XXII.

Die Leipziger Meßmusikanten und das Tagebuch

des Chorführers und Leinewebers

Gottfried Hahn aus Stollberg im sächs. Erzgebirge.

Wie die Harfenistinnen, so standen auch die Mitglieder jener fliegenden

Capellen, welche zur Meßzeit regelmäßig hier in Leipzig eintrafen und

mit ihren mehr oder minder gediegenen musikalischen Produktionen die

Herzen der übrigen Meßbesucher und Einwohner, nicht zu vergessen die

für alle musikalischen Genüsse sehr empfänglichen Dienstboten besonders

weiblichen Geschlechtes, erfreuten, aus dem sächsischen Erzgebirge und

Vogtlande, sowie aus dem nahen Böhmen. Sie gehörten durchgängig der

armen Volksklasse an und waren meist Weber oder Bergleute. Es gab unter

diesen Chors einzelne in Bergmannstracht, andere uniformirt, welche

eine ganz acceptable Concert- oder Ballmusik leisten konnten, und da

sie selbst, d. h. die Mitglieder derselben die bescheidensten Menschen

waren, welche man sich nur denken konnte, auch die kleinste Gabe

dankend annahmen und sich da, wo sie Nichts kriegten, einfach wieder

trollten, so waren sie durchgängig beliebt und gern gesehen. Ja selbst

Nörgler, welche über Alles räsonirten und denen es niemand recht machen

konnte und die deshalb auch oft genug darüber schimpften, wenn einer

der Musikanten draußen an der Vorsaalthür klingelte und um eine kleine

Gabe bat, freuten sich im Geheimen doch, wenn sie den ersten Choral

einer solchen Capelle wieder hörten. »Es ist doch wieder Messe« sagten

sie dann erfreut und summten unwillkürlich die Melodie mit. »Es ist

Messe!« jubelte Rieckchen oder die stramme Pauline beim Fensterputzen,

wenn sie die bekannten Töne zum ersten Mal wieder, seit vielen Wochen,

auf der Straße hörte und beugte sich waghalsig so weit aus dem Fenster,

wie sich dies einigermaßen mit ihrer Sicherheit und den Regeln des

Anstandes vertrug.

»Es ist Messe!« flüsterte die kleine Näherin oben im vierten Stock und

emsig kramte sie im Schubkasten ihres kleinen Nähtisches nach einigen

noch übrigen Pfennigen für die Musikanten herum.

»Herrjeh -- s’ is werklich schon wieder Messe -- wie de Zeit vergeht!«

sagte de Müllern zu ihrer Busenfreundin und Logisnachbarin der

Richtern, »heern se die scheene Musike?«

»I -- nu freilich!« antwortete die Richtern »s’in de Bergleite --

wissen se -- die die grünen Federstitze uff de Schackos ham, dasmal

ham se noch eine Bauke un ene Lyra mitgebracht, wo sie druff mit ä

Stäbchen wunderscheene klimbern, nee -- ich heere se zu gerne!«

[Illustration: Leipziger Meßmusikanten.]

»Ach Gott!« sagt die Müllern, horchen se blos, jetzt spielen sie den

Schneiderwalzer. -- Jeses -- da denke ich sie stets an mein seeligen

Mann, s’ war den sei Lieblingsstückchen, er sang allemal mit -- horchen

se blos -- jetzt singen se derzu:

»-- -- -- Jette -- Jette -- zum Ballette

Muß der Junge ganz gewiß!

Denn schau doch -- O Frau doch -- Genau doch -- Nur diese --

Schnurgeraden Füße -- Wie Bratenspieße -- -- --.«

»Hurrah! S’ is wieder Messe! De Meßmusikanten sin wieder da« brüllten

wir Herren Jungens und warfen Mützen und Schultornister jubelnd

hoch in die Luft, daß die blechernen Penale (früheren Feder- und

Bleistiftbehälter wie jetzt die Federkästen) neue Beulen kriegten und

die ohnehin strapazirten Mützen vollends aus aller Façon kamen. Hei!

was begann nun für uns für eine lustige Zeit. Wir schätzten es uns

zur hohen Ehre, den Musikanten als lebendige Notenpulte zu dienen und

kleine Schlachten, deren Resultate häufig zerschundene Gesichter und

blutige Nasen waren, wurden zwischen uns geschlagen, um dieser Ehre

theilhaftig zu werden. Verächtlich und triumphirend blickten wir Sieger

auf unsre Besiegten oder auf die _höheren Söhne_, deren Eltern ihren

auf uns neidisch blickenden Sprößlingen diese Dienstleistung im Reiche

der schönen Künste nicht gestatteten.

