Ein Versuch, mit einer stärkeren Abteilung unter Umgehung des

feindlichen Lagers dieses von rückwärts her anzugreifen, führte

des außerordentlich dichten Busches wegen zu keinem Erfolg.

Wohl aber erlitt der Feind Einbuße durch zahlreiche, kleine

Patrouillenunternehmungen, die seine Transporte und seine hinter der

Front verkehrenden Autos beschossen. Auch das Auto eines Stabes wurde

bei dieser Gelegenheit wirksam unter Feuer genommen. Der Feind war

ebenfalls mit Patrouillen tätig, und mehrere seiner Fernpatrouillen

waren in unseren Rücken gelangt. Eine derselben, von Leutnant Wienholt

geführt, verriet sich dadurch, daß sie eine unserer Trägerkolonnen

überfiel und deren Lasten verbrannte. Hierunter befanden sich eine

Anzahl mit dem Hilfsschiff angekommener und sehnlichst erwarteter

Beinkleider. Wienholt erregte daher bei jedermann peinliches

Interesse, wurde in seinem Lager im dichten Busch ausgemacht und

überfallen. Er selbst entkam und wollte im Vertrauen darauf, daß

im afrikanischen Busch nicht leicht jemand zu finden ist, allein

durch unsere Linie hindurch zu den Engländern zurückwandern. Unseren

bewährten Leuten, die früher den erfolgreichen Pferdefang am Longido

gemacht hatten, van Rooyen, Nieuwenhuizen und Truppel, gelang es,

seinen Wechsel aufzuspüren und ihn zu fangen. Bei der Rückkehr von

einem Erkundungsgange traf ich Wienholt in unserem Lager in Tuliani

bei fröhlichem Schmause mit denen, die ihn ergriffen hatten. Wir alle

mußten die vortrefflichen Leistungen seiner Patrouille, deren Weg in

der bei ihm erbeuteten Karte genau verzeichnet war, ehrlich anerkennen.

Wienholt ist dann in das Innere in ein Gefangenenlager gebracht worden

und nach Monaten aus diesem beim Baden entwichen. 1917 hat er in der

Gegend von Kilwa und Liwale und später 1918 in Portugiesisch-Ostafrika

wieder ausgezeichnete Patrouillendienste gegen uns geleistet. Seine

Schilderung eines Überfalles durch einen Leoparden, der den Begleiter

Wienholts im Lager mit großer Kühnheit schlug, hat mich lebhaft

interessiert. Ich nehme an, daß er die anschauliche Schilderung, deren

Original ihm leider später bei einem Patrouillenzusammenstoß abhanden

gekommen und in unsere Hände gefallen ist, inzwischen seinen Bekannten

und Freunden zugänglich gemacht hat.

Es vergingen jetzt Wochen, in denen uns die Engländer hauptsächlich

mit Fliegerbomben belästigten. Augenscheinlich hatten sie die Stelle

des Kommandolagers in Tuliani genau erfahren. Ich entsinne mich eines

Tages, wo 4 Flugzeuge, denen wir nichts anhaben konnten, stundenlang

über unserem Lager kreisten und Bomben abwarfen. Aber wir hatten

gelernt, uns unsichtbar zu machen; nur der Europäer, der in der

Telephonhütte beschäftigt war, wurde so schwer verletzt, daß er eine

Hand verlor. Eine daneben gelegene Hütte mit wertvollen Akten wurde

durch eine Brandbombe unter Feuer gesetzt.

