hatte der Feind eine regere Tätigkeit in dem von der Abteilung Stuemer
besetzten Teil des portugiesischen Gebietes gezeigt. Gegen Mwembe
waren mehrere englische Kolonnen konzentrisch von Südwesten und Süden
her vorgegangen, und Major von Stuemer, der sich zum Widerstand nicht
für stark genug hielt, hatte Mwembe geräumt. Dann waren die einzelnen
Kompagnien allmählich auf den Rowuma zu zurückgewichen. Nördlich
dieses Flusses hatte Kapitänleutnant d. R. Jantzen, den das Kommando
mit zwei Kompagnien nach Tunduru entsandt hatte und aus den zu sich
die einzelnen Kompagnien der bisherigen Abteilung Stuemer sammelten,
den einheitlichen Befehl übernommen. Auch von Ssongea her drangen
feindliche Abteilungen in Richtung auf Tunduru zu vor.
Einzelheiten über den Gegner waren schwer festzustellen; ich hatte den
Eindruck, daß er unsere Hauptkräfte bei Narunju lediglich hinhalten
wollte, um mit starken Truppen in unser Verpflegungsgebiet, das
wesentlich in der Gegend von Tunduru-Massassi-Ruponda lag, einzudringen
und unsere Bestände fortzunehmen. Es schien mir damals nicht
ausgeschlossen, gegen diesen Feind einen Erfolg erzielen zu können,
und ich marschierte deshalb am 10. September 1917 mit fünf Kompagnien
aus den Lagern von Narunju und Mtua ab nach Massassi. Von dort wurde
zunächst Hauptmann Goering mit drei Kompagnien gegen Tunduru in Marsch
gesetzt, das inzwischen vom Feinde besetzt worden war; Abteilung
Jantzen stand nordöstlich dieses Ortes. Zu Rad erkundete ich die Straße
nach Tunduru und mußte befürchten, daß die Verpflegungsschwierigkeiten
sehr groß sein würden. Das hat sich leider bestätigt. Verpflegung aus
dem Lande war nicht durchführbar, und zu einer längeren Operation, für
die erst Nachschub von Massassi her einzuleiten war, fehlte die Zeit.
Die kleinen Patrouillenunternehmungen der Engländer und Portugiesen,
die von Süden her über den Rowuma kamen und unsere Magazine und
Transporte belästigten, trieben uns allerdings nicht zur Eile. Aber der
Feind, der von Kilwa her gekommen war und den Hauptmann Koehl durch das
schwere Gefecht von Mbeo-Chini und eine Anzahl kleinerer Zusammenstöße
nicht hatte aufhalten können, kam in die Gegend von Nahungu. Seine
fliegenden Kolonnen, zum großen Teil beritten, umgingen die Abteilung
Koehl weiter westlich und drangen den Mbemkurufluß aufwärts auf Nangano
zu vor. Die Verbindung zu Hauptmann Koehl, die auf der Telephonstrecke
Nahungu-Nangano basiert hatte, wurde zunächst für einige Tage, dann
dauernd unterbrochen. Die dort liegenden Feldmagazine fielen in
Feindeshand und wurden zerstört. In Voraussicht der Unterbrechung
der empfindlichen Telephonlinie war von Ruponda aus in nordöstlicher
Richtung eine neue Telephonstrecke gebaut worden, aber der an diese
anschließende Botenverkehr zur Abteilung Koehl erforderte mehrere Tage.
