Durch Abgabe der in den Schützenkompagnien zahlreich vorhandenen
Europäer an die Askarikompagnien wurde deren Abgang an Europäern
gedeckt; Askari wurden in die Schützenkompagnien eingestellt. So wurden
Feld- und Schützenkompagnien in ihrem Bestande gleichartiger und im
Laufe des Jahres 1915 einheitlich. In Muansa, Kigoma, Bismarckburg,
Lindi, Langenburg und an anderen Orten hatten sich unter den
verschiedensten Bezeichnungen kleinere Truppenverbände gebildet, von
deren Bestehen das Kommando meist erst nach längerer Zeit Kenntnis
erhielt. Auch diese Formationen wurden allmählich zu Kompagnien
ausgebaut; so erhöhte sich im Laufe des Jahres 1915 nach und nach die
Zahl der Feldkompagnien auf 30, der Schützenkompagnien auf 10, die
anderer Verbände von Kompagniestärke auf etwa 20; im ganzen wurde so
die Höchstzahl von 60 Kompagnien erreicht. Bei der begrenzten Zahl
von geeigneten Europäern und zuverlässigen Askarichargen war es nicht
angezeigt, die Zahl der Kompagnien noch weiter zu erhöhen; es wären
dann nur Verbände ohne inneren Halt ins Leben getreten.
[Illustration: Verpflegung bringende Weiber]
Um trotzdem die Gesamtzahl der Streiter zu steigern, wurde der Etat der
Kompagnien von 160 auf 200 Askari erhöht und den Kompagnien gestattet,
über diesen Etat hinaus Askari einzustellen. Die Kompagnien bildeten
ihre Rekruten zum Teil selbst aus. Die große Masse des Nachschubs an
Askari kam aber aus den in den bevölkerten Gebieten von Tabora, Muansa
und an der Nordbahn eingerichteten Rekrutendepots, die zugleich die
lokale Sicherung und Ordnung aufrechterhielten. Bei der großen Zahl der
neu aufgestellten Kompagnien war es für die Rekrutendepots aber nicht
möglich, so viel Nachschub zu liefern, daß bei den Kompagnien durchweg
der Etat von 200 Mann erreicht wurde. Die erreichte Höchstzahl der
Truppe betrug Ende 1915 2998 Europäer und 11300 Askari, einschließlich
Marinepersonal, Verwaltungsbehörden, Lazarette und Feldpost.
Wie notwendig alle diese kriegerischen Vorbereitungen waren, bewies die
Ende Juni 1915 eintreffende Nachricht, daß aus Südafrika der General
Botha mit 15000 Buren auf dem Kriegsschauplatz in Ostafrika eintreffen
würde. Dieser Nachricht mußte von Anfang an große Wahrscheinlichkeit
zugesprochen werden. Die lückenhaften Funksprüche und die wenigen
Mitteilungen über die Vorgänge in der Außenwelt hatten erkennen lassen,
daß die Verhältnisse in Südwest-Afrika für uns ungünstig standen, und
daß die dort verwandten britischen Truppen wahrscheinlich in nächster
Zeit anderweitig verfügbar werden würden.
Achter Abschnitt
In Erwartung der großen Offensive. Energische Ausnutzung der noch zur
Verfügung stehenden Zeit
Zunächst allerdings schien sich dieses erwartete Eingreifen der
Südafrikaner nicht zu bestätigen; offenbar versuchte der Engländer
uns ohne deren Mithilfe mit eigenen Kräften niederzuringen. Im Juli
1915 griff er die Kolonie an verschiedenen Stellen an. Östlich des
Viktoriasees erschienen große von Engländern organisierte und geführte
Masaibanden, angeblich viele Tausende, die in die viehreichen Gebiete
der deutschen Wassukuma, östlich des Viktoriasees, einfielen. Im Punkte
des Viehraubes verstanden die Wassukuma aber keinen Spaß, sondern
leisteten unseren schwachen Posten jede Hilfe, schlugen die Massai,
nahmen ihnen das geraubte Vieh wieder fort, und zum Zeichen, daß sie
„wahr gesprochen“ hatten, legten sie 96 abgeschnittene Masaiköpfe vor
unserer Polizeistation nieder.
