XXVIII.

Der Verbrechertisch in der »Guten Quelle«.

Nach der gewaltsamen Niederwerfung des Volksaufstandes von 1849 begann

im politischen Leben unseres Vaterlandes eine lange trübe Zeit.

Tod, langjähriges Zuchthaus, freiwillige oder gezwungene Verbannung

traf Diejenigen, welche sich am Aufstand -- sei es mit den Waffen in

der Hand, sei es durch Wort oder Schrift -- betheiligt hatten, und

doch waren unter denselben ein großer Theil, die man zu Deutschlands

besten Männern zählen konnte und welche nur zu den Waffen griffen, um

den Traum von Deutschlands Einheit schon damals zur Wirklichkeit zu

machen. Wie ein Alp lag es damals viele Jahre lang auf den Gemüthern

frei denkender Männer, und selbst die Presse wagte es, angesichts

einer streng gehandhabten Censur, nur ganz schüchtern, die geheimen

Herzenswünsche der Nation dann und wann zum bescheidenen Ausdruck zu

bringen. Indessen schmachteten viele, viele wackere Männer in den

Gefängnissen Deutschlands, und ein Jahrzehnt und darüber verging, ehe

auch ihnen das goldene Licht der Freiheit wieder leuchtete.

Den Männern aber, denen es beschieden war, wenn auch theilweise erst

nach vielen Jahren, nach unendlichen Leiden und harter Kerkerhaft

wieder in das bürgerliche Leben ihrer Heimath und zu den Ihren

zurückzukehren, lohnte das Volk auch mit treuer Verehrung und

Anhänglichkeit, und die deutsche Jugend blickte bewundernd und ihren

Worten achtungsvoll lauschend zu ihnen empor. Ja, jenen Männern war es

zum großen Theile mit zu verdanken, daß die Ideale der deutschen Nation

nicht verblaßten, sondern immer gewaltiger anwuchsen, bis -- freilich

erst nach hartem Ringen und aus einem Meere von Blut -- endlich diese

Ideale sich verkörperten und der deutsche Aar siegreich emporstieg, das

neue deutsche Reich erstand.

Es ist natürlich, daß sich diese Männer in ihren Wohnorten meist

gesellig zusammenfanden, um ihre Erinnerungen gegenseitig auszutauschen

und gemeinschaftlich von einer freundlicheren Zukunft zu plaudern.

Auch in unserm Leipzig fand sich im Anfang der sechziger Jahre ein

solcher Kreis von Gesinnungs-Genossen und Leidensgefährten zusammen,

und sowohl der weitberühmte Gelehrte, wie der einfache Mann des

Handwerks war darin vertreten. Groß war der Kreis nicht, denn gar viele

»Begnadigte« hatten doch noch eine neue Heimath jenseits des Meeres

gesucht; aber er hielt treu zusammen und war unter dem Namen »_der

Verbrechertisch in der guten Quelle_« männiglich gar wohl bekannt.

Damals wirthschaftete der bei allen alten Leipzigern gar

beliebte »Vater Grun« in dem noch jetzt bestehenden großen

Restaurations-Etablissement, und bei ihm, dem selbst durch und durch

deutsch gesinnten Manne, fanden auch jene so lange Geächteten ihr

dauerndes freundliches Heim.

Gleich links vom Eingang ins Local war eine nischenartige Ecke, so

recht geschaffen für eine trauliche Tafelrunde; an den beiden Wänden

befanden sich Bänke mit Ledersitzen, vorn herum hochlehnige Stühle und

in der Mitte ein großer runder Tisch. Das war der »Verbrechertisch« in

der »Guten Quelle«. Wer pflegte nun dort zu sitzen? Da war zunächst

_Roßmäßler_, mit dem feinen durchgeistigten Gesicht und dem langen

schneeweißen Vollbart, Professor der Naturgeschichte an der Akademie

zu Tharandt, gediegener und äußerst fruchtbarer Schriftsteller auf

diesem Gebiete und ebenso bekannt als Volksschriftsteller der

damaligen freisinnigen Richtung, ferner 1848 Mitglied des Frankfurter

Parlamentes und nahm auch am Rumpfparlament zu Stuttgart Theil.

