Die Erfüllung dieser Aufgabe war schwierig. Eine Forderung mußte

sofort durchgeführt werden: das Abschieben aller Esser, die für die

Kriegführung der nächsten Monate nicht unbedingt notwendig waren.

So wurden Tausende von Trägern und Arbeitern des Etappengebietes

nach ihrer Heimat entlassen. Die großen Nachteile dieser Maßregel

mußten bewußt mit in Kauf genommen werden; lieferten wir doch dem

Feinde Tausende von Leuten, deren Aussagen ihm ein bis ins einzelne

gehendes Bild unserer Verteilungsstärke, Verpflegungslage und inneren

Verhältnisse geben mußte. Die Verringerung des Etappenpersonals allem

genügte jedoch nicht. Auch das nichtfechtende Personal der Kompagnien

wurde verringert. Unter anderem wurde bestimmt, daß für keinen Europäer

von jetzt ab mehr als fünf Farbige zuständig sein durften. Das klingt

für europäische Ohren reichlich, aber unter afrikanischen Verhältnissen

ist für den Europäer eine farbige Bedienung wirklich unerläßlich,

also mindestens ein Mann oder Junge, der kocht und die persönlichen

Dienste verrichtet. Dazu kommt, daß alles Eigentum an Bekleidung,

Verpflegung, Decken und Zeltmaterial dauernd mitgeführt werden muß.

Wenn man bedenkt, daß im Frieden für den reisenden Beamten auf einer

größeren Safari (Reise) elf bis dreizehn Träger außer seinen zwei bis

drei persönlichen Dienern zuständig waren, so wird man verstehen,

wie einschneidend die vom Kommando angeordnete Beschränkung war und

welchen Sturm der Entrüstung sie erregte. Glücklicherweise war ich

in der Lage, allen Einwendungen, die mir vom gesundheitlichen und

kulturellen Standpunkt aus gemacht wurden, die einfache Tatsache

gegenüberzuhalten, daß ich selbst seit Monaten statt mit drei mit

knapp zwei Lasten, also im ganzen mit vier Schwarzen, ausgekommen und

dabei gesund geblieben war. Besondere Dankbarkeit empfinde ich noch

jetzt gegen die Offiziere der Truppe, die, wie bei so vielen anderen

Gelegenheiten, die Notwendigkeit einer unbequemen Maßregel einsahen

und mit bestem Beispiel vorangingen. Sie sahen die richtige Auffassung

unserer Offiziersüberlieferung darin, daß sie nicht besondere

Bequemlichkeiten für sich beanspruchten, sondern gerade in erster Linie

die unvermeidbaren Unbequemlichkeiten auf sich nahmen. Ich glaube, daß

von allen, Soldaten und Nichtsoldaten, bis in die höchsten Zivilstellen

hinauf, nicht einer ist, der die anfänglich so hart bekämpfte Maßregel

jetzt noch verurteilte.

