Wir fuhren dann weiter auf Ras Kasone zu, ließen im deutschen

Gouvernementshospital unsere Räder stehen und gingen zu Fuß an den

Strand, an dem dicht vor uns ein englischer Kreuzer lag. Auf unserem

Rückweg wurden wir am Hospital anscheinend von einem indischen Posten

-- wir konnten die Sprache nicht verstehen -- angerufen, sahen aber

nichts. Wir setzten uns auf die Räder und fuhren zurück. Der Tag begann

zu grauen, und linker Hand von uns hörten wir die ersten Schüsse

fallen. Es war dies die Offizierspatrouille des Leutnant Bergmann der

6. Feldkompagnie, die westlich Ras Kasone auf feindliche Patrouillen

gestoßen war. Einer meiner Radfahrer brachte nun an Hauptmann Baumstark

den Befehl, sogleich mit allen Truppen auf Bahnhof Tanga anzutreten.

Für die Art, wie ich das sicher bevorstehende Gefecht zu führen

gedachte, war die Beschaffenheit des Geländes mit ausschlaggebend. Im

Norden boten die Häuser der am Hafen gelegenen Europäerstadt Schutz

gegen Sicht und daher auch gegen das Artilleriefeuer der nahe gelegenen

Kreuzer. Umgeben war die Stadt von ununterbrochenen Kokospalmen- und

Kautschukpflanzungen, die sich fast bis Ras Kasone ausdehnten und

in die außer der Eingeborenenstadt auch einige Anpflanzungen von

Eingeborenen eingestreut waren. Unterholz war nur an wenigen Stellen

vorhanden und das Gelände durchaus flach. Es war wahrscheinlich,

daß der Feind, mochte er nun bei Ras Kasone allein oder gleichzeitig

an mehreren Stellen, zum Beispiel auch bei Mwambani, landen, einen

Druck gegen unseren südlichen, also rechten Flügel ausüben würde.

Auch für uns war hier südlich von Tanga die Aussicht auf größere

Bewegungsfreiheit durch die Beschaffenheit des Geländes gegeben. Ich

beschloß, den sicher zu erwartenden feindlichen Angriff am Ostrande von

Tanga anzunehmen und starke Reserven hinter unserem rechten Flügel zum

Gegenstoß gegen die feindliche Flanke zu staffeln.

Bei den verschiedenen Aufgaben galt es die Eigenart der Truppenteile

zu berücksichtigen. In der damaligen Zeit hatte jede Kompagnie noch

nach der Art ihrer Zusammensetzung und dem Standpunkte ihrer Ausbildung

ihr besonderes Gepräge. Die gute 6. Feldkompagnie, die im Frieden in

Udjidji auch mit Maschinengewehren eine sorgfältige Ausbildung im

Schießen erhalten hatte, wurde beauftragt, in einer breiten Front

den Ostrand von Tanga zu besetzen. Rechts rückwärts von dieser,

außerhalb Tanga, wurde das Bataillon Baumstark, bestehend aus der

aus Polizei gebildeten 16. und 17. Feldkompagnie sowie kleineren, zu

einer Kompagnie zusammengezogenen Formationen, gestaffelt. Rechts

rückwärts hiervon, an der Telegraphenstraße Tanga-Pangani, blieben

drei gute Kompagnien, nämlich die aus Europäern bestehende 7. und

8. Schützenkompagnie mit ihren drei Maschinengewehren sowie die 13.

Feldkompagnie mit ihren vier Maschinengewehren, zu meiner Verfügung.

Das Kommando selbst blieb zunächst an der Straße Tanga-Pangani und

schloß sich an die dortige Drahtleitung an. Die 4. und 9. Feldkompagnie

sowie die zwei Geschütze ~C~/73 (Batterie Hauptmann Hering) waren

noch im Anrollen und die Zeit ihres Eintreffens ungewiß. So verblieb

die Lage im wesentlichen bis zum Nachmittag. In der heißen Sonne der

Küstenzone litten wir nicht wenig unter Durst, stillten ihn aber

durch das Wasser der jungen Kokosfrüchte. Auch sonstige Getränke gab

es damals noch in Tanga; wir hatten noch Wein und Selterswasser.

Sogar warme Würstchen wurden den Truppen vom Schlächtermeister Grabow

gebracht.

