etwa 100 Mann der „Möwe“ und in Usumbura etwa 100 Askari gesammelt;
außerdem verfügte er über einige in Kigoma eingezogene Europäer und
noch etwa 100 Askari der Posten von Urundi und aus Ruanda (Wintgens),
im ganzen also über etwa 400 Gewehre.
Oberleutnant zur See Horn von der „Möwe“ hatte am 22. August 1914 mit
dem kleinen armierten Dampfer „Hedwig von Wißmann“ ein erfolgreiches
Gefecht gegen den belgischen Dampfer „Delcommune“. Es stellte sich
aber später heraus, daß „Delcommune“ nicht völlig unbrauchbar
geworden war. Der Kommandant der „Möwe“, Korvettenkapitän Zimmer,
war nach Vernichtung seines im August 1914 gesprengten Schiffes mit
seiner Mannschaft nach Kigoma gefahren. Der Dampfer „Kingani“, der
von Daressalam mit der Bahn gleichfalls dorthin transportiert worden
war, sowie verschiedene kleinere Fahrzeuge auf dem Tanganjikasee
wurden dann armiert und durch Korvettenkapitän Zimmer in Dienst
gestellt. Auch setzte er ein 9 ~cm~-Schiffsgeschütz auf ein Floß
und beschoß eine Anzahl der belgischen Küstenstationen. Kigoma
selbst befestigte er stark und baute es zu einem Stützpunkt für die
Seekriegführung auf dem Tanganjikasee aus.
Die eine halbe Kompagnie starke Abteilung Bismarckburg warf im Verein
mit den armierten kleinen Dampfern „Hedwig von Wißmann“ und „Kingani“
am 20. November 1914 in der Bucht westlich Bismarckburg eine
belgische Kompagnie zurück, erbeutete vier 11 ~mm~-Maschinengewehre
sowie 150 ~km~ Telegraphendraht, der für die im militärischen
Interesse dringend notwendige Verlängerung der Linie Kilossa-Iringa
auf Neu-Langenburg zu verwandt wurde.
Anfang Oktober hatten Versuche, den bei Baraka auf der Kongoseite
liegenden belgischen Dampfer „Delcommune“ vollends zu zerstören,
nicht zum Erfolg geführt. Seit der nochmaligen Beschießung am
23. Oktober sah Kapitän Zimmer „Delcommune“ als erledigt an. Die
Besatzung von „Hedwig von Wißmann“ überraschte am 27. Februar
1915 einen belgischen Posten bei Tembwe und erbeutete dessen
Maschinengewehr. Ein belgischer Offizier und 10 Askari fielen, ein
schwer verwundeter belgischer Offizier und ein Engländer wurden
gefangen. Bei uns fiel ein Askari, ein Europäer wurde tödlich, ein
Askari schwer verwundet.
Im März 1915 nahmen die Belgier in Ubwari, dessen Bewohner sich
deutsch-freundlich gezeigt hatten, Massenverhaftungen vor und hängten
eine Anzahl Leute auf.
Nach aufgefangenen Funksprüchen sind im Juni auf dem Tanganjika
mehrere belgische Walfischboote fertiggestellt gewesen; an einem
neuen belgischen Dampfer, dem „Baron Dhanis“, wurde gearbeitet.
Deutscherseits wurde am 9. Juni 1915 Dampfer „Goetzen“ fertiggestellt
und von der Truppe übernommen. Er hat bei den Truppenverschiebungen
auf dem Tanganjika wertvolle Dienste geleistet. Bei Bismarckburg war
die dortige Polizeitruppe unter dem tüchtigen Verwalter des Bezirks,
Lt. d. Res. Haun, zur Schutztruppe übergetreten. Es kam zu kleineren
Scharmützeln auf feindlichem Gebiet, und auch hier gelang es, den
Feind im wesentlichen fernzuhalten.
Erst Anfang Februar 1915 rückten mehrere hundert feindliche Askari
in Abercorn ein, und Teile derselben drangen bis in die Gegend der
Mission Mwasye vor, zogen dann aber wieder ab.
