Späher gestoßen, von denen mehrere tot liegenblieben. Die nachfolgenden
Stunden, während welcher die nach und nach eintreffenden Kompagnien
aufmarschierten und den Übergang der nachfolgenden Teile deckten,
benutzte ich zur Erkundung. Nicht weit vor unserer Front, vom anderen
Ufer des Lujendaflusses her, hörte man Signale und sah auch Leute.
Wir gelangten dicht an das feindliche Lager heran, und man sah auf
wenige hundert Meter Leute in weißen Anzügen herumgehen. Andere führten
Erdbefestigungen aus, auch eine Trägerkolonne wurde bemerkt. Sicher
handelte es sich um eine größere Truppenzahl.
Während ich noch überlegte, ob und auf welche Weise ein Angriff
Aussicht bot, trat eine Kolonne in Khaki gekleideter Askari vom Lager
her den Vormarsch auf unsere Truppen an. Etwa eine Kompagnie des
Feindes war aus dem Lager herausgetreten. Ich vermutete, daß der Gegner
richtigerweise mit allen seinen Kräften unsere noch beim Flußübergang
beschäftigten Truppen angreifen wollte, lief schnell zurück und
ordnete für unsere zuerst übergegangenen Kompagnien die Einnahme einer
geeigneten Verteidigungsstellung an. Der günstige Fall, den ich erhofft
hatte, trat aber nicht ein: der Feind kam nicht. Und so wurde ich
erneut vor die Frage gestellt, was zu tun wäre. Man konnte zweifelhaft
sein, ob es nicht mit Rücksicht auf unsere zahlreichen Träger
zweckmäßiger wäre, an dem Feinde, der hier bei Ngomano stand, vorbei
und weiter den Lujendafluß aufwärts zu marschieren. Entweder störte
uns der Feind hierbei nicht, oder, wenn er uns stören wollte, mußte er
aus seinen Verschanzungen herauskommen und sich zu einem schwierigen
Angriff entschließen.
Andererseits war es nicht unwahrscheinlich, daß unser Angriff auf das
feindliche Lager dieses noch nicht allzu stark befestigt antreffen
würde. Die Erkundung hatte ergeben, daß auf dem jenseitigen Ufer des
Lujendaflusses entlang ein Streifen dichten Galeriewaldes unmittelbar
an das Lager heranführte und die Möglichkeit bot, hier mit stärkeren
Kräften überraschend und entscheidend anzugreifen. Ich war mit mir noch
nicht ganz einig, als Hauptmann Müller mich darin bestärkte, von den
beiden in Betracht kommenden Entschlüssen denjenigen zu wählen, der
zwar ein großes Wagnis, aber auch die Aussicht auf den seit längerer
Zeit ersehnten durchschlagenden Erfolg und auf die unbedingt notwendige
Beute an Patronen und Kriegsmaterial bot. Zeit durfte nicht verloren
werden.
[Illustration: Askarifrau]
Der Angriff wurde deshalb noch während des Flußüberganges der
nachfolgenden Teile unternommen. Während unser leichtes Gebirgsgeschütz
die feindlichen Schützengräben von Westen her beschoß und gleichzeitig
mehrere Kompagnien den Feind auf dieser Seite sowie von Norden
beschäftigten, überschritt die Abteilung des Hauptmanns Koehl den
Lujenda einen Kilometer oberhalb Ngomano, ging auf dem jenseitigen
Ufer in dem hohen Galleriewalde vor und griff das feindliche Lager
von Süden her entscheidend an. Ich selbst befand mich auf einem
kleinen Hügel westlich des Lagers, in der Nähe unseres Geschützes.
