Die Tätigkeit des Feindes steigerte sich, und der Gegner zeigte bei

den vielen kleinen Zusammenstößen eine gute Ausbildung. Er hatte auch

zahlreiche neue Askaritruppenteile aufgestellt, die sich zum großen

Teil aus den begabten Stämmen des Njassagebietes rekrutierten. Das

dem Kilimandjaro nach Nordwesten zu vorgelagerte und nur spärlich mit

Busch bestandene Steppengebiet war seiner großen Übersichtlichkeit

wegen zu überraschenden Offensivunternehmungen für uns nicht

günstig; mehr Aussicht hierzu bot das dichte Buschgelände zwischen

Kilimandjaro und Meru selbst, das der Gegner, der vom Longido kam,

voraussichtlich durchschreiten würde. Hier wurde nun eine aus fünf

ausgesuchten Askarikompagnien bestehende Abteilung von rund 1000

Gewehren versammelt. Bei der Unübersichtlichkeit des Geländes glückte

es aber dieser Abteilung nicht, eine der zahlreichen Anfang März nach

Süden vordrückenden feindlichen Kolonnen entscheidend zu fassen. Auch

für den Gegner war die Schwierigkeit, sich zu orientieren, groß, und

erst durch einen indischen Meldereiter, der eine Meldung statt zu

seiner eigenen Truppe versehentlich zu uns brachte, erfuhren wir, daß

sich hier die erste ostafrikanische Division unter General Steward

befand. Da diese Zusammenstöße sich in der Gegend von Geraragua und

südwestlich davon abspielten, war es für ein Eingreifen mit unseren bei

Neu-Steglitz und Himo stehenden Reserven zu weit (Geraragua-Neu-Moschi

etwa zwei Tagemärsche). Ehe dieser Moment eintrat, drückte der Feind

auch von Osten her vor. Die Flugrichtung der feindlichen Flieger zeigte

das augenscheinliche Interesse des Gegners für die Gegenden ein bis

zwei Stunden nördlich von Taveta. Man mußte auf den Gedanken kommen,

daß der Feind aus seinen östlich Oldorobo gelegenen Lagern sich nicht

ein zweites Mal an diesem Berge blutige Köpfe holen wollte, sondern

beabsichtigte, diese Stellung nördlich zu umgehen und das Wasser des

Lumiflusses, eine Stunde nördlich von Taveta, zu erreichen. Am 8. März

wurden vom Oldorobo aus mächtige Staubwolken beobachtet, die sich vom

feindlichen Lager aus in der angegebenen Richtung bewegten. Auch

wurden zahlreiche Automobile festgestellt. Vom Ost-Kitovo aus, einem

6 ~km~ westlich Taveta gelegenen Berge, beobachtete auch das Kommando

diese Bewegungen. Unsere Kampfpatrouillen, die Gelegenheit hatten, die

feindlichen Kolonnen mit Erfolg zu beschießen und auch eine Anzahl

Gefangene zu machen, stellten einwandfrei fest, daß an dieser Stelle

die feindlichen Hauptkräfte anrückten und General Smuts anwesend war.