Gegen den Hauptteil der Truppe im Kilimandjarogebiet ging der Feind
mit erheblichen Kräften vor. Um einerseits eine wirksame Sicherung der
Usambarabahn und ihrer reichen Pflanzungsgebiete durchzuführen und
andererseits den Weg der Patrouillen zur Ugandabahn abzukürzen, war
von Taveta aus eine Abteilung von 3 Kompagnien, bis Mbujuni, einen
starken Tagesmarsch östlich Taveta, vorgeschoben worden. Einen weiteren
Tagesmarsch östlich lag das gut besetzte und befestigte englische Lager
Makatau, an der Hauptstraße, die von Moschi über Taveta, Mbujuni,
Makatau, Bura nach Voi an der Ugandabahn führt. Dunkle Gerüchte hatten
vermuten lassen, daß von Voi her eine neue größere Unternehmung in
Richtung auf den Kilimandjaro zu erwarten stand.
Am 14. Juli erschien eine feindliche Brigade unter General Malleson
in der im allgemeinen lichten Dornbuschsteppe von Makatau. Das Feuer
einer Feldbatterie, das sich gegen die Schützengräben unserer Askari
richtete, war ziemlich wirkungslos, aber die feindliche Überlegenheit
von 7 : 1 war doch so erheblich, daß unsere Lage kritisch wurde.
Feindliche berittene Europäer umfaßten den linken Flügel der Unsrigen,
und es ist das Verdienst des leider später gefallenen Oberleutnant
d. Ldw. Steinhäuser, daß er mit der braven, aus den Gefechten in
der Gegend des Longido bewährten 10. Feldkompagnie nicht wich,
obgleich die Unsrigen seitwärts der Kompagnie zurückgingen. Gerade im
kritischen Moment kam die Patrouille des gleichfalls später gefallenen
Oberleutnants von Lewinsky, die auf den Gefechtslärm sogleich
losmarschiert war, der gefährlichen feindlichen Umfassung in den
Rücken und lähmte sie völlig. Die englischen Truppen, mit Europäern
und Indern durchsetzte Askari, waren sehr brav in dem wenig Deckung
bietenden Gelände gegen unsere Front vorgegangen. Das Scheitern der
englischen Umfassung aber besiegelte ihre Niederlage. Auf dem Bahnhof
in Moschi wurde ich von dem Fortgang des Gefechtes telephonisch genau
unterrichtet und habe so aus der Entfernung alle Spannungen von dem
zunächst ungünstigen Stande bis zum vollen Erfolge miterlebt.
Dieser und die erhebliche Beute steigerten die Unternehmungslust
unserer Europäer und Askari von neuem. Gestützt auf die bisherigen
Erfahrungen und die erlangte Gewandtheit folgte jetzt recht eigentlich
die Zeit unausgesetzter Kampf- und Sprengpatrouillen. Ich glaube in
der Zahl nicht zu hoch zu greifen, wenn ich annehme, daß mindestens 20
englische Eisenbahnzüge zerstört oder wenigstens erheblich beschädigt
worden sind.
Aufgefundene Photographien und eigene Beobachtungen bestätigten die
Vermutung, daß tatsächlich eine Bahn von Voi nach Makatau gebaut
wurde, welche wegen ihrer guten Erreichbarkeit und ihrer Bedeutung
ein wundervolles Objekt für unsere Patrouillen bot. Der Bau dieser
Kriegsbahn bewies, daß ein Angriff mit großen Truppen, und zwar an
dieser Stelle des Gebietes des Kilimandjaro, vorbereitet wurde. Das
erwartete Eingreifen der Südafrikaner stand also bevor. Es galt, den
Feind in dieser seiner Absicht zu bestärken, damit die Südafrikaner
auch wirklich, und zwar in recht großer Zahl, kamen und von anderen,
wichtigeren Kriegsschauplätzen ferngehalten wurden. Mit äußerster
Anstrengung wurden deshalb die Unternehmungen gegen die Ugandabahn,
die nach Lage der Verhältnisse auch jetzt noch im wesentlichen nur
in Patrouillenunternehmungen, nur ausnahmsweise in Vorstößen ganzer
Kompagnien bestehen konnten, betrieben.