Unmittelbar hinter mir marschierte die zuletzt über den Fluß gehende
Abteilung des Generals Wahle nach und nach in einer Geländesenkung
auf. Vor mir hatte ich über das dichte, aber niedrige Buschwerk hinweg
einen leidlichen Einblick in die feindlichen Befestigungsanlagen. Die
Maschinengewehre des Gegners schossen nicht schlecht und ihre Garben
lagen mehrfach auf unserem kleinen Sandhügel, von wo ich eine Anzahl
Europäer und Askari, die sich hier unnötigerweise angesammelt hatten
und dem Feinde gut sichtbar waren, in Deckung zurückschicken mußte. Der
uns von früher bekannte helle Klang der feindlichen Gewehre und das
Fehlen der Minenwerfer machte es wahrscheinlich, daß der Gegner aus
Portugiesen bestand. Hatten wir doch gelernt, den dumpfen vollen Knall
unserer 71er, den scharfen Ton unserer ~S~-Gewehre, den Doppelschlag
der englischen Gewehre und den hellen Klang des nur etwas über 6 ~mm~
Kaliber betragenden portugiesischen Gewehrs deutlich zu unterscheiden.
Auch unsere Askari hatten es sofort gemerkt; in den vorhergehenden
Gefechten war es sehr unangenehm gewesen, daß die feindlichen
Minenwerfer sich stets so schnell auf unsere Stellungen einschossen.
Bei der Rauchentwicklung unserer 71er war es eben nicht möglich, sich
hiergegen zu schützen. Heute aber gab es keine Minenwerfer, und der
verräterische Rauch unserer guten, alten Gewehre war nicht so schlimm.
Dafür aber gaben sie, wenn sie trafen, ein ganz gehöriges Loch. Bald
erkannten unsere Askari, daß sie heute ihr soldatisches Übergewicht
auch zur Geltung bringen konnten, ohne durch Nachteile in der
Bewaffnung gehindert zu sein. „Heute ist der Tag der alten Gewehre“,
riefen sie ihren deutschen Führern zu, und bald sah ich von meinem
Hügel aus die Schützenlinie der Abteilung Koehl in vollem Lauf gegen
die feindlichen Befestigungen anstürmen und diese nehmen.
Das war das Signal zum Ansturm auch auf den anderen Angriffsfronten.
Von allen Seiten drangen sie in den Feind, der durch das konzentrische
Feuer stark erschüttert war. Von dem etwa 1000 Mann starken Gegner
dürften kaum mehr als 300 entkommen sein. Unsere Askari stürzten sich
vielfach ohne Rücksicht auf den noch feuernden Feind auf die Beute;
auch eine Menge Träger und Boys hatten die Situation erfaßt, waren
sofort zur Stelle und wühlten in den Schmalztöpfen und sonstigen
Verpflegungsbeständen herum, öffneten Konservenbüchsen und warfen
sie wieder fort, wenn sie glaubten, in einer anderen Büchse etwas
Schöneres zu finden. Es war ein furchtbares Durcheinander. Auch die
soeben gefangenen portugiesischen Askari machten gemeinsame Sache bei
der Plünderung ihrer eigenen Bestände. Es war nicht anders möglich, als
mit größter Energie durchzugreifen. Ich wurde recht deutlich und machte
beispielsweise auf einen mir bekannten Träger, der mir immer wieder
ausriß und sogleich an anderer Stelle wieder zum Plündern erschien,
mindestens siebenmal Jagd. Schließlich gelang es aber doch, die Ordnung
herzustellen.
Ungefähr 200 Gefallene wurden durch uns beerdigt, etwa 150 Europäer
gegen die eidliche Erklärung, in diesem Kriege nicht mehr gegen
Deutschland oder seine Verbündete zu fechten, frei gelassen, mehrere
hundert Askari gefangen. Wertvolles und für uns so notwendiges
Sanitätsmaterial, das bei der jahrhundertelangen Kolonialerfahrung
der Portugiesen vorzüglich war, ebenso mehrere tausend Kilogramm
Europäerverpflegung und vielerlei Ausrüstung, dabei auch 6
Maschinengewehre, und etwa 30 Pferde wurden erbeutet, leider aber
keinerlei Eingeborenenverpflegung. Fast die Hälfte unserer Truppe wurde
neu bewaffnet, diesmal portugiesisch, und hatte reichlich Munition.
