General Wahle wich Schritt für Schritt den Lukuledi aufwärts aus.

Leider konnte ich ihm keine Unterstützungen schicken, mußte ihm

sogar einige Kompagnien fortnehmen, um von Chiwata aus bei günstiger

Gelegenheit Truppen für einen Vorstoß in der Hand zu haben und zugleich

unsere Magazine zu schützen. Durch die Buschgefechte der Abteilung

Wahle, zu denen es fast täglich kam, wurden dem Feinde anscheinend

erhebliche Verluste beigebracht und er zähe hingehalten; zu einem

durchschlagenden Teilerfolg und zu erheblicher Munitionsbeute kam es

aber nicht, und unsere Munitionsbestände zehrten sich mehr und mehr

auf. Am 6. November ritt ich von Chiwata nach Nangoo bei Ndanda und

erkundete hier dicht hinter der Abteilung Wahle das Gelände für ein

etwaiges Eingreifen mit den Chiwatatruppen. Am 7. November ritt ich von

Nangoo aus in südlichem Bogen über das Makondehochland nach Chiwata

zurück. Am gleichen Tage wurden wieder feindliche Truppen bei Lukuledi

festgestellt, am 9. November fand ein Patrouillengefecht bei Chigugu

statt, dicht westlich Chiwata.

In dieser kritischen Zeit, wo sich die Anfänge der feindlichen Kolonnen

Chiwata näherten, bestand für uns naturgemäß das dringende Bedürfnis,

uns auf eine dieser Kolonnen mit allen unseren Kräften so frühzeitig

zu werfen, daß die anderen feindlichen Kolonnen in das Gefecht nicht

eingreifen konnten. Für einen solchen Schlag war Vorbedingung, daß

wir unsere an sich geringe Truppenzahl in ihrer vollen Gefechtsstärke

zur Wirkung bringen konnten. Hierbei spielte die Munitionsfrage

eine Hauptrolle. Unsere gesamten Munitionsbestände waren auf rund

400000 Patronen zusammengeschmolzen, das war bei einer Zahl von

rund 2500 Gewehren und 50 schweren und leichten Maschinengewehren,

die tatsächlich, wenn man alles zusammenraffte, in Frage kamen, für

ein ernstes Gefecht schon knapp, und die Weiterführung des Kampfes

war nur dann möglich, wenn Munition erbeutet wurde. Hierfür war das

Gelände ungünstig. In dem dichten Busch war der einzelne geneigt,

viel zu schießen und wenig zu treffen; die Munitionsbestände zehrten

sich auf, ohne daß schnelle, für uns günstige Entscheidungen erzielt

wurden. Eine befriedigende Lösung der Munitionsfrage wurde noch dadurch

unmöglich gemacht, daß die Patronen zum weitaus größten Teil aus der

rauchstarken Munition 71 bestanden, während die Truppe nur zu rund

⅓ mit Gewehren 71 bewaffnet war; ⅔ hatten deutsche, englische oder

portugiesische moderne Gewehre, und für diese war ausreichende Munition

nicht vorhanden. Die geringen Bestände an modernen Patronen waren für

unsere Hauptwaffe, die Maschinengewehre, notwendig. Da war guter Rat

teuer. Es blieb nichts übrig, als im Gefecht von jeder Kompagnie nur

den mit Gewehr 71 bewaffneten Zug einzusetzen und schießen zu lassen,

die beiden anderen Züge, die modern bewaffnet waren, und bei denen

jeder Mann nur etwa 20 zu seinem Gewehr passende moderne Patronen, im

übrigen aber rauchstarke Patronen 71 trug, in Reserve zurückzuhalten.

Die Züge wurden dann abgewechselt, so daß, wenn zuerst der erste Zug

mit Gewehren 71 gefochten hatte, er seine Gewehre an den ihn ablösenden

zweiten Zug abgab, selbst dessen moderne Gewehre nahm und in Reserve

zurückgezogen wurde. So konnte günstigenfalls nur ein Drittel der

verfügbaren Streiterzahl wirklich ins Gefecht eingesetzt werden, und

auch dieses mußte mit den Patronen aufs äußerste sparen.

