Gouvernementshospital unsere Räder stehen und gingen zu Fuß an den
Strand, an dem dicht vor uns ein englischer Kreuzer lag. Auf unserem
Rückweg wurden wir am Hospital anscheinend von einem indischen Posten
-- wir konnten die Sprache nicht verstehen -- angerufen, sahen aber
nichts. Wir setzten uns auf die Räder und fuhren zurück. Der Tag begann
zu grauen, und linker Hand von uns hörten wir die ersten Schüsse
fallen. Es war dies die Offizierspatrouille des Leutnant Bergmann der
6. Feldkompagnie, die westlich Ras Kasone auf feindliche Patrouillen
gestoßen war. Einer meiner Radfahrer brachte nun an Hauptmann Baumstark
den Befehl, sogleich mit allen Truppen auf Bahnhof Tanga anzutreten.
Für die Art, wie ich das sicher bevorstehende Gefecht zu führen
gedachte, war die Beschaffenheit des Geländes mit ausschlaggebend. Im
Norden boten die Häuser der am Hafen gelegenen Europäerstadt Schutz
gegen Sicht und daher auch gegen das Artilleriefeuer der nahe gelegenen
Kreuzer. Umgeben war die Stadt von ununterbrochenen Kokospalmen- und
Kautschukpflanzungen, die sich fast bis Ras Kasone ausdehnten und
in die außer der Eingeborenenstadt auch einige Anpflanzungen von
Eingeborenen eingestreut waren. Unterholz war nur an wenigen Stellen
vorhanden und das Gelände durchaus flach. Es war wahrscheinlich,
daß der Feind, mochte er nun bei Ras Kasone allein oder gleichzeitig
an mehreren Stellen, zum Beispiel auch bei Mwambani, landen, einen
Druck gegen unseren südlichen, also rechten Flügel ausüben würde.
Auch für uns war hier südlich von Tanga die Aussicht auf größere
Bewegungsfreiheit durch die Beschaffenheit des Geländes gegeben. Ich
beschloß, den sicher zu erwartenden feindlichen Angriff am Ostrande von
Tanga anzunehmen und starke Reserven hinter unserem rechten Flügel zum
Gegenstoß gegen die feindliche Flanke zu staffeln.
Bei den verschiedenen Aufgaben galt es die Eigenart der Truppenteile
zu berücksichtigen. In der damaligen Zeit hatte jede Kompagnie noch
nach der Art ihrer Zusammensetzung und dem Standpunkte ihrer Ausbildung
ihr besonderes Gepräge. Die gute 6. Feldkompagnie, die im Frieden in
Udjidji auch mit Maschinengewehren eine sorgfältige Ausbildung im
Schießen erhalten hatte, wurde beauftragt, in einer breiten Front
den Ostrand von Tanga zu besetzen. Rechts rückwärts von dieser,
außerhalb Tanga, wurde das Bataillon Baumstark, bestehend aus der
aus Polizei gebildeten 16. und 17. Feldkompagnie sowie kleineren, zu
einer Kompagnie zusammengezogenen Formationen, gestaffelt. Rechts
rückwärts hiervon, an der Telegraphenstraße Tanga-Pangani, blieben
drei gute Kompagnien, nämlich die aus Europäern bestehende 7. und
8. Schützenkompagnie mit ihren drei Maschinengewehren sowie die 13.
Feldkompagnie mit ihren vier Maschinengewehren, zu meiner Verfügung.
Das Kommando selbst blieb zunächst an der Straße Tanga-Pangani und
schloß sich an die dortige Drahtleitung an. Die 4. und 9. Feldkompagnie
sowie die zwei Geschütze ~C~/73 (Batterie Hauptmann Hering) waren
noch im Anrollen und die Zeit ihres Eintreffens ungewiß. So verblieb
die Lage im wesentlichen bis zum Nachmittag. In der heißen Sonne der
Küstenzone litten wir nicht wenig unter Durst, stillten ihn aber
durch das Wasser der jungen Kokosfrüchte. Auch sonstige Getränke gab
es damals noch in Tanga; wir hatten noch Wein und Selterswasser.
Sogar warme Würstchen wurden den Truppen vom Schlächtermeister Grabow
gebracht.
