Leipzigs Südosten vor 40 Jahren.
Ebenso viele Veränderungen wie der Südwesten Leipzigs hat auch
der Südosten aufzuweisen, nur sind daselbst, mit Ausnahme der
neuen Universitätsgebäude in der Liebigstraße, weniger neue Plätze
bebaut, als vielmehr alte neu bebaut worden, auch das Capitel der
Straßendurchbrüche spielt hier eine große Rolle. An der Ecke des
Königsplatzes und der Windmühlenstraße befand sich die »dürre Henne«,
ein großer, uralter Ausspannungsgasthof, dessen Parterrefenster so
niedrig waren, daß man bequem, ohne groß den Fuß zu heben, von der
Straße aus ins Gastzimmer steigen konnte, weshalb der Anfang der
fünfziger Jahre in diesem Gasthof dienende handfeste Hausknecht, unter
dem Namen »langer August« eine stadtbekannte Persönlichkeit, an die
Luft zu expedirende Gäste stets einfach durch die Fenster, statt durch
die Thür auf die Straße warf, wo dieselben auf dem haufenweisen Schmutz
ein sanftes Bett fanden. Gegenüber der »Dürren Henne«, am Königsplatz
und Ecke der Kleinen Windmühlengasse, jetzt Markthallenstraße, lag das
einstöckige Gebäude der städtischen Speiseanstalt mit einer riesigen
Fahnenstange, auf welcher, so lange die Essenszeit währte, stets eine
große Fahne in den Stadtfarben aufgezogen wurde. Ein Dreieck bildete
mit diesen Häusern die ebenfalls uralte »goldene Kutsche«, welche neben
dem zum Theil noch jetzt stehenden Bäckerhaus stand. An die ebenfalls
noch jetzt am Anfang der Windmühlenstraße rechts und links stehenden
alten Häuser schlossen sich links bis zum »Schrödergäßchen«, jetzt
Kurprinzstraße, so niedere Hütten, daß man bequem mit der Hand auf
deren Dach greifen konnte und dasselbe war rechts bis zur Brauerei,
Ecke der Emilienstraße, der Fall. Wenige Schritte von der Emilienstraße
aufwärts stand das Windmühlenthor. Die Windmühlenstraße wurde damals
noch durch Oellampen beleuchtet, welche an Ketten über die Mitte der
Straße hingen, zum Anbrennen und Auslöschen; wenn letzteres nicht,
wie meist der Fall, der Wind besorgte, wurden die Lampen von der
Seite aus herunter und wieder hinauf geleiert. Weiter hinauf bis zum
Bayerischen Bahnhof lagen Gärten. Von der Emilienstraße, Albert-, Hohe
und Sidonienstraße, sowie Elisenstraße waren nur Anfänge vorhanden,
der Schletterplatz lag öd und wüst mit einem haustiefen Abgrund, in
dem sich noch lange die Ruinen eines kleinen Häuschens, sowie die
deutlichen Spuren eines Wasserlaufes befanden. Dem Volksmunde nach
sollte hier früher eine kleine Mühle, getrieben durch einen Bach,
gestanden haben. Turner-, Roß-, Brüder-, Jablonowsky- und Nürnberger
Straße existirten noch nicht. Die Thalstraße begann da, wo die
Nürnberger Straße beim Bayerischen Bahnhof jetzt einmündet und ging
quer durch die Gärten, auf denen jetzt die Anatomie steht, hinter dem
»Kanonenteich«, welcher unergründlich sein sollte, herum, bis er sich
an der jetzigen Brüderstraße an die jetzige Thalstraße anschloß. An
der Stelle der jetzigen Brüderstraße bei der Anatomie lagen tief im
Grunde, ein Sackgäßlein bildend, die sogenannten »_sieben Häuser_«,
wegen ihres ganz gleichen (hüttenähnlichen) Ansehens die »Brüderhäuser«
genannt, von denen wohl die Brüderstraße ihren Namen erhalten hat. An
der Einbiegung der heutigen Brüderstraße in die Thalstraße lag rechts,
da wo sich jetzt die Anlagen auf dem freien Platz befinden, ein Teich,
etwa dreiviertel so groß wie der heutige Platz und von kreisrunder
Form. Dies war der Kanonenteich. In demselben sollte Napoleon zur
Völkerschlacht vor seinem Rückzug eine große Anzahl, man sagte sechzig,
Kanonen versenkt haben. Thatsache ist, daß mehrere Versuche mit
Tauchern und Taucherglocken angestellt wurden, um die Schätze darin
zu heben, die aber wegen der Tiefe des Teiches, wohl auch wegen des
Schlammes in demselben zu keinem Resultate führten.