Die Artilleriemunition war bis auf einige Schuß unserer beiden

Gebirgsgeschütze und einige portugiesische Munition bis zur letzten

Patrone verschossen worden. Unsere letzte Feldhaubitze sowie das bei

Mahiwa erbeutete englische Geschütz wurden gesprengt. Die beiden

letzten 10,5 ~cm~-Königsberggeschütze waren schon einige Tage vorher

vernichtet worden. Ein deutsches Gebirgsgeschütz wurde einen Tag

später bei Kitangari vernichtet und versenkt. So blieb noch ein

deutsches und ein portugiesisches Gebirgsgeschütz übrig. Der Mangel

an Artilleriemunition war in den letzten Monaten schon so erheblich

gewesen, daß wir an sämtlichen Beständen alles in allem selten mehr als

300 Schuß hatten. Das war etwa die Gefechtsausrüstung eines einzigen

der so zahlreichen englischen Geschütze.

Unter solchen Verhältnissen war ein erfolgverheißender Offensivstoß

nur möglich, wenn die Lage sich ganz ausnahmsweise günstig gestaltete.

Dieser Fall trat nicht ein. Zwar wurde mit Kampfpatrouillen gearbeitet

und der Feind nach Möglichkeit geschädigt, sonst aber blieb nichts

übrig, als daß die Truppen des Generals Wahle und die noch bei

Mnacho zum Abtransport der dortigen Bestände stehengebliebene 11.

Feldkompagnie vor dem nachdrängenden Feind allmählich aus Chiwata

zu auswichen. Am 10. November wurde die unmittelbar im Rücken des

Generals Wahle, der bei Nangoo stand, liegende Mission Ndanda durch

einen starken Gegner, der vom Westen kam, überraschend besetzt. Das

dortige Feldlazarett und ein Teil unserer Bestände fielen in die Hand

des Feindes. Die südlich Ndanda stehende Abteilung Lieberman sicherte

den Abmarsch der Abteilung Wahle, die von Nangoo aus aus dem von mir am

7. November erkundeten Wege südöstlich von Nangoo das Makondeplateau

erstieg und sich dann durch den Abmarsch quer über das Plateau nach

Chiwata der durch den Feind gestellten Schlinge entzog. Auch die

11. Kompagnie fand sich von Mnacho her heran, und so war, abgesehen

von der Abteilung des Hauptmanns Tafel und kleiner, weiter südlich

stehender Detachierungen, die gesamte Truppe bei Chiwata vereinigt;

die allmähliche Verschiebung unserer Bestände aus Chiwata in östlicher

Richtung aus Nambindinga zu war im Gange und auf diese Weise der

weitere Abmarsch auf Kitangari eingeleitet. Dabei spähte ich gespannt

danach aus, ob sich nicht eine der feindlichen Kolonnen eine Blöße

geben würde. Am 14. November glaubte ich, diesen Fall eintreten zu

sehen.

Eine starke feindliche Kolonne, zu der das 10. südafrikanische

berittene Infanterieregiment gehörte, hatte uns von Lukuledi aus

über Massassi umgangen und griff an diesem Tage von Südwesten her

das zwei Stunden südlich Chiwata gelegene Mwiti an. In diesem Ort,

der bisher nur schwach besetzt gewesen war, war am Tage vorher durch

Verschiebungen von Chiwata her die Abteilung von Lieberman (drei

Kompagnien) versammelt worden. Trotz aller Munitionsschwierigkeiten bot

sich, wie ich glaubte, die Möglichkeit, mit der bei Chiwata stehenden

Abteilung Koehl so überraschend in das Gefecht bei Mwiti einzugreifen,

daß dieser Gegner vereinzelt geschlagen wurde; ich war aber zu sehr mit

den allerdings schwierigen Anordnungen für den Abmarsch auf Nambindinga

beschäftigt und habe die sich bei Mwiti bietende Gelegenheit leider

unbenutzt vorübergehen lassen.

