vormittags von Daressalam her schweres Artilleriefeuer ertönte. Nach
bald eingehenden Meldungen stammte es von zwei englischen kleinen
Kreuzern „Astraea“ und „Pegasus“, die den Funkenturm zum Ziel nahmen.
Dieser Turm lag an so exponierter Stelle, weil die Lage an der
Küste eine weitere Reichweite in das Meer hinaus ermöglichte; der
Turm in Daressalam war wichtig für uns, weil die im Bau befindliche
Groß-Station in Tabora noch nicht fertiggestellt war, und die zwei
kleineren Stationen von Muansa und Bukoba nur lokalen Wert hatten. Der
Turm wurde von den Engländern nicht getroffen, sondern durch uns selbst
in etwas zu großer Besorgnis, daß er dem Feinde in die Hände fallen
könnte, gesprengt. Nach kurzer Zeit brachte ein Beobachtungsoffizier
die Meldung, daß bei Kondutschi, einen Tagesmarsch nördlich Daressalam,
der Feind anscheinend eine Landung vorbereite. Bei der Gestaltung der
Küste war eine solche nicht unwahrscheinlich. Ich ordnete deshalb
sogleich den Abmarsch der vorhandenen sieben Askari-Kompagnien[3]
an, um die günstige Chance, den Feind dort bei einer Landung zu
überraschen, auszunutzen.
Noch ehe der Abmarsch angetreten war, sprach ich auf der Station Pugu
den Gouverneur Dr. Schnee im Eisenbahnzuge bei seiner Durchfahrt nach
Morogoro. Er zeigte sich von den Feindseligkeiten der Engländer ganz
überrascht und sehr einverstanden mit meiner Absicht, den Feind bei
Kondutschi anzugreifen. Auf dem Wege dahin begegnete ich zwei Herren
des Daressalamer Gouvernements, die mir ein Schreiben vorzeigten,
das Verhandlungen betreffs der Übergabe Daressalams an die Engländer
enthielt. Da mir der Gouverneur hiervon nichts mitgeteilt hatte, ich
außerdem ziemlich eilig war, sah ich nur flüchtig hinein. Ich kam nicht
auf den Gedanken, daß es sich hier um Abmachungen handeln könnte,
die der Gouverneur gebilligt hätte. Als aber die Truppe in der Nacht
auf einem Berge 16 Kilometer nördlich Daressalam angelangt war, und
wir am nächsten Morgen den Hafen und die davorliegenden englischen
Kreuzer übersahen, stellte sich heraus, daß die Meldung von einem
Landungsversuch in Kondutschi ein Irrtum gewesen war. Wir stellten
fest, daß die englischen Schiffe nach Land zu verkehrt hatten, und es
schien mir jetzt doch wahrscheinlich, daß Verhandlungen mit dem Feinde
stattfänden. Ich marschierte nun auf die Stadt vor; da ich befürchten
mußte, daß es in der Eile des Augenblicks vielleicht zu nachteiligen
Abmachungen in Daressalam kommen könnte, schickte ich den Hauptmann
Tafel hinein. Dieser sollte mitteilen, daß ich die vollziehende
Gewalt übernähme und daß Verhandlungen mit dem Feinde ausschließlich
durch mich zu gehen hätten. Erst durch Hauptmann Tafel erfuhr ich,
daß tatsächlich auf Anordnung des Gouverneurs Übergabeverhandlungen
geführt worden waren. Mein Eingreifen in diese wurde vom Gouverneur
nicht gebilligt, bei dem ja laut einer allerdings auf ganz andere
Verhältnisse zugeschnittenen Schutztruppenbestimmung die oberste
militärische Gewalt ruhte.
Praktisch hatte dies für den Augenblick keine Folgen. Nur einige
englische Marinemannschaften waren an Land gewesen und bereits wieder
an Bord gegangen. Für den Soldaten war es aber nicht erhebend, daß hier
unter den Augen einer tausend Mann starken guten Truppe ein Abkommen
geschlossen war, das uns in Daressalam jede feindliche Handlung
untersagte, während sich der Feind hierzu nicht verpflichtete, und daß
wir von einem in militärischer Hinsicht so wichtigen Schritte überhaupt
keine Kenntnis erhalten hatten.