Die Vorgänge bei den feindlichen Schiffen wurden dauernd scharf
beobachtet. Man sah jedes Boot, das von ihnen abstieß, und dessen
Besatzung. Ich schätzte die Summe der bis zum Mittag gelandeten Feinde
auf 6000. Aber auch bei dieser noch zu niedrigen Schätzung des Feindes
mußte ich mir die Frage vorlegen, ob ich es wagen durfte, mit meinen
tausend Gewehren einen entscheidenden Kampf aufzunehmen. Ich habe die
Frage aus verschiedenen Gründen bejaht. Es war zu wichtig, den Feind an
einem Festsetzen bei Tanga zu hindern. Wir würden ihm sonst die beste
Basis für Unternehmungen gegen die Nordbezirke überlassen; bei seinem
Vordringen würde er in der Nordbahn ein glänzendes Hilfsmittel für
seinen Nachschub haben, und immer neue Truppen und Kampfmittel könnten
bequem und überraschend heran- und vorgeführt werden. Dann war aber mit
Sicherheit zu erwarten, daß das Gebiet der Nordbahn für uns unhaltbar
würde, und unsere bisherige so erfolgreiche Art der Kriegführung mußte
aufgegeben werden. Gegen diese gewichtigen sachlichen Gründe mußten
enge Bedenken, wie der Befehl des Gouverneurs, die Beschießung von
Tanga unter allen Umständen zu vermeiden, zurücktreten.
Einige Umstände sprachen auch zu unseren Gunsten. Einmal war mir
persönlich von früher her, aus Ostasien, die Schwerfälligkeit
englischer Truppenbewegungen und englischer Gefechtsführung bekannt,
und es war sicher, daß diese Schwierigkeiten in dem sehr gedeckten und
dem Feinde unmittelbar nach seiner Landung ganz unbekannten Gelände
ins Unendliche wachsen würden. Die geringste Störung der Ordnung
mußte weitgehende Folgen nach sich ziehen. Ich hatte Aussicht, mit
meiner Truppe, deren Europäer die Gegend von Tanga gut kannten und
deren Askari im Busch zu Hause waren, die Schwächen des Feindes durch
geschicktes und schnelles Manövrieren auszunutzen.
Freilich, wenn die Sache unglücklich ablief, war es schlimm. Schon
bisher war die Art meiner aktiven Kriegführung mißbilligt worden.
Kam hierzu noch eine große Niederlage im Gefecht, so war es mit
dem Vertrauen der Truppe wahrscheinlich endgültig vorbei; und mit
Sicherheit würden mir auch von vorgesetzter Stelle aus unüberwindbare
Schwierigkeiten in der Kommandoführung bereitet worden sein. Mein
Entschluß war nicht leicht, und seine in der kriegerischen Lage
begründete Schwere wurde dadurch noch in unnötiger Weise vergrößert,
daß die Bestimmungen dem eigentlich verantwortlichen Führer nicht die
genügende Freiheit einräumten. Aber es half nichts: es mußte alles an
alles gesetzt werden.
Noch am Vormittag gab ich an Hauptmann von Prince persönlich den
Befehl, mit seinen zwei Europäerkompagnien nach Tanga hineinzurücken,
um bei einem Angriff gegen die am Ostrande des Ortes liegende
Askarikompagnie schnell und ohne Befehl eingreifen zu können. Schon
fing ich an zu zweifeln, ob der Feind am 4. November überhaupt noch
angreifen würde, als um 3 Uhr nachmittags ein Askari in seiner
einfachen und strammen Art die Meldung machte: „~Adui tajari.~“ (Der
Feind ist bereit.) Das kurze Wort werde ich niemals vergessen. Im
nächsten Moment ging gleichzeitig das Gewehrfeuer auf der ganzen
Front los, und man konnte auf den raschen Verlauf des Gefechts mit
seinem Hin- und Herwogen nur aus der Richtung des Knalles der Schüsse
Schlüsse ziehen. Man hörte, daß das Feuer sich vom Ostrande Tangas her
in die Stadt hineinzog: hier war also die 6. Kompagnie zurückgeworfen
worden. Bis dicht an den Bahnhof und in die Stadt hinein war der
Feind mit zwanzigfacher Übermacht vorgedrungen. Hauptmann von Prince
war mit seinen beiden Europäerkompagnien sofort vorgestürmt und
hatte die zurückgehenden braven Askari augenblicklich zum Stehen
und Wiedervorgehen gebracht. Das britische, nur aus Europäern,
langgedienten Mannschaften, bestehende North Lancashire-Regiment, 800
Mann stark, wurde mit schweren Verlusten zurückgeworfen, und auch
der zwischen diesem Regiment und dem Strande vorgehenden indischen
Brigade (Kaschmir-Schützen) wurden die von ihr genommenen Häuser in
hartnäckigem Straßenkampf entrissen. Aber auch südlich von Tanga hatte
Hauptmann Baumstark seine Kompagnien an der Front eingesetzt, und
nach etwa einstündigem Gefecht beobachtete ich, wie hier die Askari
durch die Palmen bis an die Straße Tanga-Pangani zurückgingen. Die
Europäer des Kommandos liefen sofort hin und brachten die Leute zum
Stehen. Ich sehe noch heute den temperamentvollen und zähen Hauptmann
v. Hammerstein vor mir, wie er voller Empörung einem zurückgehenden
Askari eine leere Flasche an den Kopf warf. Es waren ja schließlich
zum großen Teil junge, gerade erst aufgestellte Kompagnien, die hier
fochten und durch das starke feindliche Feuer verblüfft waren. Aber
als wir Europäer uns vor sie hinstellten und sie auslachten, kamen
sie schnell wieder zu sich und sahen, daß eben nicht jede Kugel traf.