So blieb mir nur das allmähliche Ausweichen auf Nambindinga

übrig. Bei der Räumung von Chiwata fielen die kriegsgefangenen

europäischen Mannschaften des Feindes sowie die Inder, die zum

Lazarett transportiert worden waren, zusammen mit diesem, zum großen

Teil mit Schwerverwundeten gefüllten Lazarette in Feindeshand. Der

Abmarsch auf Nambindinga fand unter steten Gefechten vom 15. bis 17.

November statt. Ich wollte den Feind veranlassen, die konzentrische

Bewegung seiner von Norden, Westen und Süden vorrückenden Kolonnen

auch wirklich bis zu deren Vereinigung auszuführen; dann, wenn der

Feind auf engem Raume mit seiner großen, unbehilflichen Menschenmasse

stand, konnte ich abmarschieren, wohin ich wollte. Am 17. November

mußte ich bei Nambindinga einen entscheidenden Entschluß fassen. Das

dauernde Buschgefecht drohte unsere letzte Munition zu verzehren. Es

wäre sinnlos gewesen, dieses Fechten, das zu keiner für uns günstigen

Entscheidung führen konnte, weiter fortzusetzen. Wir mußten also

abmarschieren.

Gleichzeitig mußten wir unsere Kopfstärke vermindern. Denn unsere

vielen Leute mit wenig Munition hatten weniger Gefechtskraft als

eine geringere Zahl, aber ausgesuchter Leute mit ausreichender

Munition. Die Verpflegungslage forderte das gleiche. Nur durch eine

erhebliche Verminderung unserer Verpflegungsstärke ließ es sich

ermöglichen, mit den vorhandenen Vorräten noch zwölf Tage zu reichen.

Unser Verpflegungsgebiet war eingeengt, neuer Aufkauf durch den

Feind gestört und die Lebensmittel der Landschaft erschöpft. Der

Bestand an Chinin reichte für die Europäer noch auf einen Monat. Nach

Aufbrauch dieses letzten Chinins mußten die Europäer der Malaria und

ihren Folgen erliegen; sie würden den Strapazen des Tropenkrieges

nicht mehr gewachsen sein. Nur bei Reduzierung der Europäerzahl auf

ein Minimum blieb für den einzelnen so viel Chinin, daß wir noch

monatelang würden weiteroperieren können. Es kam darauf hinaus,

unsere Truppe auf rund 2000 Gewehre zu vermindern und hierbei die

Europäerzahl auf nicht über 300 festzusetzen. Alles, was über diese

Zahl hinausging, mußte zurückgelassen werden. Es half nichts, daß bei

den mehreren hundert Europäern und 600 Askari, die wir so notgedrungen

im Lazarett Nambindinga zurückließen, sich auch Leute befanden, die

gern weitergefochten hätten und die gesundheitlich hierzu in der Lage

waren. Leider läßt es sich nicht verschweigen, daß es einer Anzahl

derer, die hier bei Nambindinga blieben, auch von den Europäern, nicht

unwillkommen war, die Waffen niederzulegen. Aber es verdient doch

hervorgehoben zu werden, daß es nicht nur der Mehrzahl der Europäer,

sondern auch vielen Askari bitter schwer geworden ist, zurückbleiben

zu müssen. Manchem braven Askari mußte seine Bitte, bei uns bleiben

und mit uns fechten zu dürfen, abgeschlagen werden. Als aber nach zwei

Tagen Oberleutnant Grundmann, obgleich er nach schwerer Verwundung kaum

gehen konnte, wieder bei mir eintraf und meldete, er habe es trotz

Befehl nicht übers Herz bringen können, in Gefangenschaft zu gehen, da

habe ich mich über diesen Ungehorsam gefreut, wie selten.

