XXIV.

Eckensteher und Nachtwächter vor 40 Jahren.

Mit dem Jahre 1860 erlosch auch das denkwürdige Institut der

sogenannten privilegirten »Eckensteher«, der Vorläufer unsrer jetzigen

Dienstmänner. Wer hätte wohl noch nicht wenigstens traditionsweise von

den Eckenstehern mit ihrem unverwüstlichen, an Faulheit grenzenden

Phlegma, ihrer denkwürdigen »Bulle« und ihrem meist sehr schlagfertigen

Mutterwitz gehört. Sie hatten ihre Standorte, wie schon ihr Namen

ergiebt, an den Ecken der Straßen und Plätze, waren vom Rathe der

Stadt verpflichtet und trugen am linken Arm das Zeichen ihres

Standes, die ihnen vom Rathe zugetheilte Nummer. Naturgemäß gab es

gute und mindergute sowie schlechte Plätze und auch hier war der

Gewerbebetrieb genau geregelt, dergestalt, daß neue Anfänger stets

zuerst die schlechtesten Plätze nehmen mußten. Wurde ein besserer

Platz durch Tod oder sonstigen Abgang seines bisherigen Inhabers

vacant, so rückten die Andern genau in ihrer Reihenfolge nach. Doch

gab es auch Eckensteher, welche ihre alte liebgewordene Ecke um keinen

Preis vertauschten. Diese wurden dann ein für allemal übersprungen.

Dadurch kam es, daß diese Eckensteher sich nicht nur im Laufe der

vielen Jahre, in welchen sie meist ihre Stellen inne hatten, eine

feste Kundschaft herangebildet hatten, sondern auch jeden einzelnen

Bewohner ihres Rayons genau kannten, mit seinen Verhältnissen oft

genauer vertraut waren als manchem lieb war und daß auf diese Weise

die Eckensteher sowohl eine Art lebendigen Adreßbuches wie ziemlich

zuverlässigen Auskunftsbureau bildeten. Wahrhaft bewundernswerth war

ihre außerordentliche Vielseitigkeit in Leistungen. So waren eine große

Anzahl jener Eckensteher am ganz frühen Morgen »Milchmädchen«, am

Tage dann Eckensteher und Abends »Kegeljungen«, bei besonders stillem

Geschäftsgang nahmen sie auch wohl an kegelfreien Abenden den Hebekorb

mit Brezeln und durchschritten unter dem melodischen Rufe »Warme weeche

Brezeln -- warme weeche!« die Straßen. Noch andre von ihnen hatten sich

sogar zu Amt und Würden aufgeschwungen, indem sie Abends halb zehn

Uhr zum Naschmarkt zogen, wo sie die Attribute ihrer amtlichen Würde

-- Mantel, Spieß und Horn empfingen und nun hinauszogen in das ihnen

angewiesene Revier, um daselbst für die Nachtzeit als Auge des Gesetzes

zu fungiren und als ehrsame Nachtwächter über Schlaf und Eigenthum

ihrer Mitbürger zu wachen.

Würdevoll -- die Beine gespreizt, den langen Spieß in der Rechten,

das kleine Horn an der linken Seite, während noch ein großes Horn auf

ihrem Rücken herunterbaumelte -- schritten sie, wenigstens so lange

die Straßen belebt waren, dahin und regelmäßig bei jedem Stundenschlag

gaben sie der aus irgend einem Grunde noch wachenden Bewohnerschaft ein

lautes Zeichen ihrer Wachsamkeit, indem sie ins Horn stießen und je

nach der Stunde einen Vers sangen, worauf wiederum ein Hornstoß ihre

Kunstleistung beschloß. Der punkt Zehn Uhr zu singende Vers war so

ziemlich überall derselbe -- er lautete:

