Auf dieser lag eine leichte Pflanzungsbahn, deren Wagen unausgesetzt
Verwundete nach Totohowu fuhren, in dessen Europäergebäuden ein
Lazarett eingerichtet war. Die Munition -- der Askari trug etwa
150 Patronen -- begann knapp zu werden, und die Mahnungen aus der
Schützenlinie mehrten sich, daß sie sich nicht mehr halten könnte.
Leichtverwundete, die verbunden waren, und ein Haufen Versprengter
strömten beim Kommando zusammen, ganze Züge hatten sich total
verlaufen oder aus anderen Gründen den ihnen zugewiesenen Platz
verlassen. Alle diese Leute wurden gesammelt, von neuem eingeteilt
und so wieder eine verwendungsfähige Reserve geschaffen. Die Munition
der Maschinengewehrgurte war zum großen Teil aufgebraucht, und neue
Munition rollte von Totohowu auf der Trollibahn heran. Die Gurtfüller
der Maschinengewehre, an den Stämmen der Palmen befestigt, arbeiteten
unausgesetzt. Es war klar, daß wir bereits erhebliche Verluste erlitten
hatten. Mancher Wunsch wurde ausgesprochen, das Gefecht abzubrechen,
da die Einnahme der feindlichen Befestigungen ja doch aussichtslos
erschien. Wenn man aber bedachte, in welcher unangenehmen Lage der in
seiner Befestigung eingeschlossene Feind war, der kein Wasser hatte
und alle Tätigkeiten des täglichen Lebens dort verhältnismäßig eng
zusammengedrängt in glühender Sonne und im feindlichen Feuer verrichten
mußte, so schienen doch beim zähen Festhalten unsererseits Erfolge
noch weiterhin erreichbar. Der Nachmittag und die Nacht vergingen
in unausgesetztem Gefecht; wie immer in solchen kritischen Lagen
tauchten alle möglichen Gerüchte auf. Die Besatzung der feindlichen
Befestigungen sollte aus südafrikanischen Europäern, hervorragenden
Scharfschützen, bestehen; einige wollten genau ihre Sprache verstanden
haben. Und es war auch wirklich jetzt noch sehr schwer, sich ein klares
Bild zu machen. Meine Ordonnanz, der Ombascha (Gefreite) Rajabu, war
sofort zu näherer Erkundung bereit, kroch dicht an die feindliche Linie
heran und fiel dort. Der Schwarze, an sich leicht erregbar, war es
in dieser kritischen Lage bei Nacht doppelt, und ich mußte die Leute
mehrfach ernstlich schelten, wenn sie blind in die Luft knallten.
In der Frühe des 19. Januar lebte das Feuer zu größter Heftigkeit
wieder auf. Der Feind, auf allen Seiten eingeschlossen, machte einen
mißglückten Ausfall und zeigte kurz darauf die weiße Fahne. Vier
indische Kompagnien, mit europäischen Offizieren und Chargen, fielen
in unsere Hand. Wir alle bemerkten den kriegerischen Stolz, mit dem
unsere Askari auf den Feind blickten; ich habe nie gedacht, daß unsere
Schwarzen so vornehm aussehen könnten.
Freund und Feind hatten sich in unangenehmer Lage befunden und waren
der Erschöpfung ihrer Nervenkraft nahe. So pflegt es bei jedem
ernsthaften Ringen zu sein -- die Askari lernten aber jetzt, daß man
das erste Mißbehagen bezwingen muß, um den zum Sieg erforderlichen
letzten Vorsprung vor dem Feind zu gewinnen. Den Verlust des Feindes
schätzte ich auf mindestens 700 Mann, die erbeuteten Papiere ergaben
ein klares Bild über seine Stärke, die mehr als das Doppelte
unserer eigenen betrug. Hiernach hatte der Führer der Truppe in
Britisch-Ostafrika, General Tighe, der kurz vorher in Wanga gelandet
war, mehr als 20 Kompagnien, die meistens im Fußmarsch aus der Richtung
von Mombassa her die Küste entlang marschiert waren, in Jassini
und Umgebung versammelt. Sie sollten weiter in Richtung auf Tanga
vordrücken.
