von dessen Abteilung jede Nachricht fehlte. Von der Abteilung des
Generals Wahle, die den Chiulezifluß aufwärts marschiert war, wurde
erst nachträglich bekannt, daß sie gleichfalls in den Mkula-Bergen
ein in verschanzter Stellung liegendes Detachement von mehreren
portugiesischen Kompagnien geschlagen und aufgerieben hatte. Die
andauernd zur Abteilung Wahle versuchte Blinkverbindung war nicht
gelungen, obgleich die Portugiesen von den Mkula-Bergen aus unsere
von Nangwale her gegebenen Zeichen genau beobachtet hatten. Die bei
Abteilung Wahle gefangengenommenen portugiesischen Europäer hatten die
Verpflichtung abgelehnt, in diesem Kriege nicht mehr gegen uns fechten
zu wollen. Sie waren dann vom General Wahle aus Verpflegungsrücksichten
nach Norden, zum Rowuma hin, abgeschoben worden.
Dem Hauptmann Stemmermann gelang es erst nach mehrtägiger
Einschließung, noch eine stärker besetzte und auch energisch
verteidigte feindliche Befestigung, die Boma Chao, zu nehmen. Da ein
Sturm auf diese keine Aussicht auf Erfolg hatte, wurde der Feind vom
Wasser abgeschnitten, dadurch seine Lage in den Schanzen unhaltbar
gemacht und er zur Übergabe gezwungen. Unter unseren Verlusten befanden
sich leider auch eine Anzahl sehr guter schwarzer Chargen.
Ich war am Tage des Gefechts bei Nangwale nicht anwesend gewesen, um
Marschstockungen der nachfolgenden Kompagnien zu beseitigen und dafür
zu sorgen, daß die Bewegung so im Fluß blieb, wie es beabsichtigt
war. Durch einen Doppelmarsch holte ich die für mich entstandene
Verzögerung leicht wieder ein und war in Nangwale so rechtzeitig, um
die Verteilung der Beute vornehmen zu können. Lebten wir doch auch
im günstigsten Falle nur von der Hand in den Mund. Bei Nangwale,
wo vor einem halben Jahre unsere Truppen eine so reiche Gegend
vorgefunden hatten, war das Bild jetzt ganz verändert. Es gab außer
den erbeuteten Vorräten einfach nichts; auch das Wild war im größeren
Umkreise von Nangwale abgeschossen oder verscheucht. Das war eine
Enttäuschung; denn ich hatte gehofft, bei diesem Ort von den gröbsten
Verpflegungsschwierigkeiten befreit zu sein. Die Truppe mußte daher
weiter geteilt werden. Aus den Aussagen der Gefangenen und aus den
erbeuteten Papieren ging hervor, daß die Besatzung von Nangwale durch
Trägerkolonnen, die von weit her, aus der Gegend von Mwalia, kamen,
verpflegt worden war. Dort mußte also etwas zu finden sein.
Hauptmann Koehl marschierte am 5. Dezember mit 5 Kompagnien, einem
Geschütz und einer Munitionskolonne von Nangwale in die Gegend
+Mwalia-Medo+ ab. Ich selbst marschierte weiter den Lujenda aufwärts.
Glücklicherweise bewahrheitete sich die Versicherung des Leutnants d.
Res. von Scherbening und anderer Europäer, die diese Gegend früher
als Patrouillen durchstreift hatten, daß wir bald in ein Gebiet mit
Verpflegung kommen würden. Aber die Bestände waren nicht überreichlich,
und wir waren recht froh, daß die Jagd wieder einen großen Teil zu
unserer Verpflegung beizusteuern imstande war. In der Tat sind die
enormen Massen an Flußpferden, die während mehrerer Tagemärsche
oberhalb von Nangwale den Fluß manchmal in großen Herden von 15 bis
20 Stück bevölkerten, ein ganz wesentliches Nahrungsmittel für uns
geworden. Auch ich konnte es mir nicht versagen, auf einen starken
Bullen einen Kopfschuß anzubringen; das Tier ging sofort unter und
ließ über sich einen Wirbel wie ein untergehendes Schiff. Nach einiger
Zeit kam es wieder hoch, mit den Läufen nach oben und schlug nur noch
wenig. Das Tier wurde dann mit Hilfe eines Seiles ans Ufer gezogen.
