Schon mit Rücksicht auf die Bedrohung des Kilimandjarogebietes schien

es mir angezeigt nach dem entscheidenden Erfolg von Tanga, der sowieso

nicht weiter ausgebeutet werden konnte, die Truppen schnell wieder in

die Gegend von Neumoschi abzutransportieren. Der Jubel der Ansiedler

der Nordgebiete, die ja den Hauptteil der bei Tanga fechtenden

Europäer gestellt hatten, war unbeschreiblich. Blumengeschmückt fuhr

der erste Zug, der die Europäerkompagnie trug, wieder in Neumoschi

ein. Ich selbst hatte bei Tanga noch ausreichend zu tun und folgte

erst nach einigen Tagen zum Bahnhof in Neumoschi, wo das Kommando

seine geschäftliche Tätigkeit wieder aufnahm. Bei der Knappheit des

Personals konnten wir es uns nicht leisten, für die verschiedenen

Funktionen auch immer verschiedene Persönlichkeiten zu haben. Wie

der Offizier des Kommandos gelegentlich als Schütze oder Radfahrer

einspringen mußte, so mußte auch der Intendant ordonnanzieren, der

Schreiber im Gefecht mitschießen und als Gefechtsordonnanz tätig

sein. Es war eine große Erleichterung des Dienstbetriebes, daß wir

in dem europäisch ausgebauten Bahnhofsgebäude von Neumoschi eine

Lokalität besaßen, wo wir trotz großer Engigkeit innerhalb des Stabes

die meisten Sachen schnell im mündlichen Verkehr erledigen konnten.

Wir verfügten über gute Telephon- und Telegraphenanlagen und lagen

zentral in dem Netz von Fernsprechverbindungen und Wegen, die wir

uns in beiden Richtungen sowohl auf Tanga, Taveta, Ost-Kilimandjaro,

West-Kilimandjaro zum Longido, wie auch nach Aruscha geschaffen oder,

soweit sie vorhanden waren, vervollkommnet hatten. Es gab Wochen, wo

sich unser Dienstbetrieb fast wie im Frieden abspielte, allerdings bei

gesteigerter Arbeitsleistung. Aber obgleich fast niemand innerhalb

des Kommandos für sein Ressort vorgebildet oder vorbereitet war, so

vollzog sich das Zusammenarbeiten doch harmonisch und erfolgreich. Es

wurde vom besten Geist, von der Liebe zur Sache und kameradschaftlichem

Zusammenhalten getragen.

Ich selbst begab mich im Auto -- wir hatten uns nämlich auch bis zum

Longido hin eine Autostraße gebaut -- nach dem zwischen Longido und

Kilimandjaro gelegenen Engare-Nairobi (kalter Fluß), einem Flüßchen,

das vom Nordabhange des Kilimandjaro die Steppe in nordwestlicher

Richtung durchzieht. Dort saßen eine Anzahl Burenfamilien auf ihren

Farmen. Die Abteilung Kraut hatte ihr Lager dorthin verlegt, da der

Verpflegungsnachschub bis zum Longido hin bei zweitägigem Marsch durch

die Steppe nicht geschützt werden konnte und deshalb allzu gefährdet

war. Ich überzeugte mich, daß auch hier, nördlich des Kilimandjaro,

zur Zeit keine Gelegenheit zu Unternehmungen war und kehrte nach

Neumoschi zurück. Der Weg von Neumoschi, wo ein großer Teil des

Verpflegungsnachschubes aus Usambara und den weiter südlich gelegenen

Gebieten per Bahn gesammelt wurde, beträgt bis Taveta 50 Kilometer.

Wenn wir auch nur wenige Kraftfahrzeuge, nämlich 3 Personenwagen und 3

Lastautos im ganzen, zur Verfügung hatten, so bedeutete das für unsere

Verhältnisse doch etwas Wesentliches. Die Drei-Tons-Wagen konnten auf

der gut ausgebauten Straße bei trockenem Wetter bequem in einem Tage

hin und zurück gefahren werden. Da Träger für dieselbe Strecke hin und

zurück mindestens vier Tage brauchten, ergab die Berechnung, daß ein

Auto so viel leistete wie 600 Träger, die außerdem selbst Verpflegung

beanspruchten.