Jedoch durch das Abschieben der „Esser“ allein war das Existenzproblem

noch nicht zu lösen; die Bestände langten einfach nicht. Es war schon

damals vorauszusehen, daß die Verpflegungseinfuhr aus dem Gebiet der

fechtenden Truppe, die natürlich mit Hochdruck weiterbetrieben wurde,

nicht ausreichen würde, um uns bis zum Beginn der neuen Ernte, also

bis Ende März, zu verpflegen. Bei aller eingehenden und reiflichen

Überlegung kamen wir nicht um die Notwendigkeit herum, auch die

Verpflegungssätze herunterzusetzen, eine außerordentlich unsympathische

Maßregel, da auch der Schwarze, wenn Verlaß auf ihn sein soll, gut

verpflegt sein muß. Es entlud sich denn auch ein neuer und sehr viel

stärkerer Sturm der Entrüstung. Von allen Seiten kamen die Schreiben

und Telegramme, daß die auf täglich 600 ~g~ Mehl festgesetzte Menge

von Zerealien die für den Körper erforderliche Kalorienzahl nicht

liefern könnte. Aber auch hier stand die unerbittliche Tatsache fest,

daß eben nur soundso viel Verpflegung vorhanden war und wir mit dieser

auskommen mußten. Die Herabsetzung der Zerealienportion war nicht zu

umgehen. Im übrigen mußten die Kompagnien und der einzelne für einen

entsprechenden Ausgleich durch die Ergebnisse der Jagd sorgen, was

bei dem wildreichen Gebiet bei einiger Rührigkeit auch zu erreichen

war. Aber in Verpflegungssachen ist nun einmal die Logik bei vielen

etwas beeinträchtigt, und für manchen war es nicht allzu schwer, alle

Schuld für die zur Zeit kaum ausreichende Verpflegung auf den bösen

Kommandeur zu schieben und selbst die Rolle dessen zu spielen, der

mit allen Kräften für die baldige Wiederheraufsetzung des täglichen

Verpflegungssatzes arbeitete. Ich mußte dies mit Gemütsruhe über mich

ergehen lassen und machte meine Beobachtungen darüber, welche Leute

imstande waren, sich mit einer unerbittlichen Notwendigkeit abzufinden

oder welchen dies nicht gelang.

Die Ausführung dieser einschneidenden Anordnungen geriet nun auf

Schwierigkeiten. Eine Menge von Askarifrauen hatten die Truppe

begleitet, waren dann aber in verschiedenen Lagern am Rufiji

hängengeblieben, wo es ihnen gerade gefiel. Ich hatte das größte

Interesse, sie nach Süden abzuschieben, wo die Verpflegung leichter

durchführbar war. Die Transporte wurden auch eingerichtet und die

Frauen für den Marsch mit Verpflegung ausgerüstet. Aber schon nach

einem kurzen Tagemarsch blieben sie einfach liegen und erklärten, nicht

weitergehen zu können. Ihre auf längere Zeit berechnete Verpflegung

hatten sie spätestens am dritten Tage aufgegessen und schrien nun nach

mehr. Einige fielen sogar über den Europäer her, der den Transport

führte, und verprügelten ihn. Auch unter der schwarzen Farbe machte das

holde Geschlecht von den Vorzügen, die ihm in seiner Gesamtheit mit

Recht zugeschrieben werden, nicht immer uneingeschränkten Gebrauch.

Schließlich kamen wir aber auch über diese Schwierigkeit hinweg, und

die Verpflegungsfrage löste sich leidlich. Die Askari, denen die Lage

auseinandergesetzt wurde, sahen die Schwierigkeiten ein und waren recht

verständig. Gute Jäger wurden auf die weiten Jagdgründe verteilt und

der knurrende Magen dann von Zeit zu Zeit wieder reichlicher gefüllt.

Ich entsinne mich, daß bei uns am Utungisee unsere etwa 200 Schwarzen

an einem Tage einen starken Büffel und im Anschluß daran noch einen

Elefanten restlos verzehrten. Auch den durchziehenden Trägerkarawanen

konnte häufig ein Stück Wildbret verabfolgt werden.