Der Abtransport der Verwundeten von Jassini in die Lazarette der
Nordbahn ging in wenigen Tagen mit Hilfe der Automobile und der
Rikschas, die zwischen dem Feldlazarett von Totohowu und Tanga
verkehrten, glatt vor sich. Diese Rikschas, von einem Mann gezogene
kleine federnde Karren (wie Dogcarts), die in Tanga die Rolle von
Droschken spielten, waren von dem leitenden Sanitätsoffizier für
Verwundetentransporte requiriert worden. Der Feind hatte sich in
seine befestigten Lager nördlich der Landesgrenze zurückgezogen, auf
die mir ein erneuter Angriff wenig Aussicht versprach. Ihm gegenüber
wurde als Rückhalt für die sofort einsetzenden Unternehmungen der
Patrouillen eine Abteilung von wenigen Kompagnien bei Jassini belassen;
der Hauptteil der Truppen wurde wieder in die Gebiete des Kilimandjaro
abtransportiert.
Der Marsch zu dem Einschiffungspunkt der Nordbahn führte die Truppen
über die Pflanzung Amboni. Dort hatten die Bewohner von Tanga aus
freien Stücken Verpflegung und Erfrischungen vorbereitet, und nach
den ungeheuren Strapazen, die die Unternehmung von Jassini mit ihren
andauernden Gewaltmärschen, ihrer aufreibenden Hitze und den Tag
und Nacht währenden Gefechten mit sich gebracht hatte, belebte sich
das schwefelhaltige Flüßchen Sigi schnell mit Hunderten von weißen
und schwarzen badenden Gestalten. Alle Mühsal war vergessen und die
Stimmung stieg aufs höchste, als gerade in diesem Augenblick nach
längerer Pause wieder einmal ein Funkspruch aus der Heimat aufgenommen
wurde. Er zeigte uns, daß die Meldung von den Gefechten bei Tanga
soeben in Deutschland eingetroffen sein mußte und enthielt die
Anerkennung Seiner Majestät für den dort errungenen Erfolg.
Siebenter Abschnitt
Kleinkrieg und neue Zurüstungen
Später erbeutete Papiere erwiesen zahlenmäßig, daß der Feind
Truppenverschiebungen vom Viktoriasee nach dem Kilimandjaro zu
vornahm. Das Gefecht von Jassini entlastete also tatsächlich andere,
weit entfernt gelegene Gebiete. Diese Beobachtung bestätigte den
ursprünglichen Gedanken, daß das feste Anfassen des Feindes an
einer Stelle zugleich die beste Sicherung auch des Restes des
Schutzgebietes sei. Es war von untergeordneter Bedeutung, ob der Rest
des Schutzgebietes auch lokal energisch verteidigt wurde. Trotzdem
begrüßte ich es mit Freuden, daß der Gouverneur sich im Februar 1915 zu
dem Befehl bewegen ließ, daß die Küstenplätze bei feindlicher Bedrohung
zu verteidigen seien. Die bisherigen Erfolge hatten bewiesen, daß eine
solche lokale Verteidigung auch gegen das Feuer der Schiffsgeschütze
nicht aussichtslos war.
Unser mit neun Kompagnien ausgeführter Angriff hatte bei Jassini zwar
zu einem vollen Erfolge geführt, aber er zeigte mir, daß so schwere
Verluste, wie auch wir erlitten hatten, nur ausnahmsweise ertragen
werden konnten. Wir mußten mit unseren Kräften haushalten, um eine
lange Dauer des Krieges zu ertragen. Von den aktiven Offizieren waren
Major Kepler, die Oberleutnants Spalding und Gerlich, die Leutnants
Kaufmann und Erdmann gefallen, Hauptmann v. Hammerstein an seiner Wunde
gestorben. Für den Verlust dieser Berufssoldaten -- ungefähr ein
Siebentel der im ganzen vorhandenen aktiven Offiziere -- gab es keinen
Ersatz.
Auch der Verbrauch von 200000 Patronen zeigte mir, daß ich mit den
vorhandenen Mitteln höchstens noch drei derartige Gefechte führen
konnte. Die Notwendigkeit, größere Schläge nur ganz ausnahmsweise,
dafür aber in der Hauptsache Kleinkrieg zu führen, trat gebieterisch in
den Vordergrund.