Dem später von den Engländern vertretenen Grundsatz, den

Lastentransport von den Schultern der Träger und der Tiere zu nehmen

und mit Automobilen zu bewerkstelligen, muß umsomehr beigetreten

werden, als Menschen und Tiere unter den tropischen Erkrankungen

in hohem Maße litten, während Mücken gegen Automobile ja machtlos

sind. Wir konnten aber diesen klaren Vorteil nicht ausnutzen, weil

wir eben nur wenige Kraftwagen hatten. Immer wieder mußten wir auch

in dieser für den Nachschub ruhigen und geregelten Periode des

Krieges auf Träger zurückgreifen. Noch heute sehe ich die Freude des

damaligen Intendanten, als eine Trägerkarawane von 600 Wassukuma von

Muanza her in Neumoschi anlangte; sie brachte vom Viktoriasee über

Kondoa-Irangi bis zum Kilimandjaro Reis, der hier dringend benötigt

wurde. Wenn man berücksichtigt, daß der Träger für diesen mindestens

30 Tage erfordernden Marsch täglich ein Kilogramm Verpflegung selbst

braucht und höchstens 25 Kilogramm trägt, so müssen die Märsche

schon sehr überlegt eingerichtet werden und durch besiedelte und

verpflegungsreiche Gebiete führen, wenn überhaupt solche Transporte

von Wert sein sollen. Wenn trotz dieser Nachteile der Trägertransport

in großem Umfange in Anspruch genommen werden mußte, so zeigt dies die

Schwierigkeit des Nachschubes und der Verpflegung, die wir in Kauf

nehmen mußten.

Der Intendant Hauptmann Feilke verstand es aber auch meisterhaft

mit den Leuten umzugehen und für sie zu sorgen. Die Träger fühlten

sich gut aufgehoben, und das Wort „Kommando“, das sich einzelne als

Eigennamen beilegten, gewann an Verbreitung. Mir persönlich gaben die

paar Kraftwagen die Möglichkeit zu zahlreichen Geländeerkundungen und

Besichtigungen von Truppen. Nach Taveta, wohin ein Teil der Truppen aus

Tanga zurückkehrte, konnte ich von Neumoschi in zwei Stunden fahren; es

hätte dies sonst vier Tage gedauert; später bin ich an einem Tage von

Neumoschi aus zum Engare-Nairobi und westlich um den ganzen Meruberg

nach Neumoschi zurück gefahren, eine Reise, die mit Trägern wohl nicht

unter zehn Tagen zu machen war.

Der Erfolg von Tanga wirkte belebend auf die Entschlossenheit der

ganzen Kolonie zum Widerstande.

