gewordenen Verstärkung unserer dortigen Truppen und den ferneren noch
in Aussicht stehenden Truppenverschiebungen dorthin war Generalmajor
Wahle von Mahenge herangezogen worden und hatte den Befehl an der
Lindifront übernommen; der Befehl in Mahenge ging an Hauptmann Tafel
über. Mitte Juni 1917 war General Wahle nach mehreren Gefechten,
die eine erhebliche Verstärkung des Feindes gezeigt hatten, den
Lukuledifluß aufwärts so weit zurückgegangen, daß der nachfolgende
Feind seine nördliche Flanke unvorsichtig preiszugeben schien.
Ich beschloß, den Vorteil auszunutzen, ohne allerdings genau zu
wissen, wie dies geschehen sollte. So viel war klar, daß nur ein
überraschendes Auftreten Erfolg versprach. Ich marschierte deshalb mit
vier Kompagnien und der aus zwei Geschützen bestehenden Gebirgsbatterie
über Nahungu auf der großen Straße vor, die über Lutende nach Lindi
führt. Bei Lutende stand die Kompagnie des Hauptmanns von Chappuis,
der mir persönlich zur Orientierung einen Tagemarsch entgegenkam. Am
29. Juni traf ich mit den Kompagnien bei Lutende ein und ließ hinter
der Kompagnie Chappuis die Kompagnie des Leutnants Wunder und weiter
rückwärts den Rest Lager beziehen. Ich selbst begab mich mit meinem
tüchtigen Begleiter Nieuwenhuizen, der früher schon bei der Pferdebeute
am Erokberge eine Hauptrolle gespielt hatte, zur Erkundung nach vorn.
Von der Höhe, auf der die Kompagnie Chappuis lag, hatte man einen
weiten Überblick und sah die einzelnen Farmhäuser der Umgebung von
Lindi, den Lukuledifluß und in ihm den Dampfer „Präsident“ liegen, der
dorthin geflüchtet und unbrauchbar gemacht worden war. Im Vorgelände
war es vielleicht ein Glück, daß wir auf einige Wildschweine und einen
Buschbock in der im übrigen wildarmen Gegend nicht zum Schuß kamen;
denn bald, gar nicht weit vom Lager der Kompagnie Chappuis, kreuzten
wir die Spuren einer starken feindlichen Patrouille, die soeben erst
durchgekommen sein konnte. Auch die Unterhaltung von Eingeborenen, die
wir beobachteten, ließ darauf schließen, daß die Leute soeben etwas
Interessantes gesehen hatten. Als wir sie heranwinkten, leugneten sie
allerdings. Im großen Bogen gehend langten wir abends bei Dunkelheit im
Lager der Kompagnie Wunder an. Dem Kompagnieführer und dem tüchtigen
Steuermann Inkermann, der am nächsten Tage den Heldentod starb,
teilten wir das Beobachtete mit und mahnten zu größter Aufmerksamkeit.
Auch wurde angeordnet, daß das in einer größeren Waldblöße liegende
Kompagnielager, das durch überraschende Beschießung aus dem umgebenden
Busch gefährdet war, verlegt werden sollte. Nach einer uns gereichten
Tasse Tee kehrten wir dann zu unserem, etwa eine Viertelstunde
rückwärts gelegenen Haupttrupp zurück.
Am Morgen des 30. Juni hörten wir bei der Kompagnie Wunder Gewehrfeuer,
das sich immer mehr verstärkte. In der Erwartung, daß der Feind den
Geländeverhältnissen entsprechend das Kompagnielager aus dem umgebenden
Busch unter Feuer nahm, ging ich sogleich mit den drei Kompagnien
rechts, also südlich der Straße ausholend, durch den Busch vor, um den
Feind überraschend im Rücken anzugreifen. Aber bald kamen uns Askari
entgegen und erzählten, daß der Feind in großer Zahl in das Lager
eingedrungen sei, die Kompagnie überrascht und herausgeworfen habe.
Ein junger Askari klagte einem alten „Betschausch“ (Sergeant) der 3.