Im Laufe des Februar schrumpften die Bestände unserer Magazine, die

ich mir täglich notierte, zusammen. Ich mußte befürchten, daß ich

aus Verpflegungsgründen das Heranreifen der neuen Ernte am Rufiji

nicht abwarten könnte. Dann war nicht nur diese Ernte verloren,

sondern auch die weiter südlich heranwachsenden Bestände konnten

nicht voll ausgenutzt werden. Dort würden wir nur die gerade reifen

Früchte verbrauchen und weiterziehen, den Rest unreif stehenlassen

müssen. Ein glücklicher Zufall brachte mir in dieser Verlegenheit

Hilfe. Ich ging eines Tages vom Utungisee nach Mpanganja zu Hauptmann

Tafel, der dort mit bewährter Umsicht die taktischen und zugleich die

Verpflegungsangelegenheiten leitete. Nachts blieb ich in seinem Lager,

und er setzte mir ein sehr schönes Gericht aus jungem Mais vor, der wie

Spargel zubereitet war. So kamen wir auf die Maisfelder von Mpanganja

und Umgebung zu sprechen. Diese saßen voll von Frauen und anderen

Eingeborenen, die dort wie ein Flug Zugvögel eingefallen waren und von

der jungen, ganz unreifen Frucht lebten. Das war so unwirtschaftlich

wie möglich, aber es brachte mich doch auf den Gedanken, im Notfalle

die Maisbestände schon vor ihrer Reife in größerem Umfange ausnutzen

zu können. Dieser Notfall trat nun sehr bald ein, und ein Versuch mit

den in der Reife am weitesten vorgeschrittenen Körnern ergab, daß diese

aus einer Darre notreif getrocknet werden und aus ihnen ein recht

gutes Mehl hergestellt werden konnte. Es wurden nun von Tag zu Tag die

reifsten Kolben abgeerntet, und da die Gesamtbestände immer weiter

heranreiften, so besserte sich die Verpflegungslage von Tag zu Tag.

Schon am 1. März konnten die Rationen auf 700 ~g~, also fast auf die

volle Höhe des früheren Satzes, heraufgesetzt werden.

Die zunehmende Verschärfung der gesamten Kriegslage erforderte eine

intensivere und straffere Ausnutzung unserer Verpflegungsmöglichkeiten;

die ruhige und langsame Verpflegungsbeschaffung, wie sie im ersten Teil

des Krieges von den Zivilbehörden in befriedigendem Maße geleistet

worden war, war jetzt nicht mehr ausreichend. Zweimal, bei Kissaki

und am Rufiji, war ich unvorhergesehenerweise in die schwierigste

Verpflegungslage gekommen, die Weiterführung der Operationen in Frage

gestellt worden. Eine straffere Organisation des Verpflegungswesens,

die die militärischen Notwendigkeiten erkannte, vorausschauend

berücksichtigte und schneller und durchgreifender arbeitete, war eine

Lebensfrage für die weitere Kriegführung. Glücklicherweise ließ sich

auch der Gouverneur hiervon überzeugen, und so wurde eine aus einer

Anzahl Truppenangehöriger neugebildete Intendanturabteilung über Liwale

nach Massassi vorausgesandt. Sie richtete mehrere Unterabteilungen

im Anschluß an die Nebenstellen der Verwaltung im Bezirk Lindi ein

und hat auf diese Weise Hand in Hand mit den Zivilorganen dort den

Anbau und das Ansammeln der Verpflegung in Magazine vorbereitet und

später durchgeführt. Durch diese Einrichtung wurde die angestrebte

Durchtränkung des Verpflegungs- und Nachschubapparates mit dem

unvermeidlichen militärischen Geiste im großen und ganzen erreicht.

An Bekleidung war in damaliger Zeit kein fühlbarer Mangel, und auch

Waffen und Munition waren ausreichend vorhanden.

Wegen der Umgehungsbewegung des Feindes bei Mkalinzo, wo starke

Truppenmengen festgestellt worden waren, hatte Hauptmann Otto das Gros

seiner Abteilung von Kungulio aus nach Süden verschoben. Nördlich

Mawa deckte er das reiche Verpflegungsgebiet von Madaba und die vom

Utungisee über Mawa dorthin laufende Transport- und Telephonstraße.