Meine Automobile waren damals noch im Gange, und ich konnte häufig von

Tuliani aus die auf der guten Etappenstraße vorgeschobene Abteilung

Kraut schnell erreichen. Dort hatte Korvettenkapitän Schoenfeld

vortreffliche Anordnungen für die Feuerleitung des 10,5 ~cm~- und des

8,8 ~cm~-Marinegeschützes getroffen. Von seinem auf den Höhen des

Kangaberges gelegenen Artilleriebeobachtungsposten hatte man guten

Einblick in die englischen Lager. Schwächere deutsche Abteilungen

waren von Usambara her nicht dem Major Kraut auf Tuliani gefolgt,

sondern längs der Usambarabahn in Richtung auf Tanga ausgewichen. Sie

hatten dort sowie in der Gegend von Korogwe kleinere Zusammenstöße

mit dem Feinde und wichen östlich der Abteilung Kraut allmählich nach

Süden aus. Ihnen folgten stärkere Abteilungen des Feindes. Mit der

Zeit wuchs für die Truppe bei Tuliani die Gefahr, östlich umgangen zu

werden und die Verbindung mit der für die Ausrüstung mit Munition und

Material sowie für die Verpflegung so wichtigen Gegend von Morogoro zu

verlieren. Gleichzeitig rückte von Kondoa aus General van Deventer,

dessen Truppen auf eine Division verstärkt worden waren, in südlicher

Richtung vor. Vor ihm wich Hauptmann Klinghardt zunächst nach Süden und

dann in Richtung auf Mpapua aus.

Die Unübersichtlichkeit und Unwegsamkeit des Geländes veranlaßte

hierbei den Hauptmann Klinghardt, seine an sich schon geringen Truppen

(5 Kompagnien) noch mehr zu teilen, um wichtige Pässe zu beobachten und

zu sperren. Der Feind folgte mit einer großen Zahl von Automobilen,

und es glückte gelegentlich, eins derselben durch eingebaute Minen

zu beschädigen. Bei der notgedrungenen Zersplitterung der Kräfte des

Hauptmanns Klinghardt und der Schwierigkeit der Verbindung unter ihnen

konnte oft ein Teil nicht wissen, was bei den Nachbarabteilungen

vorging. Eine starke deutsche Reiterpatrouille suchte von Osten

kommend Anschluß an eine Abteilung die sie bei Meiameia an der

Straße Dodoma-Kondoa-Irangi vermutete. Sie ritt ahnungslos in ein

feindliches Lager hinein und wurde fast vollzählig gefangengenommen.

Die Rückwärtsbewegung unserer Kondoatruppen, die nicht lediglich

fortzukommen, sondern dem Feinde Schaden zuzufügen suchten, war ein

recht schwieriges Manöver; der Moment, wann man zurückgehen, wann

wieder halten und wann zu einer raschen Gegenoffensive schnell wieder

vorgehen muß, um dann wieder schnell und rechtzeitig abzubauen, ist

schwer zu erfassen. Zuverlässige Meldungen fehlten; bei dem Rückmarsch

mehrerer Kolonnen durch unbekanntes Gelände wuchsen die Schwierigkeiten

bei dem Mangel an Verbindungsmitteln ins Unendliche. Der Einfluß des

Führers wurde oft ausgelöscht und dem Zufall gar zu vieles überlassen.

Am 31. 7. 16 erreichte der Feind die Zentralbahn bei Dodoma. Hauptmann

Klinghardt wich nach Osten längs der Bahn aus.

Bei den Gefechten, die sich westlich Mpapua abspielten, wurden einige

günstige Situationen nicht erkannt, und Nachbarabteilungen, auf

deren Unterstützung gerechnet wurde, trafen nicht rechtzeitig ein.

Das gibt in der Truppe leicht ein Gefühl der Unsicherheit und wirkt

lähmend auf das Vertrauen und die Unternehmungslust. Der Fall wurde

hier noch dadurch erschwert, daß der Führer, Hauptmann Klinghardt,

an Typhus erkrankte und gerade im kritischen Augenblick ausfiel. Als

sein Nachfolger wurde von Tuliani her Hauptmann Otto entsandt; diesem

glückte es, die auseinander geratenen Teile wieder zu sammeln und

einheitlich zu verwenden.