Kompagnie, daß der Feind ihnen alles weggenommen habe. ~„Niamaza we,
tutawafukuza“~ (Halt’s Maul, wir werden sie ’rauswerfen), war die
stolze Antwort, die dem aufgeregten Jüngling sofort den Mund stopfte
und ihn beschämte. Die Antwort des Betschausch war in der Tat die
beste Kennzeichnung der Lage. Der Feind, aus mehreren Kompagnien
des 5. indischen Regiments und einigen Schwarzen bestehend, hatte
geglaubt, bei Lutende nur einen schwachen deutschen Posten zu finden.
Unvorsichtig war er in unsere ungünstig angelegten Verschanzungen
eingedrungen und war nun seinerseits in der unangenehmen Lage, von
allen Seiten aus dem umgebenden Busch konzentrisches Feuer zu erhalten.
[Illustration: Askarifrau]
Die Lage war so klar, daß sie zum schnellsten Zusammenhandeln der
Unterführer auch ohne Befehl herausforderte, und auch Hauptmann von
Chappuis griff sofort ein. Dem Feinde ging es nun sehr schlecht.
Der später gefallene, im Lager der Kompagnie Wunder verbliebene
Stabsarzt Mohn war dort vorübergehend in die Hand des Feindes geraten
und berichtete, wie außerordentlich unangenehm unser konzentrisches
Feuer auf ganz kurze Entfernung gewirkt hatte und wie groß die Panik
war, die beim Feinde entstand. Immerhin ermöglichten die Deckungen,
welche einige Schluchten und Geländebewachsungen boten, einem Teil
des Feindes, zu entkommen. Dieser ist in wilder Flucht davongelaufen.
Eine Anzahl seiner Leute hat sich aber so verirrt, daß sie noch
nach Tagen einzeln halb verhungert im Busch durch unsere Patrouillen
aufgegriffen wurden. Etwa 120 Gefallene wurden durch uns beerdigt.
Außer unserer Munition, die der Feind vorübergehend in Besitz genommen
hatte, fielen auch dessen eigene Munition, die er gerade an das Lager
herangezogen hatte, sowie etwa 100 Gewehre und einige Maschinengewehre
in unsere Hand. Unter den Schwerverwundeten, die von uns in das
englische Lager bei Naitiwi gebracht und dort abgeliefert wurden,
befand sich auch der später an seiner Wunde gestorbene, englische
Regimentskommandeur.
Wir blieben nun noch einige Wochen in der fruchtbaren Gegend von
Lutende und suchten dem Feinde, der in seinen befestigten Lagern bei
und südlich Naitiwi keine Aussicht für einen erfolgreichen Angriff
bot, durch Kampfpatrouillen Verluste beizubringen. In der Entfernung,
in südwestlicher Richtung, hörten wir häufig die Detonationen der
Fliegerbomben und der schweren Geschütze, die gegen Abteilung Wahle
gerichtet waren. Kompagnie von Chappuis wurde zur Abteilung Wahle als
Verstärkung in Marsch gesetzt. Von kleineren Unternehmungen abgesehen,
kam die Lage bei Lindi aber wohl infolge unseres Erfolges bei Lutende
zu einem gewissen Stillstand.
