feindliche Magazine und Kolonnen, erbeutete hierbei auch ein Geschütz
und Funkenmaterial. Ihr mehrtägiges Gefecht von Lupembe führte bei
aller Zähigkeit nicht zur Fortnahme dieses Ortes und seiner Bestände.
Der Einfluß des Vormarsches der Abteilung Wahle auf die Kriegslage in
der Gegend von Mahenge machte sich sofort geltend. Die augenscheinlich
recht guten feindlichen Truppen, die aus ihrer festen Stellung bei
Mkapira am 30. Oktober den erfolgreichen Ausfall gegen Major Kraut
gemacht hatten, fühlten sich in ihrem Rücken aufs äußerste bedroht,
räumten ihr festes Lager und zogen wieder nach Lupembe zu ab. General
Wahle übernahm nun den gemeinsamen Befehl bei Mahenge.
Ende November 1916 waren die Truppen des Westbefehlshabers Generals
Wahle um Mahenge gruppiert. Von hier aus leitete er die sich ungefähr
bis Ssongea-Lupembe-Iringa-Kidodi erstreckenden Operationen.
Es ist erwähnt worden, daß seit Juli 1916 jede Verbindung mit General
Wahle aufgehört hatte; erst im Oktober 1916 traten seine Patrouillen
südlich Iringa in Verbindung mit denen des Majors Kraut.
Erst jetzt, also nach dem Gefecht von Mkapira, erfuhr Major Kraut
und durch diesen auch das Kommando den Anmarsch des Generals Wahle;
ganz anders aber stellte sich die Entwicklung der Lage in den Augen
des Feindes dar. Dieser mußte in dem Vormarsch der Kolonnen des
Generals Wahle gegen die englische von Iringa nach Langenburg führende
Etappenstraße und der zufälligen gleichzeitigen Bedrohung Mkapiras
durch Major Kraut eine großangelegte, gemeinsame Operation sehen, die
seine Truppen bei Mkapira in große Gefahr brachte, auch nachdem Major
Kraut wieder auf das östliche Ruhudjeufer zurückgegangen war. Er entzog
sich dieser durch schleunigen Abzug von Mkapira in westlicher Richtung
nach Lupembe.
Die Kolonnen des Generals Wahle sammelten sich zunächst im Raume von
Lupembe-Mkapira. Von der am weitesten westlich marschierenden Kolonne
des Oberleutnants Huebener fehlte jede Nachricht; ihre Kapitulation bei
Ilembule wurde erst viel später bekannt.
So willkommen die Verstärkung der Westtruppen war, so traten doch
Schwierigkeiten in der Verpflegung hervor, und es wurde notwendig,
einen größeren Raum, der sich fast bis Ssongea erstreckte, für die
Verpflegung auszunutzen und zu belegen. Die Abteilung des Majors von
Grawert rückte nach Likuju, an der Straße Ssongea-Liwale, diejenige
des Majors Kraut in die Gegend von Mpepo, und Hauptmann Wintgens
schloß eine feindliche Abteilung ein, die bei Kitanda in befestigtem
Lager stand. Bald regte sich der Feind zum Entsatz dieser Abteilung,
aber die Entsatztruppen wurden mit schweren Verlusten abgeschlagen.
Gleichzeitig entwickelte sich die Lage bei der Abteilung von Grawert
außerordentlich ungünstig. Es war dem Feinde gelungen, das Vieh
dieser Abteilung fortzutreiben. Da auch sonst in der Gegend die
Verpflegung knapp war, hielt Major von Grawert, wohl in Überschätzung
der Verpflegungsschwierigkeiten, seine Lage für hoffnungslos und
kapitulierte im Januar 1917. Ein fahrbares 8,8 ~cm~-Marinegeschütz, das
mit großer Mühe nach Likuju transportiert worden war, fiel außer einer
Anzahl guter Maschinengewehre dem Feinde in die Hände. In Wirklichkeit
scheint die Lage der Abteilung Grawert nicht so verzweifelt gewesen zu
sein; wenigstens kam eine starke Patrouille unter Vizefeldwebel Winzer,
der nicht mit kapitulieren wollte, unbelästigt vom Feinde in südlicher
Richtung davon und fand nach einigen Tagen schmaler Kost reichlich
Verpflegung in den Gebieten westlich Tunduru. Mir zeigte das Verhalten
dieser Patrouille, daß es auch aus anscheinend verzweifelten Lagen fast
immer noch einen Ausweg gibt, wenn der Führer entschlossen ist, auch
ein großes Risiko auf sich zu nehmen.
