Die weiteren Reisen zeigten mir, daß das so überaus fruchtbare Gebiet

um Langenburg und Ssongea, wo sich viele Weizenfelder befinden und

dessen dichte Besiedlung sich auf der Karte schon aus den zahlreich

vorhandenen Missionen verrät, nur durch eine einzige Kompagnie

geschützt war, zu der nicht einmal eine unmittelbare Drahtverbindung

bestand. Wollte man Langenburg telegraphisch erreichen, so war dies von

Daressalam nur über Südafrika auf der englischen Linie möglich. Die

vorhandene heliographische Verbindung von Iringa bis Langenburg war

ihrer Unzuverlässigkeit wegen kein ausreichender Ersatz. Erwähnt mag

werden, daß in dem dortigen Gebiet die Eingeborenen nicht nur durch die

Missionen und die deutsche Verwaltung zur Kulturarbeit herangezogen

worden sind, sondern daß dort auch nennenswerte Eingeborenenindustrien

alteinheimisch bestehen. Bei eisenhaltigem Boden begegnet man

zahlreichen Schmieden, deren Blasebalg in ursprünglicher Weise aus

Fellen und durchbohrten Ästen gebildet ist. Recht schön sind auch die

Webearbeiten der Eingeborenen; Korbflechtereien gibt es hier wie fast

überall im Schutzgebiet. Ihre Erzeugnisse sind geschmackvoll und so

dicht, daß die Eingeborenen zum Trinken geflochtene Becher benutzen.

Die großen Viehbestände einiger europäischer Farmer -- es kommt hier

besonders Mbejahof zwischen Nyassa- und Tanganjika-See in Betracht --

litten bei den unentwickelten Verkehrsmitteln unter der Schwierigkeit

des Absatzes.

Bei der Mission Mbosi lagerte ich, und der dortige Missionar

Bachmann, ein langjähriger und ausgezeichneter Kenner von Land und

Leuten, erzählte mir, daß ein auffallender Wechsel in den Köpfen der

Eingeborenen vor sich ginge. Fremde Araber und Suaheli zeigten sich im

Lande und erzählten den Leuten, daß die Deutschen nun bald fortgehen

und die Engländer das Land in Besitz nehmen würden; das war im Juni

1914.

Die Weiterreise führte mich bei Iringa auch zu den Stätten, wo der

große Häuptling Kwawa in der ersten Zeit den Deutschen getrotzt

hatte, und bei Rugano konnten mir einzelne der zahlreich versammelten

Eingeborenen ihre eigenen Beobachtungen von der Vernichtung der

Zelewskischen Expedition an Ort und Stelle mitteilen.

Trotz des Bemühens, mich in den Umkreis meiner ostafrikanischen

Obliegenheiten einzuarbeiten, galt ich bei alten Afrikanern als

Neuling. Immerhin hatte mich meine Dienstlaufbahn in gewisser Art auf

die mir vom Schicksal gestellte Aufgabe vorbereitet.

Es mag ungefähr zu der Zeit gewesen sein, als ich, ein früh aus

der pommerschen Heimat verpflanzter Kadett, Cäsars Bellum Gallicum

studierte, daß dem deutschen Vaterlande durch Bismarck seine ersten

Kolonien geschenkt worden sind. Im Jahr 1899-1900 habe ich im

Generalstab unsere eigenen wie viele ausländische Kolonien bearbeitet.

Während der Chinawirren (1900-1901) lernte ich in Ostasien alle mit uns

kämpfenden Truppenkontingente, besonders auch die Engländer, dienstlich

wie kameradschaftlich kennen. Der Herero- und Hottentottenaufstand in

Südwestafrika führte mich (1904-1906) in die Eigenart des Buschkriegs

ein. Nicht nur mit Eingeborenen, sondern auch mit Buren machte ich

damals im Stabe des Generals v. Trotha wie als selbstständiger

Kompagnie- und Detachementsführer reiche persönliche Erfahrungen.

