die Gunst der Lage schnell erfassen und ausnutzen zu können. Wie
zu erwarten stand, hatte der Feind infolge unseres Abmarsches auf
Kissaki die Konzentration seiner Truppen bei Morogoro aufgegeben, war
mit einigen Teilen unmittelbar über die Uluguruberge, mit anderen
getrennten Kolonnen aber, weit westlich und östlich ausholend, gefolgt.
Die Hoffnung, eine oder mehrere dieser feindlichen Kolonnen getrennt
zu schlagen, hat sich nun über Erwarten erfüllt. General Brits hatte
westlich der Uluguruberge seine Division in einzelne Brigadekolonnen
(zwei Brigaden beritten und eine zu Fuß) zerlegt, die miteinander
schwer Verbindung halten konnten. Bald wurden, einen Tagmarsch westlich
Kissaki, starke feindliche Lager festgestellt, und am 7. September
1916 wurde die in einer Pflanzung bei Kissaki liegende Abteilung des
Hauptmanns Otto von einem starken berittenen europäischen Gegner und
von schwarzen und weißen Fußtruppen angegriffen. Es stellte sich
später heraus, daß der Feind aus der berittenen Brigade des Generals
Enslin und Teilen der Infanteriebrigade der Division Brits bestand.
Die Umgehung, die der Feind um den linken Flügel der Abteilung Otto
herum ausführte, wurde so weit auslaufen gelassen, bis die feindliche
Umgehungsabteilung ganz im Rücken der Abteilung Otto in der Nähe
der Boma Kissaki angelangt war. Augenscheinlich rechnete der Feind
nicht damit, daß weiter rückwärts noch deutsche Reserven verdeckt
aufgestellt waren. Diese wurden nun losgelassen. Die tapfere 11.
Feldkompagnie mit Leutnant d. R. Volkwein gelangte durch den dichten
Busch hart an den umgehenden Feind und griff ihn sofort unter Hurra
mit aufgepflanztem Seitengewehr an. Damit waren die schönen Pläne des
Feindes zusammengeklappt; in weiterem Vorgehen wurde er jetzt einfach
aufgerollt und vollständig geschlagen. Ein energisches Nachdrängen
und eine großzügige Verfolgung waren bei dem kaum durchdringlichen
Busch nicht möglich, aber die feindlichen Truppen waren zum großen
Teil aufgelöst und in ihren Teilchen in wirrem Durcheinander im Busch
zerstreut. Die Handpferde mit ihren Pferdehaltern wurden erbeutet,
einige fünfzehn Europäer gefangen. Noch am nächsten Tage kam aus einer
ganz anderen Richtung ein englischer Soldat an, der sich mit seinen
Handpferden im dichten Busch verirrt und keine Ahnung hatte, wohin er
gehen sollte. Der Mann hatte viel Humor; er warf sein Gewehr und seine
Patronen über einen kleinen Fluß und sagte: „Es ist eben Zufall; ich
konnte den richtigen Weg nehmen oder den falschen. Ich hatte das Pech,
den falschen Weg zu nehmen. Das ist mein Fehler.“
Die Abteilung Tafel, die nördlich Kissaki an unserem Anmarschwege
lagerte, hatte am 7. September nur noch abends mit Teilen in das
Gefecht eingegriffen; ich hatte sie zurückgehalten, da ich glaubte,
daß gleichzeitig mit dem am 7. von Westen erfolgenden Angriff auch ein
solcher von Norden her längs unserer Anmarschstraße einsetzen würde.
Diese an sich zweckmäßige Absicht hat General Brits zweifellos auch
gehabt; ihre Ausführung ist ihm aber mißlungen. Die berittene Brigade
des Generals Nussy kam, ohne eine Ahnung von dem Gefecht vom 7. zu
haben, am 8. von Norden her gegen die Abteilung Tafel anmarschiert. Sie
wurde ebenso gründlich geschlagen wie ihre Kameraden am Tage vorher.
Das Gefecht am 8. war im dichten Busch noch unübersichtlicher, und
es gelang einer größeren Anzahl von Gefangenen, die die 1. Kompagnie
gemacht hatte, wieder zu entkommen.