Die „Königsberg“ war bereits vor mehreren Tagen aus dem Hafen von
Daressalam ausgelaufen, und das im Hafen liegende Vermessungsschiff
„Möve“ war am 8. August von ihrem Kommandanten gesprengt worden. Dies
bedeutete für uns an Land einen wertvollen militärischen Zuwachs, da
der Kommandant der „Möve“, Korvettenkapitän Zimmer, nunmehr unter
meinen Befehl trat. Oberleutnant z. S. Horn fuhr sofort mit einigen
Matrosen nach Kigoma und bemannte und armierte den kleinen Dampfer
„Hedwig von Wißmann“. Er jagte auf dem Tanganjika den belgischen
Dampfer „Delcommune“, den er nach einigen Tagen überraschte und
zusammenschoß, und sicherte uns hierdurch die außerordentlich
wichtige Beherrschung des Tanganjika-Sees. Die schnelle Verschiebung
von Truppen, die an der Zentralbahn standen, auf Bismarckburg oder
auf Usumbura zu war von der ungestörten Transportmöglichkeit auf
dem Tanganjika durchaus abhängig und hat im späteren Verlauf der
Operationen eine Rolle gespielt.
Im Norden des Schutzgebietes war die in Aruscha stehende 1. Kompagnie
durch die in schnellem Marsche von Kondoa heranrückende 13. Kompagnie
und eine aus Polizeiaskari in Moschi gebildete Kompagnie verstärkt
worden. Auch ein großer Teil der Europäer der Nordbezirke hatte sich
zu einer Abteilung unter dem Hauptmann von Prince zusammengetan.
Diese Truppen standen in der Hauptsache in der Gegend von Moschi. Das
östlich vorgelagerte, auf englischem Gebiet liegende Taveta war vom
Feinde besetzt; es kam darauf an, diesen wichtigen Punkt, dessen Besitz
für den Feind ein wertvolles Ausfalltor gegen unsere europäischen
Siedlungsgebiete des Nordens bedeutete, schnell zu nehmen. Es bedurfte
geraumer Zeit, bis es gelang, die Truppen hierzu in Bewegung zu setzen.
Viele glaubten, daß wir auf Grund der Kongoakte verpflichtet seien,
neutral zu bleiben, und hatten zu den Anweisungen des neuen Kommandeurs
wenig Vertrauen; erst am 15. August wurde endlich das schwach besetzte
Taveta genommen.
Der Verlauf des Gefechts bewies, daß die Truppe zu gemeinsamem,
einheitlichem Handeln in dem unübersichtlichen Buschgelände noch
sehr der Weiterbildung bedurfte. Den Befehl übernahm hier im Norden
Hauptmann Kraut, der sich zufälligerweise im nordöstlichen Grenzgebiet
zu Grenzregulierungen aufhielt. In den nächsten Tagen gelang es, auch
den Inhaber der obersten militärischen Gewalt dazu zu bewegen, der
Verschiebung der Hauptstreitkräfte zur Nordbahn zuzustimmen.
Diese an sich einfache Verschiebung erforderte unter den
damaligen Verhältnissen erhebliche Vorbereitungen. Es waren
wenige Deutsche zu finden, welche das ganze Gebiet zwischen
der Strecke Daressalam-Morogoro einerseits und Tanga-Mombo
andererseits so gut kannten, daß sie zuverlässige Angaben über Wege
und Verpflegungsverhältnisse machen konnten. Es war notwendig,
Erkundungsoffiziere auszusenden und so eine Anzahl brauchbare
Verpflegungsstraßen festzulegen. Die Ergebnisse dieser Erkundungen
konnten aber nicht alle abgewartet werden; die Märsche mußten
beginnen. Das Gebiet war nach europäischen Begriffen dünn besiedelt,
und bei dem vorhandenen Kartenmaterial waren die Verpflegungs- und
Wasserverhältnisse nur unter dem Gesichtspunkt vermerkt worden, ob
sie als Höchstgrenze für eine Kompagnie ausreichend wären. Man konnte
daher ohne Vorbereitungen nicht gut viel mehr als eine Kompagnie
ohne Tiefenstaffelung auf eine Straße setzen; die Geübtheit und
Gewandtheit im Beschaffen von Verpflegung, wie die Truppe sie gegen
Ende des Krieges besaß, war damals noch nicht vorhanden. Es kam im
großen und ganzen darauf hinaus, daß der Marsch und die Verpflegung
einer Kompagnie unter dortigen Verhältnissen ungefähr dieselben
Rücksichten verlangte, welche unter deutschen Verhältnissen eine
Division erfordert. Bei dieser Verschiebung war mit der Gefahr zu
rechnen, die darin bestand, daß die Kompagnien längere Zeit für Befehle
nicht erreichbar waren. Die einzige telegraphische Verbindung von der
Zentralbahn nach dem Norden lief unmittelbar längs der Küste und konnte
jederzeit unterbrochen werden, wenn der Feind es beabsichtigte.
