Hochwald, in deren Schutz sich unsere Lager befanden, dem Feinde kaum
etwas genutzt haben. Die von den Fliegern geworfenen Bomben führten bei
Kahe nur zu wenigen Verlusten und störten den über diesen Ort gehenden
Abtransport unserer Bestände nicht. Um unser Feuer herauszulocken,
erschienen wiederum nordwestlich Neu-Steglitz die bekannten englischen
Reiter in weit ausgedehnter Schützenlinie. Ihnen gegenüber, im Busch
versteckt, waren unsere Kompagnien bereit, sofort zuzufassen, sobald
sich größere Abteilungen zeigten. Ein solcher Gegenstoß wurde am
Spätnachmittag des 18. März durchgeführt, und zwar mit leidlichem
Erfolge. Um das in Frage kommende Gelände gründlich kennenzulernen,
waren Europäerpatrouillen andauernd unterwegs, und auch ich benutzte
dazu jede verfügbare Minute. Durch das Dickicht wurden Wege geschlagen
und bezeichnet. Hierdurch wurde die Möglichkeit geschaffen, klar zu
bestimmen, an welchen Punkt man eine Abteilung hinschieben wollte.
Auch an der großen Straße, die von Himo nach Kahe führt, hatte
sich ein starker Feind bis vor die Front der Abteilung Stemmermann
vorgeschoben, die bei Kahe mit der Front nach Norden an dieser Straße
in befestigter Stellung lag. Feindliche Patrouillen kamen recht
gewandt in die unmittelbare Nähe der Abteilung und verschleierten
zugleich den Feind. Als ich am Nachmittag des 20. März bei der
Abteilung Stemmermann eintraf, herrschte keine Klarheit darüber,
was vor der Front eigentlich los war. Es war sehr wohl möglich, daß
der Feind hier nur demonstrierte, um uns an einer anderen, für uns
empfindlicheren Stelle anzufassen. Ein solches Manöver wäre für uns
sehr gefährlich gewesen, da es in dem unübersichtlichen Busch erst
sehr spät, meist zu spät, bemerkt werden konnte. Ich beschloß, den
feindlichen Patrouillenschleier vor unserer Front zurückzuwerfen, bis
auf die eigentliche Stellung. Schon vorher wurde bekanntgegeben, daß
um 1 Uhr nachts die Kompagnien wieder auf ihre bisherigen Stellungen
abrücken sollten; die Maschinengewehre blieben, um nicht verloren zu
gehen, und zur Sicherung in unseren Verschanzungen zurück. Es war
heller Vollmond, als die Spitzenkompagnie Feuer erhielt, anscheinend
durch eine feindliche Wache oder Patrouille, die abzog. Wir stießen
noch mit mehreren Patrouillen zusammen, gelangten dann aber etwa 5
Kilometer nördlich unserer eigenen Verschanzungen auf einen stärkeren
Gegner mit Maschinengewehren. Das sich nun entwickelnde recht heftige
Gefecht zeigte uns, daß wir auf die Hauptstellung des Feindes gestoßen
waren; ein Sturm auf diese schien mir aussichtslos. Unter Belassung
von Patrouillen baute ich wieder ab. Unter unseren nicht unerheblichen
Verlusten befanden sich leider auch drei schwer ersetzbare
Kompagnieführer, von denen die Oberleutnants von Stosch und Freiherr
Grote nach wenigen Tagen an ihren Wunden starben, während Hauptmann
Augar erst nach langer Zeit durch einen künstlichen Fuß wieder zum
Dienst verwendbar wurde.