»Donnerwetter -- schon wieder Messe!« rief der Bruder Studio aus, die

»Meßmusikanten sind da -- na da wird wohl Levy Schmul auch bald kommen

-- Zeit wird’s, denn -- -- --«

So klang es von allen Seiten und allen Ständen der Bevölkerung bis

in die äußersten Winkel der Vorstädte hinaus, denn schon mit dem

Glockenschlage sechs, des Montages der Vorwoche begannen diese

Zugvögel mit größter Pünktlichkeit ihre musikalische Thätigkeit. Den

Anfang an jedem Morgen machte stets ein Choral, denn der blutarme Weber

und Bergmann des Gebirges hat ein gar frommes Herz. Wie vielseitig

aber ihre Thätigkeit oftmals war und welcher Bescheidenheit sie

sich in allen Dingen befleißigten, verräth am Besten das Tagebuch

des Meßmusikanten Gottfried Hahn aus Stollberg im Erzgebirge von

der Michaelismesse 1851, welches wir hier, genau nach seiner eignen

Niederschrift folgen lassen.

Dage- und Cassabuch for unsre Gesellschaft, gefiert von Gottfried Hahn.

Vorgestern, als den 15. September 1851, sein mer hier in Leibzig zur

Michaelimesse angekommen, nämlich ich Gottfried Hahn aus Stollberg im

sächsischen Erzgebirge als erste Drombete, mei Bruder Luis mit der

zweiten Drombete un’n Glabbenhorn, meiner Muhme ihr Sohn, der August

bläst’s Waldhorn, Kremplers Heinrich aus Obervogelgesang mit der

Bosaune, Hesse aus Oberpfannenstiel als erste Clarnette und Bäslers

Fritze aus Lauterbach mit der zweiten Clarnette un’n Biston, mer

sein also sechs Mann. Finf Tage warn mer unterwegens un ham uns mit

Spiel’n von Ort zu Ort glicklich durchgefressen bis hierher. Gestern,

am 16. ham mer uffn Naschmarkt vorn Herrn Aktuar von die Bolizei

Probe gespielt. Mir wählten derzu das scheene Lied, als Marsch »Gott

sei mit Dir mein Sacksenland« was mer aus’n ff kennen un bestanden

ooch de Probe glänzend, so daß mer glicklich unsern Schein kriegten.

Indem Krempler Heinrich zwar der Aeltste is, aber so sehre seift, ham

se mich zum Kassirer erwehlt, aber s’ wird ooch Zeit, daß was in de

Casse kommt, denn wie mer den Schein bezahlt hatten un dann in unser

Quartier in der Webergasse No. 4 kamen, wo mer mit e Freiberger

Bergmusikantenkor in ener leeren Dischlerwerkstelle uff lauter scheenen

Strohsäcken schlafen, hattn mer in der Casse nur noch … Thlr. --.-- 7

Pfennge.

Heite, den 18. September is Sonntag un durften mer noch nich spielen,

mir sein deswegen alle zusammen in de liebe Kirche gegang’n, dadermit

mir de Messe »mit Gott« anfangn; Nachmittags warn mer in Rosendahl,

wo’s nischt kost un Abends geht’s zeitig zu Bette heite.

Heite, den 18. September habn mer angefangen, zuerst in der Bosenstraße

un mit’n Choral »Wie scheen leichtet der Morgenstern,« dann ’n

»Schneiderwalzer« un zuletzt ’n »Bergmannsgruß«, wozu mei Bruder Luis,

der August, Hesse un Bäsler den Dekst sangen. ’S machte sich sehr

hibsch. Nachher wurden mer von ener Köchin, die in der »Bretzel« an der

Ecke der Holzgasse dient, fer morgen frieh um sechse zu e Ständchen

bestellt un kriegten mer zwanzig Neigroschen in Voraus. S’is nämlich

der Köchin ihr Geburtstag morgen, un s soll so aussehn, als wenn e

Verehrer ihr das Ständchen bringen läßt. Im Ganzen ham mer heite

eingenommen 2 Thlr. 8 Gr. 4 Pfg., worunter aber zwee falsche Dreier un

e versilberter Zweefennger.