Die zahlreich vorhandenen Krokodile mahnten hierbei zur Vorsicht, und
manche gute Beute konnte aus Besorgnis vor dieser Gefahr nicht geborgen
werden. Das Wildbret des Flußpferdes schmeckt wie derbes Rindfleisch,
die Zunge ist dabei besonders wohlschmeckend. Das wichtigste aber ist
das ausgezeichnete Schmalz, das die Truppe inzwischen sehr schnell
zuzubereiten gelernt hatte. Seine schneeweiße appetitliche Farbe war
jetzt etwas ganz anderes als das schmutzige Gelb der ersten Versuche
am Rufiji. Bei meinen mehrfachen Erkundungs- und Jagdgängen in den
Wald hatten mir der begleitende Askari und die zum Tragen des erlegten
Wildes mitgenommenen Leute allmählich auch einige Geheimnisse des Pori
verraten. Wir hatten längst gelernt, aus verschiedenen Blattpflanzen
(Mlenda genannt) recht guten Spinat zu machen; jetzt zeigten mir die
Leute auch verschiedenerlei recht wohlschmeckendes, wildes Baumobst.
Auch lernten wir, daß die Kerne der Mbinji-Frucht, deren Fleisch mir
von früher her als blausäurehaltig bekannt war, durchaus blausäurefrei
sind und geröstet eine außerordentlich wohlschmeckende Nahrung bilden;
der Geschmack erinnert an unsere Haselnuß.
Am 17. Dezember 1917 langte das Kommando in Chirumba (Mtarika)
an. Dorthin war Oberleutnant von Ruckteschell mit seiner Kompagnie
vorausgeeilt und hatte den schwachen portugiesischen Posten
schnell vertrieben. Es war dies eine Station der portugiesischen
Nyassa-Kompagnie; diese kaufmännische Gesellschaft verwaltet
zugleich den nördlichen Teil der Kolonie. Auch weiter südlich wird
deren Verwaltung von anderen Privatgesellschaften durchgeführt. Der
portugiesische Beamte in Chirumba, namens Fernandez, scheint recht
tüchtig gewesen zu sein. Die massiven Gebäude seiner auf einer ganz
kahlen Erhebung angelegten Station waren tadellos sauber; eine dicht
daneben gelegene Schanze sicherte gegen Überfälle. Schöne Gartenanlagen
mit Obst und Gemüse befanden sich am Ufer des nahen Lujendaflusses.
Alleen von Maulbeer- und Mangobäumen säumten die sorgfältig angelegten
Wege. Diese Mangos, von den Eingeborenen Emben genannt, gab es bei der
Station und in den nahen Eingeborenendörfern in verschiedenen Arten.
Sie fingen bereits an zu reifen und waren so zahlreich, daß ihre
geregelte Aberntung durch die Truppe sich lohnte. Einer Vergeudung,
zu der der Schwarze ja im allgemeinen neigt, wurde nach Möglichkeit
vorgebeugt; die prachtvolle süße Frucht kam allen Europäern und
auch einem großen Teile der Farbigen zugute und bildete bei dem
Mangel an Zucker auf Wochen hinaus eine wirklich wertvolle Zutat zur
Verpflegung. Als ich bei meinem Eintreffen in Chirumba die Veranda
des Europäerhauses betrat, setzte mir Oberleutnant von Ruckteschell
lange entbehrtes Schweineschmalz vor; hier wie auf vielen anderen
portugiesischen Stationen hatte es europäische Schweine gegeben.
Wir machten uns auf mehrere Wochen seßhaft. Eine Abteilung zog weiter
stromaufwärts und nahm die kleine Station +Luambala+ in Besitz.
General Wahle zog gleichfalls nach dem uns von früher her bekannten,
reichen Stationsort von Mwembe. In das reich angebaute Dreieck
Chirumba-Luambala-Mwembe und nach außen hinaus über dessen Grenze
gingen nun bald unsere Verpflegungspatrouillen und Streifabteilungen.
