XXVI.

Leipzigs Südosten vor 40 Jahren.

Ebenso viele Veränderungen wie der Südwesten Leipzigs hat auch

der Südosten aufzuweisen, nur sind daselbst, mit Ausnahme der

neuen Universitätsgebäude in der Liebigstraße, weniger neue Plätze

bebaut, als vielmehr alte neu bebaut worden, auch das Capitel der

Straßendurchbrüche spielt hier eine große Rolle. An der Ecke des

Königsplatzes und der Windmühlenstraße befand sich die »dürre Henne«,

ein großer, uralter Ausspannungsgasthof, dessen Parterrefenster so

niedrig waren, daß man bequem, ohne groß den Fuß zu heben, von der

Straße aus ins Gastzimmer steigen konnte, weshalb der Anfang der

fünfziger Jahre in diesem Gasthof dienende handfeste Hausknecht, unter

dem Namen »langer August« eine stadtbekannte Persönlichkeit, an die

Luft zu expedirende Gäste stets einfach durch die Fenster, statt durch

die Thür auf die Straße warf, wo dieselben auf dem haufenweisen Schmutz

ein sanftes Bett fanden. Gegenüber der »Dürren Henne«, am Königsplatz

und Ecke der Kleinen Windmühlengasse, jetzt Markthallenstraße, lag das

einstöckige Gebäude der städtischen Speiseanstalt mit einer riesigen

Fahnenstange, auf welcher, so lange die Essenszeit währte, stets eine

große Fahne in den Stadtfarben aufgezogen wurde. Ein Dreieck bildete

mit diesen Häusern die ebenfalls uralte »goldene Kutsche«, welche neben

dem zum Theil noch jetzt stehenden Bäckerhaus stand. An die ebenfalls

noch jetzt am Anfang der Windmühlenstraße rechts und links stehenden

alten Häuser schlossen sich links bis zum »Schrödergäßchen«, jetzt

Kurprinzstraße, so niedere Hütten, daß man bequem mit der Hand auf

deren Dach greifen konnte und dasselbe war rechts bis zur Brauerei,

Ecke der Emilienstraße, der Fall. Wenige Schritte von der Emilienstraße

aufwärts stand das Windmühlenthor. Die Windmühlenstraße wurde damals

noch durch Oellampen beleuchtet, welche an Ketten über die Mitte der

Straße hingen, zum Anbrennen und Auslöschen; wenn letzteres nicht,

wie meist der Fall, der Wind besorgte, wurden die Lampen von der

Seite aus herunter und wieder hinauf geleiert. Weiter hinauf bis zum

Bayerischen Bahnhof lagen Gärten. Von der Emilienstraße, Albert-, Hohe

und Sidonienstraße, sowie Elisenstraße waren nur Anfänge vorhanden,

der Schletterplatz lag öd und wüst mit einem haustiefen Abgrund, in

dem sich noch lange die Ruinen eines kleinen Häuschens, sowie die

deutlichen Spuren eines Wasserlaufes befanden. Dem Volksmunde nach

sollte hier früher eine kleine Mühle, getrieben durch einen Bach,

gestanden haben. Turner-, Roß-, Brüder-, Jablonowsky- und Nürnberger

Straße existirten noch nicht. Die Thalstraße begann da, wo die

Nürnberger Straße beim Bayerischen Bahnhof jetzt einmündet und ging

quer durch die Gärten, auf denen jetzt die Anatomie steht, hinter dem

»Kanonenteich«, welcher unergründlich sein sollte, herum, bis er sich

an der jetzigen Brüderstraße an die jetzige Thalstraße anschloß. An

der Stelle der jetzigen Brüderstraße bei der Anatomie lagen tief im

Grunde, ein Sackgäßlein bildend, die sogenannten »_sieben Häuser_«,

wegen ihres ganz gleichen (hüttenähnlichen) Ansehens die »Brüderhäuser«

genannt, von denen wohl die Brüderstraße ihren Namen erhalten hat. An

der Einbiegung der heutigen Brüderstraße in die Thalstraße lag rechts,

da wo sich jetzt die Anlagen auf dem freien Platz befinden, ein Teich,

etwa dreiviertel so groß wie der heutige Platz und von kreisrunder

Form. Dies war der Kanonenteich. In demselben sollte Napoleon zur

Völkerschlacht vor seinem Rückzug eine große Anzahl, man sagte sechzig,

Kanonen versenkt haben. Thatsache ist, daß mehrere Versuche mit

Tauchern und Taucherglocken angestellt wurden, um die Schätze darin

zu heben, die aber wegen der Tiefe des Teiches, wohl auch wegen des

Schlammes in demselben zu keinem Resultate führten.

