kompagnie detachiert gewesen war und deshalb verspätet ankam, auf dem

Gefechtsfelde ein und konnte der Gefahr begegnen.

Auf dem rechten Flügel hatte inzwischen Hauptmann Goering erkannt,

daß ein frontales Anstürmen auf die feindlichen Verschanzungen keine

Aussicht auf Erfolg bot. Er hatte deshalb Oberleutnant Meier mit

einer starken Patrouille die Stellung des Gegners umgehen lassen, um

von rückwärts her einen dort befindlichen feindlichen Minenwerfer zu

beschießen und womöglich fortzunehmen. Diese Wegnahme gelang nicht,

da der Feind unerwarteterweise noch über Reserven verfügte, die die

Patrouille Meier fernzuhalten imstande waren. So kam das Gefecht zum

Stillstand. Bei Einbruch völliger Dunkelheit lagen wir dem Feinde dicht

gegenüber. Beiderseits fielen nur noch ab und zu Schüsse.

Während des Gefechts wurden die büromäßigen Arbeiten -- es wurde

auch in Afrika geschrieben, wenn auch nicht so viel als sonst üblich

-- erledigt. Eine Anzahl Eingänge, wie Beschwerden und sonstige

Unannehmlichkeiten lagen vor. Mit den Kompagnieführern konnte ich

mich von Zeit zu Zeit mündlich besprechen und ließ sie zu diesem

Zweck zu mir kommen. Ich selbst wechselte meinen Standplatz so wenig

wie möglich, um bei der Übermittlung der eingehenden Meldungen

Schwierigkeiten und unliebsame Verzögerungen zu vermeiden. Abgekocht

wurde weiter rückwärts, wo auch der Verbandplatz eingerichtet worden

war. Auch wir, die Angehörigen des Kommandos, erhielten durch unsere

schwarzen Diener wie gewöhnlich die zubereitete Verpflegung in die

Gefechtslinie vorgebracht.

Um die Truppe zu weiterer Verwendung wieder in die Hand zu bekommen,

wurden Teile derselben aus der vorderen Gefechtslinie zurückgezogen

und gesammelt. Ich überlegte, daß es zweckmäßig sei, die Nacht über so

liegen zu bleiben, um am nächsten Tage das Gefecht wieder aufnehmen

zu können und vor allem, um zu versuchen, den Feind von seinem Wasser

abzuschneiden, das irgendwo außerhalb seines Lagers liegen mußte.

Da traf gegen Mitternacht die Meldung ein, daß eine unserer Patrouillen

an der Straße +Nanungu-Mahua+ auf einen stärkeren Feind gestoßen sei.

Ich mußte befürchten, daß dieser Gegner, den ich der Selbständigkeit

seines Auftretens wegen für stark hielt, weiter auf Nanungu vordringen

und sich so in den Besitz unserer an dieser Straße gelagerten

Kompagnielasten (Munition, Verbandzeug, Verpflegung, Kranke usw.) sowie

der Magazine von Nanungu setzen würde. Ich rückte deshalb noch in der

Nacht mit dem Hauptteil meiner Kräfte über Makoti wieder an die Straße

Nanungu-Mahua ab. Dicht am Feinde blieben nur starke Patrouillen,

die aber nicht bemerkten, daß der Gegner ebenfalls noch während der

Nacht seine Stellung räumte und in Richtung auf Mahua abzog. Am 6.

Mai stellte sich heraus, daß die Meldung von den starken feindlichen

Kräften an der Straße Nanungu-Mahua, die meinen Abmarsch veranlaßt

hatte, verkehrt gewesen war; es befand sich dort überhaupt kein Feind.

Hauptmann Müller, der das Schießen der englischen Minenwerfer gehört

hatte, war in vortrefflicher Initiative aus seinem nordöstlich Mahua

gelegenen Lager im Eilmarsch sofort auf den Gefechtslärm losmarschiert

und anscheinend für Feind gehalten worden.