Die Eingeborenen in dieser Gegend erwiesen sich zum großen Teil als
verständig und freundlich; sie wußten von früher her, daß sie von
der deutschen Truppe nichts zu befürchten hatten. Trotzdem hatten
manche ihre Verpflegungsvorräte im Busch versteckt und wollten nichts
oder nur wenig liefern. Unsere Leute hatten aber längst gelernt,
beispielsweise einen verdächtig aussehenden Baumstumpf genauer zu
untersuchen und festzustellen, daß er künstlich aufgestellt und sein
Inneres mit Vorräten angefüllt war. Andere stachen mit dem Stock in
den lockeren Boden eines frisch angelegten Gartenbeetes und fanden
darunter die vermuteten Erntevorräte eingegraben. Kurz, eine Menge
solcher Verstecke wurden entdeckt, und als wir in einer großen
Grashütte beim Weihnachtsfest zusammensaßen, da waren wir von den
drückendsten Verpflegungssorgen befreit. Der Lujendafluß war nach den
Schilderungen unserer Leute vor einigen Monaten so fischreich gewesen,
daß an einigen Stellen ganze Körbe voll Fische herausgeholt werden
konnten. Auffallenderweise wurde aber um diese Zeit nur sehr wenig
gefangen. Meist waren es etwa unterarmlange Welse und kleinere Fische,
die mit Vorliebe ganz knusperig gebraten wurden. Auch sie trugen ihren
bescheidenen Teil zur Bereicherung der Verpflegung bei.
Die Verbindung mit der Abteilung Koehl, die in die Gegend von Medo
gerückt war, wurde durch Relaispost hergestellt. Ich rechnete mit
der Wahrscheinlichkeit, daß der Feind nach alter Methode eine
größere konzentrische Unternehmung gegen uns vorbereitete, daß
seine Vorbereitungen aber mindestens einen Monat in Anspruch nehmen
würden. Somit war mit einer erheblichen feindlichen Tätigkeit erst
nach der Regenzeit zu rechnen, deren Schluß ich auf Ende Februar
annahm. Ungefähr um diese Zeit gedachte ich unsere Streitkräfte in
der Gegend von Nanungu enger zu versammeln. Bis dahin mußten wir
die Verpflegungsbestände dieses Gebietes also schonen und so viel
wie möglich von den Beständen leben, die aus dem äußeren Umkreise
unserer gesamten jetzigen Unterbringung bezogen werden konnten. Die
Jagdergebnisse waren bei Chirumba anfangs nicht erheblich, steigerten
sich aber, als auf dem östlichen Ufer des Lujendaflusses und besonders
weiter stromaufwärts stärkere Bestände an Antilopen vorgefunden wurden.
Der Verkehr über den Fluß vollzog sich jetzt, bei dem niedrigen
Wasserstande der Trockenzeit, für die Trägerkarawanen, die ihre Lasten
nach Magazinen auf das Ostufer des Flusses schafften, durch mehrere
Furten. Außerdem waren zum Übersetzen einige große Einbäume vorhanden.
Zur weiteren Erkundung und zum Ansammeln von Verpflegung wurden
wochenlang Patrouillen entsandt. Die auf Monate entsandte Patrouille
des Leutnants von Scherbening marschierte von Chirumba über Mtende,
Mahua und schließlich weiter nach Süden über den Luriofluß, dann den
Malemafluß aufwärts und überrumpelte die portugiesische Boma Malema.
Ein Italiener, der am Lujendaflusse Elefanten gejagt und sich gänzlich
abgerissen und verhungert bei uns eingefunden hatte, begleitete die
Patrouille des Leutnants von Scherbening. Durch verschleppte Malaria
war aber die Gesundheit des Mannes derartig untergraben und seine
Milz so riesenhaft angeschwollen, daß er aus der Gegend von Mahua
schließlich auf seine bei Malacotera gelegene Pflanzung getragen werden
mußte.
