XXV.

Der alte Petersschießgraben und Leipziger Volksoriginale: ~Dr.~ Ewald.

Bis zur Erbauung des Tivoli, welches gegen die Mitte der vierziger

Jahre errichtet wurde, war eigentlich unser Leipzig nicht überflüssig

mit größeren Vergnügungslokalen versehen. Der Wettiner Hof in der

»blauen Mütze«, der inmitten eines ziemlich wüsten Hofplatzes stand,

war der Tummelplatz für die Hefe des Volkes, andere größere Säle

existirten fast gar nicht und so kam es, daß der schon damals stark

baufällige Petersschießgraben mit seinen, fast die ganze Länge der

jetzigen Münzgasse und des Floßplatzes einnehmenden Schießständen und

sehr bescheidenen Gartenanlagen von der Leipziger Bürgerschaft der

Mittelstände stark frequentirt wurde. Freilich war damals auch der

Bewohner Leipzigs noch bei weitem nicht so fußfaul wie zur Jetztzeit,

wo oft für kaum einige Minuten entfernte Strecken schon Pferdebahn

und Droschke benutzt wird. Zur Sommerszeit machte man damals weite

Fußtouren mit Kind und Kegel und zwar stets hin und zurück zu Fuß.

Statt der jetzigen modernen Kinderwagen hatte man damals die kleinen

blauen Handleiterwagen mit Deichsel, an diese spannten sich die

größeren Geschwister vor, oder auch wo solche nicht vorhanden waren,

ein dienstwilliger Lehrjunge oder Gesell und fort ging es, hinaus ins

Freie und Tagestouren wie nach Grimma, Lausigk, Borna, Schkeuditz u.

s. w. wurden sehr häufig unternommen. Einige Flaschen brausendes und

schäumendes, von Muttern selbst gefülltes Braunbier, auch wohl ein

Fläschchen Kümmel, dazu eine wohlgefüllte Tasche mit Brod, Butter,

Käse, Schinken und hausschlachtener Wurst, bildeten die gediegene

Verproviantirung, und wie herrlich schmeckte dies Alles im grünen

Wald oder auf grüner Aue, gelagert unter dem Schatten irgend einer

mächtigen Eiche. Wurde es Vatern zu warm, so zog er den langschößigen

Rock aus und legte ihn mit auf den allgemeinen Bagagewagen, wo auch

Mutters »Saloppe« (Umschlagetuch) noch ihren Platz fand. Vater steckte

die Mütze auf seinen Stock und hielt in der Linken den mit Kanaster

gefüllten Ulmer (Tabackspfeife), Mutter spannte zum Schutz vor der

Sonne den Regenschirm (Familientulpe) auf, wir Kinder sprangen mit dem

Spitze nebenher und keine Königsfamilie konnte glücklicher sein, als

wie wir alle es waren. -- -- --

Kam aber der Herbst ins Land, so suchte man die näheren Vergnügungsorte

auf. Den »großen« und den »kleinen Kuchengarten«, die »Tabacksmühle«

zwischen Thonberg und Stötteritz, Stünz mit seinem »Käsebruch« u.

s. w. Vor Allen aber den »Petersschießgraben« am Petersteinweg.