Wegen dieses letzteren Schrittes seines Amtes entsetzt, lebte er

von da an in Leipzig, wo er 1806 geboren war, bis zu seinem bereits

1867 erfolgten Tode. Sein Platz am Verbrechertisch war zugleich

der Ehrensitz, hinten an der Wand und ihm als Aeltestem von den

Anderen zugetheilt worden. Den Platz neben ihm hatte ein anderer

Weißkopf inne, dessen mildes freundliches Angesicht vorzüglich

alle Kinderherzen sofort zu ihm hinzog. Es war der Dichter und

Schriftsteller _Friedrich Hofmann_, damals als langjähriger Mitarbeiter

und Redacteur der »Gartenlaube« männiglich als »Gartenlauben-Hofmann«

bekannt, allen Kinderfreunden aber durch seine herzigen Kinderlieder

unvergeßlich. Links von Professor Roßmäßler saßen zwei Männer, die

sich so ähnlich sahen, daß man sie sofort als Brüder erkannte. Es

waren die _Gebrüder Dolge_. Beide hatten sich am Aufstand, mit der

Waffe in der Hand, betheiligt; während aber die Strafe des einen

Moritz Dolge (später Schnittwaarenhändler zu Leipzig, außerdem viele

Jahre Mitglied des Stadtverordneten-Collegiums und des Direktoriums

des damaligen Vorschußvereins, der jetzigen Creditbank) † 1872 in

Leipzig, verhältnißmäßig mild ausfiel, brachte der ältere Bruder August

Dolge viele Jahre im Zuchthause zu Waldheim zu. Beide, ursprünglich

einfache Handwerksgesellen, waren hochintelligente Leute. August

Dolge, seines Zeichens Tischler und Instrumentenbauer, wurde, als am

Aufstand betheiligter Kriegsreservist gefangen, ließ sich aus seiner

Zelle im Schloß Pleißenburg an einer Leine herab, um zu entfliehen.

Leider riß aber der Strick in der Höhe von zwei Stockwerken und Dolge

stürzte in der Gegend, wo jetzt die beiden Getreidethürme stehen,

also am Ausgang der Pleißenburg nach der Burgstraße zu, herab auf das

Straßenpflaster und brach hierbei ein Bein. Hierauf wieder gefangen,

wurde er erst zum Tode verurteilt und brachte dann lange Jahre im

Zuchthaus zu. Zu Anfang der sechziger Jahre endlich begnadigt, schwang

er sich lediglich durch eigene Energie und Thatkraft zum bedeutenden

Pianofortefabrikanten und Chef eines Welthauses dieser Branche in die

Höhe. Er ging später nach Nordamerika, wo seine Fabrikanlagen einen

solchen Umfang angenommen haben, daß dieselben zu einer besonderen

Stadt anwuchsen, welche nach dem Gründer »Dolgeville« heißt und

lebt noch jetzt daselbst. Er hat aber Alt-Leipzig eine gar treue

Anhänglichkeit bewahrt, denn trotz seines hohen Alters kommt er alle

paar Jahre einmal von Drüben herüber zum Besuch und ist denn stets

ein hochgefeierter Gast der hiesigen Insulanerriege (auf welche wir

später in einem besonderen Artikel noch zurückkommen werden). Der

frühere braune Bär »August« sowohl, der im zoologischen Garten seinen

eigenen Käfig hatte, wie auch der jetzige August, dessen Ersatzmann --

sind Geschenke Dolge’s an die Insulanerriege, welche ihrerseits diese

Geschenke dem zoologischen Garten übergaben.

[Illustration:

Benseler. Würkert. M. Dolge. A. Dolge. Roßmäßler. Hofmann. Albrecht.

Der Verbrechertisch in der »Guten Quelle«.

Grumbach. Bock. Keil. Oelkers.

]

Nicht so regelmäßig wie die Anderen erschien als Gast des

»Verbrechertisches« im Anfang der sechziger Jahre häufig ein langer,

blasser Mann, dessen gebeugte, hagere Statur, verbunden mit dem tiefes

Seelenleiden verrathenden, fast bartlosen Angesicht, das sich erst

im Laufe der Alles nivellirenden Zeit wieder etwas rundete, auch

körperliche Leiden verriethen; als vollberechtigtes Mitglied jener

Tafelrunde. Es war der frühere Pastor von Mittweida, in Sachsen,

Ludwig Würkert. Jeder Zoll ein hochbegeisterter Anhänger der deutschen

Einheitsidee, hatte er bei Beginn des Aufstandes mit Wort und Schrift

die Sache des Volkes ergriffen und feuerte sogar von der Kanzel herab

die Männer und Jünglinge des Gebirges an, für diese Ideen in den

Kampf zu ziehen. Viele, viele Jahre, mehr als zehn, brachte er dafür

im Zuchthaus zu, und als er dasselbe endlich als Begnadigter wieder

verließ, da war er nicht blos ein gebrochener, sondern auch von den

Seinen verlassener Mann. Seine Frau hatte sich von ihm scheiden lassen,

seine Kinder hatten ihn verlassen. Aber seine alten Gefährten ließen

ihn nicht im Stich.