Mitte März wurde dann die Truppe unter Lt. d. Res. Haun am Kitoberge
durch eine englisch-belgische Abteilung im Lager überfallen. Lt.
Haun geriet schwer verwundet in Gefangenschaft und mehrere Askari
fielen. Oberleutnant Aumann wurde mit einer Abteilung, die später
als Kompagnie formiert wurde, von Hauptmann Falkenstein, dem Führer
der 5. Feldkompagnie (Langenburg), abgezweigt und deckte in der
Gegend von Mbozi die deutsche Grenze. Dort waren im Februar 1915
mehrfach mehrere hundert Mann starke Abteilungen in deutsches Gebiet
eingedrungen; Ende März wurden in Karonga Europäer in unbekannter
Zahl, in Fife und in anderen Orten der Grenze etwa 800 Mann gemeldet.
Der Feind schien also einen Angriff vorzubereiten. Er streifte
bis in die Gegend von Itaka vor, und Anfang April wurde Kituta am
Südende des Tanganjikasees als von den Belgiern verschanzt gemeldet.
Major von Langenn, der nach Wiederherstellung von seiner schweren
Verwundung -- er hatte ein Auge verloren -- am Russissi tätig
war, wurde mit der Führung der Operationen in dem ihm bekannten
Gebiet Bismarckburg-Langenburg betraut. Außer seiner früheren 5.
Feldkompagnie, die bei Ipyana und in der Gegend von Mbozi stand,
wurden ihm hierzu die etwa kompagniestarke Abteilung Bismarckburg
und drei Kompagnien unterstellt, die von Kigoma und Daressalam
herangezogen wurden. Während des Seetransportes nach Bismarckburg
fanden östlich dieses Ortes einige erfolgreiche Zusammenstöße
unserer Patrouillen gegen 50 bis 250 Mann starke feindliche
Streifabteilungen statt.
Major von Langenn hatte am 7. Mai 1915 4 Kompagnien bei Mwasye
versammelt, eine gegenüberstehende belgische Abteilung ging zurück.
Am 23. Mai warf Patrouille Oberleutnant von Debschitz eine belgische
Kompagnie zurück, von der 2 Europäer, 6 Askari fielen. Am 24. Mai
erging Befehl an Langenn, mit 3 Kompagnien nach Neu-Langenburg gegen
den dort als bevorstehend gemeldeten Angriff abzurücken. Den Befehl
in Gegend Bismarckburg übernahm General Wahle. Dieser traf am 6. Juni
in Kigoma ein und sammelte bei Bismarckburg die als 29. Feldkompagnie
formierte Abteilung Bismarckburg und die von Daressalam herangezogene
24. Feldkompagnie und halbe Europäerkompagnie.
Am 28. Juni griff General Wahle mit 2½ Kompagnien die Farm
Jericho an, brach aber das Gefecht ab, als er erkannte, daß die
feste Stellung ohne Artillerie nicht zu nehmen sei. Bei uns fielen 3
Europäer, 4 Askari, verwundet wurden 2 Europäer, 22 Askari. General
Wahle wurde durch 2 Kompagnien von Langenburg her verstärkt.
Seit dem 25. Juli 1915 belagerte General Wahle mit 4 Kompagnien und
2 Geschützen ~C~/73 den bei Jericho stark befestigten Gegner. Von
Abercorn aus unternommene Entsatzversuche wurden abgeschlagen, am 2.
August 1915 aber die Belagerung aufgehoben, da mit der vorhandenen
Artillerie eine Wirkung nicht zu erzielen war. General Wahle fuhr
mit 3 Kompagnien zurück nach Daressalam. Die 29. Kompagnie blieb bei
Jericho, die 2 Geschütze in Kigoma.
Am 19. Juni war durch „Goetzen“ der bei Kituta auf Strand liegende
Dampfer „Cecil Rhodes“ abgeschleppt und versenkt worden.