»Hört Ihr Herrn und laßt Euch sagen --

S’hat zehn geschlagen --

Bewahrt das Feuer und auch das Licht --

Daß kein Schaden gesch--iecht --

Lobt Gott den Herrn!«

Bei dem Absingen der späteren Stunden bis zum Ende der Nachtwache, die

im Sommer bis Morgens vier, im Winter bis fünf Uhr Morgens dauerte,

blieben die Strophen 1, 2 und 5 dieselben, die 3. und 4. Strophe aber

war je nach der Stunde eine andere, meist der Dichtkunst und Phantasie

der einzelnen Nachträthe (so wurde der Nachtwächter vom Bruder Studio

genannt) überlassen. Daß der Eckensteher auch zugleich der Vertraute

aller Sorten von Liebespaaren war und vorzüglich mit der studentischen

Bevölkerung auf dem verständnißinnigsten Fuße stand, versteht sich

von selbst. Er kannte die Uhren und sonstige für das taxirende

Auge menschenfreundlicher Gelddarleiher irgend einen Werth habende

Besitzgegenstände seiner studentischen Kundschaft genau und wußte mit

gefühlvollem Herzen stets Rath, wenn es galt, einen dieser Gegenstände

auf einige Zeit an einen Ort stiller Beschaulichkeit zu versetzen, wenn

sein Client, was freilich sehr oft vorkam, an der Schwindsucht seines

Geldbeutels laborirte. --

Sittigen Bürgerstöchtern und sonstigen mit Schönheit begabten

Huldinnen wußte er geschickt die liebesglühenden Brieflein girrender

Handlungscommis oder studirender Ganymed’s zuzustecken, mochten

auch gegen das Liebesglück ihrer Töchter unempfindliche Väter und

eifersüchtige Mütter das ehrsame Jungfer Töchterlein zehnfach bewachen.

War man doch damals noch nicht so weit fortgeschritten auf dem Wege der

Cultur, um seine Gefühle der Eselswiese der Tagesblätter anzuvertrauen

und dieselbe zugleich -- wie dies jetzt üblich und jedenfalls

gefahrloser ist -- als ~Postillon d’amour~ zu benutzen. Fanden aber

in seinem Rayon Hochzeiten oder Kindtaufen statt, so war es wieder

der in sein bestes Gewand gehüllte Eckensteher, welcher der ehrsamen

Jungfer Brautführerin oder Gevatterin von ihrem Partner das zierliche

Körbchen mit den weißen Handschuhen überbrachte und als Gegengeschenk

an seinen Auftraggeber den Rosmarinzweig oder das gestickte Taschentuch

mitnahm. -- Daß bei all diesen Thaten der biedre Vermittler ebenfalls

seine Rechnung fand, ist selbstverständlich. Im Aeußeren sahen sich

die Eckensteher so ziemlich gleich, sie trugen dunkle Jacken, Hosen

und Westen von starkem baumwollnen Stoff, eine niedrige Mütze, und

über die linke Schulter geknüpft das breite Gurtband ihres Schibocks

oder Karrens. Im Winter kam noch eine gestrickte Jacke hinzu, die sie

dann meist über der Jacke trugen. Ihr unzertrennlicher Begleiter, dem

sämmtliche Nasen ein sanftes rosiges Incarnat verdankten, war die

»Kümmelbulle«, welche, gleichsam als ihr zweites Herz, in nächster

Nähe desselben ihren Platz hatte und deren nie versiegender Inhalt

wesentlich zur Unerschütterlichkeit ihres philosophischen Phlegma’s

beitrug. Waren nun die Eckensteher in ihrer Eigenschaft als solche wie

bereits erwähnt mit der Kundschaft ihres Rayons genau bekannt, so war

dies in ihrer Eigenschaft als Nachtwächter, so weit sie diesen Dienst

versahen, erst recht der Fall. Sie kannten so ziemlich die sämmtlichen

Tugenden und Untugenden sämmtlicher Bürger und sonstigen Bewohner

ihres Kreises, so weit sich dies auf deren kleine Liebhabereien

bezüglich des Kneipens erstreckte und ließen verständnißinnig bei

diesen kleinen Schwächen die weitgehendste Nachsicht walten. Für

Manchen aber und hier müssen wir leider immer wieder »Bruder Studio«

in erster Linie anführen, waren sie nur zu oft ein wahrer Schutzengel,

der für einen sanften Händedruck mit metallischem Klang und ein gutes

Zweigroschenstück stets empfänglich, den bezechten und irregehenden

Bürger der Stadt oder der Universität, in menschenfreundlichster

Weise, die wankenden Piedestale kräftig stützend, unter die Arme griff

und sanft heimgeleitete zu Muttern oder der diese Sachen schon etwas

ruhiger betrachtenden Wirthin. Nur in seiner amtlichen Ehre, als zum

Schutze der Ruhe und Sicherheit verpflichtetes Glied der städtischen

Verwaltung, durfte der Gute nicht gekränkt werden und in solchen

Momenten, wo ihn Bruder Studio oder andre ulklustige Brüder, auf

irgend einem zugstillen Eckchen fanden, wenn er sich einmal auf wenige

Augenblicke »innerlich beschaute« und ihm heimtückisch von hinten in’s

große Horn bliesen, konnte er sogar die beschworendste Freundschaft

total vergessen und »sehre eklig« werden. Leider müssen wir aber

bekennen, daß solche Attentate auf die gutmüthigen »Nachträthe« nur zu

oft vorkamen, und wenn dann diese Attentäter gar noch behaupteten, er

-- der würdige und verpflichtete Wächter der Nacht -- habe geschlafen,

so war es rein aus mit der Freundschaft und mit vorgehaltenem Spieße

brachte er die schnöden Verleumder »auf die Wache«.