Bei der langsamen Nachrichtenübermittlung von und zur Abteilung Koehl
war es nicht möglich, sich rechtzeitig ein Bild von der dortigen
Lage zu machen, und da der beabsichtigte Erfolg bei Tunduru ohnehin
nicht durchführbar war, marschierte ich mit den fünf Kompagnien von
Massassi aus Anfang Oktober nach Ruponda, dann weiter nordöstlich
und vereinigte mich bei Likangara mit Abteilung Koehl. Auf die
Meldung hin, daß feindliche Abteilungen sich Ruponda von Nordosten
her näherten, wurde der Abtransport der Kranken und der Bestände aus
Ruponda nach Lukuledi und nach Mnacho angeordnet. Am 9. Oktober 1917
wurde eine feindliche Patrouille bei Ruponda mit einigem Verlust für
den Feind zurückgeschlagen, am 10. Oktober griff ein stärkerer Gegner
-- festgestellt wurde das 25. indische Kavallerieregiment -- Ruponda
auf mehreren Seiten an. Der Marsch unserer Kompagnien nach Likangara
hatte also leider etwas zu schnell stattgefunden; es wäre sonst die
Möglichkeit vorhanden gewesen, daß der Feind bei Ruponda auf einen Teil
unserer durchmarschierenden Kompagnien gestoßen wäre und vielleicht
eine Niederlage erlitten hätte. So aber befanden sich außer einigen
Patrouillen in Ruponda keine Truppen; die Kranken fielen zum großen
Teil in Feindeshand und leider auch das etwa 90000 ~kg~ Verpflegung
enthaltende Magazin. Bei Likangara kam es zu keinen nennenswerten
Gefechten. Es zeigten sich wohl feindliche Patrouillen und schwächere
Abteilungen, aber unsere Kampftruppen, die gegen die den Mbemkurufluß
entlangführende, hauptsächlichste Verbindung des Feindes gingen, dort
Automobile beschossen und zerstörten und Post und Vorräte erbeuteten,
brachten mich zur Vermutung, daß die Hauptkräfte der feindlichen
Kilwatruppen weiter westlich herum in Richtung auf Ruponda ausholten.
Die vermehrte Tätigkeit des Feindes einige Tagemärsche östlich
Likangara, wo der Gegner unsere Aufkaufposten aushob, sowie Erzählungen
der Eingeborenen machten es wahrscheinlich, daß gleichzeitig stärkere
feindliche Truppen von Nahungu aus direkt in südlicher Richtung, also
auf General Wahle zu, marschierten. Erbeutete Post zeigte uns, daß der
Feind trotz seinem ausgedehnten Nachrichten- und Spionagesysteme recht
im dunkeln tappte. Er wußte beispielsweise nicht, wo ich mich aufhielt,
obgleich er hierauf den größten Wert zu legen schien. Sagte ihm doch
die Kenntnis meines jeweiligen Aufenthaltes, wo der Hauptteil unserer
Truppen zu vermuten sei. Während nun die eine seiner Nachrichten
meinte, daß ich mich in der Gegend von Lukuledi befände, wollte eine
andere wissen, ich sei bei Tunduru, und eine dritte, ebenso bestimmte,
in Mahenge. Die Schwatzhaftigkeit unserer Europäer, die es trotz aller
Hinweise nicht lassen konnten, in ihren privaten Briefen ihre Kenntnis
von der Kriegslage und ihre Vermutungen einander zu schreiben, hat hier
einmal etwas Gutes geschaffen; es wurde nämlich so viel geklatscht,
die Gerüchte waren so widersprechend, und auch Unwahrscheinliches
wurde so wahllos geglaubt, daß aus den Korrespondenzen der Deutschen
eigentlich alles, auch das Entgegengesetzte, herausgelesen wurde. Trotz
dieser unbeabsichtigten Irreführung des Gegners ist es aber nicht zu
verstehen, daß verständige Leute wichtige Dinge, deren Kenntnis dem
Feinde entzogen werden muß, einer Postverbindung anvertrauten, von der
sie wußten, daß sie unzuverlässig war und daß die Briefe häufig in
Feindeshand fielen.