Die nähere Bekanntschaft mit dem Steppengebiet zwischen Ugandabahn und
deutsch-englischer Grenze hatte ergeben, daß von den verschiedenen
aus der Ebene schroff aufsteigenden Gebirgsstöcken das Massiv des
Kasigao wasserreich und leidlich besiedelt war. Bei der Entfernung
von nur 20 bis 30 ~km~ von der Ugandabahn mußte der Kasigao einen
günstig gelegenen Rückhalt für Patrouillenunternehmungen bilden.
Schon die Patrouille des Oberleutnants Freiherrn Grote hatte einen
Handstreich gegen das auf halber Höhe des Berges gelegene kleine
englisch-indische Lager ausgeführt. Die Schützen der Patrouille Grote
hatten das von einer Steinmauer umgebene Lager umstellt und schossen
von dem überhöhenden Teil des Berges wirkungsvoll in das Lager hinein.
Sehr bald zeigte der Feind die weiße Flagge, und ein englischer
Offizier und einige 30 Inder ergaben sich. Einem Teil des Feindes war
es gelungen, auf den Berg zu entkommen und unsere Patrouillen beim
Abrücken zu beschießen. Hierbei traten für uns die einzigen Verluste
ein, in einigen Verwundeten bestehend, unter ihnen ein deutscher
Sanitätsunteroffizier. Auch durch das Feuer eines 6 ~cm~-Geschützes war
die feindliche Postierung am Kasigao gelegentlich überrascht worden.
Gegen Ende des Jahres 1915 wurde der Feind am Kasigao, der sein
Lager inzwischen verlegt hatte, erneut angegriffen. Eine deutsche
Kampfpatrouille hatte unter Oberleutnant von Ruckteschell die Nacht
durch in 9 Stunden den steilen Berg erstiegen und war ziemlich
erschöpft in der Nähe der feindlichen Verschanzung angelangt. Eine
zweite, mit der Patrouille Ruckteschell gemeinsam handelnde Patrouille
unter Oberleutnant Freiherrn Grote war infolge von Erkrankung und
Erschöpfung dieses Offiziers etwas zurückgeblieben. Oberleutnant von
Ruckteschell schickte eine zuverlässige alte farbige Charge zum Feinde
und ließ ihn zur Übergabe auffordern. Er beobachtete, daß unser Askari
beim Feinde sehr herzlich bewillkommnet wurde; er hatte dort unter den
englischen Askari eine Anzahl guter Bekannter getroffen. Der Feind
lehnte aber trotz aller Freundlichkeit die Übergabe ab. Für uns war die
Lage infolge großer Erschöpfung und Mangels an Verpflegung kritisch.
Wenn überhaupt etwas unternommen werden sollte, mußte sofort gehandelt
werden. Glücklicherweise hielt der Feind in seinen Verschanzungen
unserem Maschinengewehrfeuer und dem unmittelbar darauf ansetzenden
Ansturm nicht stand, er wurde aufgerieben und ein großer Teil seiner
fliehenden Leute zerschellte beim Herabstürzen von den steilen Felsen.