Ein Teil der an beiden Tagen gemachten, etwa dreißig europäischen
Gefangenen wurde gegen die eidliche Verpflichtung, in diesem Kriege
nicht mehr gegen Deutschland und seine Verbündeten zu kämpfen, an den
Feind zurückgegeben. Das Menschliche dieser Maßregel, die unter den
tropischen Verhältnissen im eigensten Interesse der Gefangenen lag,
wurde von den Engländern verkannt. Sie glaubten an Spionage, hielten
den deutschen Parlamentär, der die Gefangenen zurückbrachte, fest,
schickten ihn dann mit verbundenen Augen mitten in den Urwald und
ließen ihn dann auf gut Glück laufen. Es war ein Wunder, daß der durch
langes Umherirren erschöpfte Mann sich zu uns zurückfand. Man sieht
hieraus, wie es uns englischerseits erschwert wurde, unnötige Härten
dem Feinde gegenüber zu vermeiden. Dabei hatte der englische Troupier
Vertrauen zu der Behandlung, die wir gegen Gefangene übten. Verwundete
Engländer baten beim Aufräumen des Gefechtsfeldes, an dem sich deutsche
und englische Ärzte beteiligten, darum, doch von dem deutschen
Arzt behandelt zu werden. Und auch später äußerten Verwundete, daß
sie bei einer Behandlung durch englisches Sanitätspersonal kaum
wiederhergestellt worden wären.
Ich war der Auffassung, daß diese erfreulichen Erfolge von Kissaki
eine endgültige Entscheidung gegenüber den Truppen des Generals Brits
nicht gebracht hatten, und glaube auch jetzt noch, daß bei dem dichten
Busch und der Zerklüftung des Geländes eine energische Verfolgung,
die ja allein den erstrebten Erfolg hätte verwirklichen können, nicht
durchführbar war. Meine Aufmerksamkeit richtete sich um so mehr gegen
den der Abteilung Stemmermann folgenden Feind, als dieser bis zwei
Tagemärsche nordöstlich Kissaki herangekommen war. Die Lage war dort in
den letzten Tagen nicht günstig gewesen; das gebrochene Gelände hatte
mehrfach zu einer Zersplitterung der deutschen an sich schon schwachen
Kräfte verleitet. Einzelne Teile waren in Hinterhalte geraten, die
Truppe war sehr angestrengt, und manchem war die Sache stark auf die
Nerven gegangen. Am 9. September näherte sich Abteilung Stemmermann
dem Orte Dutumi, der mir durch vorherige Erkundung bekannt war. Ich
glaubte, daß der Feind schon am nächsten Tage weiter drängen würde und
hielt die Gelegenheit für günstig, bei einer schnellen Verschiebung
unserer Hauptkräfte von Kissaki nach Dutumi dort einen Erfolg zu
erzielen. Abends marschierten wir von Kissaki auf der schönen breiten
Straße ab und langten im Laufe der Nacht bei Dutumi an. Hauptmann Otto
blieb mit fünf Kompagnien bei Kissaki. Bei der Ankunft beschloß ich,
das Moment der Überraschung auszunutzen und den feindlichen linken
Flügel, der dicht vor der Abteilung Stemmermann festgestellt war,
in der Morgenfrühe umfassend anzugreifen. Es war mir bekannt, daß
dieser Flügel in der Ebene stand, während sich die feindliche Mitte
und der rechte Flügel von uns aus gesehen nach links die Vorberge des
Ulugurugebirges hinaufschob. Auf unserem linken Flügel war eben dieser
Vorberge wegen die Angriffsmöglichkeit weniger günstig.
Am 9. September früh ging nun auf unserem rechten Flügel die Abteilung
Schulz zum Angriff vor. Bald setzte auf beiden Seiten Gewehr- und
Maschinengewehrfeuer ein, und auch leichte feindliche Artillerie
begann zu schießen; bei der Bewachsung der Ebene mit dichtem, hohem
Elefantengras war es aber unmöglich, ein klares Bild zu gewinnen.