Es war mir klar, daß die Unsicherheit in der Beurteilung der Lage, in
der sich der Feind offenkundig befand, mir eine große Chance geben
mußte, wenn schnell und entschlossen gehandelt wurde. Ich durfte
hoffen, daß der beabsichtigte entscheidende Schlag, den ich in der
Gegend von Lindi zweimal, bei Tunduru einmal gesucht, und dessen
Gelingen bei Narungombe an einem seidenen Faden gehangen hatte,
jetzt endlich heranreifen würde. Günstig hierfür erschien mir im
Rahmen meiner Beurteilung der Gesamtlage die Entwicklung der Dinge
bei Abteilung Wahle. Die gesamte feindliche Kriegshandlung mußte den
Gedanken nahelegen, daß die einzelnen Kolonnen des Feindes mit aller
Wucht vordringen würden, um uns durch konzentrische, gegenseitige
Einwirkung zu zerquetschen. Auch die Lindidivision des Feindes drückte
mit großer Energie vor. Vor ihr waren die neun schwachen Kompagnien des
Generals Wahle in ständigen Gefechten bis Mahiwa zurückgegangen. Das
Gelände bei Mahiwa war mir persönlich einigermaßen bekannt. Es war sehr
wahrscheinlich, daß mein Abmarsch dorthin vom Feinde nicht rechtzeitig
bemerkt werden würde.
Am 14. Oktober 1917 marschierte ich im Vertrauen auf das Kriegsglück
mit fünf Kompagnien und zwei Gebirgsgeschützen über die Berge von
Likangara nach Mnacho, traf dort bei Dunkelheit ein und marschierte
am 15. Oktober bei Tagesanbruch weiter. Auf dem schmalen Pfade an
den Abhängen riß die Marschkolonne sehr auseinander. Die Geschütze
blieben weit zurück; die Tragetiere versagten, Askari und Träger
halfen aus, und immer von neuem verstand es Vizewachtmeister Sabath,
die Schwierigkeiten zu meistern und seine Kanonen vorzubringen. Es
überraschte mich, daß mir von Mahiwa aus keine Meldung entgegenkam,
aber das Gewehr- und Maschinengewehrfeuer ließ erkennen, daß
ein Gefecht im Gange war. Vor Eintritt der Dunkelheit traf ich
bei der hinter dem linken Flügel der Abteilung Wahle in Reserve
zurückgehaltenen Kompagnie des Oberleutnants d. L. Methner ein. Der
Feind schien gegen diese umfassend durch den Busch vorzugehen. Die
einschlagenden Geschosse hatten für mich die unangenehme Folge, daß
der Träger, der meine Schreibtasche mit den wichtigsten Meldungen
und Karten trug, auf zwei Tage verschwand. Unsere beiden, zuerst
eintreffenden Kompagnien wurden sogleich zum Gegenangriff gegen die
feindliche Umfassung angesetzt und der Feind hier zurückgeworfen.
Die Kompagnien gruben sich dann ein. Am 16. morgens begab ich mich
dorthin und stellte fest, daß sich der Feind dicht gegenüber auf 60
bis 100 ~m~ gleichfalls verschanzt hatte. Als mir Oberleutnant von
Ruckteschell eine Tasse Kaffee anbot, mußte man etwas achtgeben, da der
Feind ziemlich aufmerksam war und leidlich gut schoß. Die Gelegenheit
zu einem überraschenden und entscheidenden Angriff schien mir günstig
zu sein. Er wurde mittags, den Feind links (also nördlich) umfassend,
angesetzt. Abteilung Goering sollte hier vorgehen.
Nachdem wir in Ruhe Mittag gegessen hatten, begab ich mich schnell zum
linken Flügel, wo Hauptmann Goering sich soeben mit zwei Kompagnien
entwickelte. Als er eine breite Niederung überschritten hatte, holte
er zu meiner Überraschung noch weiter nach links aus. Bald traten
die Kompagnien ins Gefecht. Erst nach und nach konnte ich mir diese
auffallende Bewegung erklären. Hauptmann Goering war überraschend auf
einen neuen Gegner gestoßen, der von Nahungu aus eingetroffen war und
jetzt von Norden her anlief. Es waren mehrere Bataillone und zwei
Geschütze der Nigeriabrigade, die von unserem Eintreffen bei Mahiwa
nichts wußten und glaubten, die Truppen des Generals Wahle durch einen
gegen dessen linke Flanke und Rücken gerichteten Angriff vernichtend
schlagen zu können, während gleichzeitig die nach Osten gerichtete
Front des Generals Wahle durch eine Division energisch angegriffen
wurde. Die Nigeriabrigade war nun ebenso überrascht wie Hauptmann
Goering, fand sich aber nicht so schnell in die neue Lage hinein.