Die ausgezeichneten Eigenschaften des seit Menschenaltern in der

afrikanischen Steppe heimischen niederdeutschen Volksstammes gewannen

mir Achtung ab. Daß das Burentum später entscheidend -- und in gewissem

Sinne tragisch -- dabei mitwirken würde, den deutschen Teil Afrikas

englisch zu machen, ahnte ich nicht.

Im Jahre 1906 wurde ich in Südwest verwundet. Dies führte mich nach

Kapstadt, so daß ich auch die Kapkolonie oberflächlich kennenlernte.

Auf der Rückreise streifte ich damals auch die spätere Stätte meines

Wirkens, Deutsch-Ostafrika, zum erstenmal.

Meine spätere Stellung als Kommandeur des 2. Seebataillons in

Wilhelmshaven gab mir Einblicke in das innere Leben unserer kräftig

aufstrebenden Marine, die mit der deutschen Überseearbeit so eng

zusammenhing. Ich nahm an Übungen und Fahrten auf großen und

kleinen Schiffen, an Flottenmanövern und an einer Flottenreise nach

Norwegen teil, wobei sich immer neue Seiten des allgemeinen wie des

militärischen Lebens auftaten.

Auch bei der Rückkehr in die Armee gab mir der Wechsel zwischen Front-

und Stabsdienst viele Anregungen und Gelegenheit zu Vergleichen. So war

ich durch meine Entwicklung darauf geführt worden, mich rasch in neuen

Verhältnissen zurechtzufinden. So dankbar ich für jede Erweiterung

meines Gesichtsfeldes war, das Beste verdanke ich doch der heimischen

Armee, bei der es mir unter der Anleitung vortrefflicher Kommandeure

vergönnt war, den rechtverstandenen Geist militärischen Lebens und

echter Disziplin kennenzulernen.

[1] Askari heißt „Soldaten“ und bedeutet keinen besonderen Stamm.

[2] M. Merker, Die Massai, Berlin 1901 (2. Aufl. 1910).

Zweiter Abschnitt

Der Beginn des Krieges

Auf dem Weg über die Heliostation Kidodi auf Kilossa zu erhielt ich

Anfang August 1914 durch Eilboten ein Telegramm des Gouverneurs, ich

müsse sogleich nach Daressalam zurückkommen, und am nächsten Tage

die Nachricht, daß Seine Majestät die Mobilmachung befohlen habe,

der Kriegszustand sich aber nicht auf die Schutzgebiete bezöge. Ein

Telegramm des Staatssekretärs des Reichskolonialamtes forderte zur

Beruhigung der Ansiedler auf. Im Gegensatz hierzu nannte ein Funkspruch

des Admiralstabes auch England als voraussichtlichen Gegner.

In Kilossa gelang es, einen Güterzug zu erreichen, und so traf ich

am 3. August in Daressalam ein. Hier herrschte regste Tätigkeit; die

Kriegserklärung hatte mitten in die Vorbereitungen zu einer großen

Ausstellung hineingetroffen, zu deren Programm auch die feierliche

Eröffnung der Tanganjika-Bahn gehören sollte; zahlreiche Deutsche

waren zum Besuch in Daressalam eingetroffen und konnten nicht wieder

abreisen. Zum Zweck der Vorbereitungen zur Ausstellung war auch

Hauptmann von Hammerstein, Führer der 6. Feldkompagnie in Udjidji, dort

eingetroffen, und es war sehr günstig, daß ich diesen tätigen Offizier,

mit dem mich außer Gemeinsamkeit der Auffassung auch herzliche

persönliche Beziehungen verbanden, sogleich für die Mobilmachung in

Anspruch nehmen konnte.

