Der Verbrechertisch in der »Guten Quelle«.
Nach der gewaltsamen Niederwerfung des Volksaufstandes von 1849 begann
im politischen Leben unseres Vaterlandes eine lange trübe Zeit.
Tod, langjähriges Zuchthaus, freiwillige oder gezwungene Verbannung
traf Diejenigen, welche sich am Aufstand -- sei es mit den Waffen in
der Hand, sei es durch Wort oder Schrift -- betheiligt hatten, und
doch waren unter denselben ein großer Theil, die man zu Deutschlands
besten Männern zählen konnte und welche nur zu den Waffen griffen, um
den Traum von Deutschlands Einheit schon damals zur Wirklichkeit zu
machen. Wie ein Alp lag es damals viele Jahre lang auf den Gemüthern
frei denkender Männer, und selbst die Presse wagte es, angesichts
einer streng gehandhabten Censur, nur ganz schüchtern, die geheimen
Herzenswünsche der Nation dann und wann zum bescheidenen Ausdruck zu
bringen. Indessen schmachteten viele, viele wackere Männer in den
Gefängnissen Deutschlands, und ein Jahrzehnt und darüber verging, ehe
auch ihnen das goldene Licht der Freiheit wieder leuchtete.
Den Männern aber, denen es beschieden war, wenn auch theilweise erst
nach vielen Jahren, nach unendlichen Leiden und harter Kerkerhaft
wieder in das bürgerliche Leben ihrer Heimath und zu den Ihren
zurückzukehren, lohnte das Volk auch mit treuer Verehrung und
Anhänglichkeit, und die deutsche Jugend blickte bewundernd und ihren
Worten achtungsvoll lauschend zu ihnen empor. Ja, jenen Männern war es
zum großen Theile mit zu verdanken, daß die Ideale der deutschen Nation
nicht verblaßten, sondern immer gewaltiger anwuchsen, bis -- freilich
erst nach hartem Ringen und aus einem Meere von Blut -- endlich diese
Ideale sich verkörperten und der deutsche Aar siegreich emporstieg, das
neue deutsche Reich erstand.
Es ist natürlich, daß sich diese Männer in ihren Wohnorten meist
gesellig zusammenfanden, um ihre Erinnerungen gegenseitig auszutauschen
und gemeinschaftlich von einer freundlicheren Zukunft zu plaudern.
Auch in unserm Leipzig fand sich im Anfang der sechziger Jahre ein
solcher Kreis von Gesinnungs-Genossen und Leidensgefährten zusammen,
und sowohl der weitberühmte Gelehrte, wie der einfache Mann des
Handwerks war darin vertreten. Groß war der Kreis nicht, denn gar viele
»Begnadigte« hatten doch noch eine neue Heimath jenseits des Meeres
gesucht; aber er hielt treu zusammen und war unter dem Namen »_der
Verbrechertisch in der guten Quelle_« männiglich gar wohl bekannt.
Damals wirthschaftete der bei allen alten Leipzigern gar
beliebte »Vater Grun« in dem noch jetzt bestehenden großen
Restaurations-Etablissement, und bei ihm, dem selbst durch und durch
deutsch gesinnten Manne, fanden auch jene so lange Geächteten ihr
dauerndes freundliches Heim.
Gleich links vom Eingang ins Local war eine nischenartige Ecke, so
recht geschaffen für eine trauliche Tafelrunde; an den beiden Wänden
befanden sich Bänke mit Ledersitzen, vorn herum hochlehnige Stühle und
in der Mitte ein großer runder Tisch. Das war der »Verbrechertisch« in
der »Guten Quelle«. Wer pflegte nun dort zu sitzen? Da war zunächst
_Roßmäßler_, mit dem feinen durchgeistigten Gesicht und dem langen
schneeweißen Vollbart, Professor der Naturgeschichte an der Akademie
zu Tharandt, gediegener und äußerst fruchtbarer Schriftsteller auf
diesem Gebiete und ebenso bekannt als Volksschriftsteller der
damaligen freisinnigen Richtung, ferner 1848 Mitglied des Frankfurter
Parlamentes und nahm auch am Rumpfparlament zu Stuttgart Theil.