Daß aber im ganzen eine neue Kraftanstrengung des Feindes im
Gange war, dafür sprachen nicht nur die Meldungen von erheblichen
Truppentransporten nach Kilwa, sondern auch der Umstand, daß
Ende Mai der britische General Hoskins, der dem General Smuts im
Kommando gefolgt war, durch General van Deventer abgelöst wurde. Es
erschien also wieder ein Bur als Oberbefehlshaber, und die Gerüchte,
daß von Südafrika neue Europäertruppen herankämen, gewannen an
Wahrscheinlichkeit. Südlich Kilwa griff der Feind mit drei Brigaden
unsere neun Kompagnien an, aber Hauptmann von Lieberman, der dort für
den schwer erkrankten Hauptmann Goering den Befehl übernommen hatte,
verstand es in außerordentlich geschickter Weise, mit der feindlichen
Überlegenheit fertig zu werden. Am 6. Juli griff mindestens eine
Brigade den Hauptmann Lieberman bei Unindi in der Front an und wurde
mit schweren Verlusten zurückgeschlagen. Das kühne Vorstürmen unserer
Kompagnien erforderte aber auch bei uns Opfer; unter ihnen befand
sich Leutnant d. R. Bleeck, der als Kompagnieführer einen tödlichen
Unterleibsschuß erhielt. Als kühner Patrouillenführer, in zahlreichen
Gefechten und auch beim Stabe des Kommandos hatte dieser tapfere und
gerade Charakter vortreffliche Dienste geleistet und mir persönlich
nahegestanden. Die rechte Flanke des Hauptmanns von Lieberman deckte
Hauptmann Spangenberg mit zwei von den neun Kompagnien gegen eine
andere feindliche Brigade. Er führte diesen Auftrag aus und ging mit
seinen zwei Kompagnien so energisch gegen diese feindliche Brigade vor,
daß später bekannt gewordene, englische Berichte von einem Angriff sehr
starker, deutscher Kräfte sprachen.
Trotz dieses Erfolges von Unindi hatte die große zahlenmäßige
Überlegenheit des Feindes und die Gefahr, durch Umgehungsbewegungen
desselben die rückwärtigen Magazine und Bestände zu verlieren, den
Hauptmann von Lieberman zum allmählichen Ausweichen nach Süden unter
steten Gefechten veranlaßt. Mir schien der Augenblick gekommen, durch
einen schnellen Abmarsch mit meinen bei Lutende verfügbaren Kompagnien
und der Gebirgsbatterie beim Hauptmann von Lieberman überraschend
einzugreifen und vielleicht eine günstige Gelegenheit für eine
gründliche Niederlage des Feindes zu erwischen. In flotten Märschen
rückten wir von Lutende direkt nach Norden ab und überschritten
den Mbemkuru, der wieder ein unbedeutendes Flüßchen geworden war,
ohne Schwierigkeit zwei Tagemärsche unterhalb Nahungu. Schwärme
wildgewordener Bienen, die uns zu einem kleinen Umweg veranlaßten,
hatten nur eine geringe Störung verursacht. Nördlich des Mbemkuru ging
es weiter nach Norden in die Berge von Ruawa.
Die zwei Tage, die es dauerte, ehe die Truppe aufgeschlossen war,
benutzte ich zu eingehenden Erkundungsgängen und erfuhr zu meiner
Überraschung am 28. Juli zufällig durch Eingeborene, daß von unserem
Lager von Ruawa ab ein etwa sechs Stunden weiter, fast geradliniger
Weg durch die Berge zum Lager des Hauptmanns von Lieberman an der
Wasserstelle Narungombe führte. Sogleich wurde eine Europäerpatrouille
abgesandt, um diesen Weg auszugehen. Am 29. Juli hörte ich im Lager
bei Ruawa vormittags einige Detonationen aus der Richtung der
Abteilung Lieberman; da ich dann aber später nichts hörte und auch
der von mir zur Abteilung Lieberman abgesandte und am gleichen Morgen
wieder zurückgekehrte Europäer meldete, daß dort alles ruhig sei,
glaubte ich nicht an ein ernsthaftes Gefecht. Diese Auffassung mußte
ich aber ändern, als mittags der sehr zuverlässige van Rooyen von
der Jagd zurückkehrte und meldete, daß er zweifellos andauerndes
Maschinengewehrfeuer gehört habe. Der Leser wird sich vielleicht
wundern, daß ich erst jetzt den Abmarsch zur Abteilung Lieberman
antrat, aber es ist zu berücksichtigen, daß der Marsch dorthin ganz
ohne Wasser war und meine Truppen wirklich recht erschöpft, zum Teil
erst soeben bei Ruawa eingetroffen waren. Als ich bei Einbruch der
Dunkelheit mich dem Gefechtsfelde der Abteilung Lieberman auf knapp
drei Stunden genähert hatte, dauerte es bis in die Nacht hinein, ehe
meine Kompagnien heran waren. Ein Weitermarsch bei stockfinsterer
Dunkelheit durch den Busch wäre aussichtslos gewesen, hätte mit
Sicherheit zu einer Menge von Mißverständnissen geführt und die schon
stark in Anspruch genommenen Kräfte der Truppe zwecklos verbraucht.
