Es war nun recht willkommen, daß sich, wie oben erwähnt, zwei

Kompagnien und das 10,5 ~cm~-Königsberggeschütz der Abteilung von

Boemcken zufällig bei Mpotora befanden. Als Führer für dieses

Detachement wurde vom Rufiji her Hauptmann d. R. Rothe entsandt, der

unter den jetzigen Verhältnissen als Oberpostdirektor abkömmlich war

und auf sein eigenes Drängen der Truppe uneingeschränkt zur Verfügung

gestellt wurde. In wenigen Tagen traf er von Niakisiku mit Fahrrad

bei seinem Detachement ein und führte es auf Newala vor. Kapitän

Looff übernahm den gemeinsamen Befehl; die Portugiesen wurden mit dem

Königsberggeschütz gehörig zusammengeschossen und ihre Stellungen im

Sturm genommen. Es gab eine wirklich sehr beträchtliche Beute von

vier Gebirgsgeschützen, einer Anzahl Maschinengewehre, mehreren

hundert Gewehren, vieler Munition, mehreren Automobilen, Verpflegung

und Ausrüstung aller Art. Im Laufe der nächsten Woche wurden immer von

neuem Verstecke von vergrabenem Material und Munition aufgefunden.

Sehr verschwiegene Orte waren besonders ergiebig. Die Portugiesen

wurden vollständig vom deutschen Gebiet verjagt und ein Stück in ihr

eigenes Gebiet hinein verfolgt. Aber die Rücksicht auf die allgemeine

Lage hielt mich davon ab, die Verfolgung wirklich bis auf das äußerste

fortzusetzen. Abteilung Rothe wurde wegen der Beachtung, die der

immer stärker werdende Kilwagegner erforderte, wieder nach Mpotora

herangezogen. Schon bevor diese Bewegung ausgeführt wurde, hielt ich

die Verschiebung stärkerer Kräfte aus der Gegend von Kissangire nach

Kibata zu für erforderlich. Die Gelegenheit, nördlich des unteren

Rufiji ein entscheidendes, erfolgreiches Gefecht zu führen, hatte sich

nicht geboten. Notgedrungen mußte ich in den Bergen von Kibata, wie

vorausgesehen, einer langwierigen und wenig entscheidenden Operation

entgegengehen.

Die Truppenverschiebungen gegen Kibata fanden Ende November 1916

statt. Beim Durchmarsch lagerten wir bei Utete, wo in dem Gebäude der

Zivilverwaltung geräumige Lazarette eingerichtet waren und wo sich

auf einer „Baraza“ (einer luftigen Veranda) das Leben einer kleinen

Offiziersmesse aufgetan hatte. Der Ort war auf seinen beherrschenden

Höhen stark mit Schützengräben und Verhauen befestigt und beherrschte

von hier aus die tiefer gelegene und weitausgedehnte Eingeborenenstadt.

Nachts hörte man fast ununterbrochen das tiefe Grunzen der Flußpferde,

und ein frecher Löwe suchte, nachdem ihm der Angriff auf einen

Schwarzen mißlungen war, einen anderen Mann in unserem Lager zu

schlagen. Glücklicherweise wurde ihm seine Beute im letzten Moment

durch einen herbeieilenden Europäer und mehrere Schwarze entrissen.

Beim Weitermarsch kamen wir auf die Straße Mohoro-Kibata. Hauptmann

Schulz, der mit seiner Abteilung zwei Stunden nördlich Kibata eine

feste Stellung bezogen hatte, wurde durch Nachschub aus der reichen

Gegend von Mohoro her verpflegt. Verschiedene Magazine an dieser

Straße ergänzten sich aus den fruchtbaren Gebieten ihrer unmittelbaren

Umgebung. Außerdem entsandte Hauptmann Schulz auch Aufkaufkommandos

in die seinem Lager nahe gelegenen Gebiete, in denen sich der ganze

Reichtum des Landes offenbarte.