Wegen dieses letzteren Schrittes seines Amtes entsetzt, lebte er
von da an in Leipzig, wo er 1806 geboren war, bis zu seinem bereits
1867 erfolgten Tode. Sein Platz am Verbrechertisch war zugleich
der Ehrensitz, hinten an der Wand und ihm als Aeltestem von den
Anderen zugetheilt worden. Den Platz neben ihm hatte ein anderer
Weißkopf inne, dessen mildes freundliches Angesicht vorzüglich
alle Kinderherzen sofort zu ihm hinzog. Es war der Dichter und
Schriftsteller _Friedrich Hofmann_, damals als langjähriger Mitarbeiter
und Redacteur der »Gartenlaube« männiglich als »Gartenlauben-Hofmann«
bekannt, allen Kinderfreunden aber durch seine herzigen Kinderlieder
unvergeßlich. Links von Professor Roßmäßler saßen zwei Männer, die
sich so ähnlich sahen, daß man sie sofort als Brüder erkannte. Es
waren die _Gebrüder Dolge_. Beide hatten sich am Aufstand, mit der
Waffe in der Hand, betheiligt; während aber die Strafe des einen
Moritz Dolge (später Schnittwaarenhändler zu Leipzig, außerdem viele
Jahre Mitglied des Stadtverordneten-Collegiums und des Direktoriums
des damaligen Vorschußvereins, der jetzigen Creditbank) † 1872 in
Leipzig, verhältnißmäßig mild ausfiel, brachte der ältere Bruder August
Dolge viele Jahre im Zuchthause zu Waldheim zu. Beide, ursprünglich
einfache Handwerksgesellen, waren hochintelligente Leute. August
Dolge, seines Zeichens Tischler und Instrumentenbauer, wurde, als am
Aufstand betheiligter Kriegsreservist gefangen, ließ sich aus seiner
Zelle im Schloß Pleißenburg an einer Leine herab, um zu entfliehen.
Leider riß aber der Strick in der Höhe von zwei Stockwerken und Dolge
stürzte in der Gegend, wo jetzt die beiden Getreidethürme stehen,
also am Ausgang der Pleißenburg nach der Burgstraße zu, herab auf das
Straßenpflaster und brach hierbei ein Bein. Hierauf wieder gefangen,
wurde er erst zum Tode verurteilt und brachte dann lange Jahre im
Zuchthaus zu. Zu Anfang der sechziger Jahre endlich begnadigt, schwang
er sich lediglich durch eigene Energie und Thatkraft zum bedeutenden
Pianofortefabrikanten und Chef eines Welthauses dieser Branche in die
Höhe. Er ging später nach Nordamerika, wo seine Fabrikanlagen einen
solchen Umfang angenommen haben, daß dieselben zu einer besonderen
Stadt anwuchsen, welche nach dem Gründer »Dolgeville« heißt und
lebt noch jetzt daselbst. Er hat aber Alt-Leipzig eine gar treue
Anhänglichkeit bewahrt, denn trotz seines hohen Alters kommt er alle
paar Jahre einmal von Drüben herüber zum Besuch und ist denn stets
ein hochgefeierter Gast der hiesigen Insulanerriege (auf welche wir
später in einem besonderen Artikel noch zurückkommen werden). Der
frühere braune Bär »August« sowohl, der im zoologischen Garten seinen
eigenen Käfig hatte, wie auch der jetzige August, dessen Ersatzmann --
sind Geschenke Dolge’s an die Insulanerriege, welche ihrerseits diese
Geschenke dem zoologischen Garten übergaben.
[Illustration:
Benseler. Würkert. M. Dolge. A. Dolge. Roßmäßler. Hofmann. Albrecht.
Der Verbrechertisch in der »Guten Quelle«.
Grumbach. Bock. Keil. Oelkers.
]
Nicht so regelmäßig wie die Anderen erschien als Gast des
»Verbrechertisches« im Anfang der sechziger Jahre häufig ein langer,
blasser Mann, dessen gebeugte, hagere Statur, verbunden mit dem tiefes
Seelenleiden verrathenden, fast bartlosen Angesicht, das sich erst
im Laufe der Alles nivellirenden Zeit wieder etwas rundete, auch
körperliche Leiden verriethen; als vollberechtigtes Mitglied jener
Tafelrunde. Es war der frühere Pastor von Mittweida, in Sachsen,
Ludwig Würkert. Jeder Zoll ein hochbegeisterter Anhänger der deutschen
Einheitsidee, hatte er bei Beginn des Aufstandes mit Wort und Schrift
die Sache des Volkes ergriffen und feuerte sogar von der Kanzel herab
die Männer und Jünglinge des Gebirges an, für diese Ideen in den
Kampf zu ziehen. Viele, viele Jahre, mehr als zehn, brachte er dafür
im Zuchthaus zu, und als er dasselbe endlich als Begnadigter wieder
verließ, da war er nicht blos ein gebrochener, sondern auch von den
Seinen verlassener Mann. Seine Frau hatte sich von ihm scheiden lassen,
seine Kinder hatten ihn verlassen. Aber seine alten Gefährten ließen
ihn nicht im Stich.