Es mag hier erwähnt werden, daß der Feind mit unseren Gefangenen im

allgemeinen, soweit ich es zu beurteilen in der Lage bin, menschlich

verfuhr; aber doch scheint mir, daß er bestrebt war, uns Grausamkeit

gegen englische Gefangene zuzuschieben, vielleicht um hieraus die

Berechtigung zu Repressalien herzuleiten, vielleicht auch aus anderen

Gründen. Leutnant d. R. Gutsch war in Ndanda krank zurückgelassen

worden und in Feindeshand geraten. Auf die ganz aus der Luft gegriffene

und unerwiesene Behauptung eines Schwarzen hin, daß Leutnant Gutsch

gelegentlich einer Patrouille einen englischen Verwundeten verbrannt

habe, wurde er in Handfesseln gelegt und dann auf der Seefahrt nach

Daressalam mehrere Tage lang in den Vorraum des Aborts eingeschlossen.

In Daressalam wurde er mehrere Wochen lang ins Gefängnis gesperrt,

ohne überhaupt verhört zu werden. Als er dann schließlich gehört

wurde, stellte es sich heraus, daß sich die gegen ihn begangene,

sinnlose Grausamkeit nur auf die lügenhafte Aussage eines Schwarzen

gründete. Ferner teilte mir General van Deventer mit, daß Hauptmann

Naumann, der sich in der Gegend des Kilimandjaro ergeben hatte, wegen

Mordes verfolgt würde; auch er ist, wie ich später hörte, lange Zeit

und gleichfalls ohne Vernehmung eingesperrt worden, bis schließlich

auch seine Unschuld anerkannt wurde. Ein Grund zu dieser jeden

Gerechtigkeitsgefühls spottenden Handhabung der Rechtspflege ist mir um

so weniger verständlich, als die englischen Gefangenen bei uns durchaus

menschlich behandelt und materiell oft besser verpflegt wurden als

unsere eigenen Leute[5].

Die gefaßten Entschlüsse stellten die Kriegführung auf gänzlich

veränderte Grundlagen. Bisher hatten wir die Verpflegung in Magazinen

sammeln und aus diesen in der Hauptsache die Anforderungen befriedigen

können; auch die Ergänzung der Munition hatte stets aus gelagerten

Beständen erfolgen können. Dieses System hatte uns zwar eine Menge

empfindlicher und für den Feind angreifbarer Punkte verschafft,

die wir nicht schützen konnten, aber es war durch die bisherige

Methode möglich gewesen, die Truppe in einer für unsere Verhältnisse

erheblichen Stärke unter Waffen zu halten und große Teile derselben auf

engem Raume auch auf längere Zeit zu verwenden. Es war ferner möglich

gewesen, wenigstens einigen Lazaretten einen ständigen Charakter zu

geben, hier Verwundete und Kranke in Ruhe der Genesung zuzuführen und

so einen großen Teil der in der Front entstandenen Lücken durch die

wiederhergestellten, kriegserfahrenen Leute zu ergänzen. Dieses System

hatte unsere Operationen natürlich in hohem Maße von den Verpflegungs-

und Nachschubsverhältnissen abhängig gemacht und die Bewegungsfreiheit

gehemmt. Der Vorteil, für unsere Verhältnisse starke Truppen verwenden

und mit ihnen auch größere feindliche Verbände mit Erfolg bekämpfen,

manchmal gründlich schlagen zu können, war aber so groß, daß ich dieses

System solange wie irgend möglich beibehalten hatte.

Jetzt war dies nicht länger möglich, und die erwähnten Vorteile hatte

ich unter dem Zwange der Notwendigkeit bewußt fahren lassen müssen.

Es war gewiß fraglich, ob selbst die verminderte Truppe ohne jedes

Magazin und ohne jeden Nachschub unterhalten werden könnte. Die

Aussicht, nach zwölf Tagen mit 5000 hungrigen Negern ohne Verpflegung

in der Steppe zu sitzen, war nicht verlockend. Würde es gelingen,

diejenigen Bedürfnisse der Truppe, die die Eingeborenenfelder nicht

liefern konnten, also vor allem Munition und dazu passende Waffen, in

solchem Umfange zu erbeuten -- denn nur eine Beute aus den Beständen

des Feindes konnte als Ersatzmöglichkeit in Frage kommen --, daß die

weitere Kriegführung lebensfähig blieb? Das waren alles ernste Fragen.