Eine Viertel Million Patronen waren erbeutet, und diese Beute steigerte
sich im Laufe des Dezember auf fast eine ganze Million. Aus den
Beutepapieren ging hervor, daß die portugiesischen Europäerkompagnien
erst wenige Tage vorher bei Ngomano eingetroffen waren, um den
unmöglichen englischen Befehl auszuführen, das Entweichen der Deutschen
über den Rowuma zu verhindern. Es war wirklich ein reines Wunder, daß
diese Leute alle so rechtzeitig für uns in Ngomano versammelt waren,
daß die Einnahme dieses Ortes sich wirklich lohnte und wir mit einem
Schlage von einem großen Teile unserer Verlegenheiten befreit waren.
Aber eine große Verlegenheit bestand noch immer, und diese trieb uns
rastlos weiter. Das war die Sorge, für die Masse unserer Eingeborenen
Verpflegung zu schaffen. So zogen wir den Lujendafluß aufwärts. Tag
für Tag suchten unsere Patrouillen nach eingeborenen Führern und nach
Verpflegung. Es kam aber in den nächsten Tagen sehr wenig ein. Die
Eingeborenen, an sich in dieser Gegend wenig zahlreich, waren infolge
des Durchmarsches der Portugiesen vor deren Rücksichtslosigkeit und
Grausamkeit geflohen und hatten ihre geringen Vorräte versteckt. Ein
Maultier und ein Pferd nach dem anderen wanderte in unsere Kochkessel;
glücklicherweise ist die Gegend sehr wildreich, und der Jäger kommt
fast bei jedem Pürschgange auf eine der zahlreichen Antilopen oder auf
Perlhühner zum Schuß.
Waren anfänglich die Marschkolonnen übertrieben lang und unordentlich,
so machte Übung auch hier bald den Meister. Bald lernten Träger, Bub,
Weiber und Kinder Abstände und Tempo innehalten, genau wie die Askari.
Ordentlich und gleichmäßig zog der Heerwurm, zu Einem hintereinander,
auf den schmalen Negerpfaden oder auch quer durch den Busch in das
unbekannte Land. Nach zwei Stunden folgte meist der erste, nach
weiteren zwei Stunden der zweite halbstündige Halt; sechs Stunden reine
Marschzeit, also 25-30 ~km~ täglich, waren die Regel, oft waren die
Tagesleistungen größer. Die Truppe war meist in Abteilungen zu drei
Kompagnien, eine Kolonne, ein Feldlazarett gruppiert. Die vorderste
Abteilung einen Tagemarsch voraus, die letzte einen Tagemarsch hinter
dem Gros der Truppe. In jeder Abteilung die Gefechtskompagnien mit
ihren Maschinengewehren voran; sie hatten nur die nötigsten Patronen-
und Sanitätslasten bei sich und für jeden Europäer etwa eine Last
mit dem Unentbehrlichen. Die Askari marschierten flott vorwärts,
kerzengerade aufgerichtet, das Gewehr auf der Schulter mit dem Kolben
nach hinten, wie es von jeher in der Schutztruppe Sitte war. Flott
ging die Unterhaltung, und nach den vielfach reichen Beuten der
feindlichen Lager dampften überall die Zigaretten. Wacker marschierten
die kleinen Signalschüler, halbwüchsige Jungens in Askari-Uniform
mit, die meisten ihre Habseligkeiten in einem Bündel auf dem Kopfe
tragend. Vertraulich riefen mir die Askari ihr ~„Jambo Bwana Obas“~
(Guten Tag, Herr Oberst!) oder ~„Jambo Bwana Generals“~ zu, oder ein
kleiner Signalschüler drückte seine Hoffnung aus, einmal nach ~„Uleia“~
(Europa) und nach Berlin zu kommen. „Dann wird der Kaiser zu mir sagen
„Guten Tag, mein Sohn!“ und ich werde ihm vorsignalisieren. Er wird
mir dann Braten geben und mich zur Kaiserin führen. Die Kaiserin sagt
dann „Guten Tag, mein Kind!“ und wird mir Kuchen geben und mir die
Schaufenster zeigen.“ Bei allem Geplauder spähten die Askari haarscharf
aus, und keine Bewegung im dicken Busch entging ihren Luchsaugen. Die
vorangehende Spitze sprach jede Spur an und schloß daraus auf den
Marsch und die Nähe feindlicher Truppen. Ebenso militärisch waren
die Maschinengewehrträger, meist stramme Waniamwezi und Wazukuma.