Ich glaubte den Angriff in gutem Fortschreiten und begab mich
zur Orientierung auf den linken Flügel. Die dortigen Höhen waren
gleichfalls dicht bewachsen. Es war sehr anstrengend, vorwärts zu
kommen, und schwer, jemand zu finden. Ziemlich erschöpft kletterte
ich in der tropischen Mittagshitze herum, als ich glücklicherweise
das Geräusch von Blechgeschirr hörte und meine Vermutung, daß hier
ein Europäer gerade seine Mahlzeit einnahm, bestätigt fand. Es war
Hauptmann Goering, der im Busch auf einer Höhe, die gute Aussicht
bot, Aufstellung genommen hatte. Hier traf gegen 3 Uhr nachmittags
die wenig erfreuliche Meldung ein, daß auf unserem rechten Flügel der
Angriff der Abteilung Schulz sein Ziel nicht erreicht hatte. Es war
einfach nicht gelungen, durch das dichte Elefantengras an den Feind
heranzukommen. Sollte also am heutigen Tage überhaupt noch etwas
Entscheidendes unternommen werden, so war dies nur auf unserem linken
Flügel möglich. Sehr wahrscheinlich war angesichts des schwierigen
Geländes ein Erfolg auch hier nicht. Die vorgehenden Kompagnien
gerieten in ein sehr schluchtenreiches Berggelände, in dem sie sich
ergebnislos mit dem Feinde herumschossen, und kehrten bei Dunkelheit in
ihre Ausgangsstellungen zurück.
An den folgenden Tagen griff nun der Feind in der Hauptsache auf
unserem linken Flügel an und wurde mehrfach in Gegenstößen abgewiesen.
Im großen und ganzen war es aber klar, daß in dem Gelände von Dutumi
ein entscheidender Erfolg nur bei großer Ungeschicklichkeit des Gegners
erreichbar war; dagegen war unsere rückwärtige Verbindung, die nicht
mehr nach Kissaki, sondern von jetzt ab nach Südosten auf Behobeho
zu führte, in hohem Maße durch den Feind gefährdet. Ich gab deshalb
Dutumi auf und rückte mit dem Gros eine Stunde weiter nach Süden über
den Mgetafluß hinüber, wo die Truppe ein ausgedehntes befestigtes Lager
bezog, das sie monatelang besetzt hielt. Durch diese Bewegung wurden
leider die reichen Felder von Dutumi aufgegeben. In dem armen Gebiet
von Kiderengwa mußten wir uns in der Hauptsache auf Nachschub basieren,
der vom Rufiji her kam. Leider hat die Anstrengung dieser Transporte,
verbunden mit Erkrankung an Tsetse, sehr bald zum fast vollständigen
Eingehen unserer Tragesel geführt. Von Kiderengwa aus gingen die
Kampfpatrouillen an die rückwärtigen Verbindungen des Feindes, die von
Dutumi nach Nordosten führten, sowie an die Straße Dutumi-Kissaki, die
bald von feindlichen Abteilungen und Transporten belebt war.
Übereinstimmende Beobachtungen zeigten nun auffallende
Truppenbewegungen beim Feinde; sowohl östlich wie westlich der
Uluguruberge wurden Truppentransporte nach Morogoro in solcher Stärke
beobachtet, daß die Eingeborenen sagten: „~Wana hama~“ (Sie ziehen
um). Ein großer Teil der südafrikanischen Europäer, von denen viele
übrigens am Ende ihrer Kräfte angelangt waren, wurde in die Heimat
entlassen. Andere Beobachtungen zeigten eine Truppenverschiebung nach
Osten. Im allgemeinen trat eine Ruhepause ein, die nur von kleinen
Patrouillenunternehmungen und gelegentlichen Artilleriebeschießungen
unterbrochen wurde.
General Smuts war sich seines Fehlschlages bewußt. Er forderte mich
brieflich auf, mich zu ergeben, und offenbarte dadurch, daß er am Ende
seiner Machtmittel angelangt war.