Als er auf dem Gefechtsfeld ankam, stellte er fest, daß der

Gegner abgerückt war. Der Feind, der aus 4 Kompagnien und einer

Maschinengewehrkompagnie bestand, und, nach seinen Befestigungsanlagen

zu urteilen, 1000 Mann stark war, war durch unsere wenig mehr als 300

Gewehre -- wir waren 62 Europäer und 342 Askari gewesen -- vollständig

geschlagen worden. Auf seiner Seite waren 14 Europäer und 91 Askari

gefallen, 3 Europäer und 3 Askari hatte er an Gefangenen verloren.

Außerdem war sein Hospital mit etwa 100 Verwundeten in unsere Hand

gefallen; andere Verwundete hat er nach Aussage von Eingeborenen

noch mitgenommen. Unsere Verluste betrugen: 6 Europäer, 24 Askari, 5

andere Farbige gefallen, 10 Europäer, 67 Askari und 28 andere Farbige

verwundet.

Während diese für uns so erfreulichen Erfolge gegen die westlichen

feindlichen Kolonnen erzielt wurden, hatte Abteilung Koehl gegen

die feindliche Division, die von Porto Amelia auf Nanungu vordrang,

andauernd Gefechte, manchmal von erheblichem Umfange, zu bestehen.

Bei Medo hatte der Feind nach seiner eigenen Angabe recht schwere

Verluste; in einem Gefecht, das westlich von Medo stattgefunden hatte,

war es dem Hauptmann Spangenberg mit seinen 2 Kompagnien gelungen,

den Feind sehr gewandt zu umgehen, von rückwärts her an seine leichte

Feldhaubitzbatterie heranzukommen und diese im Sturm zu nehmen. Fast

die gesamte Bedienung und Bespannung fiel. Leider war es nicht möglich,

die Geschütze und die Munition mitzunehmen. Sie wurden unbrauchbar

gemacht. Aber trotz solcher Einzelerfolge mußte Abteilung Koehl weiter

zurückweichen. Es nahte der Augenblick, wo sich vielleicht durch

rechtzeitiges Eingreifen meiner Hauptkräfte bei der Abteilung Koehl ein

durchschlagender Erfolg gegen General Edwards erzielen lassen würde.

Wieder einmal war aber die Verpflegungsfrage ein Bleigewicht für die

Bewegungen. Die Feldfrüchte der Landschaft waren im wesentlichen

aufgezehrt bis auf den Mtama, der in dieser Gegend früher heranreift

als in Deutsch-Ostafrika. Aber er war noch nicht reif. Um nicht rein

aus Verpflegungsgründen abrücken zu müssen, halfen wir uns dadurch, daß

wir den Mtama durch Trocknen notreif machten. Die Frucht war auch auf

diese Weise gut verwertbar, und da in der Gegend sehr viel wuchs, so

konnte im allgemeinen jeder so viel bekommen, wie er haben wollte, und

keiner litt Not.

Der Bestand der Felder veranlaßte mich, mit den Hauptkräften der Truppe

mehr nach Südwesten, in der Richtung auf Mahua, zu marschieren und

in der Gegend des Timbaniberges, am Koromaberg, Lager zu beziehen.

Von hier aus wollte ich im Notfall nach Süden weiterziehen, um in den

fruchtbaren Gegenden der Vereinigung des Malema- und Lurioflusses

die dortigen reichen Verpflegungsgebiete auszunutzen. Westlich des

Timbaniberges war das Gelände günstig, um ein entscheidendes Gefecht

gegen General Edwards aufzunehmen, der der Abteilung des Hauptmann

Koehl von Nanungu weiter in südwestlicher Richtung folgte. Das

außerordentlich felsige und zerrissene Gelände am Timbaniberg und 6

~km~ nordöstlich davon bis zu der Stelle, auf die die Abteilung Koehl

zurückgewichen war, war nicht günstig für ein von mir beabsichtigtes

entscheidendes Gefecht. Am 21. Mai verrieten sich neue feindliche

Lager westlich der Stellung der Abteilung Koehl durch ihren Rauch.

Ich vermutete, daß dieser neue Gegner am 22. Mai der Abteilung Koehl

von Westen her in den Rücken marschieren würde. Da habe ich leider

versäumt, der Abteilung Koehl den ganz bestimmten Befehl zu geben,

sogleich mit ihren Hauptkräften aus dem ungünstigen Gelände heraus

bis südwestlich des Timbaniberges zu rücken. Statt des unzweideutigen

Befehls gab ich eine Anweisung, die zu viel Freiheit des Handelns ließ.