[Illustration: Askari auf der Rast]

Die Frage, die sich sofort aufdrängte, war die, ob die Kolonie

in dem sicher bevorstehenden Weltkriege, in den ja mit größter

Wahrscheinlichkeit auch England eingreifen würde, neutral blieb oder

nicht. Wie im Anfang bereits ausgeführt, hielt ich es für unsere

militärische Aufgabe, feindliche, das heißt also englische Truppen zu

fesseln, wenn es irgend möglich war. Dies war aber unausführbar, wenn

wir neutral blieben. Es würde dann der Fall eintreten, daß wir, die

wir die See nicht beherrschten, mit unserer im Augenblick zwar kleinen

Truppe, hinter der aber eine über acht Millionen starke loyale, sehr

tüchtige und zum Militärdienst geeignete Bevölkerung stand, untätig

verbleiben müßten. Demgegenüber hätte England kein Interesse daran

gehabt, aus Rücksicht auf uns auch nur einen einzigen Mann in Ostafrika

zu verwenden. England hätte auch den letzten brauchbaren Askari,

soweit nicht Rücksicht auf die englische eingeborene Bevölkerung dies

beschränkte, zu anderen Kriegsschauplätzen, die wichtiger waren als

der ostafrikanische, heranziehen können. Es hätte also für England

zweifellos Vorteil gehabt, wenn irgend ein Abkommen uns zur Neutralität

verurteilt hätte; das war aber nicht der Fall. Die Kongoakte, die

sich auf die äquatorialen Gebiete bezieht, spricht nur davon, daß

bei Konflikten von zwei der in Betracht kommenden Mächte eine dritte

ihre guten Dienste zur Vermittlung anbieten könnte. Dies ist aber,

soweit mir bekannt, von keiner Seite geschehen. Wir waren also nicht

verpflichtet, unsere Operationen aus Rücksicht auf irgend ein Abkommen

zurückzuhalten. Vom militärischen Standpunkt aus war es nicht für uns,

sondern für England ein Nachteil, daß auch auf ostafrikanischem Boden

Krieg geführt wurde. Der Umstand, daß wir nicht neutral zu bleiben

brauchten, setzte uns in die Lage, mit unserer günstigen Küste dem

deutschen Kreuzerkrieg im Indischen Ozean als Stützpunkt und Zuflucht

zu dienen. Vor allem aber konnten wir mit unseren wenigen tausend

Mann während der ganzen Dauer des Krieges eine gewaltig überlegene

feindliche Truppenmacht fesseln.

Die Schutztruppe bestand bei Beginn des Krieges aus 216 Weißen (von

denen ein Teil als beurlaubt abzurechnen ist) und 2540 Askari; ferner

waren in der Polizeitruppe 45 Weiße, 2140 Askari; dazu kam später das

Personal von der „Königsberg“ (die anfänglich ausgelaufen war) mit 322

Mann, und der „Möve“ mit 102 Mann. Im ganzen wurden im Verlauf des

Krieges etwa 3000 Europäer zur Truppe eingezogen und etwa 11000 Askari.

In den angegebenen Zahlen ist auch alles enthalten, was nicht focht,

wie Polizeischutz, Sanitätspersonal, Magazinbeamte usw. Wie viele

Milliarden die versuchte Niederkämpfung unserer geringen Streitmacht

gekostet hat, wird ja von englischer Seite wohl einmal selbst dargelegt

werden. Dabei hätten wir den Krieg vermutlich noch Jahre lang

fortsetzen können.

Für die feindlichen Stärken stehen mir authentische Angaben nicht

zur Verfügung, und ich muß den englischen Offizieren und den

Pressemeldungen, auf die ich mich berufe, die Verantwortung für die

Richtigkeit überlassen. Nach diesen haben über 130 Generale gegen uns

im Felde gestanden, die Gesamtstärke der feindlichen Soldaten betrug

rund 300000; die Verluste an europäischen und indischen Toten 20000,

an Pferden und Maultieren 140000. Diese Zahlen, besonders die Zahl

der Generale, scheinen mir allerdings selbst etwas zu hoch gegriffen;

ich kann deswegen nur wiederholen, daß sie aus englischer Quelle

stammen. Jedenfalls sind es aber recht achtbare Verluste gewesen. Und

unter Berücksichtigung des Umstandes, daß die Zahl der gefallenen und

gestorbenen schwarzen Soldaten nicht bekannt gegeben ist, dürfte die

Gesamtzahl der feindlichen Toten nicht unter 60000 Soldaten betragen.