Während des September und Oktober kam es nun zu dauernden
Patrouillengefechten an der Grenze von Bismarckburg; bei Abercorn
drangen wieder belgische Verstärkungen ein. Am 3. Dezember wurde
bemerkt, daß die Befestigungen von Jericho verlassen und geschleift
waren. Ein neues, nordöstlich Abercorn erbautes Fort beschoß
Oberleutnant Franken am 6. Dezember mit 100 Gewehren und einem
Maschinengewehr und brachte dem Feinde dabei anscheinend Verluste bei.
Die englische Marineexpedition, deren Anmarsch über
Bukama-Elisabethville seit langem beobachtet wurde, hatte am 22.
Oktober 1915 die Lukugabahn erreicht. Die aufgefangenen Notizen, daß
für die Deutschen eine Überraschung auf dem Tanganjika vorbereitet
würde, brachten mich auf den Gedanken, daß wir hier mit besonders
konstruierten kleinen Fahrzeugen, die vielleicht mit Torpedos
ausgerüstet wären, zu rechnen haben würden. Es handelte sich also um
eine sehr ernst zu nehmende Gefährdung unserer Herrschaft auf dem
Tanganjika, die auf unsere gesamte Kriegführung von ausschlaggebendem
Einfluß sein konnte. Die gleichzeitig mit diesen Vorbereitungen
stattfindenden feindlichen Truppenverschiebungen in der Richtung
auf den Kiwusee und auf Abercorn zu bewiesen, daß Hand in Hand
eine beabsichtigte Landoffensive gehen sollte. Um hierbei den
Feind möglichst noch während seiner Versammlung zu schlagen, griff
Hauptmann Schulz am 27. September 1915 bei Luwungi die Belgier an und
brachte ihnen schwere Verluste bei.
Der Dampfer „Kingani“ überfiel in der Nacht vom 28. Oktober eine
belgische Telegraphenbaukolonne und machte einige Beute. In der
Lukugamündung wurde ein fahrender Eisenbahnzug festgestellt.
„Kingani“ kehrte von einer Erkundungsfahrt zur Lukugamündung nicht
zurück und war nach einem belgischen Funkspruch vom 31. Dezember
verlorengegangen. Vier Europäer, acht Farbige sollen tot, der Rest
gefangen sein. Augenscheinlich war der günstige Zeitpunkt, die
feindlichen Vorbereitungen zur Herrschaft auf dem Tanganjika zu
stören, verstrichen.
Am 9. Februar 1916 wurde dann noch einer unserer armierten Dampfer
durch den Feind genommen.
Auf dem Nyassasee war der deutsche Dampfer „Hermann von Wißmann“, der
vom Ausbruch des Krieges nichts wußte, am 13. August 1914 von dem
englischen Regierungsdampfer „Gwendolin“ überrascht und fortgenommen
worden.
Hauptmann von Langenn war mit seiner in Massoko bei Neu-Langenburg
stehenden 5. Feldkompagnie am 9. September 1914 gegen die englische
Station Karonga vorgegangen. Beim Kampfe gegen die in fester Stellung
befindlichen Engländer wurde Hauptmann von Langenn selbst schwer
verwundet. Die beiden Kompagnieoffiziere gerieten, gleichfalls
schwer verwundet, in englische Gefangenschaft. Die deutschen
Unteroffiziere und die Askari schlugen sich sehr brav, mußten
aber doch einsehen, daß sie gegen die Schanzen des Feindes nichts
ausrichten konnten und brachen deshalb das aussichtslose Gefecht
ab. Über 20 Askari waren gefallen, mehrere Maschinengewehre und
leichte Geschütze verlorengegangen. Aus Iringa und Ubena trafen nun
umgehend Verstärkungen der 2. Kompagnie ein; auch mehrere hundert
Wahehehilfskrieger wurden aufgeboten. Nach und nach stellte sich
heraus, daß der Feind auch starke Verluste erlitten hatte. Er hütete
sich vor größeren Unternehmungen gegen den Bezirk Langenburg, so
daß dieses fruchtbare, für uns so wichtige Verpflegungsgebiet uns
anderthalb Jahre lang erhalten blieb.