Den Kompagnien oder Abteilungen folgten die Träger mit den Lasten
von Verpflegung, Gepäck, Lagergerät und Kranken, die getragen
werden mußten. Die Lasten, etwa 25 ~kg~, wurden auf den Köpfen oder
abwechselnd auf einer Schulter getragen. Die Leistung dieser Leute ist
enorm. Immer fester verwuchsen sie mit der Truppe. War die Verpflegung
einmal knapp, und man kam ohne Beute von der Jagd zurück, so sagten sie
wohl ~„Haisuru“~ („Schadet nichts, wir werden ein ander Mal bekommen“).
Viele gingen barfuß und oft traten sie sich Dornen ein. Manchmal zog
einer während des Marsches kurz entschlossen sein Messer und schnitt
sich ein ganzes Stück Fleisch von seinem verletzten Fuße ab. Dann
marschierte er weiter. Den Trägern folgten die Frauen, die „Bibi“.
Viele Askari hatten ihre Frauen und Kinder mit im Felde, manche Kinder
brachte der Storch während der Märsche. Die Frauen trugen ihr ~„mali“~
(Eigentum) und das ihres Eheherrn zusammengebunden auf dem Kopfe. Oft
trugen sie noch ein kleines Kind, das in ein Tuch eingebunden auf ihrem
Rücken hing und mit seinem Wollköpfchen herausguckte. Für Ordnung und
Schutz bei den Frauen sorgte ein Europäer oder eine zuverlässige alte
Charge mit einigen Askari. Alle liebten das Bunte, und nach einer
großen Beute von bunten Tüchern sah der ganze viele Kilometer lange Zug
manchmal wie ein Karneval aus. Auch während des Marsches mußte an die
Verpflegungsbeschaffung gedacht werden. Jagdpatrouillen marschierten
der Kolonne voraus oder seitwärts durch den Busch. Manche blieben mit
einigen Trägern noch in der Nähe der alten Lagerplätze, wenn sich
hier Wild oder Spuren gezeigt hatten. Andere Patrouillen ließen sich
durch Menschenspuren zu Ansiedlungen führen, um dort Verpflegung zu
beschaffen.
Bei der Ankunft am Lagerplatz schlugen vier Askari und mein Boy
Serabili Äste und machten ein Gestell für die Zeltbahnen oder für eine
Grashütte. Manchmal wurde auch ein erhöhtes Nachtlager aus Zweigen
hergestellt, das mit Gras belegt wurde. Bald langte der bärtige „Baba“,
mein Koch, an und traf umsichtig seine Anweisungen für die Anlage der
Küche. Die Träger marschierten an, holten Wasser, schlugen mit ihren
Buschmessern Brennholz und schnitten Gras. Jagdpatrouillen brachten
ihre Beute, und bald dampften überall die Lochfeuer. Trägerkolonnen
hatten inzwischen in den Dörfern gedroschen und brachten Korn mit. In
den „Kinos“ (dicken Holzgefäßen) wurde das Korn mit dicken Knüppeln
gestampft, und weit durch das Pori hallten die dumpfen Schläge.