Auch die 2. Schützenkompagnie, die auf der Straße Kondoa-Saranda

nach diesem letzteren Ort zu hatte entweichen müssen und mit der die

Verbindung völlig verlorengegangen war, zog sich südlich der Bahn

in großem Bogen wieder an die Abteilung Otto heran. Die Gefechte

der Abteilung Otto boten bei der Überzahl des Feindes vielfach das

Bild eines Frontalangriffes und gleichzeitiger Umgehungen unserer

beiden Flügel. Es glückte dem Feinde nicht immer, diese Bewegungen in

richtigen Einklang zu bringen. So geriet bei Mpapua sein Frontalangriff

zu dicht an unsere Front heran und erlitt erhebliche Verluste; auch

die Umfassungen, selbst wenn sie bis in den Rücken unserer Stellungen

führten, hatten keine entscheidende Wirkung. In dem unübersichtlichen

Gelände war es immer möglich, sich der Gefahr zu entziehen oder, falls

die Gelegenheit dazu günstig war, die umgehenden Truppen einzeln zu

fassen. Auf alle Fälle erforderte die Umfassungstaktik des Feindes in

dem außerordentlich dichten Busch und zwischen den vielen Felsen große

Anstrengungen und brauchte die Kräfte seiner Truppen auf. Hauptmann

Otto wich jeden Tag immer nur wenige Kilometer nach Osten zurück,

und die Bahn gestattete ihm hierbei, nach Wunsch die Stellung seines

schweren Geschützes zu ändern. Als sich die Abteilung Otto Kilossa

näherte, war es notwendig, eine Verschiebung auch unserer bei Tuliani

stehenden Hauptkräfte vorzunehmen. Das Kommando und ein Teil der

Truppen rückten nach Morogoro; Major Kraut mit mehreren Kompagnien und

einem 10,5 ~cm~-Geschütz rückte nach Kilossa. Bei Tuliani übernahm

Hauptmann Schulz den Befehl.

Ich rechnete jetzt damit, daß von Norden vordrückende Kolonnen bald

die Gegend westlich von Bagamojo erreichen und auch bei diesem

Ort selbst Truppenlandungen stattfinden würden. Zur persönlichen

Orientierung fuhr ich nach Station Ruwu und von dort mit dem Fahrrad

den sandigen und gewellten Weg entlang auf Bagamojo zu. Einen

Tagemarsch südlich Bagamojo traf ich auf das Lager von zwei Europäern.

Es war der Bezirksleiter Michels, der seinen gefährdeten Amtssitz von

Bagamojo weiter in das Innere verlegen wollte. Die Bevölkerung war

zutraulich und lebte wie im Frieden. Der Weltkrieg war an ihr bisher

spurlos vorübergegangen. Da die Zeit drängte, mußte ich umkehren,

und der schnelle Maskatesel des Herrn Michels brachte mich in

wenigen Stunden wieder nach Ruwu. Am nächsten Tage erkundete ich von

Kidugallo aus mit dem Fahrrad die dort und weiter nördlich angelegten

Verpflegungsmagazine und fuhr dann wieder nach Morogoro. Andere

Erkundungen, ebenfalls meist zu Rad, führten mich zu den nach Westen in

Richtung auf Kilossa vorgelagerten Bergen, sowie die Straßen entlang,

die westlich und östlich um die Uluguruberge herumführen. Die Pässe,

die von Morogoro aus den Nordabhang des Riesenmassivs der Uluguruberge

hinauf und weiter in südlicher Richtung auf Kissaki führen, mußten zu

Fuß erkundet werden. Bei dem Druck des Generals van Deventer gegen

Kilossa und bei der Gefahr, daß auch Hauptmann Schulz bei Tuliani

umgangen wurde, durfte der Moment, Hauptmann Schulz auf Morogo

heranzuziehen, nicht verpaßt werden. Um uns trotzdem die Möglichkeit

zu Gegenschlägen zu wahren, mußten wir die Gegend von Tuliani solange

wie möglich halten.

Die von Tuliani aus einen kleinen Tagemarsch unmittelbar nach Norden

zu vorgeschobene Abteilung des Hauptmanns Stemmermann wurde bei

Matomondo von starken europäischen und indischen Truppen angegriffen.