Die Vorgänge bei den feindlichen Schiffen wurden dauernd scharf

beobachtet. Man sah jedes Boot, das von ihnen abstieß, und dessen

Besatzung. Ich schätzte die Summe der bis zum Mittag gelandeten Feinde

auf 6000. Aber auch bei dieser noch zu niedrigen Schätzung des Feindes

mußte ich mir die Frage vorlegen, ob ich es wagen durfte, mit meinen

tausend Gewehren einen entscheidenden Kampf aufzunehmen. Ich habe die

Frage aus verschiedenen Gründen bejaht. Es war zu wichtig, den Feind an

einem Festsetzen bei Tanga zu hindern. Wir würden ihm sonst die beste

Basis für Unternehmungen gegen die Nordbezirke überlassen; bei seinem

Vordringen würde er in der Nordbahn ein glänzendes Hilfsmittel für

seinen Nachschub haben, und immer neue Truppen und Kampfmittel könnten

bequem und überraschend heran- und vorgeführt werden. Dann war aber mit

Sicherheit zu erwarten, daß das Gebiet der Nordbahn für uns unhaltbar

würde, und unsere bisherige so erfolgreiche Art der Kriegführung mußte

aufgegeben werden. Gegen diese gewichtigen sachlichen Gründe mußten

enge Bedenken, wie der Befehl des Gouverneurs, die Beschießung von

Tanga unter allen Umständen zu vermeiden, zurücktreten.

Einige Umstände sprachen auch zu unseren Gunsten. Einmal war mir

persönlich von früher her, aus Ostasien, die Schwerfälligkeit

englischer Truppenbewegungen und englischer Gefechtsführung bekannt,

und es war sicher, daß diese Schwierigkeiten in dem sehr gedeckten und

dem Feinde unmittelbar nach seiner Landung ganz unbekannten Gelände

ins Unendliche wachsen würden. Die geringste Störung der Ordnung

mußte weitgehende Folgen nach sich ziehen. Ich hatte Aussicht, mit

meiner Truppe, deren Europäer die Gegend von Tanga gut kannten und

deren Askari im Busch zu Hause waren, die Schwächen des Feindes durch

geschicktes und schnelles Manövrieren auszunutzen.

Freilich, wenn die Sache unglücklich ablief, war es schlimm. Schon

bisher war die Art meiner aktiven Kriegführung mißbilligt worden.

Kam hierzu noch eine große Niederlage im Gefecht, so war es mit

dem Vertrauen der Truppe wahrscheinlich endgültig vorbei; und mit

Sicherheit würden mir auch von vorgesetzter Stelle aus unüberwindbare

Schwierigkeiten in der Kommandoführung bereitet worden sein. Mein

Entschluß war nicht leicht, und seine in der kriegerischen Lage

begründete Schwere wurde dadurch noch in unnötiger Weise vergrößert,

daß die Bestimmungen dem eigentlich verantwortlichen Führer nicht die

genügende Freiheit einräumten. Aber es half nichts: es mußte alles an

alles gesetzt werden.