Bald nachdem um 3 Uhr früh der Weitermarsch angetreten war, traf
die Meldung der vorausgesandten Offizierspatrouille ein, nach der
Hauptmann von Lieberman den Feind zwar geschlagen hatte, dann aber
wegen Munitionsmangel in der Nacht auf Mihambiha abmarschiert war. Die
Nachhut hatte die Wasserstelle geräumt und war zur Zeit des Abganges
der Meldung im Begriff, gleichfalls abzumarschieren. Mein Befehl, die
Wasserstelle unter allen Umständen zu halten, da ich bestimmt um 6
Uhr früh eintreffen und in das Gefecht eingreifen würde, war somit
leider durch die Verhältnisse überholt worden. Ich glaubte nun, daß
der Feind, der ja im ganzen doch überlegen war, die Wasserstelle
seiner Gewohnheit gemäß sogleich stark verschanzt hätte und daß ich
jetzt bei Durchführung eines Angriffes mit einer durstigen Truppe
hiergegen anzurennen hätte. Und das schien mir zu wenig aussichtsvoll.
Nachträglich, nachdem ich Kenntnis von der wirklichen Lage beim Feinde
erhalten habe, neige ich allerdings zu der entgegengesetzten Ansicht.
Der Feind hatte tatsächlich trotz seiner Überlegenheit eine der
schwersten Niederlagen des Feldzuges erlitten. Sein südafrikanisches 7.
und 8. Europäerregiment waren nahezu aufgerieben. Immer wieder war er
in dichten Schützenlinien gegen die Fronten unserer Askarikompagnien
angestürmt und immer wieder durch Gegenstöße zurückgetrieben worden.
Ein Waldbrand war in seine Reihen hineingeweht worden. Schließlich
hatte die Masse seiner Truppen sich im wirren Durcheinander im Busch
aufgelöst und war geflohen. Maschinengewehre, Massen von Gewehren
und Hunderte von Munitionskisten hatte er auf dem Gefechtsfelde
zurückgelassen. In diesem Zustande hätte mein Eingreifen selbst nach
Abzug der Abteilung Lieberman vielleicht noch den Untergang dieses
Hauptgegners besiegelt. Sehr zu bedauern ist es, daß damals die
Gewandtheit vieler Teile der Truppe noch nicht groß genug war, um sich
bei dem Mangel an deutscher Munition sofort noch während des Gefechtes
mit feindlichen Gewehren und Patronen auszurüsten, die ja in Menge
umherlagen. Der in greifbarer Nähe liegende höchste Erfolg war leider
durch den Zufall vereitelt worden. Aber dankbar mußte man doch für die
Waffentat sein, welche die sieben tapferen Askarikompagnien unter der
zweifellos glänzenden Gefechtsführung des Hauptmanns von Lieberman
gegen die bedrückende Übermacht vollbracht hatten.
Aber hierüber gewann ich erst später Klarheit; für den Augenblick hielt
ich es für richtig, nach Mihambia zu rücken, um durch Vereinigung mit
der Abteilung Lieberman eine einheitliche Führung zu sichern, die
Abteilung Lieberman durch Abgabe von Munition gefechtsfähig zu machen
und ihr, falls erforderlich, nach dem schweren Gefecht durch die
sichtbare Verstärkung einen erhöhten moralischen Schwung zu geben. Das
letztere erwies sich als unnötig; bei meinem Eintreffen fand ich die
Abteilung Lieberman in glänzender Stimmung vor, und alle Kompagnien
waren stolz darauf, den überlegenen Feind so schwer geschlagen zu
haben. Für mich war die Operation von Narungombe ein erneuter Beweis
dafür, wie schwer es ist, im unbekannten, afrikanischen Busch und bei
der Unzuverlässigkeit der gegenseitigen Verbindung auch unter sonst
günstigen Bedingungen eine in mehreren Kolonnen angesetzte Operation
so durchzuführen, daß das angestrebte vereinte Schlagen auf dem
Gefechtsfelde auch wirklich erreicht wird. Bei Narungombe, wo alle
Vorbedingungen so günstig wie fast nie waren, war die Durchführung
schließlich an geringen Zufälligkeiten gescheitert, und so wurde ich
in der Auffassung bestärkt, Truppen, mit denen ich einheitlich handeln
wollte, noch vor dem Schlagen in engste, gegenseitige Verbindung zu
bringen.