Bei der Beute befand sich außer reichlicher Verpflegung auch Bekleidung
und wertvolles Zeltgerät. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das unsere
Askari uns Deutschen gegenüber empfanden und das durch die zahlreichen
gemeinsamen Unternehmungen mächtig entwickelt wurde, führte bei
dieser Gelegenheit zu einer eigenartigen Szene. Nach der nächtlichen
Ersteigung des Kasigao, die über Felsklippen und Dorngestrüpp ging,
bemerkte ein Askari, daß Oberleutnant v. Ruckteschell sich das
Gesicht blutig gerissen hatte. Sogleich nahm er seinen Strumpf, den er
wohl 6 Tage nicht gewechselt hatte, und wischte damit seinem „Bwana
Oberleutnant“ das Gesicht ab. Dessen etwas erstaunter Frage kam er mit
den Worten zuvor: „Das ist Kriegssitte, so etwas tut man nur seinen
Freunden.“
Ich hatte mich, um mich selbst über die Verhältnisse an Ort und
Stelle zu orientieren und die Unternehmungen gegen den Kasigao zu
beschleunigen, mit der Bahn nach Same, von dort im Auto nach der
Mission Gonja und dann mit dem Fahrrad oder zu Fuß in Richtung auf den
Kasigao an die deutsche Grenze begeben, wo eine Kompagnie an einer
Wasserstelle lagerte. Die Verbindung durch Heliograph und durch Boten
von dort zum Kasigao funktionierte leidlich, und so konnte der am
Kasigao errungene Vorteil festgehalten werden. Es wurden sofort Truppen
nachgeschoben, so daß der Kasigao bis zum Eintreffen der Südafrikaner
durch mehrere Kompagnien besetzt blieb. Der Nachschub dorthin
gestaltete sich allerdings recht schwierig; das deutsche Grenzgebiet
westlich des Kasigao war an sich zwar reich, konnte aber doch der
Verpflegung einer so großen Truppenmasse, deren Kopfstärke mit Trägern
etwa 1000 Mann betrug, auf die Dauer nicht genügen.
Ich fuhr dann mit dem Auto um die Süd-Pareberge herum auf einer
seinerzeit im Frieden angelegten Kunststraße. Der Bau dieser Straße war
mit Rücksicht auf die Kosten liegen gelassen worden, und die Haufen
Kleinschlag lagen seit Jahren unbenutzt an der Seite des Weges. Die
Wasserdurchlässe -- in Röhren unter der Oberfläche der Straße bestehend
-- waren zum großen Teil gut brauchbar. Es bedurfte geringer Arbeit, um
diese Straße für den Nachschub vermittels eines Lastautos in Stand zu
setzen. Von der Nordbahn bei Buiko ging dieser mit Auto bis Gonja und
von dort weiter zum Kasigao mit Trägern. Die Telephonleitung bis zur
Grenze war bereits im Bau und wurde nach wenigen Tagen fertiggestellt.
Vom Kasigao aus vorgehende Patrouillen hatten dann mehrfache
Zusammenstöße mit feindlichen Abteilungen und führten auch Störungen
der Ugandabahn durch. Bei dem wild zerklüfteten und mit Dornbusch
dicht bewachsenen Gelände waren indes die Bewegungsschwierigkeiten
so groß, daß der Kasigao als Rückhalt für Patrouillenunternehmungen
bis zum Eintreffen der Südafrikaner nicht voll zur Geltung gekommen
war. Aber durch die stete Bedrohung der Bahn war der Feind wenigstens
zu umfassenden Sicherungsmaßnahmen veranlaßt worden. Längs der Bahn
waren breite Schutzstreifen freigeschlagen und nach außen durch
dichte Dornverhaue abgesperrt worden. Dann waren alle paar Kilometer
feste, mit Hindernissen versehene Blockhäuser oder Verschanzungen
angelegt, von denen aus Wachen ständig den Bahnkörper absuchen mußten.
Bereitschaften von Kompagniestärke und mehr wurden beweglich gehalten,
um sofort, wenn von einer Stelle die Gefährdung des Bahnkörpers
gemeldet wurde, mit Extrazug zum Schutz heranzufahren. Außerdem waren
Sicherungsabteilungen nach uns zu vorgeschoben, von denen aus versucht
wurde, unsere Patrouillen bei der Rückkehr von der Bahn abzuschneiden,
sobald Späher oder auf den Höhen aufgestellte Beobachtungsposten
Meldung erstatteten. Auf den Höhen südöstlich des Kasigao bis zur
Küste hin und weiter in dem Ansiedlungsgebiet der Küste wurden
gleichfalls englische Lager festgestellt. Auch gegen sie richteten
sich die Unternehmungen unserer Patrouillen und Streifabteilungen.