In der Nähe von Mbindia, dem Lagerplatz der Abteilung Schulz

angelangt, sah man von einem Berge aus eine breite, die Höhen

überschreitende Schneise. Es war dies der Anmarschweg eines 10,5

~cm~-Königsberggeschützes, dessen Transport in die Feuerstellung vor

Kibata Kapitänleutnant Apel leitete. Hunderte von Eingeborenen zogen

in rhythmischem Gesang die schwere Last die steilen Hänge hinauf

und hinunter, über die durch den dichten Busch ein geeigneter Weg

festgelegt und freigeschlagen worden war. Kurz nach der Ankunft in

Mbindia war das Geschütz auf einem Bergsattel in Stellung gebracht

worden, und von hier konnte später die Beschießung mit Erfolg vor sich

gehen. Auch eine der 10,5 ~cm~-Feldhaubitzen wurde weiter vorwärts in

einem Tal aufgestellt, um die vor ihr liegenden Höhen zu überschießen

und die feindlichen Lager zu erreichen. Eingehende Erkundungen hatten

die Möglichkeit ergeben, unsere Infanterie, gedeckt durch den dichten

Busch, auf eine Höhe heranzuschieben, die das Gelände nördlich Kibata

beherrschte. Die schwache feindliche Besatzung dieser Höhe wurde

überraschend von rückwärts angegriffen und schnell vertrieben. Dann

wurde eine andere Höhe angegriffen, die unmittelbar nördlich der

massiven Europäergebäude an einer Wasserstelle gelegen war. Bald sah

man unsere Askari diese Höhe ersteigen und sich auf derselben auf etwa

80 ~m~ gegenüber einer starken feindlichen Stellung einnisten.

Der Aufmarsch unserer Artillerie war inzwischen vollendet; außer

dem 10,5 ~cm~-Königsberggeschütz und der Haubitze waren auch die

beiden Gebirgsgeschütze, und zwar in der Linie unserer Infanterie,

in Stellung gebracht worden. Mit der Feuereröffnung auf die Gebäude,

wo man auf der kahlen Höhe Menschen und Tiere zahlreich herumgehen

sah, war gewartet worden, bis alles bereit war. Eine Kompagnie,

die den Feind umgangen und sich an seine von Kibata nach Kilwa

führende Hauptverbindungsstraße gelegt hatte, beobachtete, daß die

schweren, bei der Boma einschlagenden Geschosse eine heillose Panik

verursachten. Haufen feindlicher Askari liefen fort, so schnell sie

konnten, an der Front der verdeckt liegenden Kompagnie vorbei. Aber

leider ließ sich die Kompagnie davon abhalten, diesen günstigen Moment

auszunutzen. Sie hoffte, daß den vereinzelten Askarihaufen bald noch

stärkere Abteilungen folgen würden und wollte die Gelegenheit zu einem

Feuerüberfall nicht vorzeitig preisgeben. Die erwarteten feindlichen

starken Abteilungen kamen aber nicht, und so ging hier, wie leider

auch sonst oft, eine gute Gelegenheit verloren durch die Erwartung

einer noch besseren. Der Infanterieangriff gegen die erwähnten Höhen

dicht nördlich Kibata hatte uns den Verlust mehrerer sehr tüchtiger

Europäer gebracht; Feldwebel Mirow war gefallen, Vizefeldwebel

Zitzmann trug durch einen Beinschuß eine schwere und sehr schmerzhafte

Verletzung des Beinnerves davon. Oft hatte er sich früher durch seine

unermüdlichen und erfolgreichen Patrouillengänge gegen die Ugandabahn

ausgezeichnet. Er ging jetzt durch längeren Aufenthalt im Lazarett

dem Dienst verloren und fiel noch vor seiner Wiederherstellung in

Feindeshand.