Hinter dem Kanonenteiche, nach der Liebigstraße zu, waren damals Tannen

und Fichten angepflanzt und das dichte Gestrüpp derselben bildete für

uns im den Flegeljahren befindlichen Bengels vortreffliche Verstecke

für unsre Rauchstudien. Die zu letzteren nöthigen Incredienzen kauften

wir damals in dem späteren Markart’schen Geschäft, Ecke der Nikolai-

und Grimmaischen Straße ein, denn es war männiglich bekannt, daß man in

dieser empfehlenswerthen Handlung die _größten_ und _dicksten Cigarren_

(und das war natürlich die Hauptsache) für 1 Pfennig, sage und schreibe

»einen Pfennig« erhielt. Was sich damals in jenem Dickicht für Herz-

und Magenbewegende Scenen abgespielt haben, davon schweigt am liebsten

des Sängers Höflichkeit.

Die Zuschüttung des Kanonenteiches dauerte jahrelang und erforderte

große Massen von Material. Das Schrödergäßchen, jetzt Kurprinzstraße,

fiel erst in den siebziger Jahren und ist daher wohl noch Vielen in

seiner ursprünglichen Gestalt wohlbekannt. Zu befahren war dasselbe

nicht, da es am Kurprinz bis zum Ausgang nach dem Roßplatz so eng

wurde, daß kaum zwei Personen neben einander gehen konnten. Nur

die linke Seite des Gäßchens, von der Windmühlenstraße aus, war

mit niedrigen Hütten bebaut, in deren einer ein uralter, völlig

kahlköpfiger Mann wohnte -- der alte Quarch -- der damals mit einem

Hundefuhrwerk den -- große Wäsche veranstaltenden Hausfrauen Flußwasser

~à~ Tonne für 2 gute Groschen ins Haus fuhr. Dieser alte Quarch war

ebenfalls ein Original und stadtbekannt, er hatte mehrere Male große

Vermögen binnen wenig Jahren verjubelt und wenn das Geld alle war,

griff er mit demselben Humor immer wieder zu seinem Hundefuhrwerk. Er

war schon ein sehr alter Mann, als er wiederum ein Achtel des damaligen

großen Looses (80000 Thaler damals) gewann, davon gab er aber diesmal

seinem Sohne die Hälfte seines Gewinnes, der Rest war wiederum in

einigen Jahren in alle Winde. Trotzdem nahm er das Anerbieten seines

Sohnes, zu ihm zu ziehen, nicht an, sondern kehrte auch diesmal zu

seinem Hundefuhrwerk zurück. -- Die ganze rechte Seite des ziemlich

langen Schrödergäßchens nahm der riesige Garten des »Kurprinz« ein.

Der Kurprinz selbst war eine Art Edelsitz mit großem Oeconomiebetrieb,

die großen Stallungen für Pferde und Rindvieh lagen auf einem Platze

an seiner südöstlichen Seite und in der Mitte desselben dehnten sich

Einzäunungen für Kühe und Schafe sowie der mächtige Dunghaufen aus. Im

vorderen Hofe befanden sich Werkstätten und Remisen für Maler, Lackirer

und Equipagenbauer.

Die rechte Seite der Thalstraße bildeten damals ebenfalls noch Gärten

des Johannisthals und da, wo sich jetzt die Sternwarte befindet,

war damals der alte Judenfriedhof mit seinen eingefallenen Gräbern

und verwitterten Grabsteinen. Auf demselben Hügel lagen auch die

Pulverhäuser der Garnison, welche später am Napoleonsteine am Thonberg

ihren Platz fanden.