Aber im ganzen war der Druck, der gegen unsere Front ausgeübt wurde,
doch so stark, daß ich glaubte, mit dem Herbeiführen der Entscheidung
nicht länger warten und zum Gegenstoß ansetzen zu müssen. Hierzu stand
allerdings nur eine einzige Kompagnie zur Verfügung, aber es war die
gute 13. Feldkompagnie. Die 4. Kompagnie, deren Ankunft ich von Minute
zu Minute sehnsüchtigst erwartete, war noch nicht eingetroffen.
Das bisherige Gefecht hatte gezeigt, daß der Feind sich mit seiner
in der Flanke ungesicherten Front nicht weiter nach Süden ausdehnte,
als der rechte Flügel unserer Front reichte. Hier also mußte ihn der
Gegenstoß vernichtend treffen, und jedem Teilnehmer wird der Moment
unvergeßlich sein, als hier die Maschinengewehre der 13. Kompagnie
mit ihrem Dauerfeuer einsetzten und den sofortigen Umschwung des
Gefechts herbeiführten. Die ganze Front raffte sich auf und stürzte
sich mit jubelndem Hurra vorwärts. Inzwischen war auch die 4. Kompagnie
eingetroffen; wenn sie infolge eines Mißverständnisses auch nicht noch
weiter über die 13. ausholend eingesetzt wurde, sondern sich zwischen
dieser und unserer Front einschob, so kam sie doch noch vor Dunkelheit
zum wirksamen Eingreifen. In wilder Flucht floh der Feind in dicken
Klumpen davon, und unsere Maschinengewehre, aus Front und Flanke
konzentrisch auf ihn wirkend, mähten ganze Kompagnien Mann für Mann
nieder. Mehrere Askari kamen freudig strahlend heran, über dem Rücken
mehrere erbeutete englische Gewehre und an jeder Faust einen gefangenen
Inder. Die Handfesseln aber, die wir bei diesen vorfanden, zum Gebrauch
an deutschen Gefangenen, wandte niemand von uns ihnen gegenüber an.
Man stelle sich diesen Augenblick vor: im dichten Walde, alle
Truppenteile, vielfach sogar Freund und Feind durcheinander gemischt,
die verschiedensten Sprachen durcheinander geschrien, und dazu die
rasch hereinbrechende tropische Dunkelheit, und man wird verstehen, daß
die von mir angesetzte Verfolgung gänzlich mißglückte. Ich hatte mich
auf dem rechten Flügel befunden und schnell die zunächst erreichbaren
Teile in der Richtung auf Ras Kasone zu energischem Nachdrängen
angesetzt. Dann hatte ich mich auf den linken Flügel begeben. Dort fand
ich von unseren Leuten fast nichts vor; erst nach längerer Zeit hörte
ich in der Nacht Schritte von den Nagelstiefeln einer Askariabteilung.
Ich war froh, endlich eine Truppe zu haben, wurde aber etwas
enttäuscht, als es eine Abteilung des rechten Flügels unter Leutnant
Langen war, die die Richtung auf Ras Kasone verfehlt hatte und so auf
unseren linken Flügel geriet. Aber nicht genug mit diesen Reibungen.