Die Gewandtheit, mit der Postdirektor Rothe und Sekretär Krüger auf die
Wünsche der Truppe eingingen, sogleich den Bau der neuen Drahtlinie
Morogoro-Handeni-Korogwe in Angriff nahmen und sich hierbei von der
sonst in den Tropen üblichen Solidität unter dem Druck der Verhältnisse
vorübergehend frei machten, ermöglichte den Bau der Strecke in
wenigen Wochen. Wegen der Zerstörung durch Termiten werden im Frieden
grundsätzlich eiserne Telegraphenpfosten gesetzt, die wegen der
gerade in hiesiger Gegend zahlreichen Giraffen sehr hoch und mit sehr
starkem Leitungsdraht versehen sein müssen. Der zunächst notgedrungen
nur behelfsmäßige Bau und das Legen von Kabeln hatten unausgesetzte
Störungen und Reparaturen zur Folge.
Inzwischen eingegangene Meldungen vom Vorgehen kleinerer feindlicher
Abteilungen bei Jassini, zwei Tagemärsche nördlich Tanga, bestärkten
mich in dem Glauben, daß der Feind in dortiger Gegend eine Landung
vorhatte und dann schnell in das Innere längs der Nordbahn vordringen
würde. So waren die einzelnen Kompagnien von verschiedenen Punkten
der Bahnstrecke Daressalam-Mpapua abmarschiert und in der Hauptsache
konzentrisch auf Handeni, einige Teile gegen andere Punkte der Strecke
Tanga-Korogwe unterwegs, als ich in Pugu am 23. August nachmittags
von Oberleutnant von Chappuis, der mit der 17. Feldkompagnie gerade
bei Bagamojo lagerte, telephonisch angerufen wurde. Er meldete mir,
daß ein kleiner englischer Kreuzer vor Bagamojo läge und den dortigen
Leiter der Zivilverwaltung aufgefordert hätte, die Telegraphenstation
zu zerstören; widrigenfalls würde er den Ort beschießen. Ich gab an
Hauptmann von Chappuis Befehl, sogleich die vollziehende Gewalt zu
übernehmen und eine Landung des Feindes mit der Waffe zu verhindern.
Ein Boot des Kriegsschiffes, das unter Parlamentärflagge an Land
anlegen wollte, wurde daher abgewiesen, und die Folge war eine
Beschießung des Ortes. Der Kompagnie und den Eingeborenen machte diese
großen Spaß, da sie so gut wie ohne jedes Treffergebnis verlief.
Das Kommando begab sich Ende August mit der Bahn nach Kimamba bei
Morogoro. Unterwegs wünschte mir General Wahle, der von Morogoro aus
das Etappenwesen leitete, alles Gute für das entscheidende Gefecht,
das wir in Gegend Handeni erwarteten und zu dem auch sein Sohn
unterwegs war. Dann reiste das Kommando mit Hilfe zweier requirierter
Automobile weiter auf Handeni zu. Nach 30 Kilometer Fahrt mußte dieses
Transportmittel aufgegeben werden, da der angeordnete Ausbau der Straße
noch nicht genügend vorgeschritten war. Hauptmann von Hammerstein und
ich fuhren auf Fahrrädern weiter und überholten nach und nach die
marschierenden Kompagnien. Die vermutete Landung des Feindes bestätigte
sich nicht, und wir trafen Anfang September in Korogwe ein. In Tanga
war inzwischen ein englischer Kreuzer erschienen und hatte dort
liegende Leichter abgeschleppt.