Später rückte unsere 5. Kompagnie bei Langenburg mit ihrem Hauptteil
wieder näher an die Grenze zur Mission Ipyana vor. Am 2. November
1915 fand am Lusirafluß ein Vorpostengefecht statt und dem Dampfer
„Gwendolin“ auf dem Nyassasee wurden einige Geschütztreffer
beigebracht.
Anfang Dezember 1914 fanden nördlich Karonga, am Ssongwefluß,
Patrouillenzusammenstöße statt. Oberarzt ~Dr.~ Gothein, der Anfang
Mai 1915 aus englischer Gefangenschaft zurückgeliefert worden
war, erzählte, daß in dem ersten Gefecht bei Karonga, am 9.
September 1914, der Feind an Toten 6 Europäer und 50 Askari, an
Schwerverwundeten 7 Europäer und über 50 Askari verloren hatte.
Die Engländer unterhielten eine rege Spionage, besonders durch den
„Wali“, einen eingeborenen Verwaltungsbeamten am Ssongwe.
An der Grenze kam es im Mai 1915 zu einigen für uns günstigen
Überfällen. Die Regenzeit verzögerte sich, so daß der südliche
Teil des Bezirkes Langenburg bis Ende Juni gegen einen Angriff als
geschützt gelten konnte.
Im Juni 1915, als Major von Langenn mit seinen Verstärkungen
eingetroffen war, kam es entgegen der Erwartung zu keinen größeren
Gefechten. Die Zeit wurde benutzt, um auf englischem Gebiet einen
Telegraphen ab- und auf deutschem Gebiet in Richtung auf Ubena
wieder aufzubauen. Auch im August bewahrheitete sich die Nachricht
von einem geplanten feindlichen Angriff nicht. Am 8. Oktober erst
trafen stärkere feindliche Truppen, Europäer und Askari, in Fife ein.
Auch an dieser Grenze kam es zu zahlreichen kleinen Scharmützeln.
Gegen Ende des Jahres wurde das Eintreffen neuer Verstärkungen auch
bei Ikawa festgestellt. Hauptmann Aumann wies am 23. Dezember 1915
dort den Überfall einer feindlichen Abteilung von etwa 60 Europäern
und zwei Maschinengewehren ab.
Am Njassasee kam es nur zu unbedeutenden Zusammenstößen. Am 30. Mai
landeten die Engländer bei Sphinx-Hafen 30 Europäer, 200 Askari mit
zwei Geschützen und zwei Maschinengewehren. Sie erlitten durch unsere
13 Gewehre und ein Maschinengewehr anscheinend über 20 Mann Verluste
und fuhren nach Zerstörung des Wracks des „Hermann von Wißmann“ ab.
[Illustration: Askarikopf]
Zweites Buch
Der konzentrische Angriff der Übermacht
(Vom Eintreffen der südafrikanischen Truppen bis zum Verlust der
Kolonie)
[Illustration: Safari]
Erster Abschnitt
Feindlicher Vorstoß am Oldoroboberge[4]
Östlich des Oldorobo zeigte der Feind nun mehrfach stärkere
Truppenmassen von 1000 und mehr Mann, die sich auf weiter Entfernung
gegen den Berg entwickelten, aber nicht herankamen. Es waren also
Übungen, durch welche die jungen südafrikanischen Europäertruppen für
die Bewegungen und den Kampf im Pori ausgebildet werden sollten. Anfang
Februar ging der Feind mit mehreren Regimentern von Osten her gegen den
Oldorobo vor. Für uns war es erwünscht, wenn er dort so fest anbiß,
daß er nicht wieder fortkommen konnte; es bestand die Hoffnung, ihn
dann durch einen Gegenangriff mit der bei Taveta lagernden Abteilung
des Hauptmann Schulz zu schlagen. Andere, mehrere Kompagnien starke
deutsche Abteilungen standen westlich von Taveta an der Straße nach
Neu-Moschi und an der nach Kahe, bei der Pflanzung Neu-Steglitz.