Gelang es aber, auf der neuen Grundlage die Truppe lebensfähig zu

machen, so mußten die gesteigerte Unabhängigkeit und Beweglichkeit,

entschlossen ausgenutzt, uns dem unbeweglicheren Feinde gegenüber trotz

seiner gewaltigen Überlegenheit an Zahl doch gelegentlich die lokale

Überlegenheit schaffen. Bei dem endlosen uns zur Verfügung stehenden

Raume würde es uns möglich sein, uns ungünstigen Lagen zu entziehen.

Der Feind würde gezwungen sein, einen enormen Aufwand an Menschen und

Material dauernd in Bewegung zu halten und seine Kräfte in ungleich

höheren Maße zu erschöpfen als wir selbst. Es war also Aussicht

vorhanden, auch weiterhin starke feindliche Kräfte zu binden und endlos

lange hinzuhalten, wenn -- meine Überlegungen stimmten. Das war damals

zweifelhaft. Das Wagnis mußte aber unternommen werden. --

Unseres Bleibens bei Nambindinga war nicht lange; der oben auf dem

Plateau liegende Ort hatte nämlich kein Wasser, und die im Tal

liegende Wasserstelle lag im Feuer der feindlichen Geschütze und

Maschinengewehre. Unter dem Schutze von Patrouillen, die den Feind bei

Nambindinga hinhielten, traf das Kommando und der Hauptteil der Truppen

am 18. November bei Kitangari ein. Der Feind drängte nicht nach,

konnte es wahrscheinlich auch nicht. Er hatte, wie vorauszusehen war,

sich aufs äußerste angespannt, um bei Chiwata den so lange ersehnten

letzten Schlag zu führen, und mußte sich für weitere Operationen erst

neu gliedern. In Kitangari bestätigte sich die alte Erfahrung, daß die

Verpflegungsbestände des dortigen Magazins viel zu hoch eingeschätzt

waren. Wenn man alles zusammennahm, was an Vorräten irgendwie verfügbar

war, so hatte die Truppe für rund zehn Tage Verpflegung; auf eine

wesentliche Ergänzung dieser Bestände aus der Landschaft war von

Kitangari aus nach Süden nicht zu rechnen. Die Frage, wohin sich nun

der Weitermarsch richten sollte, spitzte sich in der Hauptsache dahin

zu: Wo bot sich Aussicht, die Truppe wieder in ausreichendem Maße zu

verpflegen? Zeit durfte nicht verloren werden.

Es war mir bekannt, daß längs des Rowumagebietes Engländer und

Portugiesen unsere Verpflegungsbestände systematisch zerstört hatten.

Unsere kleinen Magazine, Aufkaufposten und Verpflegungskolonnen waren

überfallen und die Bestände vernichtet worden. Die Eingeborenen waren

beeinflußt, sich gegen uns feindselig zu verhalten. Nordufer und

Südufer des mittleren Rowuma waren nur dünn besiedelt; den Rowuma

aufwärts, bei Tunduru, hatten längere Zeit stärkere Kräfte beider

Parteien gefochten, die Verpflegungsbestände waren dort wahrscheinlich

erschöpft. Über das südlich des unteren Rowuma gelegene Mafiaplateau

konnte ich wirklich zuverlässige Nachrichten nicht erhalten. Selbst

wenn dort, wie manche mitteilten, vor dem Kriege ein reicher Anbau

bestanden hatte, so war es doch sehr fraglich, ob auch jetzt noch,

nachdem dort stärkere portugiesische Truppen jahrelang gehaust hatten,

Verpflegung vorgefunden werden würde. Am wahrscheinlichsten schien es

mir damals, in der Gegend, wo die Operationen des Majors von Stuemer

auf portugiesischem Gebiet stattgefunden hatten, in dem Winkel zwischen

Rowuma- und Ludjendafluß, sowie weiter südlich in der Gegend von

Nangware und Mwembe Verpflegung vorzufinden. Zweifelhaft war auch das;

auch dort hatten kriegerische Operationen den Anbau der Eingeborenen

gestört. Indessen erschien mir unter den verschiedenen, zweifelhaften

Aussichten diese letztere noch am günstigsten, und ich beschloß,

vorderhand den Rowuma aufwärts zu marschieren.