Der leitende Gedanke, immer wieder gegen die Ugandabahn zu wirken,
konnte aber wieder aufgenommen werden, da sich hier Unternehmungen
mit größeren Truppenkörpern sowieso nicht ausführen ließen. Es galt,
in mehrtägigen Märschen die weite, wasser- und menschenarme Steppe
zu durchschreiten, die außer gelegentlichen Jagderträgnissen wenig
an Verpflegung bot. Es war nötig, nicht nur Verpflegung, sondern
auch Wasser mitzutragen. Schon hierdurch begrenzte sich die Stärke
der marschierenden Abteilung. Es bedarf für solche Expedition durch
verpflegungs- und wasserlose Gebiete viel Erfahrung der Truppe, wie sie
im damaligen Stadium des Krieges noch nicht vorhanden sein konnte. Für
den Durchmarsch durch diese Steppe war eine Kompagnie schon zu viel,
und wenn sie dann nach mehrtägigem Marsch einen Punkt der Ugandabahn
wirklich erreicht hätte, so hätte sie wieder umkehren müssen, weil
der Verpflegungsnachschub nicht aufrechterhalten werden konnte. Diese
Verhältnisse besserten sich mit der Zeit durch größere Schulung der
Truppe und durch die allmählich wachsende Kenntnis des Geländes,
welches zuerst im wesentlichen ~terra incognita~ war.
Es blieb also nichts anderes übrig, als den gewollten Zweck durch
kleine Abteilungen, Patrouillen, zu erreichen. Auf diese Patrouillen
wurde in der Folgezeit der allergrößte Wert gelegt. Vom Engare-Nairobi
aus umritten kleinere Abteilungen von 8 bis 10 Mann, aus Europäern
und Askari gemischt, die feindlichen Lager, die sich bis zum Longido
vorgeschoben hatten, und legten sich an deren rückwärtige Verbindungen.
Aus der Tangabeute standen Telephonapparate zur Verfügung, die sie
an die englischen Telephonleitungen anschlossen; dort warteten sie
dann ab, bis größere oder kleinere feindliche Abteilungen oder
Ochsenwagentransporte vorbeizogen. Aus 30 Meter wurde der Feind dann
aus dem Hinterhalte beschossen, Gefangene und Beute gemacht, und die
Patrouille verschwand wieder in der endlosen Steppe. So wurden damals
Gewehre, Munition und Kriegsbedarf aller Art erbeutet.
Eine dieser Patrouillen hatte am Erokberge beobachtet, daß der Feind
seine Reittiere zur bestimmten Zeit zur Tränke trieb. Schnell machten
sich zehn unserer Reiter auf und lagerten nach zweitägigem Ritt durch
die Steppe in der Nähe des Feindes. Sechs Mann kehrten mit den Pferden
zurück, die vier anderen nahmen jeder einen Sattel und schlichen
sich auf wenige Schritte durch die feindlichen Posten bis in die
Nähe der hinter dem Lager gelegenen Tränke. Ein englischer Soldat
trieb die Herde, als ihm plötzlich zwei unserer Patrouillenreiter mit
fertig gemachtem Gewehr und dem Zuruf: „~Hands up~!“ aus dem Busch
gegenübertraten. Vor Erstaunen fiel ihm die Tonpfeife aus dem Munde.
Sofort wurde an ihn die Frage gerichtet: „Wo sind die fehlenden vier
Pferde?“ Unser gewissenhafter Patrouillenmann hatte nämlich beobachtet,
daß die Herde nur aus 57 Stück bestand, während er gestern 61 gezählt
hatte! Diese vier waren schonungsbedürftig und im Lager zurückgelassen
worden. Schnell wurden das leitende Pferd der Herde und noch einige
andere gesattelt, ausgesessen, und im Galopp ging es herum um das
feindliche Lager, den deutschen Linien zu. Auch in dem gefangenen
Engländer, der ohne Sattel, auf dem blanken Rückgrat des Pferdes diese
„Safari“ nicht gerade bequem mitmachen mußte, regte sich der angeborene
Sportsinn seiner Nation. Humorvoll rief er aus: „Ich möchte jetzt
wirklich das Gesicht sehen, welches mein Captain macht“, und als die
Tiere glücklich im deutschen Lager angekommen waren: „~It was a damned
good piece of work~“ (Es war eine verteufelt gute Leistung).