Die Verpflegungsschwierigkeiten des Generals Wahle wuchsen nun immer
mehr. Ob sie durch rücksichtsloses Abschieben von Nichtkombattanten in
der Art, wie es am Rufiji geschehen war, erheblich hätten vermindert
werden können oder ob eine größere Gewandtheit in der Beschaffung und
Verteilung der Lebensmittel imstande gewesen wäre, die materielle
Lage der Westtruppen wesentlich zu verbessern, war ich vom Utungisee
nicht in der Lage zu entscheiden. Die behelfsmäßige Drahtverbindung
nach Mahenge war wenig leistungsfähig und oft unterbrochen, und
vom General Wahle in Mahenge bis zu den Truppen war immer noch ein
mehrtägiger Botenverkehr erforderlich. So war es für mich schwer, aus
den unvollkommenen Nachrichten eine Anschauung zu gewinnen. Genug:
die Verpflegungsschwierigkeiten wurden in Mahenge als so erheblich
angesehen, daß die Versammlung so starker Truppenmassen nicht länger
für möglich gehalten wurde und Teile abgeschoben werden mußten.
Abteilung Kraut und Abteilung Wintgens wurden nach Westen auf
Gumbiro in Marsch gesetzt, um von dort nach Süden dringend die
Straße Ssongea-Wiedhafen zu überschreiten, wo in den Bergen südlich
Ssongea genügend Verpflegung vermutet wurde. Die Meldung über diese
Bewegung traf bei mir so spät ein, daß ich nicht mehr eingreifen
konnte. Von Gumbiro wandte sich Hauptmann Wintgens nach Norden und
hat in der Gegend des Rukwasees gegen eine ihn verfolgende feindliche
Kolonne mit Erfolg gekämpft; bei der Annäherung an Tabora wurde er
selbst typhuskrank gefangengenommen, und Hauptmann Naumann führte
die Abteilung weiter, bis er sich schließlich gegen Ende 1917 am
Kilimandjaro der feindlichen Verfolgungskolonne ergab, die mit
reichlicher Reiterei ausgestattet war. Es ist zu bedauern, daß
diese von der Initiative eingegebene und mit so großer Zähigkeit
durchgeführte Einzeloperation doch zu sehr aus dem Rahmen der gesamten
Kriegshandlung herausfiel, um für diese von Nutzen sein zu können.
Major Kraut hatte sich in Gumbiro von Hauptmann Wintgens getrennt und
war dem ihm vom General Wahle erteilten Befehl entsprechend nach Süden
marschiert. Das Überschreiten der Etappenlinie Ssongea-Wiedhafen machte
keine Schwierigkeiten, führte aber, da der Feind seine Vorräte in den
Etappenlagern gut verschanzt und gesichert hatte, zu keiner Beute. Auch
im Lande wurde jetzt, im März 1917, also in der ärmsten Jahreszeit,
einige Monate vor der neuen Ernte, wenig Verpflegung vorgefunden. Nach
einigen Nachhutgefechten gegen englische Truppen glückte am Rowuma
ein Überfall auf das kleine portugiesische Lager bei Mitomoni. Major
Kraut zog dann den Rowuma abwärts nach Tunduru und begab sich selbst zu
persönlicher Berichterstattung zum Kommando nach Mpotora. Zwei seiner
Kompagnien blieben bei Tunduru zur Sicherung des dortigen reichen
Verpflegungsgebietes. Die drei anderen rückten weiter nach Osten und
wurden vorübergehend dem Kapitän Looff unterstellt, der vor Lindi lag.