Hauptmann Goering, dem Reserven dicht folgten, ging mit seinen zwei
Kompagnien so energisch im Busch gegen den Feind vor, daß er dessen
einzelne Teile völlig überrannte, durcheinanderwarf und entscheidend in
die Flucht schlug. Ein feindlicher Offizier, der eine Munitionskolonne
vorführte, hielt unsere Truppen für die seinigen, und so gelangten wir
in den Besitz von etwa 150000 Beutepatronen. Ein Geschütz mit Munition
wurde im Sturm genommen und mehr als 100 Nigeriaaskari als gefallen
festgestellt. Auch rechts vom Hauptmann Goering, wo zwei Kompagnien
unter Oberleutnant von Ruckteschell und dem hierbei schwer verwundeten
Leutnant d. R. Brucker fochten, wurde der Feind ein Stück in den Busch
zurückgeworfen.
Gleichzeitig mit diesen Kämpfen auf der Flanke und auch an den
folgenden Tagen griff der Feind die Abteilung Wahle mit aller
Anstrengung an. Der Gegner zeigte hierbei starke Übermacht; immer
wieder wurden frische Truppen gegen unsere Front eingesetzt. Die
Gefahr, daß die Front des Generals Wahle nicht standhalten würde,
war groß, das Gefecht schwer. Die Gefahr war brennend, daß unsere
Umfassung in dem sehr schwierigen Busch- und Sumpfgelände durch
schwache feindliche Truppen so lange aufgehalten werden würde, daß
in der Front des Generals Wahle inzwischen eine für uns ungünstige
Entscheidung fiel. Dann aber war das Gefecht für uns verloren. Ich
hielt es für zweckmäßiger, die Nachteile, die der Feind sich durch
seinen verlustreichen Frontalangriff selbst schuf, soviel wie möglich
zu vergrößern und alle meine Kräfte so zu verwenden, daß der Feind sich
in seinem immer stärker werdenden Frontalangriff gegen die Abteilung
Wahle wirklich verblutete.
Die ursprünglich beabsichtigte Umfassung des feindlichen linken Flügels
wurde deshalb an den folgenden Tagen nicht weiter durchgeführt,
sondern im Gegenteil die irgend verfügbaren Kompagnien vom linken
Flügel fortgezogen, um die Front des Generals Wahle zu verstärken.
Auf diese Weise wurde erreicht, daß unsere Front nicht nur festhielt,
sondern auch genügende Reserven durch kraftvolle Gegenstöße schwache
Momente beim Feinde sofort erfassen und ihm eine wirkliche Niederlage
beibringen konnten. Zu meiner vielleicht auffälligen Taktik bestimmte
mich auch die Persönlichkeit des feindlichen Führers. Vom General Beves
war mir vom Gefecht von Reata (11. März 1916) her bekannt, daß er
seine Truppen mit großer Rücksichtslosigkeit einsetzte und nicht davor
zurückscheute, einen Erfolg statt durch geschickte Führung und deshalb
mit geringeren Verlusten, vielmehr durch einen immer wiederholten
Frontalangriff anzustreben, der, wenn der Verteidiger standhielt und
über einigermaßen ausreichende Kräfte verfügte, zu schweren Verlusten
des Angreifers führte. Ich vermutete, daß General Beves auch hier bei
Mahiwa von ähnlichen Überlegungen geleitet war. Ich glaube, daß es
recht wesentlich die Ausnutzung dieser Schwäche in den Berechnungen des
feindlichen Feldherrn war, die uns hier bei Mahiwa einen so glänzenden
Sieg verschaffte. Bis zum 18. Oktober, also im ganzen vier Tage lang,
stürmten immer neue Angriffswellen gegen unsere Front an, aber der
persönliche Augenschein zeigte mir, daß hier auf unserem, rechten
Flügel die Wucht des Angriffes allmählich nachließ und die Niederlage
des Feindes eine vollständige wurde.