Mitbestimmend für diese Marschrichtung war der Wunsch, durch eine

tüchtige Beute an Patronen und anderem Kriegsmaterial die Truppe wieder

auf längere Zeit schlagfertig zu machen. Frühere Beobachtungen und

Aussagen von Eingeborenen legten den Gedanken nahe, daß auch jetzt

irgendwo in der Gegend des Rowumaflusses für uns geeignete Bestände des

Feindes lagern würden. Am 20. November wurde Newala erreicht, wo sich

die letzten detachierten Teile, die nach Süden zu gesichert hatten,

anschlossen und die Neuorganisation der Truppe endgültig durchgeführt

wurde. In Newala wurden die letzten Nichtmarschfähigen zurückgelassen,

und mit 300 Europäern, 1700 Askari und 3000 Trägern und sonstigen

Farbigen wurde am 21. November 1917 weiter nach Süden zum Rowuma

marschiert. Die Tragfähigkeit aller war voll ausgelastet. In dem Maße,

wie während des Marsches Verpflegung verzehrt wurde, wurden Leerträger

entlassen, um die Zahl der zu verpflegenden Leute so niedrig wie

möglich zu halten. Vielen unserer guten, alten Träger mußten wir ihre

Bitte, bei uns bleiben zu dürfen, abschlagen; eine große Zahl von ihnen

erbot sich, ohne Lohn bei uns zu bleiben, manche wollten sogar ohne

Lohn und ohne Verpflegung bleiben und sich ihren Unterhalt auf eigene

Faust aus den Resten unserer Verpflegung und den Früchten des Pori

beschaffen. Der damalige Feldintendant, Leutnant zur See a. D. Besch,

hat in diesen schweren Tagen die nun einmal notwendige Neuorganisation

des Träger- und Verpflegungswesens mit größter Umsicht zustande

gebracht. Ihm gebührt für die weitere Leistungsfähigkeit der Truppe ein

Hauptverdienst.

Vom Feinde waren in der Nähe des Rowuma, wie zu vermuten war, nur

schwache Abteilungen gemeldet. Am 21. November trafen wir bei Mpili

am Ufer des Flusses ein und waren im Begriff, Lager zu beziehen,

als weiter vorwärts bei einer Jagdpatrouille Schüsse fielen. Bei

der Erkundung bemerkten wir vor uns einen größeren Teich, an dessen

jenseitigem Ufer Pferde getränkt wurden. Dahinter lag ein felsiger

Berg. Bald erschien auch ein Eingeborener, augenscheinlich ein Spion,

der einen Brief brachte: „Wir sind englische Kavallerie und wollen

mit portugiesischen Infanterieregimentern Fühlung nehmen.“ Ob dies

nun eine Finte war, ließ sich nicht feststellen. Es war klar, daß wir

es im Augenblick nur mit einer schwachen Reiterabteilung zu tun haben

konnten. Der Feind wurde durch umfassenden Angriff schnell verjagt

und hatte bei der Verfolgung anscheinend mehrere Mann Verlust; fünf

gefangene Europäer gehörten dem 10. südafrikanischen Berittenenregiment

an und wurden aus Rücksichten der Verpflegung wieder zum Feinde, nach

Newala, abgeschoben. Die erbeuteten Pferde, etwa zehn, waren uns als

Reittiere und etwaiger Verpflegungszuschuß willkommen.

Der Weitermarsch den Rowuma aufwärts ging sehr langsam vonstatten.