Der Gefechtskalender weist schon heute, obwohl die Nachrichten von

Tafel und Wintgens noch fehlen, mindestens tausend Gefechte auf.

Recht interessant war es, in Daressalam in jenen Tagen der Spannung die

Tätigkeit des englischen Konsuls King zu beobachten. Er war überall

zu sehen, sei es im Offizierskasino zu einer Partie Bridge oder auf

der Post, wo unsere Telegramme abgegeben wurden. Die später bei Tanga

erbeuteten Dienstvorschriften des englischen Expeditionskorps, die zum

großen Teil auf Kings Angaben beruhten, zeigten, wie rührig dieser

Mann in der Zeit vor dem Krieg gewesen war und wie ausgezeichnet er

über die inneren Verhältnisse unserer Kolonie Bescheid wußte. Seine

Beurteilung der einschlägigen Verhältnisse ging so weit, daß er die

Europäer verschiedener Gegenden in ihrem Kampfeswert gegeneinander

abwog und denen von Daressalam wenig Neigung zum Kampf (~stomach for

fighting~) zusprach. Wenn man ehrlich ist, muß man zugeben, daß es

bei einem großen Teil der dortigen Deutschen (und auch der dortigen

Behörden) tatsächlich einiger Zeit bedurft hat, bis sie von dem

kriegerischen Geist ergriffen wurden, ohne den die Erfüllung unserer

Aufgabe nun einmal nicht möglich war.

Recht schwierig war die Lage der von zahlreichen Europäern (dabei

vielen Frauen und Kindern) bewohnten Küstenorte, die ja einer

Beschießung durch englische Kriegsschiffe in jeder Minute ausgesetzt

waren. Der Gouverneur vertrat den Standpunkt, daß eine solche

Beschießung unter allen Umständen vermieden werden müßte. Gemäß einer

Bestimmung, die allerdings den Fall eines äußeren Krieges nicht

berücksichtigte, lag die oberste militärische Gewalt im Schutzgebiet

in den Händen des Gouverneurs, und beim Aufhören der Verbindung

mit der Heimat war es nicht möglich, hierin Wandel zu schaffen; ich

mußte mich mit dieser vom militärischen Standpunkt sehr erheblichen

Schwierigkeit abfinden und mit der Möglichkeit rechnen, daß bei genauer

Ausführung der Anweisungen des Gouverneurs beispielsweise Daressalam

und Tanga, also die Anfangspunkte unserer Eisenbahnen und die gegebenen

Stützpunkte für feindliche Operationen, die von der Küste aus ins

Innere gehen sollten, dem Feinde kampflos in die Hände fielen.

Nach meiner Auffassung konnten wir durch Bedrohung des Feindes in

seinem eigenen Gebiete unsere Kolonie am besten schützen. Wir konnten

ihn sehr wirksam an einer für ihn empfindlichen Stelle, der Ugandabahn,

fassen, und unsere zahlreiche deutsche Ansiedlerbevölkerung des

Gebietes unserer Nordbahn (Tanga-Moschi) stand hierzu gewissermaßen

aufmarschiert. Aber der von mir schon früher für den Kriegsfall

vorgeschlagenen Truppenversammlung im Norden am Kilimandjaro stimmte

der Gouverneur nicht zu. Es mußten aber doch, um überhaupt handeln zu

können, die über das ganze Gebiet zerstreuten Truppen zusammengerufen

werden. Da dies in dem von mir gewünschten Gebiet des Kilimandjaro

zunächst nicht erreichbar war, fand die Versammlung der Truppen

notgedrungen einen Tagesmarsch westlich Daressalam, auf den Höhen

von Pugu statt. Dort traf sich die Daressalamer Kompagnie mit den

teils im Fußmarsch, teils mit der Bahn herangezogenen Kompagnien aus

Kilimatinde, Tabora, Udjidji, Usumbura und Kissenji.