Am 18. Oktober abends hatten wir mit unseren etwa 1500 Mann eine
feindliche Division, die wohl mindestens 4000, wahrscheinlich aber
nicht unter 6000 Mann im Gefecht hatte, vollständig geschlagen und
dem Feinde die schwerste Niederlage beigebracht, die er, abgesehen
von Tanga, überhaupt erlitten hat. Nach Angabe eines höheren
englischen Offiziers hat der Feind 1500 Mann verloren; ich habe
aber Grund anzunehmen, daß diese Schätzung viel zu niedrig ist. Bei
uns waren 14 Europäer, 81 Askari gefallen, 55 Europäer, 367 Askari
verwundet, 1 Europäer, 1 Askari vermißt. In Anbetracht unserer geringen
Streiterzahlen waren diese Verluste für uns recht erheblich und um so
fühlbarer, weil sie nicht ersetzt werden konnten. Unsere Beute betrug
ein Geschütz, sechs schwere und drei leichte Maschinengewehre sowie
200000 Patronen.
Die Kriegslage verbot leider, unseren Sieg voll auszunutzen; in unserem
Rücken war nämlich der Feind, der am 10. Oktober Ruponda besetzt
hatte, mit starken Kräften weiter nach Süden vorgedrungen und hatte am
18. Oktober den Major Kraut bei Lukuledi angegriffen. Nachholend muß
bemerkt werden, daß unsere Truppen, die unter Kapitänleutnant Jantzen
in der Gegend von Tunduru gefochten hatten, allmählich von dort nach
Nordosten an den oberen Mbemkuru ausgewichen und über Ruponda, noch
vor der am 10. Oktober stattgefundenen Besitznahme dieses Ortes durch
den Feind, an das Kommando herangezogen worden waren. Zwei dieser
Kompagnien hatten unsere zum Schutz der Magazine in der Nähe von
Lukuledi stehende Kompagnie verstärkt, und diese drei Kompagnien waren
es, die unter dem Befehl des Majors Kraut bei Lukuledi am 18. Oktober
durch einen überlegenen Feind von Norden her angegriffen wurden.
Der auf sechs Kompagnien des Goldküstenregiments geschätzte Gegner
wurde zwar abgewiesen, aber um unsere gefährdeten Verpflegungs- und
Materialbestände, die in Chigugu und Chiwata lagen, zu sichern, rückte
Major Kraut nach dem ersteren dieser Orte ab. Außer Chigugu und
Chiwata war durch den Feind, der sich meiner Ansicht nach zweifellos
bei Lukuledi verstärkte, auch Ndanda, wo eine große Menge unseres
Kriegsmaterials lagerte, gefährdet. Jeden Augenblick konnte der Fall
eintreten, daß der Feind von Lukuledi aus in unsere rückwärtigen
Verbindungen eindrang, unsere Bestände und Verpflegung in Besitz
nahm und uns auf diese Weise kampfunfähig machte. Ein Mittel, unsere
rückwärtigen Verbindungen durch lokale Sicherungen ausreichend zu
schützen, gab es für uns nicht; denn die paar tausend Mann, die wir
hatten, brauchten wir zum Fechten. Da die Truppe aber lebensfähig
bleiben wollte und sollte, mußte die Gefahr auf andere Weise beseitigt
werden.