Es war sehr schwierig, sich in den außerordentlich zerklüfteten Bergen

von Kibata zurechtzufinden. Zahlreiche Erkundungsunternehmungen

wurden entsandt, und nach einigen Tagen fühlten wir uns in den Bergen

leidlich zu Hause. Kibata und die Verbindungsstraßen des Feindes waren

gut einzusehen, und wir stellten fest, daß der Feind seine Truppen

immer mehr verstärkte. Tatsächlich hat er die Hauptkräfte seiner bei

Kilwa gelandeten Division bei Kibata verwandt. Unsere Beobachtungen

und die Eigenart des Geländes führten zu dem Gedanken, daß der Feind

uns von Kibata aus westlich, also um unseren rechten Flügel, zu

umgehen beabsichtigte, um uns auf diese Weise zur Räumung der Höhen zu

veranlassen, die von Norden aus Kibata und dessen Hauptwasserstelle

beherrschten. Ein direkter Angriff des 129. Belutschenregiments war

mit schweren Verlusten für den Feind abgeschlagen worden. In den

ersten Tagen des Dezember wurden erst schwächere, dann stärkere

Abteilungen erkannt, die sich von Höhe zu Höhe gegen unsere rechte

Flanke vorschoben und mit ihrer Spitze bald einen beherrschenden Berg,

von den Engländern Goldcoasthill genannt, erreichten. Unser Gegenstoß

hiergegen wurde zunächst durch Schluchten und Wald begünstigt, und

unsere Askari wurden, auch für uns überraschend, ganz dicht vor den

feindlichen Stellungen sichtbar. Unsere Geschütze waren feuerbereit;

leider aber schlug die erste Granate in unsere Askari ein, und der

Infanterieangriff, der allein durch schnelle Überraschung Erfolg

versprach, war mißlungen. Aber durch das nun einsetzende Feuer unserer

zwei Gebirgsgeschütze auf 1600 ~m~ sowie unserer dahinter stehenden

Haubitze hatte das feindliche Goldküstenregiment ganz erhebliche

Verluste. Der Feind befand sich auf einem Berggrat, dessen Steilhänge

zum großen Teil kahl waren. Er konnte daher kaum ausweichen, und auch

die Geländeverstärkungen erforderten bei dem harten Boden längere

Zeit. Wir haben dann den Berg mit unserer Infanterie umstellt und

konzentrisch mit unseren Maschinengewehren die guten Ziele beschossen.

Es wurde für den Feind unmöglich, die für ihn so wichtige Position zu

halten. Nach ihrer Räumung fanden wir eine ganze Anzahl Massengräber,

und der Verlust an Gefallenen dürfte allein an dieser Stelle kaum

weniger als 150 gewesen sein.

Das Vorgehen des Goldküstenregiments hatte dem Feind aber doch Vorteile

gebracht. Bei meinen schwachen Kräften -- wir hatten im ganzen etwa

neun Kompagnien -- hatte ich eine der beiden unmittelbar bei Kibata

liegenden Kompagnien fortgezogen, um sie gegen den Goldcoasthill zu

verwenden. Als ich nachts ins Lager zurückgekehrt war, hörte ich bei

der nun allein dicht am Feinde stehenden Kompagnie zahlreiche kleinere

Detonationen, die wir erst nach längerer Zeit als einen uns damals noch

unbekannten Handgranatenangriff erkannten. Der Feind griff mit mehreren

Kompagnien so schnell und geschickt an, daß er überraschend in die

Gräben unserer schwachen Kompagnie eindrang und diese hinauswarf. Der

Verlust dieser Stellung beraubte uns der Möglichkeit, von den dortigen

sehr geeigneten Höhen aus die feindlichen Truppenbewegungen und den

Verkehr zur Wasserstelle auf nahe Entfernung unter Feuer zu nehmen. Ich

hatte dies bis dahin mit Erfolg getan, gelegentlich auch ein leichtes

Geschütz dorthin vorgeschoben und nach Feuerschluß wieder zurückgezogen.

Die Einbuße dieser Höhen und die hierbei erlittenen Verluste traten

aber völlig zurück gegen den am Goldcoasthill erzielten Erfolg. Trotz

unserer numerischen Unterlegenheit beherrschten wir die Lage durchaus.