Am 24. Januar 1917 wurde Hauptmann Otto nördlich Mawa von mehreren

Bataillonen der Nigeriabrigade angegriffen. Der mit schweren Verlusten

geschlagene Feind wurde mehrere Kilometer durch den Busch verfolgt

bis zu einer verschanzten Stellung, in der er Aufnahme fand. Von

Kibata her waren die Truppen des nach unserem Abzug dort belassenen

Hauptmanns Schulz, die gelegentlich verstärkt und abgelöst wurden,

nach Kämpfen in der Gegend Kibata-Utete-Kissiberge allmählich nach

Ungwara zusammengezogen worden. Stärkere Kräfte -- festgestellt

wurde eine Infanteriebrigade -- waren ihnen gefolgt. Trotz seiner

numerischen Überlegenheit verliefen die einzelnen Gefechte für den

Feind meist ungünstig und recht verlustreich. Hauptmann von Lieberman,

Hauptmann Goering, Hauptmann Koehl und zahlreiche Patrouillenführer

schlugen häufig um das Doppelte und mehr überlegene Abteilungen

Inder oder schwarzer Soldaten vollständig und erbeuteten Gewehre,

Maschinengewehre und Munition. Der lange Krieg hatte eine große Anzahl

tüchtiger Unterführer erzeugt, und das Beispiel, wie es der später

gefallene Oberleutnant Kroeger gab, rief unbegrenzte Unternehmungslust

und Wagemut hervor. Ohne nach der Stärke des Feindes zu fragen,

war er häufig mit wenigen Mann im dichten Busch dem Feinde sofort

mit aufgepflanztem Seitengewehr und Hurra zu Leibe gegangen und

hatte so auch bei den Askari Schule gemacht. Verschiedene farbige

Patrouillenführer taten sich hervor, und wenn später der brave Effendi

der 4. Feldkompagnie mit seiner Patrouille eine ganze indische

Kompagnie in selbständigem Gefecht schlug, so verdanken wir dies der

hier bei Ungwara durchgemachten Schulung.

Die Gefahr für unsere über Madaba und Liwale nach Süden gehende

Verbindung durch einen starken Feind, der westlich Kibata stand, war

zu offenkundig, und es war notwendig für uns, für ausreichenden Schutz

zu sorgen. Dies bedingte eine allmähliche Verschiebung unserer Kräfte

vom Rufiji aus nach Süden um so mehr, als die Verpflegungsbestände im

Gebiet dieses Flusses sich ihrem Ende näherten und die großen Regen vor

der Tür standen.

Es war von besonderer Wichtigkeit, die Gebiete des Rufiji nicht vor

dem Einsetzen dieser großen Regen zu räumen. Gelang dies, so stand ein

erheblicher Zeitgewinn für uns zu erwarten, da während der Regen selbst

und in der Zeit nach ihnen die Operationen notgedrungen stillstanden,

die Feldfrüchte, besonders der Mtama (Hirse), also ausreifen konnten.

Als die Wanderungen der Ameisen gezeigt hatten, daß die großen

Regen bevorstanden, war vorbeugend vom Kommando befohlen worden,

daß Frauen, Kinder und Nichtkombattanten in möglichst großer Anzahl

auf das Nordufer des Rufiji übergesetzt und von dort weiter nach

Daressalam transportiert wurden. Daß diese durch die Regen und

die Verpflegungsmaßnahme bedingte unvermeidliche Maßnahme viele

Mißbilligung hervorrief, darum durfte ich mich ebensowenig wie bei

anderen Entrüstungsstürmen kümmern. Ich stehe aber auch jetzt noch

auf dem Standpunkt, daß das frühzeitige Abschieben dieser Leute mehr

in ihrem eigenen Interesse lag, als daß sie noch einen Teil der

Regenzeit im aufgeweichten Boden oder in überschwemmten Wohnungen ohne

ausreichende Verpflegung hätten zubringen müssen.

Die Regen, die Ende März einsetzen, waren 1917 ganz besonders stark.

Unser etwas erhöht liegender Lagerplatz am Utungisee wurde zu einer

Insel, von der aus der Verkehr durch den Wald zum Rufiji nur durch

Boote möglich war. Eine Anzahl Leute ist während der Regenzeit im Walde

ertrunken, andere flüchteten sich tagelang auf die Bäume. Das Wasser

stieg so hoch, daß es in Mpanganja in die erhöht liegenden Wohnräume

der Europäer und in die Lazarettgebäude eindrang und allen Unrat in

Bewegung setzte. Ein Verbleiben von Frauen und Kindern, Kranken und

Verwundeten war ganz unmöglich, und so mußten sie sich nach dem Abzug

der Truppe an die Engländer wenden, die auch in Würdigung der Notlage

für Verpflegung und Abtransport sorgten.