Die so gemachte Beute, durch eine Anzahl auch sonst aufgetriebener
Pferde und Maultiere verstärkt, gestattete die Aufstellung einer
zweiten berittenen Kompagnie. Die Zusammensetzung der nunmehr
vorhandenen zwei berittenen Kompagnien, aus Europäern und Askari
gemischt, hat sich bewährt. Sie gab uns das geeignete Material, um
die weiten, nördlich des Kilimandjaro belegenen Steppengebiete mit
starken mehrtägigen Patrouillen abzustreifen, auch bis zur Ugandabahn
und zur Magadbahn vorzudringen, Brücken zu zerstören, Bahnpostierungen
zu überfallen, Minen am Bahnkörper anzubringen und überraschende
Unternehmungen aller Art auf den Landverbindungslinien zwischen der
Bahn und den feindlichen Lagern auszuführen. Auch für uns ging es dabei
nicht ohne Verluste ab. Eine Patrouille hatte in der Nähe der Magadbahn
einen glänzenden Feuerüberfall gegen zwei Inderkompagnien ausgeführt,
dann aber ihre Reittiere, die im Versteck zurückgelassen worden waren,
durch das feindliche Feuer verloren; den weiten, viertägigen Rückweg
durch die Steppe mußte sie zu Fuß und ohne Verpflegung zurücklegen.
Glücklicherweise fand sie in einem Massaikral Milch und etwas Vieh,
später rettete sie dann ein erlegter Elefant vor dem Verhungern. Aber
mit den Erfolgen regte sich auch die Unternehmungslust, und die Bitten,
möglichst bald eine Patrouille gehen oder reiten zu dürfen, wurden
zahlreich.
Einen anderen Charakter hatten die Patrouillen, die aus dem
Kilimandjarogebiet mehr in östlicher Richtung vorgingen. Sie mußten
sich zu Fuß tagelang durch dichten Busch hindurcharbeiten. Die
Bahnzerstörungspatrouillen waren meist schwach: ein oder zwei Europäer,
2 bis 4 Askari, 5 bis 7 Träger. Sie mußten sich durch die feindlichen
Sicherungen hindurchschleichen und wurden vielfach von eingeborenen
Spähern verraten. Trotzdem erreichten sie ihr Ziel meist und waren
manchmal über zwei Wochen unterwegs. Für so wenige Leute war ein
geschossenes Stück Wild oder eine geringe Beute dann ein erheblicher
Verpflegungsrückhalt. Trotzdem waren die Strapazen und der Durst in
der brennenden Hitze so groß, daß mehrfach Leute verdurstet sind;
auch Europäer haben Urin getrunken. Schlimm stand es, sobald einer
krank oder verwundet war; es war dann oft trotz besten Willens nicht
möglich, ihn zu transportieren. Das Tragen eines Schwerverwundeten von
der Ugandabahn durch die ganze Steppe bis zu den deutschen Lagern, wie
es vorgekommen ist, bedeutete daher eine ganz gewaltige Leistung. Das
sahen auch die Farbigen ein, und es sind Fälle vorgekommen, wo ein
verwundeter Askari im vollen Bewußtsein dessen, daß er rettungslos
verloren und den zahlreich vorhandenen Löwen preisgegeben war, nicht
klagte, wenn er verwundet im Busch liegengelassen werden mußte, sondern
von sich aus Gewehr und Patronen den Kameraden mitgab, um wenigstens
diese nicht verlorengehen zu lassen.
Mehr und mehr vervollkommnete sich dieses Patrouillenwesen.
Die Vertrautheit mit der Steppe wuchs, und neben der Spreng-
und Schleichpatrouille entwickelten sich die Kampfpatrouillen.