Immer wieder wurde versucht, den Feind zu schädigen, zu Schutzmaßregeln
zu veranlassen und auf diese Weise seine Kräfte hier im Gebiet der
Ugandabahn zu fesseln.
Waren so von der Küste aus bis Mbujuni (an der Straße Taveta-Voi)
Stützpunkte für unsere Kampfpatrouillen geschaffen worden, so wurde
auch weiter nördlich im gleichen Sinne gearbeitet. Das feindliche
Lager bei Mzima, am oberen Tsavoflusse, und dessen am Tsavofluß
entlangführende rückwärtige Verbindung waren andauernd Objekte für
unsere Unternehmungen, auch mit größeren Abteilungen. Hauptmann
Augar war bei einer solchen Unternehmung mit seiner 13. Kompagnie
südwestlich des Mzima-Lagers im dichten Busch durch drei feindliche
Europäer-Kompagnien des neu eingetroffenen 2. Rhodesischen Regiments
überrascht worden. Der Feind kam von verschiedenen Seiten, doch fehlte
ihm, im Buschkrieg noch wenig bewandert, die nötige Einheitlichkeit im
Handeln. So glückte es unserer Askari-Kompagnie, erst einen Teil des
Feindes zu werfen und dann schnell entschlossen auch den anderen Teil
zu schlagen, der im Rücken erschienen war.
Auch weiter nördlich spielten sich für uns günstige Buschgefechte ab,
in denen wir in Kompagniestärke auftraten und dem Feinde, der häufig
überlegen war, empfindliche Verluste beibrachten. Nördlich des Engare
Len hat besonders die aus Lindi herangezogene 3. Feldkompagnie recht
energisch gearbeitet und ihre Kampfpatrouillen bis zur Ugandabahn
vorgetrieben. Schon der Umstand, daß wir jetzt mitten in der
verpflegungslosen und vielfach wasserarmen Steppe Streifzüge in Stärke
von Kompagnien und mehr ausführen konnten, zeigt, daß die Truppe in
dieser Art des Kleinkrieges gewaltige Fortschritte gemacht hatte.
Der Europäer hatte gelernt, daß vieles, was für Reisen in tropischen
Gebieten recht erwünscht ist, im Kriege auf Patrouillengängen eben
fortfallen muß und daß man sich zur Not auch eine Weile mit einer
einzigen Traglast behelfen kann.
Die Patrouillen mußten den verräterischen Lagerrauch vermeiden und
nach Möglichkeit schon fertiges Essen mitnehmen. Mußte aber abgekocht
werden, so war dies in den Morgen- und Abendstunden besonders
gefährlich. Der Führer mußte sich dann ein dem Einblick entzogenes
Versteck aussuchen und auf alle Fälle nach dem Abkochen den Lagerplatz
wechseln, ehe er zur Ruhe überging. Ein voller hygienischer Schutz war
bei den Strapazen einer Patrouille nicht möglich. Regelmäßig traten
daher nach der Rückkehr eine Anzahl Malariafälle bei den Teilnehmern
auf. Da aber der Patrouillendienst trotz ständiger Schädigung des
Feindes verhältnismäßig wenig Leute erforderte, brauchte nur ein Teil
der Kompagnien in vorderer Linie zu sein. Nach einigen Wochen wurde
jede Kompagnie in gesund gelegene Ruhelager zurückgezogen. Europäer und
Askari konnten sich von den enormen Strapazen erholen und in Ausbildung
und Mannszucht befestigt werden.
Gegen Ende des Jahres 1915 war die Wasserarmut im Lager von Mbujuni so
groß und der Verpflegungsnachschub so schwierig geworden, daß nur eine
Postierung dort belassen, die Abteilung selbst aber weiter nach Westen
in die Gegend des Oldoroboberges zurückgezogen wurde. Das feindliche
Lager von Makatau wuchs inzwischen immer mehr an. Ein lebhafter
Zugverkehr herrschte dorthin, und man sah deutlich, wie für die
Weiterführung des Bahnbaues eine große Schneise in westlicher Richtung
geschlagen wurde. Zwar hatten unsere Kampfpatrouillen hier häufig
Gelegenheit, dem Feinde bei seinen Arbeiten und bei der Sicherung
derselben Verluste beizufügen, aber der Bahnbau schritt doch immer
weiter nach Westen vorwärts.