Das Gros der Truppe marschierte rechtzeitig aus den

Überschwemmungsgebieten des Rufiji und des Utungisees nach Süden

weiter, nachdem sie aus der am Rufiji vorhandenen Verpflegung fast

bis auf das letzte Korn Nutzen gezogen hatte. Der Abmarsch vollzog

sich ganz allmählich und staffelweise; in Mpotora, das Hauptmann Rothe

mit seinen zwei Kompagnien, die die Portugiesen bei Newala geschlagen

hatten, in einem verschanzten Lager besetzt hielt, sammelte sich der

größere Teil der Truppe. Am Rufiji blieben nur kleinere Abteilungen,

die sich allmählich bis zur Stärke von Patrouillen schwächten. Vier

Tagemärsche östlich von Madaba bot sich den Abteilungen Koehl und

Goering Gelegenheit zu erfolgreichen Unternehmungen gegen feindliche

Abteilungen, die am Westrande der Matumbiberge standen. Aber allmählich

wurden alle unsere Abteilungen nach Mpotora herangezogen, und nur

Hauptmann Otto blieb in dem höher gelegenen Gebiet von Madaba stehen.

Neunter Abschnitt

Das Ende der Grenzenverteidigung auf den Nebenschauplätzen

Major Kraut war im August 1916 von Kilossa aus schrittweise auf Mahenge

ausgewichen und hatte bei Kidodi am Ruaha nur die Abteilung Schoenfeld

belassen.

Die Truppen des Hauptmanns Braunschweig traten unter Befehl des Majors

Kraut. Von diesen war Ende Mai 1916 Hauptmann Falkenstein mit der 5.

Feldkompagnie von Ipyana, Hauptmann Aumann mit seiner Kompagnie aus

Gegend Mbozi unter dauernden kleinen Scharmützeln in Richtung auf

Lupembe und Madibira zurückgegangen. Gegen den mindestens eine Brigade

starken, nachdrängenden Feind mußte unseren schwachen Abteilungen ein

Halt gegeben werden. Ende Juni 1916 war deshalb Hauptmann Braunschweig,

der sich in Dodoma befand, über Iringa entsandt und durch Kompagnien,

die von den Kondoatruppen und von Daressalam herangezogen wurden,

auf fünf Kompagnien gebracht worden, einschließlich der beiden

Kompagnien aus Langenburg. Auch 100 Mann der „Königsberg“-Besatzung

(aus Daressalam) und eine Feldhaubitze gehörten zu seiner Abteilung.

Bei Malangali nahm er den Angriff des Feindes an und brachte diesem

anscheinend auch erhebliche Verluste bei. Dann aber räumte er die

Stellung und ließ die schwer transportierbare Haubitze stehen, nachdem

sie unbrauchbar gemacht worden war. Braunschweigs Lage wurde dadurch

erschwert, daß in seinem Rücken ein großer Wahehehäuptling aufstand und

mit allen Leuten und Vieh zum Feinde überging. Hauptmann Braunschweig

wich dann in einer ganzen Reihe kleiner Nachhutgefechte auf Mahenge zu

aus und wurde dem Major Kraut unterstellt. Nach zahlreichen kleinen

Gefechten hielten dessen vorgeschobene Abteilungen im großen und ganzen

die Linie des Ruhudje- und Ruahaflusses. In dem reichen Bezirk von

Mahenge war die Verpflegung ausgezeichnet, auch nachdem ein großer Teil

des westlich des Ruhudje belegenen Reisgebietes aufgegeben war. An

diesem Fluß, bei Mkapira, hatte der Feind ein starkes befestigtes Lager

bezogen. Wenn dieses auch durch einen gewaltsamen Angriff bei unseren

Mitteln nicht einzunehmen war, so bot sich doch Gelegenheit, auf den

Feind durch das Abschneiden seiner nach Lupembe führenden Verbindung

so einzuwirken, daß er wegen Nahrungsmangel aus seinen Verschanzungen

herauskommen mußte.

[Illustration: Askari]

Major Kraut überschritt mit fünf Kompagnien und einem leichten

Geschütz den Fluß und bezog im Rücken des Feindes, quer über dessen

Verbindungslinie, auf einem Kranze von Höhen befestigte Stellungen.