Auf unerklärliche Weise glaubte die Truppe auf einen Kommandobefehl
wieder in das alte Lager westlich von Tanga abrücken zu sollen. Erst
im Laufe der Nacht gewann ich am Bahnhof in Tanga Klarheit darüber,
daß fast alle Kompagnien dahin abmarschiert waren. Sie erhielten
selbstverständlich Befehl zu sofortiger Rückkehr. Leider war hierdurch
aber doch eine solche Verzögerung eingetreten, daß es nicht möglich
war, die Geschütze der nachträglich eingetroffenen Batterie Hering noch
in der Nacht bei Mondschein gegen die Schiffe in Wirkung zu bringen.
Erst am Morgen des 5. November trafen die Truppen, deren starke
Erschöpfung ja begreiflich war, wieder in Tanga ein und besetzten im
wesentlichen wieder die Stellung des vorigen Tages. Jetzt mit allen
Kräften gegen die feindliche Einschiffung bei Ras Kasone vorzurücken
war nicht angebracht, da die dortige Gegend ganz übersichtlich war und
von den beiden in unmittelbarer Nähe liegenden Kreuzern beherrscht
wurde. Aber den starken Patrouillen und einzelnen Kompagnien,
welche zur Störung des Feindes auf Ras Kasone vorgingen, gelang es
doch, einzelne Abteilungen des Feindes, einige seiner Boote und
auch das Deck des am Hospital liegenden Kreuzers überraschend unter
Maschinengewehrfeuer zu nehmen. Im Laufe des Tages verstärkte sich der
Eindruck immer mehr, daß die Niederlage des Feindes gewaltig gewesen
war. Zwar wurden die Verluste in ihrem vollen Umfange zunächst nicht
bekannt, aber die vielen Stellen, wo Hunderte und wieder Hunderte von
gefallenen Feinden sich häuften, sowie der Verwesungsgeruch, der unter
der Einwirkung der tropischen Sonne auf der ganzen Gegend lag, gaben
uns einen Anhalt. Wir schätzten den Verlust sehr vorsichtig auf etwa
800 Tote, ich glaube aber, daß diese Zahl viel zu niedrig ist. Ein
höherer englischer Offizier, der genau über Einzelheiten unterrichtet
war, hat mir später gelegentlich eines Gefechts, dessen englische
Verluste er auf 1500 Mann angab, gesagt, daß die Verluste bei Tanga
ganz erheblich größer gewesen seien. Ich halte sie jetzt mit 2000 Mann
noch für zu niedrig geschätzt. Größer noch war die moralische Einbuße
des Feindes. Er fing beinahe an, an Geister und Spuk zu glauben; noch
nach Jahren wurde ich von englischen Offizieren danach gefragt, ob wir
bei Tanga dressierte Bienen verwandt hätten, aber ich kann jetzt wohl
verraten, daß bei uns, bei einer Kompagnie, im entscheidenden Moment
alle Maschinengewehre durch diese „dressierten Bienen“ außer Gefecht
gesetzt wurden, wir also unter dieser Art der Dressur genau so gelitten
haben wie die Engländer.
Der Feind fühlte sich vollständig geschlagen und war es auch
tatsächlich. In wilder Auflösung waren seine Truppen geflohen, Hals
über Kopf in die Leichter gestürzt. Die Möglichkeit eines erneuten
Kampfes wurde überhaupt nicht erwogen. Aus Gefangenenaussagen und
aufgefundenen offiziellen englischen Schriftstücken ging hervor, daß
das gesamte englisch-indische Expeditionskorps, 8000 Mann stark, von
unserer wenig über 1000 Mann starken Truppe so vernichtend geschlagen
worden war. Erst am Abend wurde uns die Größe dieses Sieges vollständig
klar, als ein englischer Parlamentäroffizier, Hauptmann Meinertshagen,
erschien und mit dem von mir entsandten Hauptmann von Hammerstein über
Auslieferung von Verwundeten verhandelte. Hauptmann von Hammerstein
begab sich in das Hospital, das mit schwerverwundeten englischen
Offizieren angefüllt war, und genehmigte in meinem Namen, daß diese auf
ihr Ehrenwort, in diesem Kriege nicht mehr gegen uns kämpfen zu wollen,
von den Engländern abgeholt werden durften.