Dazu gab es nur ein Mittel, nämlich den Feind bei Lukuledi entscheidend
zu schlagen. Wir durften daher bei Mahiwa keine Zeit verlieren, und
ich mußte, so schwer es mir wurde, den Gedanken an eine vernichtende
Verfolgung fallen lassen. Während am 19. Oktober früh einige sichtbare
Teile des Feindes beschossen wurden, war ich schon mit sechs Kompagnien
und zwei Geschützen im Abmarsch; am nächsten Tage trafen wir zwei
Stunden östlich Lukuledi ein, und am 21. Oktober wurde der Feind bei
Morgengrauen, anscheinend ganz überraschend, angegriffen. Die Kolonne
des Majors Kraut überraschte nördlich Lukuledi, an der Straße nach
Ruponda, das Lager des 25. indischen Kavallerieregiments, das gerade
mit angespannten Fahrzeugen zum Vormarsch auf Massassi bereitstand;
das Lager wurde gestürmt, und das feindliche Regiment verlor fast
sämtliche Zugtiere, im ganzen 350. Während ich nun mit den Abteilungen
Koehl und Ruckteschell in ziemlich ernstem Gefecht bei Lukuledi gegen
den dort verschanzten Feind stand, wartete ich vergeblich auf das
Eingreifen der Abteilung Kraut. Ein Sturm auf das Lager ohne das
Moment der Überraschung versprach keinen Erfolg. Als die Truppe nun
auch von seitwärts durch Minenwerfer wirksam beschossen wurde, zog ich
nach Abweisung eines stärkeren, feindlichen Angriffes das Gros aus
dem wirksamen Kreuzfeuer heraus, um unnötige Verluste zu vermeiden.
Ein neuer, aus einer starken Patrouille oder einer Kompagnie ~King’s
African Rifles~ (englische ostafrikanische Askari) bestehender Gegner,
der überraschend im Busch auftauchte, wurde schnell zurückgeschlagen.
Hierbei fiel an der Spitze seiner Kompagnie Oberleutnant Kroeger. Dann
wurde das Gefecht abgebrochen. Erst in der Nacht traf Meldung von Major
Kraut ein: er hatte in dem Glauben, bei Lukuledi nicht mehr mit Erfolg
eingreifen zu können und weil er keinen Gefechtslärm gehört hatte, den
Ort im Bogen umgangen und dann südöstlich von Lukuledi Lager bezogen.
[Illustration: Träger]
Durch die Ungunst der Umstände war es nicht gelungen, den Feind bei
Lukuledi wirklich entscheidend zu schlagen, und der Zweck meiner
Unternehmung nur zum Teil erreicht; aber die Verluste des Feindes
durften als erheblich angesehen werden. Auch der Eindruck auf ihn war
größer, als ich anfangs glaubte. Jedenfalls ergaben die Erkundungen,
daß er Lukuledi wieder geräumt hatte und in nördlicher Richtung
abgezogen war. Unter unseren Verlusten befanden sich drei gefallene
Kompagnieführer. Noch jetzt steht mir Leutnant d. R. Volkwein
vor Augen, wie er, notdürftig von einer schweren Beinverwundung
hergestellt, vor seiner Kompagnie durch den Busch hinkte. Auch mit
Leutnant d. R. Batzner und Oberleutnant Kroeger sprach ich noch
kurz, ehe sie fielen. Als tüchtiger Maschinengewehrführer fiel hier
auch Vizefeldwebel Klein, der so häufig seine Patrouillen an die
Ugandabahn geführt hatte. Aber unsere Verluste waren nicht umsonst
gebracht. Unsere Patrouillen verfolgten den Feind und beschossen dessen
Lager in der Gegend von Ruponda und die feindlichen Verbindungen.
Die Unmöglichkeit für uns aber, in der Gegend von Ruponda stärkere
Truppenmassen zu verpflegen -- waren doch unsere dort angesammelten
Bestände in Feindeshand gefallen --, zwang mich, auf eine gründliche
Verfolgung des Feindes zu verzichten.
Ich hielt es damals für möglich, daß der Abmarsch des Feindes von
Lukuledi nach Norden hervorgerufen war durch Bewegungen unserer
Truppen, die unter Hauptmann Tafel von Mahenge her in Anmarsch waren.