Hinter dem Kanonenteiche, nach der Liebigstraße zu, waren damals Tannen
und Fichten angepflanzt und das dichte Gestrüpp derselben bildete für
uns im den Flegeljahren befindlichen Bengels vortreffliche Verstecke
für unsre Rauchstudien. Die zu letzteren nöthigen Incredienzen kauften
wir damals in dem späteren Markart’schen Geschäft, Ecke der Nikolai-
und Grimmaischen Straße ein, denn es war männiglich bekannt, daß man in
dieser empfehlenswerthen Handlung die _größten_ und _dicksten Cigarren_
(und das war natürlich die Hauptsache) für 1 Pfennig, sage und schreibe
»einen Pfennig« erhielt. Was sich damals in jenem Dickicht für Herz-
und Magenbewegende Scenen abgespielt haben, davon schweigt am liebsten
des Sängers Höflichkeit.
Die Zuschüttung des Kanonenteiches dauerte jahrelang und erforderte
große Massen von Material. Das Schrödergäßchen, jetzt Kurprinzstraße,
fiel erst in den siebziger Jahren und ist daher wohl noch Vielen in
seiner ursprünglichen Gestalt wohlbekannt. Zu befahren war dasselbe
nicht, da es am Kurprinz bis zum Ausgang nach dem Roßplatz so eng
wurde, daß kaum zwei Personen neben einander gehen konnten. Nur
die linke Seite des Gäßchens, von der Windmühlenstraße aus, war
mit niedrigen Hütten bebaut, in deren einer ein uralter, völlig
kahlköpfiger Mann wohnte -- der alte Quarch -- der damals mit einem
Hundefuhrwerk den -- große Wäsche veranstaltenden Hausfrauen Flußwasser
~à~ Tonne für 2 gute Groschen ins Haus fuhr. Dieser alte Quarch war
ebenfalls ein Original und stadtbekannt, er hatte mehrere Male große
Vermögen binnen wenig Jahren verjubelt und wenn das Geld alle war,
griff er mit demselben Humor immer wieder zu seinem Hundefuhrwerk. Er
war schon ein sehr alter Mann, als er wiederum ein Achtel des damaligen
großen Looses (80000 Thaler damals) gewann, davon gab er aber diesmal
seinem Sohne die Hälfte seines Gewinnes, der Rest war wiederum in
einigen Jahren in alle Winde. Trotzdem nahm er das Anerbieten seines
Sohnes, zu ihm zu ziehen, nicht an, sondern kehrte auch diesmal zu
seinem Hundefuhrwerk zurück. -- Die ganze rechte Seite des ziemlich
langen Schrödergäßchens nahm der riesige Garten des »Kurprinz« ein.
Der Kurprinz selbst war eine Art Edelsitz mit großem Oeconomiebetrieb,
die großen Stallungen für Pferde und Rindvieh lagen auf einem Platze
an seiner südöstlichen Seite und in der Mitte desselben dehnten sich
Einzäunungen für Kühe und Schafe sowie der mächtige Dunghaufen aus. Im
vorderen Hofe befanden sich Werkstätten und Remisen für Maler, Lackirer
und Equipagenbauer.
Die rechte Seite der Thalstraße bildeten damals ebenfalls noch Gärten
des Johannisthals und da, wo sich jetzt die Sternwarte befindet,
war damals der alte Judenfriedhof mit seinen eingefallenen Gräbern
und verwitterten Grabsteinen. Auf demselben Hügel lagen auch die
Pulverhäuser der Garnison, welche später am Napoleonsteine am Thonberg
ihren Platz fanden.
Die jetzige Sternwartenstraße, damals Holzgasse, enthielt in ihrem
vorderen Theile links, wo sie einen kleinen Platz bildet, den
sogenannten Trödelmarkt, Buden mit Trödlern und rechts an der Ecke der
jetzigen Turnerstraße die Armenschule. Die sämmtlichen Durchbrüche
der Turner- und Nürnberger Straße waren nicht vorhanden. Das ganze
Terrain hinter den Häusern rechts bis zur Glockenstraße nahm der
damalige städtische Holzhof ein. Ein Theil des letzteren ward in den
fünfziger Jahren dem Bau der Turnhalle resp. zunächst dem Turnplatz
eingeräumt. Die Thalstraße mit nur wenigen alten Häusern bildete die
Grenze und zugleich den Anfang des Johannisthals, welches damals
mehr als doppelt so groß war wie jetzt. Die Ulrichsgasse, damals
Sandgasse, war an der Thalstraße durch eine Mauer abgeschlossen,
an Stelle der Roßstraße stand am Roßplatz das »schwarze Roß« mit
Oekonomiegebäuden und großem Garten; die jetzige Nürnberger Straße
war eine Sackgasse, welche vom Johannisplatz bis zur Johannisgasse
»Kirchstraße«, von da an bis an die Abschlußmauer der Ulrichsgasse
aber »Bosenstraße« hieß. Das prächtige alte Petersthor hatte, von der
innern Stadt aus, links in seinem Thorbogen ein kleines Pförtchen,
durch welches man auf den sogenannten »Zwinger«, einen schmalen Weg,
kam, an dessen linker Seite allerliebste, ganz gleichartige, bis zum
Giebel mit wildem Wein bewachsene einstöckige Häuschen mit winzigen,
aber sorgfältig gepflegten Vorgärtchen standen. Dieselben dehnten
sich bis zur Universitätsbrücke aus, denn, von der Petersbrücke bis
zur Universitätsbrücke (jetzt Schillerstraße) und von dieser weiter
bis zum Augustusplatz lag tief im Grunde der Stadtgraben, mit seinen
zahlreichen Bäumen und Gesträuch, ein willkommener Tummelplatz für
uns Jungen. Hinter der Johanneskirche aber, an der Dresdner Straße,
lag und liegt noch die damals durch den als Pädagogen weit bekannten
und berühmten Director ~Dr.~ Ramshorn bis in die 70er Jahre so
vortrefflich geleitete 3. Bürgerschule, zu welcher sich die Schüler
aller Stadttheile drängten.