Der Schlag von Narungombe brachte den Kilwagegner auf längere
Zeit zum Stillstand, und wieder waren es notgedrungen einzelne
Patrouillenunternehmungen, die dem Feinde auf seinen Verbindungen
Verluste zufügten, indem sie seine Automobile und vorbeimarschierenden
Abteilungen aus dem Busch beschossen, bei günstiger Gelegenheit
auch mit der blanken Waffe angriffen. Um nun einerseits diesen
Patrouillenunternehmungen eine breitere Basis zu geben, dann aber auch
zum Schutze gegen die in westlicher Richtung ausholenden, feindlichen
Truppenbewegungen und schließlich aus Verpflegungsrücksichten zog ich
die Truppen mehr seitlich in die Linie Mihambia-Ndessa auseinander.
In der reichen Landschaft von Ndessa zeigten sich zahlreiche Flieger,
gegen deren Bomben wir schutzlos waren und die auch einige schwere
Verwundungen zur Folge hatten; an der Luftaufklärung konnte man
das erhöhte Interesse des Feindes für diese Gegend entnehmen, und
bald wurden auch seine Bewegungen noch weiter westlich ausholend
festgestellt. Unsere Kampfpatrouillen arbeiteten zwar so erfolgreich,
daß gelegentlich ganze Kompagnien des Feindes mit schweren Verlusten in
die Flucht gejagt wurden, aber der Gegner versuchte immer wieder von
neuem, sich Aufklärung zu verschaffen. Er gab sich kaum noch die Mühe,
seine Absicht, mit Hilfe von Parlamentären zu erkunden, zu verbergen.
Ich entsinne mich eines Falles, wo der Parlamentär von rückwärts durch
den Busch an unser Lager herankam; er hatte also die von verschiedenen
Seiten zu unserem Lager führenden Straßen nicht nur vermieden,
sondern absichtlich gekreuzt. Mit der Annäherung des Feindes wurde
die Beschaffung unserer Verpflegung, deren Bestände sich allmählich
erschöpften, schwieriger. Es war nicht zu verhindern, daß unsere
ungeschützt weit im Lande verbreiteten Aufkäufer und Jagdkommandos dem
Feinde verraten und dann von ihm überrascht wurden. Die Bearbeitung der
Eingeborenen durch den Feind zeigte sich darin, daß südlich Mihambia
mehrere Eingeborenendörfer plötzlich verlassen waren. Von früher her
war mir diese Erscheinung ein untrügliches Zeichen dafür, daß der Feind
dort vorzudringen beabsichtigte. Unsere Verpflegungslage schloß es
aus, auf längere Zeit Truppen in der bisherigen Stärke in der Gegend
Mihambia-Ndessa zu unterhalten. Da deshalb ohnehin eine Räumung dieses
Gebietes in greifbare Nähe rückte, und da der Feind gleichzeitig
westlich Lindi, dem General Wahle gegenüber, mit starken Truppen eine
gesteigerte Angriffstätigkeit entwickelte, so beschloß ich, mit einem
Teile der Kompagnien von Ndessa aus zum General Wahle abzurücken,
um vielleicht dort zu erreichen, was bei Narungombe mißlungen war,
nämlich mit einer überraschend durchgeführten Verstärkung unserer
Truppen einen entscheidenden Teilerfolg zu erzielen. Am 8. August
hatten die Truppen des Generals O’Grady allerdings eine sehr schwere
Niederlage erlitten. Hierbei war ein indisches Regiment, das durch den
freien Raum zwischen zwei ausgebauten, starken deutschen Stützpunkten
vorgedrungen war, durch unsere dahinter bereit gehaltenen Reserven
angegriffen und nahezu vernichtet worden. Bei der Verfolgung fiel
wertvolles Material in unsere Hand. Aber der Feind hatte nach einigen
Tagen erneut angegriffen, und vor seinen starken Umgehungsabteilungen
war General Wahle nach Narunju und einem in gleicher Höhe südlich des
Lukulediflusses liegenden Berge zurückgegangen.