Zehnter Abschnitt
Um Lindi und Kilwa
Die Operationen der letzten Monate hatten das für die
Verpflegungsbeschaffung der Truppe in Betracht kommende Gebiet immer
mehr eingeengt. Die fruchtbaren Gebiete von Lupembe, Iringa, Kissaki
und am unteren Rufiji waren verloren gegangen, das noch besetzte Gebiet
schloß große Strecken unbebauten Landes in sich. Die Ertragfähigkeit
der reicheren Landesteile war zum großen Teil unbekannt; erst
später stellte sich durch die Operationen selbst heraus, wieviel
beispielsweise die Gegend südwestlich Kilwa und südwestlich Liwale an
Verpflegung zu liefern imstande waren. Bekannt war mir damals nur ganz
im allgemeinen, daß der östliche Teil des Lindibezirks sehr reich war
und als die Kornkammer der Kolonie bezeichnet wurde. Aber dieser reiche
Landesteil war bei seiner Küstennähe auch sehr gefährdet, und man mußte
sich für den Fall, daß er verloren gehen würde, schon jetzt die Frage
vorlegen, was dann geschehen sollte.
Von selbst richteten sich da die Blicke über den Rowuma hinüber auf
das portugiesische Gebiet. Aber über dieses waren die Nachrichten noch
spärlicher als über die Teile der deutschen Kolonie. Glücklicherweise
aber waren eine Anzahl eingeborener, portugiesischer Häuptlinge aus
Haß gegen ihre Bedrücker auf deutsches Gebiet übergesiedelt, und
auch sonst genossen wir Deutschen bei den intelligenten Schwarzen
des portugiesischen Gebietes, die vielfach auf deutschen Pflanzungen
arbeiteten, einen sehr guten Ruf. So gelang es, sich doch wenigstens
ein ungefähres Bild des Gebietes östlich des mittleren Nyassasees zu
machen und als sehr wahrscheinlich festzustellen, daß südlich des
mehrere Tagereisen breiten, wenig bewohnten Steppengürtels des Rowuma,
in der Gegend von Mwembe, sich ein fruchtbares Gebiet befand. Eine
Expeditionstruppe von wenigen hundert Gewehren unter Major von Stuemer
überschritt südlich Tunduru den Rowuma, setzte sich sehr bald in den
Besitz von Mwembe, und unsere Patrouillen streiften von dort an die
Ufer des Nyassasees bis in die Gegend von Fort Johnston und nach Osten
bis halbwegs Port Amelia.
Bei der Schwierigkeit der Verbindung -- Eilboten von der
Telephonstation Liwale nach Tunduru gingen etwa drei und von Tunduru
nach Mwembe fünf Tage -- war es schwer, ein Bild über die Verhältnisse
bei Mwembe zu gewinnen. Erst Leutnant d. R. Brucker, der im Januar 1917
zu persönlicher Berichterstattung von Mwembe her beim Kommando eintraf,
schaffte Klarheit. Schon die von ihm mitgebrachten europäischen
Kartoffeln ließen vermuten, daß dort an Verpflegung etwas zu erwarten
war. Er schilderte uns das Land als reich und berichtete, daß auch die
Umgebung von Tunduru reich sei und der Krieg sich dort bisher nicht
fühlbar gemacht hatte. Eier und Hühner gab es in dem reich angebauten
Lande noch in großer Zahl. Als Brucker in Tunduru auf der Erde schlief,
hatten die dortigen Europäer dies noch für Renommisterei gehalten;
so wenig kannten sie den Krieg. Bei der allgemeinen Schwierigkeit
der Verpflegungsbeschaffung und den häufigen Truppenverschiebungen
wurde die Notwendigkeit, die Truppe von dem wenig leistungsfähigen
Etappennachschub mehr und mehr loszulösen, immer brennender. Mit aus
diesem Grunde erhielten die Abteilungen des Hauptmanns Goering und von
Lieberman Befehl, in die Gegend dicht südlich Kilwa zu ziehen, wo nach
Erzählungen einiger Europäer in den Kiturikabergen viel Verpflegung
sein sollte. Um den Verpflegungsnachschub von rückwärts her zu
entlasten, wurden die Truppen ohne zeitraubende Erkundung auf Kilwa in
Marsch gesetzt, und es war ein Glück, daß sich die Nachrichten über den
Verpflegungsreichtum in der dortigen Gegend dann bewahrheiteten.
