Unter den Buden.
Wenn man in Betracht zieht wie sich noch heutzutage die Kinder Leipzigs
und der Umgegend freuen, wenn Vater oder Mutter ihnen verspricht
mit ihnen »unter die Buden« zu gehen, trotzdem die jetzigen Messen
eigentlich, betreffs des früheren Treibens während derselben, kaum
noch der Schatten der Messen vor 40 und 50 Jahren sind, so kann man
wohl ungefähr darauf schließen, welche Freude eine solche Botschaft
damals bei uns Kindern hervorrief. Mit den Vergnügungen für die Kinder
war es vor 40 Jahren außer dem Treiben auf Straßen und Plätzen bei
weitem nicht so gut bestellt wie jetzt, wo Reisen, Sommerfrischen,
Feriencolonien, Schrebergärten, ja Kindersommerfeste und -- -- --
Kinderbälle -- -- -- zu der Tagesordnung gehören. Zwar war der
Schulunterricht damals ein einfacherer betreffs der einzelnen Fächer,
aber keineswegs ein kürzerer und durch den oft übertriebenen Wust, den
damals allein das Auswendiglernen ganzer Capitel der Bibel und ganzer
Serien von Gesangbuchsliedern in Anspruch nahm, und der uns auch in
den Ferien ganze Berge von Arbeiten aufbürdete, waren wir keineswegs
weniger mit Arbeiten belastet wie die Kinder der Jetztzeit.
Wenn wir uns nun trotzalledem nicht blos unsern guten Humor bewahrten,
sondern auch gesund und kräftig emporwuchsen, so lag dies wohl mit
daran, daß erstens der jetzige sogenannte gute Ton, oder sagen wir
lieber die nur zu oft eine ungesunde Frühreife der Kinder zeitigende
jetzige Erziehungsmethode, die wahre Kindesnatur noch nicht so in
Fesseln schlug und künstlich unterdrückte, sondern auch daran, daß sich
damals Leipzig selbst innerhalb der Stadt noch zum großen Theil einen
gewissen ländlichen Charakter bewahrt hatte. Große Plätze, Rosenthal,
Promenaden, viele alte Oekonomiehöfe, Wallgräben, die vielverzweigten
Flüsse, ferner die großen damals noch sämmtlich unbebauten Terrains von
Reichels-, Gerhards-, Reimers-, Lehmanns-Garten u. s. w. gewährten uns
Kindern geräumige Tummelplätze inmitten der Stadt. Dennoch war dies
alles ziemlich einförmiger Natur und es war somit kein Wunder, wenn wir
das jedesmalige Herankommen der Messen besonders freudig begrüßten. --
Was gab es da alles zu sehen! Uns’re Kinder, welche jetzt Gelegenheit
haben Panoramen, Zoologischen Garten und anderes auch außerhalb der
Messen zu sehen, haben keine Ahnung davon, wie wir staunend vor
den großen Menagerieen eines _Kreuzberg_ und Anderer standen und
glücklich waren, wenn wir die 2 guten Groschen erschwingen konnten,
welche zum Besuche dieser Riesenbuden erforderlich waren. Damals war
der gesammte Roß- wie Königsplatz und auch der Obstmarkt mit Schau-,
Schieß- und Trinkbuden vollständig besetzt. Von der Königstraße bis
zur Holzgasse (Sternwartenstraße) standen die Schießbuden in doppelten
Reihen und der stereotype Ruf der in denselben fungirenden -- meist mit
grellfarbigen Blousen oder sonstigen fantastischen Trachten bekleideten
-- Mädchen, »’Mal schießen meine Herren? Viermal fär ä Groschen!«
lockte handlungsbeflissene Jünglinge, biedere Handwerksmeister und
Gesellen, ebenso wie den Bruder Studio und den behäbigen Meßfremden an
die oft kunstreich und humorvoll ausgestatteten Schießstände. Zögernd
traten auch wir Jungen, dem Zauber der aufgesteckten Thonpfeifen und
rothhosigen Soldaten erliegend, heran und opferten unsern Dreier oder
wenn’s hoch kam unsern Sechser dem flüchtigen Waffenspiel, um dann
gleich hinterher das so schnell vergeudete Geld bitter zu bereuen --
freilich -- hin war hin. Vor dem damaligen alten Kurprinz standen zwei
uralte Caroussells, damals Reitschulen genannt. Man mußte auf einer
Treppe in das Innere der völlig umkleideten Buden hinaufgehen und
fand hier einen vollständigen Eisenbahnzug -- damals ein besonderes
Zugmittel -- dessen Lokomotive der glückliche und stets vielbeneidete
Inhaber dieses Platzes mit den Rädern rasseln und sogar pfeifen lassen
konnte. Der überaus einfache Mechanismus dieser Reitschulen wurde
durch Schieben in der unteren verhängten Hälfte in Bewegung gesetzt.
