Beim Weitermarsch, der im strömenden Regen die ganze Nacht hindurch

dauerte, hatten wir mehrfach stundenweit bis zum Sattel durch Wasser

zu reiten oder bis zum Hals durch Wasser zu gehen, erreichten aber

doch schließlich noch in der Nacht die große im Kriege erbaute

Wamibrücke. Sie war auch fast ganz fortgerissen, aber doch ein Rest

stehengeblieben, so daß wir hinüberklettern und zur Feldbahn, die zur

Station Kimamba führte, gelangen konnten. Auch diese Feldbahn war, wie

die Bahn Mombo-Handeni, im Kriege entstanden und wurde mit der Hand

betrieben. In dem Bestreben, es recht gut zu machen, nahmen die guten

Leute mehrere Kurven etwas zu hastig, und wiederholt sausten die Loren

mit allem, was sich auf ihnen befand -- dazu gehörten auch wir --, in

den angrenzenden Graben oder auch darüber hinaus. Jedenfalls hatten

wir reichlich genug von dieser Wasserreise, als wir in der Morgenfrühe

in Kimamba anlangten. Der dort stationierte, zur Truppe eingezogene

Vizefeldwebel Rehfeld nahm uns aufs freundlichste auf. Da sich in

Kimamba ein Bekleidungsdepot befand, konnten wir uns mit Askarisachen

wenigstens trocken einkleiden. Wann der Rest des Kommandos mit unseren

Sachen ankommen würde, war ja nicht abzusehen.

Nach Rücksprache mit dem Gouverneur, der sich zu diesem Zweck nach

Kimamba begeben hatte, fuhr ich am nächsten Tage nach Dodoma. An der

Zentralbahn war das schnelle kriegsmäßige Arbeiten, das im Norden

jedermann in Fleisch und Blut übergegangen war, noch wenig zum

Leben erwacht. Die kurz vor uns in Dodoma eingetroffene Abteilung

des Hauptmanns von Kornatzki hatte einige Schwierigkeiten in der

Verpflegungsbeschaffung, obgleich Dodoma dort an der Bahn lag und

schnell Nachschub erhalten konnte. Mit Hauptmann Klinghardt, der einen

Tagemarsch südlich Kondoa-Irangi die Höhen von Burungi besetzt hatte,

setzte ich mich in telephonische Verbindung, und am nächsten Tage des

Vormittags ritt ich mit einigen Offizieren des Kommandos von Dodoma zu

ihm ab.

Der Weg führte uns durch eine menschenleere Buschsteppe. Die im Kriege

gebaute Landstraße hatte die bautechnisch günstigste Trace gewählt und

berührte Ansiedlungen nur selten. Das Land Ugogo zeichnet sich durch

großen Viehreichtum aus. Seine Bewohner gehören zu den Nomadenstämmen,

die in ihren Sitten die Massai nachahmen und daher häufig Massaiaffen

genannt werden. Zahlreiche Ochsenwagen kamen uns entgegen, in denen

deutsche und burische Farmer, aus der Gegend des Meruberges, mit ihren

Familien nach Kondoa fuhren. Es war das von Südwestafrika bekannte Bild

behaglichen „Treckens“ mit diesen für die Verhältnisse der Steppe so

überaus geeigneten Fahrzeugen.

Das Etappenwesen zur Abteilung Klinghardt war noch nicht eingespielt;

in der ersten der kleinen Etappenstationen lagerten wir des Nachts.