Um den Feind, der von Kilwa aus bereits kleinere Abteilungen bis
halbwegs nach Liwale vorgeschoben hatte, möglichst in seinem
Ausschiffungspunkt bei Kilwa von Süden her zu fassen und zugleich so
auch die südlich Kilwa nach dem Mbemkuru zu gelegenen, fruchtbaren
Gebiete zu sichern, machten die Abteilungen Goering und von Lieberman
von Mpotora aus nach Süden zu einen Bogen und drangen nun, Abteilung
Goering in der Nähe der Küste, direkt auf Kilwa zu, Abteilung Lieberman
etwas westlich davon gegen die Straße Kilwa-Liwale vor. Längs dieser
Straße ging eine schwächere Abteilung auf Kilwa zu und diente als
Rückhalt für Kampfpatrouillen, die die feindlichen Streifabteilungen
mehrfach in ihren Lagern überraschten und zurückwarfen. Bald
wimmelte es in der Gegend von Kilwa von unseren Kampfpatrouillen.
Mehrere feindliche Magazine wurden überrascht und die Besatzungen
zum Teil niedergemacht. Bei einer dieser Gelegenheiten drang der
später gefallene brave Feldwebel Struwe mit einem großen Teil der 3.
Feldkompagnie geschickt in das Innere eines Magazines ein und fügte von
hier aus, gedeckt durch die Mehlsäcke, dem Feind, der von außen her
in großer Zahl erschien, schwere Verluste bei. Aber es war schwierig,
aus dem überrumpelten Magazin viel mitzunehmen, und so mußte sich die
Patrouille damit begnügen, den Hauptteil der Bestände zu vernichten.
Es trat auch der bei der Patrouillenführung gewiß seltene Fall ein,
daß ein Feldgeschütz mit auf Patrouille ging. Dieses erreichte nach
sorgfältiger Erkundung die Küste bei Kilwa-Kissiwani und beschoß
mehrere dort liegende Transportschiffe.
Am 18. April 1917 wurde Hauptmann von Lieberman, der mit der 11.
und 17. Kompagnie einen Tagemarsch südwestlich Kilwa, an der Straße
Kilwa-Liwale bei Ngaula, in verschanzter Stellung stand, durch acht
Kompagnien mit zwei Geschützen angegriffen. Oberleutnant z. S. a.
D. Buechsel machte mit seiner 17. Kompagnie einen so wuchtigen
Flankenstoß, daß er nacheinander mehrere Askarikompagnien des Feindes
über den Haufen warf und diese sowie das 40. indische Pathanregiment in
wilder Flucht davonliefen. Der Feind ließ etwa 70 Tote liegen, und es
ist, wie später Engländer erzählt haben, nur dem Zufall zu verdanken,
daß seine Geschütze, die in einem Fluß steckengeblieben waren, nicht
von uns gefunden wurden.
Im allgemeinen hatte man den Eindruck, daß die Kräfte des Feindes
wieder einmal ziemlich erschöpft waren. Falls er nicht ganz erhebliche
Verstärkungen heranbrachte, war vorauszusehen, daß die vorhandenen
Kräfte in nicht zu ferner Zeit aufgerieben und seine Operationen
erfolglos bleiben würden. Augenscheinlich erforderte schon seine
jetzige Operation eine große Kraftanspannung. Es war festgestellt
worden, daß eine Batterie aus Hinterindien nach Kilwa herangezogen und
daß eine große Anzahl neuer Askarikompagnien aufgestellt worden waren.
Gefährlicher als der Feind erschien mir die materielle Lage der Truppe.