Siebenter Abschnitt
Feindliche Angriffe im Südosten der Kolonie
Inzwischen erforderte die Lage bei Kilwa erhöhte Beachtung. Dort
fanden seit einigen Tagen größere Truppenlandungen statt. Wir hatten
nur schwache Küstenschutzabteilungen, die meist aus jungen, neu
angeworbenen Askari bestanden und in eine Kompagnie zusammengefaßt
waren. Diese Kompagnie war nicht ausreichend, und es bestand die
Gefahr, daß von Kilwa her feindliche Truppen an den Rufiji oder nach
Liwale marschierten und in unseren Rücken gelangten. Zweifellos trug
sich der Feind mit derartigen Absichten, und es mußte dagegen etwas
getan werden. Major von Boemcken war mit drei Kompagnien schon vom
Gefechtsfelde von Dutumi aus nach Kungulio am Rufiji abgerückt;
von dort erfolgte Fußmarsch und Transport auf dem Heckraddampfer
„Tomondo“ nach Utete. Der „Tomondo“ war das einzige auf dem Rufiji
verkehrende, ganz flach gehende Dampfschiff und leistete zum
großen Teil die Verpflegungstransporte, die vom unteren Rufiji
bis Kungulio geschafft und dann weiter mit Eseln und Trägern zur
Truppe bei Kiderengwa gebracht wurden. Es bedurfte jetzt einiger
Auseinandersetzungen, bis der „Tomondo“ seitens der Verwaltung für
die notwendigen Truppentransporte zur Verfügung gestellt wurde.
Bei Kilwa entwickelte sich die Lage für uns nicht nach Wunsch; es
kam zwar zu einer Anzahl nicht ungünstiger kleiner Gefechte, aber,
wie so oft während des Krieges, glückte es nicht, unsere dortigen
Kräfte einheitlich zu verwenden. Unter anderem gelang dem Feinde
die Zerstörung eines westlich Kilwa in allzu großer Nähe der Küste
angelegten Verpflegungsmagazins. Die Eingeborenen wurden in geschickter
Weise durch den Feind zum Aufstand gereizt und leisteten ihm wertvolle
Spionendienste. Mehrere deutsche Erkundungsabteilungen gerieten in
verlustreiche Hinterhalte. Der oberste Zivilbeamte des Bezirks Kilwa
wurde gefangengenommen. Die Ungunst der an sich schwierigen Lage
bei Kilwa war noch dadurch vergrößert worden, daß die Askari des
Bezirksamtmanns nicht dem militärischen Befehlshaber unterstellt wurden.
Gleichzeitig machte sich von Norden, aus der Richtung von Daressalam
her, der Druck feindlicher Kräfte gegen den unteren Rufiji zu fühlbar.
Unsere von Daressalam nach Süden an den Rufiji ausgewichenen schwachen
Abteilungen, die in der Hauptsache aus einer jungen Askarikompagnie und
einem Teil der Königsbergbesatzung bestanden, waren keine ausreichende
Deckung für das reiche Verpflegungsgebiet des unteren Rufiji. Auf
dieses war die Truppe aber zur Zeit durchaus angewiesen, denn die
Gebiete des mittleren Rufiji waren nur dünn besiedelt und konnten
auf die Dauer die Verpflegung für Soldaten und Träger nicht liefern.
Auf die Erträge der von uns angesichts dieser Notlage sogleich in
den fruchtbaren Niederungen von Logeloge und Mpanganja angelegten
Maisfelder war vor März 1917 nicht zu rechnen. Es drohte daher
eine große Gefahr, als mehrere Inderkompagnien den vorgeschobenen
Offiziersposten in der Boma Kissangire angriffen. Der Feind, der ohne
genügende Feuervorbereitung gegen das steile Mauerwerk anstürmte,
wurde mit erheblichen Verlusten zurückgeschlagen. Leider fand auch
der deutsche Führer, Leutnant d. R. Baldamus, der sich allzusehr den
feindlichen Geschossen aussetzte, den Tod. Sein tapferes und zähes
Aushalten hat uns den Sitz der Verwaltungsstelle Kissangire bis zum
Eintreffen ausreichender Verstärkungen gesichert, und so ist es diesem
Offizier zu danken, daß wir das reiche Verpflegungsgebiet des unteren
Rufiji noch monatelang zur Verfügung behielten.