Es zeigte sich, daß das Nachschubwesen sehr gesteigert werden mußte,

wenn auf ihm die Verpflegung so starker Truppenmassen, wie sie jetzt

auf Kondoa-Irangi vorgeführt wurden, basiert werden sollte. Hierzu kam

eine neue Schwierigkeit: den gewaltigen Anforderungen, die das gesamte

Verpflegungs- und Nachschubwesen an den Leiter desselben stellte,

waren die bisherigen Feldintendanten gesundheitlich nicht gewachsen

gewesen. Dem Hauptmann der Landw. Schmid waren sehr bald Hauptmann

d. Landw. Feilke, diesem Hauptmann d. Res. Freiherr von Ledebur und

dann Hauptmann a. D. Richter, ein älterer Herr, gefolgt. Der letztere

war leider jetzt, bei Beginn einer wichtigen neuen Operation, am Ende

seiner Kräfte angelangt. Seine Geschäfte hatte der hierin zunächst

nicht eingearbeitete Major a. D. von Stuemer, der in Handeni im

Etappendienst tätig gewesen war, übernehmen müssen.

Am nächsten Tage abends hatten wir den 4 Tagemärsche langen Weg

zurückgelegt und trafen an den Burungibergen bei Hauptmann Klinghardt

ein. Das Aufschließen der uns folgenden, aus dem Bereich der Nordbahn

kommenden Abteilungen mußte längere Zeit dauern, und so ergab sich die

Möglichkeit zu ergiebigen Erkundungen. Sehr willkommen war es, daß wir

hier die Bekanntschaft einer ganz neuen, vortrefflichen Karte machten.

Der Bezirksamtmann von Kondoa-Irangi hatte sie mit anderen Sachen

beim Verlassen seines Amtssitzes einem Jumben (Häuptling), der an den

Burungibergen saß, zur Aufbewahrung gegeben. Bei diesem fanden wir

glücklicherweise das wertvolle und so geheimgehaltene Material.

Englische berittene Europäerpatrouillen kamen mehrfach in die Nähe

unserer Stellungen, und man wußte, daß dahinter stärkere berittene

feindliche Abteilungen standen. Wo diese sich aber befanden, war nicht

bekannt. Manche Nachrichten besagten: in Kondoa-Irangi, andere: südlich

dieses Ortes, und wieder andere: an der Straße, die von Kondoa-Irangi

nach Saranda führt. Es war von Wichtigkeit, daß sich bei Burungi

größere Eingeborenenpflanzungen befanden, so daß dort viel Verpflegung

vorhanden war. Man brauchte nicht abzuwarten, bis der von Dodoma her

angesetzte Verpflegungsnachschub voll in Wirksamkeit trat. Die Truppe

konnte sich mehr als bisher hiervon freimachen und hauptsächlich aus

dem Lande leben. Sobald die nachfolgenden Abteilungen aufgeschlossen

waren, wurde der Vormarsch auf Kondoa angetreten. Südlich des Ortes

stießen wir nur auf stärkere berittene Sicherungsabteilungen, die

schnell zurückgeworfen wurden, und gelangten Anfang Mai ohne ernstere

Gefechte in den Besitz der großen Höhen, die dem Ort Kondoa auf 6 ~km~

vorgelagert sind.