Diese, 20 bis 30 Askari oder stärker, manchmal mit ein bis zwei
Maschinengewehren ausgerüstet, zogen auf den Feind los und suchten ihm
im Kampfe Verluste beizubringen. Im dichten Busch kam es hierbei zu so
nahen und überraschenden Zusammenstößen, daß unsere Askari manchmal
buchstäblich über den liegenden Feind hinweggesprungen und so von neuem
in dessen Rücken gelangt sind. Der Einfluß dieser Unternehmungen auf
die Selbständigkeit und den Tatendrang war bei Europäern und Farbigen
so groß, daß sich schwer eine Truppe mit einem besseren soldatischen
Geist finden dürfte. Freilich, manche Nachteile ließen sich nicht
ausgleichen. Insbesondere konnten wir bei unserer Knappheit an Patronen
keine so hohen Grade der Schießausbildung erreichen, um den Feind, wo
wir ihn in ungünstige Lage gebracht hatten, wirklich aufzureiben.
Auch unsere Technik lag nicht müßig. Geschickte Feuerwerker und
Waffenmeister konstruierten unausgesetzt im Verein mit den Ingenieuren
der Fabriken geeignete Apparate für die Bahnsprengungen. Manche dieser
Apparate zündeten, je nachdem sie eingestellt wurden, entweder sofort
oder nachdem eine bestimmte Anzahl Achsen darüber gefahren war. Mit der
zweitgenannten Einrichtung hofften wir die Lokomotiven zu zerstören, da
die Engländer als Schutzmaßregel ein oder zwei mit Sand beladene Wagen
vor den Maschinen laufen ließen. Als Sprengmaterial war Dynamit auf den
Pflanzungen reichlich vorhanden, sehr viel wirksamer aber waren die bei
Tanga erbeuteten Sprengpatronen.
Im April 1915 traf überraschend die Nachricht von der Ankunft eines
Hilfsschiffes ein. Dieses wurde bei seiner Einfahrt in die Mansabucht
nördlich Tanga von einem englischen Kreuzer gejagt, beschossen, und
der Führer mußte es auf Strand setzen. Wenn es auch in den folgenden
Wochen gelang, die für uns so wertvolle Ladung fast vollzählig zu
bergen, so stellte sich leider heraus, daß die Patronen durch das
Seewasser stark angegriffen waren. Pulver und Zündhütchen zersetzten
sich mehr und mehr, und damit wuchs die Anzahl der Versager. Es blieb
nichts anderes übrig, als die gesamte Munition auseinanderzunehmen, das
Pulver zu reinigen und zum Teil neue Zündhütchen einzusetzen. Solche
fanden sich, wenn auch von anderer Konstruktion, glücklicherweise im
Schutzgebiet vor; aber monatelang waren in Moschi alle auftreibbaren
Askari und Träger von morgens bis abends mit der Herstellung der
Munition beschäftigt. Die von früher vorhandenen unbeschädigten
Patronen wurden ausschließlich für die Maschinengewehre zurückbehalten,
von der bearbeiteten Munition wurden diejenigen Patronen, die etwa 20%
Versager hatten, für Gefechtszwecke, die mit höheren Versagerprozenten
für Übungszwecke verwandt.
Die Ankunft des Hilfsschiffes rief eine gewaltige Begeisterung hervor,
zeigte sie doch, daß tatsächlich noch eine Verbindung zwischen uns
und der Heimat bestand. Alle lauschten gespannt den Erzählungen des
Führers, Leutnant zur See Christiansen, als dieser nach Herstellung
von seiner Verwundung bei mir in Neumoschi eintraf. Die gewaltigen
Kämpfe in der Heimat, der Geist der Opferfreudigkeit, die unbegrenzte
Unternehmungslust, von denen die Kriegshandlungen der deutschen Truppen
getragen waren, fanden auch in unseren Herzen ein Echo. Viele von
denen, die den Kopf hatten hängen lassen, richteten sich auf; hörten
sie doch, daß das unerreichbar Scheinende geleistet werden kann, wenn
ein entschlossener Wille dahinter steht.
Ein anderes Mittel, auf den Geist der Truppe zu wirken, war die
Handhabung von Beförderungen. Allgemein konnten diese nur zum
Unteroffizier und innerhalb der Unteroffizier-Dienstgrade ausgesprochen
werden, während eine Beförderung zum Offizier, die in vielen Fällen ja
wohlverdient gewesen wäre, meine Zuständigkeit überschritten hätte.