Mit ihm fehlte seit Anfang Oktober jede Verbindung. Er hatte Anweisung
erhalten, vor den starken, feindlichen Kolonnen, die von Norden
(Ifakara), Westen und Südwesten (Likuju, Mponda) her auf Mahenge zu
vordrangen, nur ganz allmählich auszuweichen und die Vereinigung mit
den unter mir stehenden Hauptkräften zu suchen. Ich hielt es für wohl
möglich, daß er bereits jetzt in der Gegend von Nangano oder westlich
davon eingetroffen war und der Feind aus Besorgnis für seine eigenen
rückwärtigen Verbindungen jetzt in Lukuledi wieder kehrtgemacht hatte.
Zwölfter Abschnitt
Die letzten Wochen auf deutschem Boden
Am 24. Oktober traf der Gouverneur von Chiwata her, das inzwischen
zum Zentralpunkt der Verwaltung geworden war, in meinem Lager östlich
Lukuledi zu einer Rücksprache ein. Ich legte meine Auffassung endgültig
dahin fest, daß trotz aller Verpflegungsschwierigkeiten, die in
Deutsch-Ostafrika bald entstehen mußten, der Krieg weitergeführt
werden könne und müsse. Die Möglichkeit hierzu werde durch eine
Basierung auf das portugiesische Gebiet geboten. Dies sei nur
ausführbar, wenn wir in Portugiesisch-Ostafrika eindringen und
Deutsch-Ostafrika räumen würden.
Die Verpflegungsfrage wurde brennend; in unseren vorhandenen Magazinen
hatten wir rund 500000 ~kg~ liegen. Das würde für etwa anderthalb
Monate reichen. Aber es hatte sich herausgestellt, daß die Zahlen
kein unbedingt zuverlässiges Bild ergaben. Die gestapelten Säcke
waren zum großen Teil mindergewichtig, und die Körner hatten durch
Insektenfraß gelitten. Neue Ernte war frühestens erst wieder im
März zu erwarten. Bei den weiteren Operationen mußte daher rein vom
Verpflegungsstandpunkt aus eine Verschiebung nach Süden stattfinden.
Allerdings rechnete ich noch mit der Möglichkeit, daß Hauptmann Tafel
mit seinen Truppen in der Gegend von Massassi und Chiwata eintreffen
würde und daß ich ihm dann die hauptsächlich in der Gegend von Chiwata
liegenden Magazinbestände überlassen könnte, um selbst mit einem Teil
der Truppen von Chiwata aus das Makondehochland in Richtung auf Lindi
zu überschreiten und die Hauptetappenstraße des Feindes am Lukuledifluß
anzugreifen. Für beide Möglichkeiten der weiteren Kriegführung war die
Gegend von Chiwata wegen ihres Reichtums für uns von größter Bedeutung.
Chiwata war aber nicht geschützt und war noch dadurch gefährdet,
daß auch von Norden her gegen Mnacho feindliche Unternehmungen
stattfanden, sich auch berittene Abteilungen des Feindes an der Straße
Lukuledi-Lindi in der Gegend von Ndanda zeigten. Auch schenkte die
feindliche Fliegertätigkeit unseren Lagern von Chiwata eine gesteigerte
Aufmerksamkeit.
Dies waren die Gründe, aus denen ich Ende Oktober 1917 mit dem
Hauptteil meiner Truppen von Lukuledi abrückte. Es war noch nicht zu
übersehen, ob sich von Chiwata aus erneut die Gelegenheit zu einem
Vorstoß auf eine der voraussichtlich demnächst wieder vorrückenden
Kolonnen des Feindes bieten würde. Für die nächsten Wochen richtete
sich der Druck des Feindes wiederum gegen die Abteilung Wahle. Dort
traten ganz neue Truppen auf, unter ihnen auch das aus südafrikanischen
Mischlingen gebildete Capekorps. Dieses hatte an der Zentralbahn
gestanden und war zur Verstärkung der Truppen des Generals Beves
anscheinend über Daressalam-Lindi herangezogen. Glücklicherweise
hatte General Beves diese Verstärkungen nicht abgewartet, als er seine
Niederlage bei Mahiwa herbeiführte.