So kam es, daß die Abteilung Koehl ihre Träger mit den Munitions- und

Bagagelasten erst am 22. Mai vormittags in Marsch setzte. Auch das

wäre noch gut gegangen, wenn nicht unglücklicherweise an ihrem Anfange

der Gouverneur marschiert wäre, der sich bis dahin bei der Abteilung

Koehl aufgehalten hatte. In Verkennung des Ernstes der Lage machte der

Gouverneur mitten in dem ungünstigen Gelände, wo er jeden Augenblick

der Überraschung durch den Feind ausgesetzt war, ohne sich wirkungsvoll

verteidigen zu können, einen längeren Halt. Hierdurch ließen sich

die Bagagen der Abteilung Koehl trotz dem ihnen vom Hauptmann Koehl

erteilten ausdrücklichen Befehle verleiten, ebenfalls zu halten. Ich

selbst erkundete an diesem Tage vormittags noch einmal das südwestlich

des Timbaniberges gelegene, recht günstige Gelände und traf hierbei

unter anderem den Leutnant Kempner, der tags vorher bei Abteilung Koehl

verwundet worden war und zurückgetragen wurde. Bei der Abteilung Koehl

selbst, wo seit dem Morgen mehrere Angriffe des Feindes abgeschlagen

waren, war Gefechtslärm in weiter Ferne zu hören. Mit Hauptmann Koehl

bestand telephonische Verbindung, und ich kehrte, ohne eine Ahnung von

den Verhältnissen seiner Bagage zu haben, gegen 11 Uhr vormittags in

das Koromalager zurück.

Um 12 Uhr mittags war ich gerade im Lager eingetroffen, als

plötzlich Minenwerferfeuer in großer Nähe erscholl, zweifellos

zwischen uns und der Abteilung Koehl. Unmittelbar darauf war die

Fernsprechverbindung dorthin unterbrochen. Jetzt blieb keine Wahl, als

sofort vom Koromalager her mit allen Kräften auf diesen neuen Gegner

vorzumarschieren, wobei ich die stille Hoffnung hatte, daß es trotz

der Ungunst des Geländes vielleicht gelingen würde, ihn zu überraschen

und entscheidend zu schlagen. Nach einer knappen Stunde trafen wir

am Timbaniberge ein und warfen vorgeschobene feindliche Abteilungen

schnell zurück. Einige versprengte Leute von uns meldeten, daß der

Gouverneur und die Bagage des Hauptmann Koehl vom Feinde überraschend

angegriffen und alle Lasten verloren seien. Der Gouverneur selbst sei

mit genauer Not entkommen, andere sagten, er sei gefangen genommen

worden. Der Feind schoß ziemlich lebhaft mit mehreren Minenwerfern und

wurde durch unsere Kompagnien von mehreren Seiten angegriffen. Er hatte

aber eine gute Stellung eingenommen, in der er sich verschanzt und

einen Teil der erbeuteten Lasten geborgen hatte. Leider nahmen wir ihm

nur wenige wieder ab. Aber die feindliche Stellung wurde doch umstellt

und unter konzentrisches, für den Feind recht verlustreiches Feuer

genommen. Nach einer später erbeuteten Nachricht haben die I. King’s

African Rifles allein hierbei etwa 200 Mann verloren.

Bei dieser Einschließung des Feindes unterstützten uns mehrere

Kompagnien und Patrouillen des Hauptmanns Koehl. Auch dieser hatte sich

mit seinen Hauptkräften gegen den neuen in seinem Rücken auftretenden

Feind gewandt und hoffte, denselben schlagen zu können, während eine

starke Patrouille, mit der Front nach Nordosten, seinen bisherigen

Gegner hinhielt. Diese Patrouille war aber viel zu schwach. Sie wurde

zurückgedrängt und mußte von neuem durch Truppen der Abteilung Koehl

verstärkt werden. Wenn der Feind auch zweifellos im ganzen erhebliche

Verluste erlitten hatte, so war ein durchschlagender Erfolg für uns

doch nicht erreichbar. Das Gefecht wurde bei Eintritt der Dunkelheit

abgebrochen, und wir rückten in das von mir erkundete günstige Gelände

zwischen Timbani- und Koromaberg ab.