Es wurde schon erwähnt, daß bei Kiderengwa ein Stillstand in den
Bewegungen eingetreten war; ein Angriff auf den in starker Stellung
verschanzten Feind versprach keinen Erfolg. Das Kommando ließ deshalb
in der Gegend Kissaki-Kiderengwa nur acht Kompagnien unter Hauptmann
Tafel, eine Truppenstärke, die später noch vermindert wurde. Mit dem
Hauptteil der Truppen rückte das Kommando zum unteren Rufiji ab. Der
Weg nach Kungulio führte an großen Seen vorbei, die, ebenso wie der
Rufiji, mit vielen Flußpferden belebt waren. Bei dem allgemeinen
Bedürfnis nach Fett wurde die Flußpferdjagd eine Lebensfrage. Man muß
aufpassen, bis der Kopf des Tieres gut sichtbar wird und man einen
sofort tödlichen Schuß anbringen kann. Das Tier versinkt dann, kommt
nach einiger Zeit wieder hoch und wird vermittels eines aus Baumrinde
schnell hergestellten Seiles an das Ufer gezogen. Dort wird es zerlegt,
und der Sachverständige kennt sehr wohl die Stellen, wo das weiße,
appetitliche Fett sitzt. Die Menge desselben ist sehr verschieden: ein
feistes Stück liefert gut zwei Eimer voll. Aber nicht nur die Bereitung
des Fettes, sondern auch die Anbringung des sofort tödlichen Schusses
will gelernt sein. Törichte Leute waren leichtsinnig verfahren, und
man konnte an vielen Stellen die verendeten Kadaver angeschossener
Tiere sehen, die schnell verderben und für die Verpflegung unbrauchbar
werden. Auch der Elefant wurde jetzt mit anderen Augen angesehen als
früher; während der Elefantenjäger sonst Länge und Gewicht der Zähne
abschätzte, ehe er seinen Schuß abgab, drängte sich jetzt die Frage in
den Vordergrund: wieviel Fett wird das Tier liefern? Denn auch das
Elefantenfett ist sehr gut und vielleicht von noch besserem Geschmack
als das des Flußpferdes.
Bei Kungulio waren die mitgeführten Viehherden in den Fluß getrieben
worden und hatten diesen durchschwommen. Der Übergang der Truppe hatte
sich bisher auf Fähren vollzogen, an denen der Betriebsdirektor unserer
verlorenen Nordbahn, Herr Kühlwein, sich jetzt mit der bescheideneren
Stellung eines Betriebsdirektors der Kunguliofähre begnügte. Als wir
eintrafen, war die auch für Fahrzeuge gangbare, etwa 300 ~m~ lange
Brücke fertig geworden. Wir bezogen auf dem Südufer ein Lager an der
Pflanzung Niakisiku, des zur Truppe eingezogenen Leutnants d. R.
Bleeck. Die Europäerhäuser waren als Lazarett eingerichtet und voll
belegt. In Logeloge trafen wir den Sitz der Etappenleitung; dort war
eine große Anzahl geräumiger Grashütten für die Truppe hergestellt
worden. Die Pflanzung selbst, einer Gesellschaft gehörig, zeigte
weitausgedehnte Sisalfelder. Auch Verpflegung war reichlich angebaut.
In dem tsetsefreien Gebiet wurde viel Rindvieh gehalten, und auch der
Rest unserer Tragesel war aus den Tsetsegegenden nördlich des Rufiji
nach hier zurückgezogen worden. Die Familien der Europäer wohnten hier
noch friedlich in ihren Massivhäusern und waren dankbar, daß ihnen der
bisherige Verlauf der Operationen es ermöglicht hatte, länger als zwei
Jahre ihr häusliches und wirtschaftliches Leben ungestört weiterführen
zu können.