Wir hatten zwei Marinegeschütze, ein 8,8 ~cm~ und ein 10,5 ~cm~, auf

fahrbaren Lafetten mitgeführt und sogleich in Stellung gebracht. Diese

beschossen aus unseren überhöhenden Stellungen mit anscheinend gutem

Erfolge die feindlichen Lager südlich Kondoa. Die Zelte wurden sofort

niedergelegt. Man beobachtete, wie der Feind eifrig seine Stellungen

verschanzte und wie seine Fahrzeuge in der Richtung auf Kondoa

zurückeilten. Mehrere Patrouillengefechte waren für uns erfolgreich,

und kleine feindliche Postierungen wurden schnell geworfen, die hier

und da noch vorgeschoben waren. Von Süden, also von rückwärts her,

sahen wir eine Reiterpatrouille auf unsere Stellung zureiten. Da auch

unsere berittenen Patrouillen unterwegs waren, glaubte ich zuerst, es

wären Deutsche. Bald aber verriet uns die gleichmäßige Haltung der

in Gewehrschuhe gesteckten Karabiner, daß es Engländer waren. Diese

hatten von unserer Anwesenheit augenscheinlich keine Ahnung. Sie

wurden auf ganz nahe Entfernung herangelassen und verloren bei der

geringen Feuerentfernung ungefähr die Hälfte ihres Bestandes. Nach

den bisherigen Beobachtungen war es wahrscheinlich, daß der Feind vor

uns seine Stellung räumte. Ich beschloß am 9. 5. 1916, falls sich

diese Beobachtung bestätigen sollte, die niedrigen, jetzt vom Feinde

besetzten Höhen sogleich selbst zu besetzen. Für einen Angriff waren

die Verhältnisse nicht günstig, da unser Vorgehen bemerkt werden mußte

und ein überraschender Sturm ausgeschlossen war. Ohne Überraschung aber

bot ein Versuch, die besetzte Stellung zu stürmen, keine Aussicht auf

Erfolg; der Feind hatte sich genügend auf den kleinen Höhen verschanzt,

und diese beherrschten völlig das für den Nahkampf in Betracht

kommende Gelände, das bei dem niedrigen Dornbusch und den zahlreichen

Felsstücken nur langsam zu durchschreiten war.

Ich befand mich bei den Kompagnien, welche den vorn befindlichen

Sicherungspatrouillen folgten; diese meldeten kurz vor Einbruch der

Dunkelheit, daß die Höhen vom Feinde geräumt seien. Unsere Kompagnien

blieben daher in Marsch; die Führer gaben Befehl, die Bagage

heranzuziehen, um sich für die Nacht einzurichten. Ich selbst begab

mich zum Lager des Kommandos, das auf den etwas rückwärts gelegenen

großen Höhen geblieben war. Meine große Erschöpfung suchte ich durch

eine Tasse Kaffee mit etwas Rum zu bekämpfen, schlief aber mit dem

Bewußtsein, daß nichts weiter zu veranlassen wäre, bald fest ein. Neben

meinem Lagerplatz stand das 8,8 ~cm~-Geschütz. Gegen 11 Uhr abends

weckten mich Bemerkungen, die Oberleutnant z. S. Wunderlich, der Führer

des Geschützes, machte; er konnte sich mehrfaches Aufleuchten, das er

in der Richtung auf den Feind zu sah, nicht erklären. Auch ich war mir

im ersten Augenblick nicht ganz schlüssig. Bald aber war kein Zweifel,

daß dieses Aufleuchten, das sich immer mehr verstärkte, Gewehr- und

Maschinengewehrschüsse bedeutete. Als sich der Wind drehte, war auch

der Gefechtslärm deutlich hörbar. Gegen alle Erwartung war also vor

uns ein ernster Kampf im Gange, aber bei der großen Entfernung und dem

Marsch durch unübersichtlichen Busch und Felsengelände hielt ich es

für ausgeschlossen, die zurückgehaltenen Reserven mit irgendwelcher

Aussicht auf Erfolg einsetzen zu können. Selbst die allergröbste

Orientierung über die Gefechtslage erforderte Stunden, und der Mond

würde kaum noch eine Stunde scheinen. Wohl oder übel mußte ich daher

das Gefecht vorn sich selbst überlassen.

Dort hatten unsere Kompagnien die von der Patrouille abgesuchte

Höhe allerdings frei vom Feinde gefunden, aber unmittelbar dahinter

lag der Feind auf einer zweiten Welle des Geländes in verschanzter

Stellung. Hiergegen liefen unsere Kompagnien nun an, und bei der

Unübersichtlichkeit des Geländes und der Dunkelheit gingen Überblick

und Zusammenhang verloren. Unsere Askari nisteten sich dem Feinde

gegenüber ein, und Hauptmann Lincke, der, nachdem Oberstleutnant v.