Schieber waren natürlich wir Knaben, wofür wir dann abwechselnd
mitfahren durften. Von hier bis zur kleinen Windmühlengasse (jetzt
Markthallenstraße) standen die Schankbuden, in denen -- außer der von
Stöpel, -- Harfenisten spielten. Bei Stöpel gab es die von Jedermann
als Delikatesse anerkannten, echt »Wiener Würstchen«. -- -- Dann
folgten wieder große Schaubuden, von denen wir nur die von »Knie« und
von »Rappo« als die bedeutendsten und als fast jede Messe anwesend
erwähnen wollen, -- Mordgeschichten, vor deren in jeder Beziehung
schauerlich großen Bildern das verehrte kunstsinnige Publikum gruselnd
stand und welches die im Duett oder Terzett unter Begleitung eines
Leierkastens vorgetragene Beschreibung der ausgestellten Moritaten
mit offnen Ohren und offnem Munde vernahm -- producirten sich an der
Seite der Stöpelschen Bude und an anderen Durchgängen; dazu Juden mit
offnen Verkaufskästen, Bergleute mit nachgebildeten »Bargwarken aus
Freibarg«, Kraftmesser, Schaukeln, Caspartheater, wilde Männer, Zwerge
und Albinos, Riesen und zarte Frauen von 400 Pfund Gewicht, optische
Liebesspiegel, in denen liebesbedürftige dienende Jungfrauen vom Lande
und aus der Stadt sofort den ihnen dereinst bestimmten Zukünftigen
sehen konnten und für den geopferten Groschen sogar gleich einen, noch
dazu gedruckten, Brief desselben erhielten. -- Stände mit Fleckseife,
an denen den Bauern die fettigen Rockkragen zu einer Hälfte gewaschen
wurden, so daß sie nun, um auch die andre Hälfte rein zu kriegen,
schon gezwungen waren ein Stück Seife zu kaufen, was wieder Andere
veranlaßte, ebenfalls solche zu erstehen. Elektrisirmaschinen, an denen
Hilfsbedürftige die Wohlthaten des elektrischen Funkens vom zarten
Zucken an bis zum Schlage, der einen Ochsen hätte umwerfen können, an
sich probiren lassen konnten. -- Delikatessen und Glücks-Zuckerwaaren-
und Kräppelchenbuden, Seelöwen, Bärenführer mit Bären, Affen und in
der Regel auch einem Kameel, Savoyarden mit Murmeltieren, neue offne
Reitschulen mit allem möglichen und unmöglichen Gethier zum Reiten,
dazwischen fliegende Trupps Meßmusikanten füllten Roß- und Königsplatz
bis auf den großen Theil aus, den stets ein »Cirkus _Renz_ oder _Suhr_
und _Hüttemann_« u. s. w. einnahmen, aus. Auch Bosco, der echte und
wahre Bosco, war zu jener Zeit fast zu jeder Messe in Leipzig und
machte glänzende Geschäfte. --
[Illustration: Unter den Buden.]
Auf dem Augustusplatze aber, der damals noch in seiner vollen Größe
existirte und noch nicht durch die Bauten des Museum-, Neuen Theater-,
Mendebrunnen und durch die Anlagen an demselben verkleinert wurde,
standen viele Tausende zum Theil mächtige Verkaufsbuden aller Branchen.
Große Detailfirmen aus Berlin, Frankfurt und andren weit entfernten
Orten nahmen mit ihren riesigen Waarenlagern oft ein ganzes Viertel der
langen Budenreihen ein. -- Buden mit zehn und mehr Verkäufern waren
keine Seltenheit und der Umsatz dieser einzelnen Firmen war oft ein so
bedeutender, daß -- wollten wir denselben in Zahlen bezeichnen -- von
manchem, der den damaligen Meßverkehr nicht gekannt hat, derselbe als
unglaublich hingestellt werden würde.
Ein heiteres fröhliches Leben herrschte unter diesen Meßverkäufern
und es war gar nichts seltenes, daß an besonders geschäftsstillen
Vormittagen -- wenn ein Trupp Meßmusikanten auf dem Platz erschien,
alsbald Alt und Jung in den Reihen im Tanze dahinflog, und da diese
Geschäftsleute eben auch Geschäfte machten und dem Grundsatz »leben
und leben lassen« huldigten, so fiel hierbei natürlich auch für die
armen Musikanten etwas Erkleckliches ab. Während der sogenannten
»Meßfreiheit« d. h. der Zeit zwischen dem Einläuten und Ausläuten
der Messen, was stets mit der sogenannten »Armensünderglocke« des
Rathhauses geschah, durfte trotz der damals noch nicht existirenden
Gewerbefreiheit Jedermann handeln mit was es ihm beliebte und ohne
daß von ihm ein Nachweis zum Gewerbebetrieb verlangt wurde. In dieser
Zeit durfte keine Pfändung in Handelssachen vorgenommen und Niemand
in Wechselhaft genommen werden. Alle damaligen Gesetze waren eben
dahin gerichtet, die Messen und ihren Verkehr zu schützen und jedes
Hinderniß eines freien Meß- und Handelsverkehrs von denselben fern zu
halten. -- -- -- Mit diesen gewiß nur lobenswerthen Bestrebungen unsrer
früheren Stadtväter waren freilich die massenhaften Einschränkungen,
welche man seit dem Jahre 1874 dem freien Meßverkehr anlegte, nicht
in Einklang zu bringen und die schädigenden Folgen, welche dieselben
naturgemäß haben mußten, sind denn auch nicht nur nicht ausgeblieben,
sondern haben den allgemeinen Meßverkehr so reducirt, daß man jetzt
alles Mögliche aufbietet, um nur annähernd den früheren Verkehr wieder
herbeizuführen. -- Mit welchem Erfolg -- davon möge ein späterer
Chronist berichten.