Bei Ndessa blieb Hauptmann Koehl mit sechs Kompagnien und einer
Batterie zurück; ich selbst überschritt mit vier Kompagnien und zwei
Gebirgsgeschützen unterhalb Nahungu den Mbemkurufluß und marschierte
dann quer über das Mueraplateau zur Missionsstation Namupa. Der dortige
Präfekt bewirtete uns unter anderem mit Muhogo (eine Feldfrucht mit
genießbaren Wurzeln), der wie Bratkartoffeln zubereitet war, und
ergänzte die verschwindenden Verpflegungsbestände unserer Europäer
durch Bananen und andere Früchte seiner weiten Gartenanlagen.
Im Lager von Njangao erregte ein zum Teil gut aufgefangener, an mich
gerichteter deutscher Funkspruch, der beim Eintritt in das vierte
Kriegsjahr die Anerkennung Sr. Majestät des Kaisers zum Ausdruck
brachte, allgemeinen Jubel.
Bei unangenehmem Regenwetter bezogen wir mit den zuerst
eintreffenden Kompagnien Lager bei Njengedi, an der großen Straße
Njangao-Lindi, hinter der Abteilung Wahle. Ich begab mich sogleich
zur Orientierung zum General Wahle nach Narunju. Hier lagen sich in
fast undurchdringlich dichtem, stark zerklüftetem Gelände, dessen
Niederungen vielfach mit tiefem Sumpf ausgefüllt waren, Freund
und Feind ganz nah gegenüber. Unsere Truppen arbeiteten an tiefen
Schützenlöchern, die durch Verhaue vor der Front gedeckt waren.
Nur schwache fünf von den sieben Kompagnien, die General Wahle
zur Verfügung hatte, lagen bei Narunju, die zwei übrigen auf dem
Südufer des Lukulediflusses auf dem Ruhoberge. Bei der Gefahr eines
überraschenden Angriffs auf unsere schwachen Kräfte bei Narunju ordnete
ich deren Verstärkung durch die Kompagnien des Ruhoberges an und setzte
auf diesen Berg zwei der von mir mitgebrachten Kompagnien in Marsch.
Schon am folgenden Tage, am 18. August 1917, geschah der feindliche
Angriff auf Narunju. Außer dem Hauptmann Lieberman vom Ruhoberge her
kamen auch die beiden anderen von mir mitgebrachten Kompagnien noch zum
Eingreifen. Ich sehe noch jetzt die Askari der 3. Kompagnie, die soeben
erst bei Njengedi angekommen und sofort nach Narunju weitermarschiert
waren, im buchstäblichen Eilmarsch vor Einbruch der Dunkelheit dort
eintreffen und höre ihre freudigen Zurufe, da sie glaubten, den Feind
wieder einmal gründlich zu schlagen.