Von städtischen Schulen existirten damals in Leipzig nur die drei
Bürgerschulen, die Armenschule in der Holzgasse und die Wendler’sche
Rathsfreischule am Thomaskirchhof. An höheren Schulen »Thomas-« und
»Nicolaischule«, sowie mit der 1. Bürgerschule in demselben Gebäude,
die damals nur vierklassige Realschule, jetzt Realgymnasium. Aber
wer jetzt die stolzen Gebäude all dieser Schulen betrachtet und
sich noch zurückzudenken vermag an unsere ursprüngliche alte liebe
3. Bürgerschule, ehe das jetzt hinten quer vorstehende Hauptgebäude
errichtet wurde, der kann wohl ein Lächeln nicht unterdrücken. Rechts
auf dem großen wüsten Platze, den Rücken nach den Gärten der jetzigen
Salomonstraße zu, standen drei kleine hüttenartige Häuschen, nur aus
Parterre und erstem Stock bestehend, neben einander, und in diesen
altersschwachen Hütten, deren wurmzerfressene Holztreppen beim Hinauf-
und Hinabrennen von uns Bengels bedenklich seufzten und in allen Fugen
krachten, was uns natürlich keineswegs zur zarten Rücksichtnahme
veranlaßte, befand sich die gesammte dritte Bürgerschule. Hei! war
das ein Gaudium, wenn die Freiviertelstunde herannahte und wir
hinabstürmten auf den Platz, um an den zum Neubau angefahrenen
Sandsteinen unsere turnerischen Künste zu üben oder vor der sanfteren
jugendlichen Damenwelt unsere Kräfte zu zeigen. Wir waren oft eine
tolle Bande und doch sind aus den Schülern der damaligen dritten
Bürgerschule eine große Anzahl tüchtiger Männer hervorgegangen,
welche zum Theil auch ihrer Vaterstadt in hohen Aemtern dienten und
noch dienen. Freilich, Papa Ramshorn führte ein strenges Regiment und
sein Rohrstöckchen saß ihm stets locker genug im linken Aermel seines
Frackes. Tüchtige Lehrer, auf welche noch heute der frühere Schüler
mit Dank, Ehrerbietung und Stolz zurückdenkt oder denen er, soweit sie
verstorben sind, ein treues und theures Andenken bewahrt, standen dem
scharfblickenden Direktor treu zur Seite und brachten die Schule auf
eine hohe Blüte. Ich nenne nur den in der Schule ebenso strengen, wie
im sonstigen Verkehr mit seinen Schülern wahrhaft kinderfreundlichen
und geselligen, jetzigen Prediger der Thomaskirche ~Dr.~ Suppe,
ferner die Lehrer ~Dr.~ Thomas, ~Dr.~ Kühr, Kunath, ~Dr.~ Heinold,
den späteren Organisten der Nikolaikirche und als tüchtigen Musiker
bekannten, damaligen Schreiblehrer Schaab etc. etc. Und als dann
endlich 1853 das neue Haus bezogen wurde, da zog auch der alte Geist
mit hinüber in dasselbe und ist in demselben geblieben, noch viele
viele Jahre, wohl bis zum heutigen Tag.
Fünfundzwanzig Jahre nach Errichtung des neuen Schulhauses der 3.
Bürgerschule feierten Lehrer und Schüler ein frohes Fest und auch
die alten Schüler kamen, zum Theil aus weiter Ferne, um an demselben
theilzunehmen, wobei sie der Schule ein kostbares Harmonium und eine
Votivtafel stifteten. -- Viele sind seit jener Zeit wieder schlafen
gegangen, aber wenn es gilt, das fünfzigjährige Jubiläum der Schule zu
feiern, werden wohl sicher die wenigen noch Lebenden von jenen Alten
nicht fehlen.