Unser Abbauen, das der Feind wohl für unfreiwillig hielt, hat
in ihm anscheinend den Glauben hervorgerufen, uns durch einen
energischen Angriff am nächsten Tage über den Haufen werfen zu
können. Am 21. März waren die Angriffe starker feindlicher Kräfte
gegen die Front der Abteilung Stemmermann bei Kahe erfolglos: sie
wurden mit schweren Verlusten für den Feind, der in der Hauptsache
aus südafrikanischer Infanterie bestand, zurückgeschlagen. Unser
10,5 ~cm~-Königsberggeschütz, dessen Feuer von erhöhten, Übersicht
gewährenden Standpunkten aus geleitet wurde, beschoß den feindlichen
Anmarsch mit anscheinend gutem Erfolg. Man darf annehmen, daß von den
schweren Verlusten, die die Engländer an südafrikanischen Europäern
allein auf mehrere hundert Mann an diesem Tage angaben, ein Teil auch
diesem Geschütz zu danken ist. Der Feind erkannte, daß ein erneutes
Vorgehen über das 500 Meter breite Schußfeld vor unseren Schützengräben
keine Aussicht bot und versuchte, unsere rechte Flanke zu umfassen.
Aber auch unser Gegenstoß war durch Erkundungen und Festlegen von Wegen
gut vorbereitet und traf am Nachmittag von der Abteilung Schulz aus
wirksam in die feindliche Flanke. Der letzte Teil des Vorgehens der
Abteilung Schulz war durch den dichten Busch allerdings sehr mühsam
gewesen. Die Askari konnten sich nur schrittweise hindurcharbeiten, als
sie plötzlich die feindlichen Maschinengewehre nur noch wenige Schritte
vor sich arbeiten hörten.
Leider gelangte aber dieser Gegenangriff wegen der inzwischen auf
unserem linken Flügel stattgehabten Ereignisse nicht zur Durchführung.
Die Patrouillentätigkeit der letzten Tage und die Staubwolken hatten
gezeigt, daß aus der Gegend von Neumoschi her starke berittene
feindliche Abteilungen westlich der Bahn Kahe-Neumoschi unsere nach
Norden gerichtete Front umgehen wollten, deren linker Flügel bei
Bahnhof Kahe war. Diese Bewegung hätte bei weiterer Durchführung
hinter unserem Rücken an die Eisenbahn geführt und uns von unseren
rückwärtigen Verbindungen abgeschnitten, während wir mit Front nach
Norden gegen einen überlegenen Feind fochten. Ich hatte deshalb eine
starke Reserve von 8 Kompagnien bei Bahnhof Kahe bereitgestellt. Da ich
es aber für notwendig hielt, mich im Gefecht persönlich bei Dorf Kahe,
in der Nähe der Abteilung Stemmermann, aufzuhalten, so konnte ich nicht
unmittelbar und schnell über die bei Kahe stehenden Reserven verfügen.
Dichte Geländebewachsung machte jede Übersicht unmöglich. Die Verfügung
über die Reserve bei Kahe mußte der Initiative des dortigen Führers und
seiner Unterorgane überlassen bleiben. Diese hatten beobachtet, daß
feindliche Truppen durch den Busch vorgehend einen südwestlich Bahnhof
Kahe gelegenen Hügel besetzt hatten. Eine Kompagnie war gegen diesen
Feind selbständig vorgegangen, aber sein Schrapnellfeuer brachte ihr
Vorgehen zum Scheitern. Darauf beschoß unser 10,5 ~cm~-Geschütz diese
leichten feindlichen Geschütze und warf sie zurück.
Am späten Nachmittag gelangte an mich die dringende Meldung, daß
der Feind mit starken Kräften in unseren Rücken gegen die Bahn bei
Kissangire vorgehe und der von uns befürchtete Fall eingetreten war.
Notgedrungen mußte ich den sofortigen Abmarsch auf Kissangire anordnen.
Ich wollte den dortigen Feind, der im Augenblick noch nicht stark
sein konnte, durch rasches Zufassen mit allen Kräften schlagen. So
kam es, daß der oben erwähnte, gut angesetzte Gegenstoß der Abteilung
Schulz nicht bis zur vollen Wirksamkeit durchgeführt wurde. Der
nächtliche Abmarsch unserer Kräfte über den dicht hinter uns liegenden
Panganifluß, über den schon vorher eine Anzahl Übergänge und Brücken
hergestellt worden waren, vollzog sich glatt und ohne Störung. Noch
am nächsten Tage fanden unsere zurückgelassenen Patrouillen das
Nordufer des Pangani vom Feinde frei. Unser gutes 10,5 ~cm~-Geschütz,
das wir seiner Unbeweglichkeit wegen nicht mitnehmen konnten, wurde
gesprengt. Nach Mitternacht, also am 22. März ganz früh, traf ich auf
dem Bahnhof Kissangire ein und ersah zu meinem größten Erstaunen,
daß alle Meldungen über die starken feindlichen Truppenbewegungen
nach Kissangire irrtümlich, unser Abmarsch also unnötig gewesen war.