Noch am Nachmittag des 8. 3. beobachtete das Kommando starke

feindliche Kolonnen von Europäern am Dzhallasee, die von dort in breit

ausgedehnter Schützenlinie ein Stück in Richtung auf den Ostkitovo

vorgingen. Bei dem Mangel an Artillerie mußten wir an diesem Tage und

häufig auch noch später ruhig mit ansehen, daß der Feind in nicht

zu großer Entfernung vor unserer Front wenig geschickte Bewegungen

ungestraft ausführen durfte. Es war aber klar, daß diese umfassende

Bewegung des Feindes die Stellung am Oldorobo, der wir im Verlaufe des

Krieges eine Anzahl glücklicher Gefechte verdankten, nunmehr unhaltbar

machte. Ich beschloß, die Truppen auf den Bergen, die westlich von

Taveta die Lücke zwischen dem Nordparegebirge und dem Kilimandjaro

sperrten, zu neuem Widerstand zu entwickeln. Abteilung Kraut erhielt

telephonisch Befehl, am Wege, der von Taveta nach Neu-Steglitz führte,

auf den Reata-Latema-Bergen Aufstellung zu nehmen. Nordwestlich

des Latema-Berges, an der Straße, die von Taveta nach Himo führt,

besetzte Abteilung Schulz die Berge von Nordkitovo und sicherte den

Abmarsch der Abteilung Kraut. Diese Bewegungen wurden in der Nacht

ungestört vom Feind ausgeführt. Auf unserem äußersten linken Flügel,

an den Südosthängen des Kilimandjaro, sperrte die Kompagnie des

Hauptmann Stemmermann die Straße, die von Mission Rombo nach Himo und

Neumoschi führte. Mission Rombo wurde vom Feinde besetzt. Ein Teil

der Eingeborenen machte kein Hehl daraus, daß sie nunmehr Leute der

Engländer wären. Hierdurch wächst die Wahrscheinlichkeit dafür, daß in

dieser Gegend schon seit langem englische Spionage und Beeinflussung

der Eingeborenen tätig waren und daß die oft am Ostabhange des

Kilimandjaro beobachteten Lichtsignale hiermit in Zusammenhang standen.

Die von uns eingenommene Bergstellung war durch das Gelände sehr

begünstigt, hatte aber doch den großen Nachteil, daß unsere paar

tausend Askari viel zu wenig waren, um die etwa 20 ~km~ breite

Front wirklich zu füllen. Es konnten nur einige Punkte der vorderen

Linie besetzt werden; die Hauptmasse der Truppe wurde bei Himo zur

Verfügung gehalten, um sie, je nachdem sich die Lage entwickelte,

einzusetzen. Es war eine Zeit großer Spannung. Vor uns hatten wir

den weit überlegenen Feind, hinter uns, aus Richtung Longido nach

Süden vordrückend, einen gleichfalls überlegenen Gegner, und unsere

rückwärtige Verbindung, die zugleich unser Abmarschweg war, wurde,

wie oben geschildert, in so empfindlicher Weise vom Feinde bedroht.

Mit Rücksicht auf das Gelände, unsere Bekanntschaft mit diesem und in

Anbetracht der augenscheinlich nicht allzu gewandten taktischen Führung

des Feindes hielt ich es aber nicht für aussichtslos, diesen mindestens

in einem seiner Teile gründlich zu schlagen. Die Stellungen der Linie

Reata-Nordkitovo sollten deshalb zu zähem Widerstand ausgebaut werden.

Von Tanga wurde eines der dort montierten Königsberggeschütze mit

der Bahn heranbefördert. Mit Recht wird der Leser fragen, warum dies

nicht längst geschehen war. Aber das Geschütz war ohne Räder und schoß

von feststehendem Pivot aus, war also sehr unbeweglich. Es ist daher

erklärlich, daß sein Einsatz so lange hinausgezogen wurde, bis über die

Stelle kein Zweifel mehr bestand.

Die Lage entwickelte sich nun so schnell, daß das Geschütz gegen Taveta

nicht mehr eingesetzt werden konnte. Es ist daher an der Bahn bei Kahe,

am südlichen Ufer des Panganiflusses aufgebaut worden, von wo es später

in den Gefechten von Kahe ausgezeichnet gewirkt hat.

[Illustration: Verpflegung bringende Eingeborene]