Am 26. November gelang es in Morogoro dem Chef des Etappenwesens,

Generalmajor Wahle, die Einwilligung des Gouverneurs zu erlangen, daß

Daressalam im Falle eines Angriffes verteidigt werden sollte. Es war

ein Glück, daß diese Einwilligung noch eben rechtzeitig erfolgte. Schon

am 28. November erschienen zwei Kriegsschiffe, ein Transportschiff

und ein Schlepper vor Daressalam, und verlangten eine Besichtigung

unserer im Hafen liegenden Schiffe. Hier lag unter anderem die zum

Lazarettschiff eingerichtete „Tabora“ der Deutsch-Ostafrikalinie. Da

die Engländer schon bei einer früheren Gelegenheit erklärt hatten,

daß sie sich an kein über Daressalam getroffenes Abkommen gebunden

erachteten, so hätte es jedesmal erneuter Konzessionen bedurft, wenn

man einer angedrohten Beschießung entgehen wollte. Es war also eine

Schraube ohne Ende geschaffen. Ich drahtete nun, daß die verlangte

Einfahrt einer englischen Pinasse in den Hafen mit Waffengewalt zu

verhindern sei. Leider war diese Pinassenfahrt aber entgegen meiner

Auffassung von der deutschen Behörde zugestanden worden, und der zur

Zeit in Daressalam anwesende älteste Offizier fühlte sich hierdurch

gebunden. Als nun aber die Engländer statt mit der einen zugestandenen

Pinasse mit mehreren kleineren Fahrzeugen einfuhren, auf der „Tabora“

Zerstörungen vornahmen und sogar Personal dieses Schiffes gefangen

fortnahmen, wurde das Unzweckmäßige unserer bisherigen Zugeständnisse

allen bis dahin Zweifelnden doch zu augenscheinlich. Hauptmann von

Kornatzky kam noch gerade rechtzeitig genug, um die kleinen englischen

Fahrzeuge, als sie beim Auslaufen die schmale nördliche Hafeneinfahrt

durchfuhren, wirksam unter Maschinengewehrfeuer zu nehmen. Hierbei

wurde leider auch einer der deutschen Gefangenen verwundet. Die

Abwehrmaßnahmen waren eben nicht rechtzeitig getroffen worden. Es ist

dies ein kleines Beispiel dafür, wie gefährlich und schließlich auch

unvorteilhaft es ist, wenn im Kriege der militärische Führer immer

wieder in seinen Entschlüssen und in der Ausführung seiner nun einmal

unvermeidlichen Handlungen beeinträchtigt wird.

Übrigens richtete die nun folgende Beschießung von Daressalam keinen

nennenswerten Schaden an, denn daß ein paar Häuser dabei beschädigt

wurden, kann man ernsthaft als solchen nicht rechnen.

In den Zeiten relativer Seßhaftigkeit, die wir in Neumoschi hatten, war

auch die wirtschaftliche Seite des Lebens angenehm. Die Europäer, zum

großen Teil den Siedlerkreisen der Nordgebiete angehörend, beschafften

sich den Hauptanteil ihrer Verpflegung selbst. Reis, Weizenmehl,

Bananen, Ananas, europäisches Obst, Kaffee und Kartoffeln strömte

reichlich von den Pflanzungen her an die Truppe. Zucker beschafften

die zahlreichen Fabriken, und Salz wurde in der Hauptsache von der an

der Zentralbahn zwischen Tabora und dem Tanganjika gelegenen Saline

Gottorp geliefert. Viele Pflanzungen stellten ihren Betrieb ganz

auf die Truppenverpflegungen ein, und bei den reichlich vorhandenen

Arbeitskräften machte dieser Wechsel im Anbau keinerlei Schwierigkeiten.

Aber auch der Nachschub mußte angespannt werden. Die von Kimamba

zur Nordbahn, nach Mombo und Korogwe führende große Etappenstraße

wurde immer weiter ausgebaut, um den Transport der aus dem Gebiet

der Tanganjikabahn und weiter aus dem Süden stammenden Erzeugnisse

nach dem Norden zu bewältigen. Mindestens 8000 Träger waren allein

auf dieser Strecke dauernd in Tätigkeit. Es stellte sich bald als

praktisch heraus, die Trägerkarawanen die etwa 300 ~km~ lange Strecke

nicht durchgehen zu lassen, sondern die Träger auf einzelne Etappen

zu verteilen. Hier war es dann möglich, sie stationär unterzubringen

und auch in gesundheitlicher Beziehung zu überwachen. Hygieniker

bereisten die Strecke und taten das Menschenmögliche für die

Gesundheit der Träger im Kampfe besonders gegen Ruhr und Typhus. So

entstanden an dieser stark in Anspruch genommenen Etappenstraße auf

Tagesmarschentfernungen dauernde Trägerlager, in denen die Leute in

zunächst provisorischen, später gut ausgebauten Hütten untergebracht

waren. Die Lagerdisziplin war streng geregelt. Um auch für die

zahlreich durchreisenden Europäer zu sorgen, wurden für diese

kleine Häuser mit Betonfußboden angelegt; der einzelne hatte hier

die Möglichkeit, sich aus den Beständen der Etappe zu verpflegen,

ohne, wie es sonst bei afrikanischen Reisen üblich ist, den gesamten

Verpflegungsvorrat auf lange Zeit mitschleppen zu müssen. Die Arbeit an

dieser Etappenstraße war Gegenstand dauernder Aufmerksamkeit, Europäer

und Farbige mußten die Zusammenarbeit so großer Menschenmassen erst

lernen und begriffen die Wichtigkeit von Ordnung und Disziplin für das

Funktionieren des Nachschubes und für die Gesundheit aller Beteiligten.