Es ist mir dies ein besonders schlagender Beweis dafür gewesen, wie
außerordentlich schwer die Beobachtung von Truppenbewegungen in dem
dichtem Busch ist, und wie vorsichtig jeder Führer bei der Bewertung
solcher Meldungen sein muß. Dieser Fall zeigt aber auch, wie schwer es
für jeden Führer ist, sich aus der eigenen Kombination und Beurteilung
der Lage, sowie den sich stets widersprechenden Meldungen der Askari
und auch der Europäer eine Grundlage für seinen Entschluß zu schaffen,
die der Wirklichkeit auch nur annähernd entspricht. Gerade im
afrikanischen Busch ist es wichtig, die vorliegenden Meldungen, wenn
irgend durchführbar, durch eigene Beobachtungen zu ergänzen.
Unser Abmarsch war nun aber nicht zu ändern, und es galt, die Kräfte
von neuem zu gruppieren. Hierbei spielten die Wasserverhältnisse eine
entscheidende Rolle. Mit Rücksicht auf diese und auf die erforderliche
Staffelung in die Tiefe blieb nur eine Abteilung von wenigen Kompagnien
auf den Höhen von Kissangire und beobachtete von hier aus die sich 12
~km~ bis zum Pangani erstreckende wasserarme Dornbuschsteppe. Östlich
dieser bei Kissangire stehenden Abteilung des Majors von Boemcken wurde
die Abteilung Otto auf die Berge von Nordpare hinaufgeschoben und
sperrte die über das Gebirge führenden Pässe. Major Kraut nahm aus dem
zwischen dem Gebirge von Nordpare und dem von Mittelpare durchführenden
Ngulupaß Aufstellung. Das Gros der Truppe bezog in der fruchtbaren
Gegend von Lembeni mehrere befestigte Lager.
Trotz dem mehrfachen Zurückgehen in der letzten Zeit war der Geist der
Truppe gut, und die Askari waren beseelt von einem berechtigten Stolz
auf ihre Leistungen im Kampf gegen einen so vielfach überlegenen Feind.
Nur ganz vereinzelte liefen zu ihm über, fast ausnahmslos Leute, deren
Vieh in dem jetzt vom Feind besetzten Gebiete stand und die deshalb für
ihr Eigentum fürchteten.
Die deutsche Zivilbevölkerung hatte die Gegend des Kilimandjaro
verlassen und war in der Hauptsache nach Usambara, in die Gegend von
Wilhelmsthal abgewandert. Auch die Gegend von Aruscha war geräumt
worden, und die Farmer waren mit Ochsenwagen über Kondoa-Irangi nach
Dodoma abgezogen. Die zahlreich vorhandenen Griechen waren meist
auf ihren Kaffeepflanzungen am Kilimandjaro, die Buren englischer
Nationalität auf ihren Viehfarmen geblieben, die sich vom Nordwesthang
des Kilimandjaro nördlich um den Meruberg herum und an dessen
Westabhängen entlang bis in die Gegend von Aruscha hinzogen. In Lembeni
war der regelmäßige Betrieb nicht unterbrochen worden; Verpflegungszüge
rollten bis zur Station heran; Kompagnien, die nicht in vorderster
Linie standen, arbeiteten fleißig an ihrer Ausbildung, und das Kommando
setzte seine Tätigkeit wie in Moschi jetzt im Eisenbahngebäude von
Lembeni fort. Flieger erschienen und warfen Bomben, genau wie vorher.