Am 10. März erkundete der Feind gegen unsere gesamte Front. Berittene

Abteilungen von etwa 50 Mann ritten heran, saßen dann ab und gingen in

weit ausgedehnter Schützenlinie, die Pferde am Zügel, weiter vor, bis

sie Feuer erhielten. Dies war ihr Zweck. Das Feuer verriet ihnen unsere

Stellungen, wenn auch unvollkommen. Uns bot diese Art der Erkundung

Gelegenheit zu Teilerfolgen, die dem Feind eine Anzahl Menschen kostete

und uns einige 20 Pferde einbrachten. Von unserem Berge von Nordkitovo

aus beobachteten wir genau, wie Teile unserer Schützenlinien, schwache

Momente beim Gegner erkennend, rasch vorgingen und die feindlichen

Erkundungsabteilungen von mehreren Seiten unter Feuer nahmen. Mir

schien der Kräfteeinsatz dieser feindlichen Unternehmungen zu

groß, um sie nur mit einer Erkundungsabsicht zu erklären; es machte

mir den Eindruck, daß es sich um ernsthafte, aber etwas verunglückte

Angriffsbewegungen handelte. Über die Richtung des weiteren feindlichen

Hauptangriffes konnte noch keine Klarheit gewonnen werden. Eine

Umfassung unseres linken (nördlichen) Flügels bot für den Feind sehr

viel weniger taktische Schwierigkeiten, beraubte ihn aber des wirksamen

Druckes auf unsere rückwärtigen Verbindungen. Die für uns unangenehmste

Richtung von Taveta über Reata gegen Kahe bedingte für den Feind einen

schweren und auch bei großer Überlegenheit wenig Erfolg versprechenden

Frontalangriff gegen die befestigten Höhen von Reata und Latema. Es

schien mir angezeigt, hinter der Abteilung des Majors Kraut, die auf

der Höhe von Reata-Latema lag, den Hauptmann Koehl mit zwei Kompagnien

so dicht heranzuschieben, daß er zum schnellen Eingreifen auch ohne

Befehl in der Lage war. Die telephonische Verbindung mit unseren

Abteilungen war für den Augenblick sichergestellt. Man mußte aber

damit rechnen, daß sie zum mindesten sehr erschwert wurde, sobald eine

Abteilung sich von den augenblicklichen Drahtlinien entfernte. Material

zu schnellem Bau eines Kabels, das den Bewegungen hätte folgen können,

war nicht verfügbar. Ebenso fehlte es uns an leichten Funkenstationen,

durch die später die Engländer mit Erfolg die Bewegungen ihrer Kolonnen

im Busch regelten.

Am 11. März früh erschien wieder ein Flugzeug über Neumoschi und warf

einige Bomben. Ich sprach gerade mit einem alten Buren über das Gefecht

vom 12. Februar und daß es von den Engländern doch unverantwortlich

sei, eine solche Menge junger und in den Tropen ganz unerfahrener Leute

den Einflüssen unseres Klimas und des Tropenkrieges so rücksichtslos

auszusetzen. Von Reata her meldete Major Kraut, daß sich starke

feindliche Truppen von Taveta her auf seine Stellungen zu bewegten.

Bald erfolgte auch ein kräftiger feindlicher Angriff von mehreren

tausend Mann gegen unsere in ihrer Stellung eingenisteten 3 Kompagnien.

Unsere 3 leichten Geschütze konnten den Geschützkampf gegen die schwere

Artillerie natürlich nicht aufnehmen und mußten sich wie bei dem

Gefecht am Oldorobo darauf beschränken, mit ihren wenigen Granaten die

günstigen Momente gegen feindliche dichtere Truppenmassen auszunutzen.