In Logeloge und der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt von Mpanganja,
die wir am nächsten Tage erreichten, hatten sich auch andere Europäer
der Umgegend gesammelt und sich, soweit sie in den vorhandenen
Baulichkeiten nicht unterkamen, Häuser aus Holzstangen und Rohr
oder Gras gebaut. Auch eine wenig erfreuliche Erscheinung trat hier
hervor. Während die Truppe an der Front vom besten Geiste und großer
Unternehmungslust beseelt war, sah es hinter der Front manchmal
anders aus. Leute, die am wenigsten von der Sache verstanden, wußten
alles besser und nährten eine gewisse Unzufriedenheit. So etwas wirkt
ansteckend und untergräbt auf die Dauer die richtige Empfindung.
Erfreulicherweise war aber bei vielen hinter der Front befindlichen
Leuten der Truppe der soldatische Stolz doch stark genug, um die
Miesmacher gelegentlich in derber Weise abzuführen. In einem der
dortigen Lazarette gab jemand seiner abfälligen Kritik allzu beredten
Ausdruck; da antwortete ihm ein Verwundeter: „Ich will Ihnen einmal
etwas sagen. Der Kommandeur ist das Gehirn der Truppe, aber Sie sind
das A... der Truppe!“ Die ungeschminkte Bezeichnung war so treffend,
daß sie sofort alle Lacher auf die Seite des Sprechenden brachte und
die Schlacke fortputzte, die sich anzusetzen drohte.
Es war nun die Frage, ob das Kommando sich zuerst nach Norden, gegen
den Feind bei Kissangire, oder gegen den Kilwagegner wenden sollte.
Dieser war nicht, wie Major von Boemcken befürchtet hatte, in der
Richtung auf Liwale weiter gerückt, sondern hatte sich, vielleicht
veranlaßt durch unsere Truppenverschiebungen, in nördliche Richtung
gewandt. So schob er sich in die reiche, aber sehr bergige und für
Truppenbewegungen schwierige Gegend von Kibata. Dort schien mir der
Feind im Augenblick wenig gefährlich. Ich hielt es für ausreichend,
wenn er nur am weiteren Vordringen gegen den Rufiji gehindert wurde,
eine Aufgabe, zu der schwache Kräfte, fünf Kompagnien unter Hauptmann
Schulz, genügten. Major von Boemcken, der für Liwale fürchtete, war
mit zwei Kompagnien und einem 10,5 ~cm~-Geschütz in die Gegend von
Mpotora geraten, ein Zufall, aus dem wir, wie sich zeigen wird,
später viel Nutzen gezogen haben. Ich hatte daher freie Hand zum
Weitermarsch auf Kissangire. Das war wichtig und ermöglichte uns
die Sicherung des reichen Verpflegungsgebietes nördlich des unteren
Rufiji und den Abtransport der reichen Bestände von dort nach dem
mittleren Rufiji. Ob sich dort Gelegenheit zu Waffenerfolgen bieten
würde, war nicht zu übersehen; ich glaubte aber, daß der Feind, der ja
auch von den Ulugurubergen her Truppen nach Osten in die Gegend von
Kissangire geschoben hatte, von Norden drücken würde. So konnte sich
also sehr wohl die Gelegenheit für ein günstiges Gefecht bieten. Wir
überschritten den Rufiji bei Utete in Booten und langten in wenigen
Tagen in Makima, einen Tagemarsch südlich Kissangire, an. In Kissangire
selbst war inzwischen eine ausreichende Besetzung von zwei Kompagnien
versammelt worden und dort eifrig mit Geländeverstärkungen beschäftigt.
Etwas weiter nördlich, bei Maneromango, befand sich ein starker Gegner,
und eine Europäerpatrouille, die noch von Kiderengwa abgegangen war,
bestätigte uns die Verschiebung feindlicher Kräfte von Westen her in
die Gegend Maneromango-Kissangire.