Noch am Vormittag gab ich an Hauptmann von Prince persönlich den

Befehl, mit seinen zwei Europäerkompagnien nach Tanga hineinzurücken,

um bei einem Angriff gegen die am Ostrande des Ortes liegende

Askarikompagnie schnell und ohne Befehl eingreifen zu können. Schon

fing ich an zu zweifeln, ob der Feind am 4. November überhaupt noch

angreifen würde, als um 3 Uhr nachmittags ein Askari in seiner

einfachen und strammen Art die Meldung machte: „~Adui tajari.~“ (Der

Feind ist bereit.) Das kurze Wort werde ich niemals vergessen. Im

nächsten Moment ging gleichzeitig das Gewehrfeuer auf der ganzen

Front los, und man konnte auf den raschen Verlauf des Gefechts mit

seinem Hin- und Herwogen nur aus der Richtung des Knalles der Schüsse

Schlüsse ziehen. Man hörte, daß das Feuer sich vom Ostrande Tangas her

in die Stadt hineinzog: hier war also die 6. Kompagnie zurückgeworfen

worden. Bis dicht an den Bahnhof und in die Stadt hinein war der

Feind mit zwanzigfacher Übermacht vorgedrungen. Hauptmann von Prince

war mit seinen beiden Europäerkompagnien sofort vorgestürmt und

hatte die zurückgehenden braven Askari augenblicklich zum Stehen

und Wiedervorgehen gebracht. Das britische, nur aus Europäern,

langgedienten Mannschaften, bestehende North Lancashire-Regiment, 800

Mann stark, wurde mit schweren Verlusten zurückgeworfen, und auch

der zwischen diesem Regiment und dem Strande vorgehenden indischen

Brigade (Kaschmir-Schützen) wurden die von ihr genommenen Häuser in

hartnäckigem Straßenkampf entrissen. Aber auch südlich von Tanga hatte

Hauptmann Baumstark seine Kompagnien an der Front eingesetzt, und

nach etwa einstündigem Gefecht beobachtete ich, wie hier die Askari

durch die Palmen bis an die Straße Tanga-Pangani zurückgingen. Die

Europäer des Kommandos liefen sofort hin und brachten die Leute zum

Stehen. Ich sehe noch heute den temperamentvollen und zähen Hauptmann

v. Hammerstein vor mir, wie er voller Empörung einem zurückgehenden

Askari eine leere Flasche an den Kopf warf. Es waren ja schließlich

zum großen Teil junge, gerade erst aufgestellte Kompagnien, die hier

fochten und durch das starke feindliche Feuer verblüfft waren. Aber

als wir Europäer uns vor sie hinstellten und sie auslachten, kamen

sie schnell wieder zu sich und sahen, daß eben nicht jede Kugel traf.

Aber im ganzen war der Druck, der gegen unsere Front ausgeübt wurde,

doch so stark, daß ich glaubte, mit dem Herbeiführen der Entscheidung

nicht länger warten und zum Gegenstoß ansetzen zu müssen. Hierzu stand

allerdings nur eine einzige Kompagnie zur Verfügung, aber es war die

gute 13. Feldkompagnie. Die 4. Kompagnie, deren Ankunft ich von Minute

zu Minute sehnsüchtigst erwartete, war noch nicht eingetroffen.

Das bisherige Gefecht hatte gezeigt, daß der Feind sich mit seiner

in der Flanke ungesicherten Front nicht weiter nach Süden ausdehnte,

als der rechte Flügel unserer Front reichte. Hier also mußte ihn der

Gegenstoß vernichtend treffen, und jedem Teilnehmer wird der Moment

unvergeßlich sein, als hier die Maschinengewehre der 13. Kompagnie

mit ihrem Dauerfeuer einsetzten und den sofortigen Umschwung des

Gefechts herbeiführten. Die ganze Front raffte sich auf und stürzte

sich mit jubelndem Hurra vorwärts. Inzwischen war auch die 4. Kompagnie

eingetroffen; wenn sie infolge eines Mißverständnisses auch nicht noch

weiter über die 13. ausholend eingesetzt wurde, sondern sich zwischen

dieser und unserer Front einschob, so kam sie doch noch vor Dunkelheit

zum wirksamen Eingreifen. In wilder Flucht floh der Feind in dicken

Klumpen davon, und unsere Maschinengewehre, aus Front und Flanke

konzentrisch auf ihn wirkend, mähten ganze Kompagnien Mann für Mann

nieder. Mehrere Askari kamen freudig strahlend heran, über dem Rücken

mehrere erbeutete englische Gewehre und an jeder Faust einen gefangenen

Inder. Die Handfesseln aber, die wir bei diesen vorfanden, zum Gebrauch

an deutschen Gefangenen, wandte niemand von uns ihnen gegenüber an.

Man stelle sich diesen Augenblick vor: im dichten Walde, alle

Truppenteile, vielfach sogar Freund und Feind durcheinander gemischt,

die verschiedensten Sprachen durcheinander geschrien, und dazu die

rasch hereinbrechende tropische Dunkelheit, und man wird verstehen, daß

die von mir angesetzte Verfolgung gänzlich mißglückte. Ich hatte mich

auf dem rechten Flügel befunden und schnell die zunächst erreichbaren

Teile in der Richtung auf Ras Kasone zu energischem Nachdrängen

angesetzt. Dann hatte ich mich auf den linken Flügel begeben. Dort fand

ich von unseren Leuten fast nichts vor; erst nach längerer Zeit hörte

ich in der Nacht Schritte von den Nagelstiefeln einer Askariabteilung.

Ich war froh, endlich eine Truppe zu haben, wurde aber etwas

enttäuscht, als es eine Abteilung des rechten Flügels unter Leutnant

Langen war, die die Richtung auf Ras Kasone verfehlt hatte und so auf

unseren linken Flügel geriet. Aber nicht genug mit diesen Reibungen.