Ich hielt den Angriff in dem mir bekannten schwierigen Gelände für

wenig aussichtsvoll, doch wurden die zwei hinter der Abteilung des

Majors Kraut zur Verfügung stehenden Kompagnien des Hauptmanns Koehl

zum Angriff angesetzt. Hauptmann Koehl, der ursprünglich einen der

Lage entsprechenden und entscheidenden Flankenstoß gegen den Feind

beabsichtigt hatte, mußte sich in dem unbekannten und dichten Busch

von dessen Unausführbarkeit überzeugen. Zeit und Ort und damit die

Wirksamkeit seines Angriffes hätten ganz dem Zufall überlassen werden

müssen. Richtigerweise marschierte er deshalb an Major Kraut zu dessen

unmittelbarer Unterstützung heran. Auf Grund meiner Beobachtung von

Nordkitovo aus und nach den einlaufenden Meldungen gewann ich das

Bild, daß der Feind unsere Front von Reata bis Kitovo beschäftigen

wollte, seine entscheidende Bewegung aber um unseren linken Flügel

ausholte. Dorthin bewegten sich zunächst große Reitermassen, die

auf den Höhen und Schluchten des südöstlichen Kilimandjaroabhanges

abwechselnd sichtbar wurden und wieder verschwanden. Die 11. Kompagnie,

Hauptmann Stemmermann, die sich oberhalb dieser Reiter am Hange befand,

verhinderte, daß der Feind diesen erstieg. Im Laufe des Nachmittags

hatte sich die Spitze der Reiter durch die dichten Bananenpflanzungen

bis in die Gegend von Marangu vorgearbeitet. Anscheinend waren die

Reiter sehr erschöpft. Es wurde beobachtet, daß sie sich zum Teil mit

den vorgefundenen unreifen Bananen verpflegten.

Im Laufe des Nachmittags wurde es klar, daß ein starker Frontalangriff

des Feindes sich gegen die Abteilung Kraut auf dem Reata- und

Latemaberg richtete. Die eingehenden telephonischen Meldungen lauteten

aber günstig: der Feind hatte augenscheinlich schwere Verluste;

Hunderte von Tragbahren waren bei ihm zum Abtransport Verwundeter in

Tätigkeit. Abends waren alle Angriffe des Feindes gegen unsere Front

mit schweren Verlusten für ihn abgeschlagen. Bei Dunkelheit hatten die

beiden Kompagnien der Abteilung Koehl energisch nachgedrückt und den

sich von neuem setzenden Feind unter Maschinengewehrfeuer genommen. Ich

hatte mich abends nach Himo zurückbegeben und war gegen 11 Uhr damit

beschäftigt, den Befehl zum Angriff auf die bei Marangu festgestellten

feindlichen Reiter in der Morgenfrühe des 12. März auszugeben. Da

telephonierte Leutnant Sternheim, der Führer der Geschütze der

Abteilung Kraut, daß der Feind in der Nacht noch einmal angegriffen

habe und mit starken Massen in die Stellung bei Reata eingedrungen sei.

Die Meldung ließ es als wahrscheinlich erscheinen, daß dieser starke

Feind von Reata nun weiter in der Richtung auf Kahe drücken und uns von

unserer Verbindung abschneiden würde. Dieses Risiko zu übernehmen und

trotzdem den Angriff auf den Feind bei Marangu durchzuführen, erschien

mir zu bedenklich. Ich gab daher Befehl zum Abmarsch der bei Kitovo und

Himo stehenden Truppen noch während der Nacht an die Straße Kahe-Reata.

Als Sicherung sollte in Himo die Kompagnie Stemmermann verbleiben.

Der befohlene Abmarsch der Truppe mußte die unangenehme Folge haben,

daß im günstigsten Falle für Stunden jede Verbindung des Kommandos

mit den einzelnen Truppenteilen aufhörte. Wer diese Nachtmärsche im

dichten Busch kennt, der weiß, wie leicht außerdem Teile ganz abreißen

und dann auf absehbare Zeit überhaupt nicht wieder zu erreichen sind.

Glücklicherweise war mir das Gelände wenigstens einigermaßen bekannt,

als wir querfeldein auf die neue Straße herüberrückten und hierbei

andauernd lebhaftes Feuer auf den Reata- und Latemabergen hörten.

Einige Versprengte, die sich im Busch verlaufen hatten, kamen uns

entgegen; unserer Angabe, daß wir Deutsche wären, glaubten sie nicht

und verschwanden wieder. An der neuen Straße angekommen, trafen wir auf

den Verbandplatz. Auch hier waren die Angaben der vielen Verwundeten so

widersprechend und unklar, daß man nur den Eindruck eines sehr heftigen

Nahkampfes im Busch hatte, aber über dessen eigentlichen Zusammenhang

und Verlauf man nichts erfuhr. Allmählich gelang es, telephonische

Verbindung mit Major Kraut zu erhalten. Dieser befand sich mit einem

Teil seiner Abteilung am Südwesthange des Reataberges an der Straße

Kahe-Taveta. Das Feuer auf den Höhen war allmählich verstummt, und

seine Patrouillen hatten auf dem Reataberge nichts mehr vom Feinde

gefunden. In der Morgenfrühe des 12. fand Major Kraut auf den Bergen

einen Teil seiner Abteilung in den alten Stellungen wieder; der Feind

war nach Taveta zurückgegangen.