Mit ihrer Hilfe pachtete er das in der Klostergasse liegende Hotel de

Saxe, und die freien Vorträge, welche alsbald Ludwig Würkert, hier

zugleich Volksredner, Volkslehrer und Gastwirth, jede Woche an einem

oder mehreren Abenden hielt, zogen Tausende von deutschgesinnten

Gästen aller Altersclassen und aller Stände herbei, und an solchen

Abenden war der Saal des Etablissements mit allen Nebenräumen stets bis

auf den letzten Platz gefüllt. Da saß der einfache Handwerker neben

dem Gelehrten, der Großkaufmann neben dem Studenten, und lauschten

den begeisterten Worten, welche jener Vielgeprüfte da oben auf der

kanzelartigen Erhöhung der Saaltreppe sprach.

Nur wenige Jahre wirkte hier Würkert in seiner doppelten Eigenschaft

als Gastgeber und Volksredner. Als ihm aber dann die Stellung eines

Geistlichen einer freien Gemeinde (der freireligiösen Gemeinde in

Hanau) geboten wurde, da gab er, obwohl seine jetzige Stellung sicher

lucrativer war, diese ohne Zögern auf und nahm die immerhin nur

bescheidene neue Stellung an. Nebenbei gab er dann noch die Zeitschrift

»Freie Glocken« heraus. Er hatte aber doch in Alt-Leipzig nicht nur

seinen ersten neuen Wirkungskreis, sondern auch ein neues Heim und eine

andere treue Gattin gefunden. Ludwig Würkert starb 1876 am Schlagfluß

in Leisnig, wo er zuletzt privatisirte, am Abend vor dem Tage, an

dem er eine Gefängnißstrafe wegen Preßvergehens antreten sollte. Sein

Begräbniß hatte zahllose Leute herbeigezogen und als der die Grabrede

haltende freireligiöse Geistliche unter anderm sprach: »Würkert ist

nicht gestorben -- Würkert lebt noch« verstanden Viele »Würkert lebe

hoch« und stimmten lebhaft in diesen Hochruf auf den Todten mit ein.

Schade, daß er dieses letzte Hoch nicht mehr gehört hat.