Bock schwer verwundet und Hauptmann v. Kornatzki gefallen war, den

Befehl übernommen hatte, sagte sich, daß er hier zwar liegenbleiben

könne, aber nach Tagesanbruch wegen des beherrschenden feindlichen

Feuers jede Bewegungsmöglichkeit aufgeben müsse. Da somit ein Erfolg

nicht erreichbar schien, brach er vorsichtigerweise noch in der Nacht

das Gefecht ab und kehrte auf die Ausgangsstellung zurück. Der Feind,

der in der Hauptsache aus dem 11. südafrikanischen Infanterieregiment

bestand, hatte sich gut geschlagen und unsere Kompagnien wiederholt

unter wirksames Maschinengewehrfeuer genommen. Unsere Verluste von etwa

50 Toten und Verwundeten müssen in Anbetracht der geringen Gewehrzahl,

die am eigentlichen Gefecht teilgenommen hat -- etwa 400 --, als schwer

bezeichnet werden.

In den folgenden Tagen besetzten wir nun auch die weiter östlich

gelegenen großen Höhen und drängten die im Vorgelände befindlichen

Reiterabteilungen mit recht empfindlichen Verlusten für sie ab. Es kam

mehrfach vor, daß von feindlichen, etwa 20 Mann starken Abteilungen

keiner oder nur wenige Leute entkamen, und auch sonst hatten wir eine

ganze Reihe günstiger Zusammenstöße. Mehrfach beobachteten wir von

unseren, weite Übersicht gewährenden Höhen aus mit guten Gläsern,

wie feindliche Truppen und Wagenkolonnen von Norden her auf Kondoa

zu fuhren, dann nach Osten abbogen und in den Bergen verschwanden.

Auch unsere Patrouillen, die wir weit fort in den Rücken des Feindes

schickten, bestätigten den Marsch größerer Transporte, die sich von

Aruscha her in Richtung auf Kondoa-Irangi bewegten.

Die Engländer hatten sogleich die Zivilverwaltung in Kondoa in die

Hand genommen und in geschickter Weise die Jumben (Häuptlinge) nach

diesem Ort entboten und ihnen Verhaltungsmaßregeln gegeben. Hierzu

gehörte auch die Pflicht, deutsche Truppenbewegungen zu melden. So

war es für unsere Patrouillen häufig zweckmäßig, sich im Bereich des

Feindes als Engländer auszugeben. Die Unterschiede der Uniformen waren

ja nicht groß und durch das lange Kriegsleben noch mehr verwischt

worden; vielfach wurden Uniformröcke überhaupt nicht, sondern nur

blusenartige Hemden getragen, und das kleine Tuchabzeichen, das die

Engländer am Tropenhut trugen, war wenig auffallend. Der Unterschied

in der Bewaffnung war oft verschwunden, da auch ein Teil der Deutschen

englische Gewehre trug.

Im allgemeinen hatte man nicht den Eindruck, daß in Kondoa schon ein

sehr starker Feind war; aber unser Angriff mußte, selbst wenn er Erfolg

haben würde, über freies Gelände gegen Befestigungen führen, die wir

mit unseren wenigen Geschützen nicht genügend zudecken konnten. Die

mit Sicherheit zu erwartenden erheblichen und unersetzbaren Verluste

veranlaßten mich, von einem allgemeinen Angriff abzusehen und den

Feind durch kleine Unternehmungen, die sich bisher so vorteilhaft

erwiesen hatten, zu schädigen. Unsere Artillerie -- es waren auch

die beiden Gebirgsgeschütze und 2 Feldhaubitzen, die mit dem zweiten

Hilfsschiff angekommen waren, eingetroffen -- beschoß günstige

feindliche Ziele, die sich boten. Auch die Gebäude von Kondoa-Irangi,

wo General van Deventer eingetroffen war, wurden gelegentlich durch

unser 10,5 ~cm~-Geschütz unter Feuer genommen. Westlich unserer

Hauptkräfte, an der Straße Saranda-Kondoa-Irangi, hatte unsere junge

2. Schützenkompagnie in mehreren günstigen Zusammenstößen Teile des

4. südafrikanischen Berittenenregiments allmählich in die Nähe von

Kondoa-Irangi zurückgedrängt.