Auf unerklärliche Weise glaubte die Truppe auf einen Kommandobefehl

wieder in das alte Lager westlich von Tanga abrücken zu sollen. Erst

im Laufe der Nacht gewann ich am Bahnhof in Tanga Klarheit darüber,

daß fast alle Kompagnien dahin abmarschiert waren. Sie erhielten

selbstverständlich Befehl zu sofortiger Rückkehr. Leider war hierdurch

aber doch eine solche Verzögerung eingetreten, daß es nicht möglich

war, die Geschütze der nachträglich eingetroffenen Batterie Hering noch

in der Nacht bei Mondschein gegen die Schiffe in Wirkung zu bringen.

Erst am Morgen des 5. November trafen die Truppen, deren starke

Erschöpfung ja begreiflich war, wieder in Tanga ein und besetzten im

wesentlichen wieder die Stellung des vorigen Tages. Jetzt mit allen

Kräften gegen die feindliche Einschiffung bei Ras Kasone vorzurücken

war nicht angebracht, da die dortige Gegend ganz übersichtlich war und

von den beiden in unmittelbarer Nähe liegenden Kreuzern beherrscht

wurde. Aber den starken Patrouillen und einzelnen Kompagnien,

welche zur Störung des Feindes auf Ras Kasone vorgingen, gelang es

doch, einzelne Abteilungen des Feindes, einige seiner Boote und

auch das Deck des am Hospital liegenden Kreuzers überraschend unter

Maschinengewehrfeuer zu nehmen. Im Laufe des Tages verstärkte sich der

Eindruck immer mehr, daß die Niederlage des Feindes gewaltig gewesen

war. Zwar wurden die Verluste in ihrem vollen Umfange zunächst nicht

bekannt, aber die vielen Stellen, wo Hunderte und wieder Hunderte von

gefallenen Feinden sich häuften, sowie der Verwesungsgeruch, der unter

der Einwirkung der tropischen Sonne auf der ganzen Gegend lag, gaben

uns einen Anhalt. Wir schätzten den Verlust sehr vorsichtig auf etwa

800 Tote, ich glaube aber, daß diese Zahl viel zu niedrig ist. Ein

höherer englischer Offizier, der genau über Einzelheiten unterrichtet

war, hat mir später gelegentlich eines Gefechts, dessen englische

Verluste er auf 1500 Mann angab, gesagt, daß die Verluste bei Tanga

ganz erheblich größer gewesen seien. Ich halte sie jetzt mit 2000 Mann

noch für zu niedrig geschätzt. Größer noch war die moralische Einbuße

des Feindes. Er fing beinahe an, an Geister und Spuk zu glauben; noch

nach Jahren wurde ich von englischen Offizieren danach gefragt, ob wir

bei Tanga dressierte Bienen verwandt hätten, aber ich kann jetzt wohl

verraten, daß bei uns, bei einer Kompagnie, im entscheidenden Moment

alle Maschinengewehre durch diese „dressierten Bienen“ außer Gefecht

gesetzt wurden, wir also unter dieser Art der Dressur genau so gelitten

haben wie die Engländer.

Der Feind fühlte sich vollständig geschlagen und war es auch

tatsächlich. In wilder Auflösung waren seine Truppen geflohen, Hals

über Kopf in die Leichter gestürzt. Die Möglichkeit eines erneuten

Kampfes wurde überhaupt nicht erwogen. Aus Gefangenenaussagen und

aufgefundenen offiziellen englischen Schriftstücken ging hervor, daß

das gesamte englisch-indische Expeditionskorps, 8000 Mann stark, von

unserer wenig über 1000 Mann starken Truppe so vernichtend geschlagen

worden war. Erst am Abend wurde uns die Größe dieses Sieges vollständig

klar, als ein englischer Parlamentäroffizier, Hauptmann Meinertshagen,

erschien und mit dem von mir entsandten Hauptmann von Hammerstein über

Auslieferung von Verwundeten verhandelte. Hauptmann von Hammerstein

begab sich in das Hospital, das mit schwerverwundeten englischen

Offizieren angefüllt war, und genehmigte in meinem Namen, daß diese auf

ihr Ehrenwort, in diesem Kriege nicht mehr gegen uns kämpfen zu wollen,

von den Engländern abgeholt werden durften.