Die Mitglieder des »Verbrechertisches« theilten sich in sogenannte

»seßhafte« (solche die eben wirklich gesessen oder doch für ihre

freisinnigen Handlungen und Worte gebüßt hatten) und »zugelassne«

Mitglieder. Unter den »seßhaften« sind außer den bereits verzeichneten

noch folgende zu nennen: Professor Benseler, Professor Raschig, Advokat

Segnitz † 1873, Theodor Oelkers † 1869, Korbmacher Vieweg † 1871,

Magister Naundorf, Buchhändler Ludwig Schreck (floh, steckbrieflich

verfolgt, nach Frankreich, kehrte in den 60er Jahren zurück) †

1868, Dr. Burkhardt, Buchdrucker Grumbach, Louis Lindner (der lange

Lindner), war Seminarlehrer in Grimma. Derselbe weigerte sich bei

einem Zweckessen auf des Königs Wohl anzustoßen. Angezeigt, sagte

er naiv: Der König hat das Frankfurter Parlament anerkannt, dann

aber die Reichsverfassung nicht -- ich kann also nicht auf sein Wohl

trinken. Hierauf ward er eingesperrt, abgesetzt und schrieb nachher

ans Ministerium einen viele Seiten langen Protest. Die letzte Seite

hiervon hatte er schwarz umrahmt und da stand: »Ich behalte mir mein

Recht vor bis zu der Zeit -- wo in Sachsen wieder Gerechtigkeit

gilt!« -- Wahrscheinlich hielt ihn Beust für närrisch, es erfolgte

wenigstens hierauf kein neues Vorgehen gegen ihn! Er lebte in Leipzig

von Berichterstattung, Correkturen, hielt unermüdlich und unentgeltlich

Vorträge über Geschichte in Arbeiterkreisen, war der treueste, beste

Mensch und Freund (irren wir nicht verwandt mit L. Otto -- Peters) †

1891. Redacteur Aug. Peters † 1860. Als dieser starb, warf Würkert,

da er am Grabe nicht länger sprechen durfte, drei Hände voll Erde

ins Grab. Bei dem ersten Wurfe sprach er feierlich: »Dresden«, beim

zweiten Wurfe: »Bruchsal« (hier saß Peters jahrelang im Zuchthaus),

beim dritten Wurfe: »Waldheim« (hier hatte Würkert im Zuchthaus

gesessen) -- weiter sagte er nichts -- aber der Eindruck dieser drei

Worte war bei Allen ein erschütternder und -- der letzte noch in

Europa lebende: ~Dr.~ Karl Albrecht, der jetzt in Freiburg in Baden

weilt und dem Verfasser viele Mittheilungen über den Verbrechertisch

und seine Mitglieder, so weit sie Verfasser nicht persönlich gekannt

hat, verdankt. ~Dr.~ Karl Albrecht ist ein Leipziger Kind und am

4./4. 1823 im »Pelikan« (jetzt ebenfalls einem Neubau gewichen) am

Neumarkt geboren. In weiten Kreisen bekannt als Lehrer, Schriftsteller

und einer der ältesten Stenographen (Gabelsberg) gerieth auch er,

begeistert für Deutschlands Wiedergeburt, in das Fahrwasser der

Revolution 1848/49 und trat persönlich und schriftlich für seine Ideale

ein. Langjähriges Gefängniß war auch sein Lohn. Außer ihm lebt nur noch

ein seßhaftes Mitglied des »Verbrechertisches« -- eben der bereits

genannte August Dolge in Dolgeville in Nordamerika. Alle Vorstehenden

waren _seßhafte_ Mitglieder und viele derselben erst zum Tode

verurtheilt und dann zu langjährigem Zuchthaus begnadigt worden. Als

_Gäste_ wurden am Verbrechertisch zugelassen: ~Dr. med.~ Heyner, ~Dr.~

Apel † 1867, Schriftsteller Wartenburg † 1889, Ernst Keil † 1878, Prof.

Bock † 1874. Letzterer wurde, obwohl er »_nie gesessen_«, an dem Tisch

zugelassen, »_weil er wenigstens alle Tage werth gewesen wäre, ins

Zuchthaus zu kommen_«. (Formel seiner Zulassung zum Verbrechertisch.)

Beim Turnfest 1863 war auch _Fritz Reuter_ Gast am Verbrechertisch und

hielt an einem Abend eine Ansprache an die Anwesenden.

Die jetzige Generation, welche nun bereits seit vielen Jahren mit

der Thatsache eines geeinten Deutschlands und des wiedererstandenen

Kaiserreiches rechnet, vermöchte es wohl nur schwer, sich in jene Zeit

politischer Zerrissenheit unseres Vaterlandes zurückzudenken. Die

Ideale des nach der Einigkeit der deutschen Stämme strebenden Volkes

waren mit dem Niederschlagen der Bewegung 1848 und 1849 wohl eingedämmt

und momentan zu Boden geschlagen worden, aber sie lebten dennoch fort

und zwar nicht zum Wenigsten in den Herzen der deutschen Jugend, und am

Anfang der sechziger Jahre, als auch die politische Luft wieder etwas

milder wehte, da griff die Bewegung so allgemein um sich, dabei aber

streng auf dem gesetzlichen Boden bleibend, daß auch die Regierungen

der einzelnen Staaten sich schließlich derselben auf die Dauer nicht

mehr zu entziehen vermochten und derselben nachgaben.