Anfang Januar 1918 begannen die Engländer, sich zu regen. Von der
Südostecke des Nyassasees her nahten sich zwei feindliche Bataillone
-- das 1. und 2. der I. Kings African Rifles -- der Abteilung des
Hauptmanns Goering, der herangekommen war und dann ein festes Lager
in dem spitzen Winkel zwischen Luambala- und Lujendafluß bezogen
hatte. Er sicherte die weiter oberhalb am Lujendafluß gelegenen
Verpflegungsmagazine. Am 9. Januar wurde vormittags ein Teil des
Feindes, der hier vereinzelt angriff, geschlagen. Als der Gegner
nachmittags nach Eintreffen seiner Verstärkungen erneut vorging und
zugleich feindliche Truppen auf das Ostufer des Lujendaflusses nach
Norden in Richtung auf die Verpflegungsmagazine vordrangen, ging
Hauptmann Goering mit dem Hauptteil seiner Truppe auf das Ostufer. Im
bisherigen Lager, auf dem Westufer, blieb nur eine stärkere Patrouille,
die den Feind zurückhielt. Zu gleicher Zeit gingen feindliche Truppen
-- festgestellt wurde das aus südafrikanischen Mischlingen bestehende
II. Cape-Corps -- von Mtangula aus auf Mwembe vor.
Es kam nun zu einer Unzahl von kleineren Unternehmungen und
Patrouillengefechten, die uns bei der Schwierigkeit, unsere Träger,
die Verpflegung herantrugen, ausreichend zu decken, oft in eine
unangenehme Lage brachten. Die Engländer benutzten diese für uns
unangenehme Zeit geschickt zu Versuchen, die Anhänglichkeit unserer
Askari und Träger zu untergraben. Natürlich waren viele derselben
kriegsmüde. Die Strapazen waren auch wirklich recht groß gewesen.
Dazu kam bei vielen das unsichere Gefühl, wohin die Reise nun weiter
führen sollte. Die überwiegende Mehrzahl der Schwarzen hängt an den
Verwandten und an der Heimat. Sie sagten sich: wenn wir nun weiter
marschieren, dann kennen wir das Land und die Wege nicht mehr. Von da,
wo wir jetzt sind, finden wir uns noch zurück, aber später nicht mehr.
Die englischen Einflüsterungen und Flugblätter, die Colonel Baxter in
unsere Reihen tragen ließ, fielen deshalb bei manchen auf fruchtbaren
Boden, und so sind damals eine Reihe guter Askari und selbst ältere
Chargen desertiert. Kleine Unannehmlichkeiten, wie sie immer vorkommen,
Weiberangelegenheiten und dergleichen, trugen das ihrige dazu bei, den
Leuten ihren Entschluß zum Fortlaufen zu erleichtern. Es kam vor, daß
ein alter Sol (schwarzer Feldwebel), der eine glänzende, selbständige
Patrouille geführt und eine starke Trägerabteilung mit Lasten geschickt
mitten durch die feindlichen Reihen zurückgebracht hatte, und der
wegen seiner guten Leistungen zum „Effendi“ (schwarzen Offizier)
vorgeschlagen war, plötzlich verschwunden war. Auch er war desertiert.
Die Impulsivität des Schwarzen macht auch für schlechte Einflüsterungen
leicht empfänglich. Aber wenn sich der feindliche Colonel rühmen kann,
durch seine Tätigkeit in unseren Reihen bei einigen Elementen eine
moralische Krankhaftigkeit erzeugt zu haben, so war dieser Zustand doch
nur von vorübergehender Dauer. Bald kehrten die alte Unternehmungslust
und das alte Vertrauen zurück, auch bei denen, die den Kopf hatten
hängen lassen. Das Beispiel der guten Askari, die einfach lachten
über die goldenen Berge, die ihnen der Feind versprach, wenn sie
desertierten, gewann die Oberhand. In einem so langen und aufreibenden
Kriege war eben die Stimmung gelegentlich auch niedergedrückt. Es
kam weniger darauf an, sich hierüber zu erstaunen und zu entrüsten,
als vielmehr, dem kräftig entgegenzuwirken, und dazu waren die guten
Elemente fest entschlossen, die zahlreich unter unseren Europäern,
Askari und Trägern vorhanden waren.