Die Beute an Waffen gestattete, mehr als 3 Kompagnien modern zu

bewaffnen, die 16 erbeuteten Maschinengewehre waren uns hierbei

besonders willkommen. Der Geist der Truppe und das Vertrauen in die

Führer hatte sich mächtig gehoben, und mit einem Schlage war auch

ich von einem großen Teil der Schwierigkeiten befreit, die sich als

hemmende Gewichte an die Führung hingen. Das dauernde Feuer der

Schiffsgeschütze, das in dem ganz unübersichtlichen Gelände wirkungslos

gewesen war, hatte in den Augen unserer braven Schwarzen seine

Furchtbarkeit verloren. Die Materialbeute war erheblich; außer den

600000 Patronen hatte der Feind sein gesamtes Telephongerät und so

viele Bekleidung und Ausrüstung liegen lassen, daß wir auf mindestens

ein Jahr unseren eigenen Ansprüchen, besonders an warmen Mänteln und

wollenen Decken, genügen konnten. Die eigenen Verluste, so schmerzlich

auch an sich, waren an Zahl doch gering. Etwa 16 Europäer, unter

ihnen auch der treffliche Hauptmann von Prince, und 48 Askari und

Maschinengewehrträger waren gefallen. Die Europäer wurden in einem

würdigen Kriegergrab unter dem Schatten eines prachtvollen Bujubaumes

bestattet, wo eine einfache Gedenktafel ihre Namen verzeichnet. Die

Ausräumung des Gefechtsfeldes und die Bestattung der Toten erforderte

mehrere Tage angestrengtester Arbeit für die ganze Truppe; die Straßen

waren buchstäblich besät mit Gefallenen und Schwerverwundeten. In

unbekannter Sprache flehten sie um Hilfe, die ihnen trotz besten

Willens nicht immer gleich gewährt werden konnte.

Auf unserem innerhalb von Tanga gelegenen Hauptverbandplatze hatte

unser männliches und weibliches Pflegepersonal im Feuer auch der

schweren Schiffsgeschütze Freund und Feind gewissenhaft versorgt.

Noch am Abend des 4. November hatte ich die Verwundeten aufgesucht.

Ich ahnte nicht, daß der Leutnant Schottstaedt, der hier mit

schwerem Brustschuß auf einem Stuhle saß, nur noch wenige Minuten

zu leben hatte. Der englische Leutnant Cook, vom 101. indischen

Grenadier-Regiment, lag mit schwerem Beinschuß da. Die Verwundung

dieses frischen jungen Offiziers, der im Brennpunkt des Gefechts auf

dem indischen linken Flügel in unsere Hände gefallen war, vermochte

seine heitere Stimmung nicht zu beeinträchtigen. Mit dem Hauptteil der

anderen Verwundeten wurde er im Feldlazarett Korogwe von unserem besten

Chirurgen, dem Stabsarzt ~Dr.~ Müller, dreiviertel Jahr lang behandelt.

Er ging bereits wieder umher, als ein unglücklicher Fall auf der Treppe

leider zu tödlichem Ausgange führte.

Die Gefechtstage von Tanga stellten zum erstenmal erhebliche Ansprüche

an die Verwundetenfürsorge. Zu diesem Zweck waren in Korogwe sowie

an verschiedenen anderen Orten der Nordbahn Lazarette eingerichtet

worden, zu denen die Kranken mit der Bahn ohne Umladen transportiert

werden konnten. Für den Transport waren besondere dauernde

Lazaretteinrichtungen nicht getroffen worden, und es hat auch niemals

Schwierigkeiten gemacht, das Erforderliche zu improvisieren.

Trotz der zweifellosen Niederlage bei Tanga war es doch wahrscheinlich,

daß die britische Zähigkeit diese Entscheidung nicht als eine

endgültige hinnehmen würde. Auch nach seiner Niederlage war der Feind

uns um ein Mehrfaches numerisch überlegen und ein Landungsversuch an

anderer Stelle nicht unwahrscheinlich. Eine Fahrt zu Rad am 6. November

in nördlicher Richtung, an die Mansabucht, überzeugte mich aber, daß

die feindlichen Schiffe hier offenbar nur zum Zweck der Pflege ihrer

Verwundeten und Beisetzung ihrer Toten eingelaufen waren und keine

Landung beabsichtigten. Die Schiffe fuhren dann auch bald in der

Richtung auf Zanzibar ab.

Interessant war mir dann ein kurzer Besuch in unserem

Regierungshospital bei Ras Kasone, das inzwischen von den auf

Ehrenwort entlassenen englischen Verwundeten geräumt worden war.