Als ich gegen 6 Uhr früh auf dem Reataberge eintraf, wurde die

zahlreich vorhandene Beute gesammelt. Das Durcheinander des nächtlichen

Nahkampfes im Busch war sehr groß gewesen. Englische Gefallene, die

weit hinter der Front der Abteilung Kraut im Busch lagen, zeigten an,

wie weit einzelne Abteilungen des Feindes geraten waren. Feindliche

Einzelschützen, die versteckt in den Felsen eingenistet waren,

unterhielten ein gutgezieltes Feuer und waren nicht auszumachen. Es war

klar, daß der feindliche Angriff mit schweren Verlusten für den Gegner

abgewiesen worden war. Der Abtransport der eigenen und feindlichen

Verwundeten ging glatt vonstatten, ebenso der der Gefangenen. Mit den

aus der Gegend von Himo an die Straße Kahe-Reata durch dichten Busch

heranrückenden Abteilungen bestand keine Verbindung, und es war nicht

zu erwarten, daß diese vor Ablauf mehrerer Stunden hergestellt werden

würde.

Bei dieser Lage war es zu bedauern, daß ich die Truppen unseres linken

Flügels, die in der Gegend Kitovo-Himo gestanden hatten, an die Straße

Kahe-Reata herangezogen hatte. Bei der Preisgabe der Höhen unseres

linken Flügels war die Stellung von Reata auf die Dauer nicht zu

halten, um so weniger, als unsere Stellung kein Wasser hatte, das eine

Stunde weit von rückwärts herangebracht werden mußte. Um die in Marsch

befindlichen Abteilungen des linken Flügels wieder abzudrehen und von

neuem in die Gegend von Himo und Kitovo in Marsch zu setzen, dazu

fehlte in diesem Augenblick die Verbindung, und es war, wie erwähnt,

anzunehmen, daß sie nicht vor Ablauf von Stunden erreicht werden würde.

Ich beschloß deshalb, die Stellung von Reata zu räumen, und ging nach

Aufräumung des Gefechtsfeldes mit der am weitesten nach dem Feinde

zu gelegenen Gefechtslinie bis an das südwestlich des Reataberges

gelegene Wasser zurück. Im Laufe des Tages trafen dahinter die anderen

Abteilungen an verschiedenen Punkten der Straße Kahe-Reata ein und

bezogen Lager.

Das Kommando begab sich zur Pflanzung Neu-Steglitz. Das

Pflanzungsgebäude liegt auf halbem Wege zwischen Kahe und Reata, auf

einer kleinen Höhe, die einen weiten Überblick über den gerade an der

Straße Kahe-Reata besonders dichten Wald gewährt. Auf dem Wege traf

ich den Kapitän Schoenfeld, der mich von der Aufstellung seines 10,5

~cm~-Königsberggeschützes bei Dorf Kahe, am Südufer des Panganiflusses,

unterrichtete. Der Feind besetzte nach unserem Abzug den Reataberg und

schoß eine Weile mit Gewehren und leichten Geschützen ins Blaue hinein.

In den nächsten Tagen wurde der Vormarsch starker feindlicher

Abteilungen von Taveta her nach Himo und das Aufschlagen großer Lager

dort beobachtet. Gegen einen vorgelagerten, von uns nicht besetzten

Berg, den kleinen Himo, entwickelte sich von Osten her über die dort

ganz freie Ebene ein starker feindlicher Angriff, der nach langer

und lebhafter Beschießung der leeren Höhe mit ihrer Inbesitznahme

durch den Feind endete. Leider war es uns nicht möglich, mit raschen

Truppenverschiebungen diesem Angriff aus unserem dichten Busch her

schnell genug beizukommen. Vom kleinen Himo her beschoß leichte

feindliche Artillerie häufiger unser Pflanzungsgebäude in Neu-Steglitz.