Der Feind verstärkte sich nun immer mehr. Anfang Juni beschoß er uns

auch auf große Entfernung, etwa 12 ~km~, mit schwereren Geschützen

von 10 ~cm~ und 12,5 ~cm~ Kaliber. Seine Beobachtung und Feuerleitung

verdiente alle Anerkennung; jedenfalls schlugen am 13. 6. 1916 seine

Granaten bald sehr genau in unserem Kommandolager ein. Ich unterbrach

meine Arbeit, die ich im Schutze eines Grasdaches vorgenommen hatte,

und begab mich etwas seitwärts hinter eine Felsplatte. Unmittelbar

nachdem dort auch der Ordonnanzoffizier, Oberleutnant Boell,

eingetroffen war, platzte ein Geschoß dicht über uns, verwundete

Oberleutnant Boell schwer am Oberschenkel und mich und einige

andere Europäer leicht. Materiellen Schaden hat uns das feindliche

Artilleriefeuer im übrigen fast gar nicht zugefügt, aber es war doch

lästig, wenn seine schweren Geschosse immer von Zeit zu Zeit in unser

Lager einschlugen.

Von den erheblichen Arbeiten, wie sie gute Unterstände erfordern,

sahen wir ab, da wir die Kräfte unserer Leute für den Patrouillen-

und Sicherheitsdienst, sowie für die Beschaffung der Verpflegung voll

beanspruchen mußten. Das ganze Land war, soweit das Auge reichte, mit

Eingeborenenkulturen bedeckt; in der Hauptsache -- und dies kam für

die Verpflegung der Truppe vorzugsweise in Betracht -- war Mtama,

eine Hirsenart, angebaut worden, deren Reife jetzt gerade begann.

Die Eingeborenen waren zum großen Teil fortgelaufen, der Nachschub

von Dodoma hatte unserem Vormarsch nicht folgen können; unsere

Verpflegung basierte daher fast ausschließlich auf den Beständen,

die die Erntekommandos der Kompagnien selbst einbrachten. Die Garben

trockneten auf Steinen schnell in der heißen Sonne. In allen Kompagnien

herrschte reger Mahlbetrieb, sei es, daß die ausgedroschenen Körner

mit Steinen zerrieben oder in „Kinos“, das sind harte Holzgefäße, mit

Stangen zu Mehl zerstampft wurden. Für die Europäer gab es damals noch

Weizenmehl, das auf den Etappenwegen vorgebracht wurde. Unser aus einer

Mischung von Weizenmehl und Eingeborenenmehl hergestelltes Brot vor

Kondoa war von einer ganz ausgezeichneten Beschaffenheit. Außer Mtama

und anderen Körnerfrüchten gab es Zuckerrohr, Muhogo (eine Pflanze mit

wohlschmeckender, eßbarer Wurzel), Süßkartoffeln, dann verschiedene

Arten Erbsen und andere Eingeborenenfrüchte sowie genügend Vieh. Die

Truppe konnte in dem überaus wohlhabenden Gebiet von Kondoa reichlich

und vielseitig verpflegt werden.

Die beobachtete Ausdehnung des Feindes von Kondoa nach Osten hin lenkte

auch unsere Aufmerksamkeit auf dieses uns bis dahin wenig bekannte

Gebiet. Hauptmann Schulz wurde mit mehreren Kompagnien dorthin entsandt

und fand ein außerordentlich schwieriges Berggelände mit starker

Bewachsung vor; dazwischen waren Ansiedlungen von großer Fruchtbarkeit.

Hier kam es zu einer ganzen Reihe für den Feind recht verlustreicher

Gefechte, an denen für uns eine oder auch mehrere Kompagnien beteiligt

waren. Eine stärkere feindliche Abteilung suchte sich zwischen den

Kompagnien der Abteilung Schulz und uns hineinzuschieben und hatte

wahrscheinlich die Absicht, die Abteilung Schulz abzuschneiden.