Mit ihrer Hilfe pachtete er das in der Klostergasse liegende Hotel de
Saxe, und die freien Vorträge, welche alsbald Ludwig Würkert, hier
zugleich Volksredner, Volkslehrer und Gastwirth, jede Woche an einem
oder mehreren Abenden hielt, zogen Tausende von deutschgesinnten
Gästen aller Altersclassen und aller Stände herbei, und an solchen
Abenden war der Saal des Etablissements mit allen Nebenräumen stets bis
auf den letzten Platz gefüllt. Da saß der einfache Handwerker neben
dem Gelehrten, der Großkaufmann neben dem Studenten, und lauschten
den begeisterten Worten, welche jener Vielgeprüfte da oben auf der
kanzelartigen Erhöhung der Saaltreppe sprach.
Nur wenige Jahre wirkte hier Würkert in seiner doppelten Eigenschaft
als Gastgeber und Volksredner. Als ihm aber dann die Stellung eines
Geistlichen einer freien Gemeinde (der freireligiösen Gemeinde in
Hanau) geboten wurde, da gab er, obwohl seine jetzige Stellung sicher
lucrativer war, diese ohne Zögern auf und nahm die immerhin nur
bescheidene neue Stellung an. Nebenbei gab er dann noch die Zeitschrift
»Freie Glocken« heraus. Er hatte aber doch in Alt-Leipzig nicht nur
seinen ersten neuen Wirkungskreis, sondern auch ein neues Heim und eine
andere treue Gattin gefunden. Ludwig Würkert starb 1876 am Schlagfluß
in Leisnig, wo er zuletzt privatisirte, am Abend vor dem Tage, an
dem er eine Gefängnißstrafe wegen Preßvergehens antreten sollte. Sein
Begräbniß hatte zahllose Leute herbeigezogen und als der die Grabrede
haltende freireligiöse Geistliche unter anderm sprach: »Würkert ist
nicht gestorben -- Würkert lebt noch« verstanden Viele »Würkert lebe
hoch« und stimmten lebhaft in diesen Hochruf auf den Todten mit ein.
Schade, daß er dieses letzte Hoch nicht mehr gehört hat.
Die Mitglieder des »Verbrechertisches« theilten sich in sogenannte
»seßhafte« (solche die eben wirklich gesessen oder doch für ihre
freisinnigen Handlungen und Worte gebüßt hatten) und »zugelassne«
Mitglieder. Unter den »seßhaften« sind außer den bereits verzeichneten
noch folgende zu nennen: Professor Benseler, Professor Raschig, Advokat
Segnitz † 1873, Theodor Oelkers † 1869, Korbmacher Vieweg † 1871,
Magister Naundorf, Buchhändler Ludwig Schreck (floh, steckbrieflich
verfolgt, nach Frankreich, kehrte in den 60er Jahren zurück) †
1868, Dr. Burkhardt, Buchdrucker Grumbach, Louis Lindner (der lange
Lindner), war Seminarlehrer in Grimma. Derselbe weigerte sich bei
einem Zweckessen auf des Königs Wohl anzustoßen. Angezeigt, sagte
er naiv: Der König hat das Frankfurter Parlament anerkannt, dann
aber die Reichsverfassung nicht -- ich kann also nicht auf sein Wohl
trinken. Hierauf ward er eingesperrt, abgesetzt und schrieb nachher
ans Ministerium einen viele Seiten langen Protest. Die letzte Seite
hiervon hatte er schwarz umrahmt und da stand: »Ich behalte mir mein
Recht vor bis zu der Zeit -- wo in Sachsen wieder Gerechtigkeit
gilt!« -- Wahrscheinlich hielt ihn Beust für närrisch, es erfolgte
wenigstens hierauf kein neues Vorgehen gegen ihn! Er lebte in Leipzig