Es wurde in den einzelnen Fällen sehr scharf abgewogen, ob auch
eine wirkliche Leistung vorlag. So wurden unverdiente Beförderungen
vermieden, die den Geist der Truppe verderben. Im großen und ganzen
waren wir aber darauf angewiesen, die Pflege der moralischen Faktoren
weniger durch Belohnungen als in anderer Richtung zu suchen.
Kriegsorden kannten wir ~in natura~ so gut wie gar nicht. Nicht den
persönlichen Ehrgeiz des einzelnen, sondern ein von Vaterlandsliebe
diktiertes echtes Pflichtgefühl und eine mit der Zeit sich immer
mehr verstärkende Kameradschaft mußten wir anrufen und rege halten.
Vielleicht hat gerade der Umstand, daß dieser dauerhafte und reine
Ansporn zum Handeln nicht durch andere Motive getrübt wurde, Europäern
und Askari die Zähigkeit und Schwungkraft verliehen, welche die
Schutztruppe bis zum Schluß ausgezeichnet haben.
Die Engländer waren am Kilimandjaro nicht untätig. Vom Oldoroboberge,
der 12 ~km~ östlich Taveta von einem deutschen Offiziersposten besetzt
war, wurde am 29. 3. morgens ein Angriff durch zwei indische Kompagnien
telephonisch gemeldet. Hauptmann Koehl und der österreichische
Oberleutnant Frh. v. Unterrichter setzten sich von Taveta aus sofort
in Marsch und griffen die beiden Kompagnien, die sich an den steilen
Abhängen des Oldorobo festgebissen hatten, von beiden Seiten so scharf
an, daß der fliehende Feind etwa 20 Mann liegen ließ, 1 Maschinengewehr
und 70000 Patronen in unsere Hände fielen. Andere feindliche
Unternehmungen führten am Tsavo entlang zum Nordost-Kilimandjaro; sie
stützten sich auf das am Tsavo gelegene Msimalager, das stark befestigt
und von mehreren Kompagnien besetzt war. Die am Nord-Ost-Kilimandjaro
sich abspielenden Patrouillengefechte verliefen für uns durchweg
günstig; auch die jungen Askari der 60 Mann starken Abteilung Rombo,
die ihren Namen von einer am Ost-Kilimandjaro gelegenen Mission hatte,
vertrauten ihrem Führer, dem über 60 Jahre alten Oberstleutnant von
Bock, unbegrenzt. Ich erinnere mich, daß ein Verwundeter, der von ihm
nach Neumoschi kam und mir eine Meldung machte, es ablehnte, sich
ärztlich behandeln zu lassen, um keine Zeit zur Rückkehr zu seinem
Führer zu verlieren. In mehreren Gefechten, manchmal gegen 2 feindliche
Kompagnien, warfen diese jungen Leute den Feind zurück, und es ist
bezeichnend, daß sich bei den Engländern die Sage um diese Kämpfe wob.
Der britische Oberbefehlshaber beklagte sich brieflich bei mir, daß
eine deutsche Frau an diesen Kämpfen teilnehme und Unmenschlichkeiten
verübe, eine Vorstellung, die natürlich jeder Begründung entbehrte und
mir lediglich zeigte, auf welchem Standpunkt der Nervosität man an
feindlicher maßgebender Stelle angelangt war.
Trotz der großen Beute von Tanga war es klar, daß bei der
voraussichtlich langen Dauer des Krieges die Vorräte unserer
Kolonie sich aufbrauchen mußten. Die Farbigen in Neumoschi fingen
auf einmal an, seidene Stoffe zu tragen: das war keineswegs ein
Zeichen besonderen Luxus, sondern die Bestände der Inderläden an
Baumwollkleidung gingen zu Ende. Wir mußten mit Ernst daran denken,
selbst Neues zu schaffen, um das zahlreich vorhandene Rohmaterial
zum Fertigfabrikat zu gestalten. Es hat sich nun ein eigenartiges,
an die Schaffenskraft eines Robinson erinnerndes Leben entwickelt.