Unsere Patrouillen und starken Streifabteilungen gingen dem Feind

unmittelbar in den Rücken und auch weiter fort auf seine rückwärtigen

Verbindungen. Kleinere Unternehmungen, die der Feind gelegentlich

versuchte, führten zu keinem Resultat. Im ganzen hat der Feind bei

Kibata recht erhebliche Verluste gehabt, und ich glaube, daß diese

nicht unter 400 Mann anzuschlagen sind. Auch seine operativen Absichten

wurden ihm gründlich zerschlagen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß er

von Kilwa aus auf Liwale vordrücken wollte. Unser kräftiges Zupacken

bei Kibata zwang ihn, sich von Kilwa aus gegen uns zu wenden und

das übrige Gebiet und den Apparat unserer eigenen Verpflegungs- und

Transportlinien in Ruhe zu lassen. Gegen Ende Dezember erschienen

feindliche Flugzeuge, kreuzten häufig über unseren Stellungen und

bewarfen sie mit Bomben. Obgleich sie hierbei sehr viel stärkere

Bomben als früher verwandten, fügten sie uns doch kaum Verluste zu. Am

Weihnachtstage sahen wir, daß von einem Flugzeuge aus sich eine größere

Masse auf die Boma Kibata herabsenkte. Unsere Hoffnung, daß der Feind

sein eigenes Lager beschösse, hat uns aber enttäuscht: es waren größere

Mengen Zigaretten als Weihnachtsgeschenk für seine Truppen.

Zu jener Zeit erhielt ich eines Tages ein persönliches Schreiben des

britischen Oberbefehlshabers, General Smuts, in welchem er mir die

Verleihung des ~Pour le mérite~ mitteilte und die Hoffnung aussprach,

daß sein herzlicher Glückwunsch mir nicht unangenehm sein würde. Ich

dankte ihm in ebenso höflicher Weise, wenn ich auch zunächst glaubte,

daß es sich um eine Verwechslung mit dem mir kürzlich verliehenen

Kronenorden II. Klasse mit Schwertern handelte. Ich erwähne diesen

Brief des Generals Smuts als ein Zeichen dafür, daß trotz eines

aufreibenden Krieges zwischen den feindlichen Parteien persönliche

gegenseitige Hochschätzung und Ritterlichkeit durchaus bestand. Auch

sonst hat der Feind bei vielen Gelegenheiten die Hochachtung vor den

Leistungen der deutschen Truppe bekundet.

Ende 1916 hielt ich die militärische Lage in der Kolonie für

außerordentlich günstig, wußte ich doch, daß die südafrikanischen

Truppen durch Gefechtsverluste und Krankheiten zum großen Teil

aufgerieben waren und daß von dem Rest ein großer Teil nach Ablauf

seiner Verpflichtung nach Südafrika zurückkehrte. Gefangene hatten

uns wiederholt versichert, daß sie genug von dem „Picknick“ in

Ostafrika hätten. Auch die indischen Truppen, die längere Zeit in

Ostafrika im Felde gestanden hatten, waren numerisch gesunken, und

die neu herangeführten Truppen -- wir stellten bei Kibata indische

Pathanregimenter fest -- bestanden zum großen Teil aus jungen Soldaten.

Andere Regimenter, wie die 129. Belutschen, die in Flandern gefochten

hatten, waren zweifellos recht tüchtig, aber auch bei ihnen war zu

erwarten, daß sie auf die Dauer den Strapazen des afrikanischen Krieges

nicht standhalten würden. Die feindlichen schwarzen Askaritruppen waren

im allgemeinen jung und zur Zeit erst in geringer Anzahl im Felde

gewesen. So konnte man es ruhig auch weiterhin auf einen längeren

Krieg ankommen lassen. Ich glaube auch jetzt noch, daß es uns gelungen

wäre, dem überlegenen Feind gegenüber nicht nur standzuhalten, sondern

ihn auch zu schlagen, wenn er nicht die Möglichkeit gehabt hätte,

seine abgenutzten Verbände immer wieder aufzufüllen und neue Truppen

heranzuführen. Ich wußte Ende 1916 nicht, daß dies inzwischen im

größeren Umfange geschehen war. Unter anderem war aus Nigeria eine

ganze Brigade schwarzer Truppen nach Daressalam gebracht und von dort

ohne Aufenthalt weiter nach Dutumi und Kissaki transportiert worden.