Die Möglichkeit war zu erwägen, daß das Gebiet der Nordbahn bald
in die Hände des Feindes fallen könnte. Es mußte also Vorsorge
getroffen werden, die Truppenbestände der Nordbahnbezirke rechtzeitig
in Sicherheit zu bringen. Das hatte, soweit Schienenwege zur
Verfügung standen, keine Schwierigkeit. Der Weitertransport über
Land aber erforderte große Vorbereitungen. In Neumoschi und in Mombo
lagerten zum großen Teil unsere Bestände an Munition, Bekleidung und
Sanitätsmaterial. Es war vorauszusehen, daß die Fabrikanlagen oder
Teile derselben über Land nicht würden abtransportiert werden können;
sie mußten deshalb so lange wie möglich an Ort und Stelle ausgenutzt
und in Betrieb gehalten werden. Den feindlichen Angriff im Norden
vorausgesetzt, ergab sich die Richtung unseres Abtransportes im
allgemeinen in südlicher Richtung, und nicht nur die Vorbereitungen,
sondern auch die Transporte selber mußten ohne Zeitversäumnis, also
schon im August 1915, begonnen werden.
In umsichtiger Weise beschaffte daher der Linienkommandant, Leutnant
a. D. Kroeber, von den Pflanzungen Feldbahnmaterial und baute bei
einer Tagesleistung von etwa 2 ~km~ von Mombo aus eine Feldbahnstrecke
nach Handeni. Die Trollis wurden ebenfalls von Pflanzungen aufgekauft
und nach reiflicher Überlegung dem Handbetrieb der Vorzug vor dem
Lokomotivbetrieb gegeben. So gelangten die Bestände aus dem Norden
vollzählig und rechtzeitig auf Schienen bis Handeni. Dort setzte,
von der Benutzung einiger weniger Wagen abgesehen, in der Hauptsache
Trägertransport bis Kimamba an der Zentralbahn ein. Zurückhaltung in
den Transporten war jedoch geboten, weil ich trotz aller sichtbaren
Vorbereitungen eines feindlichen Angriffs gegen das Kilimandjarogebiet
doch mit der Möglichkeit rechnete, daß die Hauptkräfte des Feindes oder
wenigstens erhebliche Teile desselben nicht am Kilimandjaro, sondern in
der Gegend von Bagamojo-Daressalam eingesetzt werden würden.
Ende 1915 drängte nun der Feind mit seiner Eisenbahnhaubitze immer
weiter nach Westen vor, ihm gegenüber verstärkte Major Kraut mit
drei Kompagnien und zwei leichten Geschützen seine Stellung auf
dem Oldoroboberge. Dieser Berg erhebt sich 12 ~km~ östlich Taveta
an der Hauptstraße aus der flachen Dornsteppe und beherrscht das
Gelände in weitem Umkreise. Seine teilweise in den Fels eingehauenen
Verschanzungen mit zahlreichen Scheinanlagen hatten einen fast
uneinnehmbaren Stützpunkt geschaffen. Der Nachteil der Stellung lag
in dem absoluten Wassermangel. Ein zur Truppe eingezogener Pflanzer,
Leutnant d. R. Graf Matuschka, hatte als Kundiger mit der Wünschelrute
zwar bei Taveta in der Erschließung vortrefflicher Brunnen Erfolge
gehabt, aber am Oldorobo wurde kein Wasser erschlossen, obgleich
an den von ihm bezeichneten Stellen über 30 ~m~ tief gegraben
wurde. Das Wasser mußte daher von Taveta her in kleinen Eselwagen
zum Oldorobo gefahren werden und wurde dort in Fässern gesammelt.