Die Polizei, welche nach den geringen für den Kriegsfall getroffenen

Vorbereitungen sofort zur Schutztruppe treten sollte, wurde wenigstens

zum Teil zur Verfügung gestellt, eine Anzahl gediente Askari

eingezogen, und so wurden sogleich vier neue Kompagnien (die Kompagnien

15 bis 18) aufgestellt.

Der Beurlaubtenstand an Deutschen wurde nach Bedarf eingezogen und jede

Kompagnie zu rund 16 Europäern, 160 Askari und 2 Maschinengewehren

formiert.

An einigen Stellen stieß die Einberufung der Europäer zur Waffe auf

Schwierigkeiten. Den Besatzungen einiger Schiffe der Ostafrikalinie,

die im Hafen von Daressalam lagen, wurde auf ihre Anfrage vom

Bahnhofskommandanten irrtümlicherweise geantwortet, daß für sie kein

Platz in der Truppe sei. Auf Veranlassung des stellvertretenden

Gouvernements wurde den Leuten dann ein Revers vorgelegt, nach dem

sie sich schriftlich verpflichten sollten, im Kriege neutral zu

bleiben. Nachträglich wurde den Mannschaften dieser Verstoß gegen

die Wehrpflicht klar, und auch ihr gesundes Empfinden sträubte sich

dagegen. Unter Darlegung der Verhältnisse wandten sie sich an mich, der

ich von diesen Vorgängen keine Ahnung hatte; glücklicherweise konnte

der geplante Akt noch rückgängig gemacht werden, da der Revers noch

nicht in die Hände des Feindes gelangt war.

Die Trägerausstattung der Kompagnien schwankte und wird

durchschnittlich ungefähr 250 betragen haben. Die im Hafen von

Daressalam ungeschützt lagernden Bestände an Waffen, Munition und

anderem Kriegsgerät wurden auf verschiedene Plätze des Inneren längs

der Bahn verteilt, wo Depots eingerichtet wurden.

Die Ausbildung der Truppen wurde sogleich mit Schwung betrieben,

und schon damals bewährte sich die von einem praktischen

Kompagnieführer, dem Hauptmann Tafel, angeregte Unkenntlichmachung

unserer Kopfbedeckungen durch Gras und Blätter. Es war natürlich die

Frage, ob es gelingen würde, mit unseren Askari auch gegen moderne

Truppen zu fechten; es wurde dies von manchem alten Landeskenner

bestritten. Nach Beobachtungen, die ich während des Aufstandes in

Südwestafrika 1904-1906 gemacht hatte, glaubte ich aber, daß auch in

dem ostafrikanischen Schwarzen, der ja derselben großen Familie des

Bantustammes angehört wie der Herero, Tapferkeit und militärische

Tüchtigkeit geweckt werden könnten. Es war das gewiß ein Wagnis; aber

dies vereinfachte sich dadurch wesentlich, daß uns gar nichts anderes

zu tun übrig blieb.

Alle Organisationsfragen, die sonst im Frieden sorgfältig vorbereitet

und durchdacht waren, mußten jetzt im Augenblick behandelt und

entschieden werden. Hierzu gehörte die außerordentlich wichtige

Regelung des Verpflegungswesens und des gesamten Nachschubs. Es kam

darauf an, die großen, auch militärisch wichtigen Straßen in erster

Linie zu berücksichtigen. Welche Straßen würden dies wohl sein?