Meldungen, Geländeerkundungen, Beutepapiere wurden gebracht, eine Kiste
an schattiger Stelle war das Büro. Bei längerem Aufenthalt wurde aus
Zweigen ein Tisch gebaut. Abends am Feuer wurde gemeinsam mit Kameraden
gegessen, die Boys brachten Kisten zum Sitzen, Grandseigneurs hatten
Feldstühle. Dann ging es zur Ruhe unter das Moskitonetz und morgens
früh ging es weiter ins Ungewisse. Würden wir Verpflegung finden und
würden wir bis dahin mit dem wenigen Vorhandenen ausreichen? Diese
Fragen tauchten jeden Tag von neuem auf und begleiteten uns durch
Wochen und Monate. Das ewige Marschieren war begreiflicherweise auch
kein reines Vergnügen. Beim Kommen schnappte ich wohl Bemerkungen über
mich selber auf, wie: „Geht es denn noch immer weiter? Der Kerl stammt
wohl aus einer Landbriefträgerfamilie?“
Als wir die Mündung des +Chiulezi+ erreicht hatten, waren die
Verpflegungsschwierigkeiten so groß geworden und die von früher her
als reich bekannte Gegend hatte sich so sehr geändert, daß ich meine
ursprüngliche Absicht, die Truppe zusammenzuhalten, fallen ließ. Es
schien dies im Augenblick auch in taktischer Hinsicht unbedenklich
zu sein. Von den Engländern, die uns vielleicht folgten, war bei
ihrer sich täglich verlängernden rückwärtigen Verbindung und der
hierdurch sich steigernden Nachschubschwierigkeit ein fühlbares
Nachdrängen mit starken Kräften nicht zu erwarten. Ein Schreiben des
britischen Oberbefehlshabers, des Generals van Deventer, das mir
durch Parlamentär zuging und in dem er mich zur Übergabe aufforderte,
bestärkte mich in der Auffassung, daß General van Deventer durch
unser Ausweichen ziemlich enttäuscht war und unserem Einmarsch in
portugiesisches Gebiet vor der Hand ratlos gegenüberstand. Weder
er noch vorher General Smuts hatten in Situationen, welche für die
Engländer günstig waren, daran gedacht, eine Aufforderung zur Übergabe
zu schicken. Warum taten sie es also in einer Lage, die, wie die
jetzige oder die im September 1916 bei Kissaki, für uns zweifellos
günstig war? Doch nur, weil sie mit ihrem Latein zu Ende waren. Das
war wirklich nicht schwer zu durchschauen. Die Zeit bis zu den Ende
Dezember einsetzenden, großen Regen war zu kurz für die Vorbereitungen
zu einer neuen Operation, und nach Einsetzen der Regen mußte der
feindliche, auf Automobile basierte Nachschub auf unüberwindliche
Schwierigkeiten stoßen.
Wir hatten also Zeit und konnten uns unbedenklich in mehrere Kolonnen
teilen. Von dem zeitweiligen Verlust der Verbindung untereinander
hatten wir keinen Schaden zu befürchten. So wurde die Abteilung des
Generals Wahle abgetrennt und marschierte durch die +Mkula+-Berge,
während ich selbst den Lujenda weiter aufwärts zog.
Die in dem erwähnten Brief des Generals van Deventer mir mitgeteilte
Übergabe des Hauptmanns Tafel war ein harter und unvorhergesehener
Schlag.
Hauptmann Tafel hatte im Mai 1917, als General Wahle zur Übernahme
der Truppen an der Lindi-Front abmarschierte, den Befehl in Mahenge
übernommen. Das reiche Gebiet des Mahenge-Bezirkes sicherte er
nach Norden durch die wenige Kompagnien starke Abteilung des
Korvettenkapitäns Schoenfeldt. Dieser verstand es durch geschickte
Benutzung seines 10,5 ~cm~ Königsberg-Geschützes seinem kleinen
Detachement von wenigen Kompagnien Rückhalt zu geben und auch die
materielle Lage seiner Truppe durch Anbau von Gärten und Feldern recht
günstig zu gestalten.
Am mittleren +Ruhudje+ stand gleichfalls eine schwache Abteilung unter
Hauptmann Aumann und nordöstlich Ssongea die Abteilung des Hauptmann
Lincke in der Gegend von +Likuju+. Diese hatte häufige Zusammenstöße
mit dem Feinde und litt in dem armen Gebiet unter Verpflegungsmangel.