Es galt nun das Verpflegungs- und Nachschubwesen der Truppe im Norden
zu organisieren. Der bisherige Feldintendant Hauptmann d. L. Schmid
war wegen Krankheit ausgefallen, und es war schwer, eine geeignete
Persönlichkeit zu finden. Glücklicherweise bot sich eine solche in
dem Hauptmann d. L. Feilke, dem langjährigen erfahrenen Leiter der
Prinz-Albrecht-Plantagen in Usambara, der sich in der Gegend von
Tanga aufhielt, wo er sich der Truppe zur Verfügung gestellt hatte.
Früher Adjutant des 8. Jägerbataillons, vereinigte dieser 52jährige
welterfahrene und geschickte Offizier aufs glücklichste die für den
schweren Posten eines Intendanten erwünschte militärische Vorbildung
und wirtschaftliche Begabung. Er kam sofort, und wir beide fuhren nach
Neumoschi. Dort traf ich den Hauptmann Kraut. Auf dem Kilimandjaro war
der Kleinkrieg durch Anlage von Verpflegungsdepots vorbereitet worden,
unsere Patrouillen gingen über Taveta hinaus in der Richtung auf die
britische Ugandabahn vor, und es war schon zu zahlreichen kleinen
Zusammenstößen gekommen. Die nötige Erfahrung für Fernpatrouillen,
wie sie in späterer Zeit so erfolgreich zu Bahnzerstörungen führten,
besaß aber die Truppe zur damaligen Zeit noch nicht. Die ersten
Patrouillengänger waren halb verschmachtet an der Ugandabahn
angelangt und gefangengenommen worden. Ich begab mich von Neumoschi
aus zum Himolager, wo Hauptmann von Prince in befestigter Stellung
stand. Er begleitete mich nach Taveta, das von einem vorgeschobenen
Offiziersposten besetzt war. An Ort und Stelle konnten wir nun die
Verlegung des Gros der Nordtruppe nach Taveta besprechen. Die dortige,
sehr zahlreiche Eingeborenenbevölkerung schenkte den von der Truppe
eingesetzten Verwaltungseuropäern durchaus ihr Vertrauen; die Leute
verkauften ihre Erzeugnisse weiter auf dem Markt, und das Verhältnis
war ein recht befriedigendes.
Schon bei Ausbruch des Krieges war an vielen Stellen die Befürchtung
vor Eingeborenenaufständen aufgetaucht. An der Zentralbahn entstanden
wilde Gerüchte über eine Erhebung der Wahehe -- es ist dies der
kriegerische Stamm, der in der Gegend von Iringa so lange der deutschen
Besitzergreifung getrotzt hatte --, und am Kilimandjaro wurde ein
Aufstand der Wadschagga befürchtet. Die große Anzahl der schwarzen
Arbeiter auf den europäischen Siedlungen der Nordgebiete wurde aus
Verpflegungsgründen ebenfalls von den Behörden für unzuverlässig
gehalten. Diese Befürchtungen haben sich aber sämtlich nicht bestätigt.
Später hat mir ein sehr intelligenter gefangener belgischer Askari
geradezu gesagt: „Du weißt ja, die Eingeborenen halten immer zu dem,
der der Stärkere ist“, und ein englischer Massai äußerte unumwunden:
„Uns ist es gleichgültig, ob die Engländer oder die Deutschen unsere
Herren sind.“
Erst später, nach dem Eindringen des Feindes, bildete der Eingeborene
eine wesentliche Gefahr für uns; dann war sie allerdings sehr groß. Der
Eingeborene hat ein feines Gefühl dafür, wann die wirkliche Macht von
der einen Hand in die andere übergeht.