Die Weizenbestände des Hilfsschiffes gingen zu Ende, und es schien mir
fraglich, ob man aus Mtamamehl allein ohne Zusatz von Weizenmehl würde
Brot backen können. Ich glaubte damals noch, daß Brot ein unbedingtes
Erfordernis für die Europäerernährung wäre und machte deshalb
persönlich Backversuche ohne Weizenmehl. Schon diese fielen leidlich
zur Zufriedenheit aus. Später, unter dem Zwange der Not, haben wir alle
ohne Weizenmehl vortreffliches Brot hergestellt. Die Methoden waren
sehr verschieden. Wir haben gutes Brot später nicht nur aus Mtama,
sondern auch aus Muhogo, aus Süßkartoffeln, aus Mais, kurz schließlich
von fast jedem Mehl und in verschiedenartigsten Mischungen gebacken und
je nachdem durch Zusatz von gekochtem Reis, gekochtem Mtama auch die
wünschenswerte Beschaffenheit erzielt.
Auch die Bekleidung erforderte Beachtung. Eine Stiefelnot war in Sicht.
Meine Versuche zeigten mir bald, daß der Europäer zwar auf leidlichen
Wegen, keinesfalls aber durch den Busch dauernd barfuß gehen kann.
Sandalen, die jeder leicht aus irgendeinem Stück Leder herstellt,
erwiesen sich als Aushilfe, ersetzten jedoch nicht die Stiefel. Für
alle Fälle ließ ich mich im Gerben von Leder mit der Hand unterweisen
und habe mir unter Anleitung auch einen Gegenstand verfertigt, den
man zur Not als einen linken Stiefel bezeichnen konnte, wenn er auch
eigentlich ein rechter Stiefel hatte werden sollen. Für den Europäer
ist es sehr erwünscht, wenn er die einfachsten Grundlagen dieser
Handwerke so weit kennt, um aus der Decke der Antilope, die er heute
erlegt, in einigen Tagen einen Stiefel herzustellen, oder einen
solchen wenigstens wieder gebrauchsfähig zu machen, ohne daß ihm die
Hilfsmittel der Kultur zur Verfügung stehen. Ein Nagel muß als Pfriem,
ein Baumast als Leisten dienen, und der Zwirn wird aus dem zähen Leder
einer kleinen Antilope geschnitten. Tatsächlich sind wir aber nie in
eine wirkliche Notlage in dieser Beziehung geraten; denn immer hat uns
Beute wieder die notwendige Bekleidung und Ausrüstung verschafft, und
manchen Beutesattel haben wir verwandt, um aus ihm Stiefelsohlen und
Flicken zu schneiden.
Mehr und mehr gelangte fast jeder Europäer auf den Standpunkt des
südafrikanischen „Treckers“ und war sein eigener Handwerker. Natürlich
nicht immer in eigener Person, aber innerhalb des kleinen Haushaltes,
den er mit seinem schwarzen Koch und schwarzen Diener selbständig
führte. Viele hatten sich auch einige Hühner zugelegt, die mitgetragen
wurden, und Hahnenschrei verriet die deutschen Lager ebensoweit wie
die Ansiedlungen der Eingeborenen. Der Befehl einer Abteilung, der das
Krähen der Hähne vor 9 Uhr morgens verbot, schaffte keine Abhilfe.
Die wichtige Salzfrage wurde von den Truppen bei Kilwa sehr einfach
durch Verdunstenlassen des Meerwassers gelöst. Um aber auch bei Verlust
der Küste den Ersatz an Salz, das in den Magazinen anfing, knapp zu
werden, zu sichern, wurden salzhaltige Pflanzen gesucht und ihre
Asche ausgelaugt. Einen Fingerzeig hierfür gaben uns die Eingeborenen
der Gegend, die ihren Salzbedarf auf gleiche Weise deckten. Das so
gewonnene Salz war nicht schlecht, ist aber in nennenswertem Umfange
nicht in Anspruch genommen worden, da wir später unseren Bedarf stets
durch Beute rechtzeitig decken konnten. Der große Elefantenreichtum der
Gegend lieferte viel Fett; Zucker wurde ersetzt durch den prachtvollen
wilden Honig, der in großer Menge gefunden wurde. Die Truppe hatte
einen gewaltigen Fortschritt in der Beschaffung der Verpflegung
gemacht, wußte auch, Feldfrüchte notreif zu machen und sich auf diese
Weise vor Mangel zu schützen.