Heite, den 19. September habn mer erst der Köchin zwee Dreppen hoch das

Ständchen gebracht. Erst bliesen mer den Choral »Wach auf mein Herz«,

dann »Wir winden Dir den Jungfernkranz« un als Schlußstück das scheene

Lied »Heinrich ach -- un seine Caroline.« Die Köchin that sehr gerihrt

un mer kriegten Jeder e Schnaps un zusammen noch e Viergroschenstick.

Einnahme heite zusammen 1 Thlr. 28 Gr. 7 Pfg.

Bis heite den 23. September ham mer von 20. 21. 22. und 23. eingenommen

14 Thlr. 7 Gr. 2 Pfg.

Mit dem Krempler Heinrich is es ä wahres Elend, indem er zu sehre seift

und was da aus der Bosaune rauskommt kann mer sich denken. Gestern

Abend spielten mir in ä Privathaus, wo se uns reinholten un mer ooch zu

essen und trinken kriegten un se nach unserer Musik danzten. Nachher

sammelten se selber vor uns ein und kriegten mir noch 1 Thlr. 2 Gr. 6

Pfg. Krempler war so voll, daß mern reene zu Hause tragen mußten. Na --

er hats aber von mir beese gekriegt! --

Heite den 24. September war klener Meßsonntag. Ich hätt bald Malehr

gehabt heite, weil mer e Student in der Petersstraße zwee große

Vierfennger in Pabier gewickelt, von 3 Drebben hoch runter un mir grade

uff de Nase schmiß, daß se ganz dicke wurde. Abends ham mer heite in

der großen Dierbude uff’n Obstmarkt gespielt, aber weil Heinrich wieder

emal een dichtg zu sich genommen hatte, un der große Löwe for die Döne

aus Heinrichn seiner Bosaune kee musikalisches Geheer hatte, gabs

zuletzt e großen Grawall un der starke Löwenbändger schmiß uns zuletzt

alle eenzeln, eenen nach dem andern zur Bude naus, was mer blos ganz

alleene Heinrichen un sein Saufen zu verdanken hatten.

In die erste Woche ham mir also eingenommen,

alter Rest -- Thlr. -- Gr. 7 Pfg.

Datum den 18. September 2 „ 8 „ 4 „

dihto den 19. „ 1 „ 28 „ 7 „

dihto bis mitgerechnet 23. Sept. 14 „ 7 „ 2 „

in den Privathaus eckstra 1 „ 2 „ 6 „

Heite, Datum den 24. September 3 „ -- „ 8 „

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magt zusammengerechnt 22 Thlr. 18 Gr. 4 Pfg.

Dadervon hab’ch bezahlt fir 6 Mann

Logis un Kaffee fir 8 Tage, jeder

Dag 15 Ngr. 4 „ -- „ -- „

------------------------

bleibt 18 Thlr. 18 Gr. 4 Pfg.

Für Mittagsbrod in der Speiseanstalt fir

8 Dage vor sechs Mann, jeder

Dag 72 Pfg.

1 Thlr. 27 Gr. 6 Pfg.

un an jeden von uns

Vorschuß v. 1 Thlr. 6 „ -- „ -- „ 7 „ 27 „ 6 „

--------------------------------------------

bis heite Rest 10 Thlr. 20 Gr. 8 Pfg.

Datum 26. September. Seit gestern spielen wir alle Abende bei Rappon

(Rappo, größte Seiltänzer- und Akrobaten-Gesellschaft, welche in

den 40er und 50er Jahren fast regelmäßig die Messen besuchte) in

seiner Bude von sechsen bis um elfe, wofir wir jeden Abend 1 Thaler

8 Gutegroschen kriegen. Mei August hat in den eenen wilden Indianer,

die daneben in der Bude lebendge Hihner zerubben un fressen, den alten

Leinweber Dietze aus Schlettau sein Sohn Edward, der vor 4 Jahren von

derheime fortgelaufen is erkannt, na -- das Metier kennt mer nich

gefallen! Bei Rappos geht das Geschäft gut un solln mer ooch noch ganz

egale neie Mitzen kriegen.