Nach kurzer Rückkehr nach Korogwe rückte das Kommando dann nach
Neumoschi und bald darauf nach Taveta. Drei der an der Nordbahn
eingetroffenen Kompagnien der Zentralbahn wurden bei Tanga vereinigt,
die übrigen fünf in das Gebiet des Kilimandjaro befördert. Bei
Daressalam blieb zunächst nur Hauptmann von Kornatzki mit der neu
formierten 18. Feldkompagnie.
In der nächsten Zeit kam es zu Unternehmungen verschiedener fliegender
Kolonnen von Kompagniestärke, deren Zweck es war, die feindlichen
Abteilungen, die nach vorliegenden Meldungen die Wasserstellen des
angrenzenden englischen Gebietes besetzt hielten, zu vertreiben,
ihnen Verluste beizubringen und dadurch den Weg für unsere
Patrouillenunternehmungen gegen die Uganda- und Magadbahn frei zu
machen. So war Ende September Hauptmann Schulz mit seiner Kompagnie vom
Kilimandjaro aus den Tsavofluß abwärts marschiert, bis zur Ugandabahn
vorgedrungen und dort auf einen mehrere Kompagnien starken Gegner
gestoßen, der sich wahrscheinlich mit Hilfe der Bahn gesammelt hatte.
Nördlich des Kilimandjaro hatte Hauptmann Tafel mit seiner Kompagnie
und einer fünfzig Mann starken Europäerabteilung eine englische
Reiterkolonne verfolgt, war aber dann von dieser im dichten Busch
in seinem Lager am Engitoberge angegriffen worden. Es war das erste
ernsthaftere Gefecht unserer Askari hier im Norden. Obgleich der Feind
aus englischen und burischen Farmern, also guten Reitern und Schützen,
bestand, die mit dem Leben in der Steppe vertraut waren, gingen unsere
Askari ihm mit aufgepflanztem Seitengewehr so energisch zu Leibe, daß
von dem 80 Europäer starken Gegner ungefähr 20 tot liegen blieben,
sein Gesamtverlust also auf mindestens die Hälfte seiner Kopfzahl zu
schätzen war.
In gleicher Weise wie am Kilimandjaro führten auch die Unternehmungen
des Hauptmann Baumstark, der die drei bei Tanga versammelten Kompagnien
befehligte, zu Gefechten im Grenzgebiet zwischen Jassin und Mombassa.
Der Zweck aller dieser Unternehmungen war zugleich, über das in Frage
kommende Operationsgebiet die allernotwendigste Klarheit zu schaffen,
da diese Strecken im Frieden nicht erkundet und uns auch in bezug auf
Wasser- und Anbauverhältnisse unbekannt waren. Nach und nach wurde so
ein anschauliches Bild über Land und Leute geschaffen. Das englische
Grenzgebiet war längs der Küste gut besiedelt und reich angebaut.
Weiter im Innern hat es den Charakter der trockenen Dornsteppe mit
teilweise dichtem Busch. Aus der Steppe erheben sich eine Anzahl von
Gebirgszügen, die mehrfach in felsigen Massiven schroff aufsteigen. Die
Truppen waren in mehreren befestigten Lagern östlich des Kilimandjaro
untergebracht, das Kommando aber wegen der Schwierigkeit der Verbindung
von Taveta wieder nach Moschi zurückgekehrt.
Die Drahtverbindung zwischen Moschi und Taveta konnte der später
eintreffende Feldpostdirektor auf meine Frage nur als „niedlich“
bezeichnen. Die Isolatoren waren abgeschlagene Flaschenhälse, die auf
Stangen oder an Baumzweigen befestigt waren; der Draht war von den
Einzäunungen der Pflanzungen entnommen. Die Störungen waren aber doch
so erheblich, daß der große Nachrichten- und Meldeverkehr des Kommandos
mit dieser Leitung auf die Dauer nicht hatte bewältigt werden können.
Unser Verkehr mit der Außenwelt war seit Kriegsbeginn so gut wie
abgeschnitten; zwar nahmen wir anfangs die Funksprüche von Kamina, dann
unter günstigen Witterungsverhältnissen gelegentlich die Funksprüche
von Nauen auf; aber sonst waren wir bezüglich neuer Nachrichten auf das
Auffangen feindlicher Funksprüche und darauf angewiesen, feindliche
Post oder sonstige Papiere in unsere Hand zu bringen.