In der Front des Feindes deckten schwache Truppen das nach Mahenge zu

gelegene Flußufer. Leider waren die Befestigungen unserer einzelnen

Kompagnien so weit voneinander entfernt, daß in dem schwer passierbaren

Gelände eine rechtzeitige Unterstützung nicht gewährleistet war. Am

30. Oktober 1916 vor Tagesanbruch wurde die auf dem rechten Flügel

stehende 10. Kompagnie durch einen umfassenden feindlichen Angriff

überrascht. Der Feind drang sehr geschickt auch von rückwärts in die

Stellung der Kompagnie ein und setzte unter schweren Verlusten für

uns die Maschinengewehre außer Gefecht. Auch auf dem linken Flügel

wurde die Kompagnie des Oberleutnants von Schroetter von allen Seiten

angegriffen und mußte sich mit dem Bajonett unter Verlust des leichten

Geschützes und eines Maschinengewehres den Weg nach außen bahnen. Bei

den schweren Verlusten, die der Feind erlitten hatte, hätte Major

Kraut trotz diesen teilweisen Mißerfolgen auf dem westlichen Ufer des

Ruhudje bleiben können; aber auch in seinem Rücken, nach Lupembe zu,

wurde Gefechtslärm bei der ihn deckenden 25. Feldkompagnie hörbar.

Irrtümlicherweise glaubte Major Kraut an einen starken Angriff auch

von dort her und ging deshalb auf das östliche Ruhudjeufer zurück.

Zu seinem Erstaunen waren die starken Befestigungen des Feindes bei

Mkapira nach einigen Tagen verlassen, der Feind nachts abgezogen.

Nähere Untersuchung ergab, daß der Gegner bei dem vorhergehenden

Gefecht sehr schwere Verluste erlitten hatte. Doch war hierdurch sein

Abzug nicht zu erklären; die Lösung dieses Rätsels ergab sich erst

später durch das Erscheinen des Generals Wahle, mit dem bis dahin jede

Verbindung gefehlt hatte.

In Erwartung der Anfang 1916 einsetzenden großen Offensive waren

die Verstärkungen, die vorübergehend zum Viktoriasee, nach Ruanda,

zum Russissi und in das Tanganjikagebiet entsandt worden waren,

zurückgezogen worden und zu unseren, im Gebiet der Nordbahn stehenden

Haupttruppen gestoßen. Es mußte für diese Nebenkriegsschauplätze eine

einheitliche Kriegführung geschaffen werden; zu diesem Zweck wurde ein

„Westbefehl“ unter Generalmajor Wahle geschaffen, der im allgemeinen

von Tabora aus diese Operationen leitete und in Einklang miteinander

brachte. Im April und Mai 1916, als die britischen Hauptkräfte im

Gebiet des Kilimandjaro ihren Aufmarsch vollendet hatten und nach

Schluß der Regenzeit in südlicher Richtung weiter vordrangen, begannen

auch auf diesen Nebenkriegsschauplätzen Engländer und Belgier von

Muansa, vom Kiwusee, vom Russissi und von Bismarckburg her konzentrisch

auf Tabora vorzudrücken. Unsere schwachen Abteilungen wichen auf diesen

Ort zu aus.

Major von Langenn ging von Tschangugu zunächst auf Issawi zurück

und zog hierher auch Hauptmann Wintgens von Kissenji her heran.

Den nachdrängenden beiden belgischen Brigaden wurden gelegentlich

in günstigen Rückzugsgefechten erhebliche Verluste beigebracht.

Das deutsche Detachement wich dann weiter auf Mariahilf aus. Die

Gefahr, die das Vordringen der nachfolgenden starken belgischen

Kräfte für unseren Bezirk Bukoba in sich schloß, war von Hauptmann

Gudovius richtig erkannt worden. Als im Juni 1916 stärkere englische

Truppen über den Kagera vordrangen, wich er mit seiner Abteilung

von Bukoba nach Süden aus. Bei der Schwierigkeit der Verbindung und

des Nachrichtenwesens geschah ihm hierbei das Unglück, daß ein Teil

seiner Truppe am 3. Juli in der Gegend von Ussuwi auf starke belgische

Streitkräfte stieß. Hauptmann Gudovius selbst fiel, durch schweren

Unterleibsschuß verwundet, in Feindeshand. Das Gefecht nahm für uns

einen ungünstigen Verlauf und war verlustreich. Doch glückte es den

einzelnen Teilen der Abteilung, sich nach Muansa und nach Uschirombe

durchzuschlagen.