Datum 27. September. Heinrich war gestern Abend wieder so knill, daß

er Grakehl in Quartier mit een von de Freiberger kriegte, der hat’n

aber furchtbar zugedeckt un heite hat er e ganz blaues Ooge. Mei Bruder

Luis fand heite frieh in seiner Drombete e Kinderzulp, den Eener

wahrscheinlich aus Unsinn neingewärcht hatte, ä recht eenfeltger Spaß.

Einnahme den 25., 26. un 27. September, ohne das von Rappon, was mer

wechentlich kriegen 9 Thlr. 11 Gr. 1 Pfg.

Datum 1. Oktober. Heite war erster großer Meßsonntag un alles kribbelte

un krabbelte von Menschen, mer mechte wissen wo se nur alle herkommen.

Un weils bis jetzt so leidlich gegangen ist, fingen wir heite frieh

um sechsse mit dem Choral »Mein Erstgefiehl sei Preis und Dank« an.

In der blauen Mitze kriegten mer for unsern scheenen Vortrag vom

Bergmannsgruß, ä wahrhaftiges Achtgroschenstück in Pabier gewickelt

zugeworfen. S’ war e bohlsches (polnisches) aber das schad nichts, mir

wärn’s schon los. Heinrich freilich meente gleich, daß mer daderfür

sollten for jeden gleich zwee Glas Braunbier kofen, aber der Siffel

wurde überstimmt.

Einnahme d. 28. 29. 30. Sept. un heite

d. 1. Oct. zusammen 16 Thlr. 7 Gr. 6 Pfg.

daderzu vom 25. 26. und 27. Sept. 9 „ 11 „ 1 „

Von Rappon for diese Woche = 7 Dage

jeder 1 Thlr. 10 Ngr. 9 „ 10 „ -- „

Un alter Rest 10 „ 20 „ 8 „

-------------------------

45 Thlr. 19 Gr. 5 Pfg.

Wieder ab vor diese Woche vor Logis,

Kaffee un Mittagessen

5 Thlr. 27 Gr. 6 Pfg.

Un neier Vorschuß

vor Jeden 1 Thlr. 6 „ -- „ -- „ 11 „ 27 „ 6 „

-----------------------------------------------

bleibt Rest 33 Thlr. 21 Gr. 9 Pfg.

womit mir kenn sehr zufrieden sein. Die scheenen Mitzen hab’n mer von

Rappon ebenfalls umsonst erhalten. Se sind grau mit silbernen Bonbong,

wie de östreichschen Militärmitzen un sehn sehr fein aus, mir habn uns

dichtg driber gefreit.

Datum 4. October. Dietzens Junge der den Indianer machte is

fortgelaufen und bei Renzen als Mohr in den Zirkus eingetreten. Er

sagt er könnte die Kost nich länger vertragen. Heite haben mir bei die

Studenten in’n Thiringer Hof in der Burgstraße bei e Commers bis jetzt,

wo’s frieh um Dreie is, gespielt un hatte uns Rappo für diesen Abend

freigegeben. Bier gabs so viel mir nur wollten und finf baare Thaler

kriegten mer außerdem noch, Heinrich war natürlich schon um Zwelfe so

beseift, daß’n de Studenten uff e Faß festgebunden un nischt wie Unsinn

mit’n getrieben ham. Morgen wird er schöne Töne aus seiner Bosaune

rausbringen! S’is e Jammer mit den Kerl, aber wenn mer heem kommen sag

ichs gewiß seiner Frau, der Carline, vor der hat er geherigen Respekt.

Einnahme den 2. 3. und 4. October ohne Rappon seins 13 Thlr. 7 Gr. 2

Pfg.