Das Gelände wurde sorgfältig für verschiedene Gefechtsmöglichkeiten
vorbereitet, Durchgänge durch den dichten Nashornbusch und Schußfeld
geschaffen. Persönliche Erkundungen nahmen viel Zeit in Anspruch und
führten mich häufig zu den im dichten Busch und an den beherrschenden
Höhen lagernden Kompagnien. Die Anpassungsfähigkeit der Truppe und
die Kunst, sich nach Möglichkeit auch die materielle Seite des Lebens
angenehmer zu machen, hatten sich schon leidlich entwickelt. Gern
denke ich an die Gelegenheiten zurück, wo mir in einer behaglich
eingerichteten Grashütte eine Tasse Kaffee mit schöner, fettreicher
Milch, die aus dem zerriebenen Fleisch der reifen Kokosnuß hergestellt
war, gereicht wurde. Auch auf die Berge von Nordpare führten mich
meine Gänge häufiger. Hier fand ich eine üppige und wasserreiche
Zone vor, durch welche abseits vom Wege kaum durchzukommen war. Der
Wasserreichtum des Landes erwies sich als viel größer, als auf Grund
früherer Erkundungen erwartet wurde; auch hier zeigte es sich, wie die
durch den Krieg geschaffene Notwendigkeit die Hilfsquellen eines Landes
aufschließt und so zu einer Bewertung derselben führt, die die früheren
Abschätzungen weit übersteigt. Die Eingeborenen von Nordpare sind
genau wie die des Kilimandjaro Meister darin, durch das von den Bergen
kommende Wasser ihre Felder künstlich zu berieseln.
Am 4. April führte mich einer meiner Erkundungsgänge zur Abteilung
Otto auf die Pareberge. Von deren Nordwestecke hatte man klaren
Einblick in das unten liegende feindliche Lager beim Bahnhof Kahe.
Der naheliegende Gedanke, dieses mit einem unserer weittragenden
Geschütze zu beschießen -- wir hatten inzwischen ein fahrbar gemachtes
10,5 ~cm~-Königsberggeschütz, sowie ein auf Lafette ~C~/73 gestelltes
8,8 ~cm~-Geschütz nach Lembeni herangezogen --, war leider nicht
durchführbar. In etwas zu großem Eifer hatte die Truppe den Bahnkörper,
der von Lembeni nach Kahe führte, gründlich zerstört. Mit unseren
Mitteln konnte er nicht wieder so weit fahrbar gemacht werden, um das
schnelle Vor- und Zurückschieben eines unserer Geschütze zu gestatten.
Alle unsere Beobachtungen und Meldungen stimmten darin überein, daß der
Feind, der früher oft südlich des Djipesees mit Patrouillen und auch
stärkeren Abteilungen aufgetreten war, für diese Gegend kein Interesse
mehr zeigte. Jedenfalls war er mit seinen Hauptkräften auf Kahe sowie
über Neumoschi hinaus weiter nach Westen auf Aruscha zu marschiert.
Nach einer kalten Nacht auf der feuchten Höhe bei Nordpare stieg ich
am 5. April wieder nach Lembeni hinab. Hier war Meldung eingegangen,
daß am Tage vorher Hauptmann Rothert, der mit der 28. Kompagnie bei
dem Lolkisale, einem zwei Tagemärsche südwestlich von Aruscha in der
Massaisteppe gelegenen hohen Berge, lagerte, durch einen stärkeren
Gegner angegriffen worden war. Die vom Lolkisale nach Südwesten
führende heliographische Verbindung hatte dann aufgehört. Erst später
stellte sich folgendes heraus. Mehrere berittene feindliche Kompagnien
waren von Aruscha kommend aus der Steppe gegen unsere auf dem Berge
liegende 28. Kompagnie von verschiedenen Seiten vorgegangen. Da die
Unsrigen das Wasser besaßen, konnten sie das Gefecht gegen den Feind,
der ohne Wasser war, gut aushalten. Am zweiten Gefechtstage wurde die
Lage für den Gegner, eben seines Wassermangels wegen, kritisch. Leider
wurden aber nach schwerer Verwundung des Hauptmanns Rothert diese
Verhältnisse deutscherseits nicht richtig gewertet. Man hielt die Lage
für so hoffnungslos, daß die Kompagnie mit ihren Maschinengewehren und
ihrer Munition die Waffen streckte. Auch bei dieser Gelegenheit zeigten
einige Askari die Früchte ihrer gesunden militärischen Erziehung und
machten die Übergabe nicht mit. Sie sind ebenso wie die Verwundeten,
ungestört durch den Feind, in der Gegend von Ufiome zu unseren Truppen
gestoßen. Dort trafen sie eine junge Schützenkompagnie, die von der
Zentralbahn, und die Abteilung Aruscha, die von Aruscha her sich bei
Ufiome gesammelt hatten.