Das kam aber selten vor, denn der biedre Nachtrath wußte sehr wohl

jugendlichen Uebermuth von flegelhaftem Benehmen zu unterscheiden.

-- Hierbei sei eines heiteren Vorkommnisses gedacht, das Verfasser

selbst mit erlebte und das die Gutmüthigkeit der Nachträthe illustrirt.

Einer unsrer Freunde hatte nach dem Weihnachtsfest zu Anfang der

fünfziger Jahre, früher als er eigentlich zu erwarten hatte, seinen

Lehrbrief als nunmehriger Commis nebst einer hübschen runden Summe als

Weihnachtsgeschenk bekommen und zur gemeinschaftlichen Feier dieses

Ereignisses hatten wir, außer dem Festgeber noch vier oder fünf junge

Leute, tüchtig geknippen. Die Folgen dieser für uns damals ungewohnten

Kneiperei waren natürlich bei uns allen eine mehr oder mindere

Bezechtheit, und in der durch dieselbe hervorgerufenen jugendlich

tollen Laune beschlossen wir, der in Lurgensteins Garten wohnenden

Angebeteten -- natürlich nur per Distanz Angebeteten -- unsres

Freundes, deren Geburtstag etwa zwei Stunden vorher angebrochen war,

ein Ständchen zu bringen. Gesagt -- gethan. Einer von uns besaß einen

prächtigen lyrischen Tenor, und damit der Lärm nicht zu groß werde,

sollte der Tenor das Lied: »Den Frauen Heil« allein singen, während

wir andern seinen Gesang mit Brummstimmen begleiteten. Wir schlüpften

über die Pleißenbrücke, zogen uns in dem bis an das betreffende

Haus reichenden Gebüsch bis an letzteres heran und legten los. Die

Geschichte klappte famos. Trotzdem unser Tenor nur halblaut sang,

mußten dennoch unsre Stimmen bis in die inneren Gemächer des Hauses

dringen, denn eben als wir den zweiten Vers unsres Liedes begannen,

sahen wir, wie sich oben an einem Fenster des ersten Stockwerkes eine

Gestalt bewegte, das Fenster öffnete und -- ach welche Enttäuschung für

unsre Gefühle -- ein mit irgend einem Etwas gefülltes Gefäß im weiten

Bogen nach unserm vermutlichen Standpunkt entleerte. Erschrocken und

in allen unsern Gefühlen tief verletzt, brachen wir unser Ständchen

Knall und Fall ab und wollten uns eben zurückziehen, da hörten wir,

eben aus dem Gebüsch auf die Straße getreten, vor uns an der Hausthür

eine pustende räsonnirende Stimme und -- ein Nachtwächter, angethan mit

Spieß und Horn, stand vor uns. Der Gute hatte den molligen Winkel an

der tiefen Hausthür benutzt, um -- sich ein wenig inwendig zu besehen

-- unsern Gesang gar nicht gehört und an unsrer statt die für uns

bestimmte nasse Ladung von jenem Undankbaren da oben bekommen.

[Illustration: Nachtwächter.]

»Nee«, räsonnirte er pustend und an sich herumwischend, »sollte mer

so was glooben? Die denken am Ende gar, ich habe geschlafen -- s’is e

Skandal -- nich e mal so e bischen ausruhn gönn’ se Een. Foi Deibel! Un

wer wees was se runter gegossen ham!«

Wir umgaben ihn tröstend und mit ihm auf die da oben räsonnirend -- --

da -- -- wie ich so hinter ihm stehe, hängt mir sein großes Horn,

welches die Nachtwächter sonst nur zum sogenannten »Feuertuten«, also

bei ausgebrochner Feuersgefahr benutzten, so verführerisch vor der

Nase, daß ich -- wie eine geheime Macht zog’s mich dazu -- im nächsten

Augenblick das unselige Mundstück desselben gefaßt hatte und zwei --

drei schauerliche Stöße aus demselben mit aller Macht meiner gesunden

Lunge entlockte. Ach! -- Kaum war die grause Frevelthat geschehen,

so bangte uns auch vor dem nun zu erwartenden Strafgericht und in

seltsamer Uebereinstimmung nahmen wir unsre Force zusammen und rissen

aus was nur die Beine leisten wollten.

Jetzt war aber offenbar dem guten Nachtrath die Laus vollständig über

die Leber gelaufen, das war ihm doch zu bunt!