Einem großen Teil der Truppe waren andauernde Märsche in

größeren Verbänden unbekannt. Endlos lang waren die Kolonnen

auseinandergerissen. Die Askarifrauen folgten einzeln mit mehreren

hundert Meter Abstand von einander. Es bedurfte einiger Zeit, bis sie

richtige Marschordnung innehielten. Es stellte sich heraus, daß die

Auswahl der mitgenommenen Askari nicht bei allen Kompagnien nach den

wünschenswerten Gesichtspunkten geschehen war. Bei der Neuformierung

der Kompagnien, die notgedrungen während des Gefechtes hatte

vorgenommen werden müssen, waren manche gute und zuverlässige Leute

zurückgelassen worden und dafür andere mitgenommen, die zwar kräftiger,

aber weniger zuverlässig waren. Manche gingen mit ihrem Söhnchen auf

den Schultern ins Gefecht; auch da wäre besser ein ebenso zuverlässiger

Mann mitzunehmen gewesen, der nicht den Ballast von Weib und Kind

schleppte.

Jetzt war das alles aber nicht mehr zu ändern.

Augenscheinlich hatten wir uns der weiteren Beobachtung durch den

Feind völlig entzogen; die unsere Märsche sonst begleitenden Flieger

fehlten, keine Bombe fiel in unsere Lager, und eine feindliche

Verpflegungskolonne kreuzte von einem Ufer des Rowuma auf das andere

mitten durch unsere Lager hindurch. Sie war eine willkommene Beute.

An Feldfrüchten fanden wir in der Landschaft so gut wie nichts, dafür

lieferte uns die Jagd erhebliche Beute. Mehrere Büffel und eine

ganze Anzahl Antilopen, besonders Wasserböcke, kamen zur Strecke.

Aber wir durften uns nicht aufhalten, die zusammenschmelzenden

Verpflegungsbestände mahnten stets zum Weitermarsch. Glücklicherweise

hatte ich einige landeskundige Europäer zur Verfügung, die kurz vorher

in der Gegend der Einmündung des Ludjendaflusses in den Rowuma tätig

gewesen waren. Dort war schon in Friedenszeit eine portugiesische

Station gewesen, und auch im Kriege war eine stärkere oder schwächere

Besatzung festgestellt worden. Es war anzunehmen, daß sich auch jetzt

dort irgend etwas vom Feinde finden würde. Die wenigen Eingeborenen,

die wir trafen, sprachen gleichfalls von einer stärkeren Besatzung,

die von manchen auf 2000 Engländer oder Portugiesen angegeben wurde.

Solchen Eingeborenenzahlen war zwar nur bedingter Wert beizumessen,

aber sie bestärkten mich in dem Glauben, daß in der dortigen Gegend,

bei Ngomano, etwas zu machen sei.

[Illustration]

[5] Die englischen Behörden lieferten für ihre Gefangenen

Verpflegungsgegenstände, die uns selbst fehlten.

Drittes Buch

Kämpfe auf fremder Erde

(Vom Übertritt nach Portugiesisch-Afrika bis zum Waffenstillstand)

[Illustration: Berge von Inago (P.-O.-A.)]

Erster Abschnitt

Über den Rowuma

Am 25. November 1917 frühmorgens durchwatete unsere Vorhutkompagnie

den Rowuma etwas oberhalb der Lujendamündung, das Gros, 9

Kompagnien, folgte im Laufe des Vormittags, die Nachhut mit etwa 2

Tagemärschen Abstand; Hauptmann Goering war mit 3 Kompagnien weiter

unterhalb auf das Südufer des Rowuma gegangen, um gegen ein dort

gemeldetes portugiesisches Lager einen Handstreich zu versuchen.

Von Hauptmann Tafel fehlte jede Nachricht, und ich rechnete mit der

Wahrscheinlichkeit, daß er den Rowuma sehr viel weiter westlich

erreichen würde.

Das Gefühl, von allen Hilfsmitteln entblößt zu sein sowie die absolute

Unsicherheit des kommenden Schicksals hatten in vielen die Empfindung

verursacht, die man volkstümlich als „allgemeine Wurschtigkeit“

bezeichnet. Unbekümmert um die taktische Lage waren die Jagdpatrouillen

unterwegs, und ihre Schüsse wurden, wie sich später herausstellte,

deutlich vom Feinde gehört. Beim Flußübergang angesichts des Feindes

nahmen manche in Ruhe ein gründliches Bad; bei vielen bedurfte es

einiger Energie, um ihnen die Forderung der Kriegslage klarzumachen.

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 20 / 30 段