von Berichterstattung, Correkturen, hielt unermüdlich und unentgeltlich
Vorträge über Geschichte in Arbeiterkreisen, war der treueste, beste
Mensch und Freund (irren wir nicht verwandt mit L. Otto -- Peters) †
1891. Redacteur Aug. Peters † 1860. Als dieser starb, warf Würkert,
da er am Grabe nicht länger sprechen durfte, drei Hände voll Erde
ins Grab. Bei dem ersten Wurfe sprach er feierlich: »Dresden«, beim
zweiten Wurfe: »Bruchsal« (hier saß Peters jahrelang im Zuchthaus),
beim dritten Wurfe: »Waldheim« (hier hatte Würkert im Zuchthaus
gesessen) -- weiter sagte er nichts -- aber der Eindruck dieser drei
Worte war bei Allen ein erschütternder und -- der letzte noch in
Europa lebende: ~Dr.~ Karl Albrecht, der jetzt in Freiburg in Baden
weilt und dem Verfasser viele Mittheilungen über den Verbrechertisch
und seine Mitglieder, so weit sie Verfasser nicht persönlich gekannt
hat, verdankt. ~Dr.~ Karl Albrecht ist ein Leipziger Kind und am
4./4. 1823 im »Pelikan« (jetzt ebenfalls einem Neubau gewichen) am
Neumarkt geboren. In weiten Kreisen bekannt als Lehrer, Schriftsteller
und einer der ältesten Stenographen (Gabelsberg) gerieth auch er,
begeistert für Deutschlands Wiedergeburt, in das Fahrwasser der
Revolution 1848/49 und trat persönlich und schriftlich für seine Ideale
ein. Langjähriges Gefängniß war auch sein Lohn. Außer ihm lebt nur noch
ein seßhaftes Mitglied des »Verbrechertisches« -- eben der bereits
genannte August Dolge in Dolgeville in Nordamerika. Alle Vorstehenden
waren _seßhafte_ Mitglieder und viele derselben erst zum Tode
verurtheilt und dann zu langjährigem Zuchthaus begnadigt worden. Als
_Gäste_ wurden am Verbrechertisch zugelassen: ~Dr. med.~ Heyner, ~Dr.~
Apel † 1867, Schriftsteller Wartenburg † 1889, Ernst Keil † 1878, Prof.
Bock † 1874. Letzterer wurde, obwohl er »_nie gesessen_«, an dem Tisch
zugelassen, »_weil er wenigstens alle Tage werth gewesen wäre, ins
Zuchthaus zu kommen_«. (Formel seiner Zulassung zum Verbrechertisch.)
Beim Turnfest 1863 war auch _Fritz Reuter_ Gast am Verbrechertisch und
hielt an einem Abend eine Ansprache an die Anwesenden.
Die jetzige Generation, welche nun bereits seit vielen Jahren mit
der Thatsache eines geeinten Deutschlands und des wiedererstandenen
Kaiserreiches rechnet, vermöchte es wohl nur schwer, sich in jene Zeit
politischer Zerrissenheit unseres Vaterlandes zurückzudenken. Die
Ideale des nach der Einigkeit der deutschen Stämme strebenden Volkes
waren mit dem Niederschlagen der Bewegung 1848 und 1849 wohl eingedämmt
und momentan zu Boden geschlagen worden, aber sie lebten dennoch fort
und zwar nicht zum Wenigsten in den Herzen der deutschen Jugend, und am
Anfang der sechziger Jahre, als auch die politische Luft wieder etwas
milder wehte, da griff die Bewegung so allgemein um sich, dabei aber
streng auf dem gesetzlichen Boden bleibend, daß auch die Regierungen
der einzelnen Staaten sich schließlich derselben auf die Dauer nicht
mehr zu entziehen vermochten und derselben nachgaben.