Der Weg auf Kondoa-Irangi und in das Innere der Kolonie war für den von
Aruscha her eindringenden Feind kaum noch gesperrt. Es wurden deshalb
aus der Gegend des Kiwusees, an der Nordwestecke der Kolonie, drei
Kompagnien unter dem in den Gefechten bei Kissenji bewährten Hauptmann
a. D. Klinghardt durch Fußmarsch und auf Tanganjikadampfern nach Kigoma
und von dort weiter mit der Bahn nach Saranda geschafft. Von hier
marschierten sie weiter auf Kondoa-Irangi vor. Die jetzt schon nördlich
Kondoa-Irangi befindlichen Truppen (etwa zwei Kompagnien), sowie eine
von Daressalam her mit der Bahn herangeschaffte Kompagnie wurden auch
Hauptmann Klinghardt unterstellt. Diese Bewegungen erforderten lange
Zeit zur Ausführung. Es wurde daher sogleich auch die gute und bewährte
13. Kompagnie, deren Friedensstandort Kondoa-Irangi gewesen war, mit
der Bahn von Lembeni in die Gegend Buiko geschafft; sie marschierte von
dort weiter durch die Massaisteppe nach Kondoa-Irangi. Dieser Marsch
durch das wasserarme und wenig bekannte Gebiet mußte angetreten werden,
bevor die im Gange befindlichen Erkundungen geschlossen waren. Er
bedeutete für die nach afrikanischen Begriffen große Kopfzahl, wie sie
eine Kompagnie mit ihren Trägern darstellte, jetzt in der trockensten
Zeit, vor Einsetzen der großen Regen, ein gewisses Wagnis.
Dieses Wagnis mußte aber unternommen werden, weil der uns bei Kahe
gegenüberstehende Feind, nachdem seine Erkundungsabteilungen mehrfach
abgewiesen worden waren, augenscheinlich keine Miene machte, gegen
uns vorzugehen. Der Feind legte also zur Zeit sein Hauptgewicht auf
Kondoa-Irangi. Da für uns aus schon früher dargelegten Gründen ein
Angriff von Lembeni gegen Kahe unzweckmäßig erschien, beschloß ich, den
im Kilimandjarogebiet stehenden Feind lediglich zu beschäftigen und
mich mit den Hauptkräften gegen die feindliche Gruppe, die inzwischen
bis in die Gegend von Kondoa-Irangi vorgedrungen war, zu wenden. Die
Ausführung dieser Absicht war nicht ganz leicht; für den über 200 ~km~
langen Marsch von den Ausladestationen der Nordbahn zur Zentralbahn
war viel Zeit erforderlich, und jeden Moment konnte eine Änderung
der Lage sofortige neue Anordnungen des Kommandos notwendig machen.
Alle Truppen mußten daher erreichbar bleiben. Die einzelnen Teile
konnten nicht, wie seinerzeit bei dem Marsch von der Zentralbahn zur
Nordbahn, auf weit getrennten Straßen in Bewegung gesetzt werden. Der
Marsch unserer 15 Feld- und zwei berittenen Kompagnien mußte auf einer
Straße stattfinden. Das stellte die Truppe vor eine ganz neue und
schwierige Aufgabe. Zeit war nicht zu verlieren. Die zu vier und drei
Feldkompagnien formierten Abteilungen des Hauptmanns von Kornatzky,
Hauptmanns Otto, Oberstleutnants von Bock und Hauptmanns Stemmermann
wurden mit Tagemarschabständen per Bahn von Lembeni nach Mombo und
Korogwe abtransportiert. Von dort marschierten sie nach Kimamba
(Station westlich Morogoro) zur Zentralbahn weiter. Mannigfaltige
Reibungen traten ein. Unbedingt festliegende Marschziele der
Abteilungen konnten für die einzelnen Tage um so weniger vorgeschrieben
werden, als schwere Regen einsetzten, die den schwarzen Boden
stellenweise so aufweichten, daß buchstäblich kaum vorwärts zu kommen
war.