Die Beute an Waffen gestattete, mehr als 3 Kompagnien modern zu
bewaffnen, die 16 erbeuteten Maschinengewehre waren uns hierbei
besonders willkommen. Der Geist der Truppe und das Vertrauen in die
Führer hatte sich mächtig gehoben, und mit einem Schlage war auch
ich von einem großen Teil der Schwierigkeiten befreit, die sich als
hemmende Gewichte an die Führung hingen. Das dauernde Feuer der
Schiffsgeschütze, das in dem ganz unübersichtlichen Gelände wirkungslos
gewesen war, hatte in den Augen unserer braven Schwarzen seine
Furchtbarkeit verloren. Die Materialbeute war erheblich; außer den
600000 Patronen hatte der Feind sein gesamtes Telephongerät und so
viele Bekleidung und Ausrüstung liegen lassen, daß wir auf mindestens
ein Jahr unseren eigenen Ansprüchen, besonders an warmen Mänteln und
wollenen Decken, genügen konnten. Die eigenen Verluste, so schmerzlich
auch an sich, waren an Zahl doch gering. Etwa 16 Europäer, unter
ihnen auch der treffliche Hauptmann von Prince, und 48 Askari und
Maschinengewehrträger waren gefallen. Die Europäer wurden in einem
würdigen Kriegergrab unter dem Schatten eines prachtvollen Bujubaumes
bestattet, wo eine einfache Gedenktafel ihre Namen verzeichnet. Die
Ausräumung des Gefechtsfeldes und die Bestattung der Toten erforderte
mehrere Tage angestrengtester Arbeit für die ganze Truppe; die Straßen
waren buchstäblich besät mit Gefallenen und Schwerverwundeten. In
unbekannter Sprache flehten sie um Hilfe, die ihnen trotz besten
Willens nicht immer gleich gewährt werden konnte.
Auf unserem innerhalb von Tanga gelegenen Hauptverbandplatze hatte
unser männliches und weibliches Pflegepersonal im Feuer auch der
schweren Schiffsgeschütze Freund und Feind gewissenhaft versorgt.
Noch am Abend des 4. November hatte ich die Verwundeten aufgesucht.
Ich ahnte nicht, daß der Leutnant Schottstaedt, der hier mit
schwerem Brustschuß auf einem Stuhle saß, nur noch wenige Minuten
zu leben hatte. Der englische Leutnant Cook, vom 101. indischen
Grenadier-Regiment, lag mit schwerem Beinschuß da. Die Verwundung
dieses frischen jungen Offiziers, der im Brennpunkt des Gefechts auf
dem indischen linken Flügel in unsere Hände gefallen war, vermochte
seine heitere Stimmung nicht zu beeinträchtigen. Mit dem Hauptteil der
anderen Verwundeten wurde er im Feldlazarett Korogwe von unserem besten
Chirurgen, dem Stabsarzt ~Dr.~ Müller, dreiviertel Jahr lang behandelt.
Er ging bereits wieder umher, als ein unglücklicher Fall auf der Treppe
leider zu tödlichem Ausgange führte.
Die Gefechtstage von Tanga stellten zum erstenmal erhebliche Ansprüche
an die Verwundetenfürsorge. Zu diesem Zweck waren in Korogwe sowie
an verschiedenen anderen Orten der Nordbahn Lazarette eingerichtet
worden, zu denen die Kranken mit der Bahn ohne Umladen transportiert
werden konnten. Für den Transport waren besondere dauernde
Lazaretteinrichtungen nicht getroffen worden, und es hat auch niemals
Schwierigkeiten gemacht, das Erforderliche zu improvisieren.
Trotz der zweifellosen Niederlage bei Tanga war es doch wahrscheinlich,
daß die britische Zähigkeit diese Entscheidung nicht als eine
endgültige hinnehmen würde. Auch nach seiner Niederlage war der Feind
uns um ein Mehrfaches numerisch überlegen und ein Landungsversuch an
anderer Stelle nicht unwahrscheinlich. Eine Fahrt zu Rad am 6. November
in nördlicher Richtung, an die Mansabucht, überzeugte mich aber, daß
die feindlichen Schiffe hier offenbar nur zum Zweck der Pflege ihrer
Verwundeten und Beisetzung ihrer Toten eingelaufen waren und keine
Landung beabsichtigten. Die Schiffe fuhren dann auch bald in der
Richtung auf Zanzibar ab.
Interessant war mir dann ein kurzer Besuch in unserem
Regierungshospital bei Ras Kasone, das inzwischen von den auf
Ehrenwort entlassenen englischen Verwundeten geräumt worden war.