Die Turner-, Sänger- und, nicht zu vergessen, die Schützenvereine,

letztere in hochherziger Weise in allen ihren Bestrebungen stets

unterstützt durch einen echt deutsch fühlenden Fürsten, den erst jüngst

verstorbenen Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha, waren es, welche

auf großen nationalen Festen, wie sie seit jener Zeit Deutschland nie

wieder gesehen hat, das deutsche Banner aufs Neue entfalteten und

hochhielten. Alle Stämme deutscher Nation strömten auf diesen Festen

zusammen und höher als jemals flammte der deutsche Patriotismus im

gesammten Volke auf. Wohl haben auch wir Leipziger seit jener Zeit hohe

patriotische Feste gefeiert -- aber wer von den Bewohnern das dritte

deutsche Turnerfest in Leipzig 1863 mit erlebt hat, der muß sagen, daß

alle diese Feste nur ein schwacher Abglanz jenes für alle Theilnehmer

unvergeßlichen Festes geblieben sind. Und die Folgen dieser Tage

blieben nicht aus. Mit dem noch in demselben Jahre erfolgten Einmarsch

der deutschen Executionstruppen in Holstein eröffnete sich jene Reihe

von Kämpfen und Ereignissen, welche das deutsche Volk endlich zum

erwünschten Ziele führen sollten.

Damals wurde der »Verbrechertisch« in der Guten Quelle zum Centralpunct

des national gesinnten Leipzigs.

Vater Grun sorgte dafür, daß hier die eingehenden Depeschen stets

zuerst eingesehen werden konnten, und waren dies besonders wichtige,

so erhob sich ein Mitglied des »Verbrechertisches«, um dieselben

vorzulesen. Schon das Erheben des Betreffenden von seinem Sitze

genügte, um unter den vielen Hunderten der in dem großen Local

Versammelten sofort die tiefste Stille eintreten zu lassen. Und dann

fügte wohl der Vorleser dem Telegramm einige patriotische Worte hinzu,

denen wir jungen Leute begeistert lauschten, indem wir uns gelobten

treu mit zu arbeiten an dem großen nationalen Werke, soviel es mit

unsern geringen Kräften nur irgend möglich sei.

So kam 1866 und so kam 1870. Vater Roßmäßler war freilich schon

schlafen gegangen und ruhte aus von des Lebens Kämpfen und vielen

Enttäuschungen, aber die Anderen hielten treu zusammen, und als die

deutschen Stämme aufs Neue die Kriegsfahne entrollten, da sammelte

sich ein großer Theil der zur Fahne Eilenden ein letztes Mal vor dem

Ausmarsch in jenen Hallen, und wieder erschollen erhebende Worte

von den Männern jener hochverehrten Tafelrunde. Höher und höher

schlugen an jenem unvergeßlichen Abend die patriotischen Wogen, und

als ein Leipziger Blatt es damals wagte, (Sächsische Zeitung), in

particularistisch-antideutschem, franzosenfreundlichen Sinne einen

Leitartikel zu bringen, da zog eine große Schaar Einberufener vor das

Haus jenes Redacteurs und warf daselbst die Fenster ein. Gewiß, das war

keine Heldenthat, und das Thun derselben war wohl kaum zu billigen,

aber dennoch waren unter jenen jungen Leuten die besten Volksclassen

vertreten und viele von ihnen, viele, viele, haben durch ihren Tod auf

dem Felde der Ehre oder schwere Verwundung und tapferen Kampf bewiesen,

daß es ihnen mit ihrem feurigen Eifer für Deutschlands Geschick auch

heiliger Ernst war.

Aber auch während wir draußen im Felde waren, blieb der

»Verbrechertisch« der Centralpunct der patriotischen Leipziger

Bevölkerung. Wie strahlten die Mienen der Alten, wenn sie dem reich

versammelten Auditorium wieder eine neue Siegesdepesche vorlesen

konnten! Vergessen waren dann alle früheren trüben Zeiten, und freudig

stimmten sie in die patriotischen Gesänge der Anderen ein.

So erlebten noch Viele von jener Tafelrunde das Wiedererstehen des

Deutschen Reichs. Dann aber lichtete sich der Kreis allmälig mehr und

mehr. Einer nach dem Andern ging zur ewigen Ruhe, Andere wandten sich

weg von Leipzig, und auch Vater Grun, der alte treue Gastgeber jener

Tafelrunde, machte sich auf zum Marsche in das himmlische Dorado.

Die leichtgeschürzte Muse hat jetzt in jenen Räumen ihr Standquartier

aufgeschlagen, und in derselben Ecke, in der einst jener denkwürdige

Tisch stand, sitzt jetzt vielleicht Abends ein angehendes junges Braut-

oder Liebespärchen und beklatscht freudig die Witze irgend eines

Komikers. So ändern sich die Zeiten!

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 35 / 71 题