Es lagen hier unter anderen zwei am 3. November bei Tanga sowie

andere in einem früheren Gefecht verwundete deutsche Offiziere, die

die Vorgänge während des Hauptkampftages am 4. November hinter der

englischen Front vom Lazarett aus hatten beobachten können. Mit größter

Spannung hatten sie die Landung bei Ras Kasone und den Vormarsch

gegen Tanga verfolgt, hatten dann am Nachmittag das entscheidende

Einsetzen unseres Maschinengewehrfeuers und die Beschießung durch die

feindlichen Schiffsgeschütze gehört, sowie dicht am Hospital die wilde

Flucht des Feindes gesehen. Die zahlreich in der Nähe des Lazarettes

einschlagenden Geschosse hatten erfreulicherweise keinen Schaden

verursacht. Am 5. November, ganz früh, hatten sie plötzlich wieder

Geschützfeuer vernommen, und zwar von Tanga her; sie hatten erkannt,

daß es deutsche Geschütze sein müßten. Es waren dies unsere zwei

Kanonen ~C~/73, denen es zwar nicht mehr gelungen war, in der Nacht

bei Mondschein die englischen Transportschiffe aufs Korn zu nehmen,

die aber wenigstens nach Tagesanbruch noch einige erfolgreiche Treffer

anbringen konnten. Ein längeres Wirkungsschießen war leider nicht

möglich, da die Rauchentwicklung den Standpunkt der Geschütze sofort

verriet und das Feuer der Schiffsgeschütze auf sich zog.

Inzwischen war es klar geworden, daß der Angriff des Feindes bei

Tanga keine einzelne Unternehmung, sondern im größeren Rahmen

gleichzeitig mit anderen gedacht war. Nordwestlich des Kilimandjaro,

am Longidoberg, den Hauptmann Kraut mit 3 Askarikompagnien und einer

berittenen Europäerkompagnie besetzt hatte, erschienen im Morgennebel

des 3. November überraschend englische Truppen. Gerade als am Longido

heliographisch der Befehl eintraf, Hauptmann Kraut solle nach Moschi

abrücken, schlugen die ersten Geschosse ein. Der etwa tausend Mann

starke Feind hatte den in der freien Steppe gelegenen mächtigen

Longidoberg an mehreren Stellen unter der Führung von Massais

erstiegen, die unseren Posten zuriefen: „Wir sind Leute vom Hauptmann

Kraut.“ Aber unseren sich rasch entwickelnden drei Feldkompagnien

gelang es, die Teile des Feindes im felsigen Gelände zu umfassen und

rasch zurückzuwerfen. Eine feindliche berittene Europäerabteilung, die

in der Steppe am Fuße des Berges sichtbar wurde und diesen anscheinend

von Süden her ersteigen oder auf unsere Verbindung wirken wollte, wurde

unter wirksames Feuer genommen und schnell zurückgetrieben.

Wahrscheinlich im Zusammenhange mit diesen Ereignissen im Gebiete

der Nordbahn standen feindliche Unternehmungen am Viktoriasee. Ende

Oktober waren zahlreiche Wagandakrieger von Norden in den Bezirk Bukoba

eingedrungen. Zur Unterstützung ging am 31. Oktober eine Truppe von

670 Gewehren, 4 MG., 2 Geschützen von Muanza auf dem kleinen Dampfer

„Muanza“ mit 2 Schleppern und 10 Dhaus (Booten) ab. Kurz nach dem

Auslaufen wurde dieser Transport durch bemannte englische Dampfer

angegriffen, gelangte aber unbeschädigt nach Muanza zurück. Ein

englischer Landungsversuch bei Kajense, nördlich Muanza, scheiterte an

dem Feuer unserer Posten.

Es lag also Anfang November ein an mehreren Stellen großzügig

angelegter konzentrischer Angriff gegen unsere Kolonie vor. Sein

Scheitern erweckte in jedem die Erwartung, daß wir uns würden halten

können, so lange die Heimat hielt. Die lückenhaften Nachrichten aber,

die wir von dort auffangen konnten, flößten uns Zuversicht ein. Wir

hatten zwar zur Zeit des Gefechts bei Tanga den Namen Hindenburgs

noch nicht gehört, wußten aber auch nichts von dem Rückschlag an der

Marne und standen noch unter dem erhebenden Eindruck des siegreichen

Vormarsches nach Frankreich.

Fünfter Abschnitt

In der Erwartung weiterer Ereignisse

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 4 / 30 段