Der alte Petersschießgraben und Leipziger Volksoriginale: ~Dr.~ Ewald.
Bis zur Erbauung des Tivoli, welches gegen die Mitte der vierziger
Jahre errichtet wurde, war eigentlich unser Leipzig nicht überflüssig
mit größeren Vergnügungslokalen versehen. Der Wettiner Hof in der
»blauen Mütze«, der inmitten eines ziemlich wüsten Hofplatzes stand,
war der Tummelplatz für die Hefe des Volkes, andere größere Säle
existirten fast gar nicht und so kam es, daß der schon damals stark
baufällige Petersschießgraben mit seinen, fast die ganze Länge der
jetzigen Münzgasse und des Floßplatzes einnehmenden Schießständen und
sehr bescheidenen Gartenanlagen von der Leipziger Bürgerschaft der
Mittelstände stark frequentirt wurde. Freilich war damals auch der
Bewohner Leipzigs noch bei weitem nicht so fußfaul wie zur Jetztzeit,
wo oft für kaum einige Minuten entfernte Strecken schon Pferdebahn
und Droschke benutzt wird. Zur Sommerszeit machte man damals weite
Fußtouren mit Kind und Kegel und zwar stets hin und zurück zu Fuß.
Statt der jetzigen modernen Kinderwagen hatte man damals die kleinen
blauen Handleiterwagen mit Deichsel, an diese spannten sich die
größeren Geschwister vor, oder auch wo solche nicht vorhanden waren,
ein dienstwilliger Lehrjunge oder Gesell und fort ging es, hinaus ins
Freie und Tagestouren wie nach Grimma, Lausigk, Borna, Schkeuditz u.
s. w. wurden sehr häufig unternommen. Einige Flaschen brausendes und
schäumendes, von Muttern selbst gefülltes Braunbier, auch wohl ein
Fläschchen Kümmel, dazu eine wohlgefüllte Tasche mit Brod, Butter,
Käse, Schinken und hausschlachtener Wurst, bildeten die gediegene
Verproviantirung, und wie herrlich schmeckte dies Alles im grünen
Wald oder auf grüner Aue, gelagert unter dem Schatten irgend einer
mächtigen Eiche. Wurde es Vatern zu warm, so zog er den langschößigen
Rock aus und legte ihn mit auf den allgemeinen Bagagewagen, wo auch
Mutters »Saloppe« (Umschlagetuch) noch ihren Platz fand. Vater steckte
die Mütze auf seinen Stock und hielt in der Linken den mit Kanaster
gefüllten Ulmer (Tabackspfeife), Mutter spannte zum Schutz vor der
Sonne den Regenschirm (Familientulpe) auf, wir Kinder sprangen mit dem
Spitze nebenher und keine Königsfamilie konnte glücklicher sein, als
wie wir alle es waren. -- -- --
Kam aber der Herbst ins Land, so suchte man die näheren Vergnügungsorte
auf. Den »großen« und den »kleinen Kuchengarten«, die »Tabacksmühle«
zwischen Thonberg und Stötteritz, Stünz mit seinem »Käsebruch« u.
s. w. Vor Allen aber den »Petersschießgraben« am Petersteinweg.
In dem langgestreckten Saal der ersten Etage saßen dann Bürger
und Handwerksmeister, aber auch der Gelehrte und der Student an
alterthümlichen Holztafeln mit kreuzweisen Untergestellen, einträchtig
beisammen und beim Braun- oder Doppelbier oder der damals in doppelt
so großen Flaschen enthaltenen Gose, discourirten sie über Politik und
Stadtklatsch. Das Glas Braunbier kam damals 8 Pfennig, das nur wenig
getrunkene Doppelbier einen guten Groschen (12 Pfennige) und die große
Flasche Gose 2 gute Groschen; Butter, Brod und Käse in reichlicher
Portion 12 Pfennige, mit Schinken 25 Pfge., eine Portion Schweinebraten
40 Pfennige, ein großes Beefstäck 30 Pfennige. Die Pfeife war in fast
Aller Händen, denn die Cigarren waren erst seit wenigen Jahren in
Aufnahme und noch theuer. Das letztere war auch bezüglich der erst
nicht lange vorher aufgekommenen Streichhölzer der Fall, weswegen
jeder Raucher mit Feuerstein und Stahl und Zündschwamm oder Lunte, die
man über, auf ausgehöhlte Flaschenpfropfen gesteckte Nadeln strickte,
versehen war. In den Ecken des Saales waren aber auch zur allgemeinen
Benutzung sogenannte Tischfeuerzeuge, mit Spiritus und Fidibus
angebracht.