Auf dem Bahnhof von Neumoschi arbeiteten Telegraph und Telephon

andauernd, Tag und Nacht. Bei der Improvisierung der gesamten

Organisation konnten Reibungen nicht völlig ausbleiben. Alle

Angehörigen des Kommandos waren außerordentlich belastet. Aber es

boten sich auch Lichtblicke während der angestrengten Arbeit. Die

materielle Versorgung der Europäer hier im Norden kam auch uns im

Kommando zugute. Durch zahlreiche Zusendungen von Privatleuten wurden

wir geradezu verwöhnt. Wenn einer von uns die Nordbahn entlang fuhr,

an der es im Frieden selbst für Geld und gute Worte schwer war,

sich etwas Verpflegung zu beschaffen, so sorgte jetzt fast an jeder

Station jemand für uns. Ich erinnere mich an einen Fall, wo der aus

der Gegend nördlich des Erokberges von anstrengenden Patrouillen

recht ausgehungert zurückgekehrte Oberleutnant Freiherr v. Schroetter

beim Kommando in Neumoschi eintraf. Nachdem er von 7 bis 11 Uhr

nach Durchschnittsbegriffen reichlich verpflegt worden war, bat er

schüchtern, ihm doch noch einmal Abendbrot zu geben. Am nächsten Morgen

trat er einen vierzehntägigen Urlaub zu seiner in Usambara gelegenen

Pflanzung an, um sich zu erholen und nach dem Rechten zu sehen. Nach

dem Frühstück gaben wir ihm Kaffee, Brot, Butter und Fleisch in den

Zug mit und hatten die verschiedenen Bahnstationen angewiesen, sich

dieses gänzlich verhungerten Patrouillenmannes anzunehmen. So wurde

ihm nach einer halben Stunde in Kahe von der dortigen Bahnhofswache

von neuem Frühstück gereicht, in Lembeni hatte die reizende Frau

des dortigen Bahnhofskommandanten ihm einen Kuchen gebacken und in

Same versorgte ihn der Führer des dortigen Rekrutendepots, Feldwebel

Reinhardt. In Makanja brachte ihm der Wachthabende, Pflanzer Barry

aus der Umgegend, selbstbereitete Schokolade und Ochsenherzen --

es ist dies eine etwa melonengroße Frucht --, in Buiko hatte der

gastliche Betriebsdirektor der Nordbahn, Kühlwein, der uns so oft bei

unserer Durchreise erfrischt hat, ihm ein solennes Essen vorbereitet.

In Mombo, wo der Nachschub der Usambaraberge zusammenströmte und wo

wir in der Hauptsache unsere Truppenwerkstätten eingerichtet hatten,

erwartete unsern Schützling Oberdeckoffizier Meyer mit einem nahrhaften

Vesperbrot. Da aber erhielten wir das Telegramm: „Bitte nichts weiteres

bestellen. Ich kann nicht mehr.“

[Illustration: Affenbrotbaum]

So viel verständnisvoller Scherz für die Stimmung eines ausgehungerten

Leutnants in dieser andauernden Bewirtung liegt, so zeigt sie besser

als theoretische Auseinandersetzungen das innige Zusammenarbeiten aller

Teile der Bevölkerung der Nordbezirke mit der Truppe und das Bestreben,

uns jeden Wunsch an den Augen abzulesen. Dieses Zusammenhalten ist

geblieben, solange die Truppe im Norden war.

Wenn der Dienst es irgend gestattete, sorgten wir für Abwechslung und

Erholung. Oft haben wir uns in der Umgebung von Neumoschi des Sonntags

zu fröhlicher Treibjagd zusammengefunden. Träger und Askari hatten

bald ihre Rolle als Treiber begriffen und trieben in musterhafter

Ordnung durch den dichtesten Busch uns das Wild zu, das sie mit lautem:

„Huju, huju“, auf deutsch: „Da ist er“, ankündigten. Die Strecke

dürfte, was Vielseitigkeit anbetrifft, auf europäischen Jagden bisher

nirgends erreicht worden sein: Hasen, verschiedene Zwergantilopen,

Perlhühner und verschiedene Verwandte des Rebhuhnes, Enten, Buschböcke,

Wasserböcke, Luchse, verschiedene Arten Wildschweine, kleine Kudus,

Schakale und eine Menge anderes Wild kamen vor. Ich entsinne mich, daß

einmal zu meiner Überraschung auf 15 Schritt lautlos ein Löwe vor mir

erschien. Leider hatte ich die Flinte in der Hand, und ehe ich die

auf meinen Knien liegende Büchse in Anschlag bringen konnte, war er

ebenso lautlos verschwunden. Die Jagd gab in dem wildreichen Gebiet des

Kilimandjaro, mehr aber noch östlich von Taveta, einen willkommenen

Zuschuß zu unserer Fleischversorgung. Im wesentlichen beruhte diese

aber auf den Viehbeständen, die aus den Gebieten des Kilimandjaro

und Meru von den Massai, aber auch von weit her aus den Gebieten des

Viktoriasees für die Truppe nutzbar gemacht wurden.

Sechster Abschnitt

Weitere schwere Kämpfe im Nordosten

Als wir in der Missionskirche von Neumoschi und später in unserer

Messe im Bahnhof das Weihnachtsfest 1914 feierten, begannen sich die

militärischen Ereignisse nördlich von Tanga so weit zuzuspitzen,

daß ein entscheidendes Eingreifen dort wahrscheinlich wurde. Unsere

Patrouillen, welche dort auf britischem Gebiet standen, waren in den

letzten Tagen des Dezember allmählich zurückgedrängt worden und hatten

sich südlich von Jassini auf deutschem Gebiet gesammelt. Es waren hier

2 Kompagnien und ein aus etwa 200 Arabern gebildetes Korps vereinigt.

Der Feind hatte sich augenscheinlich verstärkt und die Gebäude der

deutschen Pflanzung Jassini besetzt.

Es machte den Eindruck, als ob er durch allmähliches Vorrücken längs

der Küste auf Tanga vordringen und das von ihm besetzte Gebiet durch

ein Blockhaussystem sichern wollte. Um die Verhältnisse an Ort und

Stelle zu erkunden, fuhr ich mit Hauptmann von Hammerstein Mitte Januar

nach Tanga und dann im Automobil auf der soeben fertiggestellten

neuen Straße, die 60 ~km~ längs der Küste nach Norden in das Lager

des Hauptmanns Adler bei Mwumoni führte. Eine Erkundung, auf der mich

der durch zahlreiche erfolgreiche Patrouillengänge in der dortigen

Gegend besonders geeignete Leutnant d. R. Bleeck führte, zeigte, daß

das Gelände um Jassini herum in der Hauptsache aus einer meilenlangen

Kokospflanzung der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft bestand, in

die Sisal, eine mit spitzen Stacheln versehene Agavenart, hineingebaut

war. Dieser Sisal, der ein dichtes Unterholz in den Stangen der

Kokospalmen bildete, war an vielen Stellen mit seinen stachligen

Blättern so ineinander gewachsen, daß man sich nur hindurch zwängen

konnte, wenn man eine Menge recht unangenehmer Stiche erduldete.

Eine Schwierigkeit ist es ja immer, in solchem ganz unbekannten

Gelände, ohne die Grundlage einer Karte, nur auf die Meldungen der

Patrouillen hin die Anlage für ein Gefecht zu treffen. Hier konnte

diese Schwierigkeit dadurch behoben werden, daß der zur Truppe

eingezogene langjährige Assistent der Pflanzung, Lt. d. R. Schaefer,

genaue Angaben machen konnte. Es wurde eine leidlich zutreffende Skizze

angefertigt und mit Kriegsnamen versehen. Im großen und ganzen schien

es so, daß es sich bei Jassini um einen vorgeschobenen Posten handelte,

und daß die Hauptmacht der feindlichen Truppen weiter nördlich sich in

befestigten Lagern befand. Es war anzunehmen, daß ein Angriff auf den

vorgeschobenen Posten bei Jassini die Teile des feindlichen Gros aus

ihren Lagern herauslocken und zum Kampfe im freien Felde veranlassen

würde. Mein Plan war, diese Möglichkeit auszunutzen. Um gegen den aus

seinen Sammelpunkten zur Unterstützung herbeieilenden Feind unter

günstigen taktischen Bedingungen zu fechten, beabsichtigte ich, meine

Truppen an seinen voraussichtlichen Anmarschwegen so bereit zu halten,

daß er seinerseits gegen sie anlaufen mußte.