Zunächst stellte sich heraus, wie nachteilig es war, daß zwischen dem

Gebiet der Zentralbahn und der Usambarabahn keine Schienenverbindung

bestand. Der Verkehr zwischen beiden hatte sich im Frieden zu

Schiff von Daressalam nach Tanga abgespielt; jetzt war uns diese

Möglichkeit unterbunden. Augenscheinlich war an die Wichtigkeit

einer militärischen Benutzung der Bahnen nicht gedacht worden. Als

Ersatz mußten wir eine Etappenstraße zwischen Morogoro und Korogwe

an der Nordbahn ausbauen. Die zweite Straße führte westlich des

Massai-Reservates entlang von Dodoma über Kondoa-Irangi, Ufiome

nach Aruscha, und die dritte aus dem reichen Gebiet von Tabora, der

Hauptstadt des Wanjamwesilandes, nach Muansa am Viktoriasee und damit

in das Gebiet der auch vom Konsul King als wichtigsten unserer Stämme

erkannten Wassukuma. Diese Verbindung war auch deshalb bedeutungsvoll,

weil sie uns außer den reichen Viehbeständen die Reisernte vom

Viktoriasee zuführte. Andere Linien verbanden Kilossa mit den reichen

Gebieten von Mahenge, Iringa und sogar Langenburg, welches uns einen

großen Teil des Bedarfs an Weizenmehl lieferte.

Nachdem die erste Organisation des Nachschubwesens im großen und

ganzen hergestellt war, war es nicht möglich, dies auch weiterhin

in seinen Einzelheiten vom Kommando aus zu leiten. Es mußte eine

Persönlichkeit gefunden werden, die auf Grund ihrer militärischen

Vergangenheit geeignet war, das Nachschubwesen nicht nur vom Standpunkt

der Verwaltung aus, sondern auch den oft sehr drängenden militärischen

Bedürfnissen entsprechend zu leiten und diesen anzupassen.

Generalmajor z. D. Wahle, der zum Besuch seines Sohnes und der

Daressalamer Ausstellung zufällig am 2. August eingetroffen war,

stellte sich sofort der Truppe zur Verfügung und übernahm auf meine

Bitte die Etappenleitung. Seine Aufgabe war deshalb besonders

schwierig, weil da, wo keine Eisenbahnen waren, im wesentlichen nur

die eingeborenen Träger benutzt werden konnten. Mir stehen über die

Zahlen der für die Zwecke der Truppe in Anspruch genommenen Träger

keine Angaben zur Verfügung. Es ist auch sehr schwer, diese Zahlen

irgend wie festzulegen. Es gehörten Leute dazu, die nur die Lasten von

einem Ort zum andern trugen, ehe sie der ständige Träger übernahm,

aber ich übertreibe sicherlich nicht, wenn ich sage, daß im ganzen

Hunderttausende von Trägern für die Truppe tätig gewesen sind, die doch

auch alle verpflegt und ärztlich versorgt werden mußten.

Von den vielen anderen Schwierigkeiten mag noch eine von besonderer Art

erwähnt werden. Das Friedensleben der Europäer in tropischen Kolonien

hatte sie aus gesundheitlichen Rücksichten an einen gewissen Komfort

gewöhnt. Europäische Verpflegung kann man in Ostafrika, wenn man auf

Safari (Reise) ist, im allgemeinen nicht kaufen; nur wenige Europäer

hatten es gelernt, von den Früchten, welche der Farbige oder die

Natur lieferten, zu leben. Unterkunftsmöglichkeiten gibt es selten.

Gegen die Moskitos muß man aber geschützt sein. So reiste der weiße

Beamte oder Militär kaum mit weniger als 11 Trägern, die außer seinem

Zelt, Feldbett und Kleidung auch eine erhebliche Menge an Verpflegung

trugen. So hohe Trägerzahlen waren aber für eine Truppe, die beweglich

sein sollte, eine Unmöglichkeit. Eine weitere Schwierigkeit ergab

sich daraus, daß fast jeder Askari einen Boy hatte. An solchen

Desturis (Sitten) zu rütteln, ist bei den naiven Leuten, die durch die

Denkungsweise des Islam noch besonders im Festhalten an ihrer alten

Überlieferung bestärkt werden, und die außerdem einen großen Stolz und

viel Eitelkeit besitzen, besonders schwierig. Es war im einzelnen Falle

für den Kompagnieführer nicht immer leicht, hier einen Mittelweg zu

finden.