In den wenigen Räumen dieses Gebäudes hatte ich vor Wochen nach

erfolgreicher Büffeljagd eine gastliche Stunde verlebt. Der damalige

eingeborene Jagdführer war zu den Engländern übergelaufen. Jetzt lag

hier recht eng der Stab des Kommandos und seine Fernsprechzentrale.

Ich selbst war so glücklich, mit Hilfe einer Chaiselongue und der

Decke des Eßtisches ein leidlich bequemes Lager zu finden. Fernsprüche

und Meldungen kamen ohne Unterbrechung Tag und Nacht; sie störten uns

aber nicht dabei, uns wenigstens die materielle Seite des Daseins

leidlich behaglich zu gestalten. Wir hatten ein Dach über uns, hatten

auch die Benutzung einer europäisch ausgestatteten Küche und führten

unsere gemeinsame Messe wie bisher in Neu-Moschi. Die eigenartigen

ostafrikanischen Verhältnisse bedingen es, daß der Europäer dort eine

nach europäischen Begriffen zahlreiche Bedienung hat. Auch jetzt im

Felde hatte fast jeder zwei eingeborene Boys, die das mitgeführte

Kochgerät und die Verpflegung verwalteten, vorzüglich kochten,

Brot buken, wuschen und auch dem Leben im Busch einen großen Teil

der Behaglichkeit verliehen, die man in Europa nur in Wohnhäusern

vorfindet. Ich habe diese Erleichterungen des Daseins mitten im

Busch so wenig wie möglich eingeschränkt mit Rücksicht auf Kräfte,

Gesundheit und Stimmung der Europäer. Wenn der Stab des Kommandos

trotzdem mehrfach Gebäude vorzog, so geschah dies weniger aus Gründen

der Bequemlichkeit, als zur Erleichterung des nun einmal notwendigen

Schreib- und Zeichenwesens.

Hier auf der Pflanzung Neu-Steglitz erreichte uns die überraschende

Nachricht, daß ein zweites Hilfsschiff mit Waffen, Munition -- dabei

auch mehrere tausend Schuß für die nunmehr an Land verwandten 10,5

~cm~-Königsberggeschütze -- und anderem Kriegsmaterial für uns im

Schutzgebiet angelangt war. Das Schiff war im äußersten Süden unserer

Küste in die Ssudibucht eingelaufen und hatte sofort begonnen, seine

Vorräte an Land zu schaffen. Trotz der großen Entfernung und der

ausschließlichen Verwendung von Trägern als Transportmittel ist die

Ladung für die Truppe in vollem Umfange nutzbar gemacht worden.

Dieses Ergebnis war bei den vielen feindlichen Schiffen, die unsere

Küste blockierten und absuchten, und denen das Einlaufen unseres

Hilfsschiffes bekannt war, erstaunlich. Aber auch den Engländern

wird unser Schiff Anlaß zum Erstaunen gegeben haben. Nachdem die

Ladung gelöscht war, lief es wieder aus und war zur nicht geringen

Überraschung des Feindes verschwunden. Wenn bei den auch in England

vorkommenden Neckereien zwischen Marine und Landtruppen den letzteren

vorgeworfen wurde, daß sie nicht mit uns fertig würden, so wurde die

Marine mit dem berechtigten Hinweise zum Schweigen gebracht, daß

sie den Deutschen nicht soviel Zufuhr an Waffen und Munition hätte

gestatten sollen.

Die Bestände des Hilfsschiffes gingen nun in der Hauptsache über

Land zur Zentralbahn und wurden an dieser oder in deren Nähe zur

Verfügung des Kommandos gestapelt. Bei unserem Mangel an geeigneter

Artillerie war es besonders willkommen, die mit dem Schiff gelandeten 4

Feldhaubitzen und 2 Gebirgsgeschütze schnell heranziehen zu können.