Die fünf dort unter Hauptmann Otto lagernden Kompagnien wurden in

den ersten Januartagen 1917 durch General Smuts mit mindestens zwei

Brigaden angegriffen. Der Feind hatte bei seinem Angriff gleichzeitig

weitausholende Umgehungsbewegungen vorbereitet, die es ihm bei seiner

großen Überlegenheit an Zahl ermöglichten, sich unseren Truppen, die in

Richtung auf Kungulio auswichen, auf ihren Marschstraßen vorzulegen.

Mehrfach mußten unsere Askari sich den Weg mit dem Bajonett bahnen,

und bei der Unübersichtlichkeit des Geländes kamen einzelne unserer

Kompagnien in recht schwierige Gefechtslagen. Unsere Feldhaubitze

stieß bei ihrem Abmarsch aus Behobeho mit nur schwacher Bedeckung auf

einen im Hinterhalte liegenden Feind von mehreren Kompagnien und ging

nach Vernichtung ihrer Bedienungsmannschaft verloren. Aber schließlich

gelang es doch allen Teilen, sich der Umgehung durch den Feind zu

entziehen und bei Behobeho zu sammeln. Hier kam es sogleich wieder

zu ernsthaften Gefechten, in denen sich auch der Feind sehr brav

schlug. Der alte Selous, ein auch in deutschen Kreisen durch seine

Liebenswürdigkeit und spannenden Erzählungen gut bekannter Jäger, der

als Leutnant eingetreten war, fiel in diesem Kampf. Vor sich und an

den Seiten den überlegenen Feind, hinter sich den mächtigen Rufiji mit

nur der einen so leicht zerstörbaren Brücke, glückte es Hauptmann Otto

doch, dem ihm erteilten Auftrage gemäß das Südufer des Flusses mit

allen Truppen zu erreichen und die Brücke zu zerstören.

Eine weite von uns beobachtete Umgehungsbewegung des Feindes, die

dieser von Kissaki aus weiter westlich auf Mkalinzo am Rufiji zu

ausführte, wurde nun unwirksam. Die dort marschierende feindliche

Brigade traf nicht mehr frühzeitig genug auf dem Südufer des Rufiji

ein, um den Übergang des Hauptmanns Otto zu verhindern und ihn dadurch

in eine verzweifelte Lage zu bringen; im Gegenteil, es kam zu recht

erheblichen Teilerfolgen für uns. Der von Behobeho nachdrängende Gegner

folgte sehr scharf und überschritt mit großen Teilen den Rufiji bei

Kungulio mit Booten. Hauptmann Otto hatte seine Abteilung etwas südlich

des Flusses bereit, griff nun den zum Teil übergesetzten Gegner an und

schlug ihn vollständig mit schweren Verlusten für den Feind zurück.

Dieser Teilerfolg war durch das Verhalten der erwähnten, auf Mkalinzo

angesetzten feindlichen Umgehungskolonne begünstigt. Sie bestand zum

großen Teil aus Weißen und einem Teil der schwarzen Nigeriatruppen.

Beide waren dem großen Umgehungsmarsch nicht gewachsen und deshalb

erschöpft und verwendungsunfähig am Rufiji eingetroffen. Sie fielen

für eine ganze Zeit aus, und die Einheitlichkeit der im ganzen nicht

schlecht angelegten Operation des Generals Smuts ging in die Brüche.