In dem langgestreckten Saal der ersten Etage saßen dann Bürger

und Handwerksmeister, aber auch der Gelehrte und der Student an

alterthümlichen Holztafeln mit kreuzweisen Untergestellen, einträchtig

beisammen und beim Braun- oder Doppelbier oder der damals in doppelt

so großen Flaschen enthaltenen Gose, discourirten sie über Politik und

Stadtklatsch. Das Glas Braunbier kam damals 8 Pfennig, das nur wenig

getrunkene Doppelbier einen guten Groschen (12 Pfennige) und die große

Flasche Gose 2 gute Groschen; Butter, Brod und Käse in reichlicher

Portion 12 Pfennige, mit Schinken 25 Pfge., eine Portion Schweinebraten

40 Pfennige, ein großes Beefstäck 30 Pfennige. Die Pfeife war in fast

Aller Händen, denn die Cigarren waren erst seit wenigen Jahren in

Aufnahme und noch theuer. Das letztere war auch bezüglich der erst

nicht lange vorher aufgekommenen Streichhölzer der Fall, weswegen

jeder Raucher mit Feuerstein und Stahl und Zündschwamm oder Lunte, die

man über, auf ausgehöhlte Flaschenpfropfen gesteckte Nadeln strickte,

versehen war. In den Ecken des Saales waren aber auch zur allgemeinen

Benutzung sogenannte Tischfeuerzeuge, mit Spiritus und Fidibus

angebracht.

Wo sich aber auch damals »de Berger un Meester -- natürlich mit

Kind und Kegel -- Junggesellen und Jungfer Töchtern oder Mamsellen«

(Fräulein galt nur als Bezeichnung für adlige oder allenfalls

für Professoren- und sonstige hochgestellte Beamten-Töchter)

zusammenfanden, stets stellte sich da auch in den dreißiger und Anfangs

der vierziger Jahre ein Mann ein, der unter dem Namen »~Dr.~ Ewald« als

städtisches Original Groß und Klein bekannt war.

Dieser »~Dr.~ Ewald«, aus guter Bürgerfamilie stammend, war ein

verbummelter und gänzlich heruntergekommener Student, der viele Jahre

in Leipzig studiert, den Doktortitel aber niemals erworben hatte,

sondern nur von Volksgnaden trug. Damals -- von schier undefinirbarem

Alter, sicher aber ein hoher oder doch mittlerer Vierziger, schwärzte

er sich überall ein, wo er hoffte freie Zeche zu bekommen und ließ

sich dafür auch Alles gefallen. Wenn wir sagen »Alles«, so ist dies

in sehr weit ausgedehntem Maaße zu verstehen, denn damals war man

für Späße, welche man jetzt als »mehr als derb« bezeichnen würde,

noch bei Weitem nicht so empfindlich wie jetzt. Da Ewald Gott und

alle Welt kannte, so blieb er an diesem und jenem Tische stehen, bis

man ihn hieß »e mal mitzutrinken.« Wehe aber dem Unglücklichen, der

hierbei die Vorsicht so weit außer Acht ließ, dem »~Dr.~« seinen noch

sehr gefüllten Krug anzubieten, denn der gab ihn nicht wieder her,

sondern leerte ihn, dabei fortwährend Trinksprüche auf »die Frau

Meesterin« -- das »Jungfer Töchterlein« u. s. w. ausbringend, bis auf

den letzten Tropfen. Studenten -- -- die er nur mit »Commilitonen«

anredete, machten sich öfters folgenden wenig sauberen Witz mit ihm.

Sie kneteten aus Mehl, Schmutz, Tabacksasche, Cigarrenstummeln und

anderen delikaten Ingredienzen einen Kloß, spuckten hinein und legten

ein Achtgroschenstück daneben und -- »guten Appetit« -- Ewald fraß

den Kloß und steckte das Geld dafür in die Tasche. Sein Bruder hatte

sich erschossen und renommirend lief er nun in dessen Rock herum und

zeigte Jedem das Loch, wo die Kugel hineingegangen war, indem er nur

bedauerte, daß Jener zu seinem Selbstmord den »guten Rock« angezogen

habe.

Dabei machte er jeder Schürze die Cour und erlebte hierbei Abenteuer,

welche nicht allemal günstig für seine Kehrseite abliefen. Damals kam

das schöne Lied auf »Du hast ja die schönsten Augen« u. s. w. und

sofort erkor es Ewald sich zum Lieblingslied, mit welchem er jedes

Mädchen oder Frau drangsalirte, die das Unglück hatte seinem Blicke zu

begegnen.

[Illustration: Der alte Petersschießgraben.]

Einige dieser Abenteuer sind vielleicht nicht unwerth der Vergessenheit

entrissen zu werden, wobei wir bemerken, daß wir nur streng als

Wahrheit verbürgte Thatsachen anführen.