Aber unser umfassender Angriff gegen den feindlichen rechten Flügel
führte nur zu einem Zurückdrängen desselben; der Busch war gar zu
dicht für Angriffsbewegungen, die sich auf kurze Entfernungen in
dem ununterbrochenen Gewehr- und Maschinengewehrfeuer des Feindes
entwickeln mußten. Die Dunkelheit steigerte die Schwierigkeit der
Führung, und es ist kein Zweifel, daß bei dem Verwerfen der Fronten in
dem zerrissenen Gelände unsere Abteilungen sich vielfach gegenseitig
beschossen haben; ein Erkennen von Freund und Feind war eben kaum
möglich. So glaubte ich, als ich in völliger Dunkelheit im Busch vor
mir lautes Stimmengewirr hörte, daß dies von unserem umfassenden
Angriff herrührte, der den Feind völlig zurückgeworfen habe. Erst
nach längerer Zeit stellte es sich heraus, daß dies Feind war, und
bald hörte man auch seine Schanzarbeiten. Die genaue Feststellung
der feindlichen Verschanzungen bot für uns den Vorteil, daß wir sie
mit guter Beobachtung durch das 10,5 ~cm~-Königsberggeschütz der
Abteilung Wahle unter Feuer nehmen konnten. Das ist mit anscheinend
gutem Erfolg geschehen; jedenfalls hat der Feind am nächsten Tage seine
Verschanzungen geräumt und ist zurückgegangen.
Der gewünschte, durchschlagende Erfolg war nicht erreicht worden und
bei den vorhandenen Geländeschwierigkeiten auch nicht zu erwarten, da
wir durch das Gefecht am 18. dem Feinde unsere Stärke verraten hatten
und somit das Moment der Überraschung für uns fortfiel. Wiederum mußte
ich mich mit hinhaltenden Maßnahmen begnügen. Für ein längeres Bleiben
bot sich in dem reichen Lande vom Standpunkte der Verpflegung aus
keine Schwierigkeit. Selten ist die Truppe so gut verpflegt worden wie
in der Gegend von Lindi. Große Felder von Süßkartoffeln und Muhogo
breiteten sich aus, so weit das Auge reichte, auch Zuckerrohr gab es
reichlich. Schon die zahlreichen Araberpflanzungen deuteten auf den
Reichtum und die alte Kultur des Landes hin. Wir richteten uns also
häuslich ein, und wenn auch die Gewehrkugeln häufig durch unser Lager
flogen und die Flieger ihre Bomben abwarfen, so wurde doch durch diese
kaum Schaden angerichtet. Der Zahnarzt, der uns nach langer Zeit die
ersehnte Behandlung angedeihen ließ, hatte sein Atelier in einem
Europäerhause aufgeschlagen und behandelte gerade einen Patienten, als
eine Granate in das Zimmer schlug. Bei der jetzt vorgenommenen, genauen
Untersuchung des Raumes stellte sich heraus, daß der Pflanzer seine
Bestände an Dynamit in dem Zimmer aufgehoben hatte. Glücklicherweise
waren diese nicht getroffen, wodurch Patient und Zahnarzt endgültig von
allen Zahnschmerzen befreit worden wären.
Nicht leicht war die Frage, was aus den deutschen Frauen und Kindern
werden sollte, die zum Teil aus Lindi geflüchtet waren und nun
nicht wußten, was sie machen sollten. Eine Anzahl von ihnen war in
den Pflanzungsgebäuden von Mtua untergekommen, die im feindlichen
Artilleriefeuer lagen. Bei dem Zusammenschmelzen der Verpflegung und
bei der großen Schwierigkeit der Transport- und Unterkunftsverhältnisse
war es erwünscht, Frauen und Kinder nach Lindi abzuschieben. Einige
waren auch verständig genug, dies einzusehen. Durch Parlamentär wurde
ihre ordnungsgemäße Überführung in die englischen Linien verabredet,
und so konnten sie nach Lindi abreisen. Aus mir unbekannten Gründen
haben die Engländer dann aber diese Methode nicht fortsetzen wollen.
Daher sammelte sich nach und nach die Masse der Frauen und Kinder
sowie auch der männlichen Nichtkombattanten in der katholischen
Mission Ndanda. Dort war schon seit längerer Zeit ein militärisches
Genesungsheim eingerichtet, das zu einem größeren Lazarett erweitert
wurde. Alle die hier untergebrachten Leute fanden gute Unterkunft und
Verpflegung in den weitläufigen Baulichkeiten der Mission und deren
ausgedehnten Gärten.
Elfter Abschnitt
In der Südostecke der Kolonie