Am 12. Februar ging wiederum ein auf mehrere Regimenter geschätzter
europäischer Gegner bis auf 300 ~m~ gegen den Oldorobo vor. Das
Kommando in Neu-Moschi war in dauernder telephonischer Verbindung mit
Major Kraut, hielt nun den günstigen Augenblick für gekommen und gab
Befehl zur Feuereröffnung. Die Wirkung unserer Maschinengewehre und
unserer 2 leichten Geschütze war als gut gemeldet worden, als das
Kommando im Automobil Neu-Moschi verließ, um sich auf das Gefechtsfeld
zu begeben. Abteilung Schulz erhielt Befehl, von Taveta aus hinter
der Abteilung Kraut, gedeckt gegen das Feuer der feindlichen schweren
Artillerie, entlang zu marschieren und den feindlichen rechten
(nördlichen) Flügel entscheidend anzugreifen. Die bei Neu-Steglitz
stehenden Truppen rückten nach Taveta vor. Es lagen einige wilde
Meldungen vor über feindliche Panzerautomobile, die durch die
Buschsteppe fahren sollten. Die Phantasie der Farbigen, denen diese
Panzerautomobile etwas ganz Neues und Überraschendes waren, hatte
die Leute Gespenster sehen lassen. Am Oldorobo angekommen, wurde das
Kommando telephonisch orientiert, daß der Feind, der gegen unsere stark
verschanzte Front vorgegangen war, mit schweren Verlusten abgewiesen
worden war, und daß Abteilung Schulz voll entwickelt gegen seine rechte
Flanke vorging. Die zahlreichen in unsere Stellung auf dem Oldorobo
einschlagenden Geschosse der englischen Haubitzen taten fast keinen
Schaden, obgleich sie recht gut lagen. Dem großen Munitionsaufwande der
feindlichen Artillerie gegenüber mußten sich unsere leichten Geschütze
darauf beschränken, besonders günstige Ziele auszunützen, nicht nur,
weil die Munition knapp war, sondern auch, weil wir keine Schrapnelle
hatten. Der Feind ging in Auflösung durch das Pori zurück. Über 60
Europäer wurden durch uns beerdigt. Nach Gefangenenaussagen und nach
den erbeuteten Papieren waren drei Regimenter der 2. südafrikanischen
Infanteriebrigade im Gefecht gewesen. Es war also den Engländern
tatsächlich gelungen, die militärischen Kräfte der südafrikanischen
Union für ihre imperialistischen Ziele nutzbar zu machen; nach
erbeuteten Papieren scheint die Aussicht auf Pflanzungen und Farmen bei
der Anwerbung der Leute als Zugmittel benutzt zu sein. Die plötzliche
Erkrankung des zur Übernahme des Oberbefehls in Ostafrika schon auf
der Ausreise befindlichen britischen Generals Smith-Dorrien dürfte
den Engländern nicht ungelegen gekommen sein; denn die Übertragung
des Oberbefehls an einen Südafrikaner, den General Smuts, hat auf die
Werbung einen günstigen Einfluß ausgeübt. Die Ausbildung dieser neu
geschaffenen Verbände war gering, und es war an dem Verhalten der
vielfach sehr jugendlichen Europäer zu erkennen, daß viele noch niemals
an einem ernsthaften Kampf teilgenommen hatten. Nach dem Gefecht am
Oldorobo beobachteten wir aber, wie der Feind die Lücken in seiner
Ausbildung sehr gründlich zu verbessern suchte.
Trotz dem Nachdrücken durch die Abteilung Schulz und mehrfachen
Beschießen sich sammelnder feindlicher Abteilungen entkam bei der
Schwierigkeit und Unübersichtlichkeit des Geländes der Feind noch in
seine befestigten Lager.