Die Beschaffung der Verpflegung hatte in der dicht besiedelten Gegend

keine Schwierigkeiten, und von den zahlreichen Europäerpflanzungen

konnten die erforderlichen Träger gestellt werden. Es brauchten also

beim Hertransport der von Moschi telegraphisch herbeibefohlenen

Kompagnien nur die Maschinengewehr- und die Munitionsträger

mitzukommen, eine wesentliche Erleichterung für den Eisenbahntransport.

Dieser spielte sich bei der erprobten Umsicht des Linienkommandanten,

Leutnant d. Ldw. a. D. Kroeber, und dem Verständnis und dem Feuereifer,

mit dem das gesamte Bahnpersonal die unvermeidlichen Anstrengungen

glatt ertrug, schnell und ohne Reibung ab.

Am 16. Januar waren die von Moschi kommenden Kompagnien einige

Kilometer westlich von Tanga ausgeladen und sogleich in Richtung auf

Jassini in Marsch gesetzt worden, ebenso die Truppen aus Tanga, wo zum

unmittelbaren Schutz nur eine Kompagnie zurückblieb. Am 17. Januar

abends waren die Streitkräfte, im ganzen neun Kompagnien mit zwei

Geschützen, 11 Kilometer südlich Jassini bei der Pflanzung Totohowu

versammelt, und der Befehl zum Angriff wurde für den nächsten Morgen

gegeben. Major Kepler wurde mit zwei Kompagnien rechts umfassend,

Hauptmann Adler mit zwei weiteren Kompagnien links umfassend gegen das

Dorf Jassini angesetzt. Nordwestlich, an der von Semanja kommenden

Straße, wurde das Araberkorps aufgestellt, Hauptmann Otto mit der

neunten Kompagnie ging frontal auf der Hauptstraße gegen Jassini vor;

ihm folgte unmittelbar das Kommando und dahinter das Gros, aus der

Europäerkompagnie, drei Askarikompagnien und zwei Geschützen bestehend.

Die Märsche waren so angesetzt, daß beim ersten Tagesgrauen der Angriff

gleichzeitig gegen Jassini zu erfolgen hatte und alle Kolonnen sich

durch energisches Vorgehen gegenseitig entlasten sollten. Noch vor

Anbruch des Tageslichtes fielen die ersten Schüsse bei der Kolonne

Kepler, wenige Minuten später begann das Feuer auch vor uns bei der

Kolonne Otto und wurde dann allgemein. Es war nicht möglich, sich ohne

jede Übersicht in dem endlosen Palmenwald auch nur ein annäherndes Bild

zu machen von dem, was eigentlich los war. Wir waren aber bereits so

dicht an der feindlichen Stellung von Jassini, daß der Feind überrascht

schien, trotz seines ausgezeichneten Kundschafterdienstes. Diese

Vermutung hat sich später wenigstens teilweise bestätigt. Von unserer

schnellen Konzentration südlich Jassini und dem unmittelbar darauf

erfolgenden Angriff mit so starken Truppen hatte der Feind tatsächlich

keine Ahnung gehabt.

Die Kolonne Otto warf eine ihr gegenüber verschanzte Postierung

schnell zurück, und das Kommando begab sich nun links ausholend

durch den Wald, wo zunächst eine und dann zwei weitere Kompagnien zu

umfassendem Vorgehen gegen Jassini angesetzt wurden. Hierbei war es

auffallend, daß wir auf nahe Entfernung, vielleicht 200 Meter nur,

ein sehr wohlgezieltes Feuer erhielten, und erst viel später stellte

sich heraus, daß der Feind in Jassini nicht nur einen schwachen

Posten hatte, sondern daß hier vier indische Kompagnien in einem

stark ausgebauten und vortrefflich gedeckten Fort eingenistet waren.