Der Feind war recht geschickt. Ein an einem Felsenhange stehendes

Maschinengewehr der 6. Kompagnie wurde von einzelnen Indern, die sich

unbemerkt von vorn herangeschlichen hatten, ergriffen und schnell

den steilen Hang heruntergeworfen, so daß es nicht wiedergefunden

werden konnte. Der Feind, der in unsere Reihen eingedrungen war,

wurde durch einen Gegenstoß der 21. Kompagnie mit schweren Verlusten

zurückgeworfen. Im Nahkampf schoß der englische Major Buller, der

Sohn des bekannten Generals aus dem Burenkriege, dem Kompagnieführer

Oberleutnant von Ruckteschell durch den Hut, wurde dann aber selbst

durch diesen schwer verwundet. Major Buller wurde dann in das deutsche

Lazarett nach Daressalam geschafft und von der Gattin seines Gegners,

die dort als Schwester tätig war, gesund gepflegt. Während des Gefechts

von Matomondo hatten englische Reiter weiter westlich ausgeholt; sie

erschienen überraschend in einem Gebirgspasse, der von Westen nach

Tuliani führte. In dem dichten Busch hatte die unter dem General Brits

aus Südafrika gekommene 2. Reiterbrigade anscheinend schwere Verluste.

[Illustration: Signalschüler]

Hauptmann Schulz wich nun mit Genehmigung des Kommandos nach Derkawa

aus, das an dem Wege Tuliani-Morogoro am Wamiflusse in dichter

Buschsteppe liegt. Er stand hier in befestigter Stellung am Südufer

und wurde am 13. August durch den von Tuliani her nachdrängenden

Feind, der mindestens eine Infanterie- und die berittene Brigade

Brits stark war, sowie gleichzeitig von Osten her durch eine Brigade,

die den Wami aufwärts an dessen rechtem Ufer entlang marschiert

war, angegriffen. Während des Gefechts bestand von Morogoro aus mit

Hauptmann Schulz dauernde telephonische Verbindung; die Verluste des

Feindes wurden auf mehrere hundert Mann geschätzt und später auch von

den Engländern bestätigt. Die feindlichen Angriffe wurden abgeschlagen,

aber in dem dichten Busch war die Lage so unübersichtlich, daß ein

durchschlagender Erfolg nicht erreichbar schien. Hauptmann Schulz

trug Bedenken, seine letzte, noch geschlossene Kompagnie einzusetzen.

Seine Absicht, nach Schluß des Gefechts nach Morogoro abzumarschieren,

billigte ich, da mir die Gesamtlage die Zusammenziehung meiner Kräfte

wünschenswert machte. Nach dem Eintreffen des Majors Kraut bei Kilossa

zog ich auch den Hauptmann Otto mit einem Teil seiner Kompagnien nach

Morogoro heran. Major Kraut hatte sich hinter Abteilung Otto durch

Kilossa hindurchgezogen und nahm nach Gefechten bei diesem Ort dicht

südlich desselben an der Straße nach Mahenge Aufstellung. Auch nachdem

feindliche Truppen in Kilossa eingerückt waren, hatte noch wenige

Stunden telephonische Verbindung mit der Abteilung Kraut durch den

Feind hindurch bestanden.

Von da ab war die unmittelbare Verbindung mit Major Kraut unterbrochen.

Helioverbindung funktionierte nicht, und die Drahtlinien, welche

von Kisaki und später vom Rufiji aus nach Mahenge und von dort zu

den Truppen des Majors Kraut führten, waren noch nicht fertig,

beziehungsweise noch gar nicht begonnen. Mit General Wahle bei Tabora

fehlte ebenfalls seit der zweiten Hälfte des Juli, also mehr als einem

Monat, jede Verbindung. Bagamojo war in die Hände des Feindes gefallen;

mit dem Fall von Daressalam und der Unterbrechung der Verbindung

dorthin war täglich zu rechnen.

Sechster Abschnitt

Dauernde Kämpfe in der Nähe des Rufiji

Gegen die von Neulangenburg her vorrückenden Truppen des Generals

Northey war Ende Juni von Dodoma aus Hauptmann Braunschweig entsandt

worden. Dieser hatte den beiden aus der Gegend Neulangenburg

ausgewichenen deutschen Askarikompagnien Verstärkungen von Kondoa und

von Daressalam her zugeführt und seine eigenen Truppen, im ganzen fünf

Kompagnien und eine Feldhaubitze, bei Malangali gesammelt. Dort hatte

seine Truppe gegen den überlegenen Feind tapfer gefochten, hatte aber

doch in Richtung Mahenge ausweichen müssen.