Die jetzige Sternwartenstraße, damals Holzgasse, enthielt in ihrem

vorderen Theile links, wo sie einen kleinen Platz bildet, den

sogenannten Trödelmarkt, Buden mit Trödlern und rechts an der Ecke der

jetzigen Turnerstraße die Armenschule. Die sämmtlichen Durchbrüche

der Turner- und Nürnberger Straße waren nicht vorhanden. Das ganze

Terrain hinter den Häusern rechts bis zur Glockenstraße nahm der

damalige städtische Holzhof ein. Ein Theil des letzteren ward in den

fünfziger Jahren dem Bau der Turnhalle resp. zunächst dem Turnplatz

eingeräumt. Die Thalstraße mit nur wenigen alten Häusern bildete die

Grenze und zugleich den Anfang des Johannisthals, welches damals

mehr als doppelt so groß war wie jetzt. Die Ulrichsgasse, damals

Sandgasse, war an der Thalstraße durch eine Mauer abgeschlossen,

an Stelle der Roßstraße stand am Roßplatz das »schwarze Roß« mit

Oekonomiegebäuden und großem Garten; die jetzige Nürnberger Straße

war eine Sackgasse, welche vom Johannisplatz bis zur Johannisgasse

»Kirchstraße«, von da an bis an die Abschlußmauer der Ulrichsgasse

aber »Bosenstraße« hieß. Das prächtige alte Petersthor hatte, von der

innern Stadt aus, links in seinem Thorbogen ein kleines Pförtchen,

durch welches man auf den sogenannten »Zwinger«, einen schmalen Weg,

kam, an dessen linker Seite allerliebste, ganz gleichartige, bis zum

Giebel mit wildem Wein bewachsene einstöckige Häuschen mit winzigen,

aber sorgfältig gepflegten Vorgärtchen standen. Dieselben dehnten

sich bis zur Universitätsbrücke aus, denn, von der Petersbrücke bis

zur Universitätsbrücke (jetzt Schillerstraße) und von dieser weiter

bis zum Augustusplatz lag tief im Grunde der Stadtgraben, mit seinen

zahlreichen Bäumen und Gesträuch, ein willkommener Tummelplatz für

uns Jungen. Hinter der Johanneskirche aber, an der Dresdner Straße,

lag und liegt noch die damals durch den als Pädagogen weit bekannten

und berühmten Director ~Dr.~ Ramshorn bis in die 70er Jahre so

vortrefflich geleitete 3. Bürgerschule, zu welcher sich die Schüler

aller Stadttheile drängten.

Von städtischen Schulen existirten damals in Leipzig nur die drei

Bürgerschulen, die Armenschule in der Holzgasse und die Wendler’sche

Rathsfreischule am Thomaskirchhof. An höheren Schulen »Thomas-« und

»Nicolaischule«, sowie mit der 1. Bürgerschule in demselben Gebäude,

die damals nur vierklassige Realschule, jetzt Realgymnasium. Aber

wer jetzt die stolzen Gebäude all dieser Schulen betrachtet und

sich noch zurückzudenken vermag an unsere ursprüngliche alte liebe

3. Bürgerschule, ehe das jetzt hinten quer vorstehende Hauptgebäude

errichtet wurde, der kann wohl ein Lächeln nicht unterdrücken. Rechts

auf dem großen wüsten Platze, den Rücken nach den Gärten der jetzigen

Salomonstraße zu, standen drei kleine hüttenartige Häuschen, nur aus

Parterre und erstem Stock bestehend, neben einander, und in diesen

altersschwachen Hütten, deren wurmzerfressene Holztreppen beim Hinauf-

und Hinabrennen von uns Bengels bedenklich seufzten und in allen Fugen

krachten, was uns natürlich keineswegs zur zarten Rücksichtnahme

veranlaßte, befand sich die gesammte dritte Bürgerschule. Hei! war

das ein Gaudium, wenn die Freiviertelstunde herannahte und wir

hinabstürmten auf den Platz, um an den zum Neubau angefahrenen

Sandsteinen unsere turnerischen Künste zu üben oder vor der sanfteren

jugendlichen Damenwelt unsere Kräfte zu zeigen. Wir waren oft eine

tolle Bande und doch sind aus den Schülern der damaligen dritten

Bürgerschule eine große Anzahl tüchtiger Männer hervorgegangen,

welche zum Theil auch ihrer Vaterstadt in hohen Aemtern dienten und

noch dienen. Freilich, Papa Ramshorn führte ein strenges Regiment und

sein Rohrstöckchen saß ihm stets locker genug im linken Aermel seines

Frackes. Tüchtige Lehrer, auf welche noch heute der frühere Schüler

mit Dank, Ehrerbietung und Stolz zurückdenkt oder denen er, soweit sie

verstorben sind, ein treues und theures Andenken bewahrt, standen dem

scharfblickenden Direktor treu zur Seite und brachten die Schule auf

eine hohe Blüte. Ich nenne nur den in der Schule ebenso strengen, wie

im sonstigen Verkehr mit seinen Schülern wahrhaft kinderfreundlichen

und geselligen, jetzigen Prediger der Thomaskirche ~Dr.~ Suppe,

ferner die Lehrer ~Dr.~ Thomas, ~Dr.~ Kühr, Kunath, ~Dr.~ Heinold,

den späteren Organisten der Nikolaikirche und als tüchtigen Musiker

bekannten, damaligen Schreiblehrer Schaab etc. etc. Und als dann

endlich 1853 das neue Haus bezogen wurde, da zog auch der alte Geist

mit hinüber in dasselbe und ist in demselben geblieben, noch viele

viele Jahre, wohl bis zum heutigen Tag.

Fünfundzwanzig Jahre nach Errichtung des neuen Schulhauses der 3.

Bürgerschule feierten Lehrer und Schüler ein frohes Fest und auch

die alten Schüler kamen, zum Theil aus weiter Ferne, um an demselben

theilzunehmen, wobei sie der Schule ein kostbares Harmonium und eine

Votivtafel stifteten. -- Viele sind seit jener Zeit wieder schlafen

gegangen, aber wenn es gilt, das fünfzigjährige Jubiläum der Schule zu

feiern, werden wohl sicher die wenigen noch Lebenden von jenen Alten

nicht fehlen.

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 33 / 71 题