Sie wich daher allmählich nach Norden, nach +Mponda+ aus. Dort wurde
sie durch 2 Kompagnien und 1 Geschütz, die vom Hauptteil der Truppe
herangezogen worden waren, verstärkt. Hauptmann Otto übernahm den
Befehl. Im August 1917 gingen starke englische und belgische Truppen
konzentrisch gegen Mahenge vor; Hauptmann Tafel hatte dies kommen sehen
und seine Verpflegungsvorräte aus dem Gebiet von Mahenge auf +Mgangira+
abtransportiert. Am 11. September wurde Mahenge geräumt. Wenn auch
die einzelnen Gefechte vielfach günstig verlaufen waren, so machte
sich doch die Überlegenheit des Feindes allzusehr bemerkbar, und die
Knappheit an Munition wurde bei den meist mit rauchstarkem Gewehr 71
bewaffneten Askarikompagnien immer empfindlicher.
Später erfuhr ich durch Hauptmann Otto, der sich mit einer Patrouille
des Hauptmann Tafel zu mir durchgeschlagen hatte und mich in Chirumba
erreichte, daß Hauptmann Tafel in 3 Kolonnen westlich von Liwale nach
Süden marschiert war, am oberen Mbemkuru mehrere, zum Teil erfolgreiche
Gefechte gehabt und auch größere Mengen Munition erbeutet hatte. Er
war dann weiter nach Süden zum Bangalafluß marschiert und hatte sich,
da er mich in der Gegend von Massassi glaubte, nach Osten gewandt.
Südlich dieses Ortes angekommen erfuhr er von Eingeborenen, daß seit
mehreren Tagen die Deutschen nicht mehr nördlich des Rowuma kämpften.
Hauptmann Tafel wandte sich nun zum Rowuma, überschritt ihn in der
Nähe der Einmündung des Bangalaflusses und hoffte, auf dem Südufer
Verpflegung vorzufinden. Seine Vorräte waren buchstäblich erschöpft.
Er fand aber nichts und hatte keine Ahnung davon, daß nur etwa einen
Tagemarsch von ihm entfernt die von mir detachierte Abteilung Goering
das portugiesische Lager +Nampakescho+ genommen hatte und in der
reichen Landschaft so viel Verpflegung vorfand, daß sie für 14 Tage gut
zu leben hatte. So ging Hauptmann Tafel auf das Nordufer des Rowuma
zurück und ließ dem Feinde seine Übergabe ankündigen.
Die Nachricht von der Waffenstreckung des Hauptmanns Tafel, da es doch
bei meiner unmittelbaren Nähe am seidenen Faden hing, daß die von uns
beiden angestrebte Vereinigung geglückt wäre, machte mich von neuem
bedenklich dagegen, einen Teil meiner Truppen zu detachieren. Ich
wurde geradezu auf die Folter gespannt, als von der Abteilung Goering,
mit der bei Ngomano Patrouillenverbindung bestanden hatte, jede Meldung
ausblieb. Auch während des Weitermarsches den Lujenda aufwärts, als es
notwendig war, die einzelnen Abteilungen und Kompagnien der Suche nach
Verpflegung wegen weiter auseinander zu ziehen, mußte wiederholt auf
die Unterführung eingewirkt werden, um nicht die Verbindung und den
Zusammenhang des Ganzen zu stören. Es war ja auch gar nicht möglich,
daß die Herren, die später als Abteilungsführer so Ausgezeichnetes
leisteten und sich in den Rahmen des Ganzen einzufügen verstanden, die
hierzu notwendige Schulung schon von Anfang an mitbrachten.
Der Gouverneur war auch nach Verlassen des Schutzgebietes bei der
Truppe geblieben; nach den Bestimmungen -- die allerdings den Fall
eines Krieges mit einer europäischen Macht nicht vorsahen -- stand ihm
im Schutzgebiet die oberste militärische Gewalt zu. Dieser Befugnis
hatte er eine für den Kommandeur außerordentlich hindernde Auslegung
gegeben und in meinen Tätigkeitsbereich mehrfach störend eingegriffen.