Da wir viel zu leichtfüßig waren, als daß er uns hätte einholen können,

so gab er auf seinem kleinen Horn wiederholt das Nothsignal. Während

nun die Anderen sich rechts nach der Nonnenmühle zu glücklich in

Sicherheit brachten, flohen der neuernannte Commis und ich quer über

die Promenade und auf das Thomaspförtchen zu und hier erreichte uns die

rächende Nemesis. -- Schon glaubten wir uns gerettet und lachten über

den tollen Streich -- da -- als wir im schnellsten Lauf uns durch das

Pförtchen in Sicherheit bringen wollten, sprang inwendig hinter der

Ecke ein zweiter Nachtrath vor, senkte quer über unsern Weg seine lange

Lanze und -- im nächsten Moment rollten wir in süßer Gemeinschaft mit

unsern Sonntags-Nachmittags-Vier-Uhr-Anzügen in den durch aufgethauten

Schnee und Regen gebildeten zollhohen Schlamm und wurden die leichte

Beute des von uns so tief in seiner Würde gekränkten Nachtrathes.

Aber -- o Himmel! Wie sahen wir aus! -- Von oben bis unten mit einer

wahren Schlammkruste überzogen, in meinen nagelneuen Cylinderhut

war der eine Nachtwächter in der Hitze seines Ausfalls mit dem Bein

getreten -- ade Vierthalerhut -- indes der Cylinder meines Freundes in

den in der Ecke stehenden Wasserkasten vom Wind hineingetrieben worden

war und jetzt sanft auf den Wogen desselben dahintrieb. -- Ach, die

Vorwürfe zu Hause, und nun gar noch polizeiliche Anzeige -- Strafe --

Herrgott vielleicht gar Gefängniß -- -- --!!

Mein Freund weinte bittre Thränen und auch mit mir stand die Geschichte

so so. --

Da, wie die beiden Verfolger unsern großen Kummer sahen, entfloh ihr

Zorn und ihre Wuth und das Mitleid trat an ihre Stelle. »Da sehn se

nu was se angericht ham!« sagte der von mir so freventlich Beleidigte

-- »na ja sie sein eb’n noch halbe Kinder -- -- komm se mit -- ich

wohne gleich hier in der Burgstraße -- meine Frau mag aufstehn und sie

renevirn -- denn so kenn se nich zu Hause gehn.«

Und so wurde es; statt uns anzuzeigen und in Strafe und Ungelegenheiten

zu bringen, weckte der Gute sein Weib, dieses stand auf, und während

wir behaglich in dem kleinen Stübchen einige Tassen schnell bereiteten

Kaffees genossen, trocknete der Schmutz an unsern Sachen am heißen Ofen

zur dann leicht zu entfernenden Kruste, und gesäubert konnten wir, noch

ehe es völlig Tag wurde, unsre eignen Wohnungen wieder aufsuchen.

»Lassen’s nur«, sagte der Alte, als wir ihm unser letztes

Achtgroschenstück als Dank überreichten, »dadervor is’s nich geschehn«,

und wir hatten alle Noth, daß Mutter Bremme, seine Frau, diese unerhört

große Vergütung für Kaffee, Herberge und Reinigung endlich annahm. --

Eine gute alte Sitte war es auch früher, da wo in Restaurants

und anderen Etablissements in der Neujahrsnacht Festlichkeiten,

insbesondere Gesellschaftsbescheerungen stattfanden, mit dem

Glockenschlage 12 Uhr Nachts den Nachtwächter hereinzurufen, der dann

im Saale feierlich seines Amtes waltete, in der Regel einen besonders

schönen auf den Jahreswechsel bezüglichen Vers sang und in’s Horn

stieß. Geradezu Regel war dies z. B. im Schützenhaus (Kristallpalast),

wo dies stets geschah. Ein Thaler war dann mindestens der Lohn, der dem

Nachtwächter gespendet wurde, oft aber auch bedeutend mehr.

Auch Eckensteher und Nachtwächter sind anderen modernen Einrichtungen

gewichen. Für den Eckensteher ist der moderne Dienstmann erstanden

und in der Nacht unterbricht kein Hornruf oder Gesang, es sei denn

ein unberechtigter von den Geistern des Bachus oder des Gambrinus

hervorgerufener, die nächtliche Stille.

Einsam zieht dann der Schutzmann seine Bahnen und für jedes Vergehen

winkt das Strafmandat.

»Sitte und Anstand« verlangt das Gesetz mit eiserner Strenge und doch

herrschten beide früher ganz gewiß mehr als jetzt.

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 31 / 71 题