In dem Tropenkriege, der uns bevorstand, spielte die ärztliche

Versorgung eine Hauptrolle. Der Eingeborene ist im allgemeinen

gegen Malaria in hohem Maße immunisiert, und es kommt selten vor,

daß ein Askari daran wirklich erkrankt; manche Stämme aber, die in

hochgelegenen, malariafreien Gegenden wohnen, wie beispielsweise

die Wadschagga am Kilimandjaro, die deshalb nicht von Jugend auf

immunisiert sind, leiden stark an Malaria, sobald sie in die Ebene

herunterkommen. Für jeden Europäer wurde von den Abendstunden bis in

den Morgen hinein gegen die Malariamücke (~Anopheles~) streng auf

mechanischen Schutz durch ein Moskitonetz gehalten. Ich habe viele

Monate am Boden geschlafen, und das Moskitonetz hat mich auch da in

hohem Grade geschützt: allerdings habe ich doch zehnmal die Malaria

gehabt; denn im Felde ist es nicht immer möglich, die Schutzmaßregeln

so anzuwenden, wie es vom gesundheitlichen Standpunkt aus erwünscht

ist. Um möglichst jede Kompagnie mit einem Arzt versehen zu können, war

es uns hochwillkommen, daß eine stattliche Anzahl Sanitätsoffiziere

sich zum Studium und zur Bekämpfung der Schlafkrankheit am Tanganjika

und in den südlichen Gebieten, am Rovuma, befand.

Der Betrieb, den diese ganze Tätigkeit der Mobilmachung mit sich

brachte, hielt auch den Eingeborenen am Telephon zu Pugu Tag und Nacht

in Atem, und es war erstaunlich, mit welcher Gewandtheit hier und

anderswo der Eingeborene seinen Apparat bediente. Seine große Begabung

für Technik hat uns die wertvollsten Dienste geleistet. Reibungen gab

es natürlich unendlich viele. Es kam in den ersten Tagen vor, daß Vieh,

das aus der Gegend nördlich von Tabora nach Daressalam zur Versorgung

der dortigen Zivilbevölkerung geschafft wurde, anderm Vieh begegnete,

das gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung für Truppenzwecke ging.

Ich spüre es noch heute einigermaßen in den Gliedern, wie auf Station

Pugu ein solcher, mit schönstem Ausstellungsvieh beladener Zug mit

voller Fahrt in einen anderen, worin ich mich befand, hineinfuhr und in

dem zur Bearbeitung der Mobilmachung notwendigen Personal beinahe eine

recht fühlbare Verminderung angerichtet hätte.

Unser Sammelplatz Pugu liegt etwa 20 Kilometer landeinwärts von

Daressalam. Hier war unser Lager am Anstieg der Puguberge. Der Wald

ist außerordentlich dicht und das Land mit Eingeborenen- und auch

Europäerpflanzungen stark besiedelt. Trotz der etwas erhöhten Lage

befindet sich Pugu durchaus in der heißen Küstenzone, und obgleich wir

im August noch in der kühlen Jahreszeit standen, war die Temperatur

doch so, wie wir sie mit dem Ausdruck „tropisch“ bezeichnen: es ist die

drückende, etwas feuchte Hitze, die für den Europäer größere Märsche

sehr anstrengend macht.

Wir hatten in jener Zeit für die Europäer noch Zelte und für jeden ein

Feldbett mit dem unvermeidlichen Moskitonetz, so daß in dieser Hinsicht

keine Schwierigkeiten bestanden. Für Krankheitsfälle wurde in der nahen

Pflanzung Wichmann ein vorläufiges Feldlazarett eingerichtet. Unsere

Pferde hatten nicht übermäßig zu leiden. Aber doch erkrankten alle

unsere Tiere nach und nach an Tsetse. Den Schutz, den wir in Daressalam

den Tieren durch einen Tsetse-sicheren Stall gegeben hatten, der mit

Drahtgitter in Art der Fliegenfenster versehen war, konnten wir hier im

Feldlager ihnen nicht mehr verschaffen.

Dritter Abschnitt

Die ersten Kämpfe

Meine Erinnerungen aus Ostafrika · 第 2 / 30 段