Wo sich aber auch damals »de Berger un Meester -- natürlich mit
Kind und Kegel -- Junggesellen und Jungfer Töchtern oder Mamsellen«
(Fräulein galt nur als Bezeichnung für adlige oder allenfalls
für Professoren- und sonstige hochgestellte Beamten-Töchter)
zusammenfanden, stets stellte sich da auch in den dreißiger und Anfangs
der vierziger Jahre ein Mann ein, der unter dem Namen »~Dr.~ Ewald« als
städtisches Original Groß und Klein bekannt war.
Dieser »~Dr.~ Ewald«, aus guter Bürgerfamilie stammend, war ein
verbummelter und gänzlich heruntergekommener Student, der viele Jahre
in Leipzig studiert, den Doktortitel aber niemals erworben hatte,
sondern nur von Volksgnaden trug. Damals -- von schier undefinirbarem
Alter, sicher aber ein hoher oder doch mittlerer Vierziger, schwärzte
er sich überall ein, wo er hoffte freie Zeche zu bekommen und ließ
sich dafür auch Alles gefallen. Wenn wir sagen »Alles«, so ist dies
in sehr weit ausgedehntem Maaße zu verstehen, denn damals war man
für Späße, welche man jetzt als »mehr als derb« bezeichnen würde,
noch bei Weitem nicht so empfindlich wie jetzt. Da Ewald Gott und
alle Welt kannte, so blieb er an diesem und jenem Tische stehen, bis
man ihn hieß »e mal mitzutrinken.« Wehe aber dem Unglücklichen, der
hierbei die Vorsicht so weit außer Acht ließ, dem »~Dr.~« seinen noch
sehr gefüllten Krug anzubieten, denn der gab ihn nicht wieder her,
sondern leerte ihn, dabei fortwährend Trinksprüche auf »die Frau
Meesterin« -- das »Jungfer Töchterlein« u. s. w. ausbringend, bis auf
den letzten Tropfen. Studenten -- -- die er nur mit »Commilitonen«
anredete, machten sich öfters folgenden wenig sauberen Witz mit ihm.
Sie kneteten aus Mehl, Schmutz, Tabacksasche, Cigarrenstummeln und
anderen delikaten Ingredienzen einen Kloß, spuckten hinein und legten
ein Achtgroschenstück daneben und -- »guten Appetit« -- Ewald fraß
den Kloß und steckte das Geld dafür in die Tasche. Sein Bruder hatte
sich erschossen und renommirend lief er nun in dessen Rock herum und
zeigte Jedem das Loch, wo die Kugel hineingegangen war, indem er nur
bedauerte, daß Jener zu seinem Selbstmord den »guten Rock« angezogen
habe.
Dabei machte er jeder Schürze die Cour und erlebte hierbei Abenteuer,
welche nicht allemal günstig für seine Kehrseite abliefen. Damals kam
das schöne Lied auf »Du hast ja die schönsten Augen« u. s. w. und
sofort erkor es Ewald sich zum Lieblingslied, mit welchem er jedes
Mädchen oder Frau drangsalirte, die das Unglück hatte seinem Blicke zu
begegnen.
[Illustration: Der alte Petersschießgraben.]
Einige dieser Abenteuer sind vielleicht nicht unwerth der Vergessenheit
entrissen zu werden, wobei wir bemerken, daß wir nur streng als
Wahrheit verbürgte Thatsachen anführen.