Im Lager am Koromaberg hatte sich inzwischen der Gouverneur

eingefunden. Er hatte bei dem Abenteuer sämtliche Lasten verloren und

wurde durch Unteroffizier Reder, dem bewährten und umsichtigen Führer

einer Kolonne, verpflegt. Auch ich steuerte dazu bei, dem Gouverneur

aus seiner Verlegenheit zu helfen und verehrte ihm ein paar blaue

Strümpfe, die seine Gattin mir im Anfang des Krieges angefertigt hatte,

die aber leider abfärbten.

Außer dem sehr fühlbaren Verlust von etwa 70000 Patronen hatten wir

auch den Verlust eines größeren Bestandes von Papiernoten -- ich

glaube, es waren 30000 Rupien -- zu beklagen. Meinem Wunsche, statt

mit Papiernoten zu bezahlen, lieber Requisitionsscheine auszugeben

und dadurch eine Menge Sicherheitstransporte zu ersparen und unnötige

Verluste zu vermeiden, war früher nicht stattgegeben worden. Es

waren Millionen Rupien Papiernoten gedruckt worden. Das Mitschleppen

derselben war in dem jetzigen Stadium des Krieges eine besondere Last.

Um in der Zukunft wenigstens weitere Verluste zu vermeiden, hat auf

meine Anregung dann der Intendant einen großen Teil der früher mühsam

hergestellten Noten wieder vernichtet.

Dritter Abschnitt

Im Gebiet des Lurio- und Likungoflusses

Am 23. Mai wurden vom Koromalager auf einem quer durch den Busch nach

Koriwa abgesteckten Wege der Rest unserer Lasten und der Hauptteil

der Truppe in Bewegung gesetzt. Der Hauptteil unserer Trägerkolonnen

und die Kranken waren vorangegangen. Die Nachhut unter Hauptmann Otto

blieb noch einige Tage am Koromaberge und wies dort mehrere Angriffe

des Feindes erfolgreich ab. Es schien, als ob der Gegner wieder einmal

nach der Beendigung einer konzentrischen Operation dort bei Timbani

den Hauptteil seiner Truppen vereinigt hätte und vor Antritt des

Weitermarsches einiger Zeit zur Regelung seines Nachschubs bedurfte.

Zurückkehrende Patrouillen meldeten starken Autoverkehr auf der Straße

Nanungu-Timbaniberg. Andere Patrouillen berichteten von dem Vormarsch

feindlicher Kräfte von Osten her auf dem nördlichen Lurioufer.

Vom Feinde unbelästigt marschierte ich zunächst in die reiche

Gegend von Kwiri, südlich Mahua, und dann von dort aus weiter zum

Luriofluß. Dabei stellte es sich aber heraus, daß ein Teil unserer

Schwerverwundeten und Kranken diese mehrtägigen Märsche in ihren

„Maschillen“ (Tragbahren) nicht würde durchhalten können. Da war es

nicht leicht, für ärztliche Pflege zu sorgen. Es waren zu wenig Pfleger

da, um die Kranken einzeln von Fall zu Fall zurücklassen zu können. So

blieb nichts anderes übrig, als die Kranken von Zeit zu Zeit zu sammeln

und dann gemeinsam unter einem Arzt als vollständiges Lazarett zu

etablieren und sich endgültig von ihnen zu trennen. Auch der Chefarzt

der Schutztruppe, Generaloberarzt ~Dr.~ Meixner war bei Kwiri mit einem

solchen Lazarett liegen geblieben. Von Leutnant d. Res. Schaefer, der

uns bei den Vorbereitungen zum Gefecht von Jassini so ausgezeichnete

Dienste geleistet hatte, und der jetzt an Schwarzwasserfieber schwer

erkrankt war, nahm ich bei dieser Gelegenheit Abschied. Der erfahrene

Afrikaner war sich über seinen Zustand vollständig klar, war freundlich

wie immer und sah seinem unvermeidlichen baldigen Ende mit Ruhe

entgegen.

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 23 / 30 段