Zweiter Abschnitt
Östlich des Lujendaflusses
Die Patrouille des Hauptmanns Otto, die vom Hauptmann Tafel vor dessen
Waffenstreckung zu mir abgesandt war und die Einzelheiten über die
dortigen Vorgänge meldete, war in Chirumba eingetroffen. Hauptmann
Otto rückte jetzt mit zwei weiteren Kompagnien nach Luambala und
übernahm dort den gemeinsamen Befehl auch über die Abteilung Goering
(3 Kompagnien). Richtigerweise erfolgte der Hauptdruck des Feindes
dort bei Luambala, und zwar auf dem östlichen Ufer des Lujenda. Es war
ja klar, daß, wenn der Feind dort flußabwärts vordrang, meine Lage
bei Chirumba, auf dem Westufer des Flusses, in einem Gebiet, dessen
Verpflegungsbestände nach und nach erschöpft wurden, und mit dem durch
die inzwischen gefallenen Regen stark angeschwollenen Fluß in meinem
Rücken äußerst ungünstig wurde.
Es war nötig, mich dieser Lage zu entziehen und meine Kräfte
rechtzeitig auf das östliche Lujendaufer zu verschieben. Leider waren
die Furten infolge Hochwassers nicht mehr passierbar, der gesamte
Uferwechsel auf die drei vorhandenen Einbäume angewiesen.
Die Kompagnien wurden nach und nach ohne irgendwelche Störungen auf
das Ostufer hinübergesetzt. Die Ernährung fing an, recht schwierig zu
werden. Erfreulicherweise meldete Hauptmann Koehl, der in der Gegend
von +Medo+ und +Namunu+ die sehr verständigen Eingeborenen zum Anbau
schnell reifender Feldfrüchte angehalten hatte, daß dort schon von
Mitte Februar ab auf die Erträgnisse der neuen Ernte zu rechnen sei.
Aber bis dahin war noch ein Monat; so mußten wir mit allen Mitteln
versuchen, noch längere Zeit in der Gegend von Chirumba zu bleiben.
Erfreulicherweise halfen uns da, wie früher das Manna den Kindern
Israel, die in enormen Mengen um diese Jahreszeit hervorschießenden
Pilze aus der gröbsten Verlegenheit. Ich hatte mich schon in
Deutschland für Pilzkunde interessiert und fand bald nahe Verwandte
unserer deutschen Sorten, der Pfifferlinge, Champignons, Steinpilze und
anderer im afrikanischen Walde vor. Ich habe sie oft in kürzester Zeit
körbeweise gesammelt, und wenn auch eine allzu einseitige Pilznahrung
schwer verdaulich und nicht allzu kräftig ist, so waren uns die Pilze
doch eine wesentliche Beihilfe.
[Illustration: Askarifrau]
Bei strömendem Regen zogen wir dann weiter nach Osten. Die sonst
trockenen Bergschluchten waren zu reißenden Flüssen geworden. Durch
gefällte Uferbäume, die quer über den Fluß fielen, wurden Übergänge
geschaffen, ein Geländer schnell durch Stangen oder zusammengeschlagene
Baumrinde improvisiert. Mein Maultier, das ich wegen eines Fiebers
ritt, das mich befallen hatte -- ich war anscheinend besonders
empfänglich für Malaria und litt häufig darunter -- sowie die wenigen
anderen Reittiere, die bisher nicht in den Kochtopf gewandert waren,
schwammen hinüber. Am Lagerplatz angekommen, bauten mir meine Leute
wegen der Feuchtigkeit des Erdbodens schnell aus Zweigen eine erhöhte
Lagerstelle, über die meine beiden Mannschaftszeltbahnen als Dach
gespannt wurden. Oberveterinär d. Res. Huber, der für das materielle
Wohl der Mitglieder des Kommandos sorgte, und unter ihm unser tüchtiger
schwarzer Koch, der bärtige alte „Baba“, waren sogleich am Werk,
und trotz regennassem Holze konnten wir uns stets in kurzer Zeit am
Feuer zu gemeinsamem Mahle einfinden. Oft hatte es ~Dr.~ Huber fertig
gebracht, hierzu in der Eile ein schützendes Grasdach herstellen zu
lassen.