Es fragte sich, wie jetzt, wo sich die konzentrisch vorrückenden

feindlichen Kolonnen einander in der Richtung auf Morogoro näherten,

unsere Operationen weiterzuführen seien. Der Feind rechnete damit,

daß wir uns am Nordhange der Uluguruberge auf Morogoro zum letzten

entscheidenden Kampf stellen würden. Diese Auffassung ist mir nicht

recht verständlich gewesen. Bei unserer erheblichen Unterlegenheit war

es doch Wahnsinn, hier die Vereinigung der feindlichen Kolonnen, deren

jede einzelne uns bereits numerisch überlegen war, abzuwarten und uns

dann mit dem Rücken gegen das steile Felsengebirge zu schlagen, dessen

Pässe leicht zu sperren waren und das uns jede Bewegungsfreiheit in

unserem Rücken nahm. Ich hielt es für praktischer, die Operationen so

zu führen, daß wir es nur mit einem Teile des Feindes zu tun hatten.

Bei der bekannten Vorliebe des Feindes und besonders des Generals

Brits für weit ausholende Umgehungsbewegungen rechnete ich damit, daß

von Dakawa, wo starke feindliche Lager festgestellt waren, oder von

Kilossa her sich eine Kolonne in Bewegung setzen würde, um westlich

der Uluguruberge in unseren Rücken zu gelangen. Diese Möglichkeit lag

so auf der Hand, daß ich täglich nach den westlich Morogoro gelegenen

Bergen hinausradelte, um dort die Meldungen unserer Patrouillen

rechtzeitig entgegenzunehmen und durch eigene Beobachtung der Rauch-

und Staubwolken zu ergänzen. Diese ließen bald keinen Zweifel, daß

eine starke Kolonne aus der Gegend von Dakawa sich gegen die Bahn

zwischen Morogoro und Kilossa in Bewegung setzte. Patrouillen stellten

feindliche Truppen fest, die die Bahn überschritten und weiter

nach Süden marschierten. Bergbeobachtungsposten meldeten, daß die

Staubwolken die Richtung auf Mlali nahmen.

Da es meine Absicht war, diese Bewegung des Feindes weit auslaufen

zu lassen und den vereinzelten Teil dann mit allen meinen Kräften

anzugreifen, wartete ich ab, bis ich diese Kolonne dicht bei Mlali

vermutete. Hauptmann Otto, der bei Morogoro lagerte, erhielt am Abend

des 23. August den Befehl, mit drei Kompagnien in der Nacht nach

Mlali abzurücken. Er traf dort am 24. frühmorgens ein, als englische

Reiter soeben das Magazin Mlali in Besitz genommen hatten. Als ich im

Auto bei Abteilung Otto eintraf, war das Gefecht im vollen Gange. Das

Gelände war aber infolge der vielen steilen Höhen, die die Bewegung

erschwerten, für kurze entscheidende Angriffsbewegungen nicht günstig.

Die anderen Truppen aus Morogoro, mit Ausnahme der Abteilung des

Hauptmanns Stemmermann, wurden telephonisch herangezogen. Ich selbst

fuhr noch einmal nach Morogoro zu mündlichen Besprechungen hinein.

Der Abteilung Stemmermann, der mit Rücksicht auf die Wegeverhältnisse

auch das 10,5 ~cm~-Königsberggeschütz und die Haubitzbatterie

zugeteilt waren, erhielt den Auftrag, längs des Osthanges der

Uluguruberge auszuweichen und dort den Feind hinzuhalten. Die Pässe

der Uluguruberge selbst wurden durch schwache Patrouillen gesperrt.

Als ich am Nachmittag wieder in der Gegend von Mlali anlangte, hatte

das Gefecht zu keiner Entscheidung geführt. Die feindlichen Truppen

waren an mehreren Stellen zurückgeworfen worden, und eigene glaubten,

nennenswerte Verluste beim Feinde beobachtet zu haben. Beim Einbruch

der Dunkelheit waren wir aber so in die Berge hineingeraten, und jede

Bewegung gestaltete sich so schwierig und zeitraubend, daß wir halten

blieben. Die Nacht war recht kalt, als wir ohne unsere Lasten auf den

Höhen lagen. Glücklicherweise aber war die reiche Gegend bisher durch

den Krieg kaum in Anspruch genommen worden, und ein am Spieß geröstetes

Huhn stillte bald den knurrenden Magen.