Dieser Wassertransport war eine außerordentliche Belastung unserer
Transportmittel. Merkwürdigerweise kam der Feind nicht darauf, ihn zu
stören und dadurch den Oldorobo für uns unhaltbar zu machen. Statt
dessen schob er sich, gestützt auf seinen Bahnbau, bis auf 5 ~km~ von
Osten her an den Berg heran und baute dort stark befestigte Lager.
Es war nicht gelungen, ihn daran zu hindern, da wegen Wasser- und
Transportschwierigkeiten stärkere Truppenmassen sich nur vorübergehend
von Taveta entfernen konnten. Der Feind selbst deckte seinen
Wasserbedarf vermittels einer langen Leitung, die von den Quellen der
Buraberge ausging. Die Zerstörung des feindlichen Wasserreservoirs
durch die Patrouillen des Leutnants d. R. v. Stietencron brachte dem
Gegner nur vorübergehende Verlegenheit.
Um diese Zeit zeigten sich auch die ersten Landflugzeuge des Feindes
und bewarfen unsere Stellungen am Oldorobo und bei Taveta, später
auch Neumoschi selbst mit Bomben. Am 27. Januar 1916 wurde einer
dieser Flieger, der vom Oldorobo zurückkehrte, mit Erfolg von unserer
vorgeschobenen Infanterie beschossen und stürzte ab. Die Engländer
hatten den Eingeborenen mitteilen lassen, daß dies Flugzeug ein
neuer „Mungu“ (Gott) wäre; dadurch, daß dieser neue Mungu nun aber
abgeschossen und von uns erbeutet wurde, trug er eher zur Hebung als
zur Schädigung des deutschen Ansehens bei.
Neunter Abschnitt
Die Nebenkriegsschauplätze. Kleinkrieg zu Wasser und zu Lande bis zur
Jahreswende 1915-16
Bei der Verwendung der Hauptkräfte der Truppe im Gebiete der Nordbahn
durften die anderen Teile der Kolonie nicht gänzlich entblößt
werden. Es war notwendig, im Innern des Landes unbedingt Herr über
die Eingeborenen zu bleiben, um den gesteigerten Anforderungen der
Trägergestellung, des Anbaues, der Lieferungen und der Arbeiten aller
Art nötigenfalls Nachdruck geben zu können. So blieb die 12. Kompagnie
in Mahenge und die 2. Kompagnie in Iringa. Beide haben neben ihren
sonstigen Aufgaben zugleich als größere Rekrutendepots fungiert,
welche zur Auffüllung der in der Front entstandenen Lücken dienten und
gleichzeitig Neuaufstellungen ermöglichten.
Die weit entfernten und drahtlich nicht erreichbaren Abteilungsführer
an den Grenzen waren richtigerweise bestrebt, dem Feinde zuvorzukommen
und ihn auf seinem eigenen Gebiete anzugreifen. Bei dem Mangel an
Verbindungen deutscherseits zerfielen diese Kämpfe in eine Reihe von
Einzelunternehmungen, die von einander unabhängig waren. Anders beim
Feinde; offensichtlich war dieser bestrebt, seine Hauptkampfhandlungen
mit den an anderen Stellen der Grenze stattfindenden
Nebenunternehmungen in Einklang zu bringen.
Im Oktober 1914, also vor den Gefechten von Tanga, meldete Kapitän
Zimmer aus Kigoma, daß an der belgischen Grenze etwa 2000 Mann
ständen; Hauptmann Braunschweig aus Muansa, daß am Viktoriasee bei
Kisumu gleichfalls ein stärkerer Gegner, bei Kisii etwa 2 Kompagnien
sowie weitere Truppen bei Karungu versammelt seien. Nach anderen,
von einander unabhängigen Eingeborenenaussagen sind indische Truppen
im Oktober in Mombasa gelandet und sodann weiter in Richtung Voi
abtransportiert worden. Im Bezirke Bukoba drangen englische Truppen
über den Kagera vor, und die Nebenstelle Umbulu meldete den Einmarsch
feindlicher Truppen in das Ssonjogebiet. Offenbar waren dies
Vorbereitungen für Unternehmungen, die im Einklang mit dem großen,
Anfang November 1914 auf Tanga einsetzenden Angriff stehen sollten.