Datum 6. October. Hab ich’s nich gesagt? Ae ganzen Dag is Heinrich

dienstunfähig gewesen gestern von wegen seiner Beseiftheit, weshalb

August mußte de Bosaune blasen. Ja -- ja -- der Suff der bringt

Krempler noch in ä friehes Grab. Gestern früh wie mer gerade an der

Sandgasse den Morgenchoral spielten, kommt e Herr und sagt, mir sollten

in de Königstraße No. 11, zwei Dreppen hoch gehn, da wohnte e Freind

von ihm der heite seinen Geburtstag hätte, indem er grade 30 Jahre alt

wirde. Wir sollten recht sachte de Dreppen nauf gehn un oben mit aller

Macht das Lied »Schier dreißig Jahre bist Du alt« blasen, worüber sich

sein Freund furchtbar frein wirde. Als Lohn gab der Herr 1 Thaler,

dann ging er mit uns bis in de Hausflur, blieb aber unten stehen. Wir

freiten uns über das noble Geschenk und schlichen uns ganz leise de

2 Dreppen nauf. Oben nahmen wir sachte Aufstellung un legten nu los,

daß de Wände zitterten. Kaum aber warn mer bis zur dritten Strofe

gekommen, so ging uff emal de Vorsaalthür uff un e Frauenzimmer in

ener Nachtjacke und de Haare einzeln in Pabier gewickelt, stürtzte

mit e großen Besen uff uns los un haute uff uns ein daß uns Heern un

Sehn verging un wir lauter Frösche rausbrachten. Ich denke natirlich

mer sein vielleicht falsch gegangen un trete vor un will den Irrthum

aufklären, da kommt aber uff emal noch e Frauenzimmer, ene ganz Alte,

ebenfalls aus dem Logis rausgesterzt, die haut mich schwipp, schwapp

mit e nassen dreckgen Scheuerlappen um Maul und Ohren, daß ich bald

erstickte, denn der Lappen blieb mir auf Mund und Nase und dem Hals

kleben un ich war froh, daß die Alte loslies un ich ebenfalls Hals

über Kopf ausreißen konnte, wie meine Collegen schon gethan hatten. Ae

ganzes Werterbuch voll Schimpfworten, sowie den Besenstiel schickten

uns die Frauenzimmer noch hinten nach und erst unten wickelten mir

meine Freinde den Lappen runter, so daß ich wieder ordentlich Athem

holen konnte. Wir waren natirlich iber so ne Behandlung fir unsre

musikalische Leistung eiserst aufgebracht, aber der Herr, der immer

noch in der Hausflur stand, wollte sich todlachen, griff in die

Westentasche und ich denke, na -- e Viergroschenstick macht Alles

wieder gut, was aber drickt er mir in de Hand? E Pabier -- un wie ichs

besehe is es werklich und wahrhaftig e Finfthalerschein! Na -- unsre

Freide! Nu sagte uns der Herr, die Dame oben sei ene vom Theater, ene

Dänzerin, heite sei ihr Geburtstag wo sie wirklich 30 Jahre wirde,

un weil se sich immer nur fir 23 Jahre alt ausgebe, habe er ihr den

Possen gespielt. Wir stellten uns nun auf die Straße vor dem Hause auf

und spielten fast eine Viertelstunde lang weiter nichts als »schier

30 Jahre bist Du alt« bis die Alte schimpfend an uns vorbei un nach

der Bolizei lief, weshalb wir uns nun trollten; der Herr war ebenfalls

gegangen.

Datum 8. October. Gestern Nachmittag spielten mir von dreien bis um

sechse bei e Richtschmaus in der Zeitzerstraße und kriegten derfor 1

Thaler un freies Bier. Natierlich hatte Heinrich wieder e dichtigen

Zacken, un de Folge war, daß mir’n bei Rappon de Bosaune wegnehmen

mußten, weil er egal falsche Döne rausbrachte und de Harmonie störte.

Rappo drückte e Auge zu, weil mir nun blos Finfe waren; na warte nur

Heinrich, wenn mir wieder zu Hause kommen, Deine Carline soll Alles

erfahren wie de Dich aufgeführt hast.

Einnahme den 5. 6. 7. und 8. October

zusammen 11 Thlr. 29 Gr. -- Pfg.