Diese Patrouille war einige Tage nach ihrem Abmarsch von Kiderengwa
in furchtbarer Hitze in wasserloses Gebiet geraten, und die
einzelnen Teilnehmer hatten sich im dichten Busch untereinander
verloren. Die Leute machten sich durch Schießen bemerkbar und mußten
sich notgedrungen den Engländern gefangen geben. Nur der zähe
Patrouillenführer war in ein Eingeborenendorf gekommen, wo ihn die
Leute anscheinend freundlich begrüßten und ihm Eier brachten. Als
er sich nach diesen beugte, fielen die Schwarzen über ihn her und
übergaben ihn einer englischen Askaripatrouille, die in der Nähe
versteckt war. Ein Askari mit Maultier, der sich ziemlich hochfahrend
benahm, hatte den Deutschen weiter zu transportieren. Beim Transport
machte der Deutsche in der Unterhaltung ihn auf Fehler an seinem
Sattelzeuge aufmerksam, und es gelang ihm, das Maultier in seine
Hand zu bekommen und auf ihm schleunigst davonzureiten. Bei dem sich
entspinnenden Handgemenge hatte er die Schußwaffe des Askari ergriffen
und diesen damit erschossen.
Auch östlich Kissangire drangen unsere Abteilungen weiter nach Norden
vor, und es kam zu einer ganzen Reihe kleinerer Buschgefechte, die
gelegentlich für den Feind recht verlustreich waren. Etwas östlich,
an der Küste bei Kissidju, trieben sich auch feindliche Abteilungen
herum, und dort lag auch ein kleines englisches Kriegsschiff. Hauptmann
von Lieberman überfiel eines Morgens mit seiner 11. Kompagnie diesen
Gegner, und unsere Askari gingen ihm mit Hurra recht gründlich zu
Leibe. Auch auf das Kriegsschiff wurden einige anscheinend erfolgreiche
Schüsse aus dem Feldgeschütz angebracht. Nach Vertreibung des Feindes
aus Kissidju kehrte Hauptmann von Lieberman sodann zurück. Auch gegen
die rückwärtigen Verbindungslinien des Gegners wurde gearbeitet, und
fast täglich kam es zu kleinen Gefechten.
Das dichtbesiedelte Land ist von geradezu fabelhaftem Reichtum.
Askari und Europäer hatten außer reichlich Mehl auch Mangos, Papeien,
Mustaphelen, Kokosnüsse und andere Arten tropischer Früchte zur
Verfügung. Überraschend waren die großen Reisfelder, die hier dicht
südlich Daressalam lagen, während doch im Frieden Reis zum großen
Teil von Indien importiert wurde. Vieh war wenig vorhanden, aber die
Kompagnien fingen an, Jagdkommandos weit in die wildreiche Steppe zu
entsenden, die sich besonders im Westen unserer Stellungen erstreckte.
Daß Wild in der Nähe sein mußte, darauf wiesen schon die zahlreichen
Löwen hin. Mehrfach ist eine Familie von fünf Löwen nachts durch unser
Lager gewandert und hat dabei auch Tiere geschlagen.
Während sich das Kommando in Makima aufhielt, traf im Oktober
eine Nachricht ein, die vermuten ließ, daß die feindliche starke
Truppenlandung bei Kilwa sowie das Erscheinen feindlicher Abteilungen,
die von Westen her in Richtung auf Liwale an den Mbarangandufluß
gelangt waren, zu einer großen konzentrischen Bewegung des Feindes
gegen Liwale gehörten. Starke portugiesische Truppen hatten den
Rowuma überschritten, waren in das Makondehochland eingefallen und
hatten sich in den Besitz von Newala gesetzt. Der Kommandant der
„Königsberg“, Kapitän z. S. Looff, war an Land nach Räumung von
Daressalam zunächst wieder in das alte Gebiet der „Königsberg“ am
Rufiji gerückt und war dann nach Lindi marschiert. Er hatte jetzt den
Befehl im Süden übernommen. Mit den drei dort zunächst nur verfügbaren
neu aufgestellten Askarikompagnien hatte er sich gegenüber starken
Stellungen des Feindes, der bei Lindi gelandet war, verschanzt, die
Hilfsschiffstransporte, die von Ssudi nach dem Norden gingen, gesichert
und den Portugiesen, die sich am unteren Rowuma zeigten, durch kleinere
Unternehmungen Schaden zugefügt. Um sich nun auch noch mit der Aussicht
auf einen schnellen durchschlagenden Erfolg gegen die hinter ihm bei
Newala vordringenden Portugiesen zu wenden, dazu waren seine Kräfte
etwas schwach.
[Illustration: Askari]