Dieser Versuch des Feindes mißglückte aber gänzlich. Unsere Truppen

drängten von beiden Seiten gegen diesen feindlichen Keil und warfen ihn

zurück. Recht gewandt benahm sich hierbei der alte Effendi (schwarzer

Offizier) Juma Mursal; er legte sich an einer Wasserstelle auf die

Lauer und beschoß die Engländer, die hierher zum Tränken kamen, mit

gutem Erfolg; nach seiner Beobachtung sind dabei 6 gefallen. In der

Gefechtsperiode von Kondoa-Irangi sind dem Gegner allmählich recht

erhebliche Gefechtsverluste beigebracht worden. Rechnet man hierzu

noch die Verluste an Krankheiten bei seinen jungen weißen Truppen,

die nicht an die Tropen gewöhnt und so außerordentlich unvorsichtig

in ihren Schutzmaßregeln gegen Tropenkrankheiten waren, so dürfte der

Gesamtausfall des Feindes in der Zeit von Kondoa-Irangi kaum unter 1000

Mann an Weißen betragen haben.

Fünfter Abschnitt

Zwischen Nordbahn und Zentralbahn

Ende Juni 1916 gewannen die Vorgänge auf den anderen Kriegsschauplätzen

entscheidenden Einfluß auf unsere Maßnahmen vor Kondoa. Aus der Gegend

des Kiwusees und vom Russissi rückten die Belgier, westlich des

Viktoriasees und seit Mitte Juli auch von Muanza her drangen englische

Streitkräfte konzentrisch auf Tabora vor. General Wahle, der von Tabora

aus den gemeinsamen Befehl über unsere im Nordwesten stehenden Truppen

führte, zog seine Abteilungen von den Grenzen her allmählich auf Tabora

zu zusammen.

Von Südwesten her, aus dem Raum zwischen Tanganjika und Nyassa, drangen

gleichfalls feindliche Abteilungen vor. Vor ihnen wich unsere in der

Gegend von Bismarckburg fechtende Kompagnie langsam nach Nordosten in

Richtung auf Tabora aus. Aus dem Bezirk Langenburg gingen unsere beiden

dort sichernden Kompagnien allmählich in Richtung aus Iringa zurück.

Diesen folgte General Northey, dessen Division mit allen Mitteln

moderner Kriegführung ausgerüstet war. Von diesen Vorgängen hatte

das Kommando bei der Schwierigkeit der Verbindung nur unvollkommene

Nachrichten.

An der Nordbahn hatten die Patrouillen des Majors Kraut, die von

dessen fester Stellung bei Lembeni ausgingen, gelegentlich erfreuliche

Erfolge gehabt. Mehrere Flugzeuge wurden zum Landen gebracht oder

verunglückten; die Insassen wurden gefangen, die Apparate vernichtet.