Das Vordringen des starken Feindes bei Kungulio barg die Gefahr

in sich, daß der Feind sich in den Besitz des mittleren Rufiji

und des südlich davon gelegenen Landes setzte. Leicht konnte er

dann den Hauptteil unseres Kriegsmaterials und den Apparat unserer

Etappenverbindungen, die in der Hauptsache vom mittleren Rufiji nach

Liwale zu liefen, in die Hand bekommen. Ich mußte daher auf seine

Bewegungen mit unseren vor Kibata stehenden Hauptkräften reagieren und

marschierte mit dem größeren Teil derselben nach dem Utungisee ab, um

von dort aus zur Unterstützung des Hauptmanns Otto oder zur Ausnutzung

einer sich bietenden günstigen Lage bereit zu sein.

Achter Abschnitt

Sorgen und Bedrängnisse während des Aufenthalts im Rufijigebiet

Unser Abmarsch von Kibata ging am ersten Tage programmäßig vonstatten.

Am nächsten Tage ritt ich mit einigen Begleitern voraus in der

Erwartung, daß die Truppen, die einige eingeborene Führer bei sich

hatten, den Weg nicht verfehlen würden. In den Kissibergen fanden wir

zahlreiche Eingeborene vor, die aber sehr scheu waren und vielfach bei

unserer Annäherung ihre reichen Reisbestände im Stich ließen. Ich habe

es noch an demselben Tage bedauert, von dieser reichen Verpflegung

nichts für den eigenen Gebrauch entnommen zu haben. Wir Reiter rasteten

während der Mittagshitze im Pori. Einige Landeskundige machten mich

auf die erfrischende, stark blausäurehaltige Mbinjifrucht aufmerksam,

an der wir uns labten. Leider wußten wir damals noch nicht, daß auch

der geröstete Mbinjikern eine vortreffliche Nahrung darstellt, ähnlich

unserer Haselnuß. Die Hitze war zum Umfallen, aber da wir im Bereich

der feindlichen Patrouillen waren, mußten wir aufmerksam sein. Die

Wasserstellen waren jetzt in der äußersten Trockenzeit leer; nach

langem Suchen fanden wir endlich einen kleinen Tümpel zwar schmutzigen,

aber von Landeskundigen als nicht gesundheitsschädlich bezeichneten

Wassers. Gegen Abend erreichten wir die verlassene große Niederlassung.

Glücklicherweise fanden wir dort einen im deutschen Verwaltungsdienste

stehenden Schwarzen vor, der uns darüber orientierte, daß dies Ungwara,

unser für diesen Tag in Aussicht genommenes Marschziel, sei. Nach

Durchschreiten des Ortes zeigte der Mann uns einen Wassertümpel, an

dem wir Lager bezogen. Mein schwarzer Koch, der alte bärtige, bei

vielen Ostafrikanern wohlbekannte Baba, hatte mit uns Reitern fast

Schritt gehalten und traf nach kurzer Zeit, unserer Spur folgend, ein.

Schnell hatte er für sich seinen „Ugali“ (Brei) zurechtgemacht und

saß behaglich am Feuer. Wir sahen ihm neidisch zu; denn wir hatten

nichts und warteten auf unsere Lasten und die nachfolgende Truppe. Aber

niemand kam, und wir legten uns hungrig schlafen. Der Retter in der

Not nahte aber in Gestalt einer prachtvollen Säbelantilope, die bei

fast tageshellem Mondschein zur Tränke wechselte. Fast gleichzeitig

krachten die beiden Schüsse zweier meiner Begleiter, van Rooyen und

Nieuwenhuizen, der jagderprobten Buren, die deutsch geworden waren. Wie

elektrisiert waren wir aus unseren Decken emporgeschnellt, und nach

kurzer Zeit brieten die ersten Stücke des delikaten Wildbrets am Spieße.