An sonnigen Tagen wurde eifrig Tabak fermentiert und geschnitten. Der
tüchtige Feldintendant, Leutnant z. S. a. D. Besch, der stets von neuem
erfinderisch war, wenn es das leibliche Wohl der Truppe galt, hatte
auch hieran gedacht und den bei den Eingeborenen vorgefundenen recht
guten Tabak gesammelt. Trotz alledem waren die Entbehrungen aber recht
groß, und die Einflüsterungen des Feindes, daß jeder Schwarze, der zu
ihm überliefe, frei in seine Heimat ziehen und dort auf eigenem Boden
behaglich leben sollte, trafen auch jetzt nicht immer auf taube Ohren.
Auch der jahrelang treu dienende Boy eines Offiziers war eines Morgens
verschwunden; wahrscheinlich hatte seine „Bibi“ (Frau) das Kriegsleben
satt bekommen.
Die Abteilung des Hauptmanns Otto rückte von Luambala aus direkt
nach Osten nach Mahua und fand dann am Luriofluß ein reiches Gebiet
mit Verpflegung vor. Abteilung Goering, die von Luambala aus quer
durch die Landschaft auf Mtende rückte, fand unterwegs größere
Verpflegungsmengen. Die Ernte war in dieser Gegend sehr viel früher als
in Deutsch-Ostafrika; der Mais fing an zu reifen und konnte zum großen
Teil schon verzehrt werden.
Das Kommando zog zunächst von Chirumba nach Mtende und dann nach
einigen Tagen weiter nach +Nanungu+; Abteilung Wahle, die von Chirumba
aus nach Mtende gefolgt war, wurde hier von mehreren feindlichen
Kompagnien umgangen, die überraschend auf einer Höhe im Rücken
der Abteilung auftauchten und den Botendienst und die Transporte
unterbrachen. General Wahle entzog sich durch einen Umweg dieser
unbequemen Lage und rückte in Richtung auf Nanungu näher an das
Kommando heran.
Bei Nanungu fanden wir reichliche Verpflegung, und es lohnte sich, in
dem Raume von +Nanungu+, +Namunu+ und weiter südlich am Lurio wieder,
wie in früherer Zeit, Aufkaufposten und Magazine anzulegen. Die
Wildbestände lieferten gute Beute, und die Eingeborenen brachten gern
Gartenfrüchte und Honig herbei, um diese gegen Fleisch, lieber aber
noch gegen Bekleidungsstücke einzutauschen. Recht willkommen war eine
wohlschmeckende, süße, kirschartige Porifrucht, die zu Millionen in
der Gegend von Nanungu heranreifte. Ich ließ sie mit Vorliebe zu Jam
verarbeiten. Auch andere Leckereien, besonders Erdnüsse, bekamen wir
gelegentlich, und weit und breit verrieten die krähenden Hähne, daß es
in den Lagern und bei den Eingeborenen Hühner und Eier gab.
Das Einsetzen der Regenzeit stimmte nicht genau mit dem Vorhersagen der
Eingeborenen überein; es gab zwar tüchtige Güsse, aber das Wasser lief
in dem hügeligen Gelände schnell ab und sammelte sich in der Hauptader
jener Gegend, dem Msalufluß, der zu einem starken Hindernis anschwoll.
Über den Msalufluß hatte der als Vizefeldwebel zur Truppe eingezogene
Feldpostsekretär Hartmann eine Pontonbrücke gebaut, die uns mit der
Abteilung des Generals Wahle verband. Diese war noch auf dem westlichen
Ufer des Flusses geblieben. Als schwimmende Unterstützungen der Brücke
dienten Rindenboote. Die Notwendigkeit, in dem wasserreichen Gebiete
die angeschwollenen Flüsse glatt überwinden zu müssen, lenkte meine
Aufmerksamkeit auf diese Frage. Bisher hatten wir für alle Fälle einige
Einbäume mitgetragen. Der Transport war aber auf die Dauer zu schwierig
und dieses Mittel zu wenig leistungsfähig. Der Kriegsfreiwillige
Gerth, ein Pflanzer vom unteren Rufiji, interessierte sich besonders
für diese Frage und ließ sich von den Eingeborenen der Landschaft, die
hierin besonders sachkundig waren, im Bau von Rindenbooten unterweisen.