Interessant war es, daß in mehreren aufgefundenen Tagebüchern
der ausdrückliche Befehl (~order~) verzeichnet stand, daß keine
Gefangenen gemacht werden sollten. Tatsächlich hatte der Feind ja
auch keine gemacht, aber es schien doch angezeigt, an den britischen
Befehlshaber eine Anfrage zu richten, damit wir unser Verhalten den
englischen Gefangenen gegenüber danach einrichten konnten. Es liegt
kein Grund vor, die Mitteilung des Brigadegenerals Malleson, daß ein
solcher Befehl nicht gegeben sei, in Zweifel zu ziehen; dieser und
manche spätere Fälle zeigen aber, was für ein Unsinn in den privaten
Tagebüchern steht. Es ist deshalb verkehrt, wenn der Feind deutsche
Aufzeichnungen, die in seine Hände fielen, ohne eingehende Prüfung für
Ernst nehmen will.
Zu dieser Zeit waren auch die feindlichen Truppen auf dem Longidoberg
erheblich verstärkt worden. Dieser Berg, der von dem Feinde
wahrscheinlich aus Nachschubschwierigkeiten geräumt worden war,
wurde neuerdings wieder von ihm besetzt. Unsere Patrouillen hatten
den dicht bewachsenen Felsen mehrfach erstiegen und die feindlichen
Lager aus nächster Nähe beobachtet. Wenn es an sich schon schwer ist,
Truppenzahlen richtig einzuschätzen, so ist das in dem buschigen
Gelände, wo immer nur wenige Leute gleichzeitig zu sehen sind, und
wo das Bild sich dauernd ändert, ganz unmöglich. Die Angaben von
Eingeborenen waren zu ungenau. Aber allgemein mußte aus der Gesamtlage
sowie aus der Steigerung des Nachschubes, der andauernd mit Ochsenwagen
zum Longido vom Norden her gebracht wurde, geschlossen werden, daß der
Feind sich erheblich verstärkte.
Seine Streifzüge in das Kilimandjarogebiet waren blutig abgewiesen
worden. Als eine Eskadron von indischen Lancers zwischen Kilimandjaro
und Meruberg hindurch sich nach Süden vorbewegte, wurde sie von einer
unserer berittenen Patrouillen unter Oberleutnant Freiherrn von Lyncker
sogleich energisch angegriffen. Unsere Askari, die den hohen Wert
von Reittieren für unsere Kriegführung begriffen hatten, stürzten
sich mit dem Ruf: „~Wahindi kamata frasi~“ (Es sind Inder, fangt die
Pferde) auf den abgesessenen Feind. Dieser war so überrascht durch
die Schnelligkeit unserer Leute, daß er in wilder Flucht davonlief
und einen Teil seiner Pferde stehenließ. Unter anderem war der brave
europäische Führer tot liegengeblieben; es war ihm nicht gelungen, die
Kopflosigkeit seiner Leute zu verhindern.
Ich möchte überhaupt betonen, daß in dieser ersten Zeit des Krieges das
Verhalten der britischen Berufsoffiziere durchweg ein ritterliches war,
und daß die Achtung, die sie uns zollten, voll erwidert wurde. Aber
auch unsere Askari gewannen durch ihr braves Verhalten im Gefecht und
durch ihre Menschlichkeit die Achtung des Feindes. Der schwerverwundete
englische Oberleutnant Barrett fiel am 10. März in die Hände unserer
Askari; auf Grund falscher Schilderungen glaubte er, daß seine letzte
Minute gekommen sei, und war erstaunt, als unsere Askari, bei denen
sich kein Europäer befand, ihn so gut es ging verbanden und zum Arzt
trugen. Verwundert äußerte er: „Ihre Askari sind ja Gentlemen.“ Bis
zu welchem Maße die Vorstellung der englischen Soldaten irregeleitet
war, zeigte mir am 12. Februar ein junger am Oldorobo gefangener
Südafrikaner, der fragte, ob er nun erschossen werden würde. Wir
lachten ihn natürlich aus. Gewiß kommen in einem langen Kriege Fälle
von Roheit und Unmenschlichkeit vor. Das ist aber auf beiden Seiten der
Fall und darf nicht, wie es von der englischen Presse geschehen ist,
verallgemeinert und zu einer unwürdigen Hetze ausgenutzt werden.
[4] Skizze IV.