Am nächsten Tage erreichten wir den Utungisee, wo uns Hauptmann Feilke

erwartete und mit Brot, Kaffee und aus Wildpret hergestellter Wurst

erfrischte. Von den nachfolgenden Truppen fehlte jede Spur. Sie hatten

uns im Pori verloren und sich fast alle so gründlich verlaufen, daß

ein Teil derselben erst nach Tagen in der Gegend von Utete unsere

Telephonlinie erreichte und mit uns in Verbindung trat. Bei der

Schwierigkeit der Verbindungen war es mir bisher nicht möglich gewesen,

über den Stand unserer Verpflegung ein zutreffendes Bild zu erhalten.

Ich hatte geglaubt, am Utungisee, bei Mpaganja sowie in der Gegend

von Madaba wohlgefüllte Magazine vorzufinden. Dies war meine Absicht

gewesen, als ich aus dem reichen Gebiet nördlich des unteren Rufiji

Verpflegung mit aller Anspannung über Mpaganja in das Etappengebiet

abtransportierte. Die Verpflegungslage hatte sich aber ganz anders

entwickelt.

Im Etappengebiet war außer den Trägermassen, die zum Abtransport

der Kriegsbestände nach Süden nötig waren, noch eine Menge Personal

gehalten worden, das zum Wegebau, zum Bau von Grashütten und zu anderen

Zwecken verwendet wurde. Auch auf den kleinen Etappenorten lagen eine

Anzahl Leute herum, die auch im günstigsten Falle nichts anderes taten,

als ihre eigene Verpflegung herbeizuholen und aufzuessen. Oft aber

wurde auch dieses Heranholen der Verpflegung noch wieder durch andere

Leute besorgt, die ihrerseits wieder verpflegt werden mußten. Es war

in vielen Fällen beinahe so, daß eine Last Verpflegung, die bei der

fechtenden Truppe nördlich des unteren Rufiji gesammelt und abgeschickt

worden war, schließlich in einem kleinen Etappenort landete und von

Leuten verzehrt wurde, die nichts oder etwas ganz Nebensächliches

leisteten. Bei den schwierigen Verkehrsverhältnissen und den großen

Entfernungen war es auch dem tätigen und durchgreifenden Hauptmann

Stemmermann, der die Leitung des Etappenwesens übernommen hatte, noch

nicht gelungen, in diese Verhältnisse vollen Einblick zu erhalten und

die Mißstände abzustellen. Es gab auch in Afrika zuviel Leute, deren

Hang, die vorhandenen wertvollen Kräfte für nebensächliche Dinge zu

verwenden und dadurch wichtigere Dinge zu schädigen, so groß ist, daß

nur ein eiserner Besen Wandel schaffen konnte. Das Gesamtergebnis aller

dieser Hemmungen war, daß Tausende und aber Tausende von Nichtstuern

die Bestände verzehrten, die mit großen Anstrengungen im Bereich der

fechtenden Truppe gesammelt worden waren. Die Etappe leistete nichts

für die Verpflegung der Truppe, lebte im Gegenteil noch auf deren

Kosten, und dabei stand der Augenblick in greifbarer Nähe, wo wir die

Verpflegungsgebiete, die zur Zeit von der fechtenden Truppe gehalten

wurden, aufgeben mußten. Da war guter Rat teuer. Mit allem Nachdruck

mußte auf sofortigen Anbau in dem augenblicklich von uns besetzten

Gebiete, also der Umgebung von Madaba und Liwale, dann aber auch in den

weiter südlich gelegenen Teilen des Schutzgebietes, die voraussichtlich

für die späteren Operationen in erster Linie in Frage kamen, gesorgt

werden. Aber das Heranwachsen aller dieser Verpflegung erforderte

Monate. Diese Monate mußten wir noch am Rufiji bleiben und hier leben.

Hier waren zwar einige hundert Hektar Mais angepflanzt worden, aber

auch diese mußten erst voll heranreifen. Nicht früher durfte aus

Verpflegungsgründen die Truppe nach Süden rücken; sie mußte sich in dem

verpflegungsarmen Gebiet halten, in dem sie augenblicklich lag.

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 15 / 30 段