Die Turner-, Sänger- und, nicht zu vergessen, die Schützenvereine,
letztere in hochherziger Weise in allen ihren Bestrebungen stets
unterstützt durch einen echt deutsch fühlenden Fürsten, den erst jüngst
verstorbenen Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha, waren es, welche
auf großen nationalen Festen, wie sie seit jener Zeit Deutschland nie
wieder gesehen hat, das deutsche Banner aufs Neue entfalteten und
hochhielten. Alle Stämme deutscher Nation strömten auf diesen Festen
zusammen und höher als jemals flammte der deutsche Patriotismus im
gesammten Volke auf. Wohl haben auch wir Leipziger seit jener Zeit hohe
patriotische Feste gefeiert -- aber wer von den Bewohnern das dritte
deutsche Turnerfest in Leipzig 1863 mit erlebt hat, der muß sagen, daß
alle diese Feste nur ein schwacher Abglanz jenes für alle Theilnehmer
unvergeßlichen Festes geblieben sind. Und die Folgen dieser Tage
blieben nicht aus. Mit dem noch in demselben Jahre erfolgten Einmarsch
der deutschen Executionstruppen in Holstein eröffnete sich jene Reihe
von Kämpfen und Ereignissen, welche das deutsche Volk endlich zum
erwünschten Ziele führen sollten.
Damals wurde der »Verbrechertisch« in der Guten Quelle zum Centralpunct
des national gesinnten Leipzigs.
Vater Grun sorgte dafür, daß hier die eingehenden Depeschen stets
zuerst eingesehen werden konnten, und waren dies besonders wichtige,
so erhob sich ein Mitglied des »Verbrechertisches«, um dieselben
vorzulesen. Schon das Erheben des Betreffenden von seinem Sitze
genügte, um unter den vielen Hunderten der in dem großen Local
Versammelten sofort die tiefste Stille eintreten zu lassen. Und dann
fügte wohl der Vorleser dem Telegramm einige patriotische Worte hinzu,
denen wir jungen Leute begeistert lauschten, indem wir uns gelobten
treu mit zu arbeiten an dem großen nationalen Werke, soviel es mit
unsern geringen Kräften nur irgend möglich sei.
So kam 1866 und so kam 1870. Vater Roßmäßler war freilich schon
schlafen gegangen und ruhte aus von des Lebens Kämpfen und vielen
Enttäuschungen, aber die Anderen hielten treu zusammen, und als die
deutschen Stämme aufs Neue die Kriegsfahne entrollten, da sammelte
sich ein großer Theil der zur Fahne Eilenden ein letztes Mal vor dem
Ausmarsch in jenen Hallen, und wieder erschollen erhebende Worte
von den Männern jener hochverehrten Tafelrunde. Höher und höher
schlugen an jenem unvergeßlichen Abend die patriotischen Wogen, und
als ein Leipziger Blatt es damals wagte, (Sächsische Zeitung), in
particularistisch-antideutschem, franzosenfreundlichen Sinne einen
Leitartikel zu bringen, da zog eine große Schaar Einberufener vor das
Haus jenes Redacteurs und warf daselbst die Fenster ein. Gewiß, das war
keine Heldenthat, und das Thun derselben war wohl kaum zu billigen,
aber dennoch waren unter jenen jungen Leuten die besten Volksclassen
vertreten und viele von ihnen, viele, viele, haben durch ihren Tod auf
dem Felde der Ehre oder schwere Verwundung und tapferen Kampf bewiesen,
daß es ihnen mit ihrem feurigen Eifer für Deutschlands Geschick auch
heiliger Ernst war.
Aber auch während wir draußen im Felde waren, blieb der
»Verbrechertisch« der Centralpunct der patriotischen Leipziger
Bevölkerung. Wie strahlten die Mienen der Alten, wenn sie dem reich
versammelten Auditorium wieder eine neue Siegesdepesche vorlesen
konnten! Vergessen waren dann alle früheren trüben Zeiten, und freudig
stimmten sie in die patriotischen Gesänge der Anderen ein.
So erlebten noch Viele von jener Tafelrunde das Wiedererstehen des
Deutschen Reichs. Dann aber lichtete sich der Kreis allmälig mehr und
mehr. Einer nach dem Andern ging zur ewigen Ruhe, Andere wandten sich
weg von Leipzig, und auch Vater Grun, der alte treue Gastgeber jener
Tafelrunde, machte sich auf zum Marsche in das himmlische Dorado.
Die leichtgeschürzte Muse hat jetzt in jenen Räumen ihr Standquartier
aufgeschlagen, und in derselben Ecke, in der einst jener denkwürdige
Tisch stand, sitzt jetzt vielleicht Abends ein angehendes junges Braut-
oder Liebespärchen und beklatscht freudig die Witze irgend eines
Komikers. So ändern sich die Zeiten!