Nachdem die Versuche schnell zu einem Resultat geführt hatten, wurde
bei allen Kompagnien der Bau solcher Boote, für deren Herstellung
nach einiger Übung knapp zwei Stunden erforderlich waren, mit Eifer
betrieben. Diese Boote sind in größerem Maßstabe von uns nicht benutzt
worden, aber sie gaben uns das sichere Gefühl, daß im Notfalle auch
ein starkes Stromhindernis für unsere recht unhandlichen Karawanen und
Lasten nicht unüberwindlich sei.
Nach einiger Bekanntschaft mit der Gegend fanden wir im Msaluflusse
Furten, die auch bei hohem Wasserstand einen Uferwechsel gestatteten.
Unsere Kampfpatrouillen unter Sergeant Valett und anderen gingen von
unseren gesicherten Lagern bei Nanungu aus, durchschritten den Fluß,
der unser Unterkunftsgebiet nach Westen zu als Hindernis begrenzte,
und suchten den Feind in seinen Lagern bei Mtende auf. Einer dieser
Patrouillen, die besonders stark gemacht und mit 2 Maschinengewehren
ausgerüstet war, gelang es, westlich von Mtende eine feindliche
Verpflegungskarawane zu überfallen. Die Unsrigen haben sich dann aber
nicht schnell genug den feindlichen Bedeckungstruppen entzogen und
kamen, von mehreren Seiten angegriffen, in eine schwierige Lage. Beide
Maschinengewehre gingen verloren und die sie bedienenden Europäer
fielen. Nach und nach trafen die Askari zwar wieder vollzählig in
Nanungu ein, aber der Patrouillenführer, Feldwebel Müßlin, der sich
während des Marsches allein entfernt hatte, war in Feindeshand
gefallen. Eine andere Patrouille, mit der Hauptmann Müller nach
Norden zu den Msalu überschritt, vertrieb schnell eine englische
Postierung bei Lusinje. In der Gegend von Lusinje war auch das Lager
des englischen Leutnant Wienholt erbeutet worden, der, wie früher
erwähnt, aus unserer Gefangenschaft entlaufen und einer der besten
englischen Patrouillenführer geworden war. Die Eingeborenen wurden
durch die englischen Patrouillen gründlich bearbeitet und leisteten
dem Feinde gegen Belohnung durch Kleidungsstücke Spionagedienst. Auch
der anläßlich des Bootsbaues erwähnte Kriegsfreiwillige Gerth wurde
am Msalufluß, am Hause eines Jumben, von einer englischen Patrouille
überfallen und fand hierbei seinen Tod.
Mächtig erhoben uns damals in der zweiten Hälfte des März 1918
die Nachrichten von der gewaltigen deutschen Märzoffensive an der
Westfront, die unsere Funkenstation auffing. Ich wettete mit dem
Sanitätsoffizier beim Stabe, Stabsarzt Taute, daß Amiens bald fallen
würde. Die Zeit mehrwöchentlicher Ruhe, die jetzt beim Stillstand
unserer Operationen eintrat, benutzte ich, um meinen rechten Fuß, der
mir infolge eines Sandflohes seit einem halben Jahr Unbequemlichkeiten
machte, in Ordnung bringen zu lassen. Die in manchen Lagern in
Unmenge vorkommenden Sandflöhe bohren sich mit Vorliebe an den
Rändern der Fußnägel in das Fleisch und verursachen dort schmerzhafte
Entzündungen. Wird nicht aufgepaßt, so greifen diese weiter um sich
und nach ärztlicher Ansicht ist die Verstümmelung vieler Füße der
Eingeborenen und der Verlust der Zehen häufig auf solche Sandflöhe
zurückzuführen. Auch ich litt unter dieser Unbequemlichkeit, und beim
Gehen bildeten sich immer wieder Entzündungen. Stabsarzt Taute konnte
mir glücklicherweise den Zeh unempfindlich machen, um dann den Nagel
herauszureißen.