Ekstra von dem Ständchen v. 5. October 6 „ -- „ -- „

Einnahme vom 2. 3. und 4. October 13 „ 7 „ 2 „

Einnahme von Rappon, for 6 Dage 8 „ -- „ -- „

Alter Rest 33 „ 21 „ 9 „

------------------------

72 Thlr. 28 Gr. 1 Pfg.

wieder ab Logis, Kaffee, Mittagessen und

Jeden 1 Thlr. Vorschuß 11 „ 27 „ 6 „

-------------------------

bleibt Rest 61 Thlr. -- Gr. 5 Pfg.

Datum 11. October. Vorgestern haben mir ene Innung aus der alten

Herberge in die neue geblasen un dann den Obermeister Ständchen

gebracht, aus der Innungskasse kriegten mir dafür 3 Thaler und von den

Obermeistern noch zwei Thaler, gestern spielten mir den Nachmittag im

Garten der großen Funkenburg wo viele Menschen warn weil e Luftballon

losgelassen wurde, wir kassirten iber 4 Thaler, was uns noch nicht

bassirt ist. Einnahme Alles in Allen den 9. 10. und 11. October, ohne

Rappon seins 16 Thlr. 4 Gr. 7 Pfg.

Datum 13. October. Mer merkt daß de Messe zu Ende geht, die Einkäufer

und großen Verkäufer sind alle fort und die Straßen in der Stadt sind

viel leerer wie vorige Woche noch. Aber dafor gehts Geschäft auf dem

Augustusplatz flott und s’is e Gedränge daß mer kaum durchkann. Die

Handelsleute sind fröhlich und vergnügt un Vormittags wenn mir oder

e anders Chor kommen und spielen, tanzen sie oft in den Reihen daß

de Buden wackeln und dann geben se uns gerne ä paar Pfennge oder ä

Sechser, viele Male aber geben se e Groschen, ja -- s’is e fideles

Völkchen. Bei’n Schustern hatten se gestern ene Bude bekränzt weil der

Händler darin nunmehro seit 30 Jahren zur Messe kam, wir mußten ihm e

Ständchen bringen un dann sammelten se für uns und brachten bald finf

Thaler for uns zusammen. Mir wollten das viele Geld for die kleine Mühe

erst nich nehmen, aber -- se meenten wir wirden’s wohl schon brauchen

kennen. Du lieber Gott, da hatten se freilich recht, zumal wenn mer ä

armer Weber is wie ich und 6 lebendge Kinder zu Hause hat.

Einnahme den 9. 10. und 11. October Alles in Allen aber ohne Rappon

seins 15 Thlr. 29 Gr. 8 Pfg.

Datum 15. October. So wäre se denn zu Ende de liebe Messe. Fir uns war

se wieder recht segensreich und morgen kenn mer heimwärts wandern, denn

for de ärgste Noth for nächsten Winter is Gott sei Dank gesorgt. Es

giebt doch noch recht gute Menschen in der Welt, die gerne geben, auch

wenn sie selbst nicht viel haben.

Rappo hat sich wieder nobel gemacht und uns, für die letzte Woche statt

7 Dage jeden 1 Thlr. 10 Ngr. was zusammen 9 Thlr. 10 Ngr. gemacht

hätte, 14 Thaler gegeben.

Einnahme d. 12. 13. 14. u. 15. October 25 Thlr. 11 Gr. 2 Pfg.

ferner Einnahme vom 9. 10. u. 11. Oct. 15 „ 26 „ 8 „

von Rappon 14 „ -- „ -- „

hierzu Alter Rest 61 „ -- „ 5 „

------------------------

116 Thlr. 11 Gr. 5 Pfg.

ab für Logis, Kaffee un Mittagsbrod 5 „ 27 „ 6 „

------------------------

bleibt Rest 110 Thlr. 13 Gr. 9 Pfg.

Es kommt also auf Jeden von uns 18 Thlr. 12 Gr. 3 Pfg., wofür wir alle

Gott danken. Krempler Heinrich hat uns himmlisch gute Worte gegeben,

daß wir seiner Carline von seiner Aufführung nichts sagen sollen und

weil er sonst ein guter Kerl un dichtger Bläser is un sich de letzten

Dage gutgehalten hat, so hab’n mern alle versprochen, diesmal noch zu

schweigen.

[Illustration]

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 29 / 71 题