Baumwollfelder gab es reichlich. Populäre Bücher wurden hervorgeholt,
die über die vergessene Kunst der Handspinnerei und -weberei Auskunft
gaben; von weißen und schwarzen Frauen wurde mit der Hand gesponnen;
auf den Missionen und bei privaten Handwerkern wurden Spinnräder und
Webstühle gebaut. Bald entstand so der erste brauchbare Baumwollstoff.
Die von den verschiedenen Färbemitteln als besonders zweckmäßig
ausprobierte Wurzel eines Baumes, Ndaa genannt, gab diesem Stoff eine
braun-grünliche Farbe, die sich weder im Gras noch im Busch abhob
und für die Uniform besonders zweckmäßig war. Der von den Pflanzern
gewonnene Gummi wurde mit Schwefel vulkanisiert, und es gelang, eine
brauchbare Bereifung für Automobile und Fahrräder herzustellen.
Bei Morogoro war es einigen Pflanzern gelungen, aus Kokos ein dem
Benzol ähnliches Antriebmittel, Trebol genannt, für die Motore der
Automobile herzustellen. Wie in früheren Zeiten wurden Kerzen aus
Unschlitt und Wachs im Haushalt und bei den Truppen angefertigt und
Seife gekocht. Auch die zahlreichen in den Nordgebieten und längs der
Tanganjika-Bahn gelegenen Fabriken der Pflanzungen wurden für Zwecke
des Lebensunterhaltes umgestellt.
Besonders wichtig war die Herstellung von Schuhwerk. Rohmaterial
lieferten die zahlreichen Vieh- und Wildhäute, Gerbstoff die
Mangroven der Küste. Schon im Frieden hatten die Missionen gute
Stiefel hergestellt; ihre Tätigkeit wurde jetzt weiter ausgebaut und
auch die Truppe richtete größere Gerbereien und Werkstätten ein.
Allerdings dauerte es einige Zeit, bis die Behörden den dringenden,
unvermeidlichen Wünschen der Truppe in ausreichendem Maße nachkamen
und insbesondere die für das Sohlenleder erforderlichen Büffelfelle
zur Verfügung stellten. Der alte historische Kampf um die Kuhhaut
ist so auch unter ostafrikanischen Verhältnissen ~mutatis mutandis~
wieder aufgelebt. Die ersten Stiefel, die in größerer Menge
hergestellt wurden, entstanden bei Tanga. Wenn sie anfänglich in
ihrer Form auch verbesserungsbedürftig waren, so schützten sie doch
die Füße unserer weißen und schwarzen Soldaten bei ihren Märschen und
Patrouillengängen in dem Dorngestrüpp des Pori. Bohren sich doch die
zu Boden gefallenen Dornen beim Gehen immer wieder in den Fuß hinein.
Alle die kleinen Anfänge, die in der Herstellung von Verpflegung auf
den Pflanzungen schon im Frieden bestanden, wurden durch den Krieg
und die Notwendigkeit, große Massen zu verpflegen, zu umfangreicherer
Tätigkeit angespornt. Auf mehreren Farmen des Kilimandjaro wurden
Butter und vortrefflicher Käse in großer Menge verfertigt, und
die Schlachtbetriebe in der Gegend von Wilhelmstal konnten den
Anforderungen an Wurst und sonstigen Räucherwaren kaum genügen.
Es war vorauszusehen, daß das für die Erhaltung der Gesundheit der
Europäer so wichtige Chinin sich bald erschöpfen und sein Bedarf
durch Beute allein nicht gedeckt werden würde. So war es von großer
Bedeutung, daß es gelang, im Biologischen Institut Amani in Usambara
aus der im Norden gewonnenen Chinarinde gute Chinintabletten
herzustellen.
Der für den Verkehr von Ochsenwagen und Automobilen so wichtige Wegebau
zwang zur Anlage stehender Brücken. Ingenieur Rentell, zur Truppe
eingezogen, baute westlich Neumoschi über den reißenden Kikafustrom
aus Stein und Beton eine Bogenbrücke mit mächtigem Pfeiler. Den
Wassermassen hatte in den Regenperioden, also besonders im April, in
dem wohl 20 ~m~ tiefen, steilen Bett keine Holzbrücke standgehalten.
Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, wie befruchtend der Krieg
und seine Forderungen auf das gesamte wirtschaftliche Leben eingewirkt
haben.