Im »goldenen Horn« (jetzt Stadt London) in der Nikolaistraße waltete
damals ein drolliger und jovialer Mann, Namens Schwabe, als Wirth, der
gern einen Jux mitmachte und z. B. einstmals auf seinem Pferde, infolge
einer Wette, dreimal um sein Billard ritt. Dieser Schwabe hatte nun
eine ebenso schöne, wie lebenslustige und heitere Frau und da auch ihr
der »~Dr.~ Ewald« in deutlichster und dabei aufdringlichster Weise die
Cour schnitt, so beschlossen beide Eheleute, indem sie noch einige
Gäste ins Vertrauen zogen, mit Ewald einen derben Ulk auszuführen.
Frau Schwabe ließ demselben, es war im Winter, merken, daß sie für
seine Huldigungen nicht unempfindlich sei und versprach ihm für den
andern Tag ein Plauderstündchen, zumal da ihr Mann verreist sei.
Ewald stellte sich nun auch pünktlich ein und lachend ließ die schöne
Frau seine Liebesbetheurungen über sich ergehen, indeß im Nebenzimmer
ihr Mann versteckt war. Plötzlich aber schrie sie auf »Ach um
Himmelswillen! Da kommt mein Mann -- eben ging er am Fenster vorbei! --
Ach! gewiß hat der Verdacht -- der bringt uns alle Beide um!«
Ewald vor Schreck halbtodt, hörte gleich darauf, wie Schwabe wüthend an
der verschlossenen Stubenthür rüttelte und mußte sich nun im Waschhaus
in dem großen Waschkessel verstecken, wobei er zu seinem namenlosen
Entsetzen hörte, wie der Wirth mit Pistol und Säbel überall »den
Verführer« suchte und dabei wiederholt ins Waschhaus kam und schwor,
den Verführer kalten Blutes zu ermorden. Viele Stunden bis zum späten
Abend mußte der Bethörte bei großer Kälte in seinem unbequemen Versteck
zubringen, bis Abends der Hausknecht erschien und in der Finsterniß,
ohne ihn angeblich zu sehen, mehrere Fuhren Wasser über ihn in den
Kessel goß. Erst da zwangen ihn Kälte und Nässe sich dem Hausknecht
auf Gnade und Ungnade zu ergeben, und er war froh, als ihn derselbe
heimlich lachend entwischen lies.
Ein anders Mal hatte er sich in das Töchterlein des Gohliser Müllers
verliebt. Diese -- sich ebenfalls mit ihrem Schatz verabredend --
ladet Ewald zum Stelldichein in die Mühlräume. Da auch hier der Schatz
erscheint, läßt ihn die Jungfer in einen großen Mehlkasten kriechen
und nimmt mit ihrem Geliebten kosend auf dem Deckel desselben Platz.
Zu seiner Angst hört er im Kasten, wie der Andere plötzlich Ewalds
Hut findet und nun schrecklich zu toben anfängt und ihn mit Mord und
Todtschlag bedroht; schließlich schleudert der Wüthende den Hut auf
einen hohen Holzstoß im Hofe und entfernt sich angeblich. Ewald, über
und über mit Mehlstaub bedeckt, ersteigt auf einer Leiter den Holzstoß,
ist aber kaum oben, als ihm die Leiter weggenommen wird und er nun zu
Jedermanns Gaudium stundenlang in seinem verstaubten Costüm dort oben
zubringen muß, bis man ihn mit einer Tracht Prügel auch hier endlich
entließ.
Im Laufe der Zeit kam Ewald immer mehr und mehr herunter und wurde
häufig Bewohner von »Sct. Stich« (Georgenhaus). Man fand ihn in den
vierziger Jahren eines Morgens sterbend an der »Gothischen Pforte« (da
wo jetzt das Harkort-Denkmal steht) im Gebüsch liegend, trug ihn ins
Georgenhaus und daselbst starb er nach wenigen Tagen.