Ich war dagegen machtlos gewesen und mußte den größten Wert darauf
legen, daß wenigstens jetzt, außerhalb des Schutzgebietes, meine Arme
frei waren. Wenn ich nun auch den Ansprüchen des Gouverneurs nicht
nachgab, so ist doch soviel zu verstehen, daß es in dieser recht
schwierigen Kriegslage Meinungsverschiedenheiten genug gab, die den
militärischen Führer, dem man allenfalls die Buchstabenverantwortung,
niemals aber die moralische Verantwortung abnehmen kann, in übergroßem
Maße belasteten.
Es ist vielleicht verständlich, daß ich in dieser Zeit gegen die
Menschen meiner Umgebung nicht immer sehr zart und rücksichtsvoll war.
So kam es, daß gerade die Offiziere des Stabes, die doch mit größter
Hingebung für die Sache arbeiteten und Anerkennung verdienten, manch
ungerechtfertigten Vorwurf erlitten. Wenn sie sich hierdurch nicht
mißmutig machen oder in der freudigen Weiterarbeit beeinträchtigen
ließen, so verdienen sie hierfür besonderen Dank; gerade der Arbeit
dieser Herren sind zum großen Teil die unter widrigen Umständen
erzielten Erfolge zuzuschreiben, die das Publikum geneigt ist, in
so freigiebiger Weise ohne Abzug meinem Konto ausschließlich gut zu
stellen. Für mich, der ich von jeher Freude am kameradschaftlichen
Leben hatte, wie es in unserem Offizierskorps gepflegt wird, gab es
natürlich auch etwas Schöneres, als diesen Zustand, wo alle Beteiligten
ein bißchen brummten. Erfreulicherweise war dies aber nur vorübergehend.
Unsere Lage war jetzt so, daß wir bei einem Zusammenstoß mit dem
Feinde nicht nach dessen Stärke fragen durften. Zu langen Erkundungen
hatten wir keine Zeit. Vielleicht ist es dieser Überzeugung und der
Entschlossenheit, mit der beim Zusammentreffen mit portugiesischen
Truppen verfahren wurde, zuzuschreiben, daß im Laufe des Dezember
in kurzer Zeitfolge noch drei weitere portugiesische Befestigungen
genommen wurden. Von entscheidender Wichtigkeit war bei diesen
Unternehmungen die Persönlichkeit des Unterführers, der jeweils zuerst
auf den Feind stieß. Er durfte keine Zeit verlieren und deshalb
auch keine Befehle abwarten. Leutnant der Res. Kempner, der mit der
11. Kompagnie den Lujenda aufwärts als Vorhut marschierte, fand am
2. Dezember bei +Nangwale+ ein befestigtes portugiesisches Lager
vor. Dasselbe lag, wie die meisten portugiesischen Lager, auf einer
kahlen Höhe mit weitem Schußfeld. Sogleich entwickelte sich die brave
11. Kompagnie am Buschrande und trat zum Sturm an über das 300 ~m~
breite, freie Schußfeld. Die Askari, die volles Marschgepäck trugen,
konnten das Tempo, das der Kompagnieführer und sein Effendi (schwarzer
Offizier) vorlegten, nicht halten. Leutnant Kempner und der Effendi
sprangen auf die feindliche Brustwehr, von dort in das Innere der
feindlichen Schanze und befanden sich so einige Zeit ganz allein
inmitten der aus einem Zuge bestehenden feindlichen Besatzung. Diese
war so verblüfft, daß sie dem Befehl, die Waffen niederzulegen, unter
dem Eindruck des Hurra unserer heranbrausenden Askari sofort nachkam.
Außer ihnen fiel ein nennenswertes Munitionsdepot und Verpflegung, die
für mehrere Tage für die ganze Truppe ausreichte, in unsere Hand. Als
aber der portugiesische Offizier den Leutnant Kempner zu einem Glas
Kognak sehr guter Sorte aufforderte, war die Flasche leer und gab ihrem
Besitzer Anlaß, zum zweiten Male verblüfft zu sein, aber diesmal mit
dem Unterschiede, daß auch sein Gegner verblüfft war. Ein Ombascha
(schwarzer Gefreiter) lachte dazu.