Mitte Juli 1916 gelang den Engländern die überraschende Landung etwa

einer Brigade in der Gegend von Muansa. Auch dort kam es zu einigen

für uns günstigen Teilgefechten, dann aber wich der Führer, Hauptmann

von Chappuis, in Richtung auf Tabora aus. In der ungefähren Linie

Schinjanga-St. Michael machten die Truppen aus Muansa sowie diejenigen

des Majors von Langenn und des Hauptmanns Wintgens erneut Front und

wiesen mehrere Angriffe der Belgier ab. Kapitän Zimmer hatte in Kigoma

den Dampfer „Goetzen“ versenkt und den Dampfer „Wami“ gesprengt. Er

wich dann langsam längs der Bahn nach Tabora zurück. Ein gleiches tat

die Kompagnie des Hauptmanns Hering von Usumbura aus. Die Annäherung

der Operationen an Tabora gab dem General Wahle Gelegenheit, rasch

Teile der nördlich Tabora stehenden Truppen heranzuziehen, mit der

Bahn zu einem kurzen Schlage nach Westen vorzuschieben und schnell

wieder zurückzutransportieren. Die 8. Feldkompagnie schlug bei dieser

Gelegenheit westlich Tabora ein belgisches Bataillon gründlich, und

auch Abteilung Wintgens griff überraschend und erfolgreich sowohl

westlich wie nördlich Tabora ein. Diese Teilerfolge waren manchmal

recht erheblich, und der Feind verlor an einzelnen Gefechtstagen

Hunderte von Gefallenen, auch wurden mehrere leichte Haubitzen im Sturm

genommen.

In der Gegend von Bismarckburg war am 2. Juni 1916 die 29.

Feldkompagnie in ihrer befestigten Stellung auf dem Namemaberge durch

überlegene englische und belgische Truppen umstellt worden. Beim

Durchbruch durch diese geriet der tapfere Kompagnieführer Oberleutnant

d. R. Franken schwer verwundet in Gefangenschaft. Leutnant d. R.

Haßlacher wich Schritt für Schritt auf Tabora zurück. Er fand südlich

dieses Ortes in einem Patrouillengefecht den Heldentod.

So waren im September 1916 die Truppen des Westbefehlshabers im

wesentlichen um Tabora versammelt, und es war der Augenblick zu einem

im großen und ganzen festgelegten Ausweichen in südöstlicher Richtung

gekommen. Von den letzten Operationen und von der Einnahme Taboras

am 19. September 1916 erfuhr das Kommando erst sehr viel später.

Vorderhand bestand keine Verbindung mit dem Westbefehlshaber; diesem

war bekannt, daß bei einem Ausweichen unserer Hauptkräfte die Gegend

von Mahenge vorzugsweise in Betracht kam. Entsprechend richtete General

Wahle seine Märsche ein. Für den Transport von Gepäck und Verpflegung

konnte anfänglich die Eisenbahn benutzt werden. Dann marschierte die

östliche Kolonne unter Major von Langenn auf Iringa, die mittlere

Kolonne unter Hauptmann Wintgens, bei der sich auch General Wahle

befand, auf Madibira und die westliche Kolonne unter Oberleutnant a.

D. Huebener auf Ilembule. So stießen sie auf die von Neulangenburg

nach Iringa führenden Verbindungen und die an dieser Straße liegenden

Magazine des Feindes. Die Abteilung Huebener verlor die Verbindung

und kapitulierte, nachdem sie bei Ilembule Ende November durch einen

überlegenen Feind eingeschlossen war, nach tapferem Gefecht. Abteilung

von Langenn hatte das Unglück, bei einem Flußübergang in der Nähe von

Iringa durch einen Feuerüberfall überrascht zu werden und dabei viele

Leute zu verlieren. Auch der dann erfolgende Angriff auf Iringa brachte

ihr Verluste und führte nicht zum Erfolg.

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 16 / 30 段