Es lagen hier unter anderen zwei am 3. November bei Tanga sowie
andere in einem früheren Gefecht verwundete deutsche Offiziere, die
die Vorgänge während des Hauptkampftages am 4. November hinter der
englischen Front vom Lazarett aus hatten beobachten können. Mit größter
Spannung hatten sie die Landung bei Ras Kasone und den Vormarsch
gegen Tanga verfolgt, hatten dann am Nachmittag das entscheidende
Einsetzen unseres Maschinengewehrfeuers und die Beschießung durch die
feindlichen Schiffsgeschütze gehört, sowie dicht am Hospital die wilde
Flucht des Feindes gesehen. Die zahlreich in der Nähe des Lazarettes
einschlagenden Geschosse hatten erfreulicherweise keinen Schaden
verursacht. Am 5. November, ganz früh, hatten sie plötzlich wieder
Geschützfeuer vernommen, und zwar von Tanga her; sie hatten erkannt,
daß es deutsche Geschütze sein müßten. Es waren dies unsere zwei
Kanonen ~C~/73, denen es zwar nicht mehr gelungen war, in der Nacht
bei Mondschein die englischen Transportschiffe aufs Korn zu nehmen,
die aber wenigstens nach Tagesanbruch noch einige erfolgreiche Treffer
anbringen konnten. Ein längeres Wirkungsschießen war leider nicht
möglich, da die Rauchentwicklung den Standpunkt der Geschütze sofort
verriet und das Feuer der Schiffsgeschütze auf sich zog.
Inzwischen war es klar geworden, daß der Angriff des Feindes bei
Tanga keine einzelne Unternehmung, sondern im größeren Rahmen
gleichzeitig mit anderen gedacht war. Nordwestlich des Kilimandjaro,
am Longidoberg, den Hauptmann Kraut mit 3 Askarikompagnien und einer
berittenen Europäerkompagnie besetzt hatte, erschienen im Morgennebel
des 3. November überraschend englische Truppen. Gerade als am Longido
heliographisch der Befehl eintraf, Hauptmann Kraut solle nach Moschi
abrücken, schlugen die ersten Geschosse ein. Der etwa tausend Mann
starke Feind hatte den in der freien Steppe gelegenen mächtigen
Longidoberg an mehreren Stellen unter der Führung von Massais
erstiegen, die unseren Posten zuriefen: „Wir sind Leute vom Hauptmann
Kraut.“ Aber unseren sich rasch entwickelnden drei Feldkompagnien
gelang es, die Teile des Feindes im felsigen Gelände zu umfassen und
rasch zurückzuwerfen. Eine feindliche berittene Europäerabteilung, die
in der Steppe am Fuße des Berges sichtbar wurde und diesen anscheinend
von Süden her ersteigen oder auf unsere Verbindung wirken wollte, wurde
unter wirksames Feuer genommen und schnell zurückgetrieben.
Wahrscheinlich im Zusammenhange mit diesen Ereignissen im Gebiete
der Nordbahn standen feindliche Unternehmungen am Viktoriasee. Ende
Oktober waren zahlreiche Wagandakrieger von Norden in den Bezirk Bukoba
eingedrungen. Zur Unterstützung ging am 31. Oktober eine Truppe von
670 Gewehren, 4 MG., 2 Geschützen von Muanza auf dem kleinen Dampfer
„Muanza“ mit 2 Schleppern und 10 Dhaus (Booten) ab. Kurz nach dem
Auslaufen wurde dieser Transport durch bemannte englische Dampfer
angegriffen, gelangte aber unbeschädigt nach Muanza zurück. Ein
englischer Landungsversuch bei Kajense, nördlich Muanza, scheiterte an
dem Feuer unserer Posten.
Es lag also Anfang November ein an mehreren Stellen großzügig
angelegter konzentrischer Angriff gegen unsere Kolonie vor. Sein
Scheitern erweckte in jedem die Erwartung, daß wir uns würden halten
können, so lange die Heimat hielt. Die lückenhaften Nachrichten aber,
die wir von dort auffangen konnten, flößten uns Zuversicht ein. Wir
hatten zwar zur Zeit des Gefechts bei Tanga den Namen Hindenburgs
noch nicht gehört, wußten aber auch nichts von dem Rückschlag an der
Marne und standen noch unter dem erhebenden Eindruck des siegreichen
Vormarsches nach Frankreich.
Fünfter Abschnitt
In der Erwartung weiterer Ereignisse