Das Hilfsschiff hatte auch Kriegsauszeichnungen mitgebracht: ein

Eisernes Kreuz 1. Klasse für den Kommandanten der „Königsberg“

und so viel 2. Klasse, daß die Hälfte ihrer Besatzung dekoriert

werden konnte. Für die Schutztruppe kam ein Eisernes Kreuz 1. und

eins 2. Klasse, die für mich bestimmt waren, außerdem eine Anzahl

Auszeichnungen für Askari; für die Europäer traf erst im September 1916

funkentelegraphisch die Nachricht ein, daß die Dekorationsvorschläge

des Kommandos genehmigt seien.

Dritter Abschnitt

Zurückweichen vor übermächtiger, feindlicher Bedrängung

In unserem Rücken war Major Fischer mit seinen zwischen dem

Kilimandjaro und Meru verwandten fünf Kompagnien vor der feindlichen

Übermacht nach Neu-Moschi ausgewichen und nach Kahe herangezogen

worden. Der ihm unterstellt gewesene Hauptmann Rothert war vor stark

nachdrängenden Truppen mit seiner Kompagnie und der etwa gleichfalls

kompagniestarken Abteilung Aruscha über Aruscha in der Richtung aus

Kondoa-Irangi ausgewichen. Verbindung mit ihm war erst nach längerer

Zeit über den Draht, der von Dodoma-Kondoa-Irangi nach Umbulu gebaut

war, zu erwarten. Unsere Preisgabe von Neu-Moschi gab notgedrungen

die Straße Taveta-Neu-Moschi-Aruscha dem Feinde frei. Dieser hatte

somit die Möglichkeit, auch mit seinen von Taveta kommenden Truppen

über Aruscha-Kondoa-Irangi in das Innere der Kolonie einzudringen

und unser Nachschubwesen hier an einer äußerst empfindlichen Stelle

zu treffen. Von uns, die wir in der Gegend von Kahe und Neu-Steglitz

versammelt waren, hatte er hierbei nicht allzuviel zu befürchten.

Gefährlich konnten wir ihm nur durch Angriff werden. Wenn wir nun auch

alle Kompagnien von Tanga herangezogen und nur die unumgänglich nötigen

Sicherungen dort zurückgelassen hatten, so konnten wir mit unseren 4000

Gewehren zwar den Feind im geeigneten Gelände anlaufen lassen, auch

wohl, wenn er Fehler machte, diese durch geschicktes und schnelles

Handeln ausnutzen, aber für mehr war das Kräfteverhältnis von 1 : 7

doch zu ungünstig. Von einem Angriff, der den nicht nur zahlenmäßig,

sondern auch an Bewaffnung stark überlegenen Feind noch dazu in

befestigten Stellungen vorfinden würde, konnte ich mir keinen Erfolg

versprechen. Den Bitten mehrerer Kompagnieführer, anzugreifen, habe ich

deshalb nicht nachgegeben. Aber dieser Ausdruck kühnen Soldatengeistes

hat mich in der schwierigen Lage, in der wir uns befanden, gestärkt

und gehoben. Kleinere Unternehmungen, die wir mit Patrouillen und

einzelnen Abteilungen gegen die feindlichen Lager unternahmen,

verliefen bedeutungslos, haben aber vielleicht dazu beigetragen, daß

der Feind uns mit seinen Hauptkräften beachtete und nicht einfach an

uns vorbeimarschierte. Von Himo schob er sich zwar weiter nach Westen

vor, und es wurden auch starke Staubwolken beobachtet, die bis nach

Neu-Moschi und weiter darüber hinaus nach Westen zogen. Ein großer

Teil des Feindes bog aber aus der Gegend von Himo auf uns ab. Für den

Führer sind solche Lagen außerordentlich spannend: man ist nicht Herr

der Lage und muß notgedrungen auf die Initiative verzichten. Nur die

allergenaueste Erkundung kann vielleicht eine Schwäche des Gegners

enthüllen, und um diese auszunutzen und von neuem die Initiative zu

gewinnen, darf keine Minute verloren werden. Glücklicherweise bot aber

der Feind Schwächen, die wenigstens teilweise ausgenutzt werden konnten.

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 10 / 30 段