So kam es, daß die eine Abteilung ganz kleine Märsche machte und
die nachfolgende auflief. Dies war recht unangenehm und störte die
geregelte Verpflegung auf der Etappenstraße sowie den Transport des
Kompagniegepäcks, für den die Relaisträger der Etappe in Anspruch
genommen werden mußten. Die Kompagnien fingen nun an, nach alter
afrikanischer Sitte sich selbst zu helfen, ergriffen ohne Rücksicht
auf sonstige Anordnungen die Etappenträger und behielten sie einfach
bei sich. Der gesamte Betrieb der Etappenlinie, der auf regelmäßigem
Arbeiten der Relaisträger beruhte, wurde hierdurch stark in
Mitleidenschaft gezogen.
Vierter Abschnitt
Das Vorgehen des Feindes im Gebiete der Nordbahn
Nachdem alle Transporte von Lembeni abgerollt waren, übergab ich
die Führung aller an der Nordbahn stehenden Truppen an Major Kraut.
Auch eine eigene Intendantur wurde für sie eingerichtet. Unsere
Eisenbahnfahrt nach Korogwe führte uns noch einmal vor Augen, wie fest
die deutsche Bevölkerung der Nordgebiete mit der Truppe verwachsen war
und wie sie deren Leistungen würdigte. An jede Station waren die Leute,
manchmal von weit her, gekommen; jeder war sich klar darüber, daß unser
Abschied von den Nordbezirken ein endgültiger wäre und die Bezirke in
Feindeshand fallen würden. Trotzdem war die Stimmung eine gehobene.
Vieles von dem wenigen, was an Europäerverpflegung noch vorhanden
war, wurde herangebracht. Die Witwe des kürzlich in Buiko beerdigten
bisherigen Linienkommandanten Kroeber ließ es sich nicht nehmen, uns
noch die letzten Flaschen aus dem Bestande ihres Kellers anzubieten.
Major Kraut und Kapitän Schoenfeld begleiteten mich bis Buiko, von
wo aus wir verschiedene, mir für die weiteren Operationen wichtig
erscheinende Geländepunkte in Augenschein nehmen konnten. Die
Herren blieben dann zu persönlicher näherer Erkundung zurück. Von
Korogwe führten uns unsere Automobile schnell nach Handeni, dem
Endpunkte der von Mombo aus gelegten Feldbahn. Unterwegs überholten
wir unsere berittenen Kompagnien, und der Ausruf des Beamten der
Zivilverwaltungsstelle von Handeni: „Das ist ja der berühmte Wilddieb
van Rooyen“, zeigte mir von neuem, daß unter unseren Reitern gefahr-
und jagdgewohnte Leute waren, auf die bei den kommenden Anforderungen
Verlaß war. In Handeni war der erste Sammelpunkt der von Norden
abtransportierten Bestände. Major von Stuemer, der seinen bisherigen
Posten von Bukoba mit der Leitung unserer im Augenblick wichtigsten
Etappenstraße vertauscht hatte, klagte nicht wenig über die Störung,
die ihm unsere durchmarschierenden Truppen für den Weitertransport
der Bestände bereiteten. In Handeni, dem Sitz der Verwaltungsstelle,
wo die Etappenstraßen von Morogoro, Korogwe und Kondoa-Irangi auf
den Kopf der Feldbahn Mombo-Handeni trafen, hatte sich durch den
Krieg ein Europäerviertel von fast städtischem Anstrich entwickelt.