Zweiter Abschnitt
Vorrücken des Feindes und Kampf bei Reata
In jener Zeit wurden nun die ersten feindlichen Späherpatrouillen
beobachtet und teilweise auch festgenommen. Es waren dies „Schensi“
(harmlos erscheinende Eingeborene), welche als Zeichen, daß sie
das Objekt ihres Auftrages wirklich erreicht hatten, bestimmte
Gegenstände, z. B. Teile vom Bahnkörper der Usambarabahn, mitbringen
mußten. Das Gesamtbild, das man sich zu machen hatte, zeigte, daß der
Feind das Gebiet der Usambarabahn und die Anmarschwege zu derselben
eingehend erkundete. Ein Blick auf die Karte lehrt nun folgendes. Ein
gleichzeitiges Vordringen des Feindes vom Oldorobo und Longido her in
Richtung auf Neu-Moschi mußte den Verlust des wirtschaftlich wertvollen
Kilimandjarogebietes zur Folge haben. Wenn wir aber vor einem
überlegenen Feind auf unsere Hauptnachschublinie allmählich ausweichen
wollten, so führte dies zu einer Bewegung unserer Hauptkräfte längs der
Usambarabahn, also fast spitzwinklig zu der Richtung eines vom Oldorobo
her erfolgenden Angriffes. Die Gefahr für uns, von dieser unserer
Hauptnachschublinie durch den Feind abgeschnitten zu werden, war sehr
groß. Ging der Feind nördlich des Djipesees vor, so war er in seiner
Bewegungsfreiheit beschränkt durch den Kilimandjaro und das Steilmassiv
des Nordparegebirges. Es ist klar, daß dann sein Vordrücken unmittelbar
gegen Kahe für uns am unangenehmsten war und, wenn erfolgreich,
unsere rückwärtige Verbindung, die Usambarabahn, durchschnitt. Noch
bedenklicher aber war es für uns, wenn der Feind südlich des Djipesees
durch das Tal vordrückte, welches zwischen Nordpare und Mittelpare
südlich Lembeni an die Nordbahn heranführte. Schließlich konnte er
auch zwischen Mittelpare und Südpare durch das Tal bei Same die Bahn
erreichen. Beim Anmarsch aus Lembeni und Same konnte der Feind sich
schnell und streckenweise ohne Vorbereitungen auf freier Ebene einen
brauchbaren Weg für seine Kraftfahrzeuge schaffen und auf diese seine
Unternehmungen basieren.
Bei unserer geringen Truppenzahl in der Gegend des Kilimandjaro --
etwa 4000 Gewehre -- war es unmöglich, die Streitkräfte zur Sicherung
gegen diese verschiedenen Anmarschmöglichkeiten zu zersplittern. Schon
aus rein defensiven Gründen mußten wir die Kräfte zusammenhalten und
dicht am Feinde bleiben, um ihn dort festzuhalten, wo wir waren,
und hierdurch seine Bewegungen zu überwachen. Ob es glücken würde,
die beiden aus Richtung Longido und Makatau im Vormarsch gegen das
Kilimandjarogebiet zu erwartenden Hauptgruppen des Feindes, deren jede
allein uns erheblich überlegen war, nacheinander einzeln zu schlagen,
war von Anfang an sehr fraglich. Eine Aussicht hierzu bot sich nur,
wenn unsere Truppen blitzartig erst gegen die eine und dann ebenso
schnell gegen die andere feindliche Gruppe bewegt werden konnten. Die
Vorbereitungen hierzu wurden getroffen, und auf Grund persönlicher
Erkundung wurden eine Anzahl Kolonnenwege, die mit Namen und
Bezeichnungen versehen waren, in dem zerklüfteten Waldgelände nördlich
der großen Straße festgelegt, die von Neu-Moschi nach Westen führt.
Zur Benutzung dieser Wege in größerem Umfange ist es nicht gekommen.
Man durfte sich eben nicht scheuen, eine Sache neunundneunzigmal
vergeblich zu versuchen, wenn das hundertste Mal Aussicht auf Gelingen
bot. Mit der Befolgung dieses Grundsatzes sind wir nicht schlecht
gefahren.