Der hinter mir gehende Hauptmann von Hammerstein brach plötzlich

zusammen: er hatte einen Schuß in den Unterleib erhalten. So nahe mir

dies natürlich ging, mußte ich im Augenblick den Schwerverwundeten in

ärztlicher Hand zurücklassen. Nach wenigen Tagen riß der Tod dieses

ausgezeichneten Offiziers eine schwer auszufüllende Lücke in die

Tätigkeit unseres Stabes.

Das Gefecht war sehr heftig geworden. Zwei unserer Kompagnien hatten,

obgleich die beiden Kompagnieführer, die Oberleutnants Gerlich

und Spalding gefallen waren, in glänzendem Sturmlauf die festen

Pflanzungsgebäude von Jassini rasch genommen und sich nun unmittelbar

vor der feindlichen Stellung eingenistet. Bald wurde das Eingreifen

der feindlichen Hauptkräfte fühlbar. Aus nordöstlicher Richtung,

von Wanga her, trafen starke feindliche Kolonnen ein und erschienen

plötzlich dicht vor unseren an der Befestigung bei Jassini liegenden

Kompagnien. Der Feind machte drei energische Angriffe an dieser

Stelle und wurde jedesmal zurückgeworfen. Von Norden und Nordwesten

her trafen gleichfalls feindliche Kolonnen ein. Gegen die westlichen

hatte das Araberkorps seine Aufgabe schlecht erfüllt; schon am Tage

vorher hatten mich viele der Araber bestürmt, sie doch zu entlassen.

Als sie jetzt im dichten Versteck an der feindlichen Anmarschstraße

den Gegner erwarten sollten, war ihnen die Spannung zu groß. Statt

überraschend ein vernichtendes Feuer abzugeben, schossen sie blind in

die Luft und rissen dann aus. Glücklicherweise trafen diese feindlichen

Kolonnen dann aber auf Hauptmann Adlers beide Kompagnien und wurden

blutig zurückgewiesen. Das ganze Gefecht hatte sich bis dahin als ein

tatkräftiges Vorstürmen charakterisiert; auch die letzte Reserve,

nämlich die Europäerkompagnie, war auf ihre dringende Bitte eingesetzt

worden. Gegen Mittag war das Gefecht vor der starken feindlichen

Befestigung an allen Stellen zum Stehen gekommen. Wir hatten

tatsächlich keine Mittel, gegen diese Befestigungen etwas Ausreichendes

zu unternehmen, und auch unsere Feldgeschütze, die wir aus 200 Meter in

Stellung brachten, erzielten keinen durchschlagenden Erfolg. Die Hitze

war unerträglich und wie bei Tanga löschte alles den Durst mit jungen

Kokosfrüchten.

Ich selbst begab mich mit Leutnant Bleeck nun auf den rechten Flügel,

um die Vorgänge bei der Kolonne des Majors Kepler zu erkunden;

über die feindliche Befestigung hatte ich damals noch keine volle

Klarheit gewonnen, und so gerieten wir auf dem Sande eines zur Zeit

trockenen, ganz freien und übersichtlichen Creeks wiederum in ein sehr

wohlgezieltes Feuer. Die Geschosse schlugen aus 500 Meter Entfernung

dicht bei uns ein und konnten bei den deutlich sichtbaren Sandspritzern

gut korrigiert werden. Der Sand war so tief und die Hitze derartig

groß, daß man nur wenige Schritte laufen oder rasch gehen konnte. In

der Hauptsache mußten wir langsam ungedeckt gehen und das lästige Feuer

über uns ergehen lassen. Glücklicherweise tat uns dieses aber keinen

ernsthaften Schaden, obgleich ein Schuß durch den Hut und einer durch

den Arm, den ich erhielt, zeigten, daß es wenigstens gut gemeint war.

Bei der Rückkehr vom rechten Flügel waren der Durst und die Erschöpfung

so groß, daß zwischen einigen sonst nicht feindlich gesinnten Herren

ernstliche Meinungsverschiedenheiten wegen einer Kokosnuß entstanden,

obgleich in den massenhaft vorhandenen Bäumen weitere Nüsse unschwer zu

erlangen waren.

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 5 / 30 段