Im »goldenen Horn« (jetzt Stadt London) in der Nikolaistraße waltete

damals ein drolliger und jovialer Mann, Namens Schwabe, als Wirth, der

gern einen Jux mitmachte und z. B. einstmals auf seinem Pferde, infolge

einer Wette, dreimal um sein Billard ritt. Dieser Schwabe hatte nun

eine ebenso schöne, wie lebenslustige und heitere Frau und da auch ihr

der »~Dr.~ Ewald« in deutlichster und dabei aufdringlichster Weise die

Cour schnitt, so beschlossen beide Eheleute, indem sie noch einige

Gäste ins Vertrauen zogen, mit Ewald einen derben Ulk auszuführen.

Frau Schwabe ließ demselben, es war im Winter, merken, daß sie für

seine Huldigungen nicht unempfindlich sei und versprach ihm für den

andern Tag ein Plauderstündchen, zumal da ihr Mann verreist sei.

Ewald stellte sich nun auch pünktlich ein und lachend ließ die schöne

Frau seine Liebesbetheurungen über sich ergehen, indeß im Nebenzimmer

ihr Mann versteckt war. Plötzlich aber schrie sie auf »Ach um

Himmelswillen! Da kommt mein Mann -- eben ging er am Fenster vorbei! --

Ach! gewiß hat der Verdacht -- der bringt uns alle Beide um!«

Ewald vor Schreck halbtodt, hörte gleich darauf, wie Schwabe wüthend an

der verschlossenen Stubenthür rüttelte und mußte sich nun im Waschhaus

in dem großen Waschkessel verstecken, wobei er zu seinem namenlosen

Entsetzen hörte, wie der Wirth mit Pistol und Säbel überall »den

Verführer« suchte und dabei wiederholt ins Waschhaus kam und schwor,

den Verführer kalten Blutes zu ermorden. Viele Stunden bis zum späten

Abend mußte der Bethörte bei großer Kälte in seinem unbequemen Versteck

zubringen, bis Abends der Hausknecht erschien und in der Finsterniß,

ohne ihn angeblich zu sehen, mehrere Fuhren Wasser über ihn in den

Kessel goß. Erst da zwangen ihn Kälte und Nässe sich dem Hausknecht

auf Gnade und Ungnade zu ergeben, und er war froh, als ihn derselbe

heimlich lachend entwischen lies.

Ein anders Mal hatte er sich in das Töchterlein des Gohliser Müllers

verliebt. Diese -- sich ebenfalls mit ihrem Schatz verabredend --

ladet Ewald zum Stelldichein in die Mühlräume. Da auch hier der Schatz

erscheint, läßt ihn die Jungfer in einen großen Mehlkasten kriechen

und nimmt mit ihrem Geliebten kosend auf dem Deckel desselben Platz.

Zu seiner Angst hört er im Kasten, wie der Andere plötzlich Ewalds

Hut findet und nun schrecklich zu toben anfängt und ihn mit Mord und

Todtschlag bedroht; schließlich schleudert der Wüthende den Hut auf

einen hohen Holzstoß im Hofe und entfernt sich angeblich. Ewald, über

und über mit Mehlstaub bedeckt, ersteigt auf einer Leiter den Holzstoß,

ist aber kaum oben, als ihm die Leiter weggenommen wird und er nun zu

Jedermanns Gaudium stundenlang in seinem verstaubten Costüm dort oben

zubringen muß, bis man ihn mit einer Tracht Prügel auch hier endlich

entließ.

Im Laufe der Zeit kam Ewald immer mehr und mehr herunter und wurde

häufig Bewohner von »Sct. Stich« (Georgenhaus). Man fand ihn in den

vierziger Jahren eines Morgens sterbend an der »Gothischen Pforte« (da

wo jetzt das Harkort-Denkmal steht) im Gebüsch liegend, trug ihn ins

Georgenhaus und daselbst starb er nach wenigen Tagen.

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 32 / 71 题