Die durch Oberleutnant zur See Horn in norwegischem Stile erbauten
Häuschen boten einen reizenden Anblick, der im Augenblick allerdings
durch den strömenden Regen beeinträchtigt wurde. Im Innern waren die
Häuser, deren jedes meist aus drei Räumen bestand, behaglich für die
Unterbringung von Europäern eingerichtet. Unangenehm war die enorme
Masse von Ratten, die des Nachts häufig über den Schläfer hinwegliefen.
Hauptmann von Kaltenborn, der mit dem in Ssudi gelandeten zweiten
Hilfsschiff angekommen war, meldete sich hier bei mir und konnte die
von ihm schon vor einiger Zeit übersandten Heimatsberichte durch
mündliche Nachrichten ergänzen.
[Illustration: Askari (eingeborener Soldat)]
Am nächsten Tage überholten wir im Auto eine Anzahl unserer
marschierenden Abteilungen und konnten die zwischen ihnen entstandenen
Reibungen wenigstens teilweise beseitigen. Fernsprechverständigung
glückte infolge der durch den starken Regen hervorgerufenen
Ableitungen, sowie Zerreißen des Drahtes durch Trägerkolonnen, einzelne
Wagen und Giraffen, nur selten. Um so wichtiger war es für mich,
durch diese Strecke der Störungen, die mich von der Truppe und den
eingehenden Meldungen abschnitt, rasch hindurchzukommen. Das aber wurde
immer schwieriger.
Immer heftiger strömten die Regen, und immer grundloser wurden
die Wege. Anfangs waren es nur einige wenige schlechte Stellen;
dann zogen und schoben 20 und mehr Träger unser Auto. Die Niampara
(Trägerführer) gingen in tanzendem Schritt und mit Gesang voraus. Die
ganze Gesellschaft stimmte in das „Amsigo“ und „Kabubi, kabubi“ ein,
und unter dem Rhythmus dieser Gesänge ging die Arbeit bei bester Laune
anfangs glatt vonstatten. Als wir aber Tuliani passierten, hatten die
Regengüsse einen sonst ganz flachen Fluß derartig angeschwellt, daß
seine reißenden Wasser des Vormittags die fahrbare Brücke vollständig
weggerissen hatten. Wir fällten einen der großen am Ufer stehenden
Bäume, aber er war nicht lang genug, um sich beim Fallen mit seiner
Krone auf dem jenseitigen Ufer fest zu verankern. Wie ein Streichholz
wurde der meterstarke Stamm fortgetrieben. Der Adjutant, Oberleutnant
Müller, versuchte den Fluß zu durchschwimmen, wurde aber gleichfalls
abgetrieben und kam an unser Ufer zurück. Nun versuchte es Hauptmann
Tafel, der von seiner schweren Verwundung wieder hergestellt war und
beim Kommando die Operationen bearbeitete. Er erreichte das andere
Ufer, und auch einigen Eingeborenen, guten Schwimmern, glückte dies.
Aber es gelang nicht, durch die Schwimmer eine Leine ans andere Ufer
zu bringen, und so saßen wir fest, Hauptmann Tafel ohne jede Kleidung
auf dem anderen Ufer und wir auf diesem. Die Aussicht, abzuwarten, bis
das Wasser abgelaufen war, war nicht verlockend, durfte ich doch keine
Minute verlieren, um den Anfang der in Marsch befindlichen Abteilungen
zu überholen. Da rückte spät am Nachmittag ein Eingeborener damit
heraus, daß etwas unterhalb eine ihm bekannte Furt wäre. Das Durchwaten
war dort nicht ganz einfach und dauerte mindestens dreiviertel Stunde;
unter erheblichen Umwegen mußten wir dem Führer genau folgen und uns
vorsichtig von Untiefe zu Untiefe weiterarbeiten. Das Wasser, das uns
bis zu den Schultern reichte, war so reißend, daß man der vollen Kraft
bedurfte, um nicht umzufallen. Endlich erreichten wir bei Dunkelheit
mit völlig durchnäßten Sachen das andere Ufer. Dorthin waren uns von
einer noch glücklicherweise telephonisch erreichten Abteilung drei
Maultiere und Begleitaskari entgegengeschickt worden.