Am nächsten Morgen zeigten uns zahlreiche Explosionen in den deutschen

vom Feinde überraschten Magazinen, daß der Gegner abgezogen war und

unsere dort gestapelten 10,5 ~cm~-Granaten zerstört hatte. Dieser

Abzug wurde in südwestlicher Richtung gehend vermutet, was sich später

auch als richtig herausgestellt hat. Es war wahrscheinlich, daß der

Feind eine Umgehungsbewegung machte, um vor uns Kissaki zu erreichen.

Bei der reichen Verwaltungsstelle dieses Ortes waren 600000 Kilogramm

Verpflegung und das von Morogoro abtransportierte Truppenmaterial

gesammelt worden. Wilde Gerüchte eilten der Wirklichkeit voraus und

berichteten, daß bereits starke Kräfte südlich von uns auf den nach

Kissaki führenden Wegen angelangt seien. Wenn nun auch die Fahrstraße

bei Mlali aufgehört hatte und die weiteren Wege nach Kissaki nur

Pfade mit vielen Schluchten und Hindernissen waren, so war doch mit

der Möglichkeit eines schnellen Marsches des Feindes nach Kissaki

sehr ernsthaft zu rechnen, und wir durften keine Zeit verlieren. Am

Abend fanden wir in der Mission Mgeta bei dem dortigen Pater eine

überaus gastliche Aufnahme. Die Gebäude liegen reizend in dem tiefen

Einschnitt des Mgetaflusses, der hier ziemlich reißend zu Tal fließt.

Die vielen Lichter am Bergabhange erweckten den Eindruck, als ob

man sich in Deutschland einem kleinen Badeorte nähere. Auch einige

Europäerinnen aus Morogoro weilten hier und nahmen den letzten Abschied

von der Truppe. Mit Ausnahme weniger Krankenschwestern mußten alle

Frauen zurückbleiben.

Der Abtransport unserer Lasten arbeitete leidlich. Es kam der Truppe

zustatten, daß etwa tausend schwarze Arbeiter, die noch bis vor wenigen

Tagen in den Forstkulturen bei Morogoro gearbeitet hatten, ihr auf

Drängen des umsichtigen Hauptmanns Feilke zur Verfügung gestellt

wurden. Die Trägerfrage fing aber an, schwierig zu werden. Die Leute

sahen, daß wir die Gegend räumten; eine Anzahl der Eingeborenen,

die ihr Erscheinen zugesagt hatten, blieben zur Verzweiflung der

verständigen Jumben, die uns gern helfen wollten, aus. Da in der

Gegend von Mgeta nur schwache Abteilungen des Feindes erschienen,

wurde es wahrscheinlich, daß seine Hauptkräfte eine Umgehungsbewegung

ausführten. Unter Belassung einer Nachhut, die uns nur allmählich

folgte, wurde daher unser Gros in den nächsten Tagen näher an Kissaki

herangezogen. Eines Nachts erschien ein Askari in strammer Haltung an

meinem Lager; es war der in Morogoro krank zurückgelassene Effendi

Juma Mursal der 4. Feldkompagnie. Er war aus dem Lazarett fortgegangen

und uns über die Berge gefolgt. Er berichtete, daß der Feind so stark,

wie früher bei Kahe, von Morogoro westlich um die Uluguruberge herum

marschiert sei und daß einer Anzahl deutscher Askari die Gefechte der

letzten Zeit zuviel geworden wäre. Sie hätten sich von der Truppe

entfernt und raubten in den Pflanzungen südwestlich Morogoro.

Von Kissaki aus wurde eine Fernsprechleitung zu uns gelegt; durch sie

hielt uns Hauptmann Tafel dauernd unterrichtet, daß bei Kissaki vom

Feinde nichts zu merken sei. Aber westlich von uns wurde der Vormarsch

feindlicher Kräfte nach Süden durch unsere Patrouillen festgestellt.