[3] Askari sind „Soldaten“, nicht ein besonderer Volksstamm.
Vierter Abschnitt
Die Novemberkämpfe bei Tanga
Erbeutete englische Zeitungen berichteten, daß Deutschland den Verlust
seiner geliebten Kolonien, seiner „Küchlein“, so besonders schmerzlich
empfinden würde und daß Deutsch-Ostafrika der „wertvollste Happen“ sei.
Erbeutete Post sprach von der demnächstigen Ankunft eines indischen
Expeditionskorps von 10000 Mann, und da ich sowieso aus allgemeinen
Erwägungen heraus schon immer mit einer feindlichen Landung größeren
Stiles in der Gegend von Tanga gerechnet hatte, reiste ich Ende
Oktober dorthin, fuhr mit meinem mitgenommenen Auto die Gegend ab und
besprach mich an Ort und Stelle mit Hauptmann Adler, dem Führer der
17. Kompagnie, sowie dem Bezirksamtmann Auracher. Erfreulicherweise
trat dieser meiner Auffassung bei, daß bei einer ernsthaften
Bedrohung Tangas vor allem einheitliches Handeln notwendig sei, und
ich versicherte ihm, daß ich selbstverständlich für alle hieraus
hervorgehenden Konsequenzen die Verantwortung übernähme. Dies war
besonders deshalb von Bedeutung, weil nach den gegebenen Anweisungen
des Gouverneurs eine Beschießung von Tanga unter allen Umständen
vermieden werden sollte. Die Ansichten darüber, was im gegebenen Fall
zu tun oder zu lassen sei, konnten also sehr verschieden sein.
Wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Neumoschi, am 2. November, wurde
von Tanga aus gedrahtet, daß 14 feindliche Transportschiffe und 2
Kreuzer vor Tanga erschienen seien. Diese verlangten die bedingungslose
Übergabe der Stadt; die Verhandlungen darüber zogen sich in die
Länge, da Bezirksamtmann Auracher, der an Bord gegangen war, darauf
aufmerksam machte, daß er besondere Weisung einzuholen habe, und das
angedrohte Bombardement durch die Bemerkung verhinderte, daß Tanga ein
offener und unverteidigter Ort sei. Hauptmann Baumstark, der mit zwei
Kompagnien nördlich Tanga im Grenzgebiet war, wurde sofort auf Tanga
in Marsch gesetzt. Ebenso wurden aus der Gegend von Taveta und vom
Kilimandjaro die beiden Europäerkompagnien und die Askarikompagnien
im Eilmarsch nach Neumoschi herangeholt. Zwei Lastautos, die zum
Verpflegungstransport auf der Strecke Neumoschi-Taveta dienten, taten
bei dieser Truppenverschiebung wertvolle Dienste. Meine Absicht, alle
verfügbaren Truppen gegen die zweifellos in Tanga bevorstehende Landung
mit größter Schnelligkeit dort zu sammeln, war trotz der den Truppen
zugemuteten, starken Märsche nur durchführbar, wenn die Nordbahn ihre
Leistungsfähigkeit auf das Äußerste anspannte, und das war bei den
wenigen Lokomotiven -- es waren nur acht -- viel verlangt. Die etwa
300 Kilometer lange Strecke ist eine Schmalspurbahn, auf der im voll
ausgelasteten Zuge von 24 bis 32 Achsen nur eine Kompagnie mit vollem
Gepäck oder zwei Kompagnien ohne Gepäck und ohne Träger befördert
werden konnten. Nur dem Entgegenkommen aller mit diesen Transporten
beschäftigten Personen -- ich nenne besonders den als Leutnant zur
Truppe eingezogenen Eisenbahnkommissar Kröber und den Betriebsdirektor
Kühlwein --, die die Züge bei Tanga bis auf das Gefechtsfeld und in
das Feuer hinein vorführten, ist es zu danken, daß diese Transporte
überhaupt ausgeführt werden konnten. Noch am 2. November wurden die
gerade in Neumoschi anwesenden Truppenteile, anderthalb Kompagnien,
mit der Bahn abtransportiert, am 3. morgens das Kommando mit einer
weiteren Kompagnie; drei andere Kompagnien folgten später. Ebenso
wurden alle kleineren Formationen des Bahnschutzes nach Tanga
herangezogen. Die Stimmung der abfahrenden Truppen war glänzend; dies
mag jedoch weniger darauf zurückzuführen sein, daß der Askari sich über
den Ernst der Lage klar war, als vielmehr darauf, daß für ihn eine
Eisenbahnfahrt unter allen Umständen ein großes Vergnügen bedeutete.