Es verdient an dieser Stelle besonders hervorgehoben zu werden, daß
das Sanitätswesen in den wechselnden, schwierigen Verhältnissen
des Feldlebens es verstanden hat, die besonders wichtigen Fragen
des Chinins und des Verbandzeugs in befriedigender Weise zu lösen.
Erwähnt ist schon, daß im Norden aus den Beständen der Chinarinde
Chinintabletten hergestellt wurden, die die englischen an Güte
übertrafen. Nach der Räumung der Nordbezirke war ein großer Teil
Chinarinde nach Kilossa geschafft worden; von diesen Beständen war auf
Anregung des damals stellvertretenden Sanitätsoffiziers beim Stabe,
Stabsarzt Taute, ein Teil weiter nach Süden transportiert worden. Die
Tablettenzubereitung konnte mangels eines entsprechenden Instituts
nicht fortgesetzt werden; dafür wurde durch Auskochen der Chinarinde
flüssiges Chinin hergestellt. Dies hatte einen verteufelten Geschmack
und wurde unter dem Namen Lettowschnaps zwar ungern, aber doch mit
Nutzen für den Patienten getrunken.
Die andere schwierige Frage war die Beschaffung von Verbandstoff. Um
diesen beim Schwinden der Leinwandbestände zu ergänzen, wurden nicht
nur Kleidungsstücke aller Art nach Desinfizierung verwandt und nach
Benutzung durch erneutes Auskochen wiederum brauchbar gemacht, sondern
es wurde auch Verbandzeug mit gutem Erfolg aus Baumrinde hergestellt.
Einen Fingerzeig hierzu gab uns die Methode der Eingeborenen, die
längst aus Myomborinde Kleidungsstücke und Säcke verfertigten. Das
ärztliche und Apothekerpersonal hat das Menschenmögliche getan, um die
Truppe gesund und lebensfähig zu erhalten. Die hohe Anpassungsfähigkeit
des Sanitätsdienstes und das erforderliche Haushalten mit den
primitiven verfügbaren Mitteln verdient um so mehr Anerkennung, als
gerade der Sanitätsdienst ursprünglich unter den Verhältnissen des
Tropenklimas mit Recht daran gewöhnt war, mit seinen Beständen etwas
frei zu wirtschaften. Der Sanitätsoffizier beim Stabe, Stabsarzt
Stolowsky, und später sein Nachfolger, Stabsarzt Taute, haben hier eine
musterhafte und hingebende Tätigkeit und Umsicht entwickelt.
Auf gleicher Höhe stand die chirurgische Tätigkeit. Die Lazarette, die
während des ersten Teiles des Feldzuges meist in massiven Gebäuden
untergebracht worden waren und in solchen Jahr und Tag ständig ohne
Platzwechsel gearbeitet hatten, mußten sich in bewegliche Kolonnen
umwandeln, die in jedem Augenblick mit allen Kranken und allen Lasten
aufgepackt werden konnten und der Truppe auf ihren vielen Hin-
und Hermärschen in gleichem Tempo folgten. Alles nicht unbedingt
notwendige Material mußte abgestoßen werden; die Vorbereitungen
für eine chirurgische Operation wurden demzufolge stets mehr oder
weniger improvisiert. Der Raum dazu war meist eine soeben erst
hergestellte Grashütte. Trotzdem sind Stabsarzt Müller, Regierungsarzt
Thierfelder und andere auch durch schwere Fälle, dabei mehrere
Blinddarmoperationen, nicht in Verlegenheit gekommen.