Als die schweren Regen aufgehört hatten, trat von Kahe her der Feind

seinen Vormarsch längs der Nordbahn sowie östlich derselben durch

die Pareberge hindurch und westlich längs des Pangani an. Hunderte

von Automobilen und große Reitermengen wurden beobachtet. Um bei der

großen Überzahl des Feindes nicht abgeschnitten zu werden, zog Major

Kraut sein Gros unter Belassung schwacher Abteilungen am Feinde mit der

Bahn bis Buiko zurück. In dieser Gegend sowie bei Mombo kam es dann

zu einigen Gefechten, bei denen manchmal unsere Kompagnien durch den

Feind, der den Bahnkörper hinter ihnen absperren wollte, hindurchfuhren

und ihn von den Waggons aus beschossen. Der Feind konnte zwar infolge

seiner numerischen Überlegenheit mit leichter Mühe stets mit frischen

Truppen umfassende Bewegungen ausführen, aber das schwierige Gelände

beeinträchtigte die Wirksamkeit solcher Umgehungen im hohen Maße. Es

schien daher, daß der Feind häufig diesen Gedanken fallen ließ und

dafür eine Art Ermüdungstaktik betrieb. Er griff heute mit einem Teil

seiner Truppen an, ließ diese dann ruhen und setzte morgen andere,

übermorgen wieder andere ein. Trotz allem augenscheinlichen Drängen und

seinen günstigen Nachschubverhältnissen war sein Vormarsch ziemlich

langsam. Niemals sind die Truppen des Majors Kraut in eine wirklich

schwierige Lage gekommen, im Gegenteil; den unsrigen glückten häufig

Feuerüberfälle und Teilerfolge, die gelegentlich, wie bei einem durch

Hauptmann Freiherrn von Bodecker geführten Nachhutgefecht in der Gegend

von Handeni, dem Feinde recht erhebliche Verluste beibrachten.

Bei diesem von allen Seiten erkennbaren konzentrischen Vordringen des

Feindes mußte man sich die Frage vorlegen, was nun mit dem vor Kondoa

stehenden Hauptteil der Truppe geschehen sollte. Für einen Angriff war

die Gelegenheit allzu ungünstig. Es fragte sich also, wohin im großen

und ganzen unser Abmarsch zu gehen habe. Ich faßte die Gegend von

Mahenge ins Auge. Sie entzog uns der Umklammerung durch den Feind und

war reich und für den Kleinkrieg geeignet. Von dort aus bot sich auch

die Möglichkeit, weiter nach Süden auszuweichen und den Krieg noch

lange Zeit fortzusetzen.

Ein anderer wichtiger Gesichtspunkt war die Sicherung unserer an

der Zentralbahn, besonders in der Gegend von Morogoro lagernden

Kriegsbestände. Diese waren bei dem schnellen Vordringen des Generals

Smuts, dem gegenüber Major Kraut bis über die Gegend von Handeni

hinaus nach Süden vorgedrungen war, stark gefährdet. Wenn auch

anzunehmen war, daß die stetig wachsende Länge seiner rückwärtigen

Verbindungen den General Smuts hemmen würde, so schien er mir doch der

gefährlichste und wichtigste Gegner zu sein. Ich beschloß daher, dem

Kondoafeinde gegenüber nur ein Detachement unter Hauptmann Klinghardt

bei Burungi stehenzulassen, mit den Hauptkräften aber wieder nach

Dodoma zu marschieren, von dort mit der Bahn nach Morogoro zu fahren

und an Major Kraut heranzurücken. Es hat sich später herausgestellt,

daß die Engländer über diese Bewegung bis ins kleinste unterrichtet

waren und z. B. über einen Eisenbahnunfall genau Bescheid wußten,

der einer Kompagnie während dieses Transportes zustieß. Bei den

Europäern in Morogoro verschwand beim Eintreffen unserer Kompagnien

und angesichts der glänzenden Haltung der Askari auch der letzte Rest

einer niedergedrückten Stimmung; jeder Mann und jede Frau hatten

begriffen, daß unsere Lage zwar schwierig war, daß es aber keine

andere Möglichkeit gab, als weiterzufechten, und daß unsere Truppe

nach ihrer ganzen Beschaffenheit auch imstande war, noch lange mit

Erfolg standzuhalten. Anfang Juli traf ich bei Major Kraut ein, der

in befestigter Stellung am Kangaberge stand, nordöstlich Tuliani. Ich

hatte geglaubt, daß die Askari durch das Zurückgehen niedergedrückt

wären, traf sie aber in einer vortrefflichen, selbstbewußten Stimmung

an. Vor ihrer Stellung hatten sie 50 bis 100 Meter Schußfeld

geschaffen und waren fest davon überzeugt, daß ein feindlicher Angriff

abgeschlagen werden würde.

Die Zeit bis zum Eintreffen der übrigen Abteilungen bei Tuliani

benutzte ich zu Erkundungen und gewann so bald ein Bild über die Pässe,

die das schwierige, westlich unserer Etappenstraße gelegene Felsen- und

Waldgelände durchschnitten.

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 12 / 30 段