[Illustration: Bogenschütze]
Das Kommando traf am 3. November abends in Korogwe ein. Ich begab
mich zu dem dort eingerichteten Lazarett und sprach die aus dem
Gefecht von Tanga am 3. November zurückgekommenen Verwundeten. Einer
derselben, Oberleutnant d. L. Merensky, berichtete mir, daß am 2.
November bei Tanga Posten- und Patrouillengefechte in der Gegend von
Ras Kasone stattgefunden hatten und daß am 3. November ein anscheinend
mehrere tausend Mann starker Feind, der bei Ras Kasone gelandet war,
die 17. Kompagnie östlich von Tanga angegriffen hatte. Diese, durch
die Europäer und Polizeiaskari aus Tanga unter dem Oberleutnant
Auracher verstärkt, hatte dem Angriff standgehalten, bis die ersten
von Neumoschi eintreffenden anderthalb Kompagnien eingriffen, sofort
gegen die linke Flanke des Feindes vorstürmten und ihn zurückwarfen.
Oberleutnant Merensky hatte den Eindruck, daß der Feind vollständig
geschlagen und die Wiederholung eines Angriffes unwahrscheinlich wäre.
Die während der Eisenbahnfahrt stückweise eintreffenden Telegramme
hatten mir ein klares Bild der Lage nicht geben können, als das
Kommando am 4. November um 3 Uhr morgens 6 Kilometer westlich von Tanga
die Bahn verließ und dort den Hauptmann Baumstark antraf.
Dieser hatte die Lage anders beurteilt und glaubte bei der großen
Überlegenheit des Feindes, daß bei einem erneuten Angriff Tanga nicht
zu halten sei. Er hatte deshalb seine von Norden kommenden zwei
Kompagnien und die Teile, die am 3. November bei Tanga im Gefecht
gestanden hatten, am Abend dieses Tages 6 Kilometer westlich von Tanga
gesammelt und in der Stadt selbst nur Patrouillen belassen. Ob Tanga
frei oder vom Feinde besetzt war, darüber herrschte keine Klarheit.
Starke Offizierspatrouillen wurden sofort über Tanga hinaus auf Ras
Kasone zu vorgetrieben. Glücklicherweise hatte das Kommando einige
Fahrräder mitgebracht, und so konnte ich, um schnell Aufklärung durch
persönlichen Augenschein zu schaffen, sogleich mit Hauptmann von
Hammerstein und dem kriegsfreiwilligen ~Dr.~ Lessel zum Bahnhof
Tanga hinein vorfahren. Von der hier angetroffenen vorgeschobenen
Postierung der 6. Feldkompagnie konnte ich auch nichts Näheres über
den Feind erfahren und fuhr weiter durch die leeren Straßen der Stadt
vor. Die Stadt war vollständig verlassen, und die weißen Europäerhäuser
leuchteten in den Straßen, durch die wir fuhren, im klarsten
Mondschein. So erreichten wir den Hafen am jenseitigen Stadtrande;
Tanga war also frei vom Feinde. 400 Meter vor uns lagen hell erleuchtet
die Transportschiffe, auf denen großer Lärm herrschte: es war kein
Zweifel, daß die Landung unmittelbar bevorstand. Ich bedauerte sehr,
daß unsere Artillerie -- wir hatten nämlich auch zwei Geschütze
~C~/73 -- noch nicht zur Stelle war. Hier, im hellen Mondschein,
auf so nahe Entfernung, hätte sie trotz der Anwesenheit der feindlichen
Kreuzer vernichtend wirken können.