Das Vertrauen, das, wie schon bei einer früheren Gelegenheit erwähnt,
auch feindliche Soldaten zu den deutschen Ärzten hatten, war
vollberechtigt. Die erfolgreiche und hingebende ärztliche Tätigkeit
stärkte bei Weißen und Schwarzen das gegenseitige Vertrauen ganz
gewaltig. So bildeten sich mehr und mehr die festen Bande, die
die verschiedenartigen Elemente der Truppe bis zum Schluß als ein
geschlossenes Ganzes zusammenhielten. --
Bei Lindi hatte sich der Feind mehr und mehr verstärkt, und es wurde
festgestellt, daß Truppenteile, die bisher in Gebieten westlich von
Kilwa gestanden hatten, mit Schiffen nach Lindi fuhren. Auch General
O’Grady, der bei Kibata eine Brigade befehligt hatte, tauchte bei
Lindi auf. Der naheliegende Gedanke, daß der Feind mit starken Kräften
von Lindi aus gegen unsere dort nur schwachen Truppen und gegen unser
Hauptverpflegungsgebiet vorgehen würde, in gleicher Weise, wie er es
früher bei Kilwa beabsichtigt hatte, schien sich zu verwirklichen.
Mehrere Angriffe waren durch die Truppen des Kapitäns z. S. Looff
westlich Lindi zurückgeschlagen worden. Drei von den Kompagnien, die
mit Major Kraut gekommen waren, wurden auf Veranlassung des Gouverneurs
nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, zur schnellen und gründlichen
Züchtigung aufständischer Makondeleute in der Südostecke unseres
Schutzgebietes verwandt, wozu sie im Augenblick gerade verfügbar waren,
sondern Kapitän Looff unterstellt. Zwei von ihnen beteiligten sich
an einer Unternehmung gegen Sudi, südlich Lindi, wo sich feindliche
Streitkräfte stark verschanzt hatten. Der Angriff ging sehr brav an
die Befestigungen heran, erlitt dann aber erhebliche Verluste und
konnte nicht zu einem günstigen Abschluß gebracht werden.
Später wurde auf Lindi vom Mpotora aus Hauptmann Rothe mit drei
Kompagnien zur Verstärkung abgesandt. Aber die Regenzeit machte
uns einen argen Strich. Schon der Übergang über den Matandufluß
war schwierig gewesen. In der Trockenzeit nur aus wenigen Tümpeln
bestehend, hatten sich jetzt die Wasser aller Regen, die im Dondeland
niederfielen, schließlich im Tale des Matandu vereinigt. Es war ein
reißender, gewaltiger Strom entstanden, der etwa den Eindruck der
Fulda bei Kassel bei Hochwasser machte und große Baumstämme mit sich
riß. Unter Benutzung einiger Strominseln waren zwar unter Leitung
kundiger Ingenieure Baumstämme eingerammt und eine Brücke für Fahrzeuge
hergestellt worden, aber plötzliches Hochwasser riß sie immer wieder
fort, und mehrere Leute ertranken hierbei. Ein weiter unterhalb
gebauter Steg hatte kein besseres Schicksal; eine schmale Hängebrücke,
die an aus Baumrinde geflochtenen Seilen hing, war nur ein geringer
Notbehelf und ziemlich bedenklich, da beim Wechsel von Durchnässung und
heißer Sonne stets die Gefahr bestand, daß die Seile mürbe wurden und
rissen.
Am Mbemkuru, bei Nahungu, fand Hauptmann Rothe auf seinem Marsch
ähnliche Wasserverhältnisse vor. Das Wasser war so reißend, daß schon
der erste Übersetzversuch mit den wenigen vorhandenen Fährbooten
verunglückte. Aus Verpflegungsmangel bei Nahungu marschierte nun
Hauptmann Rothe in das reiche Gebiet nordöstlich dieses Ortes und
kreuzte hierbei unbewußt die Absichten des Kommandos recht empfindlich.
Denn gerade dieses nordöstlich Nahungu liegende reiche Gebiet mußte
geschont werden, um für die Truppen, die südlich Kilwa standen,
als Reserve zu dienen und im Bedarfsfalle bei einer aus taktischen
Gründen erforderlich werdenden Verstärkung dieser Truppen auch deren
Verpflegung zu gewährleisten. Der Zeitverlust, der entstand, bis die
Botenpost den Hauptmann Rothe erreichte, war recht störend; aber
schließlich wurde die Abteilung Rothe doch noch so rechtzeitig auf
Lindi zu wieder in Marsch gesetzt, daß sie an mehreren Gefechten
erfolgreich teilnehmen konnte.