Ich rückte deshalb nach Kissaki und mußte einen Teil unseres

Kriegsmaterials, das in kleinen Depots an unserem Wege gelagert war,

vernichten. Leider fand hierbei wiederum, wie schon vorher in Morogoro

bei gleicher Gelegenheit, ein tüchtiger Feuerwerker durch Unglücksfall

den Tod. In Kissaki dauerte es mehrere Tage, ehe wir ernsthaft mit

dem Feinde in Berührung kamen. Die Boma (Feste) selbst zu besetzen,

war nicht ratsam; sie bestand aus einem von massiver hoher Mauer

umgebenen Gebäudekomplex und lag inmitten eines völlig freigeschlagenen

Geländes. Der Feind konnte sie daher nur durch einen verlustreichen

Angriff nehmen, aber er brauchte gar nicht zu stürmen; durch Artillerie

und Fliegerbomben hätte er den Aufenthalt in dem engen Raum der Boma

unleidlich gemacht, und der Verteidiger wäre in die Notwendigkeit

geraten, seinerseits aus der Boma heraus über das freigeschlagene

Schußfeld zu gehen und das Feuer auszuhalten, das der Feind dann

in aller Ruhe auf ihn abgab. Unsere für den Kampf geschaffenen

Geländeverstärkungen lagen deshalb weit außerhalb der Boma, gegen

Fliegerbeobachtung gedeckt und so angelegt, daß sie ungesehen besetzt

und wieder geräumt werden konnten.

Über die reichen Bestände an Material und Verpflegung in Kissaki

gewann ich erst beim persönlichen Eintreffen ein klares Bild. Ich

erfuhr, daß entgegen meiner Annahme weiter südlich bei Behobeho und am

Rufiji bei Kungulio so gut wie nichts lagerte. Bei Kissaki lagerten

große Bestände, aber trotz der dichten Eingeborenenbesiedlung war ein

Abtransport nicht möglich. Die zahlreich vorhandenen Leute, denen der

Krieg und die vielen Askari etwas ganz Neues waren, verloren den Kopf

und liefen in den Busch. Die Zivilverwaltung, die das volle Vertrauen

der Leute genoß, erwies sich den so überwältigend auf die Eingeborenen

einstürmenden Einflüssen gegenüber als machtlos. Selbst Geschenke von

den sonst so hochgeschätzten Kleidungsstücken vermochten die Leute

nicht zu halten. Es schien, als ob sich alle bösen Geister verschworen

hätten, um uns die Transportmöglichkeit zu nehmen. Unsere Kolonne von

mehreren hundert Trageseln war von Morogoro über die Berge getrieben

worden. Sie langte verspätet und gänzlich erschöpft in Kissaki an. Die

wenigen Ochsenwagen, die wir hatten und die der Beschaffenheit der

Straße wegen östlich um die Uluguruberge herum fahren mußten, wollten

und wollten nicht ankommen. Der Leiter des Etappenwesens sah auch

keinen Ausweg zum Weitertransport unserer für den Krieg notwendigen

Bestände. Und doch war es klar, daß wir vor der feindlichen Übermacht

weiter nach Süden an den Rufiji ausweichen mußten.

Ein Lichtblick war es, daß unsere großen Viehbestände, die östlich

Mpapua geweidet hatten, von dort rechtzeitig weggeführt wurden.

Mehrere tausend Stück, meist schönes Rindvieh, gelangten nach Kissaki

und wären eine höchst willkommene bewegliche Verpflegungsreserve

gewesen. Leider aber wurde die Freude hierüber durch die an manchen

Stellen häufig vorkommende Tsetsefliege beeinträchtigt; erkrankten die

Tiere durch deren Stich, so kamen sie sehr herunter und gingen meist

nach wenigen Wochen ein. Die Masse des Viehs wurde deshalb in die

gesunden Gegenden am Rufiji weitergetrieben. Im übrigen wurde mit allen

Truppenträgern, dann mit allen erreichbaren Leuten aus der Landschaft

und den paar Fahrzeugen ganz energisch aus Behobeho und weiter aus

Kungulio abtransportiert. Hierfür mußte Zeit gewonnen werden, und

Hauptmann Stemmermann, der auf der Oststraße um die Uluguruberge herum

marschierte, durfte nur ganz langsam vor der feindlichen Division

zurückgehen, die ihm mit aller Anstrengung nachdrängte.

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 13 / 30 段